Plutarchs Reisen | Ein Turm für Pan

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    Erneut schlenderte ich, diesmal vom Westen her kommend, den Meson Pedion entlang. Es war schon später, die Sonne zeige Ermüdungserscheinungen und bewegte sich langsam aber sicher ihrem Bestimmungsort im Westen zu. Die Sonne war müde und ich war es auch. Außerdem hatte ich an diesem Tag schon wirklich viel erlebt. Deswegen beschloss ich, zu Hegesias heimzukehren.


    Allerdings: Aus meinem Plan wurde nichts: Wie ich nämlich so den Meson Pedion entlang ging, fiel mir auf einmal ein gigantischer Park ins Auge, der von einem riesigen Tum bekrönt wurde.


    Dieser Turm hatte etwas wirklich seltsames an sich: Er wirkte wie aus Erde gemacht und war gleich einem Berg mit Pflanzen überwachsen. Aber er war definitiv kein echter Berg: Dazu war er zu symmetrisch gebaut: Es war ein riesiger Kegel, dessen Spitze abgeschnitten war und einer Plattform Platz machte. Und den künstlichen Berg herum schlängelte sich deutlich ein begehbarer Weg.


    Ich war wirklich erstaunt: Noch nie hatte ich bisher von diesen künstlichen Berg gehört! Er sah so fremd und gänzlich ungriechisch aus, weswegen ich vermutete, dass ihn vielleicht die alten Ägypter errichteten. Allerdings wusste ich, dass auch die Ägypter nicht einen solchen Baustil pflegten. Vielleicht hatten ihn die Götter dorthin gestellt? Oder irgendeine mythologische Rasse von Riesen? Ich fragte einen Passanten:


    "Sag, was ist das für ein Gebäude?"


    Der Passant schaute mich nur verwundert an: "Das ist das Paneion, ein heiliger Hain des Pan. Man kann dort hinaufgehen und hat eine gute Sicht über die Stadt und das Umland." so als wäre das ganz selbstverständlich. Ich dankte und der Mann ging weiter. Wahrscheinlich dachte er sich seinen Teil über die komischen Touristen. Mich aber lies dieser künstliche Berg nicht los. Meine Müdigkeit war verflogen. Ich beschloss, ihn zu erklimmen und betrat den Park...

  • Ich wanderte also durch die Parkanlage. Sie war wirklich wunderschön angelegt. Man hatte fast den Eindruck, einen naturbelassenen Hain aufzusuchen, ein wahres Idyll und ein herrlicher Rückzugsort vom lauten und hektischem Stadtleben. Anscheinend sah das nicht nur ich so: Viele Alexandriner schlenderten ebenso über die Wege und genossen unter dem munteren Gezwitscher der Vögel ihre freie Zeit zusammen mit Freunden, Partnern oder der Familie.


    Auf meinem Weg zum Paneion, so hieß der Turm, auf dem sich das eigentliche Heiligtum befand, betrat ich nun einen Bereich des Parks, der über und über bedeckt war mit den verschiedensten Pflanzen: Oliven, Zypressen, Eichen, Zedern, Pinien standen hier in verschiedensten Arten und Formen, dazwischen Bäume, die ich noch niemals gesehen hatte. Neben den Bäumen gab es Sträucher und Blumenbeete und bunte, exotische Blüten lockten mit den verschiedensten Düften. Auf einen Teich wuchsen Dutzende von verschiedenen Seerosen. Auch Bereiche mit künstlichen Wüsten, Sümpfen oder Berglandschaften gab es. Und eine Armee von Gärtnern war unterwegs, schnitten und gossen die Pflanzen, prüften die Erde und wühlten sie um.


    Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Vielfalt an Pflanzen, von denen die wenigsten aussahen, als würden sie gewöhnlich in diesen Regionen wachsen, nur zum Spaß so angelegt wurde. Deswegen fragte ich einen der Gärtner.


    Dieser lachte. Es stellte sich heraus, dass er gar kein Gärtner war, sondern ein Botaniker. Nein, meinte er, das sei nicht nur ein gewöhnlicher Park. Hier ließen die Nachfolger Alexanders alle Pflanzen ansiedeln, die sie während der Eroberungszüge aus aller Welt gesammelt hatten. Neben dem Erholungswert diente dieser Teil des Gartens also vor allem einen wissenschaftlichen Zweck. Er deutete mir dabei auf ein Gebäude, das von einigen Gewächshäusern umgeben war, das sich als botanisches Institut des Museions herausstellte.


    Alexandria war wirklich eine interessante Stadt: Noch nie habe ich in meinem Leben einen Ort gesehen, an dem das Nützliche mit dem Schönen in derartiger Weise miteinander verbunden wurde.

  • Endlich hatte ich die Serpentinenwege des großen Hügels erkommen und kam auf der Plattform an. Der Tempel in der Mitte der Plattform war eigentlich nicht besonders spektakulär. Er war zwar durchaus hübsch anzusehen, aber dennoch klein und irgendwie nicht besonders. Dennoch erkannte ich gleich, welch Wunder diese Anlage war, als ich den Rand der Plattform entlang schlenderte.


    Ich setzte mich dann an den zum Meer blickenden Rand des Rundes, wo sich bereits einige Liebespaare niedergelassen hatten, um die Aussicht zu genießen. Und auch ich verfluchte den Umstand, dass ich das Paneion noch nicht kannte, als ich die Frau im Gymnasion getroffen hatte. Dies wäre eigentlich der ideale Platz für ein Stelldichein gewesen.


    Rot spiegelte sich die untergehende Sonne im wogenden Meer und der Himmel war ein wahres Feuerwerk aus rot, gelb und dem dunklen Violett der vereinzelten Wolken.
    Das Land darunter war weit. Wirklich alles konnte man sehen: Die Hafenanlagen mit den tausenden von Schiffen, die breiten Magistralen und die zahllosen Häuser der Stadt. Und alles wirkte von hier oben ganz ruhig und harmlos, wie ein großes Miniaturmodell, das irgendein Künstler von der Stadt gemacht hatte. Und zwar das genaueste Miniaturmodell, das jemals gebaut wurde: Winzig kleine Menschen und Tiere liefen durch die Straßen, verschwanden ab und an in den beschmückten Gebäuden, kauften etwas an einen kleinen Stand oder hielten kurz an, um eine Inschrift an einem Brunnen oder einer Statue zu lesen. Es war wirklich wunderschön.


    Ich schritt das Rondell weiter ab und sah, dass auch die Gegenseite zum Mareotissee hin reich besetzt war: Kein Wunder: Auch hier erstreckte sich das Wasser bis zum Horizont. Man konnte durchaus den Eindruck gewinnen, Alexandria sei auf einer kleinen Insel im Ozean errichtet worden. Aber hier spielte sich ein atemberaubendes Schauspiel ab: Tausende, Millionen von Flamingos lebten am See und hin und wieder stoben die Vögel in Schwärmen in die luftige Höhe und tanzten in kunstvollen Figuren und Formationen durch die Luft.


    Total gefesselt setzte ich mich, zündete mir eine Pfeife mit einer süßlichen Kräutermischung aus Baktrien, die ich mir auf dem Fremdenmarkt gekauft hatte an und schaute auf dieses Schauspiel, bis die Sonne unterging und des dunkel wurde.


    Der Einbruch der Nacht verminderte die Aussicht aber keineswegs: Jetzt funkelten und flackerten überall in der Stadt myriaden kleiner Lichter, Herdfeuer und Straßenlaternen, die zusammen mit den Sternen um die Schönheit wetteiferten. So saß ich da, bis mir etwas kühl wurde.


    Als ich ging, drehte ich mich noch einmal dem Meer zu und sah erneut das riesige Leuchtfeuer des Pharos, der alles andere in den Schatten stellte.

  • Zum Glück war der Park, den ich jetzt auf der anderen Seite verließ, mit Lampinions geschmückt und gut erhellt, denn normalerweise sollte man dunkle Parks in Städten zu einer solchen Zeit eigentlich meiden.


    Aber hier war immer noch ein geschäftiges Treiben, noch mehr eigentlich als am Tage, wo die meisten Menschen noch ihrer Arbeit nachgingen. Jetzt stellten hier auch Gaukler im Spiel der Straßenmusikanten ihre Feuerkünste zur Schau, spuckten Stichflammen, jonglierten mit Feuerbällen und tanzten mit flammenden Behältern wundersame Pirouetten. Und zwischen den Parkbesuchern liefen Wasserträger und Leute, die Limonaden, Weine, Bier und allerlei Naschwerk verkauften. Auch ich rüstete mich mit irgendeinen Gebäck aus und genoss den spätabendlichen Troubel.


    Dabei warf ich immer wieder einen Blick auf die Käfige am Wegesrand, aus denen Gezwitscher, Gebrüll und Geschrei erklang. In den Käfigen befanden sich alle möglichen Raubkatzen, Bären, Wölfe und andere wilde Tiere. In Weihern gab es Nilpferde und schlafende Krokodile, in Volieren zwitscherten prächtige und exotische Vögel. Auch zahlreiche Eulen sah ich. Sogar Elefanten, Rhinocerosse und sogar Robben vom Kaspischem Meer waren in dieser Sammlung vorhanden. Die Schlangen und Echsen in ihren Terrarien schliefen schon, aber in gläsernen Aquarien tummelten sich immer noch allerlei See- und Meerestiere, Fische, Kraken, Krabben, Muscheln und Seesterne.


    In was für eine Zauberwelt war ich hier hineingeraten? Ich weiß nicht, wie lange ich im zoologischem Garten, der sicherlich auch ein Institut des Museions war, verbrachte aber ich beschloss, es hatte sich definitiv gelohnt...

  • Nachdem ich mich wieder in das Gewirr der Straßen begeben hatte, fing ich langsam an, mir Gedanken über dieses Bauwerk zu machen. Alexandria ist nämlich eine Stadt, die in all ihrer Architektur und Ausdrucksweise das Weltgefüge symbolisiert. Nichts ist zufällig gebaut und alles Ausdruck einer höheren Ordnung. Ich grübelte also fieberhaft, was das Paneion darstellen sollte.


    Dann kam mir die Erleuchtung: Der Turm hat die Form eines Pinienzapfen, eines Symbols des Dyonisos. Und Pan, dessen Heiligtum den Zapfen krönt, findet sich ebenfalls in der Gesellschaft dieses Gottes. Der riesige Zapfen, der über der Stadt thront, ist also Symbol der Herrschaft Dyonisos’ auf Erden.


    Diese Symbolik hatte in der Ptolemäerzeit eine lange Tradition: Es heißt nämlich, dass vor Äonen der Gott Osiris nach Indien gezogen sei, das Land kultiviert und Elefanten gejagt habe. Danach sei Osiris nach Makedonien gezogen und habe einen König gekrönt, den Vorfahren Alexanders.


    Viele Tausend Jahre später brach dann seinerseits Dyonisos, welcher der griechische Name des Gottes Osiris ist, nach Indien auf. Und nachdem abermals Jahrtausende verstrichen, tat Alexander es den beiden Göttern gleich. Osiris, Dyonisos und der Makedone waren also Eins: Eroberer Indiens und Herrscher über die gesamte Welt. Und die Ptolemäerkönige führten als Nachfahren Alexanders diesen Mythos weiter.


    Doch Mythen vergehen eben mit der Zeit, denn das Gedächtnis der Menschen ist kurz und dem Neuen aufgeschlossener als dem Alten. Deswegen ist das Paneion, das Szepter des Dyonisos-Alexander, welches über den Völkern thront, heute nurmehr eine Attraktion für Touristen, ein Ort der Freizeitgestaltung und der Wissenschaften. Manche mögen den Verfall der Sitten überaus bedauern, aber man muss fragen, womit ist dem Menschen mehr gedient?

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