Pagus Chattorum | Die Thingstätte der Chatten

  • DÁNNA THINGAZ
    Heiliger Ort des Things


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    Vom Limes aus waren es drei Tagesreisen, bis man die erste größere Siedlung einer chattischen Sippe erreichte. Von dort aus waren es weitere drei Tagesreisen bis zur Thingstätte des Stammes. Auf dem Gebiet der Chatten würde die römische Delegation, angeführt vom Tribun Manius Flavius Gracchus Minor, an einigen versprengten Gehöften und vereinzelten Bauernhäusern vorbeikommen. Meist führte der Weg sie jedoch durch hügelige Wälder und über unebene Wiesen. In der Nähe von Gehöften und Dörfern fanden sich gerodete Flächen, die erkennbar bereits seit Generationen bewirtschaftet wurden. Äcker, Weiden, Koppeln säumten gelegentlich den Weg. Warf der römische Soldat einen Blick auf den Boden, auf dem er marschierte, so wurde ihm der eklatante Unterschied zur Heerstraße diesseits des Limes deutlich. Nicht feste Pflastersteine lagen hier, sondern bestenfalls Schotter. Meist boten lediglich zwei Radfurchen Trittmöglichkeiten, in deren Mitte sich ein mit Gräsern bewachsener Grünstreifen dahinzog.


    Die Leute, die in den Dörfern und Gehöften am Wegrand lebten, wussten von den herannahenden römischen Soldaten. Wenn sie gefragt wurden, wiesen sie dem Anführer der römischen Delegation Weg zum Thing. Sie verhielten sich friedlich gegenüber den Römern, wirkten aber in ihren Blicken und Worten feindselig. Dennoch, Flavius und seine Milites konnten unbeschadet das Thing erreichen, sofern sie keine Streitereien begonnen. Am Thingplatz erwartete sie sodann das Lager der Sippenoberhäupter. Die einflussreichen Männer hatten ihre Gefolgschaft mitgebracht, deren Zahl und Bewaffnung von Sippe zu Sippe divergierte. Zelte und Unterstände umringten den Thingplatz, der von einer uralten Eiche herrschaftlich überragt wurde. Hier mussten selbst dem ignorantesten Römer die urgewaltigen Mächte dieser Länder gewahr werden, die man im Reich schlicht Germania Magna zu nennen pflegte.


    Wachen hielten bereits Ausschau nach der römischen Kolonne und die chattischen Entscheidungsträger saßen zusammen und berieten sich. Bereits am vorangegangenen Abend hatte man sich eine gehörige Menge Bier und Met hinter die Binde geschüttet, so dass am heutigen Tage gedeckte Stimmung herrschte. Die erwartete Ankunft der Römer trug ebenfalls nicht zur Aufhellung der Stimmung bei.


    Bildquelle: Wikimedia Commons. Urheber: Copperhead7

  • Der Thingpaltz war vorbereitet. Alles Sippenoberhäupter waren schon versammelt.
    Man blickte in die Richtung aus welche die Römer erwartet wurde. Natürlich hatte es vorher Diskussionen gegeben ob man wirklich einem Römer erlauben sollte auf dem Thing zu sprechen. Es gab einige, die dafür waren, andere waren dagegen. Doch schlussendlich war man übereingekommen, dass man wenn sich der Römer den Bedingungen des Thing und des Thingfriedens stellen würde man ihn durchaus auch auf diesen sprechen lassen konnte. Und dann war ja auch noch die neue Seherin, die sich für dieses Gespräch ausgesprochen hatte. Zwar war das Vertrauen in diese Frau noch nicht so tief wie jenes in Idun, aber es war Idun die sie geschickt hatte. Es war Idun die gesagt hatte, dass man dieser Runa vertrauen konnte und so taten die Männer hier genau dies.
    Als sie ankamen, wurden sie nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten mit einem Nicken begrüßt.
    Gunar Sohn des Armin war es, der nun alle begrüßte und bat Runa das Treffen mit der Anrufung Tyrs einzuleiten.
    Ein Speer aus Holz der alle Anwesenden überragte, steckte im Boden steckt, so dass jeder der Anwesenden zur Spitze aufsehen muss. Auf dieser würde später der bereitliegende ein lederner Handschuh, welcher mit einer Tiwaz-Rune in der Handfläche bemalt war, steckten.


    Runa nickte trat zu dem Speer und breitete ein rotes Ritualtuch aus drumherum wurden kleine Feuerschalen und Steine platziert, welche ebenso mit der Tiwaz-Rune bemalt waren.
    Als Beigaben hat sich Runa für eine Schriftrolle als Sinnbild für die Normen, ein Schwert als Zeichen für Tyr und eine polierte Kette aus Stahlgliedern für die Fesselung Fenrir mit Gleipnir entschieden.


    Die klassische Opfergabe für Tyr ist ein Horn Rotwein und eine Karaffe Wasser als Symbol von Klarheit waren natürlich auch dabei.
    All diese Dinge, die nach ihren Vorgaben bereit gelegt worden waren, fanden nun ihren Platz auf dem roten Tuch.


    Sie bat nun alle Anwesenden einen Kreis um diesen Altar zu formen. Den steckte Runa nun auf dem Speer und trat dann in die Mitte des Kreises. Sie hob die Hans und bat damit um die Aufmerksamkeit aller.
    Nun nahm sie den Speer in die Hand und erhob diesen Speer
    Der Ruf eines Hornes ertöne drei mal.
    Dann hob sie ihre Stimme und sprach:


    „Ich rufe und bitte Dich herbei: Tyr – Gott des Gerichtes und der Gerechtigkeit!
    Hege diesen Platz und bewahre seinen Frieden
    Hader und Zorn: Weichet und haltet Euch fern dieser Stätte.


    Ich rufe und bitte Dich: Tyr!
    Beschützer und Bewahrer des Things
    Wache über diese Kinder Midgards, beseele ihren Geist
    Auf das Streit und Missgunst keinen Platz finden in
    unseren Herzen.


    Ich rufe und bitte Dich: Tyr!
    Gegner Garms, Fenrirs Fessler
    Sei Gast unseres Things, bewahre den Frieden und die Freundschaft zwischen uns.


    Auf das wir die Götter preisen und mit ihnen feiern
    So setze ich diesen Speer als sichtbares Zeichen
    Die Hand des Tyr, das Tiwaz zur Hilfe
    Niemand sähe Hader, niemand hege Zorn –
    das Recht des Things ist hiermit verkündet!“


    Die anwesenden Stammesoberhäupter sprachen nun wie aus einer Kehle.


    „Auf dass der Ring wachse – von den Göttern zur Erde zu uns, von uns zur Erde zu den Göttern!“


    Nun wurde der Speer wird hinter das Tuch in den Boden gesteckt, damit galt ab jetzt das Thingrecht als ausgerufen.


    Noch einmal war es Runa die ihr Wort erhob.


    „Heil und willkommen sei Tyr, ein Heil und Willkommen Euch allen!“
    Natürlich waren ihre Worte in der Sprache der Stämme, doch tatsächlich hatte die Gastgeber daran gedacht, dass ihr Gäste diese wohl nicht verstehen würden, so stand nahe bei den Römern ein Stammesangehöriger, der leise diese Worte übersetzte. Ab jetzt würde man aus Rücksicht auf die Gäste in deren Sprache weiter reden.


    Gunar Sohn des Armin dankte nun nach alter Sitte den Anwesenden für das Erscheinen und allen ein schönes Fest und einen schönes, gemeinsames und erfolgreiches Thing.

  • Der Weg war von beachtlicher Weite gewesen, doch final hatten sie die Destination ihrer Expedition unbeschadet erreicht. Die Nervosität des Tribunen war von Tag zu Tag gestiegen, doch als er nun inmitten des Marschlagers, welches seine Vexillatio am vergangenen Abend errichtet hatte, seine Toga nochmalig richten ließ, um gemeinsam mit Duccia Silvana, Centurio Tiberius, Patrokolos sowie einem Miles, welcher die Dialekte der hiesigen Stämme besonders gut beherrschte, als Übersetzer aufzubrechen, fiel die Anspannung von ihm ab und eine gewisse Ruhe erfasste ihn gleich einem Mimus kurz vor seinem Auftritt.
    "Dann lasst uns gehen. Möge Iuppiter Optimus Maximus uns gegen die Macht des Tyr beistehen."
    , rief er die Macht des divinen Patrons der Gens togata gegen den Schutzherrn jener barbarischen Kongregation herab und setzte sich in Bewegung.


    Der Weg in den Hain gestaltete sich indessen als überaus unerquicklich, da der junge ob seiner Hypermetropie außerstande war, das komplexe Wurzelwerk korrekt zu identifizieren und es auch die Kräfte seines gewöhnlichen Auges in dergestalten Situationen, seines Dieners Patrokolos, überspannte, jede Wurzel korrekt abzuschätzen und seinen Herrn entsprechend zu warnen. Immer wieder disturbierte den Marsch zum Thingplatz somit ein Straucheln und Stolpern des jungen Flavius, wobei einmalig er gar zu Boden stürzte und seine makellose Toga mit minimalen Grasspuren befleckte. Er entschied schließlich sich fortan im Storchengang fortzubewegen, was dem fremden Auge ein wenig ulkig mochte erscheinen, doch zumindest weitere Malheurs verhütete.


    Kurz bevor sie jedoch in den Kreis der Sippenfürsten traten, ordnete Patrokolos nochmals die Tunica Laticlava und die Toga, welche Manius Minor als Signal des Friedens zu tragen erkoren hatte, dergestalt, dass die Restanten seines Sturzes zwischen den Falten nahezu verschwanden, ehe sie auf die Lichtung traten.
    Mit einem verbindlichen Lächeln grüßte der Jüngling sämtliche der erschienenen Ältesten. Dann jedoch überließ er das Feld der duccischen Seherin, die in fremder Zunge jenen mysteriösen Gott anrief, welchen die Chatten verehrten. Man hatte ihm erklärt, dass jene Figur niemand anderes war als Mars Thincsus, dem auch er selbst bereits seine Referenz hatte erwiesen. Jener Gedanke kalmierte den Jüngling ein wenig, während die Duccia jene traditionellen Opfergaben präsentierte, mit welchen man den Konvent zu eröffnen pflegte. Sodann lächelte auch er freundlich in die Runde und stimmte in den Salut ein:
    "Heilsa allerseits."
    Nun ergriff Gunnar das Wort, den Luna Manius Minor bereits angekündigt hatte und von dem der Jüngling nun auch einige introduzierende Worte bezüglich seiner Person erwartete.

  • Varro umstellte den Thingplatz unauffällig. Immer zwei Mann in Sichtweite, ohne Pferde, die waren zwei Stadien entfernt in der Obhut der Tirones. Die Männer verschmolzen mit ihrer Umgebung, nichts verriet ihre Position. Varro hatte von seiner Position einen guten Blick auf den Verhandlungsort. Wenn auch der junge Flavier anfangs rechts befangen wirkte so schien er sich jetzt gefangen zu haben. Es sah zumindest so aus...

  • Kunolf und die anderen Tirones standen in einiger Entfernung mit jeweils zwei Pferden im nirgendwo und beobachteten das ganze aus sehr weiter Entfernung. Die erfahrenen Soldaten standen etwas näher dran. Aber Kunolf kannte den Ablauf. Schließlich war er Germane. Aber trotzdem wäre er gern näher dran gewesen. Aber als Anfänger war es seine Aufgabe die Pferde der Euqes zu hüten...

  • Tief in Gedanken, suchte Verus seinen Weg. Einen einsamen Weg, so schien es ihm, da die Angst stets sein Begleiter war. Niemals war sie wirklich präsent, zeigte sich offen aber kroch in seinem Leibe umher, wie eine Krankheit. Verus, in der Rüstung seiner Macht, wollte seinen eigenen Namen sagen, um sich seiner selbst zu vergewissern, dass er wirklich noch hier war. Genau hier, an diesem Ort aber scheiterte an seiner tonlosen Stimme und den geschloßenen Lippen. Der Helm auf seinem Haupt wog schwer und der quergestellte Helmbusch in sattem Rot zeichnete ihn als Centurio aus. Das Gewicht jenes Helmes schien ihn in diese Welt zu drücken, wie ein Gewicht.- Und doch fühlte er sich getrennt, unlauter an diesen Ort gebracht, wo andere Mächte über ihn entschieden, als seine eigene Willenskraft. Es gab keinen Frieden für diesen Mann, der nur im Krieg und in der Gefahr gelebt hatte. Alle Gedanken, Hoffnungen und Sehnsüchte mussten mit der erlebten Gefahr verglichen werden. Immer wieder, unweigerlich drängte sich diese Kette auf und umschloss seine Kehle mit der trockenen Kraft, die ihm jeden Speichel nahm. Seine Lippen waren trocken und leicht eingerissen. Die Augen weit geöffnet mit schmalen Pupillen, fixierte der Offizier die Umgebung genug und wählte jeden Schritt mit Achtung. Seine Wangen waren erfroren, wie auch seine Augenlider, die starr und unnachgiebig verweilten.


    Er erlaubte sich kein Blinzeln oder eine Unachtsamkeit. Verus fiel in diese kalte Nacht, die ihn herzlos erscheinen ließ. Doch dabei hatte er noch so viel Herz, welches gerade so kräftig schlug, um gegen jenen Schatten anzukämpfen. Jeder Herzschlag kostete ihn Kraft; zwischen Licht und Dunkelheit kämpfte er darum, am Leben zu sein. Hier zu sein und doch war dieses Hier ein Gefängnis; ein Kerker für seine Albträume, die realer nicht sein konnten. Verus konnte Wahrheit nicht mehr von Lüge trennen; fand sich wieder in dieser Zwischenwelt, wo er seine Menschlichkeit vor dem Zugriff anderer versteckte, um ein guter Soldat sein zu können. Sein Herz würde ihm nicht im Wege stehen und doch schrie es laut, um nicht vergessen zu werden. Verus fühlte diese kriechende Kälte, welche über seine Arme kroch und sich seiner Unterkleidung zu bemächtigen schien. Die Rüstung war nicht wärmend oder beschaulich, sondern kaltes Machwerk des Krieges, welches ihn seiner menschlichen Erscheinung beraubte. Die Kriegsbestie, gut an der Waffe und im Kampf, war schlecht im Leben und im Menschsein. Verus wusste nicht mehr, was er war und was er sein sollte. Wer belog sich? Wer war er? Wer hatte sich verloren oder war er doch nur angekommen? Fragen, die bohrten und sich still im Gemüt bewegten. Kein Gott würde ihn retten.- Und doch war dort etwas, ihm Hoffnung gab: Idun. Diese laute Sehnsucht gab ihm Zuversicht, dass mehr in dieser Welt war als Angst und Schrecken. Sie schien ihm das fehlende Stück Leben zu sein, welches er verloren hatte. Nach ihr kam die gerechte Wahrheit, die er suchte. Das Schicksal meinte es nie gut mit Verus und doch gab dieses Schicksal ihm seine Geliebte. "Idun," murmelte sein leicht geöffneter Mund wortlos. Es war kein Gebet an einen Gott, sondern an eine Seele. Er brauchte sie mehr denn je, um nicht zur Bestie zu werden, die alle in ihm sahen: der Kriegsheld.


    Der Tiberius glaubte nicht an Frieden oder wirklich an einen Krieg. Er nahm die Welt schlicht als Ablauf von Ereignissen war, die stets grausam und willkürlich waren. Für ihn gab es keine Gerechtigkeit in dieser Welt. Er hatte sein ganzes Leben dem Imperium gewidmet, um am Ende von einem Legaten verhöhnt zu werden und von Albträumen geplagt zu werden. Es gab kein Heldentum in dieser Welt, welches die Welt gerade rücken würde. Niemals würde es gerecht sein, sondern es überlebte nur. Auch Moral überlebte nur solange, wie sie von Nutzen war. Er hatte einst Dörfer geplündert, um deren Tributpflichten einzutreiben und dabei unschuldige Leben vernichtet. Verus hatte sich an einem Feldzug gegen aufständische Daker beteiligt und reihenweise Menschen dahin gerafft. Schließlich hatte er Zölle eingetrieben und stand einem Praesidio vor, um auch dort nicht minder Gewalt und Betrug zu erfahren. Er lebte ein Leben unter Waffen und ging sogar davon aus, dass er unter den Waffen sterben würde. Es gab keine Flucht mehr, außer in diese Sehnsucht nach Idun. Sie gab ihm ein kleines Licht, dass dort mehr sein konnte, als dieses Leben. - aber selbst ihr hatte er aus Pflicht grausame Dinge angetan; nur, weil es verlangt wurde. Gerechtigkeit war auch nur ein träumerischer Begriff für die Rechtfertigung eigener Handlungen. Er als Centurio konnte sich keine Moral oder eine Definition leisten, sondern es gab nur Handlungen. Entweder die Handlungen führten zum Erfolg und waren somit gut oder die Handlungen führten zum Scheitern und waren somit schlecht. Es war die kalte Vernunft des Militärs, der allein Macht und Gewalt verstand. Doch dabei brauchte Verus so dringend Moral und Hoffnung. Sein Herz schlug nicht im Frost seiner Umgebung. Seine Pupillen weiteten sich wieder, als er nach seinem letzten Schritt auf den Hain hinauf Duccia Silvana erblickte, die wohl nun Iduns Erbe angetreten hatte. Verus verstand die germanische Welt nicht aber leider auch nicht mehr die römische Welt. Der Tiberius war verloren in seinem persönlichen Krieg ohne Frieden: mit sich selbst. Ohne Gladius oder Pugio fühlte sich wehrlos und sah sich bereits geköpft am Boden liegen. Seine Augen suchten nach Fallen, verräterischen Gesichtern oder schlicht Angreifern. Diese Unsicherheit ließ seine Finger zittern, die sich schnell zu zwei Fäusten ballten. Er schwieg und grüßte nicht, sondern folgte direkt neben seinem Tribun. Für ihn war es nur ein weiteres Theater, welches die wahre Natur verbarg. Es war nun der Auftritt des Flavius und er selbst war schmückendes Beiwerk. Dennoch erlaubte sich Verus ein Nicken in Richtung der Duccia, welches dank des Helmbusches besonders hervorgehoben wurde.

  • Nachdem niemand etwas äußerte, beschied der junge Flavius doch die Initiative zu ergreifen. Fortunablerweise standen sie auf einer Wiese, sodass er gefahrlos vortreten konnte, ehe er die Stimme erhob:
    "Geschätzte Sippenhäupter vom Stamme der Chatten"
    Der Jüngling hatte eine Weile an der Titulatur jener partikulären Versammlung gefeilt, sich final jedoch für eine analoge Anrede zu jener des römischen Senates entschieden.
    "Ich danke euch für die Ehre, welche mir mit der Erlaubnis, an diesem Orte vor euch sprechen zu dürfen, zuteil wird. Kaum einem Römer vor mir war derartiges gestattet, wie ich vermute, weshalb bereits der Umstand, dass ich heute vor euch stehe, mir als ein eindrucksvolles Zeichen des Friedens zwischen dem Volk der Chatten und dem der Quiriten erscheint."
    Gracchus Minor stockte kurz, als er sich fragte, ob die Wahl jener altertümliche Denomination seines Volkes klug gewesen war, da zweifelsohne viele jener Barbaren sie nicht kannten.
    "Jener Frieden und sein Erhalt sind auch die Gründe, welche mich den beschwerlichen Weg in eure Lande auf mich nehmen ließen, denn nicht allein mir, sondern ebenso dem Imperator Caesar Augustus in Rom und seinem Statthalter, dem Legatus Augusti und Consular Titus Duccius Vala liegt jener Frieden zutiefst am Herzen."
    An dieser Stelle hatte der Jüngling erwogen darauf zu verweisen, dass Vala ebenfalls einer germanischen Sippe entstammte, doch da erstlich jener Umstand zweifelsohne jedem der Sippenhäupter bekannt war und zum anderen ihm nicht recht bewusst war, in welcher Relation der Clan des Wolfrik zu jeder einzelnen Sippe der Chatten stand, hatte er letztlich davon abgesehen.
    "Sie haben mich hierher entsandt, um euch meine Referenz zu erweisen. Als Sohn des Manius Flavius Gracchus, welcher in Rom als oberster Priester den Kaiser selbst bei den heiligen Riten vertrat und der als Consul die Geschicke unseres Staates lenkte, und Spross einer der führenden Sippen unseres Volkes, welche bereits Kaiser und mächtige Heerführer hervorbrachte, wurde ich mit der Vollmacht ausgestattet mit euch zu verhandeln."
    Seriöserweise hätte der junge Flavius konzedieren müssen, dass seine Vollmachten überaus vage gehalten waren, ja der Duccius ihm selbst hinsichtlich der Ziele seiner Mission kaum konkrete Anweisungen gegeben, doch hielt er dafür, angesichts seines nach römischen Maßstäben eher inferioren Status eher ein wenig dicker aufzutragen als zu bescheiden, da letzteres womöglich Enttäuschung bei jenen leicht zu erhitzenden Gemütern vor sich würde evozieren.
    "Mit großem Respekt haben wir zur Kenntnis genommen, dass eure Versammlung das Dorf des Wulfgar, welches den göttergefälligen Frieden zwischen Rom und eurem Stamme so schändlich brach, unserer Gerechtigkeit anvertraut habt. Durch das Schwert dieses Mannes-"
    Er wies zu seiner Rechten, wo der Centurio den Reden folgte.
    "-und seine Krieger wurden jene Frevler des heiligen Willens eurer Gemeinschaft und eurer Götter dem Untergang."
    Noch immer entsprach die Verhängung der ehrlosesten aller Schandstrafen für ein ganzes Dorf, welches zudem sich auf Gnade und Ungnade den römischen Waffen ergeben hatte, nicht recht den Vorstellungen Manius Minors von Gerechtigkeit oder gar der augusteischen Milde, doch hatten Luna und die Duccia ihn überzeugt, dass dergestalte Crudelitäten jenem rauhen Volk durchaus nicht unmäßig erschienen, weshalb er die Geschehnisse zumindest in jener Weise resümmierte.
    "Aulus Verus von den Tiberiern hier-"
    Der Jüngling hatte die infamiliare Diktion Duccius Valas übernommen, da sie ihm als ein Germanicismus erschien, welcher womöglich auch von den Chatten favorisiert wurde.
    "-war es auch, der das Gottesurteil über eure Seherin Idun vollstreckte, sodass nun Runa ihre Stelle einnimmt."

  • Er blickte zu Duccia Silvana, welche wohl sein machtvollstes Pfund innerhalb ihrer Verhandlungen repräsentierte.
    "Sie und gleichsam Idun befragten die Götter und erkannten es als ihren Willen, dass Frieden herrsche zwischen unserem Volk und dem euren. Dass sie mit Tiberius Verus hier einen Römer erkoren, um ihr Strafgericht zu vollziehen, mag diesen Ratschluss bestätigen."
    Es entzog sich der Kenntnis des Tribuns, was genau der Kontext des Gottesurteils über Luna gewesen war, doch erachtete er jene theologische Deutung als nicht abwegig, zumal sie ihm einen Analogieschluss im Sinne seiner Mission gestattete:
    "Mir scheint es insofern geraten, diesen Frieden auf Dauer zu stellen. Nicht nur wir sollen uns seiner erfreuen, sondern ebenso unsere Kinder."
    Er blickte in die Runde jener reifen, bärtigen Gesichter der Häuptlinge und dachte daran, wie inadäquat es scheinen mochte, wenn ein bartloser, unverheirateter Knabe, wie er einer war, vor ihnen über Kinder sprach, fasste dann jedoch neuen Mut:
    "Ich biete daher an, dass Söhne eurer Sippen mit mir ins Imperium zurückkehren, um im Dienste Roms Verständnis für unsere Kultur und Lebensweise zu gewinnen und zugleich als lebendige Symbole unserer Freundschaft in unserer Mitte zu leben."
    Die Stimme des Tribuns bebte ein wenig, während er faktisch nicht weniger als die einseitige Stellung von Geiseln forderte, welche unter dem Einfluss der römischen Zivilisation zweifelsohne sich ihrer barbarischen Wurzeln entfremden würden. Der Einsatz mochte riskant sein, doch obsiegte bekanntermaßen nur jener, der auch mutig wagte: Fortes Fortuna adiuvat.


    Er blickte neuerlich zu Silvana, ehe er zu argumentieren begann:
    "Mir wurde zugetragen, dass euer Land von Missernten geplagt wurde. Insofern würden jene Jünglinge, welche der Kaiser selbst kleiden und ausrüsten wird, euren Speichern nicht mehr zur Last fallen.
    Darüber hinaus hätten sie doch die Gelegenheit, das ehrbare Kriegshandwerk zu üben, ohne unseren Frieden zu gefährden."

    Dass die Chatten eher an irgendeiner Stelle des Limes, womöglich in der Hitze Africas, Kastelle bemannen würden als glorreiche Schlachten zu schlagen, ließ der Jüngling unerwähnt. Zweifelsohne würden die Sippenhäupter sich eher des Hinterhaltes der tollkühnen Jünglinge aus dem Dorf Wulfriks auf die Abordnung der Legion entsinnen, welcher ihrem Verdikt zuwider gelaufen war.
    "Sie könnten denselben Ruhm erwerben wie ihre Väter und Ahnen."
    Wieder blickte der Jüngling zu den Chatten, deren Kampfeslust mancher unter ihnen Luna eigens hervorgehoben hatte.
    "Wie Tiberius und seine Männer den Willen eurer Götter vollzogen, würden sie den Willen des Imperator Caesar Augustus vollziehen, den die Götter selbst an die Spitze unseres Staatswesens gestellt haben und den nicht wenige selbst als Gott verehren."
    Manius Minor dachte an die zahllosen religiösen Riten zu Ehren des Kaiserhauses, deren Zeuge er in Alexandria geworden war. Deplorablerweise hatte er sie damalig als bloßen Mummenschanz abergläubischer Narren abgetan, wie er nun reuevoll memorierte. Ob Aquilius Severus eine Gottheit war, vermochte er nicht zu beurteilen, doch waren seine Ratschlüsse zweifelsohne bisweilen wirksamer als die ferner, inkontrollabler Numina.
    "Eure Söhne in Diensten des Kaisers wären somit ein starkes Zeichen unserer Freundschaft und des gegenseitigen Vertrauens, während dies zugleich similär zum Frieden selbst für unsere beiden Völker gleichermaßen von Nutzen wäre. Ich bitte euch also diesen Vorschlag ernstlich zu erwägen und zu unserem und eurem Wohle weise zu entscheiden."
    Mit diesen Worten trat er zurück an seinen ursprünglichen Platz und ließ somit auch gestisch Raum, seine Offerte zu disputieren.

  • Die chattischen Sippenoberhäupter musterten den jungen römischen Offizier ganz offen, als dieser in ihren Kreis trat. Die versammelten Chatten betrachteten den Jüngling mit äußerst verschiedenen Gefühlen, die sie teilweise offen zur Schau stellten. Einige der Männer machten aus ihrer Feindseligkeit keinen Hehl, sie schienen den Flavier förmlich mit ihren Blicken aufspießen zu wollen. Andere wiederum bedachten ihn mit neugierigen oder argwöhnischen Blicken. Wieder andere verzogen überhaupt keine Miene. Auch der Centurio, der den Flavier begleitete, wurde von vielen der Chatten mit Verachtung gestraft.


    Gunar, Sohn des Armin
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    Gunar machte gute Miene zum bösen Spiel. Diesen dicken jungen Tribun sandten die Römer ihnen als Unterhändler? Manch einer hätte allein diese Tatsache wohl als Affront gewertet. Gunar dagegen bemühte sich um möglichst unvoreingenommene Verhandlungen. Er hielt zwar nichts von fetten Kriegern, aber heute waren sie zum Reden hergekommen, nicht zum Kämpfen. Deshalb hörte er dem römischen Gesandten aufmerksam zu. So stellte Gunar bald fest, dass er wohl verschaukelt werden sollte.
    "Du sprichst von Frieden, Flawius", setzte er daher zu einer Antwort an. "Die Götter wollen Frieden, sagst du." Gunar warf einen Blick in die Runde. Einer der Männer, ein Bär von einem Mann, spuckte geräuschvoll aus. "Doch du kommst her, redest von Konsulen und Kiriten und von unserer Missernte. Und als Friedensangebot fordest du von uns..." Kurz hielt Gunar hier inne, um in einer Geste der Empörung die Hände auszubreiten. In dieser Haltung rief er dann: "...Geiseln?!"
    Verärgert riefen die Sippenoberhäupter jetzt durcheinander, manche stampften wütend mit dem Fuß auf. Gunar breitete beschwichtigend die Arme aus, gemahnte die Männer zur Ruhe. Einer der Anwesenden erhob sich, erbat so das Rederecht. "Baldur", rief Gunar den Mann namentlich auf und erteilte ihm das Wort zudem mit einer Geste.


    Baldur, Sohn des Brandolf
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    "Wulfgars Sippe haben wir euren Schwertern überlassen. Weshalb sollten wir nun auch noch unsere Jungen eurem Kaiser überlassen, eh? Sag, Römer... welchen Nutzen haben wir davon?" Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Flavier herausfordernd an. "Außer, dass unsere Söhne als verweichlichte Männchen zu uns zurückkehren?" Manch einer der Versammelten lachte nervös über Baldurs spöttische Bemerkung. Der Großteil allerdings starrte den römischen Gesandten nur finster an. Besonders großzügig war das Angebot des Stellens von Geiseln wahrlich nicht.


    Wulf, Sohn des Alrik
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    Während die anderen nur starrten, sprach einer der Männer, ohne auf Erteilung des Rederechts zu warten. Es war der, der zuvor geräuschvoll ausgespuckt hatte. "Dieses Römerbürschchen will uns doch nur zum Narren halten. Wieso sollten wir uns diesen Ziegenschiss weiter anhören?"


    Gunar, Sohn des Armin
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    "Schweig still, Wulf!", wies Gunar den Querulanten zurecht. Er war verärgert über die Disziplinlosigkeit, die der Hitzkopf wieder einmal offenbarte. "Lasst uns hören, was Flawius zu sagen hat." Die Anwesenden nickten, Wulf grunzte mürrisch, Baldur zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch. Er hatte die Arme noch immer verschränkt. Sollte dieser Römer doch mal zeigen, ob er noch mehr zu bieten hätte.

  • Varro und Baldur standen unweit des Thingplatzes und beobachteten das Gelände. Ihm war aufgefallen, daß der Centurio sich nicht besonders wohl in seiner Haut fühlte, was er durchaus nachvollziehen konnte. Wer geht schon gern prächtig herausgeputzt und unbewaffnet unter die Barbaren? Er dachte unwillkürlich an sein Messer in seinen Stiefelschaft. Der Tiberier würde höchstwahrscheinlich ohnehin nur seine üblichen zwei Waffen führen. Darüber war er selbst längst hinaus. Inzwischen dauerte es fast schon länger die versteckten Waffen an- und abzulegen wie das anlegen der Rüstung selbst. Eine Eigenart die er aus Roma mitgebracht hatte. Dort hatte es sich manches mal ausgezahlt ein zusätzliches Argument vorweisen zu können.
    Ja Roma,...er versank ein wenig in Gedanken. Dort sollte es gerade heiß hergehen,...in den Latrinen war von Aufständen die Rede.
    Baldur zischte ihm zu und er wandte sich dessen Blickrichtung zu. Da bewegte sich etwas. Mit einer Geste hieß er Baldur den Bogen zu nehmen, was dieser auch prompt tat. Der Pfeil lag auf der Sehne und Varro´s Spatha in einer sehnigen Faust. Die Anspannung wuchs und bevor er darüber nachdenken konnte die Anderen zu informieren, steckte ein mampfender Urochse seinen mächtigen Schädel aus dem Dickicht. Widerkäuend sah er sie leer an und bewegte sich dann mit aller Ruhe weiter, seines Weges ziehen. Varro entspannte sich und auch Baldur nahm den Pfeil wieder von der Sehne und verstaute ihn in seinem Köcher. Diese Warterei zehrte an den Nerven, er konnte nur hoffen, daß dieses Palaver bald zu einem Ende und sie zurück ins Marschlager konnten. Doch der Spaß hatte gerade erst begonnen. Am gegenüberliegenden Sichtpunkt meinte er Ocella zu erkennen. Wieder glitten seine Gedanken ab nach Roma, als er Ocella das erste Mal traf...trotzdem entging ihm nicht, daß der Urochse nicht alleine unterwegs war. Würde er einen Hinterhalt planen und die Umstände de Geländes kennen, er würde den Ochsen so lange folgen bis er einen taktischen Vorteil hätte. Dochdie Rindviehcher waren alleine unterwegs.

  • Und die ganze Welt änderte sich mit einem einzigen Gedanken. Entrückt von dieser Welt, suchte Verus seinen Platz zwischen den Lebenden und Toten, die er hinter sich gelassen hatte. Nur wenige Menschen verstanden die Welt und scheiterten oft an den Realitäten, und doch verstand dieser Römer in einem Augenblick der Epiphanie, dass alles einer natürlichen Ordnung folgte. Idun hatte es ihn gelehrt und nur sie konnte ihm zeigen, dass allein Träume Wünsche offenbarten. Verus, allein mit seinen Ängsten, wurde mit diesem Gedanken klar, dass diese Welt auch nur eine schwindende Erscheinung war, die willkürlich gegen den Willen stand, wie ein Fluss, der ohne Gegenwehr ins Meer floss. Alle Wünsche, die nicht wahrhaftig waren, waren Lügen, die unweigerlich scheiterten. Es sollte nicht so enden; er wollte nicht dieses Wesen sein, welches hier stand aber er war durch den Krieg gegangen, um dem einen Traum zu folgen, der alles verbarg und doch offenbarte. Im Krieg, unter all dem Leid, dem Grauen und dem Verlust hatte Verus sich selbst gefunden. Nun wusste er, was er war und was nicht. Klarheit durchbrach seine Ängste. Der Tribun offerierte Worte, unterbreitete Sätze und führte seine Diplomatie aus, die Verus teilnahmslos verfolgte. Wie sollte er auch interagieren? Es war nicht an ihm, diese Welt zu bestimmen und doch bestimmte er durch seine Nichthandlung mehr, als ihm selbst lieb war. Verus akzeptierte den nahgöttlichen Status, eines Götterboten und nahm willfährig seinen Platz in diesem Kunstwerk ein, welches längst vor seiner Zeit geschaffen worden war. Er fühlte eine seltene Wunschmacht in sich, dass er hier an diesen Ort gehörte. Nicht unter die Germanen aber genau in diese Zeit. "Vielleicht nur eine Geschichte eines träumenden Gottes," flüsterte Verus wortlos, während seine Augen an Lebenskraft gewannen und die Germanen suchten. Was waren Welten denn nichts anderes als Geschichten? Waren Seelen nicht auch nur selbsttradierte Geschichten? Genau in diesem Theaterstück erkannte er seine Rolle und schmunzelte zynisch, ob des einfaches Faktes, dass er von fremder Macht alleinig an diesen Ort gebracht worden war. Immer hatte er geglaubt, dass Hierachien ihn befreien würden. Er hatte geglaubt, dass Rom ihn erlösen würde und doch war allein er es, der Erlösung finden konnte. Erlösung lag in der Wahrheit, dass nichts von Dauer war, nicht einmal Frieden und das jeder Moment kostbar war. So vergänglich Leben war, umso wertvoller war es. Diese Welt war stets in Bewegung und nur der Kuss seiner Liebe zu Luna konnte sie für einen liebevollen Atemzug anhalten. Selten war diese Erleichterung in seinem Gesicht so klar, wie jetzt. Er strafte selbst die Götter mit diesem fatalen Grinsen, welches jede Macht verachtete und akzeptierte sein Schicksal zum Ersten in seinem Leben. Denn er wusste, dass alles seinem Weg folgte und er für Idun dankbar sein musste. Ihre Liebe gab ihnen wenige Momente des Friedens mit sich selbst. - Und vielleicht war dies der einzige Frieden, den er kennen konnte. Ganz Mensch und seiner Sterblichkeit bewusst, hob er seine Hand, als die Germanen sich erbosten und die Worte des Flavius als Angriff auffassten. Er wollte nicht beschwichtigen, sondern seinem Gegenüber zeigen, dass man nicht mit Wut sprach. Wütende Zungen fraßen oft sich selbst. Verus sprach kein Wort, sondern blickte nur mit diesem kalten Lächeln und festen Augen in die Reihen. Das Lächeln fiel im Ernst ab. Ihm als Centurio stand ohne Erlaubnis durch einen Höhergestellten kein Wort in der Diplomatie zu und doch hatte er gelernt, seinen Standpunkt auch wortlos zu vertreten. Er führte seinen Arm hoch zum Kinn, um die Schlaufe seines Helmes zu öffnen. Mit der anderen Hand griff er nach diesem und nahm diesen vom Kopf. Er legte ihn symbolisch vor sich auf den Boden und zeigte sein Gesicht. Wenn er ein Götterbote sein sollte, dann würde er sein freies Haupt zeigen. Es war eine echte Geste des guten Willens, dass er seinen Schutz aufgab. Vielleicht war es das, was Frieden ausmachte: Verlust akzeptieren. Verus akzeptierte seinen eigenen Untergang und fand Frieden darin, dass er Idun geliebt hatte und lieben würde. Diese Selbstsicherheit strahlte er aus und blickte nun Gunar an, der wohl mittelbar den Flavius aufforderte, erneut zu sprechen. Verus würde warten und seine Rolle vollführen, wie es die Schicksalsmacht erwartete, die er immer verneint hatte.

  • Runa hatte inzwischen ihren Platz eingenommen. Sie stand zwischen den Partien. Keiner Seite zugewandt. Sie war hier der neutrale Pol. Sie war es die beide Seite repräsentierte. Sie war es die für beide Seiten stand und dennoch für keine. Sie war neutral. So hörte sie sich an was der Flavier zu sagen hatte. Sie hörte die Stimmen der Männer der Sippen. Sie bemerkte wie aufgeheizt die Stimmung war. Sie bemerkte den Unmut einiger Männer, die nicht nur den Flavier feindselig betrachtet. Und sie schüttelte fast schon unwillig den Kopf.
    So nahm sie sich das Recht der Seherin und damit das Wort an sich.
    „Hört mich an. Seit wann urteilen Männer der Stämme vorschnell? Seit wann urteilen Männer wie ihr auf einem Thing ohne den Mann angehört zu haben. Ihr wisst genau, dass dies hier eine Botschaft Roms an euch ist. Ein Botschaft des Friedens. Sie hätten ebenso mit den Legionen kommen können und das wisst ihr zu genau. Aber Sie senden euch einen Botschafter. Einen Botschafter des Friedens.“ Runa war inzwischen aufgestanden und hielt den Stab, welchen sie von Idun bekommen hat, sichtbar in der Hand. „Eure Seherin Idun stand wie keine andere für den Frieden. Sie hat sich für euren Friden geopfert und ihr? Was tut ihr? Ihr redet spöttisch über jemanden der euch ein Angebot macht? Dies hier sind Verhandlungen. Nichts ist in Stein gemeißelt. Macht ein Gegenangebot anstatt zu beleidigen. Denn jede eurer Beleidigung ist ein Affront gegen jede die ihr aus der Gemeinschaft ausgestoßen habt. Und gegen Idun, die alles aufgab, damit ihr in Frieden leben könnt.“ Runa schritt nun die Männer ab und verweilte bei jedem einen Moment um ihm in die Augen zu blicken. „Idun sagt mir, dass ihr gute Männer seid. Sie sagte mir, dass ihr eigensinnig seid. Sie sagte mir aber auch, dass ihr klug seid und das ihr Argumenten zugänglich seid. Von all dem sehe ich hier nichts. Ihr seit getragen von Hass. Ihr versteckt euch hinter euer Abscheu und verstellt auch damit selbst den Blick auf das was für euch und eure Sippen gut ist. Was meint ihr wie lang ihr hier überleben könnt wenn ihr Rom offen die Stirn bietet? Ihr wisst so gut wie ich, dass Rom euch heute hier die Hand reicht, die Hand zum Frieden. Ihr wisst genau, dass ihr diese Hand ausschlagen könnt. Doch wenn ihr dies tut wisst ihr auch was kommen wird. Ich frage euch also wollt ihr dies wirklich? Wollte ihr eure Sippen dem Untergang weihen? Wollte ihr all das war ihr euch seit Generationen hier aufgebaut habt wegwerfen? Verhandelt! Wenn schon nicht für euch, dann tut es für eure Erben, damit jene frei in diesem Land leben können.“ Wieder an ihrem Platz angekommen vollführte ihre Stab nun einen Kreis und zeigte damit auf jeden Einzelnen. „Ich sehe hier viel Hass, viel Misstrauen. Warum hasst ihr ihn?“ Damit zeigte sie auf den Tiberius. „Wulfgar, der Wulfgar, den ihr verurteilt habt, hat ihn als Krieger anerkannt. Und Wulfgar starb durch seine Hand. Er starb durch die Hand eines Kriegers. Mehr als ihr Wulfgar zugestanden habt. Und Idun hat ihn erwählt. Sie hat ihn erwählt das Götterurteil welchem sie sich für euch gestellt hat zu vollziehen. Ja auch ich habe ihn dafür gehasst. Auch ich habe ihn dafür verurteilt. Aber auch ich musste erkennen, dass Hass und Vorurteil den Blick auf das Wesentliche verstellen. Idun war es die mich gelehrt hat genau hinzusehen. Und ich sah genau hin und ich erkannte, dass alles so gekommen ist wie es von den Göttern bestimmt wurde.“ Runa hielt den Stab nun direkt vor sich. „Dieser Stab gehörte meiner Urahne Sie übergab ihn an Idun mit der Aufgabe die zu finden, der dieser Stab rechtmäßig gehört – mich. Und sie fand mich nur durch ihn.“ Wieder zeigte sie auf den Tiberius. Ohne ihn hätte Idun ihre Bestimmung nicht erfüllen können. Sie hätte ihr Wissen, das alte Wissen der Seherinnen, welches sie von meiner Ahne für mich empfing, nicht weitergeben können. Also frage ich jene unter euch wofür verurteilt ihr diesen Mann, wofür hasst ihr ihn?“ Wieder ließ sie ihre Blicke schweifen und sah jeden der Männer lange an, auch die anwesenden Römer. „Lasst euch nicht von eurem Hass und euren Vorurteilen leiten. Die Götter haben uns hier heute zusammengebracht hier unter dem Schutz des Thingfriedens. Hier unter dem Schutz des Tyr. So nutzt diese Chance die sich euch bietet und verhandelt. Werft diese Chance nicht aus falschen Eitelkeiten heraus weg. Schon viele große Männer sind aufgrund ihrer Eitelkeit zu Grunde gegangen. Nutzt das was sich euch bietet.“
    Runas Stimme war eindringlich aber nicht laut. Sie sprach nicht im Hass, nein ihre Stimme war neutral aber von einer enormen Selbstsicherheit geprägt und sie sprach alle hier anwesenden an. Sie wollte, das die Männer beider Seiten es schafften ihre Vorurteile abzulegen und vernünftig verhandelten.
    Sie nahm nun also wieder ihren Platz ein um die weiteren Verhandlungen zu verfolgen.

  • Die Reaktionen der Sippenfürsten trieben dem jungen Flavius Schweißperlen auf die Stirne, denn sie fielen in keinster Weise dergestalt aus, wie er im Diskurs mit Duccia Silvana vermutet hatte . Augenscheinlich hatte seine höfliche Offerte den Stolz jener Wilden verletzt, doch dankenswerterweise sprang die Seherin zumindest ihm bei, obschon sie mirakulöserweise kaum weniger Zeit auf die Defension des bisherig kaum thematisierten Centurio verwandte, der augenscheinlich einen Schlüssel zu ihrem Erfolg repräsentierte. Ihm entzog sich die Kenntnis über die Rolle des Tiberius, der vermutlich feindselige Blicke geerntet hatte und deshalb ebenfalls defendiert wurde, weshalb er nochmalig auf seine Offerte zurück kam:
    "Meine Offer-"
    Wieder nötigte er sich zu einer simpleren Sprechweise:
    "Mein Angebot war lediglich ein freundliches Angebot, keine Forderung. Wir fordern keineswegs Geiseln, nichts läge uns ferner."
    Jene Lüge zu unterbreiten evozierte bei dem jungen Flavius einige Insekurität und er blickte ein furchtsam zu Wulf, den bereits Luna als aufbrausend und gewaltig charakterisiert hatte. Mit seiner Kampfesliebe stand er indessen nicht alleine, was ded Jüngling folgend ufgriff::
    "Wir wissen vielmehr, dass die Chatten stolze Krieger sind, mächtig im Streit und furchtlos vor jedem Feind. Seit jeher stehen sie beständig im Krieg miteinander, mit ihren Nachbarn und vor allem mit uns, weshalb niemand besser um eure Qualitäten weiß als wir. Ich gebe zu, dass wir solche formidablen Kämpfer gern auf unserer Seite wüssten."
    Er hob mahnend den Digitus salutaris.
    "Doch wäre eine derartige Übereinkunft keineswegs von einseitigem Nutzen: Denn würden wir Frieden schließen, so würde euren Söhnen zweifelsohne ein weites Feld der Bewährung entfallen.
    Jenes Angebot diente somit lediglich dazu, euren jungen Männern die Gelegenheit zu bieten, trotz des Friedens ihre Fähigkeiten zu erproben und zum Einsatz zu bringen."

    Er blickte zu Baldur.
    "So weit zu dem Nutzen eurerseits."
    Sein Blick kehrte zu Gunar zurück.
    "Doch ist und bleibt dies ein Angebot. Ein Frieden zwischen uns und euch wird nicht daran hängen. Ich zweifle nicht, dass wir auch auf andere Weise voneinander profitieren können, wenn wir Frieden schließen."
    Er sah fragend in die Runde.
    "Doch habe ich womöglich den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, da ich von falschen Prämissen ausging."
    In der Tat hatte er auf das Wort Lunas und Silvanas dafürgehalten, dass den Chatten am Frieden gelegen war, weshalb er ihn auch zur Fundation seiner Rede hatte gemacht.
    "Ich sprach von Frieden, da ich aus eurem Verdikt - eurem Urteil - über Wulfrik schloss, dass euch an Frieden gelegen ist und ihr mich geladen habt, um über die gedeihliche Ausarbeitung eines solchen Friedens zu verhandeln. Daher brachte ich eben jenes Angebot mit hierher.
    Doch womöglich war ich ein wenig voreilig, weshalb ich euch fragen möchte: Seid ihr überhaupt geneigt, dem Rat eurer Seherin zu folgen? Ist euch an einem Frieden gelegen oder mit welchem Ziel ludet ihr mich an diesen heiligen Ort?"

    Ein wenig gewann der Tribun durch seine Worte wieder an Sekurität, sodass final seine Worte beinahe provokant in der Runde haften blieben.

  • Zitat

    Original von Duccia Silvana
    „Lasst euch nicht von eurem Hass und euren Vorurteilen leiten. Die Götter haben uns hier heute zusammengebracht hier unter dem Schutz des Thingfriedens. Hier unter dem Schutz des Tyr. So nutzt diese Chance die sich euch bietet und verhandelt. Werft diese Chance nicht aus falschen Eitelkeiten heraus weg. Schon viele große Männer sind aufgrund ihrer Eitelkeit zu Grunde gegangen. Nutzt das was sich euch bietet.“


    Zitat

    Original von Manius Flavius Gracchus Minor
    "Ich sprach von Frieden, da ich aus eurem Verdikt - eurem Urteil - über Wulfrik schloss, dass euch an Frieden gelegen ist und ihr mich geladen habt, um über die gedeihliche Ausarbeitung eines solchen Friedens zu verhandeln. Daher brachte ich eben jenes Angebot mit hierher.
    Doch womöglich war ich ein wenig voreilig, weshalb ich euch fragen möchte: Seid ihr überhaupt geneigt, dem Rat eurer Seherin zu folgen? Ist euch an einem Frieden gelegen oder mit welchem Ziel ludet ihr mich an diesen heiligen Ort?"


    Gunar, Sohn des Armin
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    Gunar hörte die Worte der neuen Seherin mit einem deutlichen Stirnrunzeln. Er war der Meinung, dass man die eigene Schwäche dem Verhandlungspartner gegenüber nicht gleich zur Gänze ausbreiten sollte, wenn man noch Chancen auf ein gutes Ergebnis haben wollte. Dies aber tat die Seherin, indem sie sagte: Verhandelt, oder geht unter. Gunar missbilligte diese Art der Beeinflussung, aber er war heute hauptsächlich als derjenige anwesend, der die Reden der Thingteilnehmer ordnete. Er wollte nicht zu stark selbst die Diskussion beeinflussen. Vielmehr rief er nach der Wortmeldung der Duccia Einar namentlich auf, der sich erhoben hatte.


    Einar, Sohn des Alwin
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    "Hmm", brummte der stämmige Chatte, während er einen langen Blick in die Runde warf. "Mir scheint, die Gemüter sind heute schnell erhitzt. Die Seherin hat viel gesprochen, manches mag uns gefallen, manches nicht. Manches mag wahr sein, manches nicht." Einar bog den Oberkörper leicht zurück und legte die Handflächen gemächlich auf seinen runden Bauch, bevor er fortfuhr.
    "Mir gefällt, dass du, Flawius" - er sah nun den Römer direkt an - "uns Chatten Frieden anbietest. Mir gefällt aber nicht, dass mir Hass auf irgendwen unterstellt wird. Denn wie du sagst, wir sind stolze Krieger, mächtig im Streit und furchtlos vor jedem Feind. Aber ich hasse gewiss niemanden. Nichts läge mir ferner! Ich sehe nur manchmal das Bedürfnis, jemanden ordentlich zu verhauen..." Er grinste feist, gluckste kurz vor sich hin und erwartete offensichtlich von einigen Männern aus der Versammlung zustimmendes Gejohle. Dies erhielt er jedenfalls aus den Reihen seines Gefolges.
    "Wahr ist auch, was Baldur sagt", sprach Einar darauf folgend weiter. "Wir haben wenig Nutzen davon, ein paar unserer jungen Burschen über den Rhein zu schicken. Natürlich müssen wir sie dann nicht versorgen. Aber arbeiten können sie auf unseren Äckern dann ebenso wenig. Oder kämpfen. Oder Jagen! Und wie viele sollen es denn überhaupt sein? Hmmm." Einar schüttelte den Kopf. Nein, von dieser Idee war er nicht überzeugt.
    "Unwahr ist dagegen, was Wulf so harsch behauptet: Dass uns ein Römerbürschchen hier zum Narren halten wolle. Nein, meine Freunde, es steht ein Unterhändler des römischen Kaisers vor uns, der uns wahrhaftig Frieden anbietet!" Jetzt hob Einar seine Rechte von seinem Wanst und wies auf Minor, der zuvor ja nochmal sein Friedensangebot bekräftigt hatte. "Flawius, sei unbesorgt. Dieses Thing will kein Kräftemessen mit römischen Legionen. Wir sind daran interessiert, hmm, den seit langem anhaltenden, hmhm, kriegslosen Zustand am Limes, aufrecht zu erhalten." An dieser Stelle zuckte Einar mit seinen schweren Schultern. "Nungut, nennen wir es Frieden. Ja, hmm. Aber ein solcher Frieden bedarf nun einmal des Beweises gegenseitigen Wohlwollens." Und mit diesen Worten setzte er sich wieder auf seine vier Buchstaben, sehr zufrieden mit seiner Rede.


    Baldur, Sohn des Brandolf
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    Nun erhob sich Baldur erneut. "Einar hat es gesagt, Flawius, wir wollen keinen Krieg mit Rom." Jedenfalls nicht im Moment, dachte er bei sich, sprach dies aber wohlweislich nicht aus. "Wir wollen Frieden." Wulf schnaubte bei diesen Worten missgelaunt, widersprach allerdings nicht. "Aber im Winter werden wir womöglich hungern, weil unsere Speicher schlecht gefüllt sind. Dann wird es nicht genügen, einige hungrige junge Mäuler wegzuschicken. Jenseits des Rheins dagegen - auf deiner Seite des Flusses - herrscht der Überfluss." Er sprach diesmal ganz ohne Spott in der Stimme, sondern mit ernstem Ton.


    Gunar, Sohn des Armin
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    Baldur setzte sich und Gunar nutzte die Gelegenheit, um sich an dieser Stelle nun doch noch einmal selbst einzubringen: "Wäre es nicht ein Zeichen römischer Großherzigkeit und römischen Wohlwollens, eine solche Notlage in unseren Landen zu verhindern? Gewiss wäre für einige unserer Söhne, Neffen und Brüder das zeitweilige Fortgehen leichter zu ertragen in dem Wissen, dass ihre Sippen für die kalten Tage gut gewappnet wären..."

  • Achtsam lauschte der Tribun den Worten Brandolfs, dessen Autorität Luna gegenüber seinen Stammesgenossen namentlich hervorgehoben hatte. Obschon er es unterließ, angesichts jenes vermeintlichen Scherzes zu lachen, da ihm der Krieg keineswegs als eine ridikulöse Sache erschien, erachtete er es für bedeutsam, jenen potentiellen Fürsprecher für sich zu gewinnen, zumal er sich der Duccia gegenüber kritischer präsentierte als gegen ihn selbst.
    Als sodann die beiden folgenden Redner recht unumwunden das Sujet auf eine chattische Objektive wandten, welche als Pfund in den Händen Roms mochte dienen, lehnte er sich beinahe saturiert in seinen Stuhl zurück, da dies ihm nunmehr doch einen Ansatzpunkt für die Rückgewinnung der Initiative gestattete:
    "Rom ist selbstredend geneigt, seine Freunde in der Not zu unterstützen."
    , hob er somit an und fuhr sich in demonstrativ nachdenklichem Gestus über das Kinn.
    "Doch obschon in Germania Superior die Ernten ein wenig üppiger ausgefallen sein mögen als hier und das Imperium über eine Infrastruktur verfügt, welche leichtlich gewisse Hilfsgüter aufzubringen vermag, so waren jedoch unsere Ernten durch die widrigen Bedingungen gemindert, muss auch der Kaiser das Getreide für bare Münze von den Bauern erwerben, respektive hierher bringen und fehlt es in solchem Falle an anderer Stelle."
    Der Jüngling hatte keine intensive Kenntnis über die Verhältnisse an Vorräten und Getreidepreisen, da die Niederungen der Ökonomie niemals sein sonderliches Interesse erweckt hatten, doch hielt er dafür, dass ein gewisser Spielraum ihm gegeben war.
    "Insonderheit jedoch wird man sich fragen müssen, ob es geraten scheint, jene Belastungen auf sich zu nehmen, um ein Volk zu nähren, welches bisherig Rom gegenüber überaus feindselig sich gerierte, deren Jünglinge mit großer Beständigkeit Jahr für Jahr unsere Grenzen verletzen, um durch Ausplünderung unserer Händler und Landmänner ihre ersten Meriten zu gewinnen. Der Senat wird folglich die Frage stellen, ob der Princeps nicht damit jenen Löwen kräftige, der ihn bedroht."
    Für einen Augenschlag war der junge Flavius geneigt gewesen, von einem Monstrum zu sprechen, doch schien ihm jene Metapher adäquater, um jene stolzen Barbaren nicht zu offendieren.
    Gleich einem dozierenden Lehrer verschränkte er nun die Hände hinter dem Rücken und bot eine kurze Pause, um seine Worte sich setzen zu lassen.
    "Dies bedeutet keineswegs, dass rom euch nicht vertrauen will, doch bedarf ein Vertrauensakt von unserer Seite einer Erwiderung von der euren. Würdet ihr etwa den Tatendrang jener Jünglinge, welchr alljährlich uns bedrohen, dadurch einfangen, dass sie an unserer Seite streiten, wäre dies zweifelsohne eine geeignete Maßnahme."
    Als Gestus der Versöhnlichkeit öffnete er nun die Handflächen.
    "In jedem Falle wird der Umfang der Hilfe, die Rom euch bieten mag, davon abhängen, inwieweit ihr Rom entgegen kommt."

  • Während der römische Gesandte sprach, konnte der aufmerksame Beobachter die Reaktionen der einzelnen Sippenoberhäupter beobachten. Wulf beispielsweise grinste stolz, als die Überfälle chattischer Krieger auf römisches Territorium zur Sprache kamen. Einar dagegen sah fortwährend nachdenklich zu Boden. Gunar hatte den Blick auf Flavius gerichtet und studierte dessen Gestik und Mimik. Baldur sah skeptisch drein, schien aber langsam etwas aufgeschlossener zu wirken.


    Einar, Sohn des Alwin
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    Es war Einar, der nach Minors Worten wiederum das Wort ergriff. "Hmm", brummte er zunächst, strich sich nachdenklich durch den Bart und richtete seine Rede dann an die Versammelten: "Ich weiß zwar nicht, was ein Löwe ist und Teiwaz möge mich davor bewahren, dieses Biest zu treffen, wenn er imstande ist, den römischen Kaiser zu bedrohen." Schmunzeln hier und dort. "Aber wahr ist, dass zu einem Geschäft stets zwei Partner gehören. Einer gibt, einer nimmt, so wie der andere gibt und ebenso von dem anderen nimmt. Wenn Rom uns also in seiner, hmm, Großzügigkeit mit Vorräten aushilft, müssen wir auch eine Gegenleistung bringen." So richtete er schließlich eine Frage an die Chatten: "Wäre es also nicht ein gerechter Tausch, wenn wir Vorräte bekämen, und Rom bekäme unsere jungen Streiter für einige Zeit?"


    Wulf, Sohn des Alrik
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    "Nein!", rief Wulf, der nach dem Einwurf diesmal die Erteilung des Wortes abwartete. "Nein, Brüder, dies wäre ein schlechter Tausch. Unsere Söhne würden doch bloß zu willfährigen Helfern Roms. Die Legion wird sie in ihre Rüstungen pressen, weit über Midgard verstreuen und am Ende wenden unsere Söhne sich unter dem römischen Adler gegen ihren eigenen Stamm! Bedenkt dies, Brüder, wenn ihr über einen solchen Tausch sprecht."


    Baldur, Sohn des Brandolf
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    Baldur hingegen, der als nächster sprach, schien überzeugter. "Einar spricht wahre Worte. Wir müssen natürlich ein Entgegenkommen zeigen, denn ein einseitiger Handel ist ungerecht. Flawius, wenn die Chatten einen Handel eingehen, so kann Rom auf dessen Einhaltung vertrauen." Baldur nickte dem jungen dicken Römer respektvoll zu. Er hatte sich offenbar von den Worten des Römer beeindrucken lassen. "Ebenso sind Wulfs Worte bedenkenswert. Ich würde deshalb deiner Bedingung, Flawius, zustimmen. Unter der Bedingung aber, dass unsere Söhne für den römischen Waffendienst nicht in die Weiten des Reiches verschickt werden und auch nur für begrenzte Zeit in römische Dienste treten."


    Gunar, Sohn des Armin
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    Gunar sah sich nun in der Pflicht, ein konkretes Angebot zu unterbreiten: "Ich schlage vor, dass jeder Mann einen Sohn im kampffähigen Alter für ein Jahr und ein halbes in römische Dienste entsendet. So lange möge Frieden herrschen zwischen Rom und unserem Stamm. Rom liefert dafür Nahrungsmittel für den Winter." Dass hierin auch die Söhne der Sippenoberhäupter inbegriffen wären, zeigte bereits ein nicht unerhebliches Entgegenkommen Gunars, dessen Familie auch von diesem Handel betroffen wäre.

  • Mit wachsender Satisfaktion vernahm der Jüngling die einlenkenden Worte der Sippenführer, welche lediglich durch die schroffen Worte Wulfs disturbiert wurden. Als sodann Gunnar jedoch seine Offerte formulierte, glaubte er erstlich seinen Ohren nicht trauen zu können. Der Chatte hatte keineswegs einen Frieden im Auge, sondern vielmehr einen Waffenstillstand, wie es schien! Die Zeitspanne von eineinhalb Jahren erschien dem Jüngling geradezu als ridikulös angesichts des Umstandes, dass sich Chatten und Römer keineswegs im Kriege befanden, zumal der Wunsch, in jener Zeit auch noch durch Rom alimentiert zu werden, geradezu den Schluss aufdrängen mochte, dass jener Stamm lediglich sich zu rekonvaleszieren wünschte, um binnen kürzester Zeit zu neuer Stärke zu gelangen, was die Bedrohung Roms lediglich intensivierte.


    Sein Antlitz spiegelte somit für einen Augenschlag entgeisterte Überraschung wider, ehe er die Kontrolle über seine Züge zurückgewann und eine nachdenkliche Miene aufsetzte. Selbstredend konnte er jene Offerte nicht freiheraus akzeptieren, doch galt es ebenso, jene stolzen Krieger nicht allzu sehr zu offendieren, um zumindest einen gewissen Kompromiss zu erwirken.
    "Es ehrt uns, dass ihr bereit seid, einige der euren in unsere Obhut zu geben."
    , setzte er somit an und bedachte im Stillen, dass womöglich der Besitz derart pretioser Geiseln ein Wert an sich war.
    "Indessen hatte ich gehofft, dass unser Wunsch nach Frieden sich nicht auf einen derart kurzen Zeitraum beschränkt."
    Er pausierte, spintisierend, welche Argumente sich für die Forderung nach einer Ausdehnung jener Übereinkunft sich in Stellung bringen lassen mochten.
    "Denn denken wir an eure Söhne: Bis unsere Übereinkunft an das Ohr des Kaisers gelangt, bis eure Söhne aufgebracht und in unsere Obhut übergeben und an unsere Kampfesweise gewöhnt sind, mag leichtlich ein halbes Jahr vergehen. Welchen Nutzen mag Rom dann daraus generieren, wenn sie lediglich für ein Jahr in unseren Diensten stehen? Zweifelsohne ist euch bekannt, dass Rom derzeitig in keinem Kriege steht und keinen vorbereitet. Für jene knappe Periode hätten wir somit kaum Einsatzmöglichkeiten für jene Einheit, die eure Söhne bilden könnten."
    Er blickte zu Wulf.
    "Unerachtet des Umstandes, dass eure Söhne ebenso keine Gelegenheit hätten, sich Ruhm zu erwerben-"
    Wieder wandte er seinen Blick zu Einar, der ihm als das bedeutsamste und vielversprechendste der Sippenhäupter erschien.
    "-wäre eine derartig kurzfristige Übereinkunft auch für unsere Seite nicht von sonderlichem Nutzen. Der Unterhalt einer Militäreinheit verschlingt durchaus Kosten. Die Rüstungen, über die euer Genosse hier lamentiert, sind überaus kostspielig, eure Söhne werden Verpflegung und Unterhalt benötigen. Für eine derart kurze Periode wäre eine aus Chatten gebildete Einheit somit kaum sinnvoll zum Einsatz zu bringen."
    Nun blickte er Brandolf an, welcher ihm als kalkulierender Geschäftsmann empfohlen worden war und verhoffentliche zu folgern vermochte, dass jenes Geschäft unter den explizierten Umständen kaum als ausgeglichen zu ponderieren war.
    "Insofern würden wir es präferieren, eine etwas langfristigere Übereinkunft zu schmieden. Zumal Rom, wie ich versichern mag, durchaus die Freundschaft eures Volkes sucht. Und Freundschaft-"
    Er hielt inne und lächelte gequält.
    "-ist wohl kaum in der Perspektive nur weniger Monate zu schließen."

  • Es hatte fast schon etwas einschläferndes hier auf Posten zu stehen. Lediglich das ständig auftauchende Wild sorgte für Abwechslung. Er konnte den Jungspund da hinten nur Respekt zollen. Stand da und laberte wie ein Großer. Naja im Grunde war er das ja, wenn auch jung an Jahren entstammte er einem großen Geschlecht. Zumindest glaubte er das.
    Na egal, für ihn war nur wichtig den Tag zu überleben und am Abend nicht mit knurrendem Magen einzuschlafen,...und ab und zu einen zu verkramen. Bilder huschten durch seinen Kopf. Die letzte Lupina war ihr Geld mehr als Wert. Grinsend blickte er sich wieder um...nur nicht ablenken lassen.

  • Die Zeit verging langsam. Ebenso erwiesen sich die Verhandlungen als zäh. Verus, der seines Zeichens nur noch stilles Geleit war, erwies seiner Aufgabe die nötige aufopferungsvolle Hingabe und blickte kalt in die Menge an Anwesenden. Auch suchten seine Augen mit einem Seitenblick den Tribun, der seiner Aufgabe mit eloquenter Eifrigkeit nachkam. Verus selbst spürte den Winter in seinen Knochen, der sich kriechend, wie eine Krankheit bewegte. Ihm war der Zustand der Welt gleichgültig. Ferner auch diese Verhandlung. Frieden gab es nicht. Es war eine einfache Erkenntnis der lebendigen Existenz eines Soldaten. Zwar wünschte er sich echten Frieden aber war sich gleichsam bewusst, dass diese Welt aus Konflikten geboren worden war. Rom selbst war selbst ein einziger Konflikt aus widerstreitenden Interessen und Gruppierungen. Die hochgelobte Einigkeit exisiterte nur durch Waffengewalt und kalte Angst. Als Legionär hatte er gelernt, dem Gladius zu vertrauen und nicht auf Worte. Zwar konnten Worte mächtig sein und Kriege bewegen aber am Ende war sein eigenes Überleben nur von seinen Kameraden und seiner Waffenfähigkeit abhängig. Es gab nichts auf dieser Welt, welches Frieden wirklich versprechen konnte oder erhalten. Frieden war eine eifrige Illusion für Narren. Verus kannte nur eine Waffenruhe oder einen persönlichen Frieden, der nicht von Dauer war, da er stets von seinen Dämonen verfolgt war. Nur Idun, seine Geliebte, konnte ihn zeitweise erlösen, wenn wieder Gedanken oder Albträume kamen. In diesem Sinne verfolgte Verus des Geschehen mit zynischer Kälte und ohne offensichtliche Regung seines Gesichtes. Jeder spielte nur die Rolle, die ihm sein eigener Lebenswandel zugeschrieben hatte. Und Verus spielte seine Rolle bereits lange.

  • Baldur, Sohn des Brandolf
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    "Wenn also Rüstungen kostspielig sind und Rom ohnehin die Freundschaft mit unserem Stamm sucht, weshalb überhaupt unsere Söhne wegschicken?", ätzte Balder nach Minors Einwurf, der in seiner sprunghaften Art nun offenbar doch wieder gegen einen Friedensschluss eingenommen zu sein schien.


    Einar, Sohn des Alwin
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    "Hmm", brummte Einar dagegen nach Erteilung des Wortes und gab sich im Gegensatz zu Baldur betont gemächlich. "Ich würde sagen, Flawius hat Recht. Wir können unsere Söhne auch für vier Jahre fortschicken. Denn wenn wir einen dauerhaften Frieden wünschen, müssen unsere jungen Krieger doch andere Gegner haben, mit denen sie sich messen können. Mhmhm. Weshalb also nicht gegen Roms Feinde ziehen? Mit Waffe und Rüstung aus römischen Schmieden, bezahlt von römischen Steuern? Uns Chatten kostet dies nichts, denn auch Brot und Wasser - oder, hmm, Bier- kämen dann aus römischen Kammern."
    Einar hielt inne, warf einen Blick in die Runde der Versammelten.
    "Im Gegenzug dürften wir auf dauerhafte Versorgungshilfen für unsere Weiber, Gören und Greise hoffen. Ich, Einar, Sohn des Alwin, sage euch: Eine Abmachung, wie Flawius sie vorschlägt, wäre zu unserem Vorteil. Und wir sollten darauf eingehen. Ich könnte mir vorstellen, einen meiner Söhne für vier Jahre in römische Dienste zu stellen. Danach kann erneut über die heute besprochenen Konditionen verhandelt werden."
    Einar setzte sich und manche der Sippenoberhäupter bekundeten ihre Zustimmung, wenige zeigten deutliche Abneigung.


    Gunar, Sohn des Armin
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    "Vier Jahre, so lautet also Einars Vorschlag", wiederholte Gunar. Er wandte sich an die Versammelten: "Findet dies eure Zustimmung?" Nun meldeten sich einige Sippenoberhäupter, mancher stimmte zu, mancher widersprach. Allen voran Wulf, der ganz offen seine Abneigung zeigte, indem er ausspuckte.
    Letztlich aber überwiegten die positiven Stimmen. Gunar wandte sich also an Minor: "Nun, ein Friede mit neuen Verhandlungen nach Ablauf von vier Jahren würde wohl die Zustimmung des Thing erfahren. Wäre Rom mit einer solchen Abmachung, wie Einar sie soeben vorschlug, einverstanden?"

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