Bildung und Erziehung

Aus Theoria Romana

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Inhaltsverzeichnis

Allgemeines über die Bildung in der römischen Antike

'Die Erziehung des größten Teils der Bevölkerung basierte somit auf Vorleben und Abschauen sowie mündlicher Unterweisung.'

Bildung und Erziehung im römischen Reich der Kaiserzeit ist kaum mit unserer modernen Auffassung und Erfahrung von Bildung zu vergleichen. Die römische Gesellschaft besaß bis in das zweite Jahrhundert vor Christi Geburt immernoch starken bäuerlichen Charakter, und erst der zunehmende Kontakt zur östlichen Sphäre des Mittelmeers mit seiner durch die Griechen und die Diadochenreiche geprägten Bildungskultur führte zu einem steigenden Bewusstsein der Bedeutung von Wissen über die Tradition hinaus. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Bildung im Gleichklang mit Erziehung durch die Familien und Stammesgemeinschaften geleistet und trat selten über die Sphäre der lokalen Tradition (Stichwort: mos maiorum) hinaus. Man geht heute davon aus, dass der Anteil der Menschen an der Bevölkerung die Lesen konnte zu keiner Zeit der römischen Antike die zehn Prozent überschritt. Auch der Anteil an der männlichen Bevölkerung dürfte kaum die 20% überschritten haben. Weiterhin war, wie später noch ausführlich dargelegt wird, die Erziehung eines Menschen stark an seine engere Familie gebunden. Der Ahnenkult des alten Roms, in dem Wachsmasken der Verstorbenen über Generationen hinweg aufbewahrt und bei feierlichen Anlässen öffentlich zur Schau gestellt wurden, ist ein deutliches Zeichen dafür wie sehr das Leben und die Erziehung des Einzelnen sich an der Familientradition und den Errungenschaften seiner Ahnen ausrichtete. Das imanente Vorbild der lebenden Familienmitgliedern war somit dezidiert den (oftmals verklärten) Vorbildern der Ahnen untergeordnet, was den heranwachsenden Menschen in ein enges Korsett aus Pflichten, Zwängen aber auch Potentiale einbettete: die Familiengeschichte beeinflusste über Generationen und die Grenzen des Todes hinweg Teilnahme- und Aufstiegsmöglichkeiten. An Grenzen stieß diese Form der traditionell-bewährten Erziehungsform erst mit dem wachsenden Römischen Reich, mit welchem gerade die Darstellungs- und Absetzungsbestrebungen der Oberschicht wuchsen.

Da Rom bis zu dem genannten Zeitraum keine eigene Bildungstradition besaß, musste Bildung zwangsläufig 'importiert' werden um diesen Missstand zu beheben. Dies geschah vor allem nach der Annektion der griechischen Kolonien im römischen Einflussbereich Anfang des zweiten Jahrhunderts bis zur Eingliederung der Peleponnes Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus. So waren die frühen Lehrer der Römer auch meist unfreie Männer griechischer Herkunft. Für die griechische Vormacht im Bildungssektor sorgte auch das geringe Ansehen des Lehrerberufs in den höheren Schichten Roms, was eine gewisse Diskrepanz im Verhalten der Elite offenlegt: einerseits konnte man das Vermitteln von Bildung nicht mit dem eigenen Standesbewusstsein vereinbaren, andererseits sah man jedoch Bildung immer mehr als prestige- und identitätsstiftendes Moment an. Was dazu führte, dass die Zahl römischer grammatici bis zur Jahrtausendwende überschaubar bleibt, die Preise für gebildete Sklaven allerdings exorbitante Höhen erreichten. Dies änderte sich erst im Laufe der Kaiserzeit, als immer mehr Freigeborene zu Ruhm und Anerkennung als Lehrer gelangten.

Die Übernahme und Bewertung von Bildungsinhalten von den griechischen Lehrern geschah streng nach den Kriterien utilitas und usus, also Nutzen und Praxis. Dabei zeigte sich wieder die tiefe Verwurzelung der römischen Elite in der bäuerlichen Tradition, wenn zum Beispiel die Bedeutung der Ausbildung in Grundkompetenzen der griechischen, wie z.B. Rhetorik, für den in die Politik drängenden Nachwuchs der Elite geschmälert wurde, die schon zu Beginn erwähnte Praxis des Vormachens und Abschauens im tirocinium fori stark betont wurde. Letztlich wird allerdings gerade die Ausbildung hellenistischen Idealen entsprechend maßgeblich karrierefördernder gewirkt haben als die Befolgung römischer Bildungstradition. Die Bewertung der karrierefördernden Inhalte war dabei recht ambivalent, man sprach zwar von der Wichtigkeit der bonae artes die dem hehren Bildungsideal eines vir bonus zuträglich waren. Damit waren dann allerdings auch eher die für den Politiker nützlichen Inhalte gemeint, die schon zuvor erwähnt wurden. Von Johannes Christes werden Cicero, Seneca, Varro und Vitruv erwähnt um die genaue Benennung der antiken "Fächer" leisten zu können:

Drei Grundbestandteile:

  1. Grammatik (Literatur)
  2. Rhetorik (Redekunst)
  3. Ethik (Sittenlehre)

[dazu manchmal auch Dialektik (Argumentation und Logik)]

Mehrere Wahlfächer

  1. Arithmetik (grundlegende Mathematik)
  2. Geometrie (genauere Mathematik mit konkreter Anwendung)
  3. Astronomie (Sternenkunde, ≠ Astrologie/Sternenlehre)
  4. Musik (musisches [auch: Poesie und darstellende Künste])
  5. Architektur (genauere Mathematik mit konkreter Anwendung)
  6. Medizin (Körperlehre mit teilweiser konkreter Anwendung)

Ein besonderer Fall ist hierbei die Geschichtsschreibung, die allgemein zur Grammatik gezählt wurde, allerdings im römischen Selbstverständnis zu den Stoffen gehörte die auch durch die althergebrachte Bildung (also auf mündliche Art und Weise) vermittelt wurden und deren Kenntnis damit für jeden Römer von Stand selbstverständlich war.

Idealvorstellungen in der antiken Bildungstheorie

Die römische Erziehungstradition fußte, auf der Einhaltung der überlieferten Sitten, die vom pater familias oft mit absoluter Strenge in seiner Familie durchgesetzt wurde. Diese Strenge fand ihren Widerhall der unter griechisch-liberalem Einfluss oft rebellierenden Jünglingen, was zu einer nicht abbrechenden Bildungsdebatte im antiken Rom führte. So führte schon Cicero an, dass den Eltern Ehrerbietung und Gehorsam gebühre (an dritter Stelle nach Göttern und Staat), während Komödien die Diskrepanz zwischen griechischer Erziehung und römischem Ergebnisideal aufnahmen.

Zahlreiche Autoren der Antike (so z.B. Seneca und Marc Aurel) waren in der Behandlung von Erziehungsfragen stark philosophisch orientiert und stellten die Unterweisung in der Philosophie (ergo Ethik und Dialektik) über die Unterweisung in allen anderen Inhalten. Dies sollte zur philosophischen Reflexion und damit zur charakterlichen Eigenerziehung führen. Seneca ging gar soweit allen anderen Inhalten den erzieherischen Wert abzusprechen. Johannes Christes zufolge sollen Quintilian und Plutarch in ihren Schriften hohe Anforderungen an die Erziehenden gestellt haben: so sollen verantwortungsvolle Männer nur ehrbare Frauen ehelichen um Schaden von den aus der Ehe kommenden Kindern abzuwenden. Auch soll die Auswahl der an der Erziehung beteiligten Personen nach strengen Auswahlkriterien erfolgen (so soll u.a. auf die sprachliche Reinheit der Ammen geachtet werden). Die Seele des Kindes wird als noch sehr formbar angesehen und demnach wäre es umso wichtiger schlechten Einfluss von den Kindern fernzuhalten. Dazu zählte auch die der gängigen Praxis widersprechende Auffassung von Schäden durch körperliche Züchtigung. Die Kinder sollten eher durch geduldige Belehrung, Entspannung im Spiel, Anreize durch Belohnungen und die Weckung des Ehrgeizes im Wettbewerb mit den Mitschülern zum Lernen angehalten werden. Die Bedeutung des Lehrers kann hierbei nicht hoch genug eingeschätzt werden: sie sollen beinahe den Vater (nicht die Mutter!) ersetzen können, damit die Kinder in den Lehrern ihre geistigen Väter sähen und damit dem Vorbild nacheiferten.

Musonius vertrat die Ansicht, dass Mädchen und Jungen, unter steter Beachtung ihrer körperlichen Andersartigkeit, die gleiche Erziehung erhalten sollten. Frauen sollten ihm zufolge auch die Möglichkeit erhalten in der Philosophie unterrichtet zu werden. Die Praxis sah allerdings ander aus, umfassend gebildete Frauen stellten auch in der römischen Oberschicht eine absolute Minderheit dar.

Hier muss betont werden, dass die genannten Bildungsideale nur die Bestandteile der Erziehung widerspiegeln, welche NICHT zum traditionell-römischen Wertekomplex gehörten, der zuhause durch den Vater oder die Mutter weitervermittelt wurde.

Die Erziehung junger Römer

Kindheit

Die Erziehung der Kinder wurde streng auf die spätere Position der Erwachsenen ausgerichtet: Jungen wurden auf ihre Rolle als pater familias und (je nach Stand) die im öffentlichen vorbereitet, Mädchen auf die als Vorsteherin des Haushalts mit vornehmlich häuslichen Arbeiten. Allgemeiner Maßstab waren die(durch die Phasen der römischen Epoche stets gültigen und nie in Frage gestellten) mos maiorum. Dabei hatte die Erziehung der Jungen stets absoluten Praxisbezug: "..nicht die Vermittlung von Wissen, sondern das richtig gelebte Verhalten vermittelte die idealisierten Werte der Vorfahren.." (Bormann 2006) Cicero benennt diese Erziehungsziele aus den mos maiorum auf den Punkt:

  1. gravitas (Würde)
  2. constantia (Standhaftigkeit)
  3. magnitudo animi (Geistesgröße)
  4. probitas (Rechtschaffenheit)
  5. fides (Zuverlässigkeit)
  6. virtus (Vortrefflichkeit)

Die Lebensbereiche, auf die diese doch eher abstrakten Ziele ausgerichtet waren, sind dabei klar und knapp zu umreißen:

  1. Soziales Miteinander: da es in einem Stadtstaat keine klaren Grenzen zwischen zivil-privater und politischer Sphäre gab, war somit quasi jedes Miteinander in Rom ein politisches, in welchem man durch den Erfolg späterer Projekte durch das eigene Auftreten maßgeblich beeinflussen konnte. Sich hierauf vorzubereiten und die sozialen Kompetenzen (also die Fähigkeit mit/gegen andere/n Menschen erfolgreich zu arbeiten und die persönliche Wirkung auf diese) zu schärfen war in größtem Maße Ziel der römischen Erziehung.
  2. Rechtswesen und Religion: Kurzum gesagt war das Rechtswesen nichts anderes als die fundierte Kenntnis der römischen Rechtstradition, die für eine erfolgreiche Behauptung des Römers in einer von unterschiedlich stringenten Rechtsstrukturen geordneten Welt von ebenfalls fundamentaler Bedeutung war. Klar ist, dass hier ebenfalls die Kompetenzen des sozialen Miteinanders, besonders die der Außenwirkung eines Römers, von außerordentlicher Wichtigkeit waren. Bei der Religion war die fundierte Kenntnis der Tradition ebenfalls von Bedeutung und kann nicht zu gering eingeschätzt werden, immerhin zeigte sich auch hier die Bedeutung des Sozialen für den Römer.
  3. Wirtschaft und Administration: die Anforderungen an die römische Gemeinschaft waren schon zu vorrepublikanischen Zeiten enorm und wuchsen mit der Größe des römischen Einflussbereiches. Sich hier in der res publica als fähiger Organisator und gewiefter Sachverständiger in finanziell-merkantilen Fragen zu erweisen hatte nicht unerheblichen Einfluss auf die Erfolgschancen eines Römers. Auch hier wurde nicht stringent zwischen "frei-wirtschaftlichen" und staatlichen Belangen unterschieden, da die beiden Bereiche oftmals ineinander übergingen und Interessen sich nahezu traditionell vermischten. Dass dies jedoch auch Grenzen hatte zeigten vor allem der Prozess des Cicero gegen Verres, welcher maßgeblich starke Vermischung von staatlichen und "frei-wirtschaftlichen" Belangen zur persönlichen Bereicherung ausgenutzt hatte.
  4. Militär: Hier zeigt sich ebenfalls die Tradition Roms, die sich (teilweise) bis in die Spätantike nicht aus der ursprünglich bäuerlichen Prägung des Stadtstaates lösen konnte/wollte. Die Fähigkeit zur Verteidigung der eigenen Familie wurde selbst zu Zeiten hochgeschätzt, als familiäre Bande zu Angehörigen der professionellen Streitkräfte im städtischen Rom kaum mehr vorhanden waren, und Angehörige der Nobilitas Soldaten wenn überhaupt nur aus den kleinen Fenstern ihrer Amtsstuben im Verwaltungsapparat des Exercitus sahen. Dass die Fähigkeit (vor allem) der stadtrömischen Bevölkerung zur effektiven Verteidigung längst von den Angehörigen der professionellen Heere abgehängt wurden, versteht sich dabei von selbst. Dies tat allerdings keinen Abbruch daran dem Nachwuchs grundlegende, heute dem Militärwesen zugerechnete Kompetenzen und Fähigkeiten zuteil werden zu lassen.

Bei seinen Ausführungen zur Erziehung ließ Cicero vollkommen offen, wie genau und auf welche Art und Weise diese hehren Ziele eigentlich erreicht werden sollten. Auch andere Autoren sprechen sich zwar gegen eine theoretische Ausbildung der Kinder im Vorzug von stets praktischer Anleitung aus, allerdings bleibt die genaue Art und Weise der praktischen Weit offen, und damit dem pater familias überlassen. Die Römer der Republik und Kaiserzeit waren also weit davon entfernt ein einheitliches Erziehungsprofil zu entwickeln. Das Ergebnis (und seine praktische Anwendbarkeit) war alles was zählte, wie dies erreicht wurde war vollkommen gleich. Die oberste Maxime der Praktikabilität hatte demnach auch absoluten Wertungsanspruch auf die Beschäftigungen der Kinder: Sport um seiner Selbst willen war verpönt und wurde stets zur militärischen Ertüchtigung exerziert. Mathematik wurde ebenfalls gestutzt, etwa auf die Buchführung. Künste und Wissenschaften ohne direkt erkennbaren praktischen Wert wurden ebenso kritisch betrachtet. Um die Kontraste zwischen römischer und griechischer Erziehungsauffassung darzulegen, benutzt Diana Bormann folgendes Beispiel: "Aus dem gleichen Grunde galt eine Ausbildung in musischen Künsten als unstandesgemäß. Ein Feldherr, der wie der griechische Held Achill die Lyra zu spielen wüsste, wäre in römischen Augen eine lächerliche Figur." Dementsprechend waren auch die Darbietungen des Kaisers Nero zu seiner Zeit ein ausgewachsener Skandal.

Weiterer Bestandteil der kindlichen Ausbildung war nicht nur die Schriftlichkeit in der eigenen Sprache, sondern elementar auch das Erlernen des Griechischen, um sich in einer massiv durch den Hellenismus beeinflussten Welt auch maßgeblich behaupten zu können. Dies war gerade für die vornehmeren Familien Roms in ihrer Erziehung unabdingbar.

Die Erziehung eines Kindes fand in vornehmen Haushalten zumeist in den eigenen vier Wänden unter der Aufsicht der Mutter statt. Jungen wurden ab dem Alter von sieben Jahren zusätzlich in die Obhut des Vaters gegeben, welcher sie mit auf seine verschiedenen Unternehmungen nahm und ihnen so praxisnah die Aufgaben eines Römers nahebrachte. Mädchen blieben zuhause und wurden von der Mutter und den Hausbediensteten in den Aufgaben einer Frau unterwiesen, nur sehr selten nahmen sie wie die Jungen an schulischem Unterricht teil. Mit dem Anlegen der toga virilis, also mit ca. 16 Jahren, trat ein Junge in die Gruppe der Männer ein und begann seine öffentliche Lehre in der Politik. Mädchen wurden schon mit etwa 13 Jahren als heiratsfähig betrachtet und entsprechend behandelt.

Jugend

Nach heutigen Maßstäben lässt sich relativ frei konstatieren, dass es im formell-römischen Verständnis trotz manigfalter Jugendbegriffe keine eigentliche Jugend als stringent zu unterscheidende Lebensphase gab. Formell den römischen Erziehungstraditionen ging ein Römer vom Kindesalter direkt ins Erwachsenenalter über, wobei sich die Maßstäbe für Männer und Frauen freilich fundamental unterschieden:

  • Römische Mädchen wurden oft relativ bald nach der Geschlechtsreife in schon Jahre zuvor arrangierten Ehen untergebracht, in welchen sie quasi direkt nach der Eheschließung mit ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter konfrontiert wurden. Hierbei gilt jedoch zwischen der römischen Nobilitas zu unterscheiden, welcher schon allein aus machtpolitischen Gründen daran gelegen war den Nachwuchs so schnell wie möglich zu verheiraten und durch Nachwuchs effektiv zu binden. Heutzutage gehen nicht wenige Forscher davon aus, dass das Durchschnittsalter für die erste Verheiratung im gesamtrömischen Sozialraum eher bei 20 Jahren denn bei 13 lag. Die Erziehung und Bildung eines römischen Mädchens fand hier ihr Ende: mit den Eintreten in die Ehe übernahm sie wie zuvor erwähnt die Tradition einer römischen Ehefrau und Mutter und sah sich fortan mit dem Pflichtenkatalog einer solchen versehen. Allerdings gab es schon zu republikanischen Zeiten wohl immer eine Anzahl hochgebildeter Frauen, deren Emanzipation allerdings schon von Zeitgenossen argwöhnisch betrachtet wurde. Gerade hier konnten Familien sich absetzen, indem sie ihren Töchtern größere Bildung als die der Elementarschule zukommen ließen. Hierbei ist dennoch zu beachten, dass die Bildung der Frauen erst im höheren Alter eintrat, also wenn der eigene Nachwuchs bereits selbst dem Erwachsenenalter zustrebte.
  • Römische Jungen legten etwa mit dem 16. Geburtstag die toga praetexta ab und die Toga der Männer, die toga virilis an. Nach dieser Zeremonie, mit welcher ein Römer in das öffentliche Leben trat, begann das tirocinium fori, die einjährige Lehrzeit bei einer Person des öffentlichen Lebens zu der man oft, aber nicht zwingend familiäre Bande besaß. Während dieser Lehrzeit wurde dem bewährten römischen Prinzip des 'Miterleben, ansehen und dabei lernen' zufolge die Vorbereitung eines jungen Römers auf weiterführende und zunehmend verantwortungsvolle Funktionen im römischen Staat abgeschlossen.

Hier ist jedoch zu beachten, dass eine derart formelle Abstufung des Werdegangs eines jungen Römers wohl nur den der Nobilitas angehörigen Familiae möglich war. In der großen Breite der römischen Gesellschaft war das Anlegen der toga virilis wohl wenig mehr als Makulatur, dass die jungen Familienangehörigen schon frühstmöglich zum familiären Broterwerb beitragen mussten. Gerade in weiterhin bäuerlich und handwerklich geprägten Familien unterscheidet sich der Lebenslauf von Jungen und Mädchen massiv von denen aus Familien der Nobilitas: werden bei letzteren die Mädchen sehr früh verheiratet, wird dies bei letzteren deutlich später der Fall sein, während letztere die Jungen eher spät mit effektiven Aufgaben versahen, und erstere dies möglichst früh taten.

Das heutige gängige Verständnis von der Jugend als Zeit der Auflehnung gegen Werte und Normen der Erwachsenenwelt ist für die römische Antike kaum zu übertragen. Gerade junge Frauen sahen so gut wie keine Chance aus den vorgegebenen Lebenswegen auszubrechen, da ihre traditionelle Funktion der Mutter von (Familien effektiv verbindendem) Nachwuchs für die beteiligten Familien fundamental wichtig war. Die damit einhergehende aufoktruierte pudicitia, Keuschheit, war damit unabdingbar für römische Frauen die ihre gesellschaftliche Stellung nicht riskieren wollten. Die bizarr anmutende Verbindung von größerem Risiko als auch größeren Möglichkeiten für Frauen mit steigendem sozialen Status darf hierbei allerdings auch nicht vergessen werden: eine Senatorentochter war eher in der Lage einen Skandal zu verkraften als die eines Fleischers, allerdings war die Skandalanfälligkeit für erstere auch größer. Römische Männer hatten da größere Möglichkeiten, welche auch wahrgenommen wurden: römische Erwachsene "jugendlichen" Alters wurden als ungefestiger angesehen als Erwachsene "erwachsenen" Alters. Damit einhergingen größere Anfälligkeit für Laster, Rebellionen und von den familiär-römischen Traditionen abweichende Lebenswege, sowie eine größere Unzuverlässigkeit in politischen Ämtern. Logische Folge dessen waren die Altersbeschränkungen für zunehmend verantwortungsvolle und einflussreiche Ämter der res publica. Es gab also durchaus Möglichkeiten für "Jugendliche" sich abseits der durch die Familie vorbestimmten Lebensentwürfe zu bewegen, allerdings bargen diese selbstverständlich ein erhöhtes Konfliktpotential bis hin zum Verlust des sozialen Status.

Eine darauf näher eingehende Theorie lautet, dass der Siegeszug des hellenistischen Welt in der römischen Lebenswirklichkeit sich vor allem vollzog, weil junge Römer Werte und Inhalte der hellenistischen Welt als bewusste Abgrenzung zur althergebrachten römischen Lebenswirklichkeit betrachtet und auf diesem Wege die Absetzung von den Lebenswegen der Vorväter wagten. Allerdings ist auch hier zu betonen, dass dies vor allem auf Angehörige der römischen Nobilitas zutrifft. An ohnehin schon bildungsfernen Schichten ging diese Entwicklung nahezu spurlos vorbei.

Erwachsenenalter

Schon ein Jahr vor dem Anlegen der toga virilis hörte für den jungen Römer die Angehörigkeit zu einem ludus/schola auf. Fortan galt es die vorher tausendfach durch Anschauung geübten Kompetenzen in die Praxis umzusetzen. Für einen sehr geringen Teil der Bevölkerung Roms und einen noch viel geringeren Teil der Bevölkerung in den Provinzen ging die Bildung danach weiter, mit dem unten weiter unten erwähnten Rhetorikstudium. Dass die Fähigkeit zur gekonnten Anwendung und Formung von Sprache, auch zur flüssigen Argumentation nicht zu gering betrachtet wurde legen die gesetzlichen Initiativen dar, die ebenfalls später erwähnt werden. Dem Rhetorikstudium sind oftmals keine Grenzen gesetzt gewesen, ein römischer Vollblutpolitiker feilte oft bis ins hohe Alter an seinen Fähigkeiten den Gegner in Grund und Boden zu reden... oder sich einfach nur vor allen anderen als besonders kunstvollen Redner darzustellen. Darüber hinaus hielt sich die Erziehung eines Erwachsenen in starken Grenzen: mit zunehmend verantwortungsvollen Positionen (und zunehmender Größe des eigenen Haushalts) blieb einem Römer kaum etwas anderes übrig als sich in den jungen Erwachsenenjahren in die Rolle zu fügen die ihm zugedacht war. Interessant ist hierbei, dass die Bereitschaft zur Weiterbildung des eigenen Geistes vor allem dann aufkam, wenn der eigene Nachwuchs ebenfalls kurz davor war ins öffentliche Leben zu treten oder eigene Haushalte zu gründen/weiterzuführen. Dies trifft auch auf Frauen zu, die in der Rolle der Matrona Maior mehr Freiheiten genossen als vorher zu Zeiten in denen sie sich aktiv um den eigenen Nachwuchs und die Belange des gesamten Haushalts kümmern mussten. Männer, die nach dem Erreichen des Erwachsenenalters der eigenen Söhne ebenfalls kürzer traten zeigten sich ebenfalls eher geneigt ein Studium aufzunehmen als jene, die noch aktiv in das familiäre und politische Geschehen eingebunden waren.

Davor gab es für Erwachsene kaum größeren Handlungsspielraum als in der jeweiligen sozialen Gruppe, in welche sie eingebettet waren. Schillernde Individualisten sind dabei die absolute Ausnahme, und wahrscheinlich genau deshalb umso auffälliger.

Das römische Schulwesen

Das römische Schulwesen zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass es formell gar keins gab. Die res publica griff nicht in die Bildung seiner Bürger ein, was von diesen selbst positiv gesehen wurde, gar als ureigene Pflicht dem eigenen Nachwuchs gegenüber. Darüber hinaus gab es zwei Möglichkeiten (sich) zu bilden: die Anstellung eines Privatlehrers und der Besuch einer öffentlichen Schule. Mit öffentlichen Schulen sind hierbei keine vom Staat getragenen Schulen gemeint, sondern von freischaffenden Lehrern organisierte Schulen in denen Familien ihre Kinder gegen Entgelt unterrichten lassen konnten. Privatlehrer waren hierbei zumeist den vermögenden Familien Roms vorbehalten, öffentliche Schulen hatten einen entsprechend schlechteren Ruf. Im Verlauf der Kaiserzeit wuchs die Erkenntnis, dass grundlegende Bildung von Vorteil für das Gemeinwesen sein konnte, weshalb nicht nur in Rom immer mehr Schulen gegründet wurden, die vom Staat initiiert und von privaten Spendern und Kommunen unterhalten wurden. Dennoch kann man davon ausgehen, dass über die Elementarschulen hinaus nur größere Metropolen ab 30.000 Einwohnern Lehrkräfte anziehen konnten die tiefergehende Bildung zur Verfügung stellten. Terminologisch betrachtet galt eine Elementarschule bis ins 1. Jahrhundert vor Christus als ludus, danach setzte sich der auch heute noch gebräuchliche Begriff schola durch. Die (durchweg männliche) Führung einer solchen Instition wurde als magister ludi/scholae der als literator bezeichnet. Das Schulwesen der Kaiserzeit lässt sich in drei Stufen einteilen:

Elementarschulen

Die ludi/scholae litterati wurden oft von Privatlehrern in den vier Wänden einer Familie abgehalten, oder auf öffentlichen Plätzen in Ladengeschäften und Marktbuden. In ihnen wurden den Kindern unterschiedlich wohlhabender Familien das Lesen, Schreiben und grundlegendes Rechnen beigebracht, wobei Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet werden KONNTEN, es aber meist aus Gründen der Tugendhaftigkeit nicht wurden. Schreiben wurde vor allem durch das 'Vormachen und nachmachen'-Prinzip gelehrt, die Schüler mussten vorgegebene Buchstaben nachzeichnen, manchmal auf spielerische Art und Weise, oder die Hand des Schülers wurde gleich durch den Lehrer geführt. Lesen wurde, in einer Zeit ohne Satzzeichen und oft auch ohne Worttrennung, streng nach Vorlesen und Mitlesen geübt. Rechnen wurde mit einem Rechenbrett geübt. Die Lehrer in diesen Schulen waren oft Sklaven und Freigelassene, die sich so etwas hinzuverdienten, und dementsprechend schlecht angesehen. Dem abträglich war noch die oftmals bezeugte schlechte Disziplin der Schüler, die oft mit Schlägen und Gebrüll beantwortet wurde. Nach dem Abschluss einer solchen Schule galt man selbst als litteratus, als hinreichend Gebildeter.

Grammatikschulen

Die ludi/scholae grammatici standen meist aus später näher ausgeführten Gründen eher Kindern der gehobenen Gesellschaftsschicht zur Verfügung, wo ab dem 11. Lebensjahr die Kenntnisse vertieft und ausgebaut wurden. Der Fokus lag hierbei jedoch auf einem ausgefeilteren Gebrauch der Sprache, was wohl auf eine effektive Durchsetzung im späteren politischen Wirken abzielte. Hierbei wurden vor allem Dichtung der römisch-hellenistischen Welt zum Gegendstand gemacht. Der grammaticus war höher angesehen als der literator, wenn auch seine soziale Stellung nach wie vor nicht die beste war.

Studium

Das oft individuelle studium bei einem eigens dafür angestellten Lehrer, dem rhetor, das kaum mehr die Bezeichnung 'Schule' verdient. Die studentes konnten hierbei durchaus schon höheren Alters gewesen sein, es wird unter anderem davon geschrieben, dass Vespasian noch im hohen Alter bei einem rhetor lernte. Der Begriff des studium ist hierbei jedoch ebenso auf die beiden anderen Arten der Schule übertragbar und kaum für das Rhetorikstudium festlegbar. Diese Form der Bildung war distinktiv der absoluten römischen Elite vorbehalten, da die Zahl der über das Vermögen eines grammaticus hinausgehenden Lehrer gering und damit sehr kostspielig war. Die Aneignung rhetorischer Fähigkeiten wurde von der römischen Elite so geliebt wie gefürchtet. Aus Angst vor wachsenden rhetorischen Fähigkeiten einfach-plebeiischer Römer versuchten Patrizier in der hohen Republik den Zugang zu dieser Art von Bildung zu beschränken, jedoch ließ sich die Verbreitung des Rhetorikstudiums mit der Bildung der neuen Nobilitas kaum verhindern. Hatte das Rhetorikstudium in der Republik noch eindeutigen politischen Charakter, ließ dies in der Kaiserzeit deutlich nach - der Drang nach prestigeträchtiger Selbstdarstellung löste die Fähigkeit zur politischen Selbstbehauptung als Hauptmotiv zum Studium ab. Nach dem Abschluss des Studiums bei einem Rhetor wurde man als eruditus, als Gebildeter betrachtet. Je nach Rhetor konnte dies einen beträchtlichen Prestigezuwachs darstellen.

Kennzeichnung von Bildung

Bildung wurde per se nicht, wie heute üblich, durch Zeugnisse bescheinigt, sondern durch Mundpropaganda und im alltäglichen Gebrauch ersichtlich. Dies traf vor allem für die Elementarschulen zu, die oftmals eben nicht nur von Angehörigen der Oberschicht besucht wurden. Darüber hinaus, besonders bei Grammatikschulen, waren sogenannte diplomae üblich, auf denen der (längere) Besuch einer Grammatikschule verzeichnet wurde. Diese diplomae waren keine besonderen Auszeichnungen dem heutigen Verständnis nach, sondern konnten schlicht bekritzelte Tonscherben (!) sein, aber ebenso reich verzierte Tafeln.. dies hing wiederrum vom Prestige der Schule und des jeweiligen Lehrers ab. Für die höchste Form der römischen Bildung, dem Studium bei einem Rhetor, gab es kaum andere Möglichkeiten das dadurch angeeignete Können zur Schau zu stellen als eben dies zu tun: fand ein Erwachsener Mensch sich fähig genug, konnte er andere Gleichgesinnte zu einer Art Vortrag oder einem Debattierabend einladen und dabei seinen Fortschritt zeigen. Dass dies gleichzeitig der politischen wie sozialen Selbstdarstellung diente, versteht sich von selbst.

Literatur

  1. Christes, Johannes, Klein, Richard, Luth, Christoph [Hrsg.], Handbuch der Erziehung in der Antike, Darmstadt 2006
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