[Eine kleine Seitenstraße zwischen der Via Serapis und der Via Aspendia] Eine unscheinbare Taberna

  • Nach seinem Abschied von der Familie des Hieras in Rhakotis, die ihn wie einen Sohn aufgenommen und in deren Hütte er mit ihnen gewohnt hatte, befand Quintus Verginius Mamercus sich in einer seltsamen Stimmung: Es war dieses Gemisch aus sentimentaler Anhänglichkeit an eine liebe Vergangenheit und aufgekratzter Vorfreude auf die Zukunft - in seinem Fall auf seine Zukunft als Akroates im Museion von Alexandria -, die ihn mit einem Male auf eine überraschende Idee brachte. Möglicherweise war es aber auch ein launischer kleiner Dämon, der seine Füße nun leitete, oder der Weg des Verginiers war schon seit Urzeiten von den Göttern vorgezeichnet, ein Weg nämlich, der von Rhakotis aus jetzt keineswegs direkt zum Museion, seinem zukünftigen Lebensmittelpunkt und Wohnort, führte, sondern in eine kleine Seitenstraße zwischen der Via Serapis und der Via Aspendia.


    Als Quintus von der Familie des Hieras Abschied genommen hatte, war die Sonne bereits im Sinken begriffen gewesen; Quintus hatte mit seinem Weggang natürlich so lange gewartet, bis Fathia, Hanounah und eben Hieras von ihrem Tagwerk wieder in ihre Hütte zurückgekehrt waren. Jetzt stand die Sonne glühend rot am Horizont, um bald schon hinter diesem zu versinken; Quintus aber kam der Tag, der sich eben neigte, auf einmal wieder so jung vor, und ohne dass er sich's versah, stand er mit einem Male vor einer Taberna in eben jener kleinen Seitenstraße zwischen der Via Serapis und der Via Aspendia.

  • An der Außenwand der Taberna prangte ein Schild, das einen männlichen Pavian zeigte, welcher seine Arme zum Gruß erhoben hatte, also ein altbekanntes Motiv, das es in Alexandria auf Amuletten und Medaillen an jeder Ecke zu kaufen gab und das sich, wie man Quintus erzählt hatte, auch in ägyptischen Tempeln und Grabkammern fand. Nicht ganz überraschend nannte sich die Taberna denn auch "Der Gruß des Pavians".


    Quintus hatte von dieser Taberna schon gehört: Sie wurde, so hieß es, von einem Wirt betrieben, der aus Oberägypten stammte und dort in der Nähe eines römischen Legionslagers aufgewachsen war. Im "Gruß des Pavians" könne man, so wurde weiterhin über diese Taberna erzählt, einen Imbiss nehmen, allerdings sei die Auswahl an Speisen stark eingeschränkt und die Qualität des Essens eher mäßig. Um sich abends auf ein Getränk mit Freunden zu treffen, sei der "Gruß des Pavians" aber gerade richtig: Die Atmosphäre sei sehr angenehm, das Publikum gemischt, hauptsächlich bestehend aus Angehörigen der griechischsprachigen Mittelschicht, aber auch Ägypter verirrten sich hierher, und selbst Latein sei ab und an zu vernehmen.


    Eigentlich keine schlechte Lage, um eine Taberna zu unterhalten, ging es Quintus durch den Kopf: Hier so zwischen der Via Serapis und der Via Aspendia lag die Kneipe einerseits weit genug weg vom Elend und den rauhen Sitten Rhakotis' und andererseits auch ausreichend entfernt von den eingebildeten Leuten aus dem Dunstkreis des Palastviertels.


    Gerade dieser letzte Punkt spielte auch Quintus jetzt in die Karten: Für seinen Einzug als Akroates in das Museion hatte er sich natürlich heraus geputzt und sah daher ganz manierlich aus, aber natürlich nicht so wie jemand, der in den gehobenen Verhältnisses Alexandrias verkehrte. Der Verginier passte also an jenem Abend ganz gut zu den übrigen Gästen der Taberna "Der Gruß des Pavians" in der kleinen Seitenstraße zwischen der Via Serapis und der Via Aspendia - nur dass er kein Geld mehr hatte. Doch er hatte ja auch nicht vor zu bezahlen.

  • Mit einem entschlossenen Schritt überwand der Verginier die niedrige Schwelle, die den Höhenunterschied zwischen der Straße und dem Eingang zur Taberna überwand, und drückte die leichte hölzerne Tür auf, welche diesen Eingang darstellte. Sogleich stand er im Innern des "Gruß des Pavians".


    Einen Moment lang dauerte es, bis Quintus' in der Lage war, das Bild, das sich hier seinen Augen darbot, richtig zu erfassen. Bewusst wurde er sich dagegen schnell der Geräuschkulisse, die hier im Schankraum herrschte, und die machte einen durchaus guten Eindruck auf ihn: Die Gäste im "Gruß des Pavians" schienen sich angeregt zu unterhalten, aus verschiedenen Ecken war freundliches Gelächter zu hören, es ging sehr lebhaft zu - aber keine Spur von Geschrei oder gar Handgreiflichkeiten, wie sie in den Kneipen an der Tagesordnung gewesen waren, in denen Quintus sich früher herumgedrückt hatte. Und auch der optische Eindruck, den der "Gruß des Pavians" auf den Verginier machte, als er dessen nach einigen Augenblicken gewahr wurde, war überaus positiv, denn er bestätigte das gemischte und gut gelaunte Publikum, von dem Quintus hier in dieser Taberna schon hatte reden hören.


    Während dieser ersten Orientierung im Schankraum hatte Quintus noch immer im Eingangsbereich gestanden, direkt hinter der Tür, die er nach seinem Eintreten natürlich wieder geschlossen hatte. Soeben merkte er aber, dass die Tür wieder geöffnet wurde, weil neue Gäste in den Schankraum kamen. Es war für den Verginier also an der Zeit, sich ein Plätzchen im "Gruß des Pavians" zu suchen.



    Sim-Off:

    Ich bring das hier auch allein zu Ende :D, wenn aber jemand dem Verginier am letzten Abend vor seinem gefürchteten Einzug ins Museion noch Gesellschaft leisten möchte, ist er herzlich eingeladen, auch später noch.

  • Um den Gästen, die durch die Eingangstür in seinem Rücken gerade die Taberna "Gruß des Pavians" betraten, nicht im Weg zu stehen, machte Quintus einige Schritte nach vorn weiter hinein in den Schankraum. Plötzlich hörte er zu seiner Linken eine Stimme, die durch den Gesprächslärm in der Taberna hindurch von unten herauf bis an sein Ohr drang: "Immer zu mir, junger Mann!"


    Der Klang dieser Stimme war zwar durchaus bestimmend, aber gar nicht unfreundlich und schien außerdem aus einer solchen Nähe zu kommen, dass es für den Verginier keinen Zweifel darüber gab, dass die Anrede ihm galt. Er wandte sich daher in jene Richtung, aus der er die Stimme vernommen hatte, und beugte sich vorausschauend auch schon einmal ein wenig nach unten: An einem kleinen Tisch direkt links neben ihm saß eine Frau alleine, die so etwa um die vierzig Jahre alt sein mochte. Ganz sicher war Quintus sich mit ihrem Alter allerdings nicht, denn die Dame war offenbar Nubierin, und bei dem ohnehin nicht besonders hellen und außerdem noch flackernden Licht im Schankraum konnte er ihr Gesicht nicht richtig erkennen, ganz zu schweigen von ihrem Körper, da sie ja saß und der untere Teil ihres Leibes von der Tischplatte verdeckt wurde. Deutlich sah Quintus allerdings die Augen der Frau, die fröhlich und vielleicht sogar ein bisschen amüsiert auf ihm ruhten.


    "Guten Abend!" Quintus stammte aus geordneten Verhältnissen und außerdem auch noch aus einer Zeit, in der es selbstverständlich gewesen war, älteren Leuten, Damen zumal, Respekt entgegenzubringen. Sein Gruß klang daher ein bisschen schüchtern und wurde außerdem begleitet von einem Kopfnicken, das an eine leichte Verbeugung erinnerte. Ansonsten zeigte der Verginier aber keine weitere Regung; er wartete ab, was die Frau noch so alles zu sagen hatte.

  • Ob seiner juvenilen Ungebundenheit, welcher der junge Flavius sich nunmehr erfreute, hatte er nach zahllosen Abenden bisweilen ennuyanter Gastmähler im Hause seines Gastgebers, insonderheit jedoch einem Wink größter Klarität seitens des Sulpicius, ihm bisweilen das Haus zu überlassen und sich in den Straßen Alexandreias zu verlustieren, hatte Manius Minor heute gemeinsam mit Patrokolos den Beschluss gefasst, eine lokale Lokalität aufzusuchen und war letztlich in eben jenes Gasthaus geraten, in welchem Verginiius Mamercus seinen Abschied aus dem Leben der Ungebildeten zelebrierte.


    Eben er war es auch, welchem der Akroates in spe auszuweichen hatte, als die Tür sich öffnete und der kleine, dickliche Jüngling, welcher ob seiner Fehlsicht in noch weitaus größerem Maße von den luminösen Umständen war gehindert, in den Raum trat, dicht gefolgt von seinem ansehnlichen Sklaven.

  • "Na, setz dich schon nieder an meinen Tisch." Das war denn also der erste Satz von dem , was die Frau "noch so alles zu sagen hatte". Der Inhalt dieses Satzes war natürlich nicht überraschend nach der fröhlichen Aufforderung, mit der sie die Konversation mit dem zögernden Verginier bereits begonnen hatte. Unterstrichen wurde dieser Inhalt jetzt aber noch dadurch, dass die Frau mit ihrer Hand auf einen freien Stuhl deutete, der, wie Quintus jetzt sah, ihr gegenüber an ihrem Tisch stand. Außerdem kam es Quintus so vor, als sei dieser Satz zwar auch nach wie vor bestimmend ausgesprochen worden, aber noch ein Stückchen wärmer als die erste Einladung aus ihrem Mund, irgendwie fast ein bisschen mütterlich. Quintus war sich jetzt sicher mit dem Alter dieser Dame, dass er sich also mit seinem ersten Eindruck nicht allzu sehr verschätzt hatte.


    Etwas linkisch nahm er nun tatsächlich auf dem Stuhl, den sie ihm gewiesen hatte, Platz, wobei er ihr wiederum zunickte, allerdings nicht mehr so ausladend wie bei seiner Begrüßung, sondern eher als hastiger Dank. Sein weibliches Gegenüber wartete geduldig, bis der Verginier endlich unfallfrei auf der Sitzfläche seines Stuhls angekommen war; jetzt, da er der Frau aus etwa gleicher Höhe ins Gesicht blicken konnte, merkte er, dass sie ihn wirklich etwas belustigt ansah. Aber auch dabei wirkte sie kein bisschen unfreundlich.


    "Du musst wissen, junger Mann, mein Date hat mich versetzt. Jetzt wirst sicher du es sein, der eine Dame hier nicht so ohne Getränk sitzen lässt." Schon wieder hatte die Frau also etwas gesagt, was den wohlerzogenen Verginier nicht wirklich überraschen konnte: dass er ihr nämlich ein Getränk bezahlen sollte. Mit dem Bezahlen würde es freilich so eine Sache sein... - Quintus war noch in sorgenvollen Gedanken versunken, als seine neue Bekannte bereits wieder das Wort nahm: "Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich treffe mich sonst nur mit Männern meines Alters, und auch deine Figur... Der Mann, mit dem ich heute hier verabredet war, ist viel älter als du und so sehnig und schlank... Du bist halt wirklich überhaupt nicht mein Typ." Und, war das jetzt etwa überraschend für Quintus??? Die nubische Schönheit fügte jedenfalls lächelnd hinzu: "Ich hoffe, das beruhigt dich etwas."


    Doch um sich nachhaltig zu beruhigen, brauchte Quintus jetzt etwas Stärkendes. Er begann, sich nach einer Bedienung umzusehen. Seine neue Bekannte ließ ihn gewähren; Quintus entging nicht, dass sie ihn auch jetzt wieder leicht amüsiert beobachtete, irgendwie aber auch mit Sympathie, wie ihm schien. Mit einem Mal wandte sie ihren Blick allerdings von Quintus weg und sah an ihm vorbei auf einen weiteren Gast, der eben erst den Schankraum durch die Eingangstür betreten haben mochte, also kurz nach Quintus selbst, und der jetzt fast neben dem Verginier stand.


    "Noch so einer." Diese Worte sprach die Nubierin wohl eigentlich nur zu sich selbst. Sie klangen wiederum fast mütterlich und waren offenbar auf eben jenen Gast gemünzt, von dem Quintus jetzt sah, dass er noch ziemlich jung sein musste und augenscheinlich von einem Sklaven begleitet wurde. "Salve, mein lieber Freund. Wenn du nicht schon etwas Besseres im Sinn hast, setzt dich doch zu uns beiden. Mein Name ist Arsinoe und dieser junge Römer heißt ..."


    Nun hatte diese Arsinoe Quintus doch noch in Erstaunen versetzt: So lange schlug er sich jetzt schon in Alex durch, und sie hatte doch gleich in ihm den Römer erkannt. Der er ja eigentlich gar nicht war. Oder wenn, dann aber jedenfalls noch gar nicht so lange. - Aber das gehörte ja jetzt alles erst mal nicht hierher: "Quintus Verginius Mamercus". Arsinoe hatte Quintus bei ihren letzten Worten auffordernd angesehen; mit der Nennung seines Namens, bei der er abwechselnd sie und den neuen Gast ansah, kam er dieser Aufforderung und außerdem den Geboten der Höflichkeit nach.


    Außerdem hatte sich der Verginier von seinem Sitz erhoben: Nicht nur hatte der neue Gast, der nun an ihrem Tisch Platz nehmen sollte, einen Sklaven im Schlepptau, sondern er machte auch sonst den Eindruck, aus anderen, nämlich aus sehr viel höheren Kreisen zu stammen als Quintus. Hatte er da am Schuhwerk des Jungen nicht gar einen Halbmond gesehen? Aber vielleicht war dies nur ein Reflex des flackernden Lichts.


    Quintus jedenfalls versuchte gleich, sich wieder einmal praktisch und womöglich problemlösend zu betätigen, indem er loszog, einen freien Stuhl schnappte, der an einem Nachbartisch stand, und ihn an den Tisch der Arsinoe stellte, und zwar so, dass der junge Römer, wenn er sich denn zu ihnen setzen würde, sozusagen zwischen ihnen sitzen würde, also Arsinoe zur Rechten, und ihm, Quintus, zur Linken, während Quintus seinen alten Platz der Nubierin gegenüber behalten würde. Der junge Römer hätte damit an diesem Tisch den besten Platz, nämlich abseits von dem Gang, der zur Eingangstür der Taberna führte und auf dem ein ununterbrochenes Kommen und Gehen von Personal und Gästen herrschte.

  • Unschlüssig verharrte Manius Minor einen Schritt hinter der Pforte, während ihm die Vermutung sich erbot, dass eben jener Schritt womöglich ein Fehltritt mochte gewesen sein, da nunmehr sämtliche Impressionen jener lebhaften Gaststätte sich über ihn ergossen gleich einem Nachttopf, welcher unvermittelt aus einem oberen Stockwerk einen Passanten traf, kontenierend fremde Gesicht, welche zum Teile sich vorwitzig ihm entgegenreckten, partiell hingegen in hellenischer, ägyptischer und auch lateinischer Zunge undisturbiert weiter disputierten oder einen indefiniblen Brei aus irdenen Gefäßen sich einverleibten.


    Soeben also gedachte er, postwendend den Schankraum wieder zu verlassen, als mit einem Male eine Mohrin ihn adressierte, welche gemeinsam mit einem jungen Manne bei Tisch sich befand. Obschon es einiger Augenblicke bedurfte, bis der Jüngling das nebulöse Antlitz im mäßigen Lichte des Raumes hatte ausgemacht, selbstredend ohne sich zu approximieren, da dies mitnichten zu einer Melioration der visuellen Umstände hätte beigetragen, so wandte er sich doch nicht ab, da doch eine gewisse Indiskretion ihn hatte erfasst, aus welchem Grunde ausgerechnet jene, der Stimme zu urteilen nicht mehr blutjunge Dame, welche ob der augenscheinlichen Gesellschaft wo kaum eine gemeine Dirne war, ihn herbeizitierte. Fragend blickte er somit zu Patrokolos, welcher zweifelsohne besser imstande war, jene Situation zu ästimieren, welcher indessen lediglich mit den Schultern zuckte, dann jedoch murmelte:
    "Nunja, immerhin ein römischer Bürger mit am Tisch."
    Endlich überwand der junge Flavius, affirmiert durch die Worte seines Dieners, seine Xenophobie und nahm den dargebotenen Sitz ein, womit er zwischen der Nubierin und jenem Verginius thronte, indessen mehr einem Kaninchen, welches aus seinem Bau spähte, ob der Adler bereits war vorübergezogen, gleichend denn einem patrizischen Sprössling, dem dieser Platz zurecht zukam.
    "Salve, Manius Flavius Minor. Nun, Gracchus Minor."
    , introduzierte er sich nun selbst, wobei die Erregung ob jener fremden Situation seinen Namen erstlich nicht zur Gänze darbot und einer Korrektur bedurfte, was neuerlich geeignet war die Insekurität des Jünglings um ein weiteres zu mehren, sodass protektionssuchend er sich zu seinem Diener umwandte, welcher indessen seinerseits sich auf die Suche nach einer Sitzgelegenheit für sich gemacht hatte.

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