Vicus Navaliorum, Taberna Vadum Subitum

  • Plautus hatte Rutilo zum Hafen geschickt, um die Sklaven aus Roma abzufangen, die man nach Mogontiacum beordert hatte. Rutilo machte sich dabei ein Nachrichtensystem zu Nutze, das bei den Schiffern aus Gründen der Sicherheit in Gebrauch war. So wusste jeder Schiffer ziemlich gut, wer 'hinter' oder 'vor' ihm den Rhenus herabkam. Die Schiffahrt auf dem Rhenus war nämlich nicht ganz ungefährlich, denn man konnte sich leicht in den vielen Seitenarmen des Stroms verfranzen oder auf eine Kiesbank aufbrummen. Die Kähne, die ja in Ufernähe fuhren, passten auch ganz gut in das Beuteschema von Räubern oder feindlichen Germanen, die gelegentlich aus irgendwelchen Gründen in ihren Nachen den Fluss überquerten und sich dann so nebenbei auch mal einen Lastkahn zu Brust nahmen. Wenn also ein Kahn nicht am Zielort ankam, dann konnte man im Zweifelsfall das auch der Classis melden.


    Rutilo hatte also die Aufgabe, den Schiffern, die aus Süden kamen, Löcher in den Bauch zu fragen, um herauszukriegen, ob man unsere siebenköpfige Sklavengruppe in einem der Häfen stromaufwärts gesehen hatte. Er hatte bei dieser Tätigkeit selbstverständlich den einen oder anderen Met zu trinken oder auch auszugeben, weil Met ja den Ruf hat, die Zungen zu lösen. So war es nicht zu vermeiden, dass er den einen oder anderen Abend sternhagelvoll nach Hause kam.


    Nach ungefähr einer Woche kam er freudestrahlend nach Hause und meldete, dass er einen Schiffer getroffen hätte, der unserer Truppe im Hafen von Noviomagus begegnet sein wollte. Es würde noch ein bis zwei Tage dauern, bis der Kahn in Mogontiacum ankäme.


    "Dann gehen wir morgen runter in den Hafen", brummte Plautus.

  • Plautus und sein Sklave Rutilo hatten sich unter dem Porticus der Kneipe Vadum Subitum niedergelassen und sich ein Frühstück bestellt. Von hier aus hatte man gute Sicht stromaufwärts und man würde sicher keinen Kahn, der von dort kam, übersehen. Es war so ein bißchen wie High Noon. Man starrte auf den Fluss und versuchte, jedes Objekt zu fixieren, das sich auf dem Strom bewegte.


    Während sie so den Strom beäugten, der sich stellenweise unter der etwas dunstigen Märzsonne hinter Büschen und Bäumen verbarg, hörten sie allmählich lauter werdende Musik von Zimbeln und Flöten. Und da, neben einer Gruppe alter Ulmen erschien ein sehr merkwürdig bunter Zug von Menschen in langen Gewändern, der sich auf den Vicus Navaliorum zu bewegte. Die ungewöhnliche Prozession zog an der Taberna Vadum Subitum vorbei und dann in die Stadt. Das passte nun gar nicht zu High Noon und hätte sie beinahe von ihrem Vorhaben abgelenkt, zumal die Teilnehmer der Prozession auch mit allerhand funkelndem Klunker behängt waren und Musik zu hören ja doch ein seltenes Ereignis war.


    Während Plautus noch rätselte, warum die Leute in der Prozession Schilfbündel mit sich trugen, schrie Rutilo plötzlich "Da, da, ein Kahn!" und deutete auf den Fluss. Plautus wandte den Kopf in die angegebene Richtung, sah aber nichts. Rutilo versicherte bei allen seinen germanischen Göttern, dass da tatsächlich ein Kahn gewesen wäre, der aber dann hinter Gebüsch verschwunden war. Jetzt sah Plautus den Kahn auch. Bis der zum Hafen kommen würde, konnte man noch in Ruhe das Frühstück beenden.


    Plautus angelte sich ein Stück Brot und Speck.

  • Erwartungsvoll und nebenbei kauend beobachteten Plautus und Rutilo, wie der Kahn den Rhenus herunterkam, an der Mole entlangschlich und sich dann zu seinem Liegeplatz im Hafen hinpfriemelte. Rutilo wollte jede Wette eingehen, das dies ganz sicher der Kahn mit unseren Leuten war. Recht hatte er, denn insgesamt standen oder saßen ungefähr neun Leute und drei Maultiere an Bord. Demnach war es nicht ausgeschlossen, dass es sich um den richtigen Kahn handelte, wenn auch Plautus sich dessen noch nicht ganz sicher war.


    Doch dann erblickte er einen hageren, hinkenden und dunkelhäutigen Mann an Bord. Das konnte nur Himilco, der Nubier sein. Er rief den Namen hinüber und der Angesprochene winkte zurück. Jetzt war Alles klar.


    Es dauerte noch ein Weilchen, bis das Boot festgemacht war und die Leute über eine Planke an Land gehen konnten. Gleich ging ein übermütiges Geschnatter los, sozusagen als Empfangszeremonie, weil Alle gleichzeitig von der Reise erzählen wollten, aber Plautus winkte ab.


    "Erst mal kriegt Ihr Alle einen Met zum eingewöhnen und dann soll der Älteste von Euch erzählen, wie es Euch ergangen ist", bestimmte Plautus. Was dann wieder großes Geflatter auslöste, weil einige aus der Sklavenschar ihr Alter nur schätzungsweise kannten. Lala schlug vor, dass Boiorix das machen sollte, weil er, wie sie meinte, so furchtbar alt aussah.


    Boiorix schluckte Lalas listige Bemerkung mit gallischer Gelassenheit und begann zu erzählen.

  • Eigentlich beginnt die Seefahrt auf dem Mare Nostrum so richtig erst Ende März und deswegen war es auch etwas schwierig, einen Schiffer zu finden, der es wagte, sich schon Mitte März auf den Weg zu machen und auch noch Passagiere mitzunehmen. Sie fuhren früh am Tage aus dem Hafen von Ostia hinaus. Bei einem kräftigen aber leicht ablandigem Wind aus Südost konnte ihr Schiff gut vorankommen, wobei der Schiffer immer fürchtete, auf See hinausgetrieben zu werden, weil er unbedingt in Sichtweite der Küste bleiben wollte. So erreichten sie erst nach vier Tagen Genua, weil der Schiffer eine Fahrt in der Nacht vermeiden wollte.


    Ein Regentag hatte sie dann in Genua einen Tag aufgehalten, bis es bei einem schwachen Nordost weitergehen konnte. Der brachte sie dann in zwei Tagen bis Cemelenum in den Hafen des alten Nikaia, wo sie auf besseren Wind warten mussten. Aus dem Tal des Rhodanus wehte da nämlich ein sehr kräftiger Nordwind, gegen den man nicht ansegeln konnte. Der Schiffer nannte ihn ventus magistralis, meist gefolgt von einem kräftigen Fluch.


    Eine Woche hielt sie dieser verdammte Wind im Hafen auf bis er einschlief und wechselnden Winden, untermischt mit Flauten Platz machte. Das reichte dann gerade noch, um Massilia in zwei Tagen zu erreichen.

  • Ab Massilia ging es dann den Rhodanus hinauf. Einigen in der Gruppe war das angenehm, konnten sie doch dem rauen Mare Nostrum endlich den Rücken kehren.


    Allerdings kam dann doch einige Ungemach auf sie zu, denn der Schiffer verlangte, dass immer vier von der Gruppe abwechselnd den Kahn mit zu ziehen hätten, damit er das Fahrgeld auf die Hälfte reduzieren konnte. Man bot ihm an, die Maultiere vorzuspannen, aber mit dieser Idee konnte er sich nicht anfreunden. "Was ist, wenn's mal gefährlich wird? Ein Mann kann dann das Tau loslassen, ein Maultier nicht. Überhaupt ham wir noch nie Maultiere vorgespannt, saudumme Idee."


    So erreichten sie nach zwei Dutzend Tagen Lugdunum und ab jetzt würde man den Arar hinauffahren.

  • Wiederum knappe zwei Dutzend Tage später erreichten sie Cabillonum, wo der Schiffer seine Fracht ablud. Sie konnten bald darauf eine neue Mitfahrgelegenheit bis Vesontio finden. Dazu verließ der Kahn einige Meilen hinter Cabillonum den Arar und bog in den Dubis ein. Es ging in der bekannten Manier weiter: vier Mann an die Taue und nix mit Maultieren. Schiffer haben halt so ihre Eigenheiten. Auch der Dubis hat seine Eigenheiten, er strömt nämlich in einigen Abschnitten sehr schnell und so wurde die Strecke nach Vesontio, wenigstens für die Leute an den Tauen, manchmal zu einer Quälerei.


    In Vesontio war dann aber mit der Schiffahrt endgültig Schluss, denn der Fluss wurde zunehmend wilder, so dass man bis Augusta Raurica den Landweg nehmen musste.


    Ab hier ging es dann den Rhenus hinunter, was dann doch etwas angenehmer war, da man den Kahn treiben ließ oder segelte. Die Landschaft hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Tal des Arar und vor allem konnte man schon den heraufziehenden Frühling spüren.


    Hier endete die Erzählung des Boiorix und Plautus meinte: "Ja, das Frühjahr ist hier überwältigend schön und der Winter ist wirklich nicht so grauslig, wie das in Roma immer rumerzählt wird. Nehmt Euch noch einen Schluck und einen Bissen, wir müssen unser Zeug noch nach Hause bringen".

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