Asklepieion von Kos




  • Das Asklepieion von Kos liegt im heiligen Zypressenhain des Apollon Kyparissios. Es ist eine monumentale Anlage auf drei Terrassen, die sich an einem zum Meer abfallenden Hang erstrecken. Auf allen Ebenen sind zahlreiche Weihgeschenke aufgestellt.


    Unterste Terrasse: Sie wird von einem Hof gebildet, der an allen Seiten von Säulenhallen eingefasst ist. Darin befinden sich die Räume für die Besucher. Das Eingangstor gibt den Blick auf die Freitreppe zur mittleren Terrasse frei. Rechts und links der Freitreppe sind Brunnen. Im linken Flügel ist die Thermenanlage untergebracht. Im rechten hinteren Eck findet man eine Latrine.


    Mittlere Terrasse: Hier befinden sich zwei Tempel. Rechts der Tempel des Asklepios und der Hygieia, links der Tempel des Apollon Kyparissios. Das Herz des Platzes bildet der prachtvolle Altar des Heilgottes Asklepios. Er wird von einer Säulenhalle, in der zahlreiche Statuen Platz gefunden haben, umgeben. Außerdem befinden sich auf dieser Ebene ein Thesauros für das Tempelvermögen, ein Gebäude für die Priester und Kultgegenstände und das ehemalige Abaton, das nun für die Aufbewahrung der Weihegaben genutzt wird. Über eine noch eindrucksvollere Freitreppe erreicht man die oberste Terrasse.


    Oberste Terrasse: Zentrum der obersten Ebene ist ein dorischer Tempel, der dem Heilgott Asklepios geweiht ist. Er ist ein reiner Statuenschrein und soll die Anwesenheit des Gottes verdeutlichen. Da er nicht kultisch genutzt wird gibt es davor keinen Altar. Der rechteckige Platz wird an drei Seiten von Säulenhallen umgeben in denen das Abaton untergebracht ist. Das sind die Schlafkammern für die Gäste, die sich der Incubation unterziehen.




    Sim-Off:

    Urheber des Fotos: „Kos Asklepieon01“ von Nikater - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/…File:Kos_Asklepieon01.jpg

  • Das Kinn in die Hände gestützt hockte Chrysogona auf den Stufen der untersten Terasse des Asklepieions und starrte zum Eingangstor. Ihr Gesicht zeigte eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. Wieder hatte Chrysogona eine schwangere Frau abweisen müssen. Obwohl sie sehr wohl gewußt hätte wie man der Frau schnell und gefahrlos helfen konnte. Einzig ein paar gute Ratschläge am Tor zum Gelände des Asklepieions waren ihr möglich gewesen.


    Erst vor wenigen Tagen hatte sie mit dem medizinischen Leiter des Asklepieions über die Notwendigkeit gesprochen auch den schwangeren Frauen und den Sterbenskranken je ein Gebäude zu errichten, in dem sie behandelt werden konnten. Sie verstand ja die Gefahr, die von anderen Kranken für die Schwangeren und deren ungeborene Kinder ausging und konnte nachvollziehen, dass die Patienten, die mit der Hoffnung auf die Hilfe des Heilgottes ins Asklepieion kamen, nicht mit dem Anblick unheilbar Kranker und Sterbender konfrontiert werden wollten, doch die Frauen ohne Behandlung wieder wegzuschicken und damit womöglich den Tod von Mutter und Kind billigend in Kauf zu nehmen passte so gar nicht zum Anspruch der Medica.


    Gaius Stertius Tychicus, Sohn des berühmten Gaius Stertius Xenophon, seines Zeichens einst Leibarzt des römischen Kaisers Claudius, hatte Chysogona zwar anghört, dann aber mit einem freundlichen Lächeln erklärt, dass es eben Tradition des Asklepieions sei, diese Patienten nicht aufzunehmen und er sicherlich auch nicht mit dieser sinnvollen Einrichtung brechen würde. Chrysogona hatte mit weiteren Argumenten versucht ihn umzustimmen, doch er hatte abgewunken und sie stattdessen ins Abaton geschickt, um einen der "Schläfer" zur Behandlung zu holen. Asklepios war dem Mann im Traum erschienen und hatte eine Schröpftherapie empfohlen.
    Resigniert hatte Chrysogona ihrem Lehrmeister gehorcht und den Patienten herbeigeholt.


    Seufzend erhob sie sich. Es war an der Zeit in die Therme zu gehen und die Badekur einiger Patienten zu überwachen.

  • Chrysogona mischte Rosenöl und Essig in einer Schale. Dann nahm sie zwei frische Leinenstreifen. SIe trug beides in die Kammer eines ihrer Patienten. Der Mann war noch keine dreißig Jahre alt und war den weiten Weg von Thessalien nach Kos gekommen, um Heilung von seinen Kopfschmerzen zu erlangen. Er war erst wenige Tage im Asklepieion und doch schon ungehalten, weil ihm noch keine Linderung seiner Beschwerden vergönnt war.


    Als Chrysogona eintrat schenkte er ihr einen verächtlichen Blick.
    "Schon wieder du? Ich hatte gehofft, dass man mir endlich einen der echten Medici schicken würde. Ich habe es langsam satt immer nur diese Auflagen zu bekommen. Ich will endlich richtig behandelt werden!"


    Die Medica ignorierte sein ungehobeltes Verhalten. Sie sah auf die Tabula auf dem Nachttisch.
    "Hat der Gott dir wieder keinen Traum geschickt heute Nacht?"


    Der hagere Sohn eines Beamten schüttelte missmutig den Kopf.
    "Nein. Aber vielleicht sollte ich auch besser im Abaton schlafen, meinst du nicht?"


    Chrysogona nickte. "Sicherlich. Aber momentan sind alle Schlafplätze belegt. Wenn einer frei wird, erfährst du es sofort. Hast du dich an die Ernährungsratschläge gehalten?"


    Der Thessalier verzog das Gesicht.
    "Salat, Gurke und etwas Obst... davon soll ich satt werden? Davon bekomme ich ja noch mehr Kopfschmerzen!"


    Die Medica sah den Patienten tadelnd an.
    "Wenn du dich nicht an die Ernährungsratschläge hältst, kann es nicht besser werden! Und nun leg dich hin, ich will die Umschläge machen. Heute Nachmittag wird dich Gaius Stertius Thychicus persönlich untersuchen. Dann wollen wir ja sehen, ob er meine Therapie gutheißt oder eine Veränderung vorschlägt."


    Sie wartete, bis der maulende Patient sich auf den Rücken gelegt hatte, dann tauchte sie das erste Leinenstück in die Flüssigkeit, drückte es aus und legte es auf seine Stirn.

  • Der Archiatros Gaius Stertius Tychicus bestätigte Chrysogonas Therapie nicht nur, er ermahnte den von Kopfschmerzen geplagten Thessalier sogar, sich streng an die Ernährungsratschläge der Medica zu halten. Zudem verordnete er dem unzufriedenen Patienten laut Gedichte zu rezitieren und mindestens eine Stunde täglich einem der älteren Männer, die sich zur Behandlung im Asklepieion befanden, vorzulesen. In den Augen des Archiatros war dies eine hervorragende therapeutische Maßnahme, seinen Geist wieder auf das Wesentliche zu beschränken.


    Der Thessalier rollte die Augen. Chrysogona war gespannt wie er die Ankündigung aufnehmen würde, dass er bald eine Nacht im Abaton, dem Schlafhaus, verbringen würde.


    Der Patient lächelte erfreut.
    "Wunderbar! Na endlich! Wann darf ich denn dort schlafen? Heute noch?"


    Der Archiatros schüttelte den Kopf.
    "Selbstverständlich nicht. Zunächst wirst du dem Heilgott Asklepios opfern und fasten müssen. Plinia Chrysogona wird dich anleiten. Wir sehen uns dann nach deinem hoffentlich traumreichen Schlaf im Abaton wieder."


    Der Thessalier starrte den Archiatros entsetzt an.
    "Fasten? Ja ich faste doch ohnehin schon..."


    Doch Thychicus hatte die Konsultation bereits beendet. Chrysogona konnte ein feines Lächeln nicht unterdrücken. O ja, er würde fasten... und wie!

  • Zwei Tage der intensiven Reinigung mit Emetica, purgierenden Klystieren und strickter Enthaltsamkeit hatten den thessalischen Patienten auf die Incubation vorbereitet.


    An diesem Morgen hatte er sich in den Thermen zudem einer äußerlichen Reinigung unterzogen. Diese Nacht sollte er im Abaton verbringen. Doch zuvor standen das Opfer am prunkvollen Altar der Heilgötter Asklepios und Hygieia sowie eine Geldspende an die Priesterschaft an.
    Auf der ersten Ebene des in drei monumentalen Terrassen aufgebauten Kultareals wartete Chrysogona auf den Thessalier. Er trug das für die Incubation vorgeschriebene ungegürtete, einfache Gewand ohne jede Gewandspange und hielt einen Käfig in der Hand in dem ein Hahn aufgeregt mit den Flügeln schlug. Der Blick mit dem er die Medica musterte zeigte seine tiefe Abneigung. Dass der Archiatros ihre Maßnahmen nicht nur verteidigt hatte sondern ihm zudem noch auferlegt hatte öde Gedichte zu rezitieren und einem blinden Greis vorzulesen, legte er Chrysogona zur Last.


    Die Medica sah über die unverhohlen zur Schau getragene Missgunst hinweg und fragte emotionslos:
    "Hast du alles befolgt, was dir aufgetragen wurde und bist du vorbereitet?"


    Der Thessalier nickte mit zusammengekniffenen Lippen und brummte etwas Unverständliches, das aber eine Zustimmung nahelegte. Chrysogona nickte ebenso kurz und lud den Patienten dann mit einer Handbewegung ein mit ihr zu gehen.
    "Nun, dann lass uns gehen."


    Sie stiegen gemeinsam die Freitreppe zur mittleren Ebene hinauf. Vor ihnen stand der begehbare prunkvolle Altar, rechts davon war der Tempel mit den Kultbildern des Asklepios und der Hygieia zu sehen. Links neben dem Tempel stand ein Bau für die Priesterschaft, links vom Altar ein weiterer Tempel, der dem Apollon Kyparissios geweiht war. Im Hintergrund konnte man einen langgestreckten Bau erkennen, der früher als Abaton gedient hatte, heute aber zur Aufbewahrung der Weihgaben diente. Das Abaton befand sich inzwischen auf der obersten Ebene.


    Ein weißgewandeter Priester kam ihnen entgegen. Er lächelte milde. Chrysogona überließ den Thessalier dem Priester und sah zu wie beide zunächst zum Tempel gingen um das Voropfer zu vollziehen. Nach einer Weile erschienen beide wieder, nun sollte der Hahn auf dem großen Opfertisch im Inneren des von Säulengängen umstandenen Altars sein Leben lassen. Chrysogona hatte schon oft im Inneren des eindrucksvollen Altars gestanden und all die Statuen bewundert, die als Representanten der Götter dem Opfernden bei seinem Dienst an den Heilgöttern zusahen.


    Mit zufriedenem Lächeln erschien der Thessalier auf den Stufen des Altars. Die Götter schienen sein Opfer angenommen zu haben.
    Auf ihrem Weg durch aberhunderte von Weihgeschenken welche die drei Terassen des Kultareals schmückten erklärte Chrysogona einige der schönsten und berühmtesten Stücke.


    "Dies ist der Antigonos des Apelles, das dort die Aphrodite Anadyomene."
    Ihr Finger zeigte auf die Statuen, die deutlich die Hand eines herausragenden Künstlers verrieten.


    "Folge mir und bedenke, dass wir nun zur letzten Ebene emporsteigen werden, auf der du die Anweisenheit des Gottes deutlich spüren kannst."
    Wenn du dazu in der Lage bist, dachte sich Chrysogona ohne es auszusprechen. Sie raffte ihr faltenreiches Gewand und betrat die unterste Stufe der eindrucksvollen Treppe zur dritten Ebene.

  • Als sie die oberste Terrasse erreicht hatten überreichte ein Tempeldiener dem Thessalier einen Kranz aus Blättern, duftenden Kräutern und Blumen. Der Mann sah Chrysogona fragend an.
    "Diesen Kranz sollst du später tragen, wenn du gemeinsam mit den anderen Heilungsuchenden die Gesänge und Gebete an die Heilgötter richten wirst."


    Der abfällige Gesichtsausdruck gefiel der Medica keineswegs. Sie holte deshalb aus und zitierte zunächst Porphyrios bevor sie eine Erklärung folgen ließ.
    "Rein muss sein, wer in den duftenden Tempel tritt, rein sein ist aber, heilige Gedanken zu haben. Im Schlaf dringt die Seele in die Tiefen des Körpers vor und nimmt den Zustand des Körpers war. Der Traum ist die Schnittstelle zwischen Körper und Seele, das Medium ist der Gott, der dir zum Gewinn einer höheren Erkenntnis verhelfen kann, wenn du bereit dazu bist, dich seiner Führung anzuvertrauen."


    Chrysogona bog nach rechts ab und betrat mit ihrem Patienten die umlaufende Säulenhalle mit den Schlafkammern.
    "Ich zeige dir zunächst deine Schlafzelle, dann kannst du dir im Tempel die Götterstatuen und vor allem die vielen Weihegeschenke und Votivtafeln ansehen. Sie werden deine Seele auf den Ratschlag des Gottes vorbereiten. Folge mir."


    Sie öffnete eine der Türen und gab den Weg in eine kleine Kammer frei. Der Raum war winzig. Mehr als eine Liege und ein Nachttisch hatten nicht Platz darin. Der Thessalier seufzte. Komfort sah anders aus. Chrysogona deutete auf die Wachstafel und den Stylus auf dem Nachttisch.
    "Du sollst alle Träume aufschreiben, die du heute Nacht haben wirst. Der prägnanteste Traum ist der Wichtigste. Solltest du keinen Traum haben wirst du noch weitere Tage mit Fasten und weitere Nächte im Abaton verbringen dürfen."


    Die Medica hoffte, dass diese Ankündigung dazu führen würde, dass der Thessalier ihr am kommenden Tag einen Traum präsentieren konnte. Sie führte weiter aus.
    "Auf den Nachttisch legst du vor dem Einschlafen eine Münze für Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung. Sie wird dir hoffentlich helfen, dich an den Traum zu erinnern."


    Der Thessalier nickte.


    "Wenn du bereit bist, kannst du dir im Tempel die Zeit vertreiben. Sobald die anderen Ratsuchenden bereit sind werden die Priester euch mit Gesängen und Gebeten sowie der Schau der heiligen Schlangen auf die kommende Nacht einstimmen. Und vergiss nicht den Kranz aufzusetzen. Wir sehen uns morgen wieder. Ich wünsche dir einen traumreichen Schlaf."


    Dem sonst nicht um Worte verlegenen Mann, schien es die Sprache verschlagen zu haben. Er nickte ergeben, setzte sich den Kranz auf das Haupt und begab sich zum Tempel des Asklepios.

  • [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/22.08.15/21p8g9pulhw.jpg|Musca


    Vor zwei Tagen war der schmale Mann Musca mit einem Handelsschiff auf die Insel gekommen. Lieblich war ihm der Duft der Pinien, Zypressen und wilden Kräuter in die Nase gestiegen, als er den lärmenden Hafen hinter sich gelassen, und den Weg ins Landesinnere eingeschlagen hatte.
    Eine bewegte Geschichte hatte diese kleine Insel, die hier so haargenau an der Grenze zwischen griechisch und asiatisch geprägtem Raum lag, sie hatte Dorern, Persern, Spartanern, Karern, Makedonen gehört... Und auch in der Zukunft würde sich, bedingt durch diese ganz besondere Lage, immer wieder das große Weltgeschehen an den Gestaden dieser kleinen Insel zeigen.
    Doch davon wußte der Reisende nichts. Er war auf dem Weg zum berühmten Heiligtum des Asklepios, von dem man sagte, dass es auf der Welt nicht seinesgleichen hatte. An die fünfhundert Jahre, so hieß es, wurden hier bereits kundig die Heilkunst praktiziert und gelehrt. An den berühmtesten aller Ärzte, Hippokrates von Kos, erinnerte eine Platane von gewaltigem Umfang – der Weise sollte sie einst selbst gepflanzt haben.


    Viele Menschen gingen den selben Weg. Andere wurden auf Bahren getragen. Und ein Grüppchen, das sich nur langsam dahinschleppte, bestand aus Kranken, die sich ganz und gar verhüllt hatten, und stets auf Abstand zu den anderen blieben.
    Die imposanten Anlagen des Tempels hatten dann auch den doch recht abgebrühten Reisenden zum Staunen gebracht. In einem Gästehaus hatte er sich einquartiert. Im Gespräch mit anderen Gästen und Patienten, die schon länger hier weilten, hatte er treuherzig durchblicken lassen, ein besonders delikates medizinisches Problem zu haben, doch in Behandlung hatte er sich noch nicht begeben, nein, er war mal hier mal da und unterhielt sich angeregt und freundlich mit jedermann. Wobei er sich nach und nach eingehend informierte, über die hiesige Ärzteschaft, und insbesondere über die Medica Chrysogona. Was er erfuhr, schien ihm Vertrauen eingeflößt zu haben, denn schließlich vereinbarte er beim Tempelpersonal einen Termin für eine Konsultation bei ihr.


  • Pedanios


    Der Assistent der Medica Chrysogona holte den wartenden Musca ab, der auf einer Steinbank in einer der Säulenhallen der untersten Terrasse saß. Dort warteten neben ihm noch andere Heilungsuchende auf ihren Konsultationstermin.


    "Dein Name ist Musca?", fragte er. Als der Praetorianer bejahte, forderte Pedanios ihn mit einer Handbewegung auf, sich zu erheben.
    "Folge mir!"


    Padanios ging zügig voran. Chrysogona war eine vielbeschäftigte Frau. Sie hatte einen hervorragenden Ruf und nicht wenige der Ratsuchenden wollten explizit sie sprechen. Neben der Thermenanlage unter den Kollonaden auf der linken Seite des Hofes waren die Untersuchungs- und Behandlungsräume der Medici untergebracht. Er öffnete die Tür zu einem der Räume.
    "Hier hinein, bitte."


    Der Behandlungsraum war hell und luftig. Gegenüber der Eingangstür befand sich eine hölzerne Flügeltür, die geöffnet war, um Luft und Licht hereinzulassen. Sie gab den Blick auf das Meer unterhalb des Asklepieions frei. Ein zierliches Tischchen mit vier Beinen und zwei Hocker, eine Therapieliege und einige Regale mit Behältnissen für Salben und Medikamente bildeten die karge Ausstattung. An der Wand hingen verschieden große, bronzene Schröpfköpfe. Auf einem einfachen Tischchen auf der rechten Seite standen Schüsseln und Karaffen, darunter stapelten sich Tücher, Bandagen und Schwämme. Mehrere Kästchen und zylindrische Gefäße enthielten medizinische Instrumente.


    Padanios wies auf einen der Hocker. "Nimm bitte Platz. Plinia Chrysogona wird gleich zu dir kommen."

  • Chrysogona kam von der morgendlichen Besprechung der Medici. Man hatte über einen besonders interessanten Fall gesprochen und sich fachlich untereinander ausgetauscht. Die Medica liebte diese intensiven Fachgespräche, bei denen jeder der hervorragenden Medici des Asklepieions seine Kenntnisse zum Wohle des Patienten mit den anderen teilte. Wieder hatte sie das Gefühl etwas dazugelernt zu haben.


    Sie öffnete die Tür zum Behandlungsraum mit Schwung. Vor ihr saß ein Mann in mittleren Jahren, schmal, fast hager, mit deutlichen Falten um den Mund: ein Magenleiden? Auch die Haut wirkte etwas fahl, er schien Digestitionsbeschwerden zu haben.


    "Salve", grüßte sie knapp und wartete, dass sich der Besucher erhob. "Mein Name ist Plinia Chrysogona, ich bin Medica."


    Dann wartete sie darauf, dass er sich vorstellte. Sie war es gewöhnt, dass vor allem Männer gewisse Vorurteile gegen eine Frau im Beruf des Medicus hatten. Ihre Haltung strahlte dennoch Würde und Selbstbewußtsein aus. Die vielen Erfolge bewiesen, dass eine Frau ebenso fähig in diesem Beruf sein konnte wie ein Mann und Chrysogonas Kollegen hatten das auch längst eingesehen.

  • [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/22.08.15/21p8g9pulhw.jpg|Musca


    Schnellen Schrittes folgte Musca dem hurtigen jungen Assistenten. Im Behandlungsaum angekommen, beobachtete er konzentriert seine Umgebung... und er wunderte sich.
    Die Valetudinarien, die er im Laufe seines Militärlebens kennengelernt hatte, die waren zwar auch sauber und modern gewesen – aber kein Vergleich zu der lichten, nahezu einladenden Atmosphäre, die hier herrschte. Musca trat zur Flügeltüre, sah hinaus: Meerblick. Doch er verweilte nicht im Anblick dieser Idylle, sondern warf aus Gewohnheit einen scharfen Blick hinaus, vergewisserte sich dass keine Lauscher zugegen waren.
    Kaum hatte er dann Platz genommen, erschien bereits schwungvoll die Medica.
    "Salve, werte Medica." grüßte Musca, sich erhebend. Er fühlte sich sogleich auf eine sehr eingehende Weise gemustert, und musterte seinerseits die bedeutende Gelehrte. Ihr beträchtliches Renommee und ihr würdevoller Auftritt täuschten beinahe darüber hinweg, doch sie war noch ziemlich jung... Andererseits zeugte es natürlich von besonderem Können, sich diesen großen Ruf schon in so jungen Jahren erworben zu haben.
    "Ich bin der Optio Marius Musca, Evocatus in der Prätorianischen Garde." Musca zeigte ihr sein Signaculum vor, um sich auszuweisen.
    Ob die Medica den Braten schon roch? Die Reise des Evocatus war ja die Folge eines Briefwechsels, den sein Tribun mit dem ehemaligen kaiserlichen Leibarzt Plinius Phoebus in Alexandria geführt hatte.
    "Und ich habe den weiten Weg von Rom hierher nicht um meiner eigenen Gesundheit willen auf mich genommen. Ich selbst bin sozusagen gesund und munter wie eine Fliege an der Decke." stellte Musca fest, (wobei er seine alte Kriegsverletzung und seine schrecklich träge Verdauung einmal beiseite ließ.) "Weil ich nämlich jeden Tag ein Gläschen bestes Rethymnisches Olivenöl trinke, das wirkt Wunder. - Nein, ich bin hier, der Gesundheit einer sehr..." Er schmunzelte, und unterstrich die Worte mit einer ausholenden Geste. "...sehr viel höhergestellten Persönlichkeit wegen."




  • Die Stimme des Mannes war angenehm. Er machte einen entschlossenen Eindruck. Unter Vorzeigen des Signaculums stellte er sich als Marius Musca, Evocatus der Prätorianergarde vor. Chrysogona hob die Augenbrauen. Selten kamen Angehörige der römischen Truppen ins Asklepieion. Die meisten wurden bei medizinischen Problemen in den Valetudinaria der Legionslager versorgt. Nur ein paar Mal hatte sie ranghohe Offiziere in den Behandlungsräumen des Museions in Alexandria erlebt. Dort hatte ihr Vater sie im Beisein seiner Tochter behandelt. Auf Kos hatte sich noch keiner von ihnen verirrt, seit die Medica dort ihren Dienst tat.
    Die darauffolgende Ankündigung bestätigte Chrysogonas Vermutung. Der Mann kam nicht, um sich behandeln zu lassen, wobei sie sich sicher war, dass sein Verdauungstrakt behandlungsbedürftig war, sondern er hatte einen Auftrag. Sie sah Musca neugierig und auffordernd in die Augen.


    "So?", fragte sie mit einem spöttischen Unterton. "Diese höher gestellte Persönlichkeit ist also so krank, dass sie nicht reisen kann und will sich von dir im Abaton vertreten lassen?"


    Es kam tatsächlich vor, dass Heilungsuchende, die zu krank für die Seereise nach Kos waren, Vertreter schickten, die sich für sie der Incubation unterzogen, um den Traum des Heilgottes zu empfangen. Die Vertreter überlieferten dann die Ratschläge an die zuhause verbliebenen Kranken.
    Doch Chrysogona ahnte, dass das nicht der Grund war. Sie wollte dem Prätorianer auf den Zahn fühlen. Die Geheimniskrämerei machte sie neugierig.

  • [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/22.08.15/21p8g9pulhw.jpg| Optio Marius Musca


    "Mitnichten." erwiderte der Prätorianer, und seine grauen Augen erwiderten ruhig den Blick der Medica. Zugleich glomm ein verschmitzter Funken von Vergnügen darin, denn der stachelige Scharfsinn dieser jungen Gelehrten war ganz nach seinem Geschmack. "Was ich beinahe ein wenig bedaure... ich interessiere mich nämlich sehr für Traumdeutung." Um den Kameraden ihre Träume zu deren Zufriedenheit auszulegen hatte es zumindest gereicht.
    "Aber nein, glücklicherweise erfreut sich diese höher gestellte Person ebenfalls bester Gesundheit, so wie..." Die Fliege an der Decke war jetzt wohl kein guter Vergleich. Ein Fisch im Wasser? "...so stark und stolz wie ein Adler, hoch in den Lüften. Und mögen die unsterblichen Götter uns gewogen sein, damit es weiter so bleibt. Denn die Gesundheit dieser höher gestellten Person ist von entscheidender, ja, ich will sagen, von staatstragender Bedeutung. Für das Reich, für seine Provinzen, für uns alle."
    Den angegrauten Kopf etwas schräg legend beobachtete Musca den Effekt der Enthüllung.
    "Du wirst mir gewiss zustimmen, verehrte Medica Plinia Chrysogona, wenn ich sage, dass zur Wahrung jener so unendlich kostbaren Gesundheit, nur die besten, die begnadetsten Ärzte des Reiches berufen sein könnnen."



  • Hatte sie es doch geahnt! Er sprach nicht für irgendeinen Senator oder Procurator vor, die Anspielung mit dem Adler hoch in den Lüften und die nachfolgenden Erläuterungen machten es deutlich. Er sprach vom römischen Kaiser! Dem neuen Kaiser auf dem Thron des Imperiums.
    In Chrysogonas Kopf überschlugen sich die Gedanken und das sah man ihr vermutlich auch an. Ihr Vater war bereits Leibarzt eines römischen Kaisers gewesen. Unglücklicherweise war gerade jener Kaiser samt Familie einem Giftmord zum Opfer gefallen. Sein Tod und die darauffolgenden Beschuldigungen sowie der einsetzende Bürgerkrieg um die Nachfolge des Valerianus, hatten ihren Vater aus Rom vertrieben. Nun stand dieser Prätorianer vor ihr und machte nebulöse Andeutungen.


    Chrysogonas Atem war flacher geworden, ihr Blick noch eine Spur investigativer als sie erneut mit amüsiertem Unterton nachhakte.
    "Richtig. Nur den besten Ärzten des Reiches sollte die Erhaltung und Bewahrung der Gesundheit dieses besonderen Mannes und seiner Familie überlassen werden. Ganz meiner Meinung. Und falls du in Alexandria nicht fündig wurdest...." Chrysogona vermutete, dass man ihren Vater bereits gefragt hatte, ob er dieses Aufgabe übernehmen würde. "...bist du sicherlich hier im Asklepieion von Kos am richtigen Ort. Nur, darf ich fragen, warum du damit ausgerechnet zu mir kommst? Willst du meinen Rat, welcher der Ärzte hier wohl am besten geeignet wäre? Nun, ohne Zweifel Gaius Stertius Tychicus, der Archiatros des Asklepieions. Dafür aber musstest du nicht zu mir kommen..."

  • [Blockierte Grafik: http://www11.pic-upload.de/22.08.15/21p8g9pulhw.jpg| Optio Marius Musca


    Die Enthüllung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt, doch die Medica bewahrte Haltung und forschte weiter nach. Ein Talent, so dachte der Prätorianer bei sich, welches ihr im Intrigenlabyrinth des kaiserlichen Hofes sicher sehr nützlich sein würde. So alles glattging natürlich.
    "Deine Bescheidenheit ziert dich, Plinia Chrysogona, nahezu so reizend wie dein Scharfsinn." erwiderte er ihr liebenswürdig, "doch dein Ruf spricht für sich." Und der Eindruck, den Musca hier vor Ort gewonnen hatte, entsprach dem voll und ganz. Darum zog er nun aus einer Falte seines Gewandes den Brief hervor, den er seit Rom bei sich trug, und überreichte ihn ihr.
    "Doch lies selbst. Dies sendet dir mein Tribun."



    An
    Medica Plinia Chrysogona
    Asklepieion
    Kos



    Gardetribun F. Decimus Serapio grüßt die Medica Plinia Chrysogona.


    Ehrenwerte Medica, unser allergnädigster Kaiser hat mich damit betraut, einen fähigen Leibarzt für ihn und seine Familie ausfindig zu machen. Aufgrund Deines hervorragenden Rufes, und der Empfehlung Deines höchst verdienstvollen Vaters, ist meine Wahl auf Dich gefallen. Hiermit lade ich Dich ein, nach Rom zu kommen, um unserem Imperator vorgestellt zu werden, und ihn von deiner weithin gerühmten Heilkunst zu überzeugen. Es wäre mir eine Freude und eine Beruhigung, die Position des kaiserlichen Leibarztes wiederum in verantwortungsvollen plinianischen Händen zu sehen.
    Über Deine Sicherheit auf der Reise wird der Optio Marius Musca wachen, und natürlich alle Unkosten übernehmen. In Rom angekommen, sei herzlich eingeladen als Gast im Hause meiner Familie zu verweilen, der Casa Decima Mercator auf dem Mons Caelius.
    Vale bene.





  • Charmant war dieser Musca, das musste Chrysogona ihm lassen. Nicht, dass sie dafür besonders empfänglich gewesen wäre, doch seine Komplimente gingen runter wie bestes Olivenöl. Als er dann jedoch statt einer Antwort ein Schreiben aus den Falten seines Gewandes zauberte, hob Chrysogona überrascht die Augenbrauen. Sie nahm es ihm ab und las. Zeile für Zeile las sie, was dort stand, zunächst noch halbwegs gefasst, dann jedoch mit zitternder Hand.
    Es war ein Schreiben des Tribuns der Prätorianergarde. Faustus Decimus Serapio hieß er. Der Kaiser hatte den Tribun damit beauftagt einen Leibarzt für den Kaiser zu finden und dabei war die Wahl auf sie gefallen. Und tatsächlich war es ihr eigener Vater gewesen, der den Vorschlag unterbreitet hatte! Der Tribun der Garde bot ihr sogar seine Gastfreundschaft an, während sie beim Kaiser vorstellig wurde.


    Chrysogona atmete tief durch. Sie ließ den Brief sinken und sah den Boten fragend an. Ihr war bewusst, dass dies noch keine Garantie auf eine Stellung als kaiserliche Medica war, doch es war eine ungewöhnliche Auszeichnung, dass man gerade an sie gedacht und nach ihr geschickt hatte.
    Vermutlich war es unglaublich unhöflich nicht sofort zuzustimmen, doch Chrysogona jagten tausend Gedanken durch den Kopf. Sie hatte eine sichere Stellung am Asklepieion von Kos, hatte sich dort einen herausragenden Ruf erworben und glaubte noch lange nicht ausgelernt zu haben. Lernte man überhaupt jemals aus? Vermutlich nicht. Gerade die Medizin war ein so weites Feld, dass man wohl nie im Besitz der einzig richtigen und heilversprechenden Therapiemethode war.


    Was würde sie erwarten in Rom? Eine Gästezimmer in der Casa Decima Mercator auf dem Mons Caelius. Das sagte Chrysogona überhaupt nichts. Sie wusste wohl, dass Rom auf sieben Hügeln erbaut war, das war Allgemeinwissen. Sie hätte vermutlich auch alle sieben Namen aufsagen können, aber was bedeutete das? Rom war der Nabel der Welt. Sie war in Alexandria aufgewachsen. Einer großen und bedeutenden Stadt. Aber was war Alexandria gegen Rom? Noch dazu lebte sie nun schon einige Jahre auf Kos, einer beschaulichen Insel, weit weg vom weltpolitischen Geschehen. Die Postition, die man ihr in Aussicht stellte, war heikel und faszinierend zugleich. Wenn sie genommen würde, wäre sie ganz nah dran an der wichigsten Person des Imperiums und seiner Familie. Diese Vorstellung war mehr als faszinierend auch wenn sie den Kaiser und seine Familie noch nicht kannte. Auf der anderen Seite barg die Rolle als Leibärztin auch große Risiken. Ihr Vater hatte erleben müssen, was es bedeutete, wenn man für die Gesundheit des ersten Mannes im Staate zuständig war. Man hatte ihm Vorwürfe gemacht, als der Kaiser einem Giftanschlag zum Opfer gefallen war. Nur mit Glück hatte er seine Haut retten können. Wollte Chrysogona dieses Risiko eingehen?


    Sie sah Musca lange an. Dann antwortete sie.
    "Bitte versteh mich nicht falsch, doch über die Antwort auf dieses Schreiben muss ich unbedingt eine Nacht schlafen. Es ist nicht irgendeine Aufgabe, die man mir in diesem Brief anbietet. Sie ist reizvoll aber auch riskant. Dazu kommt, dass ich hier etwas aufgeben müsste, das ich mir mit Fleiß erarbeitet habe. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit mich im Kreise der besten Medici ständig fortzubilden. Ich würde also sehr viel aufgeben. Magst du mir die Möglichkeit geben, eine Nacht darüber zu schlafen? Dann will ich dir morgen eine Antwort geben."

  • Die weiteren Konsultationen des Vormittag brachte Chrysogona diszipliniert wie eh und ja hinter sich, wenn sie auch ab und an mit ihren Gedanken zu der schweren Entscheidung abdriftete, die vor ihr lag.


    Am Nachmittag, während sich die meisten Patienten in der Therme aufhielten, nahm sich Chrysogona Zeit, mit sich und ihren Gedanken alleine zu sein. Sie verließ den Gebäudekomplex des Asklepieion und spazierte durch den heiligen Zypressenhain des Apollo Kyparissios, der die Anlage umgab. Es war still, nur das Rauschen des Windes war in den Zweigen der Zypressen zu hören. Chrysogona erinnerte sich daran, dass im Orakelheiligtum von Dordona die Zukunft aus dem Rauschen des Windes in den heiligen Eichen des Zeus gehört wurde. Ob sie ihre Zukunft aus dem Rauschen der Zypressen würde hören können? Die Medica lauschte. Es klang schön, beruhigend. Aber eine Antwort konnte sie so nicht finden. Dennoch versank Chrysogona in eine Art meditativen Zustand, der es ihr ermöglichte, eine Bitte an den Orakelgott Apollo zu senden. Sie bat ihn um einen Traum, der ihr die Antwort auf die schwierige Entscheidung erleichtern möge.


    Zu gerne hätte sie ihren Vater um Rat gefragt, aber ein Brief nach Alexandria wäre zu lang unterwegs. Sie hatte nur eine Nacht. Und im Prinzip hatte ihr Vater ihr seine Antwort bereits übermittelt. Er hatte ihren Namen ins Spiel gebracht. Also traute er ihr diese Aufgabe zu.


    Seufzend trat Chrysogona an den Rand des Hochplateaus und blickte über die glitzernden Wellen des Meeres hinweg. Irgendwo in der Ferne, weit weg von Kos, weit weg von Alexandria, wartete eine Herausforderung auf sie. War sie bereit, sie anzunehmen? Sich in das Schlangennest Rom zu begeben? Ins Zentrum der Macht?


    Als sie sich an diesem Abend schlafen legte, legte sie eine Münze für Mnemosyne auf ihren Nachttisch. Sie hoffte, in dieser Nacht eine Antwort auf ihre Frage zu bekommen und sie wollte sich unbedingt daran erinnern, wenn sie aufwachte.

  • Es war Chrysogona nicht leicht gefallen Schlaf zu finden. Zu aufwühlend waren der Besuch des Optios und der Brief aus Rom gewesen. Doch irgendwann in den frühen Morgenstunden hatte sie einen sehr lebendigen Traum.


    Chrysogona stieg die Stufen des Tempels hinauf der Asklepios und Hygieia geweiht war. Sie betrat die Cella und spendete beiden Göttern Weihrauch. Deutlich formulierte sie ihren Dank für die hinter ihr liegende Lehrzeit am Asklepieion und die offensichtliche Gunst der Heilgötter. Anschließend bat sie um einen Wink der Götter bezüglich der Anfrage aus Rom. Lange stand sie dort, wartete auf ein Zeichen. Sie betrachtete das bärtige Antlitz des Heilgottes und die zarten Gesichtszüge seiner Tochter. Doch nichts ließ auf ein Zeichen schließen. Der Rauch zog kräuselnd zum Dach des Heiligtums empor, kein Luftzug, kein Mucks ließ auf eine Reaktion der Götter schließen. Schließlich ließ Chrysogona die zum Gebet erhobenen Hände sinken und zog sich resigniert zurück. Am Tor des Tempel drehte sie sich um und durchquerte die Vorhalle.


    Als sie gerade die Stufen hinabsteigen wollte, erblickte sie in der Ferne einen schwarzen Punkt, der rasch näher kam. Es war ein Vogel, ein großer Raubvogel. Er trug etwas in den Fängen. Gebannt starrte Chrysogona auf den Vogel. Es war ein Adler! Und er trug eine Schlange in den Krallen! Mit einem markdurchdringenden Schrei drehte er direkt vor Chrysogona ab und ließ die Schlange vor ihre Füße fallen. Dann entschwand er in die Lüfte.


    Die Medica setzte sich auf. Sie atmete tief durch. Eindeutig war das Zeichen, das ihr die Götter gesandt hatten. Der Traum war nicht schwer zu interpretieren und bestätigte das Vertrauen ihres Vaters. Es war also im Sinne der Götter, dass sie den weiten Weg nach Rom machte, um sich dem Kaiser vorzustellen.
    Chrysogona würde Optio Marius Musca und dann auch den Kollegen am Asklepieion ihre Entscheidung mitteilen.

  • Mit einem feinen Lächeln hatte der Optio Marius Musca Chrysogonas Zustimmung hingenommen. Er hatte wohl längst geahnt, dass die ehrgeizige Medica sich diese Chance nicht entgehen lassen würde.


    Am selben Tag noch hatte Chrysogona den Archiatros des Asklepieions Gaius Stertius Tychicus von dem Angebot aus Rom und ihrer Entscheidung informiert. Tychicus schien nicht überrascht zu sein, wohl aber traurig, eine seiner fähigsten Mitarbeiterinnen zu verlieren. Er versprach ihr, dass sie jederzeit willkommen wäre, falls sie die Gunst des Kaisers nicht erlangen oder wieder verlieren würde. Dankbar hatte Chrysogona dieses Versprechen gehört, denn es stand schließlich noch in den Sternen, ob sie den Imperator von ihren Fähigkeiten überzeugen können würde.


    Am darauffolgenden Morgen stand Chrysogona mit ihrem Assistenten Kairos in dem Behandlungsraum, den sie in den vergangenen Jahren ihr Eigen hatte nennen dürfen und packte. Sechs verschieden große bronzene Schröpfköpfe wurden in einer Kiste verstaut, desweiteren diverse Gefäße mit Heilmitteln von denen Chrysogona annahm, dass sie in Rom nicht so einfach aufzutreiben sein würden.


    Mit sanfter Hand strich sie über das hölzerne Kästchen, das ihre Instrumente enthielt. In zwei übereinander angeordneten kleinen Schubfächern, waren die Skalpelle, Knochenheber, Spatel und Sonden, Pinzetten und Ohrlöffelchen in jeweils passende Aussparungen einsortiert. Die Klingen waren austauschbar, die Griffe der Instrumente edel verziert mit Tauschierungen in Form einer Schlange. Das Instrumentenkästchen und sein Inhalt waren ein Geschenk ihres Vaters gewesen, als er sie vor Jahren ans Asklepieion von Kos schickte.
    Chrysogona reichte Kairos das Kästchen. Sie lächelte.


    "Du wirst mir fehlen Kairos. Ich hatte nie zuvor einen so fähigen Helfer wie dich. Mein Nachfolger darf sich glücklich schätzen."
    Die Medica reichte dem Sohn eines Olivenbauern beide Hände und drückte seine. Es fiel ihr schwer, Abschied von Kos zu nehmen. Abrupt riss sie sich los und drehte Kairos den Rücken zu. Sie bewegte sich auf die weit geöffnet Tür zu, die den herrlichen Ausblick auf das Meer freigab.
    "Du kannst die Sachen zum Hafen hinunter bringen. Ich werde gleich nachkommen."


    Während ihr Assistent die Kiste mit Instrumenten und Heilmitteln auf einen Wagen lud, auf dem auch schon eine Reisetruhe mit Chrysogonas Kleidung Platz gefunden hatte, schritt die Medica ein letztes Mal die Stufen zur obersten Terrasse des Heiligtums hinauf und betrat den Tempel des Asklepios. Nachdenklich ging sie an all den Weihgaben und Votivtafeln vorbei und versuchte sich den Anblick einzuprägen, damit er auch in der Fremde bei ihr blieb.


    Dann wandte sie sich zum Gehen, ließ Tempel und Abaton hinter sich, ebenso die Tempel der mittleren Terrasse. Vor dem Tor des Heiligtums auf der untersten Ebene hatten sich die Kollegen versammelt, um Chrysogona zu verabschieden. Die Medica war kein gefühlsbetonter Mensch, doch konnte sie sich in diesem Augenblick einer gewissen Sentimentalität nicht erwehren. Sie umarmte und schüttelte Hände. Gute Wünsche und weise Ratschläge vermischten sich mit Scherzen und Sticheleien. Da musste sogar die ernste Medica grinsen. Sie sprach einen letzten Dank an den Archiatros Tychicus aus und verprach bald zu schreiben. Dann wandte sie sich ab, durchquerte das Tor und lief zum Hafen hinunter.

  • Optio Marius Musca wartete bereits am Hafen auf Chrysogona. Er hatte alle Formalitäten erledigt und das Gepäck der Medica verstauen lassen. Galant reichte er Chrysogona die Hand um ihr an Bord zu helfen. Der schnelle Segler würde im günstigsten Falle gut zwei Wochen unterwegs sein. Noch war das Wetter hervorragend, eine angenehme Brise würde die Fahrt erleichtern. Doch es war bereits September und somit konnten jederzeit Herbststürme aufziehen, die eine Überfahrt nach Rom zu einer gefährlichen Reise machen würden.


    Chrysogona begrüßte den Schiffsführer. Geschützt unter einem Sonnensegel, konnte sie das Ablegemanöver beobachten. Als sie den schönen Naturhafen von Kos verließen, blickte Chrysogona zurück auf die Stadt und das erhöht gelegene Asklepieion. Mit Wehmut betrachtete sie die imposante Anlage, die ihr so viele Jahre Heimat gewesen war. Ob sie jemals wiederkehren würde?

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