Mantua - Rom - und zurück

  • Eine, zumindest für mich, unerfreulich lange und wenig amüsante Fahrt in einem schunkelnden Reisegefährt lag vor mir, als ich in Begleitung von Sophus und einer jungen Frau dem Empfang von Meridius verließ. Seufzend bestieg ich die Kutsche. Mir war klar, zukünftig würden des Öfteren Fahrten dieser Art vor mir liegen.


    Die Pferde zogen an, ich wurde an die Rückenlehne gedrückt und mein Mageninhalt folgte der Bewegung. In einer schützenden Geste legte ich die Hand auf mein Dekollete.


    „Etwas Ablenkung wäre nicht schlecht. Du hast uns noch nicht miteinander bekannt gemacht.“


    Mein Blick wanderte zu der jungen Frau und von ihr zu Sophus zurück. Ich neigte den Kopf, zog erwartungsvoll die Brauen nach oben und schenkte ihm ein sanftes Lächeln.

  • Sophus bemerkte den Blick Deandras und musste lachen.


    "Wie? Die Damen kennen sich nicht? Darf ich vorstellen, Deandra: Dieses Mädchen ist Aurelia Cupida, die Tochter des Cotta. Zufälligerweise haben wir uns auf dem Empfang des Triumphators getroffen. Cupida, dies ist Aurelia Deandra, Adoptivschwester des Commodus."

  • Zuerst dachte ich, Sophus wollte mich veralbern. Ich zog die linke Augenbrauen nach oben und machte ein zerknirschtes Gesicht. Seine Späße waren mir wohl bekannt und oft wusste ich nicht, was nun ernst und was ironisch gemeint war.
    Weil er aber einen durchaus ernsthaften Eindruck auf mich machte, sah ich mich geneigt, ihm zu glauben.


    „Tochter des Cotta? Schwester des Sarmaticus? Er hatte nie etwas von einer Schwester erwähnt. Erst kürzlich sprach ich mit ihm. Er ist übrigens bis Oktober beruflich noch sehr eingebunden und wir werden ihn bis dahin kaum zu Gesicht bekommen.“

  • Crispina stand neben Sophus und war erfreut, als er ihr ihre Cousine vorstellte. Sie lächelte mit leicht angeröteten Wangen und hörte dann aufmerksam zu, als Deandra von ihrem Bruder erzählte. Ja, sie musste ihm unbedingt einen Brief schreiben.
    Sie lächelte und mischte sich erstmals ein, um zu erklären, warum nicht einmal ihr Bruder von ihr wusste.


    "Nun, wahrscheinlich weiß er nicht einmal von mir. Wir haben zwar den gleichen Vater, aber unsere Mutter ist nicht die Selbe."

  • Noch immer sah ich Sophus erstaunt an, wandte mich dann aber Crispina zu, als sie die Erklärung für die besonderen Umstände bot.


    „Salve Crispina! Darüber musst du unbedingt mehr erzählen. Ich bin furchtbar neugierig und ich habe eine gute Nachricht für dich. Wenn unsere Reise schnell und ohne Zwischenfälle abläuft, wirst du deinen Bruder in Mantua treffen können. Er konnte sich für ein paar Tage freimachen. Natürlich ahnt er nichts von deiner Existenz. Wir alle ahnten nichts davon.“


    Schmunzelnd sah ich zu meiner Cousine.


    „Ich hoffe, wir können Freundinnen werden“, fügte ich leise an.

  • "Potzblitz!", meinte Sophus plötzlich lachend. "Mit zwei jungen Mädchen reise ich durch die Lande. Man wird mich für einen schlimmen Wüterich halten!"


    Zitat

    Original von Aurelia Crispina
    "Nun, wahrscheinlich weiß er nicht einmal von mir. Wir haben zwar den gleichen Vater, aber unsere Mutter ist nicht die Selbe."


    "Wer war es, der dich aufzog? Soweit ich weiß, hatte dein Vater drei Frauen geehelicht."

  • „Ach, weißt du,“, erwiderte ich schelmisch zu Sophus, „wer dich nun für einen schlimmen Wüterich hält, der würde im Grunde seines Herzens am liebsten mit dir tauschen. Stimmt’s, Crispina?“


    Ich zwinkerte Crispina zu, schmunzelte in mich hinein und wollte mich gerade zurücklehnen, als Sophus weitersprach. Mitten in der Bewegung hielt ich inne und lauschte mit offenem Mund seinen Worten.


    ‚Ach, du liebe Zeit – drei Frauen’, dachte ich. Überrascht blies ich die Luft aus und zählte vorerst die vorbeifliegenden Bäume am Straßenrand.


    „Sind die ersten beiden gestorben?“, fragte ich schließlich. Offenbar wussten Sophus und Crispina mehr darüber Bescheid.

  • Ich freute mich über die warme Begrüßung, die mir meine Cousine zuteil werden ließ und schmunzelte über Sophus Gedankenblitz. Ich sah zu Deandra und nickte frech grinsend. "Sicherlich wollte er das. Aber wir werden nicht tauschen, oder?"
    Dann wandte sie sich an Sophus, der nach seiner Mutter gefragt hatte. Dass er drei gehabt haben soll, hatte selbst ich nicht gehört und sah daher auch verdutzt aus. "Marcia Epidia heißt meine Mutter. Dass mein Vater drei Frauen geehelicht hatte, war mir aber nicht bekannt."

  • „Nö, tauschen werden wir zwei wohl nicht“, antwortete ich lachend Crispina. „Es sei denn, er benimmt sich komplett daneben, was ihm hin und wieder auch gelingt. Tut mir leid, mein Herz, aber manchmal bist du echt ein Scheusal und hin und wieder muss ich dir das sagen.“


    Meine Augen blitzten vor Vergnügen. Ich fand, diese Retourkutsche hatte er mehr als verdient. Dummerweise konnte ich ihm nie lange böse sein und so wurde mein Lächeln auch schnell wieder sanft.


    „Hm, Scipio.“ Ich war überrascht. „Da ich für dieses Treffen nicht der Initiator war, habe ich niemand eingeladen. Sarmaticus bildet dabei eine Ausnahmen, weil ich wohl von allen Aureliern den engsten Kontakt zu ihm pflege. An dieser Stelle habe ich angenommen, du hast dich darum gekümmert. Ist das jetzt nicht der Fall? Das letzte Mal waren wir beide aktiv und diesmal keiner?


    Es wäre auf jeden Fall bedauerlich, wenn er nicht käme. Andererseits, ich traf ihn zuletzt in Ostia. Da wollte er unbedingt Leiter der neuen Vigilesstation werden. Statt sich jedoch um seine Beförderung zu bemühen, hielt er sich lange bedeckt und ich erfuhr erst später von anderen, dass er nach Hispania umgesiedelt ist. Sehr enttäuschend, wenn du mich fragst.“


    Die letzten Worte sprach ich so leise, dass Crispina sie nicht verstehen konnte.

  • Glücklicherweise ging auch die längste Reise auf diesen Landstraßen einem Ende entgegen. Ich war lange Zeit still geblieben, das Geschaukel schlug mir immer wieder auf den Magen. Fast hatten wir Mantua erreicht, doch bevor wir aussteigen würden, wollte ich noch etwas loswerden.


    „Crispina, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht … Ich würde nie in der Öffentlichkeit oder bei Anwesenheit Fremder irgendetwas Negatives über die Gens oder Sophus sagen. Zum Einen hänge ich dafür viel zu sehr an meinem Namen und zum Anderen hätte Soph das auch nicht verdient.


    Ich bitte dich deswegen, halte auch du den Namen der Familie immer rein und in Ehren. Dein Pater Familias, mein Bruder Commodus, hält das so, ich halte es so, Sophus sowieso und wenn du irgendwelche Fragen hast oder Hilfe brauchst. Ich bin jederzeit für dich da. Wenn du möchtest, erzähle ich dir gern aus unserer Familiengeschichte.“


    Mit einem freundlichen Lächeln unterbreitete ich meiner Cousine dieses Angebot. Sie sollte jede Unterstützung erhalten.

  • Crispina hörte ihrer Cousine zu und war glatt entgeistert. Nie würde sie auf die Idee kommen über die Familie schlecht zu reden. Sie hatte ja nicht einmal einen Grund dafür. Und auch wenn sie den gehabt hätte, war die Familie doch immer noch das Höchste. Sie nickte wie selbstverständlich lächelnd. "Ich danke dir, Cousine. Sicherlich werde ich den Namen der Familie nicht beschmutzen und ja, ich würde mich freuen, wenn du mir einmal etwas über die Aurelier erzählen würdest. Ich fürchte, ich habe bislang sehr wenig über meine Familie erfahren." Crispina war niemals zuvor in Mantua gewesen, war daher schon aufgeregt. Vor allem aber auch wegen den vielen neuen Menschen, die sie kennenlernen würde.

  • Es war ein schöner Tag, als ich Ancharia am Hafen von Ostia abholte. Wir bestiegen eine Reisekutsche und fuhren zunächst Richtung Rom. Ich wollte ihr aus dem Reisegefährt heraus ihre Geburtsstadt zeigen, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.


    „Schau, dort ist der Tempel der Vesta. Hier vollziehen die Vestalinnen den Vestakult. Das bedeutet, sie bewachen das heilige Feuer, leben 30 Jahre lang in strenger Keuschheit, pflegen den Kult der staatlichen Penaten, beaufsichtigen heilige Kultgegenstände, die niemand betrachten darf und die das Fortbestehen des Menschengeschlechts gewährleisten.“


    Ich wies aus dem Fenster der Kutsche.

  • Nach gewisser Zeit des Fahrens gelangten wir in die Nähe des Palatium Augusti.



    „Schau, und dort ist der Kaiserliche Palast. Davor, dieses große Rennoval, ist der Circus Maximus. Hier finden Pferderennen, Gladiatorenwettkämpfe und andere Spiele statt. Eines Tages wirst auch du auf den Rängen sitzen und die unglaubliche Atmosphäre spüren.“


    Ich zwinkerte Ancharia zu. Vieles würde sie noch zu sehen bekommen, vieles erleben und ganz sicher reichlich Bekanntschaften machen.

  • Noch nie verging für mich die Fahrt von Rom nach Mantua derartig schnell. Das musste wohl an meiner hübschen Begleiterin liegen. Angeregt unterhielten wir uns, ich zeigte ihr viel während der Fahrt durch Rom und anschließend genossen wir die Landschaft, die sich auf der kilometerlangen Strecke immer wieder wandelte. Ab und an legten wir Schlafpausen ein.


    Endlich erreichten wir Mantua und wenig später hielt die Kutsche vor unserer Casa - einem neuen, imposanten Gebäude. Ich selbst musste mich erst an diesen Anblick gewöhnen. Ich hielt Ancharia meine Hand hin, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.


    "Und das ist also dein neues Zuhause."


    Gemeinsam traten wir in die Empfangshalle ein.

  • Was würde sich mehr anbieten, als bei diesem scheußlichen Regenwetter, Stunden, Tage in einer geschlossenen Reisekutsche zu verbringen? Längst war es überfällig, in der Villa in Rom einmal wieder nach dem rechten zu sehen. Ich hatte mir einige Aufräumarbeiten vorgenommen. Natürlich welche der besonderen Art und solche, die kein Sklave ausführen konnte oder besser sollte.


    Viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte man, wenn man alleine reist. Gelangweilt betrachtete ich mal die Landschaft, mal die Güte meiner gepflegten und arbeitsungewohnten Fingernägel und mal mich selbst von innen – ich verschlief sehr viel von der Reisezeit.

  • Bepackt mit einigen Unterlagen für meinen Romaufenthalt bestieg ich am Vormittag eine Kutsche. Mein Ziel war zunächst die Villa Flavia und je nachdem, wie dort die Gespräche verliefen, würde ich anschließend Lucius Syagrius Nepos aus Rom aufsuchen.

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