Das Fest der Fors Fortuna

  • "Ihr Römer groß, ihr Römer klein,
    herzlichst geladen sollt ihr sein
    zu feiern mit uns den beschwingten Tag,
    an dem Fortuna euch hold sein mag!


    So bringet denn Kuchen, Obst oder Keks
    seid fromm und genügsam
    und huldigt ihr stets.
    Nur so kann erwachsen der Fortuna Glück
    und ihr bekommt dies so vielfach zurück.


    Ein Kind, ein Haus oder auch ein Schwein,
    eure Wünsche an sie mögen vielfältig sein.
    Doch wünschen wir alle uns eines vereint:
    Dass Fortuna es ewig gut mit uns meint!



    Vielerorten waren die jungen Schülern des Kultes zu hören, die mit ihren strahlend weißen Roben deutlich hervorstachen aus dem bunten Treiben Roms, der weltgrößten Stadt. Jungen wie Mädchen trugen gleichsam diese Strophen vor, bekamen zur Feier des Tages Süßigkeiten zugesteckt und versprühten mit den kecken Versen gute Laune in allen Vierteln Roms. Doch riefen sie gleichsam dazu auf, der Göttin des Glücks zu huldigen, am großen öffentlichen Opfer teilzunehmen oder aber selbst einen Teil dazu beizusteuern.

  • Während die halbe Stadt auf das freudige Fest zu Ehren der Fors Fortuna am Tiberufer wartete, waren die Organisatoren vom Cultus Deorum schon im Morgengrauen damit beschäftigt, die Prozession zum Tiber hinab, sowie das anschließende Opfer vorzubereiten.


    Anders als bei den üblichen Feiertagen im Jahr konzentrierte sich diese Feier auf jenen eher neueren Teil der Stadt, der sich jenseits des Tibers befand. Hier stand bereits seit der Zeit des sagenhaften Servius Tullius ihr Heiligtum und hier nahm auch die Prozession ihren Ausgang. Doch vorher galt es, das Voropfer innerhalb des Tempels zu vollziehen. Aus diesem Grund hatten sich die Mitglieder der Collegien vor dem Tempeleingang versammelt, der zu seinem Feiertag prächtig mit Blumen-Girlanden, Fahnen und Bändern verziert war. Auf dem Tempelvorplatz hatte man Weihrauchbecken aufgestellt, um auch das Volk wenigstens zu Beginn des Feiertages in spirituelle Stimmung zu versetzen. Allerdings ging es dennoch eher wie auf dem Jahrmarkt zu: Die Bürger, die Peregrini, die Fortuna möglicherweise eher als Tyche verehrten, aber auch die Sklaven, denen es offiziell erlaubt war, an der Feier teilzunehmen, standen auf dem Platz herum und schwatzten in Vorfreude auf den feucht-fröhlichen Teil der Feier.

  • Gewandet in eine weiße toga und einige Sklaven im Schlepptau, die ihrerseits verschieden große Körbe mit privaten Gaben für die Göttin trugen, bahnte ich mir einen Weg am Rande der Menschen entlang. Selbst hier war das Drängen und Murmeln allgegenwärtig, sodass die beiden custodes ihre liebe Mühe hatten, den Weg freizumachen. Schließlich aber gelangte ich auf den Stufen des Tempels an und stieg einige empor. Von hier aus hatte man einen guten Blick über die Menge, die von einigen wohlplatzierten Tempeldienern so weit auf Abstand gehalten wurden, dass später noch Platz für das Blutopfer sein würde, das man Fortuna zu zollen gedachte.


    "Glücksmünzen, archaische Glücksmünzen... Nur vier Asse das Stück.... Glücksmünzen.... Na, ein wenig Glück gefällig der Herr? Nein? Na gut... Glücksmünzen....archaische Glücksmünzen....." Ich wandte den Kopf und sah einen dicklichen, in Seide gewandeten Händler, der mit einem Bauchladen durch die Menge zog. Und er war bei weitem nicht der einzige. So manches Mal glaubte ich, dass diverse Kleinsthändler und Ganoven in ihren Löchern nur darauf warteten, dass ein weiterer Feiertag anstand, an dem sie ihren Tand verkaufen konnten. Dann kamen sie alle aus ihren Löchern gekrochen und verbreiteten Fälschungen und Dinge, die nicht hielten, was sie versprachen. Das Schlimmste aber war, dass es genug Leute gab, die solcherlei Sachen erwarben. Doch deswegen war ich nicht hier, zumal ich dem ohnehin nicht viel abgewinnen konnte. Allmählich füllte sich der Platz um und auf der Tempelvortreppe mit potifices, Haruspexen, septemviri, Auguren und anderen Mitgliedern der stadtrömischen Collegien. bei weitem nicht alle würden eine Rolle im kommenden Opfer erhalten, doch war darauf geachtet wurden, dass zumindest einer aus jedem Gremium eine Rolle spielen sollte. Ich selbst hatte zugunsten von Fulvius Frugi abgelehnt, mich zu beteiligen, und jener wuselte nun aufgeregt zwischen den pontifices herum und verbreitete Nervosität. Ich selbst hielt nach bekannten Gesichern Ausschau.

  • Der Feiertag der Fors Fortuna war gekommen, und an einem solchen Tag durfte natürlich auch ein angehender sacerdos der Fortuna nicht fehlen. Schon einigermaßen früh war Ticinius deshalb mit einem Sklaven, der einen Korb mit Kuchen, Obst und Süßigkeiten trug, aus dem Haus gegangen und hatte sich auf den Weg zum Tiberufer gemacht. Bestens gelaunt war er dabei durch die Menge gelaufen und hatte Süßigkeiten an die Kinder verteilt. So kam er zwar langsam, aber zielstrebig zum Tempel der Fortuna. Bei dessen Anblick wurde er sich wieder richtig bewusst, wie alt Rom war - Servius Tullius, der sechste König von Rom, hatte ihn vor mehr als 639 Jahren erbauen lassen.


    Mit diesen Gedanken im Kopf drängte er sich auf dem Tempelvorplatz an feiernden Menschen und Straßenverkäufern vorbei in die Nähe des Tempeleingangs. Dort schaute er dem Treiben der Mitglieder der Collegien zu, die das Opfer vollziehen würden.

    statim sapiunt, statim sciunt omnia, neminem verentur, imitantur neminem atque ipsi sibi exempla sunt

  • Meine linke Hand krallte sich krampfhaft um meinen Stock, die rechte in Tuktuks Schulter. Vermutlich tat es ihm schon weh, doch er sagte nichts. Ich war hin und her gerissen zwischen der Wucht, mit der tausende Eindrücke auf mich einzuströmen schienen, und der Angst meinen Sklaven zu verlieren. Ich wusste, wenn wir in diesem Gewühl getrennt werden würden, würde ich allein nicht wieder zur Villa Claudia finden. In Ravenna hatte ich immer nach Hause gefunden. Wenn ich mich verlaufen hatte, musste ich nur ab und zu fragen, wo genau ich mich befand, um von dort aus meinen Weg zurück zur Villa zu finden, denn ich hatte eine sehr genaue Vorstellung von Ravenna in meinem Kopf.


    Rom dagegen war eine ziemliche Suppe mit ein paar dicken Brocken darin. Die Curia Iulia, der Palast auf dem Palatin, der kapitolinische Tempel, die Kaiserforen, das flavische Amphitheater, der Circus Maximus, das Marcellus-Theater oder der Tempel des Saturn - doch selbst diese Brocken hatten noch keine Konturen, es waren nur Worte mit erhabenem Klang. In dieser Suppe würde ich untergehen und ertrinken ohne Tuktuk. Vor allem heute, am Festtag der Fors Fortuna. Die ganze Welt schien sich in Rom versammelt zu haben, zumindest kam es mir so vor. Ich hoffte nur, dass Tuktuk tatsächlich genau wusste, wo wir waren und wo wir hin wollten.


    Es war sicher ein heller Tag, die Sonne schien schon zu dieser frühen Stunde warm auf meine Haut herab, und ich fragte mich, ob Rom bei Feiertagen mit Regen auch so geschäftig war. Der Duft nach Nelken und Flieder zog von vorne Rechts nach hinten Links vorbei. Hinter mir taumelte ein Mann, der vermutlich nicht schon an diesem Tag, sondern immer noch von der Nacht nach billigem Wein stank - dem Geruch nach zu schließen irgendein Gesöff aus der Gegend um Arretium. Rechterhand pries ein Straßenhändler mit einem Handkarren lautstark Melonenstücke zum Frühstück an und immer wenn er einen Käufer gefunden hatte, erklang ein lautes 'Klack', wenn er sein Messer durch die Frucht schlug. Der letzte Käufer ging in diesem Moment vor uns vorbei, denn der Geruch nach dem fruchtigen Fleisch der Melone intensivierte sich um uns herum für einige Augenblicke, bevor er zwischen dem alles überdeckenden Blumenduft verschwand. Zwischen den Gerüchen hingen die Geräusche. Gerede, Gelächter, Gesang, Rufe und leise Musik drängten sich in jedes Stück freien Raum. Ein knochiger Kerl rempelte mich von hinten an, ließ ein brummiges 'Ehhh' von sich, als Entschuldigung oder Rüge, was dazu führte, dass ich meine Hand noch fester in Tuktuks Schulter krallte und mich noch näher an ihn heran schob.


    "Kannst du den Tempel schon sehen, Tuktuk?" Ich hatte meinen Kopf zu ihm vorgebeugt. Normalerweise senkte ich meine Stimme ab, wenn ich den Weg vorgab oder nach ihm fragte, doch hier erschien es mir kaum möglich, gegen das Gewirr der Geräusche anzukommen.
    "Ich glaube schon, njaatigi. Aber es gibt kein Durchkommen. Ich fürchte, wir werden von hinten zuschauen müssen."
    "Na prima. Das heißt, ich verpasse alles. Kannst du den wenigstens den Altar sehen? Haben sie schon angefangen?"
    "Ich glaube nicht. Direkt vor dem Eingang stehen viele Leute sehr untätig herum."


    Immerhin etwas. Doch für einen Glückstag fing er nicht sonderlich glücklich an. Vielleicht sollte ich eine von diesen archaische Glücksmünzen erwerben, die ein Händler lauthals anpries, man konnte schließlich nie wissen, was es einbrachte. Vermutlich allerdings nur dem Händler vier Asse. Ein bisschen missmutig begnügte ich mich also mit dem Weihrauchduft, der ab und zu in einem sehr leichten Hauch an uns vorbei zog und versuchte irgendetwas vom Opfer zu hören, was allerdings so gut wie unmöglich war. Mich auf Tuktuks Schilderung verlassen zu müssen, war auch kein glücklicher Umstand, denn mein Sklave hatte noch nie etwas von römischen Opfern verstanden.

  • Manius Tiberius Durus stand, gemeinsam mit seinem Collegae vom Collegium Pontificium, sowie den Vertretern aller anderen wichtigen, stadtrömischen Collegia, auf den Stufen des Tempels. Er stellte fest, dass das Gebäude für sein Alter und seine relativ geringe Größe doch recht beeindruckend geschmückt worden war. Sein Blick glitt nach oben zu den Säulenkapitellen, dann schweifte er zurück zu der Menge, die wie üblich keinen besonderen Sinn für Spiritualität zeigte. Der Tiberier zuckte mit den Schultern, was jedoch unter der Toga Praetexta, die der Priester im Dienst trug, kaum zu bemerken war.


    Der Tempelvorsteher blickte sich schließlich zu den Pontifices um und auf ein Nicken der ältesten Anwesenden wandte sich die gesamte Gruppe dem Portal zu. Langsam formierte sich die Priesterschar zu einer kleinen Prozession, die im Inneren des Tempels verschwand, wo zweifelsohne das Voropfer stattfinden würde.

  • Irgendwo in dem bunten Treiben des Festtages steckte auch Macer, der keine besondere Eile hatte, einen der Plätze für Senatoren weit vorne zu erreichen und im dichten Trubel gerne auch weiter hinten wartete. Auch wenn die Würfel zu seiner Militärzeit gehört hatten wie der Abacus zum Aedilat, so war er dennoch nie ein großer Glücksritter gewesen und hatte Fortuna selten herausgefordert oder um einen Gefallen bitten müssen.


    Während er sich langsam durch die Massen nach vorne schob und die Lieder, Gedichte und Marktschreier hörte, zog vor seinen Augen aus unerklärlichen Gründen das Bild einer blau gewandeten Frau vorbei, die eine hölzerne Statue der Siegesgöttin vor sich her trug. Doch bevor er seinen eigenen Gedanken auf den Grund gehen und eine Erklärung dafür finden konnte, was die Siegesgöttin nun mit der Glücksgöttin zu tun hatte, war das Bild vor seinen Augen auch schon wieder verschwunden und er konzentrierte sich wieder darauf, nicht umgerannt zu werden.

  • Während die Priester im Tempel ihr Voropfer vollzogen, begann sich draußen bereits die Prozession zu formieren. Bedienstete des Cultus Deorum trugen eine große Statue der Fortuna, angetan mit einer schimmernden Rüstung, den Caduceus in der Hand, an langen Stangen, ein Chor schien sich für den Anfang des Zuges zu formieren.


    Weitere Bedienstete waren mit Weihrauchfässern erschienen, um den Duft der Götter bis zu dem Opferplatz des blutigen Opfers zu tragen. Einer jedoch wirkte etwas blass um die Nasenspitze und noch ehe die Tore des Tempels sich wieder öffneten, verdrehte er die Augen und sackte in sich zusammen. Ein anderer Weihrauchträger blickte suchend in die Menge und sein Blick blieb an Ticinius haften. Den Burschen hatte er doch schon einmal im Tempel gesehen! Das war doch ein Discipulus!


    Inzwischen hatte sich eine kleine Menschentraube um den Ohnmächtigen gebildet, doch der andere Weihrauchträger packte nur das Weihrauchfässchen, das an drei Ketten, die am Griff endeten, hing und eilte auf den jungen Matinier zu.


    "Hier, trag du das! Tu' einfach, was ich tue!"


    Damit drückte er ihm das Weihrauchfass in die Hand.


    Kaum hatte er dies getan, öffnete sich das Tor des Tempels und die Priester traten hinaus und reihten sich hinter der Fortuna-Statue und den zwei reichlich geschmückten, weißen Kühen in die Prozession ein. Erst nach ihnen durfte das gemeine Volk, von Flötenspiel begleitet, zum Tiber hinabziehen.

  • Nach einiger Zeit (solch ein wichtiges Opfer wollte Weile haben) kamen die Sacerdotes wieder aus dem Tempel heraus.
    Durus hatte nur daneben gestanden, da ein älterer und wichtigerer Pontifex das Voropfer in die Hand genommen hatte, aber zumindest war es ihm erlaubt gewesen, dem Foculus unmittelbar nahe zu stehen, sodass er nicht wie die anderen draußen hatte warten müssen.


    Hier draußen hatte sich allerdings inzwischen einiges geändert: Die Prozession stand bereit und der Tiberier hatte das Gefühl, dass viele es kaum erwarten konnten, endlich in den kleinen Booten auf dem Tiber zu sitzen und sich von der Strömung treiben zu lassen.


    Die Sonne zeigte inzwischen, was ein Sommer in Rom bedeutete und er befand, dass die Nähe zum Wasser - egal wie schmutzig und grau es war - doch Linderung von der unbarmherzigen Hitze bedeuten würde und beeilte sich, in den hinteren Reihen der Pontifices seinen Posten zu beziehen. Dann ging es auch schon los...

  • Eben noch bestaunte Ticinius die prächtige Fortunastatue, die aus dem Tempel getragen wurde, als er bemerkte, dass in seiner Nähe ein Weihrauchträger umfiel. Zusammen mit anderen Neugierigen begab er sich dorthin, um sich dies anzusehen, als ein Bediensteter des Cultus Deorum, der ihm vage bekannt vorkam, auf ihn zukam, ihm das Weihrauchfass in die Hand drückte und ihn aufforderte, an der Prozession teilzunehmen. Obwohl er sich die Teilnahme an seiner ersten Prozession als Mitglied des Cultus Deorum anders vorgestellt hatte, zögerte er keine Sekunde, sondern nahm unter den erstaunten Blicken einiger Zuschauer das Weihrauchfass entgegen. Während sich das Tor öffnete und die Priester sich in die Prozession einreihten, eilte der andere Träger mit ihm im Schlepptau zu dem ihnen bestimmten Platz. Immer wieder schaute Ticinius, was der andere machte, um selbst nichts falsch zu machen. Doch anscheinend warteten sie jetzt auf den Beginn der Prozession.

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  • Tuktuk war einen ganzen Kopf kleiner als ich selbst. Das war ungemein praktisch, weil meine Hand so bequem auf seiner Schulter liegen konnte. In Hinblick darauf, dass er für uns beide sehen musste, war es leider nicht ganz so günstig. Ich bemerkte deswegen jedoch immer, wenn er versuchte über eine Menschenmenge hinweg zu schauen, weil er sich dann auf die Zehenspitzen stellte. Unter meiner Linken hob und senkte sich seine Schulter.


    "Nun sag schon, was siehst du?" fragte ich ungeduldig.
    "Es passiert nichts. Sie stehen alle nur herum oder laufen hin und her."
    "Nichts? Das kann gar nicht sein."
    "Es ist so, njaatigi. Vielleicht warten sie auf die Göttin, weil diese wie jede andere Frau auch zu spät kommt."


    Ich gab Tuktuk einen leichten Stoß an den Rücken. Wenn es um den Kult ging, dann schaffte er tatsächlich manchmal, dass ich sauer wurde. Er tat unsere ganze Religion einfach mit ein paar flapsigen Worten ab, obwohl ich genau wusste, dass er unsere Götter fürchtete. Natürlich bestand so ein Fest aus viel Brimborium, aber das gehörte nicht nur dazu, das machte am Ende auch alles aus.


    "Hör' auf dich über unseren Kult lustig zu machen! Das Glück kommt, wann es kommt. Davon abgesehen warten sie sicher nicht darauf."


    Weil ich mit Tuktuk zwar einen guten Beobachter, aber für Opfer und Feiertagszeremonien keinen sehr guten Berichterstatter an der einen Seite hatte, wandet ich mich einfach auf gut Glück zur anderen Seite. Auch ohne das Wissen um die Menschenmassen um mich herum hätte ich bemerkt, dass dort jemand neben mir stand. Ich wusste allerdings nicht, dass es Purgitius Macer war, ebenso wenig wie ich wusste, dass er ein Senator war. Senatoren vermutete ich an diesem Tag sowieso viel weiter vorne, da ich zu dieser Zeit noch davon ausging, dass in Rom alles - Gebäude, Tempel, Plätze - groß genug wäre, dass die versammelten Senatoren immer in der ersten Reihe stehen konnten.


    "Entschuldige, kannst du mir vielleicht sagen, wie weit das Opfer da vorne ist? Ich kann es nicht sehen und es ist viel zu laut, um irgendetwas zu hören."

  • Die Prozession setzte sich in Bewegung und brauchte nicht lange, bis sie das Ufer des Tibers erreicht hatte. Auch hier hatte man selbstverständlich bereits alles vorbereitet: Ein Altar war errichtet worden, eine Fläche für die Opferung der Kühe freigehalten worden. Am Ufer hatten bereits zahlreiche Kähne - teils zum Mieten, teils vom Cultus Deorum, wieder andere privater Besitzer - angelegt, um die versammelte Festgemeinde nach dem Opfer aufzunehmen.


    Doch vorher musste das Opfer über die Bühne gebracht werden: Die Prozession teilte sich, als der Opferplatz erreicht war: Die Weihrauchträger umringten die freie Fläche (auch Ticinius wurde hierbei von seinem "Vormacher" an den richtigen Platz gezogen), der Chor und das kleine Orchester der Tibicines baute sich etwas abseits auf.


    Die Pontifices, sowie die übrigen Collegiums-Mitglieder hingegen erhielten Plätze in der ersten Reihe. Nur die beiden geschmückten Kühe, die in die Mitte des Platzes geführt wurden, hatten wohl noch bessere Plätze, zusammen mit den Opferhelfern, die sich bereits postierten.


    Als alles postiert war, trat ein Herold hervor, während andere Bedienstete die versammelte Festgesellschaft rituell reinigte, indem sie mit Wasser besprengt wurden. Gerade in den ersten Reihen bekamen die Zuschauer einiges davon ab.


    "Favete Linguis!"


    hallte es endlich über den Platz, was allerdings manchen fliegenden Händler nicht daran hinderte, schweigend weiter mit allerlei Glücksbringern zu handeln.
    Dennoch trat ein alter Pontifex hervor und begann sein Gebet.


    "O Fors Fortuna, Mehrerin der Gunst unseres Volkes,


    Du hast Servius Tullius deine Gunst erwiesen und zum Lenker des Volkes der Quiriten gemacht, seit frühester Zeit gewährst du den Salzhändlern auf dem Tiber deine Gunst, bewahrst uns vor der Hand grausamer Feinde und schützt das Wohl des römischen Volkes der Quiriten.


    Darum opfern wir dir in jedem Jahr an deinem Fest. Nimm auch in diesem Jahr unsere bescheidene Gabe an, aufdass du auch im kommenden Jahr das Salz und alle Güter, die wir so dringend brauchen, stets sicher in unsere Stadt kommen und wir in Sicherheit und Ruhe leben können.


    Wir geloben, dir auch im nächsten und jedem folgenden Jahr dieses Opfer darzubringen, so du uns vor den Unglück bewahrst und unser Volk schützt."


    Nach dem Opfer folgte die rituelle Händewaschung des Pontifex, dann begann auch schon die eigentliche Opferung: Es ging rasch über die Bühne. Die Opferdiener stachen routiniert zu, das Blut floss reichlich. Während der Haruspex nun die Innereien untersuchte, hob sich der Geräuschpegel im Publikum wieder.


    Doch lange hatten die fliegenden Glücksbringer-Händler nicht Zeit, ihre Ware an den Mann zu bringen, denn bald schon wurde laut die Litatio verkündet und während die Opferdiener sich über das Fleisch hermachten, schob sich die gesamte Menge zum Tiber-Ufer. Jeder versuchte nun, einen möglichst günstigen Platz im Boot zu erhalten, um dort zusammen mit ein wenig Wein die Tour flussabwärts zu genießen.

  • An einer Straßenecke, dort wo der Weg von der Pons Probi her auf die Via Campana stieß, stand neben einem Schrein der Fortuna ein kleiner geschlossener Wagen, welcher in der Nacht noch, als Wägen durch die Stadt durften fahren, dorthin gebracht worden war. Vorn, den umringenden Zuschauern zugewandt, ragte ein gewaltiges Trinkhorn aus einer Halterung, die einer großen Hand nachempfunden am Wagen befestigt war, so dass das Ende des Hornes von jener Hand umschlossen nicht zu sehen war. Ein rundlicher Händler mit rotfarbenen Wangen, auf welchen schwarzfarbene Bartstoppeln sprossen, stand davor und pries seinen Wein an.


    "Kommt näher, werte Bürger, kommt näher! Kommt und trinkt einen Becher Wein aus dem einzig wahren Füllhorn! Seht her, der Wein geht nie zu Neige, gleich wie viel ihr trinkt! Danket der großzügigen, gütigen Fortuna! Nur ein As pro Becher und wer es schafft, das Horn zu leeren, bekommt sein Geld zurück!"
    Er nahm das Horn mit beiden Händen aus der Halterung vom Wagen, hob es vor sich und präsentierte es den Umstehenden, um anzuzeigen, dass kein Trick sie erwartete. Tatsächlich war das Horn äußerst gut präpariert, so dass der Übergang von Stopfen zu Horn nur bei sehr genauem Hinsehen aus der Nähe auffallen würde. Doch ehe es soweit konnte kommen, hängte der Händler das Horn zurück, so dass das präparierte Ende in der Hand und gleichsam im Wageninneren verschwand. Im Innere nun, ohne dass die Menge dies konnte wissen, zog ein junges Mädchen, die Tochter des Händlers, den Stopfen vom Hornende und stülpte eilig in geschickter Weise einen Schlauch aus Leder darüber, welcher nach oben hin verbunden war mit einer Schale. Solange die Schale mit Wein gefüllt war, so lange blieb ebenfalls der Pegel im Füllhorn konstant, so dass die junge Frau nur immer aus einem der zahlreichen Fässer im Wagen den Wein nachschütten musste.


    Draußen schöpfte der Händler eben einem Passanten für ein As Wein in einen Tonbecher. "Sieh her! Ein Becher und schon schenkt uns Fortuna noch mehr Wein! Wer schafft es das Füllhorn zu leeren? Kommt und tretet näher! Bestaunt das einzig wahre Füllhorn! Trinkt und sichert auch ihr euch Fortunens Glück!"

  • Es hatte eine Weile gedauert, bis Siv hatte glauben können, was Brix ihr gesagt hatte. Dass sie raus durfte. Sie hatte ihn ungläubig angestarrt und sich geweigert, ihn ernst zu nehmen, hatte ihm vorgeworfen, dass er seine neue Position nicht ausnutzen sollte, um sich über sie lustig zu machen, aber er hatte den Kopf geschüttelt, ihr die Hand auf die Schulter gelegt – und ihr versichert, dass er es ernst meinte. Dass sie sogar etwas Geld bekommen würde. Der Anlass, so erklärte er ihr, sei ein Fest, zu Ehren irgendeiner römischen Göttin, der Glücksgöttin, um genau zu sein, was ihr letztlich egal gewesen war, in diesem Moment, es hatte nur gezählt, was das für sie bedeutete: sie durfte raus. Noch besser war, dass das Fest offenbar entlang des Tibers stattfand, was bedeutete, dass es zumindest etwas frischer war als direkt in der Stadt, und sie nicht nur von Stein und einer Menschenmasse umgeben sein würde. Siv hatte es immer noch nicht wirklich glauben können, sie glaubte es ja noch nicht einmal jetzt wirklich, als sie, möglichst am Rand der Menge, sich treiben ließ, auf den Tiber zu, dass sie tatsächlich einen freien Nachmittag hatte und herumstreifen konnte. Mathos Tod hatte sich als Glücksfall erwiesen, nicht nur für sie, für alle Sklaven im Haus. Brix hatte so viel mehr Verständnis, Brix war einer von ihnen, ein Sklave wie sie alle, der eben genau das nicht vergessen hatte – und sie hoffte, dass er es auch nicht vergessen würde. Darüber hinaus vertraute er ihr, nach wie vor. Er war einer der wenigen gewesen, die, ohne sie auszufragen, ohne überhaupt große Worte zu machen, ihr zu verstehen gegeben hatte, dass er wenigstens ansatzweise nachvollziehen konnte, was sie getrieben haben musste. Einer der wenigen, die nicht empört oder verständnislos gewesen waren, wie sie nur hatte versuchen können zu fliehen, wo es ihr in Rom doch so gut ging, wo Corvinus sie doch sogar offensichtlich bevorzugte und sie sogar zu seiner Leibsklavin gemacht hatte. Einer der wenigen, die nicht schadenfroh gewesen waren, als sie, durch ihren eigenen Fehler, so plötzlich so tief in der Gunst ihres Herrn gefallen war. Brix verstand, und deswegen vertraute er ihr auch. Siv wusste nicht, ob es daran lag, dass sie aus dem gleichen Volk stammten, aber manchmal hatte sie das Gefühl, dass er am besten begriff, was in ihr vorging und warum sie manchmal auf die ihr eigene Art reagierte. In jedem Fall behandelte er sie besser als Matho es getan hatte – sicher waren die niedrigsten Arbeiten immer noch die ihren, daran konnte er wenig ändern, war Corvinus in dieser Hinsicht doch deutlich gewesen. Aber er hatte in anderer Hinsicht ihre Situation erleichtert, suchte nicht extra noch unangenehmen Arbeiten für sie, halste ihr weniger auf, lockerte die Aufsicht, wenn sie im Garten war, hatte sie sogar das ein oder andere Mal in den Stall gelassen, wo sie sich zu Idolum in die Box geschlichen hatte.


    Und jetzt war sie hier – allein. Sie hatte Brix gefragt, und er hatte nichts dagegen gehabt, dass sie ohne Aufsicht ging, ohne diese zwei Sklaven, die sie bisher jedes Mal begleitet hatten, wenn sie einen Fuß vor die Tür gesetzt hatte – und die Matho immer nach dem Gesichtspunkt ausgewählt hatte, wie wenig sie sie leiden konnten. So waren diese ohnehin sehr rar gesäten Ausflüge in die Stadt für sie so unangenehm geworden, dass sie es bald aufgegeben hatte, nach dieser Art von Abwechslung zu suchen, sondern lieber freiwillig im Haus geblieben war. Aber heute, jetzt, war sie allein unterwegs, ohne wachsame Augen, ohne Aufsicht, ohne strenge Zurechtweisung und ohne eingekeilt zu sein zwischen zwei anderen. Sie genoss es, sie genoss sogar so sehr, dass die vielen Menschen um sie herum ihr kaum etwas ausmachten, das Gedränge, der Lärm, die Gerüche, alles was auf sie einströmte und ihr sonst zu schaffen gemacht hätte. Langsam ging sie weiter, dem Fluss entgegen, beobachtete die Menschen um sie herum und atmete tief durch, zum ersten Mal seit langer Zeit die Fesseln, die ihr Inneres banden, nicht mehr so stark fühlend.

  • Zitat

    Original von Nero Claudius Tucca
    "Entschuldige, kannst du mir vielleicht sagen, wie weit das Opfer da vorne ist? Ich kann es nicht sehen und es ist viel zu laut, um irgendetwas zu hören."


    Macer war etwas überrascht, so von der Seite angesprochen zu werden und musterte den Mann, der dort gesprochen hatte, einen Augenblick. Er war eigentlich recht groß, so dass ihm zunächst nicht klar war, warum er nichts sehen konnte. Erst nach einer Weile konnte er sich den Grund denken. Er hatte schon Veteranen gesehen, die ihr Augenlicht verloren hatten und selbst wenn sie sich noch so gut daran gewöhnt hatten, verrieten sie sich doch nach einer Weile durch eine ungewohnte Kopfhaltung während eines Gesprächs.


    Unter diesen Bedingungen hatte Macer keine Schwierigkeiten, den Kommentator zu geben, zumal der Mann einen gepflegten Eindruck machte und augenscheinlich sogar mit einem Sklaven an seiner Seite erschienen war. "Die Priester kommen soeben vom Voropfer aus dem Tempel heraus", erläuterte er das Geschehen und nahm an, dass er dem Mann nun nicht berichten musste, wie viele Priester es waren und was sie für Kleidung trugen. "Vor dem Tempel formiert sich jetzt die Prozession. Eine Fortuna-Statue bildet die Spitze des Zuges, gefolgt von zwei weißen Kühen."


    Eine Weile schwieg er, damit der Mann doch noch eine Chance hatte, etwas vom Flötenspiel mitzubekommen, dann setzte sich der Zug ohnehin in Bewegung. "Die Prozession zieht jetzt zum Tiber hinunter. Wir gehen, mit nehme ich an?"

  • Nach einiger Zeit hatte die Prozession den Opferplatz erreicht. Zusammen mit den anderen Weihrauchträgern umringte Ticinius den Platz, auf dem das Opfer stattfinden würde. Während er mit seinem Weihrauchfass Wohlgeruch verbreitete, schaute er sich das Opfer an. Im Unterschied zu seinem Opfer, das er kürzlich gehalten hatte, war dieses sehr größer, mit Kühen statt einem Ferkel und viel mehr Opferdienern und Mitgliedern der Collegien.


    Nachdem die Litatio verkündet worden war, ging Ticinius zusammen mit den anderen Weihrauchträgern in die Mitte des Platzes, um sein Weihrauchfass abzugeben. Einige andere Opferdiener waren schon dabei, das Fleisch der Opfertiere zu essen. Ob er wohl auch deren Fleisch bekommen würde? Oder könnte er jetzt einfach gehen, zu den Booten oder sonstwohin? Er wusste es nicht. Unsicher schaute er sich um, ob es jemanden gab, der ihm helfen könnte.

    statim sapiunt, statim sciunt omnia, neminem verentur, imitantur neminem atque ipsi sibi exempla sunt

  • Das Voropfer ging verhältnismäßig schnell über die Bühne. Allerdings waren auch bei weitem nicht alle Gaben der spendablen Menschen der Fortuna geopfert worden. Am Abend würde man die Reste wohl an Bedürftige verteilen. In gemächlichem Gang strebte die Menge nun dem Tiberufer entgegen. Gelegentlich drangen unangenehme Gerüche aus einer der Seitenstraßen und wehten durch die Menge.


    Das Opfer am Ufer verlief unkompliziert und gut, die Kühe waren ohne Makel, und so war es kein Wunder, dass die litatio bald verkündet wurde. Ich hatte uneingeschränkte Sicht auf das Treiben, einer der Vorteile, die man hatte, wenn man in einem der stadtrömischen Collegien saß. Der pontifex hatte das Wort kaum zu Ende gesprochen, da schoben sich bereits die ersten Menschen vom Schauplatz weg und auf die festlich geschmückten Boote zu. Ich selbst wollte mir keinen Platz in einem von ihnen sichern, sondern lieber auf festem Boden der Prozession beiwohnen. Ein Verkäufer von faulig riechenden Muscheln, die angeblich Perlen enthielten - was man wohl nur sah, wenn man sie auch aufbrechen konnte - schwenkte seinen Bauchladen in meiner Nähe und wollte mir etwas andrehen, doch hatte ich kein Interesse, und meine custodes sorgten dafür, dass sich der Fremdling alsbald wieder verzog.


    Eine ganze Weile später war ich auf einer der nicht ganz so überfüllten, über den Tiber geschwungenen Brücken angelangt und suchte mir einen Platz am Geländer. In einiger Entfernung waren die ersten Boote bereits besetzt und fuhren gemächlich den Tiber hinunter. Laute Musik drang von einigen von ihnen ans Ufer und auf die Brücken hinauf, irgendwo pries jemand ein nie zu leerendes Füllhorn an und es gab zahlreiche Römer, die trotz der Tatsache, dass es nicht einmal Mittag war, schon durch die Menge taumelten Obszönitäten und lallten.


    Ich sah mich um - (er)kannte ich vielleicht jemanden?

  • Sanft wiegte die Oberfläche des Tibers in kleinen Wellen dahin, wie die ledrige Haut eines Elefantentieres, nur gleichsam schimmernd, diaphan und die Sonne des warmen Sommertages reflektierend. Blumenblüten, ganze Girlanden und Kränze in allen erdenklicher Farben schaukelten auf dem Fluss, manche am Ufer befestigt, manche lose treibend, als wäre das Nass nur eine andere Art fruchtbaren Bodens, aus welchem die bunte Saat des Frühlings erwachsen war. Einige Enten planschten zwischen den Blüten, schoben bald eine treibende Blume von sich hinfort, pickten bald nach einer anderen, und schienen gleich den Menschen, welche die Ufer säumten und auf den Brücken standen, auf die Prozession zu warten.


    Das erste, schmale Boot zerteilte das Blütenmeer und schob das Wasser in kleinen, schaumgekrönten Wellen vor sich her. Eine hölzerne Fortuna, ein Füllhorn in ihren Händen haltend, geschmückt mit Blumen und gewandet in feinste Stoffe, thronte auf dem Bug wie sonst auf ihrem von Löwen gezogenen Wagen. Hinter ihr saßen zwei junge Mädchen, vielleicht acht, vielleicht zehn Sommer alt, in reinen, weißen Gewändern, welche aus vollen Händen weitere Blumenblüten ins Wasser streuten und den Weg für die nachfolgende Flussprozession bereiteten. Ein bärtiger Mann belegte das Ende des Bootes und stakte mit einem Paddel im Wasser, hielt das Gefährt mit ruhiger Hand beständig in der Mitte des Tibers.

  • Zitat

    Original von Spurius Purgitius Macer
    Eine Weile schwieg er, damit der Mann doch noch eine Chance hatte, etwas vom Flötenspiel mitzubekommen, dann setzte sich der Zug ohnehin in Bewegung. "Die Prozession zieht jetzt zum Tiber hinunter. Wir gehen, mit nehme ich an?"


    Als der Mann neben mir nach dem ersten Bericht eine Weile schwieg, glaubte ich schon, er wäre weiter gegangen. Dann aber kommentierte er die Prozession und bot sich gleich noch für den weiteren Weg an. Um mich zu entschließen, das Angebot anzunehmen, brauchte ich nicht lange. Tuktuk würde den Tiber nur deswegen finden, weil vermutlich fast alle Menschen an diesem Tag diesen Weg einschlugen.


    "Alle gehen mit, nicht wahr? Dann sollten wir auch gehen."


    Ich wollte Tuktuk zwei mal auf die Schulter tippen, damit er wusste, dass es weiter gehen sollte. Doch mein Sklave zog schon die Schulter nach vorne, um mir seinerseits anzuzeigen, dass er loslaufen würde. Es ging langsam voran. Ich hielt meinen Stock nur knapp vor meinen Füßen, da der Freiraum um mich vermutlich sowieso sehr klein war. Wegen der vielen Geräusche konnte ich nicht sicher bestimmen, ob mein 'Kommentator' noch neben mir ging. Da er jedoch nichts anderes verlauten lassen hatte, ging ich weiter davon aus.


    "Ist in Rom immer so viel los an Feiertagen? Oder ist das Fest der Fors Fortuna nur besonders beliebt?"


    In Ravenna gab es ein paar Festtage, die in der ganzen Stadt groß gefeiert wurden. Die zu Ehren der Fortuna gehörten dazu, weil im Anschluss an die offiziellen Zeremonien immer viel Wein floss. Zu anderen Gelegenheiten, Festtage der Minerva oder des Apollo zum Beispiel, fand sich dagegen kaum jemand zu den öffentlichen Opfern ein. Vermutlich lag es auch daran, dass meistens danach nicht einmal das Opferfleisch ausgeteilt wurde. Ich wusste das ziemlich genau, denn ich war einer der wenigen, die zu fast jedem Feiertag bereit standen. Feiertage boten mir immer ein bisschen Abwechslung.


    "Ich bin übrigens Tucca, Nero Claudius Tucca."


    Namen waren für mich durchaus wichtig. Nicht nur mein eigener, weil ich sonst nicht viel vorzuweisen hatte. Andere Personen blieben in meiner Erinnerung vorwiegend durch ihre Stimme und sonstige Geräusche, wie ihre Gangart, haften, aber auch durch ihren Namen. Stimmen vergaß ich nach einer Weile wieder, Namen dagegen selten.

  • Zur Rechten seite des Tibers standen ebenso viele Menschen wie zur Linken. Zwischen arm und reich bestand an diesem Festtage kaum ein Unterschied, denn wie alle Götter bedachte auch Fortuna alle Gläubigen mehr oder weniger mit ihrer Gunst, ganz gleich wie viel Reichtum sie angehäuft hatten. Anbieter von Glücksspielen feierten an diesem Tage Hochkonjunktur, denn an beinahe jeder Straßenecke konnte man würfeln, tippen und wetten. Dann und wann wehte ein Freudenschrei über das Wasser zu den feierlich geschmückten Booten hin, wenn ein Seliger seinen Einsatz verfielfacht zurückgezahlt bekam oder einen Konkurrenten ausgestochen hatte.


    Zeitweise war auch der Choral der Priesternschüler zu vernehmen, trotz des murmelnden Summens der Menschenmenge zu beiden Seiten des Flusses. Sie sangen vom Glück eines jungen Römers, welchem die Göttin hold war. Das erste Boot, tief im Wasser liegend, erreichte nun die schattigen Gefilde unter einer der zahlreichen Brücken, die über den Tiber führten. Taumelnd und gaukelnd schwebten Rosenblätter hinab, bedeckten alsbald das dunkle Holz des Bootes und drehten sich in den Wasserwirbeln, die das Gefährt zurückließ, als der Bärtige sein Schiffchen unter der Brücke hindurch gestakt hatte.


    Bald erreichte auch das zweite Boot jene Brücke. Schatten glasierte die amazonenhafte Kriegerin im Bug des Bootes, eine stilisierte Fortuna, welche grazil und dennoch mächtig wirkte mit ihrem caduceus in der Hand. Erneut segelten Blütenblätter und ganze Blüten hinab, bedeckten die Kränze, die entlang des Schiffes festgemacht waren, setzte sich ins Haar der Blumenkinder und zeichneten verwehende Figuren auf die schmalen Planken. Ein Schwall roten, glitzernden Weines ergoss sich gleichsam von der Brücke, dicht gefolgt von einem kostbaren, fallenden Becher, der kurz darauf mit einem leisen Platscher in den Fluten des Flusses verschwand. Ob er aus Versehen oder absichtlich gefallen war, wusste man nicht zu sagen, doch an diesem Tage floss der Wein ohnehin in Strömen.

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