Argiletum - Bares für Rares

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/2nbsria.jpgZanus



    Obwohl der Tag noch jung und die Morgenluft noch angenehm frisch war, rann Zanus der Schweiß über den Rücken. Diesen Teil seiner Nebentätigkeit hasste er. Die Straße entlang schlendern zu müssen als habe er alle Muße der Welt, während die Zeit nur so dahin galoppierte und der Ledersack auf seinen Schultern mit jedem Schritt schwerer zu werden schien. An und für sich hatte er ziemlich gute Nerven. Die musste er auch haben, sonst hätte er sich das falsche Gewerbe ausgesucht. Allerdings war er ein ausgesprochener Nachtmensch. Die Dunkelheit bot ihm alles, was er brauchte, Schutz, Sicherheit, Inspiration. Die Nacht schärfte seine Sinne und ließ ihn über sich hinauswachsen. Das Tageslicht dagegen machte ihn unsicher und verzagt. Bei Tag war er nicht mehr als ein dakischer Tölpel, der sein kärgliches Dasein damit verbrachte, als Handlanger eines Wahnsinnigen und dessen Herren zu fungieren. Aber das würde bald ein Ende haben. Wenn alles weiterhin so glatt lief, konnte er noch vor Herbstanbruch die Früchte seines nächtlichen Wirkens dazu nutzen, diesen Irren für immer den Rücken zu kehren. Vielleicht auf einem Schiff, vielleicht auf einem Maultier. Achaia, Asia, Alexandria, egal, nur weg. Bis es soweit war, musste er sich aber zusammenreißen und auch den verhassten Teil seiner Arbeit hinter sich bringen. Auch wenn es ihm jedes Mal ein Höchstmaß an Beherrschung abverlangte. Immerhin, weit war es nicht mehr. Fünfzig oder sechzig Schritte, mehr nicht. Er konnte bereits die dunkelrote Schrift auf der ockerfarbenen Hausmauer entziffern:



    APRONIVS CATVLLVS · BIBLIOPOLA
    An- und Verkauf von Werken aller Art


    Zanus registrierte erleichtert, dass die Auslage bereits bestückt wurde, und erlaubte sich endlich, seine Schritte etwas zu beschleunigen. Apronius Catullus öffnete seine Taberna grundsätzlich vor allen anderen Buchhändlern des Viertels. In der Hinsicht konnte man sich auf den Geschäftsmann verlassen. Alles Weitere war nun eine Frage von Geduld und Zähigkeit, und was das betraf, war Zanus nicht gerade optimistisch.

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/2nbsria.jpgZanus



    Als Zanus die Taberna Libraria betrat, fand er Catullus mit einem frühen Kunden in Fachsimpeleien vertieft. Das war ihm gar nicht recht. Die Zeit drängte. Er hatte auf dem Forum noch einiges zu besorgen und musste zur Hora Quinta in der Caupona sein. Spätestens. Der Decurio war da unerbittlich, und wenn er erst einmal Vitu losschickte, um nach ihm zu suchen – daran wollte Zanus nicht einmal denken. Aber es half alles nichts, er musste warten.


    Mit dem Sack auf dem Rücken schlenderte er an den Regalen auf und ab und tat so, als gäbe es nichts Interessanteres als eingerollten Papyrus und verkratztes Wachs. Das Gespräch zwischen Kunde und Händler nahm er dabei nur am Rande war. Von einem Strabo hatte er noch nie gehört, und die Frage, inwiefern sich diverse Abschriften seiner Werke widersprachen, interessierte Zanus einen feuchten Dreck. Er hatte nie gelernt, das Durcheinander von Strichen und Bögen zu entziffern, mit dessen Studium manche Idioten ihr halbes Leben verbrachten.


    Es dauerte eine Ewigkeit, bis man sich einigen konnte, und als der Buchhändler endlich eine Schriftrolle an den Mann gebracht hatte, betraten zwei weitere Kunden den Laden. Obwohl es nicht klug war, Catullus zu verärgern, drängte sich Zanus hastig zwischen niedrigen Lesepulten hindurch auf den Verkaufstisch zu und sagte den üblichen Spruch auf.


    „Salve. Ich bringe diverse Schriftstücke aus dem Archiv meines Dominus. Sie sollen aus dem Calamus des Titus Lucretius Claros stammen. Bei einem angemessenen Angebot wäre mein Dominus bereit, diese kostbaren Werke zu veräußern.“


    Catullus atmete geräuschvoll ein und setzte ein herablassendes Lächeln auf.


    „Kostbar sagst du? Nun, das muss erst einmal gründlich überprüft werden. Mit ein paar flüchtigen Blicken lässt sich die Echtheit solcher Dokumente keinesfalls bestimmen. Ich hoffe, du hast etwas Zeit mitgebracht.“

    Hatte er nicht, und niemand wusste das besser als Catullus. Diese Spielchen gingen Zanus jedes mal empfindlich an die Substanz.


    „Gewiss. So viel wie nötig.“


    Nichts anderes hatte der Buchhändler hören wollen. Nickend wandte sich Catullus zur Seitentür, rief einen Bediensteten herbei und bedachte seine Kunden mit einem entschuldigenden Lächeln.


    „Wenn mich die Herrschaften für einen Moment entschuldigen möchten. Mein versierter Scriba Timarchus wird sich einstweilen eurer annehmen. Und du, mein Freund, begleitest mich bitte nach nebenan. Dort lassen sich die Schriftstücke deines Dominus in aller Ruhe inspizieren.“


    Zanus nickte ergeben und tappte dem Hausherren schwitzend hinterher. Kaum hatten sie den dunkeln engen Seitenflur betreten, fuhr Catullus zornfunkelnd herum.


    „Carus! Du blöder illyrischer Lehmfresser! Lucretius Carus!“


    Na schön, dann eben Carus. Zanus nahm die Schmähung kommentarlos hin. Er war Daker, kein Illyrer. Aber das konnte dem Händler völlig gleich sein.


    Auf Catullus’ Klopfen hin wurde die schwere Tür zum Warenlager entriegelt. Deargh, ein bulliger Kelte ohne den geringsten Sinn für Humor, steckte seine rote Mähne durch den Spalt, musterte Zanus mit durchdringendem Blick und ließ Hehler und Dieb schließlich eintreten.

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    Das Warenlager, eine stickige düstere Kammer ohne Fenster, ließ nicht unbedingt darauf schließen, dass der Hausherr sich hauptberuflich als Bibliopola betätigte. Lediglich der Inhalt eines einzigen schmalen Loculamentums zeugte von Catullus’ vorgeblicher Profession. Zwei knappe Dutzend lederner Capase waren da einsortiert, daneben verschiedene Utensilien wie unbeschriebene Papyrusrollen, einige Bogen Pergamentum, Klingen, Pinsel, Calami und paar Tiegelchen mit Kohlepaste und Ocker. Das war es auch schon. Der Großteil des Raumes wurde von Kisten und Truhen in jeglicher Größe eingenommen, deren Inhalt, wie Zanus sich denken konnte, mit Literatur nicht das geringste zu tun hatte. Was Catullus mit all dem Zeug machte, ob er es direkt weiterverkaufte, umarbeiten oder einschmelzen ließ, ging den schwitzenden Daker nichts an. Er wollte nur angemessenen für seine geleistete Arbeit entlohnt werden und dann so schnell wie möglich wieder verschwinden.


    Nachdem er den massigen Kelten angewiesen hatte, zwei weitere Lucernae zu entzünden, setzte sich Catullus an einen breiten Tisch in der Mitte des Raumes und sah seinen frühen Gast geringschätzig an. „Dann lass mal sehen, welchen Mist du mir diesmal angeschleppt hast.“ Die trockene Kehle voll mit unterdrückten Flüchen trat Zanus an den Tisch und machte sich daran, den Inhalt seines Bündels vor Catullus auszubreiten: Achtzehn dünne in Strohmatten eingewickelte Goldbleche, elf Spulen mit Silberdrähten, fünf Säckchen mit verschiedenen Schmucksteinen. Wenn das Mist war, war es jedenfalls ziemlich erlesener Mist. Trotzdem wirkte der Receptor nicht sonderlich interessiert. „Rohmaterial.“, brummte er nach dem ersten flüchtigen Blick auf die Auslage. „Kaum zu verkaufen.“


    Obgleich Zanus diese Spielchen bereits kannte und sich vorgenommen hatte, sie diesmal ungerührt über sich ergehen zu lassen, fühlte er dennoch Zorn in sich aufsteigen. „Das hast du bei dem Schmuck letztes mal auch behauptet. Zu speziell. Zu auffällig. Zu riskant. Erinnerst du dich?“ Catullus ging nicht darauf ein, kramte stattdessen lustlos in der Ware herum. „Fünfundzwanzig Denarii für das Blech, zwanzig für den Draht und fünfzehn für das Geröll. Mehr ist nicht drin.“ Als gäbe es kein weiteres Wort über das Geschäft zu verlieren, öffnete Catullus eine kleine Schatulle und begann, Münzen auf den Tisch zu zählen.
    „Geröll?“ entfuhr es Zanus, „Da sind Berylle dabei, Onyx und Topas! Bist du blind?“ Natürlich war der Händler ebensowenig blind wie blöd. Wenn er bereit war, fünfzehn Denarii für die Steine zu bezahlen, würden sie ihm garantiert das Zehnfache einbringen. Mindestens. „Die sind wahrscheinlich mehr wert als die Goldbleche!“ Catullus blickte spöttisch auf. „Wenn ich die Zeit dafür hätte, könnte ich sowas im Steinbruch meines Schwagers an einem einzigen Morgen zusammenklauben. Aber was die Bleche betrifft, hast du recht. Die hab’ ich mit fünfundzwanzig Denarii wohl etwas zu hoch angesetzt.“. Wie zum Beweis nahm er eines der gehämmerten Bleche zur Hand und fächelte sich damit Luft zu, als handle es sich nur um einen Bogen Papyrus. „Ein Hauch von Nichts. Vielleicht sollte ich mir das nochmal durch den Kopf gehen lassen. Du hast es doch wohl nicht eilig, oder?“


    Bevor er die Urbs Aeterna verließ – schwor sich Zanus – würde er dieser elenden Kakerlake den Kopf abhacken. „Fünfundzwanzig für die Steine.“ Catullus schüttelte nur amüsiert den Kopf. „Sieht es hier etwa aus wie auf einem illyrischen Mercatus? Fünfzehn. Kein As mehr. Wenn du jemanden findest, der ebenso diskret ist wie ich und dir mehr als fünfzehn dafür gibt – dann nur zu. Zanus kochte innerlich. „Ich bin kein Illyrer.“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Der Händler zuckte grinsend die Achseln und wedelte weiter provokativ mit dem dünnen Blech herum.„Interessiert mich einen Scheiß, was du bist. Hier liegen sechzig Denarii. Oder willst du dein Glück lieber woanders versuchen?“


    Ausgesprochen widerwillig beugte sich Zanus über den Tisch, um das Häufchen Denare einzusammeln. Es gab niemand anderen, bei dem er sein Glück hätte versuchen wollen. Catullus war zwar ein widerwärtiges Stück Dreck, aber er verstand seinen Nebenerwerb verdammt gut zu tarnen, war tatsächlich ausgesprochen diskret und zahlte immer noch besser als alle anderen Hehler, die Zanus kannte. Befreit von der kompromittierenden Last des Diebesgutes und mit immerhin sechzig klingenden Münzen im Beutel fühlte sich der Daker augenblicklich besser. So langsam läpperte es sich. All zu oft würde er nicht mehr herkommen müssen. Vier oder fünfmal vielleicht. Fast schon beschwingt wandte er sich Deargh zu, um sich wie immer die Tür von ihm öffnen zu lassen. Bevor es jedoch soweit kam, vernahm er noch einmal Catullus’ Stimme hinter sich, und das in einem Tonfall, der ihm ganz und gar nicht behagte. „Einen Moment noch, mein eiliger Freund.“


    Als Zanus sich umdrehte stand Catullus aufrecht am Tisch, das Goldblech in der einen, eine der Lucernae in der anderen Hand. Irgendein Detail auf der Oberfläche des trüb schimmernden Metalls schien seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. „Wo hast du das her?“, fragte er mit eisiger Stimme. Zanus wusste erst gar nicht, worauf der Händler hinauswollte. Wo sollte er es schon her haben? Geklaut hatte er es. Was denn sonst? Dafür, wem und wo die angebotene Ware entwendet worden war, hatte sich Catullus nie interessiert. Das war Teil ihrer Vereinbarung. Zanus fragte ja auch nicht, wo und wem der Händler das Zeug später wieder veräußerte.


    „Na .. aus einem Einbruch.“ bot er kleinlaut an. Das schien dem grimmig dreinschauenden Bibliopola allerdings nicht zu genügen. Plötzlich hatte Zanus eine wuchtige Pranke im Nacken und ehe er sich versah, wurde ihm der Schädel unsanft auf die Tischplatte gedrückt. Dicht neben seinem flackernden Auge glänzte das hauchdünne Gold der gestohlenen Bleche, und darauf, winzig und flach graviert ein stilisiertes Symbol. Zanus konnte sich nicht klar darüber, werden, was genau es darstellen sollte, ein Flügelpaar möglicherweise oder eine Doppelaxt. Dass diese Symbole mit Catullus’ Frage zusammenhingen, wurde ihm dagegen zunehmend klarer.
    „ZUM LETZTEN MAL! WO HAST DU DAS HER?“


    Laut zu werden war ein taktischer Fehler. Wenn man ihn anschrie, wurde Zanus bockig. Das ließ er sich allein vom Decurio gefallen, und das auch nur, weil ihm an seinem Leben noch eine Idee mehr lag als an seinem Stolz. „WONACH SIEHT'S DENN AUS?" brüllte er trotzig gegen die Tischplatte. „BEI EINEM LANIUS WERD ICH EINGEBROCHEN HABEN. DU DUMME SAU!" Kaum war das Geschrei verhallt, wurde sein Kopf jäh zurückgerissen und mit dem Gesicht voran auf den Tisch geknallt. Sicherheitshalber gleich mehrmals hintereinander. Irgendwann ließ ihm der Schmerz seines gebrochenen Nasenbeins die Sinne langsam schwinden. Was diese beiden Idioten eigentlich von ihm wollten, hatte er noch immer nicht herausgefunden.

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/2nbsria.jpgZanus



    Wie lange sein Bewusstsein den Dienst verweigert hatte, konnte Zanus nicht sagen. Lange genug offenbar, um seinen garstigen Gastgebern den Eindruck zu vermitteln, dass er weitgehend hinüber war. Was sonst hätte Catullus und Deargh dazu bewogen, sich derart offen und unverblümt über die leidige Angelegenheit zu unterhalten, während der Daker gerade einmal drei Schritte entfernt in einer Ecke lag? Entweder, sie gingen davon aus, dass Zanus nichts mitbekam oder aber – und diese Möglichkeit ließ nichts Gutes ahnen – es war ihnen gleichgültig. So oder so saß er tief in der Tinte, das zumindest hatte er bereits kapiert. Wie tief genau ließ sich wohl nur herausfinden, indem er weiterhin keinen Mucks von sich gab und versuchte, im Gespräch der beiden Mistsäcke irgend einen Sinn zu erkennen. Leicht war das nicht. Von der Nasenwurzel ausgehend donnerte ihm der Schmerz durch den Schädel wie ein Wintergewitter und das geronnene Blut in seinem Gesicht juckte zum Verrücktwerden. Trotzdem zwang er sich zur Ruhe. Schließlich sollte sich Deargh nicht den Vorwurf machen müssen, seine Arbeit nur halbherzig erledigt zu haben. Der Kelte war ohnedies schon völlig damit ausgelastet, dem tobenden Catullus als Spucknapf zu dienen.



    „Red’ keinen Mist!“, blökte der aufgebrachte Händler, „DU hast die Männer ausgesucht! DU hast sie unterwiesen! DU bist für ihre Arbeit verantwortlich! Also kannst DU mir sicher auch sagen, wo diese Versager sich rumgetrieben haben! Oder etwa nicht?“


    „Das weiß ich nicht, Herr .. ich war nicht dort. Vielleicht hat Peisander sie nachhause geschickt.“



    Peisander! Als er diesen Namen hörte, verlor Zanus fast die Beherrschung. Die beiden waren im Bilde. Wozu dann diese dümmlichen Fragen nach der Herkunft des Diebesgutes? In der Tat, die Sachen stammten aus dem Lager des Goldschmieds Peisander am Clivus Suburanus. Na und? Peisanders Werkstatt lag eben günstig, gerade einmal eine halbe Meile vom Argiletum entfernt. Sollte Zanus seine Beute etwa durch die halbe Stadt schleppen, um sie zu veräußern? Er war doch nicht verrückt.



    Der hat bei den Wachen überhaupt nichts zu melden! Ich dachte, das hättest du ihm klargemacht!“


    Schon .. natürlich .. wie gesagt, ich kann es mir nicht erklären.“


    „Das sollst du auch gar nicht! MIR sollst du das erklären! MIR! Wer bezahlt diese Arschlöcher? Du vielleicht? Oder dieser Klotz von Schmied?“


    „Nein, Herr. Du bezahlst sie.“


    „Das will ich doch meinen! Und dann noch dieser leblose Scheißhaufen da drüben! Da hast du wirklich ganze Arbeit geleistet, du hirnloser Ochse!“


    „Das ist nur auf dein Zeichen hin geschehen, Herr. Entschuldige, wenn ich das einwende .. aber .. ich an deiner Stelle hätte ihm einfach das Geld gegeben und ihn ziehen lassen. Wäre es so nicht am klügsten gewesen?“



    Dem konnte Zanus nur zustimmen. Catullus’ Geschäftsbeziehungen interessierten ihn einen Dreck. Hätte sich der Idiot nur ein klein wenig zusammengerissen, wäre sein Gast längst wieder verschwunden, unversehrt und ahnungslos. Sechzig Denarii waren ohnehin ein Witz, die ließen sich fraglos verschmerzen. Aber nein, Catullus musste ja unbedingt den Choleriker raushängen lassen.



    „Du redest mir von Klugheit? Gerade du? Ich soll mich beklauen lassen und dann auch noch dafür bezahlen?“


    „Nun ja .. ich denke, in diesem Fall ..“


    „Hör auf zu denken, Kelte! Das ist offenkundig nicht deine Stärke! Du wirst fortan nur noch das tun, was ich dir ausdrücklich auftrage. Kapiert? Dass es bei dir nicht zu eigenverantwortlichen Aufgaben reicht, hast du ja anschaulich demonstriert.“


    „Verstehe. Wie du meinst, Herr. Und wie lauten deine Anweisungen?“


    „Das ganze Zeug muss hier raus. Wir sind da viel zu nachlässig geworden. Nimm dir Timarchus zu Hilfe und schaff die Sachen in die Werkstatt.“


    „Jetzt gleich, Herr?“


    „Ja, jetzt gleich! In Zukunft wird das Lager täglich geräumt, wenn nötig auch zweimal am Tag, je nachdem, was aufläuft. Bis Meridies will ich hier nichts mehr von der Ware sehen.“


    „Wird erledigt. Und was machen wir mit dem ... Scheißhaufen?“


    „Eins nach dem anderen. Vor Sonnenuntergang werden wir den sowieso nicht los. Räum’ jetzt die Ware zusammen. Der Illyrer läuft uns nicht weg.“



    Daker! wütete es in Zanus, der Scheißhaufen ist Daker! Ein Illyrer, da musste er Catullus sogar recht geben, würde diesen Ratten wohl wirklich nicht entkommen. Nur war er nunmal kein verdammter Illyrer. Wie er es anstellen sollte, hier rauszukommen, wusste er allerdings auch noch nicht. Mit Catullus hätte er es aufnehmen können, sogar in seiner momentanen Verfassung, gegen Deargh dagegen hatte er nicht den Hauch einer Chance. Es war wohl am ratsamsten, erst einmal abzuwarten und seine Gedanken zu sortieren.


    Da war ihm also in der vergangenen Nacht die unfassbare Glanzleistung gelungen, ausgerechnet dort einzubrechen, wo Catullus das erworbene Diebesgut einschmelzen oder umarbeiten ließ. Das musste man erstmal fertig bringen. Pech allein reichte für derartige Missgeschicke nicht aus, da brauchte es schon das Zutun ein paar missgünstiger Götter. Es war wie verhext. Seit sein einstiger Patron Disabithus die Geschäfte diesem düsteren Aculeus übergeben hatte, tappte Zanus von einer Jauchegrube in die nächste. Was er auch unternahm, um den Klauen des Decurio’s zu entkommen, nichts wollte ihm gelingen. Wenn ihm nicht schleunigst etwas einfiel, konnte er auch einfach hier liegen bleiben, bis die Sonne unterging. Ob ihm nun Deargh den Hals umdrehte oder Vitu, machte letztlich keinen großen Unterschied.

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    Caius Rubrius Pennus

    Argiletum, unweit der Subura. In der ganzen Stadt gabs wohl kaum einen Ort, wo ein Buchhändler unauffälliger wäre. Helfen würde es dem Apronius trotzdem nichts, nahm sich Pennus vor. Wenn es etwas zu finden gab in dem Laden, sie würden es finden und sich das Arschloch schnappen. Nichts anderes war schließlich sein Job. Wie seine Aufträge erledigte, schmeckte vielleicht nicht immer jeden, aber er erledigte sie. Ausnahmslos. Und mit genau der Einstellung würde er auch heute an die Sache ran gehen. Mit dem Diebespack hatten sie schon lange genug Probleme. Es wurde Zeit ein wenig aufzuräumen.
    Exakt so unauffällig, wie er es sich bereits gedacht hatte, wirkte der Laden auch, als er mit seinen Leuten davorstand, eine kleine Truppe, von denen er leider nur die Hälfte gebrauchen könnte, befürchtete der Optio. Der Octavius, ganz akzeptabler Bursche, der Matinius, akzeptabel, wenn auch mit seinen Gedanken nicht immer ganz dort, wo er sein sollte, der Germanicus, den man ihm aufgezwungen hatte und den er folglich zähneknirschend mitschleppte, und schließlich der Tiro, von dem er gar nicht so recht wusste, was der hier eigentlich sollte. Aber wenn der Tribunus sagte, er musste mit, dann musste er mit. Punkt. Der andere Octavius war längst auf dem Weg in den Norden. Blöd gelaufen für den armen Kerl, aber irgendwer musste nach Germania. Hauptsache nicht er selbst, dachte Pennus. Naja gut. Irgendwie würden sie das schon packen. War ja nur ein Händler, kein verfluchter Berserker da drin.
    "Apronius Catullus, Bibliopola", las er murmelnd, die Schrift, die sich von der gelb angepinselten Hauswand abhob. Richtig waren sie auf alle Fälle. "Milites! Tiro! Geht voraus in den Laden. Ich werde mich noch einen Augenblick hier draußen umsehen." Falten bildeten sich zwischen seinen Brauen. So harmlos der Laden auch aussah, irgendwie traute er dem ganzen nicht. Außerdem hatte er schlechte Erfahrungen mit Hintertüren gemacht. "Sollte sich ein Problem ergeben, hat Miles Octavius das Kommando, und der Tiro soll mich benachrichtigen, verstanden?"

  • Niemals wäre Trogus in eine solche Ecke der Stadt gelangt. Doch als Urbaner war es für ihn durchaus nicht unwahrscheinlich dass er gerade in solchen Gegenden des Öfteren unterwegs sein würde. Auch wenn er niemals daran gedacht hätte bereits als einfacher Tiro auf solch eine Mission gesandt zu werden. Die Gruppe war etwas kleiner als gedacht, da ein paar der Milites nach Germanien versetzt wurden. Das gleiche Schicksal könnte durchaus auch Trogus blühen, aber er hoffte darauf einfach lange Zeit in Rom bleiben zu können, alleine schon um seiner Familie nahe zu sein.


    Der Optio gab die ersten Befehle aus, er nickte und gab das obligatorische "Jawohl, Optio!" zum Besten.

  • Nero Germanicus Peticus begann aufzuzeichen.
    -am Haus des Verdächtigtigen angekommen
    -laut Anschrift ein Buchhändler
    -Optio über kommando an Octavius
    -Optio schickt Einheit in den Laden , er selbst blieb draussen.

  • [Blockierte Grafik: http://oi62.tinypic.com/2w3xquo.jpg]
    Caius Rubrius Pennus


    Der Optio schaute erwartungsvoll auf die Soldaten, die noch immer untätig vor ihm in der Gasse standen. Was erwartete? Tja, dass was passierte. Aber es passierte nichts. Pennus griff sich kurz an die Stirn, seufzte leise und wollte seinen Milites mit fuchtelnden Handbewegungen klarmachen: "R-E-I-N-G-E-H-E-N. A-B-I-T-E. Ja? Gut."
    Wird schon. Wird schon werden. Das redete sich Pennus jedenfalls ein, als er sich von seiner Truppe abwandte. Ganz überzeugt war er nicht. Aber solange sie den Laden ein wenig umkrempelten, den Händler ablenkten und er solange etwas herumspionieren konnte, war er schon einigermaßen zufrieden. Mehr konnte er von seinen Armleuchtern nicht erwarten.

  • Schmunzelnd ging Trogus hinein, er hatte eigentlich darauf gewartet dass der Octavier den ersten Schritt machte, hatte er doch das Kommendo inne, aber gut irgendeiner musst je als erstes rein, also eben der Tiro. War vielleicht auch der kleinste Verlust, wenn da drinnen direkt was schief ging.


    Kaum eingetreten öffnete Aulus auch mit kraftvoller Stimme den Mund. "Kontrolle. Alles stehen und liegen lassen und nicht bewegen bis wir fertig sind!"

  • [Blockierte Grafik: http://oi64.tinypic.com/20qx5ec.jpgTimarchus


    Timarchus blickte missmutig auf die beiden lesenden Kunden, sofern man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte. Kunden pflegten üblicherweise etwas zu kaufen oder wenigstens zu verkaufen. Die zwei Gestalten dagegen hatten offensichtlich weder das eine noch das andere im Sinn. Da wurden Schriftrollen gewälzt, befingert, miteinander verglichen, studiert – und das in einer solchen Seelenruhe, als befänden sie sich hier nicht in einer Taberna Libraria, sondern in einer Bibliotheca. Das waren keine Kunden, das waren Tagediebe, und zwar von der Sorte, die Timarchus ums Verrecken nicht ausstehen konnte. Obgleich er nur als Scriba und Kopist bei Catullus angestellt war und ihm dessen Tagesgeschäft im Grunde gleichgültig hätte sein können, sah er es dennoch nicht ein, seine fachmännisch kopierten oder liebevoll restaurieren Schriften kostenlos zur Schau zu stellen. Jede Rolle, ob nun echt oder gefälscht, war ein Kleinod, das entsprechende Wertschätzung verdiente.


    Eine Weile beäugte er das unverschämten Treiben mit erzwungener Beherrschung. Als aber einer der Banausen auch noch die Frechheit besaß, seinen Codex zu zücken, um sich einzelne Textpassagen zu notieren, platzte Timarchus der Kragen. „He, Freundchen!“ Wutschnaubend schoß er hinter dem Verkaufstisch hervor und zerrte die ausgebreiteten Schriftrollen vom Lesepult. „Das reicht jetzt! Der Papyrus wird nicht besser, wenn man dran rumfummelt! Entweder ihr kauft was oder ihr verschwindet! Also? Was darfs sein?“ Was es letztlich sein durfte, blieb unausgesprochen, denn noch ehe einer der beiden vermeintlichen Kunden sich dazu aufraffen konnte, den Mund aufzumachen, stampfte plötzlich ein junger Urbaner in den Laden und blökte etwas von einer Kontrolle. Timarchus stöhnte gereizt. Irgendwann hatte es ja so kommen müssen. Catullus und seine obskuren Geschäfte. Den Göttern sei Dank war er hier nur angestellt und hatte nichts mit den nebulösen Umtrieben seines Arbeitgebers zu schaffen. Fragte sich nur, ob man ihm das auch abnehmen würde.


    „Kontrolle?“ wiederholte er stirnrunzelnd. „Also, ich hab hier nix zu melden. Da wendest du dich besser an den Hausherren Apronius Catullus persönlich. Wenn es der Angelegenheit dienlich ist, geh ich ihn holen.“

  • Peticus betritt den Laden und sieht sich um. Er sieht den Händler, den Tiro und zwei Gestallten.
    So notiert er:
    -Laden betreten
    -Händler und zwei vermeintliche Kunden angegetroffen
    -Sich zuerkennen gegeben und "Kontrolle" gebrüllt.
    -Verrmeintlicher Händler war nur Angesrtellter
    -Inhaber ist ein Apronius Catullus

    Peticus geht zum Pult mit den Papyrus, er nimmt sich einen und beginnt zu lesen, dann nimmt er einen zweiten, den er ebenfalls liest.
    Nach kurzer Zeit kommt ihm der gedanke das mit den Papyrus irgend etwas nicht in Ordnung sei.
    Er notiert:
    -Haben es hier wohlmöglich mit Fälschern zutun? Habe zwei Papyrus studiert, Gleichges Thema unterschiedliche Texpassagen.
    Wir zur rechten Zeit Meldung erstatten.

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/2nbsria.jpgZanus


    In Zanus begann ein Fünkchen Hoffnung zu glimmen. Wenn er Catullus’ Anweisung richtig interpretierte, würde sich Deargh alsbald mit diesem Timarchus auf den Weg zu Peisanders’ Schmiede machen, um die geklaute Ware dort abzuliefern. Das war die Gelegenheit. Auch wenn er sich noch immer nicht recht vorstellen konnte, dass diese Vögel ihm nur eines dummen Missverständnisses wegen das Licht ausblasen wollten, musste er diese Möglichkeit doch ernsthaft in Betracht ziehen. Vom Argiletum bis zum Clivus Suburanus und wieder zurück würde Deargh eine gute halbe Stunde brauchen. Zeit genug, um Catullus zu überrumpeln und sich aus dem Staub zu machen. Das setzte allerdings voraus, dass Catullus in Reichweite blieb und nicht etwa auf den Gedanken verfiel, ihn hier einzuschließen. Kaum richtig aufgeglüht kühlte der Hoffnungsfunke schon wieder ab. So blöd war Catullus nicht. Der würde sich gewiss nicht zu seinem lästigen Gast setzen und in aller Ruhe darauf warten, bis der wieder zu sich kam und ihm an den Kragen ging. Entweder, Zanus wurde eingesperrt oder auf andere Art und Weise daran gehindert, hier rauszukommen. Soweit durfte es gar nicht erst kommen. Vielleicht sollte er es ausnahmsweise mal mit vernünftigen Argumenten versuchen.


    „Hört mal .. ich .. also .. die dumme Sau nehme ich natürlich zurück .. mit ausdrücklichem Bedauern sogar.“, näselte er zaghaft gegen den blutigen Boden. Wahrscheinlich würde er jeden Augenblick einen Tritt in die Rippen kassieren, versuchen musste er es trotzdem. „Ich glaube .. wir hatten wohl einfach nur einen .. unglücklichen Start.“ Der Tritt blieb aus. Der Funke begann wieder zu schwelen. „Catullus .. mal im Ernst, du kennst mich doch. Ich hab bestimmt kein Interesse daran .. dich in Schwierigkeiten zu bringen.“ Noch immer kein Tritt. „Wenn ich mich vielleicht umdrehen dürfte? Es ist ziemlich frustrierend, mit dem Fußboden zu reden.“





    [Blockierte Grafik: http://oi65.tinypic.com/2ujmgc7.jpgDeargh


    Deargh war gerade damit beschäftigt, die Beute zweier Tage in eine große Schatulle zu packen, als der eben noch gänzlich leblose Illyrer sich plötzlich zu Wort meldete. Na also. Der vorlaute Bursche war am Leben und offenbar wohlauf. Da hatte ihn Catullus mal wieder völlig zu unrecht angeblafft. Als ob der kampferfahrene Kelte nicht ganz genau wüsste, was ein Schädel vertragen kann. Fünf oder sechsmal gegen eine Tischplatte geknallt zu werden, brachte einen gestandenen Kerl nicht gleich um. Es sei denn natürlich, Deargh hätte genau das beabsichtigt. Hatte er aber nicht.
    Er war kein gemeiner Mörder. Er schlug niemanden tot, nur weil seinem Dominus ein Flatus quer hing, was ohnehin andauernd der Fall war. Dementsprechend verstimmt war er denn auch über Catullus’ Andeutung über das, was nach Sonnenuntergang mit dem angeschlagenen Pechvogel geschehen sollte. Loswerden mussten sie ihn, das war klar. Wenn der windige Händler sich allerdings einbildete, dass Deargh den Illyrer einfach kalt machen und ihn irgendwo verscharren würde, hatte er sich geschnitten. Die Birne konnte er ihm weich prügeln, zur Not die Zunge rausreißen, das schon. Zu töten aber pflegte er nur, wenn er es für angeraten hielt oder wenn ihm nichts anderes übrig blieb. Sollte Catullus seinen Gast also tot sehen wollen, musste er sich schon selbst die Finger schmutzig machen. „Nö, du bleibst da liegen und hältst die Schnauze.“, knurrte er beiläufig auf das geschwätzige Bündel hinunter.






    [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/34oprww.jpgApronius Catullus


    Mit Argusaugen wachte Catullus über das korrekte und vollständige Einsortieren der Ware. Deargh war nicht zu trauen. Zwar hatte es der Leibsklave aufgrund vielerlei Vergünstigungen nicht im Mindesten nötig, seinen Herren zu bestehlen, aber Sklave blieb Sklave, und Sklaven klauten nunmal wie die Raben. Wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Hier jedenfalls, das sollte auch dem massigen Kelten klar sein, würde sich keine Gelegenheit bieten. Catullus hatte alle Ankäufe der letzten zwei Tage haargenau im Kopf. Ein Beutelchen mit Perlen, sechsundzwanzig Stück, eine silberne Opferschale, sechs dünne Armspangen, vier aus silber, zwei aus Gold, zwei goldene Gewandfibeln, ein Torques aus Bronze, zwei geschnitzte Broschen aus Bernstein und so weiter und so fort. Und dann natürlich das Rohmaterial dieses illyrischen Idioten. Ausnahmslos Sachen, die Catullus längst gehörten.


    „Viel ist es ja nicht gerade.“ knirschte er mit kaum verhohlenem Unmut in der Stimme. „Schon gar nicht, wenn man die Teile des Scheißhaufens wegrechnet.“ Als hätte ihn diese Vorhaltung zum Leben erweckt, begann der Scheißhaufen unvermittelt zu sprechen. Catullus gönnte sich ein spöttisches Schmunzeln. Nun hatte es das Großmaul also doch noch mit der Angst zu tun bekommen. Völlig zu recht. Einen Apronius Catullus beklaute man nicht ungestraft, man sah ihm auch nicht ungestraft hinter die Fassade, und vor allem nannte man ihn nicht ungestraft eine dumme Sau. Gleichviel ob man sich hernach dafür entschuldigte oder nicht. Was der jämmerliche Knilch da faselte, interessierte Catullus nicht im geringsten. Deargh würde heute die Gelegenheit erhalten, seine Scharte mit den Wachmännern wieder auszuwetzen, da konnte dieser armselige Stümper von Einbrecher labern was er wollte. Deargh wollte das Geschwätz offenbar ebensowenig hören wie sein Herr und gebot dem Blödmann die Schnauze zu halten. Recht so.


    „Also gut, Kelte. Wie ich sehe, kriegst du das hier auch alleine in den im Griff. Immerhin ein Lichtblick. Dann werd ich mich mal wieder meinen Kunden widmen. Ich schick dir Timarchus. Bringt das Zeug weg und kommt so schnell wie möglich wieder her. Vergiss nicht, abzuschließen und das Arschloch vorher mundtot zu machen.“


    Nur mäßig erleichtert tappte Catullus durch den engen dunklen Flur nach vorn. Er konnte nur hoffen, dass der begriffsstutzige Kelte seinen Wink richtig deutete. Selbstverständlich würde er Deargh nie offen zu einem Mord anstacheln. Wie der Bursche seine Anweisung interpretierte, war freilich ihm selbst überlassen. Ein loyaler Leibsklave wie Deargh wusste fraglos, was sein Herr und Ernährer von ihm erwartete. An der Seitentür zur Taberna Libraria angelangt, vernahm Catullus plötzlich lautes Stampfen und energische Stimmen aus dem Laden. Was bei allen Göttern war das heute nur für ein Tag? Als er die Tür einen winzigen Spalt öffnete und eine kleine Gruppe Urbaner erspähte, wusste er es: Es war ein Scheißtag.

  • Die Befehle des Tribun waren klar.
    Das Ganze sollte abgehen wie eine Routinekontrolle. Aber wenn der Tribun Recht hatte würden sie hier weitaus frischeres Fleisch finden können, als man in so einer Bibliopola eigentlich zu erwarten hatte.


    Trogus hatte direkt die Initiative ergriffen. Hier sollte sich keiner raus oder rein bewegen, während die Urbaner hier zugange waren.
    Aber sie sollten sich hier auch nicht aufführen wie die letzten Germanen. Also sprach Maro in betont ruhigem Tonfall den irgendwie griechisch wirkenden (musste wohl an den ganzen Büchern liegen. Da wurde man wahrscheinlich so) an, der sie begrüßt hatte.


    "Das mit dem holen gehen ist eine hervorragende Idee. Das erledigen wir besser zügig, nicht wahr? Ihr wisst ja, wie das bei uns funktioniert. Wenn bei euch nichts verkehrt ist, werden wir eure und unsere Zeit auch nicht verschwenden. Ist nur ne Routinekontrolle. So. Beim holen gehen begleite ich dich. Abmarsch."
    Falls jemand hinten raus rennen würde, wäre der Optio da. Dem würde Maro in so einer Stuation ungern gegenüber stehen.


    Das Zauberwort bei einer solchen Aktion war Geschwindigkeit, bevor die Verdächtigen Beweise unauffällig verschwinden lassn, oder sich Lügengeschichten ausdenken konnten. Bei sowas waren diese Kerle schneller, als ein Seemann im Hafenbordell.


    Die Zielperson dieser Aktion war Catullus. Den im Auge zu behalten würde zentral für den Erfolg der Mission sein. Gab es irgendwas, was die Urbaner auf gar keinen Fall anschauen sollten? War er zu lässig? Schwitzte er viel? Schweifte sein Blick immer wieder zu einem Punkt im Raum? Zitterte er? All das musste genau beobachtet werden.


    "Am konfortabelsten", dachte Maro " wäre es, wenn wir den Kerl in falagranti erwischen würden. Aber wann war dieses Gelichter schon mal so dumm..."

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/34oprww.jpg] Apronius Catullus


    So leise wie nur möglich schloss Catullus die Seitentür und schob vorsichtig den Riegel vor. Dann hastete er nach hinten und klopfte hektisch an der Tür zum Lagerraum. Der Schlüssel wurde zweimal im Schloss gedreht, die Tür begann zu knarzen, ein sichtlich irritierter Kelte steckte den Kopf durch den Spalt.


    „Psssst. Urbaner im Haus.“, flüsterte Catullus gepresst. „Weg mit dem Zeug. Sofort.“
    „Was? Wie?“
    „Egal wie. Mach schon. Und schließ ab!“


    Ohne ein weiteres Wort zu verlieren machte sich Catullus wieder auf den Weg nach vorn. Für erschöpfende Erklärungen war das der denkbar ungünstigste Augenblick. Vielleicht fiel dem Kelten ja ausnahmsweise mal etwas Vernünftiges ein. Wenn nicht, würde Catullus nicht zögern, ihm die ganze Sache in die Schuhe zu schieben. Wer glaubte schon einem Sklaven. Zurück an der Seitentür zwang er sich zu ein paar tiefen Atemzügen. Nimm dich zusammen, befahl er sich selbst. Du bist hier der Hausherr. Mamercus Apronius Catullus. Ehrenwerter Bibliopola. Nicht mehr und nicht weniger. Immer mit der Ruhe. Equam memento rebus in arduis servare mentem. Derart motiviert zog er den Türriegel zurück und betrat forschen Schrittes seine – jawohl, seine – Taberna Libraria.



    *****



    [Blockierte Grafik: http://oi64.tinypic.com/20qx5ec.jpgTimarchus


    Zitat

    Original von Marcus Octavius Maro
    Ist nur ne Routinekontrolle. So. Beim holen gehen begleite ich dich. Abmarsch."


    Den Blick auf die beiden herumlungernden Tagediebe geheftet, hörte sich Tirmarchus an, was der offenbar wortführende Urbaner zu sagen hatte. Routinekontrolle. Schön, das war dann eben so. Ihm konnte es gleich sein. Seine Sorge galt eher diesen zwei schrägen Vögeln und ihren langen Mänteln. Darunter war sicher jede Menge Platz für geklaute Schriftrollen.


    „Ja, gewiss, Miles. Ich verstehe. Wenn du mitkommen willst, bitte. Aber ich darf doch wohl davon ausgehen, dass hier in der Zwischenzeit nichts weg kommt, nicht wahr?“ Das wäre ja noch der Gipfel. Bestohlen zu werden, während man die Hütte voll Urbanern hatte. Mit einer ausladenden Handbewegung wies Tirmarchus auf die Seitentür.


    „Dann darf ich dich bitten, mir zu folgen. Apronius Catullus hat sich zu einer Begutachtung zurückgezogen. Er wird dir sicher mit Freuden zur Verfügung stehen.“ Der letzte Satz entlockte ihm ein feines Lächeln. Mit Freuden – von wegen. Dem knausrigen alten Geheimniskrämer würde die Galle überlaufen. Geschah im ganz recht.
    Gerade als Timarchus die Hand nach dem Türknauf ausstrecken wollte, erklang vom Flur her ein leises Ratschen. Die Seitentür schwang auf und der Hausherr trat in voller Größe und Breite über die Schwelle.
    „Ah, Catullus.“, schmunzelte der Scriba, „Das trifft sich gut. Ich wollte gerade nach dir sehen. Du hast hohen Besuch.“




    [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/34oprww.jpgApronius Catullus


    Catullus gab sich überrascht. Mit erhobenen Brauen musterte er erst den Urbaner, dann Timarchus. Sah er da etwa Genugtuung? Offensichtlich. Dieser verschlagene kleine Schreiberling schien sich tatsächlich zu amüsieren. Darüber würden sie sich noch eingehend unterhalten müssen. Aber nicht jetzt. Jetzt standen die Urbaner im Laden. Das ging eindeutig vor.


    „Sieht ganz so aus.“ knurrte Catullus dem grinsenden Scriba zu und wandte sich dann schon bedeutend höflicher an den Soldaten. „Salve, Miles. Ich bin Apronius Catullus, der Eigentümer dieses Geschäftes. Dürfte ich wohl erfahren, was mir die Ehre eures Besuches verschafft?“

  • [Blockierte Grafik: http://oi62.tinypic.com/2w3xquo.jpg]
    Caius Rubrius Pennus


    Allein arbeitete es sich immer noch am besten. Pennus schlurfte gemütlich ums Gebäude herum. Nein, nicht so, wie der alte Sulca es bevorzugte, auf Biegen und Brechen alles auf eigene Faust, aber eben jeder mit seiner eigenen Aufgabe, jeder machte seinen Job und alle hatten ihre Ruhe. Vor allem er. Als Optio bekam man die ja sonst nie. Zufrieden ließ er seinen Blick in der Umgebung herumwandern, schlenderte weiter und fand sich in einem siffigen, kleinen Hinterhof wieder, den sich mehrere Gebäude teilten. Die sauberen, hübschen Ecken der Stadt konnte man wohl wirklich an einer Hand abzählen. Zwei ganz offensichtlich ahnungslose und von oben bis unten verdreckte Bengel spielten mit Astragaloi herum, ansonsten war niemand zu entdecken. Ausgezeichnet. Pennus schritt voran und entdeckte auch gleich die Hintertür. Ganz eindeutig, die musste es sein. Wenn er sich nicht irrte. Vorsichtig presste er sein Ohr ans ausgebleichte Holz. Stimmen. Nicht die seiner Urbaner, aber irgendwo da drin war wer.
    "Hmmm", brummte er vor sich hin. Hier darauf zu warten, dass etwas passierte, war Pennus eindeutig zu blöd. Selbst er wollte nicht einen halben Einsatz lang nur auf seinem Hintern sitzen. Das machte er in der Schreibstube genug. Ein Plan musste her.
    "Herr Cen ... Op ... äh", quatschte ihn eine knabenhafte Stimme von der Seite an.
    "Optio", korrigierte Pennus, löste sich von der Tür und erblickte die beiden Burschen, die zuvor noch auf der anderen Seite des Hofs im Dreck gesessen hatten.
    "Du bist einer von den Urbanern? Ja wirklich? Darf ich den Helm anprobieren?"
    "Aber hat ein Optio nicht ein Hastile? Was ist mit deinem Schwert? Darf ich dein Schwert sehen? Bitte!"
    Pennus wurden die beiden schon jetzt lästig. Er stieß ein genervtes Brummen aus.
    "Aber was ist denn mit der Tür, Herr Optio?"
    "Ihr zwei hält jetzt mal schön den Ra- ..." Pennus hielt inne und musterte die zwei. "Ihr könnt mir nicht zufällig unter die Arme greifen, hm? Also wisst ihr ..." Pennus lehnte sich lässig an die Hauswand. "... man hat mich und meine Leute hergeschickt, weil der dem der Laden gehört ... der ist im Urlaub. Und er hat dummerweise seine Hintertür offen gelassen. Nur ... äh ..."
    Die Jungen sahen ihn mit großen Augen an.
    "Seht ihr den Kerl da vorne?" Pennus deutete auf irgendeinen Gammler, der in der Gasse vor dem Hinterhof schlief, zusammengesackt an einer Hauswand. "Um den sollte ich mich auch noch kümmern. Wie wäre es also, wenn ihr für mich diese Tür verbarrikadiert, und ich schnapp mir den Fiesling da vorne? Ihr habt doch sicher irgendwo ein paar Keile rumliegen? Vielleicht ein paar Bretter gegen die Tür stemmen? Oder wie wär's mit dem Karren da? Ihr macht das schon, hm?" Pennus grinste, als hätte er längst gewonnen, während sich einer der Jungen verständnislos am Kopf kratzte und der andere die Stirn runzelte.
    "Wir sollen die Tür von außen verbarrikadieren ... damit niemand reinkommt?"
    Dem Optio verging das grinsen. Die hielten sich wohl für ganz schlau.
    "Jetzt macht euch gefälligst an die Arbeit, ihr Klugscheißer, bevor ich euch Beine mache, klar?!", keifte Pennus zurück, "Ihr redet hier mit einem Optio der Urbaner, ihr stinkigen Rotzlöffel! Passt auf, sonst lass ich euch in Ketten legen."
    Die beiden Jungen waren ein ganzes Stück kleiner geworden, blickten sich noch einmal gegenseitig an und flitzten los. Er sah nur noch, wie sich einer am Karren zu schaffen machte und der andere in einem Bretterstapel im Innenhof nach Material zu wühlen begann, bevor Pennus wieder in Richtung Vordereingang schlenderte.

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/2nbsria.jpg]Zanus


    Urbaner im Haus – hallte es durch Zanus’ schmerzenden Schädel. Das träumte er jetzt, oder? Das konnte doch alles nur ein beschissener Alptraum sein. Nach dem Decurio, Vitu und diesem Grobklotz Deargh waren die Urbaner so ziemlich die letzten, denen er in die Fänge geraten mochte. Wie es den Anschein hatte, konnte er es sich nun aussuchen: War es ihm angenehmer, von Deargh gemeuchelt zu werden oder wollte er lieber in den Carcer wandern und von dort direkt in die Minen? Klar, er konnte sich natürlich auch stellen, seinen vergleichsweise winzigen Beitrag zu Catullus’ schrägen Geschäften zugeben, den Urbanern sein Wissen anbieten und auf ein mildes Urteil hoffen. Das würde sein schmähliches Ende allerdings nur ein wenig hinauszögern, denn wenn der Decurio spitz kriegte, dass es sein Untergebener mit den Urbanern hielt, würde Vitu ihn todsicher aufstöbern, und sei es im eisigsten Schneeloch Germaniens. Ganz schön knifflig das Ganze, zumal für jemanden, der sich mit schnellen Entscheidungen seit jeher etwas schwer tat.


    Und was, wenn er Aculeus und Vitu gleich mit hochgehen ließ? Immerhin wusste er genug über deren Aktivitäten, um sie bis über die Ohren in die Scheiße zu reiten. Aber war ein Verrat am Decurio nicht gleichbedeutend mit einem Verrat an Dacia? Zanus wusste es nicht, und es blieb ihm auch keine Zeit mehr, dahinter zu kommen. Gutturale Flüche in einer fremdländischen Sprache ausstoßend stapfte Deargh auf den grübelnden Daker zu, packte ihn am Genick, zog ihn unsanft auf die Beine und zischte mit zwiebelgeschwängertem Atem auf ihn ein.
    „Lieg hier nicht faul rum, Illyrer. Du hast es gehört. Wenn sie uns mit der Ware erwischen, sind wir beide im Arsch. Also lass dir mal was einfallen.“


    „Ich bin Daker.“ erklärte Zanus verwirrt. Wohl weil es ihm irgendwie wichtig war, das zu betonen. Er sollte sich also etwas einfallen lassen? Ausgerechnet er? War Deargh wirklich so dämlich oder tat er nur so? „Also .. wie wär’s denn mit der Hintertür? Ist doch wohl naheliegend, oder?“ Deargh verdrehte knurrend die Augen.
    Da bin auch schon drauf gekommen .. Daker. Aber ich verwette mein linkes Ei drauf, dass da auch welche von den Urbanern rumhängen. Wenn die vorn sind, sind sie auch hinten.“


    Zutiefst befriedigt nahm Zanus zur Kenntnis, dass Deargh zum einen endlich seine wahre Herkunft registriert hatte und zum anderen wohl auch nicht mehr daran dachte, ihm den Schädel einzuschlagen. Unter diesen Umständen war er durchaus bereit, sich entsprechend einzubringen.
    „Was willst du denn sonst machen? Einen Tunnel graben? Ich meine .. dass vorn welche sind, weißt du – dass hinten welche sind, nimmst du nur an. Vielleicht sollten wir einfach mal nachschauen?“

  • In diesem Laden roch es regelrecht danach dass etwas falsch war. Der Germanicus studierte gerade zwei Papyrii und machte sich danach Notizen, offensichtlich hatte er etwas gefunden, ansonsten würde es keinen Sinn ergeben. Auch Aulus nahm sich, wie zufällig, ein paar der Schriftstücke in die Hand und schaute darauf. Sie waren auf griechisch, was er nicht lesen konnte, aber etwas war merkwürdig.
    Viele der Zeichen waren identich, aber an manchen Stellen wichen sie voneinander ab, auch die Überschrift war gleich. Es handelte sich also vermutlich um die gleichen Texte, aber mit abweichenden Textpassagen, was entweder auf unsaubere Arbeit oder Fälschungen hindeuten konnte. Wobei es sich dann schon um sehr dämliche Fälscher handeln musste, da sie ja eigentlich nur kopierten was auf den eigentlichen Texten stand.


    Dann trat der Herr des Ladens in Erscheinung, ein älterer Mann, etwas dicklich und wenig Haupthaar. So eine gewisse Ähnlichkeit mit den Büsten des Pompeus Magnus war durchaus gegeben, weswegen ihn Aulus erst verwundert anblickte, dann aber die Fassung zurück gewann.
    "Reine Routinekontrolle. Wir wollen ja nur sicherstellen, dass in deinem Laden alles mit rechten Dingen zugeht und man dir auch keine gestohlene oder gefälschte Waren andreht. Es ist also in deinem Sinne, mag ich meinen. Wir brauchen auch nicht lange."
    Da ja keiner was sagen wollte ergriff eben ausgerechnet der Tiro das Wort.

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/34oprww.jpgApronius Catullus


    Catullus war etwas verwundert darüber, dass plötzlich ein anderer Urbaner die Initiative ergriff. Hatten die keinen Offizier dabei? Was war das hier? Ein kleines Späßchen am Rande, um den langweiligen Patrouillendienst aufzulockern oder ein offiziell abgesegneter Einsatz? So oder so – er hatte es mit einer Einheit der CU zu tun, und da wäre es fatal gewesen, sich quer zu stellen. Also behielt er seine verbindliche Miene erst einmal bei und nickte den Soldaten höflich zu.


    „Eine Routinekontrolle. Selbstverständlich, Milites. Es ist ausgesprochen beruhigend, zu wissen, dass auch wir einfachen Geschäftsleute den Schutz des Praefectus Urbi genießen. In der Tat haben wir unsere liebe Not mit Langfingern, Fälschern und rachsüchtiger Konkurrenz, die selbst vor den perfidesten Mitteln nicht zurückschreckt, um uns das Leben schwer zu machen. Aber was erzähl ich euch .. jeder Stand hat seine Plagen, nicht wahr?“


    Mit Stolz im Blick und Bächen kalten Schweißes auf dem Rücken machte Catullus ein paar Schritte in den Raum und wies auf die gut gefüllten Regalreihen.


    „Wie ihr seht, biete ich eine Vielzahl literarischer Werke zum Kauf an und kaufe auch meinerseits interessante Exemplare auf. Natürlich erst, wenn ihre Echtheit überprüft worden ist. Seht euch ruhig um, da ist für jeden was dabei. Und wenn es Fragen geben sollte, scheut euch nicht, sie mir zu stellen. Ich möchte lediglich darum bitten, sorgsam mit der Ware umzugehen.“

  • [Blockierte Grafik: http://oi68.tinypic.com/2nbsria.jpgZanus



    Just in dem Moment, als Zanus und Deargh sich der rückwärtigen Tür zuwandten, begann es auf dem Hinterhof zu rumoren. „Na, was hab ich dir gesagt?“, stöhnte Deargh resigniert, „Urbaner. Jetzt haben sie uns am Sack.“ Zanus beurteilte die Lage kaum optimistischer. Dem dumpfen Poltern und Knarzen nach zu urteilen, nahm draußen eine halbe Centurie Aufstellung. Einzig die hellen Stimmen, die ab und an durch den Radau hallten, passten nicht in’s Bild. Es hörte sich fast so an, als wären da Frauen am Werk. Mechanisch tastete sich Zanus den Schädel ab. Frauen? Offenbar hatte der Kelte mehr beschädigt als nur sein Nasenbein. Um sich endgültig zu vergewissern, dass er den Verstand verloren hatte, trat Zanus an die Tür und legte seine Ohrmuschel an das raue Holz. Da war es wieder. Hektische helle Stimmen. Ohne Zweifel. Aber keine Frauenstimmen. Das waren Kinder.


    Deargh, offenbar taub für derlei akustische Feinheiten, glotzte Zanus verwundert an.
    „Worauf warten die? Was treiben die da? Wollen die etwa den Ausgang verbarrikadieren?“ Wie zur Bestätigung hörte das Gerumpel plötzlich auf und ein abgehacktes Klopfen und Hämmern ließ das Holz erbeben. „Scheint so.“, nickte Zanus, „Die verkeilen den Türflügel.“ Die Brauen des Kelten wurden zu einem gebogenen Strich. „Von außen? Sind die blöd? Die Tür geht nach innen auf.“ Zanus ließ ein hoffnungsvolles Lächeln aufleuchten und deutete Deargh an, näher zu kommen und selbst an der Tür zu lauschen. „Blöd nicht, nur unerfahren. Hör mal.“ Folgsam wie ein Lämmlein stapfte der Kelte an die Tür und quetschte sein behaartes Blumenkohlohr dagegen. „Da soll mich doch ... Kinder? Sind das Kinder?“ Auf Zanus’ freudiges Nicken hin nahm Deargh’s Gesicht die Farbe seiner Haare an. „Bei Segomo und Rudianus! Die können was erleben! Du bleibst erstmal hier Daker. Schnapp dir die Schatulle. Ich komm gleich wieder.“


    Mit einem einzigen kraftvollen Ruck riss der keltische Hüne die Tür auf und verschwand sogleich hinter einer Wand aus Staub, Holzsplittern, Latten, Balken und allerlei Gerümpel. Zanus wurde von einem heftigen Hustenanfall heimgesucht, schaffte es aber dennoch, sich über umherliegenden Krempel und durch beißenden Staub an den Tisch zu tasten und die Schatulle an sich zu nehmen. Unterdessen wühlte sich Deargh, dessen Haar schlagartig ergraut zu sein schien, durch die Trümmer der improvisierten Barrikade und stampfte fluchend nach draußen. Einen Augenaufschlag später war er nicht mehr zu sehen – nur zu hören.


    „Ihr elenden Rotzaffen!“, dröhnte es vom Hof herein, „Hört sofort auf mit dem Scheiß! Was habt ihr hier überhaupt zu suchen? Maul auf!“
    Zanus lauschte Dearghs’ Gebell mit einem erleichterten Seufzen. Konnte es wirklich sein, dass er noch einmal mit einem blauen Auge – besser gesagt, einer gebrochenen Nase – davonkommen würde? Beim Blick auf die schwere Schatulle in seinen Händen, relativierte sich sein Enthusiasmus sofort wieder. Möglich, dass er davonkommen würde. Im Moment aber war er der Angeschmierte. Er hatte das Diebesgut. Und es konnte nicht mehr lange dauern, bis Catullus mit den Urbanern nach hinten kam.

  • Der Inhaber des Buchladens war gerade dabei sein Sortiment anzupreisen, als aus dem hinteren Bereich des Hauses ein lautes Rumoren zu vernehmen war. Was ging da vor? Ein Krachen, berstendes Holz dem Klang nach.
    Brachen jetzt schon die Regale in diesem Laden unter dem vielen Papyrus zusammen? Nicht sehr wahrscheinlich. Da hinten war doch noch wer. Falls sie tatsächlich das unfassbare Glück haben sollten die Hehler auf frischer Tat zu ertappen, mussten die Urbaner den Moment der Verwirrung ausnutzen und schnell vorgehen.


    Maro wandte sich wieder Catullus zu. Er konnte bei dem Buchhändler keine Anzeichen von Panik ob des Erscheinens der Urbaner erkennen. Einzig der Krach aus dem Hintergrund störte das Bild einer alltäglichen Routinekontrolle bei einem unbescholtenen Bürger.


    "Unser Stand schlägt sich zur Zeit vor allem mit Hehlerei herum. Du weißt, diese zwielichtigen Machenschaften in den Hinterhöfen und dunklen Lagerhäusern, die seit Sulla kein anständiger Mann mehr betreten hat. Oh. Wie dem auch sei. Es hört sich an, als ginge da hinten bei dir im Lager einiges vor sich. Das sollten wir uns schleunigst ansehen, nicht wahr?"


    Mit diesen Worten, die Hand am Pugio - in der enge des Raumes wäre selbst der kurze Gladius möglicherweise zu lang und sprerrig - begab sich Maro zum hinteren Teil des Ladens von dem der Lärm gekommen war. Wenn dort hinten Catullus mögliche Komplizen den Radau veranstaltet hatten, durften sie ihnen keine Zeit lassen durch die Hintertür abzuhauen. Der Tribun wollte Ergebnisse sehen.

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