Bloß keine Eile!

  • Eine ganze Weile schwirrte sie schon herum, immer wieder den Blick gedankenverhangen über die Stände schweifen lassend. Ein sonniger Tag, der die Leute heraustrieb und so ermöglichte, dass die Sklavin in der Menge untertauchen konnte. Keine Blicke, die bemerken würden, dass sie schon zum dritten Mal an den Töpferwaren vorbeiflaniert war... oder an dem Tuchhändler.


    Sie hatte sicherlich ihre Aufträge und der Korb, den sie mit beiden Händen umschlungen hielt, war bereits mit den ersten Dingen gefüllt. Den Fisch würde sie allerdings erst später holen, der wollte ja frisch und nicht angelaufen abgeliefert werden! Die Domina würde nur wieder einen Grund suchen, sie zu strafen!
    Lavinia seufzte... wenn doch nur der Dominus einfach wieder auf Reisen gehen würde! Es müssten doch sicher irgendwelche Handelsgüter eingekauft werden... oder etwas geprüft werden auf den Feldern. Sie konnte doch selbst nichts dafür, dass er ihr so nah kam in letzter Zeit! Unwohl kam der Gedanke an die harschen Worte der Domina heute morgen wieder in ihren Schopf. Loswerden wollte sie sie, auf die Felder schicken... wo sie doch noch nie so eine Arbeit verrichtet hatte!


    Die Grübeleien ließen Lavinia in einer ganz eigenen Welt zurück, sodass sie nicht bemerkte, wie sie gegen einen etwas fülligeren Kerl stieß und ihr durch den Schwung der ganze Korb zu Boden ging. Erschrocken jappste sie auf.
    "Oh nein! Das edle Tuch! Und die Datteln!"


    Sie würde umgebracht werden, ganz sicher! Eilig ging sie in die Hocke und begann, ihre Sachen wieder aufzulesen.

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    “Uff,“ keuchte der Hüne, der seines Zeichens ein Coiffeur des Cnaeus Decimus Casca war.


    Seinen wahren Beruf hätte niemand vermutet, denn im Grunde hätte er auch ein Held der Arena sein können. Ungeschlacht, wild und mit einem barbarischen Bartwuchs gesegnet, war er seiner Wege gegangen. Und nun. “Tschuldigung,“ nuschelte er der jungen Frau entgegen, die soeben dem Inhalt ihres Korbes verlustig gegangen war. Ulcus war keineswegs ein feinfühliger Genosse (auf en ersten Blick), doch war er eben nicht aus Stein. Vielleicht mochte ihn mancher eben in einer Arena ttehen sehen, den Gladius schwingend, doch war er durchaus viel weniger als das. Alles was er jeden Tag in der Hand hielt war ein Schabmesser, welches den Herren der Tonstrina seines Herrn einen guten Gewinn einbrachte. Wer hätte schon vermutet, dass er die alten griechischen Dichter gelesen hatte und auch einiges an Lebenserfahrung mit sich brachte? Niemand. So bestimmt auch nicht die junge Sklavin, die soeben in ihn hinein gerannt war. Edles Tuch und Datteln? “Tut mir doppelt Leid,“ erklärte er spröde und grinste ein wenig, was Bewegung in seine sonst unbewegte Mimik brachte. Ein wenig mühte er sich, in gebückter Haltung die ein oder andere Dattel aufzuklauben, doch seine Bemühungen waren behäbig und recht ungeschlacht.


    “ULCUUUUUS!“, rief ich vernehmlich über die Menge der Menschen hinweg. Ich hatte meinen Sklaven einfach aus den Augen verloren. Dabei sollte er mir doch gerade heute als Custos dienen und mir die Massen der Menschen vom Hals halten. Ich war gerade auf dem Weg zurück in meine Tonstrina, wo ich mich über den Erfolg meiner Geschäfte Gewissheit verschaffen wollte. “Was machst du denn da?“ Noch hatte ich keinen Überblick.
    “Vielleicht ist er gestrauchelt?“, vermutete Muckel, doch das konnte ich nicht annehmen. Jemand wie Ulcus strauchelte nicht. Er fiel höchsten wie ein gefälllter Baum und ich sah niemanden auf dem Markt, der fähig gewesen wäre meinem Ulcus einen Stein, nein, einen solchen Felsen in den Weg zu legen.
    “Wo ist er denn?“ Noch mochte ich über die Lage keine Einschätzung abzugeben, denn ich sah meinen Sklaven nicht mehr.
    “Abgetaucht,“ sagte Muckel und lächelte blöde.


    Es war auch wirklich ein unmöglicher Tag, um auf den Markt zu gehen. Es war warm und es war voll. Leiber drängten sich an Leiber und man kam nur mühsam von einem Ort zum anderen. Ich hasste es eigentlich, doch war es auch nun nicht mehr zu ändern. Ich war mittendrin und das würde sich auch ändern lassen. Der Brodem von Garküchen und auselaugten Blüten lag in der Luft. Gestank von Straße und Gasse, alles in allem schwer und rau. Wieso hatte ich nur den Weg über den Markt genommen?


    Ulcus unterdessen, noch gut einige viele Fuß von mir entfernt, begann damit sichweiterhin zu bücken un der der jungen Dame zu helfen, die verlustig gegangenen Lebensmittel wieder vom harten Pflaster zu lesen. “Tut mir immer noch leid,“ grunzte er noch einmal hervor. Des Weiteren handelte er wortlos und blickte immer wieder über seine Schulter zurück.

  • Nein nein nein!
    Es war zum Haare raufen! Tagträumereien waren nicht gut, waren es nie gewesen! Die Domina würde sie umbringen. Das war nun genau der falsche Zeitpunkt, dass ihr so eine Schusseligkeit passierte. Es brauchte nur den kleinsten Grund, dass man sie auf die Felder schicken würde.


    Der Hüne hatte sich langsam mit zu ihr abgesenkt und versuchte eher schlecht als recht, ihr beim Aufsammeln zu helfen.
    "Vorsicht, die Datteln sind noch frisch! Nein, nicht so!" Er würde sie noch alle zerquetschen und es nur noch schlimmer machen. Wie konnte sie auch noch in so einen Trampel reinrennen, der die Intelligenz eines Wilden besaß? Bestimmt war das so ein Kerl, den man aus den tiefsten Wäldern hier hergebracht und an einen unwissenden Civis verkauft hat. Angst machte ihr der Kerl kein bißchen; sie hatte oft genug solche Schränke gesehen, wenn sie draussen unterwegs war. Fürchten musste man sich vor den Blicken der tratschfreudigen Weiber, die Lavinia auch so langsam auf sich spürte. Selbst wenn sie nun alles unbeschadet heimbringen konnte, so würde sicher das Getuschel irgendwann in das Heim ihrer Domina hineinfluten... verflixt!


    Ein paar der Datteln ließ sie nun Datteln sein, als sie sich erhob und das Tuch inspizierte. Auf den ersten Blick sah alles gut aus... bis da der staubige dunkle Fleck vom Boden auftauchte.
    "Nein! Ihr habt es dreckig gemacht!Das ist alles eure Schuld!" - Wenn sie was konnte, dann die Schuld von sich weisen. "Ihr werdet mir das bezahlen!"


    Jetzt hieß es, bloß nicht schwach zu wirken. Die Hände in die Hüfte stemmend, hielt sie in ihrer Rechten das Tuch, der Korb stand vor ihren Füßen. Ernst sah sie den Hünen an und sogar eine gewisse Kampfeslust war in dem Blick abzusehen. Man musste nur so tun als ob!

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    Wo war er nur? Wie konnte man einen so groben, hünenhaften Klotz wie meinen Coiffeur nur aus den Augen verlieren? Stetig bahnte ich mir einen Weg, wurde angerempelt und rempelte. Zum Schluss ein gebeugtes, uraltes Mütterchen mit einem Körbchen am Arm. Zu meiner Überraschung fluchte sie wie ein Kesselflicker, was sie gleich um etliche Jahre jünger erschienen ließ. Ich zollte ihr nachträglich ein wenig Respekt, indem ich ein “‘tschuldigung,“ hervor nuschelte, doch dann ging es weiter.


    Ulcus unterdessen klaubte so eifrig es ihm eben möglich war nach einzelnen Datteln auf dem Boden. “Nicht so? Wie denn sonst?“, wollte er wissen und glotzte der jungen Dame dümmlich entgegen. In seiner Pranke, zwischen Daumen und Zeigefinger quetschte sich noch immer eine der kleinen Früchte, bereit dazu, zurück in den Korb befördert zu werden. Er richtete sich auf und beschaute sich, wie die junge Frau sich das Tuch betrachtete, welches ihr ebenso auf dem Boden abhanden gekommen war. Unter ihren Worten weiteten sich seine Augen. “Bist mir reingelaufen!“, stieß er aus und dann noch: “Hab kein Geld!“


    In der Tat waren Ulcus Taschen leer, denn ich war in diesem Moment noch nicht dazu gekommen die kleine Summe an ihn auszuzahlen, welche ich ihm und Quix in meiner Güte zugestand. Als die Dame ihre Hände in die Hüften stemmte, legte der große Sklave seinen Kopf ein wenig schief. Das tat er immer, wenn er nachdachte. Dieses Mal wohl darüber, ob er es auf eine Konfrontation mit seinem Gegenüber ankommen lassen wollte oder nicht. Offenbar entschied er sich dagegen, schnaubte und wendete sich ein wenig um, um über die Menschenmenge zu blicken, in welcher ich noch immer tief eingetaucht war. “DOOOMIIINUUUS!?“, röhrte er dann aus vollem Halse.
    Da seine sonore und leicht grollende Stimmlage ebenso unverewechselbar wie laut war, kam ich nicht umhin, seinen Ruf zu hören.
    “UUULCUUUS!?“, rief ich so laut ich konnte zurück und erntete dabei tadelnde Blicke von einer Mutter mit Tochter an der Hand, die ob meines plötzlichen Schreiens neben ihr erschrocken zusammengezuckt war. Unglücklicherweise begann das kleine Mädchen auch noch zu weinen. Ich achtete nicht weiter darauf, sondern begab mich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Muckel tat es mir nach.
    “Da ist er!“ Mein Sklave deutete auf eine massige Gestalt, die auch ich sogleich als Ulcus identifizierte, der hilfesuchend nach mir Ausschau hielt.
    “ICH BIN HIER!“ Ich hatte meinen Arm erhoben und deutete so von oben herab auf mich selbst. Dann suchte ich mir weiter unbarmherzig meinen Weg durch‘s Gewühl.


    Mein Bein schmerzte, als ich endlich bei Ulcus ankam und ich musste ersteinmal tief durchatmen, ehe mir die Situation klar wurde. Ich sah ein Mädchen, nein, eine junge Frau, nein, eher eine aufkeimende Knospe, nein, Calliope, die Königin aller Musen, mit wallendem dunklem Haar, großen, schimmernden Augen und einem Gesicht, welches ein Bildhauer nicht ansehnlicher hätte in einen Marmorstein bringen können. Ich atmete ein, während mich ich mich in der Lage sah, allein durch diese Sichtung in ein rühriges Gefühl gestürzt zu werden. Sie war wunderschön! Nur leider lächelte sie nicht. Ein Alarmzeichen!


    “Ulcus, was ist hier los?“, wollte ich deshalb vorsichtig wissen.
    Mein grober Sklave hob den Finger und deutete auf den wütigen Liebreiz vor mir.
    “Sie will Geld!“, grunzte er platt.
    “Geld?“ Planlos schaute ich erst Ulcus, dann das junge Fräulein und dann Muckel entgegen. Letzterer zuckte mit den Schultern. “Wieso?“
    “Wegen den Datteln und dem Tuch!“
    Erst jetzt fiel mir auf, dass die Finger der jungen Frau ein verdrecktes Tuch umspannten. Fragend schaute ich ihr entgegen.

  • Bei der heiligen Clementina! So ein verdammter Trampel! Wieso ich?! Wieso passiert mir das ausgerechnet?! Und ausgerechnet heute?!


    Die Datteln waren eindeutig zerbeulter als sie sie erstanden hatten. Der grobschlächtige Kerl vor ihr hatte alle Arbeit geleistet. War es überhaupt erlaubt, solche Schränke ohne Leine hinauszulassen? Hatte man sowas nicht eher als Wachhund daheim oder in der Arena bei den Gladiatoren? Vielleicht war er auch weggelaufen und wusste in seiner sturen Dummheit nicht, dass man ihn suchen würde. Oder noch schlimmer: Er wusste es, aber es störte ihn nicht.


    Lange darüber nachdenken konnte Lavinia aber nicht. Sobald sie allen Mut zusammengenommen hatte, um sich gegen dem Hünen ihr gegenüber zu behaupten, verließ sie innerlich schon wieder das eigene Vertrauen, als dieser einen schiefen Blick schenkte. Man sah ihr doch wohl kaum an, dass sie eine Servus war! Sie durfte immerhin noch die feinen Leinen tragen, auch wenn der Blick der Domina immer skeptischer wurde. Irgendwann würde sie ihr nur noch Säcke zu tragen geben, wenn die Blicke des Dominus nicht besser wurden. Es war nur noch eine Frage der Zeit...
    Das plötzliche Rufen ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. Die ersten Leute um sie herum blieben nun stehen und gafften ungeniert, was sich dort abspielte. Dominus?! Verdammt, das is auch nur ein Servus! Was war das auch manchmal schwer, die zu erkennen! Selbst wenn man selbst eine war, hatte man noch lange nicht das Gespür dafür.
    Jetzt bloß nicht nachgeben. Das würde nur auffallen. Und die Domina bringt mich erst Recht um, wenn ich mit dreckigem Tuch und zerdrückten Datteln ankomme... verdammt, der Fisch und das Fleisch will auch noch besorgt werden. Und Wachteln!


    Die Traube an Menschen hatte schon beachtliche Größe zugenommen, als der gerufene Dominus mit einem weiteren Servus im Schlepptau dazukam. Innerlich schlotterten Lavinia die Knie. Sie hatte kein Recht dazu, dem Herrn vor sich frecher Art zu begegnen; allerdings musste der eigene Kopf gerettet werden. Und da war auch manches Mal jedes Mittel recht.
    Sie richtete sich innerlich wie äußerlich auf, schob vehement das Haar in den Nacken und nahm wieder mit den Händen in den Hüften Stellung auf, den so genannten Dominus fixierend.


    "Euer Servus hat mich angerempelt und dafür gesorgt, dass sämtliche Einkäufe für meine Domina zerstört sind! Seht euch das traurige Elend da im Korb an! Seht euch diesen Stoff an! Die Domina wird mich umbringen, wenn ich ihr das nach Hause bringe!"
    Die Worte waren zumindest keine Lüge. Dass dahinter noch weitaus mehr steckte, als ein schlichtes Tuch und ein paar Datteln, musste ja noch lange keiner wissen.
    "Für heute Abend steht eine wichtige Gesellschaft an! Euer Servus stiehlt mir wertvolle Zeit!"
    Nachdruck musste sein.

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    Ja, ich schaute ihr fragend entgegen und merkte kaum selbst, dass sich mir ein sachtes Lächeln auf die Lippen legte. Meine Gedanken tendierten noch immer hin zu der Musenfürstin Calliope, mit der ich dieses zarte Wesen verglich. Und doch war sie eine Frau, ein wunderschöne obendrein. Dabei hatten Frauen immer die Angewohnheit so reizvoll auf mich zu wirken, wenn sie wütend waren und dem Unbill die Stirn boten. Das war schon bei Nelia so gewesen. Hach! Meine Nelia. Insgeheim hoffte ich noch immer inständig, dass sie nun in einer Welt war, in welcher sie sich vom Nektar der Götter laben konnte. Doch es war nur ein flüchtiger, kaum spürbarer Gedanke, dem ich mich keineswegs hingab. Stattdessen lauschte ich den Worten der Schönheit, welche mir eindeutig erlärten, was sich hier zugetragen hatte, während ich mir meinen Weg durch die Menschenmenge bahnte. Eine Menschenmenge, welche sich nun anschickte unser kleines Problem hier mit gespannten Blicken zu verfolgen. Wie unangenehm. Mein Lächeln neigte sich ein wenig hin zu einer fast leidvoll verzogenen Miene.


    Dann betrachtete ich noch einmal den besagten Stoff, welchen mein Ulcus durch ein dummen Anrempler verunstaltet hatte. Auch glitt mein Blick über die Datteln, welche noch auf dem Pflaster verstreut da lagen. “Das ist wirklich eine unschöne Angelegenheit,“ erklärte ich dann und straffte mich ein wenig.
    “Ist mir reingelaufen!“, verteidigte sich Ulcus schnarrend. Dann war er es, der Hände in die Hüften stemmte.
    “Mein schönes Kind,“ sprach ich dann die Dame an, die offenbar eine Serva war, was sie für mich noch um einiges verführerischer machte. “… ich werde dir natürlich den Schaden ersetzen.“ Dann wendete ich mich meinem Leibsklaven zu.
    “Gib ihr ein paar Asse, Muckel!“ Ich regte mich unter meinen Worten, hob beschwichtigend die Hände und ging noch ein bis zwei Schritte auf die Sklavin zu, die so wundervoll unter ihrer Aufgebrachtheit ausschaute. Nun konnte ich noch besser sehen, wie makellos sie doch war.
    “Äh...Casca,“ kam es von Muckel, der sich mit seinen Händen auf Höhe seines Gurtes suchend mit den Händen herum tatschte. “Ich glaube, ich habe kein Geld...“
    “Was?“ Ich fuhr zu ihm herum, schaute in sein Gesicht und musste feststellen, dass mir ein dümmliches Grinsen entgegen geworfen wurde.
    “Ich glaube, die Börse liegt noch in deinem Cubiculum… ich könnte ja schnell...“
    “BONA DEA!“, stieß ich vernehmlich aus. “Du bist ein riesiges Rindv...“ meine Stimme stockte und mein Augenmerk huschte wieder über die Traube der Schaulustigen, von denen einige nun lachten, andere schnaubten, wieder andere starrten uns einfach nur an. “Nun ja...“, stieß ich aus, wischte mir die Handflächen an meiner teuren Tunika ab und wendte mich wieder an die Sklavin. Immerhin war mir nicht daran gelegen der Menge ein ergötzliches Spectaculum zu bieten.
    “Mein liebes Kind,“ setzte ich noch einmal an, rückte der Sklavin noch näher, um ihr dann ebenso vertraulich wie vermessen eine Hand auf die Schulter zu setzen. Eine wirklich schöne Schuter war das! “… nun werde ich wohl zu einem Zeitdieb,“ mutmaßte ich. “...doch du kannst mir gerne zu meinem Geschäft folgen, dann gebe ich dir genug Geld, um deinen Schaden auszugleichen und schicke einen meiner Sklaven, um dir bei den Einkäufen zu helfen.“ Genauso wollte ich es machen und ich hoffte sehr, dass die Schönheit zustimmte, damit ich sie noch ein wenig betrachten konnte. Wie ansehnlich sie war!

  • Wenn es etwas gab, von dem Lavinia noch nicht viel wusste, dann von der Tatsache, dass sie langsam aber sicher zu einer jungen Frau herangereift war. In der Welt der Gesellschaften und abendlichen Vergnügungen der Damenwelt war es immer die Aufgabe gewesen, ihrer Domina die neuesten Gerüchte weiterzutragen, die sie über diese oder jene gehört hatte. So hatte ihre Domina immer ein kleines Ass im Ärmel, mit dem sie eine spitze Bemerkung loswerden konnte. Dort wurde aber nicht darüber gesprochen, ob und wie hübsch und erwachsen die junge Serva bereits geworden ist. Kritische Blicke, mal ein Mustern oder Abschätzen, inwieweit der Wert der Sklavin gestiegen war... dies vielleicht.


    Das Lächeln des Dominus vor ihr war Lavinia demnach ein Rätsel mit sieben Siegeln. Sie wusste nicht, ob er nun amüsiert war oder sie ganz und gar nicht ernst nahm. Vielleicht ahnte er auch die Lüge in ihren Worten. Und das Wort eines Dominus und angesehenen Civis war um einiges mehr Wert als das ihrige. Es reichte ein Zweifel, ein "Aber"...


    Die Traube um sie herum wuchs weiter an. Hatte sie da nicht ein bekanntes Gesicht in der Menge gesehen? Verflixt noch eins! Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis man behaupten würde, dass die Serva auch schon andren Kerlen schöne Augen machen würde.
    Und das schlimmste... die Zusage, den Schaden zu ersetzen, war nun alles andere als hilfreich.


    "Das ist auch nur gerecht, dies zu ersetzen." Allen Ängsten zum Trotz durfte sie nun nicht aus der Rolle fallen. Vielleicht war es auch noch das persische Blut in ihr, das sie weiterhin den Blick hoch tragen ließ und standhaft dem des Dominus begegnete. Vielleicht aber auch nur ein Deut des Muts, der sie durchströmte. So genau konnte Lavinia es nicht sagen, was genau diese Reaktion in ihr auslöste.
    Sekunden später verließ sie allerdings das Hochgefühl, als sowohl Servus als auch Dominus gewahr wurde, dass das entsprechende klimpernde Beutelchen fehlte, um sie auszuzahlen. Das wird ja immer schlimmer...
    Noch schlimmer wurde es, als der Dominus ihr nahe kam. Viel zu nahe. Die Hand legte sich auf die Schulter. Lavinias Blick ging in die Menge, aus der sich das geglaubt bekannte Gesicht nun löste und wegging. Sie schluckte, trat einen Schritt zur Seite, um der Berührung zu entgehen.


    "Es wäre sehr hilfreich, wenn ich wüsste, wen ich vor mir habe. Meine Domina sieht es nicht gerne, wenn ich..." einen Moment stockte sie, überlegte. Rede nie schlecht über deine Herrschaften! Das hören die Götter und strafen dann einen! Der Satz wurde neu begonnen, schlicht ihre Zugehörigkeit preisgebend: "Ich diene der Domina Lucceia, Gattin des Decimus Octavius Crus, dem angesehenen Händler. Es wäre sicher eine Hilfe, wenn ihr einen Servus mitschickt, aber ich habe die Anordnung, dies allein zu vollbringen. Man würde sich wundern, wenn ich mit einer fremden Person zurückkehren würde."

  • [Blockierte Grafik: http://i1344.photobucket.com/albums/p656/Gefion3000/for%20others/Ulcus_zpsxxm073wz.jpg]| Ulcus /[Blockierte Grafik: http://i1196.photobucket.com/albums/aa401/TotalesChaos/IR/Nepomuk.jpg] | Nepomuk


    Es blieb dabei: Mir gefiel was ich sah und es störte mich auch nicht sonderlich, dass die kleine Sklavin mir gegenüber eine derartige Rede führte und den Kopf noch immer stolz empor trug. Im Gegenteil. Mir wäre es mehr als unrecht gewesen, wenn sich ihr Gesicht in Furcht verzogen hätte. Immerhin war ich kein Unmensch oder gar ein wütiges Monstrum vor dem man Angst haben musste. Was mir weniger gefiel war die gaffende Meute, die sich um uns geschart hatte.
    Als das holde Kindchen sich meiner beruhigenden Hand auf der Schulter entziehen wollte, blieb ich standhaft und sah im Folgenden zu, dass meine Hand noch einmal dieses Ziel fand.


    “Mein Name ist Cnaeus Decimus Casca,“ erklärte ich dann und lächelte milde dazu, nachdem mir die Serva mitgeteilt hatte, wem sie diente und was sie von meinem Vorschlag hielt. “Papperlapp!“, entkam es mir bestimmend. “Wir machen das genau so, wie ich gesagt habe.“ Meine Stimme war fest und klang sehr überzeugt und in der Tat war ich nicht gewillt auf die Befindlichkeit der Sklavin einzugehen. Viel eher war mir daran gelegen, dass wir diese unschöne Episode beendeten und den Umstehenden kein Schauspiel mehr boten. “Ich werde es deiner Domina schon erklären und ich bin mir sicher, dass es in ihrem Sinne ist, wenn diese Angelegenheit zur Zufriedenheit aller aus der Welt geschafft ist.“ Nachdem diesen Worten gab ich Ulcus ein Zeichen, damit sich der Hüne in Bewegung setzte, um uns eine Gasse durch die Menschentraube zu bahnen. Und tatsächlich machte er sich auch sogleich an seine Aufgabe, indem er einigen Schaulustigen rüde entgegen trat und ein “Weg da!“ heraus grollte.


    Damit die Sklavin mir auch folgte, legte ich nun – ob sie das wollte oder nicht- den Arm und sie und zog sie mit mir. “So sag mir, schönes Kind, wie deine Domina dich nennt,“, forderte ich dabei. Zum einen um in der Tat ihren Namen zu erfahren, zum anderen, um sie ein wenig abzulenken, falls sie sich sträuben wollte.

  • Herausreden ging wohl nicht mehr. Der Dominus der beiden so unterschiedlichen Sklaven machte seinem Stand alle Ehren und bestand darauf, sich der Angelegenheit anzunehmen und es so zu lösen, wie er vorschlug.
    Immerhin hatte er einen Namen. Ein Name, der bei Lavinia nicht viel auslöste an Gedanken oder Erinnerungen zu irgendwelchen wichtigen Gerüchten. Der Herr war also entweder in einem ganz anderen Bereich zuständig oder einfach nie wichtig gewesen für ihre Domina. Oder sogar Beides.


    Ich werde es der Domina schon erklären... Der Herr traute sich einiges, hatte die Domina doch gerade ihre Launen; vor allem, wenn es um Lavinia ging. Wer wusste schon, wie sie auf einen Versuch der Besänftigung reagieren würde. Doch Cnaeus Decimus Casca ließ Lavinia nicht lange darüber nachdenken, ob das wirklich so eine gute Idee im Moment war, sondern griff diesmal beherzter nach der Serva und schon sie voran.


    Der Schreck machte sie diesmal gefügiger und sie folgte höflich den Weg, den der Riese vor ihnen freimachte für den kleinen Trupp.
    "Meine Domina nennt mich Lavinia, Herr.", antwortete sie gefolgsam, wie es sich gehörte. Dass sie nun auch noch den Korb vergessen hatte, fiel der Serva nicht ein.

  • Ich strahlte über das ganze Gesicht, denn es war lange nicht mehr vorgekommen, dass eine schöne Sklavin mir derartig nahe gekommen war. Und nun hielt ich sie auch noch so dicht bei mir. Die Menschen machten Ulcus und uns Platz und wir konnten uns somit auf den Weg zu meiner Tonstrina machen.
    “Lavinia ist ein sehr schöner Name,“ erklärte ich. “Deine Domina hat einen sehr guten Geschmack bewiesen, oder trägst du diesen Namen schon länger?“ Es sollte der Auftakt zu einem kleinen Plausch werden. Vielleicht konnte ich ja so ein wenig mehr über diese hübsche Kindchen, das in der Tat eine ansehnliche junge Frau war, in Erfahrung bringen. “Sag mir noch einmal den Namen deiner Domina. Vielleicht kenne ich sie ja….“ In der Tat hatte ich den Namen vergessen, wie so oft. Ich würde meinen Muckel anweisen, sie sich zukünftig an meiner Statt zu merken, denn wenn ich erst einmal Aedituus war, würden mit Sicherheit eine Menge Namen auf mich zukommen.

  • Die Blicke der Umstehenden waren Lavinia unangenhem. Es fühlte sich zuweilen an, als würde sie abgeführt werden, um direkt in den dunkelsten Gefilden zu enden. Der Dominus war allerdings guter Miene und versuchte die Serva weiter auszufragen. Was allerdings dazu führte, dass Lavinia noch verwirrter die Gedanken herumsponn.
    Ihr Dominus war nämlich zuweilen auch gern auf Plausch aus und fragte immer die scheinbar belanglosesten Dinge, nur um sie in seiner Nähe zu haben. Sie hoffte gerade inständig, dass der Dominus neben ihr keine Frau hatte, die in wenigen Momenten um eine Ecke biegen und sie anherrschen würde, was sie gefälligst sich einbilden würde...


    Unbewusst von dem Gedanken getragen seufzte sie, dann allerdings antwortete sie höflich auf die Frage, die ihr gestellt worden war: "Ich trage den Namen schon immer, soweit ich mich entsinne. Ich diene aber der Domina auch schon mein ganzes Leben." Lavinia hatte kaum Erinnerungen daran, jemals etwas anderes als eine Serva gewesen zu sein. Sie hatte nur verschwommene Erinnerungen an eine Zeit, in der sie auch eine Mutter hatte. Bilder von einem anderen Haus und anderen Herrschaften, die aber kaum mehr als eine Ahnung dessen war, was wirklich gewesen sein könnte. Vielleicht waren es auch nur unbewusste Wünsche; Träume, die sie sich heimlich herbeisehnte. Das Haus, in dem sie lebte und diente war umso realer, präsenter.


    "Domina Lucceia, Gattin des Decimus Octavius Crus. Ein Händler und sehr wortgewandter Mensch. Er sagt stets, er könne auch aus Mist pures Gold machen, wenn er denn wolle." Sie war zwar schonmal in der Gegend, die sie nun einschlugen, dennoch wurde ihr etwas mulmig zumute. "Wo genau müssen wir denn hin? Ist es sehr weit von hier?"

  • Während ich nun mit der Sklavin mehr oder weniger im Arm durch die Menge schlenderte, machte ich mir natürlich keine Gedanken darüber, was dieses entzückende Geschöpf gerade dachte oder empfand. Ich wollte unbedingt mehr über sie erfahren und die gewünschten Informationen würde ich auch bekommen. Ulcus vor mir, ruderte ein wenig mit den Armen, um auch noch die letzten Menschen davon zu scheuchen, während Muckel uns folgte und die Hände auf den Rücken gelegt hatte. Ich selbst lauschte den Worten der Sklavin und machte einen sehr interessierten Eindruck dabei. “Also hast du den Namen schon dein gesamtes Leben!“ Ich nickte, ehe ich mir diesen Namen noch einmal auf der Zunge zergehen ließ. “Lavinia, Lavina… Laaaviniaaa,“ murmelte ich vor mich hin und dachte flüchtig nach. Rein, sauber. Ich nickte mir selber zu. “Das bedeutet ‚die Reinliche‘. Das gefällt mir.“ Ich lächelte nun und überlegte, ob mir der Name ihrer Domina etwas sagte. Das war allerdings nicht der Fall. Als sie den Beruf ihres Dominus erwähnte, lachte ich leise auf. “So, so,“ kam es aus mir hervor. “Er macht also aus Mist Gold?“ Ich grinste nun. Ich selbst konnte das von mir nicht behaupten und außerdem zeugte es von einem gesunden Selbstbewusstsein dieses Mannes. “Wir gehen nun zur Tonstrina Hispania,“ erklärte ich. “Dieses Geschäft gehört mir ich kann dir versichern, dass wir dort aus Stroh eine ansprechende Frisur machen. Kennst du dich mit Frisuren aus?“, wollte ich wissen. Immerhin konnte es ja sein, dass die hübsche Sklavin sich auch um die Haare ihrer Domina bemühte. Unterdessen waren wir aus der Menschenmenge heraus und in eine Seitenstraße getreten.

  • "Ihr müsst ein sehr weiser und kluger Mann sein, wenn Ihr die Bedeutung von Namen kennt. Was bedeutet der Eure?"


    Lavinia verstand es, die hohen Herrschaften stets bei Laune zu halten, indem man ihre Vorteile erkannte und diese hervorhob. Ihre Domina liebte es, stundenlang über ihre Blumen im eigenen Garten zu sprechen, die sie hegte und pflegte und sogar besser bewachte als die eigenen Kinder im Hause. Sie hatte vielerlei über Rosen, Veilchen und Hyazinthen gehört, musste die Klagen über Blattläuse oder garstiger Käfer ertragen und stets an jeder gefühlt zweiten Blüte riechen. Nicht, dass Lavinia Blumen mochte, doch so viel Liebe konnte sie dann doch nicht für Gärten entwickeln wie ihre Domina. Doch hob sie jedes Wort auf die Goldwaage, um ja die Domina bei Laune zu halten. Schade nur, dass es derzeit nicht so klappt, wie es sonst immer war...


    Das Ausprobieren ihres Namens kam der Serva seltsam vor, doch sie wusste, dass man solcherlei nicht in Frage stellte. Was auch immer an ihrem Namen so interessant war, sie erkannte es nicht an sich.


    Bei der Nachfrage nach ihrem Dominus nickte Lavinia höflich. " Oh ja, so formuliert er es immer zumindest. Er holt exotische Waren aus den umliegenden Ländern und verkauft sie hier. Deswegen ist er oft auf Reisen. Derzeit weilt er aber wieder hier in der Stadt." Sie verkniff sich das Leider und dachte es nur. Die Zeiten, in denen der Dominus daheim war, waren im Moment die schwierigsten Zeiten. Ein wenig ängstigte sie sich derzeit. Die Blicke des Dominus wurden immer... gieriger. Sie wusste unbewusst, was dies bedeutete. Und genauso wusste sie, was die Domina danach mit ihr anstellen würde. Als ob das alles meine Schuld wäre...


    Erleichterung und ein wenig Verwirrung zugleich erhaschte sie, als sie endlich vom Marktgewühl wegkamen und in die Seitenstrasse abbogen. Einerseits waren die neugierigen Blicke nun weg, andererseits waren genau jene es auch, die eine junge Serva schützen konnten im schlimmsten Fall. Der Hüne von Servus vor ihr machte es nicht einfacher, blind dem Dominus neben sich zu vertrauen. Endeten schlimme Geschichten denn nicht immer in einer verlassenen Seitengasse?


    "Ich mache meiner Domina die Haare schon seit einigen Jahresläufen. Sie ist sehr anspruchsvoll, aber ich habe schlanke Finger, die zum Glück ein wenig Geschick darin aufweisen, anspruchsvolle Flechtungen zu machen." Der Stolz kam wieder in Lavinia durch und sie musste auflächeln. "Auf den Gesellschaften staunt man meist über die Frisur meiner Herrin." Ja, ein wenig Angeberei musste schon sein, dann jedoch aber nochmal nachfragend: "Es ist hoffentlich nicht zu weit?"

  • Ich musste also ein weiser, kluger Mann sein? Ich lachte auf unter dieser kleinen Schmeichelei. Natürlich hörte ich es gerne. Vor allem aus so einem entzückenden Mund, doch wahrscheinlich gab es gerade auf dieser Welt niemanden, der wohl diese Ansicht teilte. Ja, hätte sie es in der Gegenwart meines Bruders gesagt, hätte dieser bestimmt lauthals aufgelacht. Hier, in dieser Situation jedoch blieb nur Muckel, der ebenfalls nun hinter uns zu glucksen anfing. Ich jedoch verzichtete darauf, mich herum zu drehen und setzte unbeirrt meinen Weg fort. “Du möchtest also wissen, was mein Name bedeutet. Nun, Cnaeus ist ein Praenomen. So viel ich weiß ist es etruskischen Ursprungs. Decimus hingegen ist viel einfacher. Das ist mein Familienname, der so viel bedeutet wie ‚der Zehnte‘ oder der ‚im zehnten Monat geborene‘.“ Ich wedelte ein wenig mit der Hand, während ich also so weise vor mich hin sprach. Natürlich nutzte ich dazu die freie Rechte, denn in meiner Linken führte ich ja immer noch die Schönheit neben mir. “Nun… und Casca, ja, das ist ein Cognomen und bedeutet… so viel… dass ich eben der Casca bin!“ Ich lachte wieder und lächelte danach Lavinia entgegen, welche nun von ihrem Dominus berichtete.


    Dieser Händler exotischer Waren musste ein sehr zufriedener Mann sein, wenn er solche Sklavinnen sein Eigen nennen konnte. “Ich werde irgendwann auch einmal nach Mantua reisen müssen. Dort befindet sich mein Sägewerk. Das ist vielleicht nicht sonderlich exotisch, doch es ist sehr einträglich,“ erklärte ich dann, um noch ein wenig Werbung für mich zu machen. Inzwischen waren wir auch in der schattigen Seitengasse, über welcher sich Bänder von Haus zu Haus spannten, an welchen man Laken und Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte. Kein sonderlich lauschiger Ort, doch wir hatten ja schließlich Ulcus dabei. Der würde einen jeden Angreifer schon in die Flucht zu schlagen wissen. Aber ich wollte auch diese Abkürzung, selbst wenn es hier auch wenig einladend roch. Ein wenig muffig und dumpf, mit einer Note von Urin und Fäkalien. Ekelhaft! Ich rümpfte die Nase und eilte mich auf meinem defizitären Bein, so gut es ging. Aber die Erklärung der Sklavin, dass sie der Domina in der Hand die Haare machte, entzückte mich.


    “Oh ja, schlanke Finger sind… dabei schon ein Vorteil...“ Kurz huschten meine Blicke zu ihrer wirklich schmalen Hand. “Aber das Wichtigste ist das Feingefühl. Schau dir nun meinen Ulcus an!“, sagte ich, wobei ich auf den Hünen vor mir deutete. “Er arbeitet ebenfalls an Frisuren und ist ein wahrer Künstler! Mein Quix hält ihn immer auf dem Laufenden über die neuesten Kreationen. Sagen wir… aus Lutetia! Dort trägt man die Haare nun halb hochgesteckt und halb geflochten. Das sieht ein wenig aus wie ein Teppich an einem Hügel!“ Ich lachte über meinen dummen Scherz und meinte dann: “Nein, nein, es ist nicht mehr weit! Nur noch zwei Mal abbiegen, dann sind wir auch schon wieder an der Straße. Und dann sind wir fast da.“ Dabei versuchte ich so gut es eben ging mein Humpeln zu unterdrücken, denn ich wollte – warum auch immer – einen fitten und gesunden Eindruck schinden. “Bist du auch schon mal mit deinem Dominus gereist, oder warst du schon immer Rom?“ fragte ich dann. “Und woher nimmst du deine Inspirationen für die Frisuren deiner Domina?“ Das wäre für mich sehr interessant zu wissen, damit ich Quix besser instruieren konnte. Schon waren wir um die nächste Ecke gebogen. In dieser Gasse spielten einige Kinder mit selbstgeschnitzten Holzpferdchen am Boden. Ein ganz aparter Anblick war das. Doch das Ende der Gasse war schon in Sicht. Und dann wären wir auch schon bald in der Tonstrina.

  • Das Lachen hinter dem Dominus ließ Lavinia verdutzt einen Moment nach hinten sehen. Wie viel Vertrauen musste zwischen Herrn und Sklaven bestehen, dass jener sich erlauben durfte, so amüsiert auf Worte zu reagieren? Ein Kichern an der falschen Stelle hatte schon manche Serva im Hause der Domina eine ordentliche Schelle gekostet. Und danach einige Strafaufgaben, die niemand so gerne erledigte von ihnen. Auch Lavinia hatte schon Zeiten erlebt, in denen sie diese Strafen auf sich nehmen durfte. Doch das war schon fast eine blasse Erinnerung... sie hatte gelernt, die Miene der Domina aufmerksam zu lesen und zu reagieren, wie es am besten war. Bis eben die Launen noch unberechenbarer wurde aufgrund ihres Gatten...


    "Aber es klingt so, als ob euer Name keine rechte Geschichte hat. Das ist doch ein wenig traurig, oder?" Sie wusste nicht, ob sie sich etwas zu weit mit der Frage vorgewagt hatte. Doch es war einen Versuch wert, die aufkommenden Grübeleien über ihre Domina zu verdrängen.


    "Ich war noch nie außerhalb der Stadt, Dominus." Mantua... es klang für sie so fremd und wie eine völlig andere Welt. Ihr Äußeres spiegelte zwar die persische Herkunft, doch hatte sie nie ihre Wurzeln und ursprüngliche Heimat erblickt. Sie war hier geboren worden... und würde wahrscheinlich ebenso in dieser Stadt sterben. "Habt Ihr viele Sägewerke?" Weiterhin blieb sie höflich und intressiert in ihrer Stimmlage. Man warb für sich, indem man Interesse heuchelte. Es gefiel den hohen Herren, wenn man sich interessierte. Mochten seine Sklaven lachen oder schmunzeln, es hing schließlich davon ab, dass sie die Waren ersetzt bekam.
    Sie war noch nie in diesen Seitenstrassen gewesen, wie Lavinia erschrocken innerlich feststellte. Unwillkürlich hielt sie sich fester an dem Arm des Mannes neben ihr fest, bei all den Gerüchen und Eindrücken. Eine gewisse Art von Bedrückung schlich sich in ihren Nacken. Wieviel Elend es doch geben konnte! Und dieser Geruch! Schrecklich!
    Sie rümpfte die kleine Stupsnase und achtete umso mehr auf ihre Schritte, die sie vorantrugen.


    Bei der Erklärung, dass der Riese vor ihr wirklich ebenso Frisuren machte, blickte sie ungläubig in dessen Rücken. "Was? Wirklich? Aber er ist so riesig!" Diesmal dachte sie nicht so wirklich über die Wortwahl nach, sondern sprach die Überraschung direkt aus. Das Staunen brachte sie auch kurz ins Stolpern und sie musste sich wieder etwas mehr an Casca festhalten, ein kurzes, verlegenes "Verzeihung," folgte und ein verlegenes Auflächeln auf den Lippen.
    "Ich sehe mich auf dem Markt um und überlege mir gerne neue Kombinationen. Aber man erfährt auch viel über die Servus und Servas der anderen Damen, was wo derzeit getragen wird. Das ist dann schon sehr praktisch, wenn man untereinander sich versteht. Und manchmal muss man auch schlicht was Neues wagen, damit es bestaunt werden kann.", antwortete sie auf die Frage der Entstehung ihrer Ideen. Sie war wirklich in dem Sinne mal ein kreativer Kopf und hatte auch schon hin und wieder zu viel gewagt. Doch immer war am Ende zum Glück ein Staunen herausgekommen in den Gesellschaften.


    Der eigene Stolz und das Lächeln versiegte jedoch rasch wieder, als sie nach dem eigenen Dominus gefragt wurde und den Reisen. "Er... er wollte ein- oder zweimal gern, ja. Aber ich bin vor allem Serva meiner Domina. Und... sie wünscht nicht... Sie will mich lieber um sich haben." Das Stocken und Suchen der Worte war hörbar, die eigene Unsicherheit in diesem Thema zu erahnen. Noch immer hatte sie den Korb vergessen in ihren Gedanken und hielt sich weiter an dem Tuch fest. Zu sehr fixierte sie sich nun darauf, bald aus dieser Gegend wieder auf einer hoffentlich breiteren Straße zu landen und das Ziel erreicht zu haben, das ihr versprochen wurde. "Seid Ihr schon viel gereist, Herr?"

  • Ich hörte der Sklavin aufmerksam zu, doch als sie meinte, dass mein Name keine rechte Geschichte hatte, musste ich ihr wohl zustimmen, auch wenn ich das gar nicht traurig fand. Casca war immer noch besser als ein ‚Naso‘ oder ein ‚Flaccus‘. Im Grunde war ich recht zufrieden mit meinem Namen, denn man konnte immerhin behaupten, man wäre ein unbeschriebenes Blatt. “Was ich noch trauriger finde als einen geschichtslosen Namen zu haben ist für mich doch eher, dass es Menschen gibt, die Rom noch nie verlassen haben,“ erklärte ich dann, ohne der Sklavin zu nahe treten zu wollen. “Es gibt so schöne Orte im Imperium,“ begann ich dann. Aber was redete ich da? Als Sklavin musste man natürlich immer an dem Ort weilen, an dem auch die Herrschaft war. “Ich habe nur ein Sägewerk und das arbeitet recht gut. Zumindest kann ich mich nicht beschweren.“ Vielleicht war es nicht das beste Thema für eine Frau, denn auch wenn in ihrem Antlitz nun Interesse lag, so langweilte Frauen doch für gewöhlnlich Themen wie die Herstellung von Holzlatten. Umso mehr war es Lavinia anzurechnen, dass sie überhaupt nachfragte.


    Sie schien wirklich eine wunderbare Sklavin zu sein. Ebenso loyal wie hübsch und ich bemerkte natürlich, dass sie sich ein wenig fester an mich klammerte, während wir tiefer in die Gasse vordrangen. Doch bald war es geschafft und wir wären am Ort der Bestimmung angekommen. Vielleicht würde Ulcus ja auch zeigen können, was wirklich in ihm steckte. Ein wahrer Künstler, ein Poet mit einer Schere, der selbst in das hoffnungsloseste Haar noch etwas Herrliches hinein modelieren konnte. “Ulcus mag riesig erscheinen,“ erklärte ich schließlich. “Doch er ist ein wahres Kleinod!“ Aufmerksam hörte ich zu, woher die Sklavin ihre Ideen für die eigenen Kreationen nahm und nickte dazu. Anders machte es Quix auch nicht. Aber auch die Sklavin schien mir ußerst kreativ zu sein. Vereinte sich in ihr letzten Endes gar Schönheit und Geist auf einem Punkt? Das wäre herrlich und unter diesem Gedanken schaute ich sie mir sogar noch lieber an.


    Und das alles, ohne jemals zu reisen. Manchmal kamen einem ja die wildesten Ideen, während man fremde Gegenden bestaunte und die Menschen, die darin wohnten. Das kannte ich von meinen Reisen nach Piräus und zurück. Allerdings fiel mir nun auf, dass Lavinia stets stockte, wenn sie von ihrer Domina sprach. Hatte sie am Ende kein gutes Leben bei ihr? Das wäre sehr schade. Meine Stirn runzelte sich ein wenig, ehe ich wissend nickte. So manch einer behauptete ja, dass ich zu lasch mit den Sklaven verfuhr, aber ich wollte auch kein Monstrum sein, welche stets die Peitsche schwang und vor dem sich alle versteckten. Ich redete lieber mit Menschen als mit geknechteten Sklaven, weil es mir einfach natürlicher erschien und ich hatte dabei bisher noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil. Ein fröhlicher Scherz half der Motivation besser als ein bierernster Rüffel. So meinte ich zumindest.


    “Oh ja, ich bin schon des Öfteren gereist. Ich stamme aus Piräus im fernen Griechenland. Vor einiger Zeit war ich wieder dort, weil meine Mutter erkrankt war. Da wollte ich ihr natürlich beistehen.“ Als Nesthäkchen der Familie sah ich darin auch meine Pflicht. “Aber es gibt im Moment vieles, was mich in Rom hält,“ sagte ich dann. “Auch ich komme nicht von dieser Stadt los, auch wenn ich mir bisweilen vorgenommen habe, einmal ein wenig ans Meer zu fahren und die frische Brise zu genießen. Nur habe ich Aufgaben, die das immer wieder verhindern.“ Ich seufzte schwer unter meiner kleinen Plauderei. Nun hatten wir das Ende der Gasse erreicht. Eine breitere Straße lag vor uns und sie führte unverkennbar zu meiner Tonstrina hin, wo Quix vielleicht schon ungeduldig wartete. Es war nicht gut, Ulcus allzu lange von seiner eigentlichen Aufgabe abzuhalten. Es war schlecht für das Geschäft, doch ab und an brauchte ich einfach einen Custos und heute hatte er mir ja gute Dienste als solcher geleistet.

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