Plutarchs Reisen | Das Stadtzentrum

  • Zum Inhalt


    Endlich kam ich an der Agora, dem Herz der Stadt an. In alten Zeiten diente die Agora einer Polis in erster Linie als Platz des öffentlichen Marktes, doch in den Städten unserer Zeit hatte sich ihre Funktion gewandelt: Das weitläufige, von breiten und pompösen Stoen (Säulenhallen) umgebene Areal wurde im Gegensatz zum Rest der Stadt, wie ich sie bisher gesehen hatte, sauber und gepflegt gehalten. Der Stein der Gebäude glänzte, die prachtvoll verzierten Reliefs und Friese leuchteten in bunten Farben und nur die teuersten und edelsten Läden der Stadt hatten hier ihre Filialen. Ein riesiges bronzenes Reiterstandbild des Vespasian hielt in der Mitte des Platzes Wache.


    Auch vom Trubel auf dem Boulevards war hier nur noch wenig zu spüren. Zwar waren auch zahlreiche Menschen unterwegs, doch erkannte man in ihnen sofort Mitglieder der reichen und zivilisierten städtischen Oberschicht mit sauber gelockten Haaren, edlen Diademen und gut angelegter Kleidung in den feinsten Stoffen. Sie flanierten mehr über den Platz, da ihnen ihre Würde die planlose Hektik der Straßen verbot. Viele von ihnen waren offenkundig hohe Amtsträger oder nahmen andere wichtige Positionen im Stadtleben ein. Ruhig unterhielten sie sich mit persönlichen oder politischen Freunden oder diktierten ihren Schreibern Schreiben und Gesetzestexte. Auch mehrere römische Offiziere in ziviler Toga oder ihrer Paradeunifom konnte ich ausmachen.


    Über eine hohe Treppe betrat ich eine der Stoen. Unter dem von hohen Säulen korinthischer Ordnung getragenem Vordach entlang gehend betrachtete ich die Statuenreihen an der Wandseite: Es handelte sich vor allem um Standbilder honoriger Personen, die sich um die Stadt verdient gemacht hatten. Die Statuen wurden augenscheinlich gut gepflegt, denn einige Amtsträger waren über 200 Jahre alt. Dann bemerkte ich ein Detail, bei dem ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte: Oft war eine ganze Reihe von Statuen nur einer einzigen Person gewidmet. Ein gewisser Themistokles, Sohn des Lysander brachte es vor gut fünfzig Jahren sogar auf sage und schreibe 24 Statuen, die alle in einer Reihe standen, deren Inschriften seine Taten mit den blumigsten Worten ehrten.

  • Nachdem ich erneut fünf Bildnisse eines wichtigen Diplomaten abgeschritten hatte, stand ich vor einem kleinen Tor, das zu einem kleinen Heiligtum in einem Innenhof führte. Da fiel mir unwillkürlich eine Geschichte zum Thema Heldenverehrung ein, die sich einst in dieser Stadt zugetragen hatte:


    Zur Anfangszeit der Ptolemäer herrschte in Ägypten die Königin Arsinoé II. als Gattin und Schwester des Ptolemaios II. Philadelphos. In Ägypten ist es nämlich seit Alters her Brauch, dass Bruder und Schwester als göttliches Paar über das Land herrschen.


    Um seine Frau als Göttin Isis verehren zu lassen, ließ Ptolemaios II. genau hier an der Agora einen Tempel bauen: Das Arsinoeion. Es sah genauso aus, wie jener Tempel, vor dem ich gerade stand: Ein kleiner Monopteros (Rundtempel), nur eben mit dem vergoldeten Abbild der Königin als Göttin darin. Aber dieser Tempel sollte eine Besonderheit haben, die dieses kleine Heiligtum über alle anderen Tempel, und seien sie noch so groß und wichtig, stellen würde: Die Statue der Gottkönigin sollte frei in der Luft schweben!


    Nur: Wie sollte das funktionieren? Diese Frage beschäftigte wohl auch Ptolemaios. Doch war eben jener Ptolemaios nicht nur für seinen exzentrischen Tempelbau bekannt, sondern galt vor allem als Förderer der Künste der Philosophie und Wissenschaft. An seinen Hof hatte er weise und kluge Männer aus aller Welt geladen, mit denen er des Abends debattierte und er war es, der den Grundstein zur berühmten Bibliothek legte. Also konsultierte er die Meister. Und die hatten auch eine Antwort parat:


    Die Statue musste aus Eisen gefertigt werden, die Decke des Tempels und der Tempelboden hingegen aus Magnetstein. Mathematiker berechneten den Versuch und man baute ein Modell und siehe da: Es funktionierte!
    Also ließ der König den Tempel bauen und auch die Statue wurde errichtet. Jetzt schien dem Wunder nichts mehr im Wege zu stehen.


    Doch leider gab es doch ein Hindernis: Der König starb. Und sein Nachfolger lies den Tempel zwar fertig bauen, aber ohne den Magneten. Das Wunder wurde somit als gewöhnliches Heiligtum vollendet, es war sogar wegen der ursprünglichen Konzeption klein und unscheinbar. Und Arsinoe und ihr Tempel wurden vergessen. Letztendlich zerstörte sie der wütende Mob während eines Bürgerkrieges und niemand fand sich mehr, der bereit gewesen wäre, das Heiligtum zu retten. So vergeht der Welten Ruhm!

  • Ich setzte meinen Weg fort und sinnierte weiter über das Verhältnis zwischen Ruhm und Zeit nach, wobei ich mir direkt wie ein Stoiker vorkam, ein Vertreter jener philosophischen Schule, die ich in Athen eigentlich in erhitzten Disputen oft bekämpft hatte. Und wie es der Zufall wollte, sah ich da neben mir an einer Säule, wie sich folgende Szene abspielte:


    Zwei vornehme Herren in Amtskleidung hasteten fluchtartig durch die Säulenhalle in ein hitziges, gezwungen wirkendes Gespräch vertieft, gefolgt von einen anderen, verwahllost wirkenden Mann mit wildem Bart und wirrem Haar. Zuerst dachte ich an einen aufdringlichen Bettler, doch dann hörte ich kurz hin und mir wurde klar, was der Mann von den anderen beiden wollte. Er redete nämlich in einem fort auf die Fliehenden ein, ohne auch nur im Geringsten auf deren Reaktion zu achten:


    "...aber ist es denn nicht so, dass ihr nur denkt, zu glauben, dass ihr wisst? Was bringt euch euer Ruhm und Reichtum? Seht ihr nicht, dass das alles nur eitler Trug und Schein ist, der eure Geister knechtet? Denn nichts ist ewig, nicht einmal die Götter! So tretet denn aus aus den Käfig, der euch umgibt und erkennt die Fehler eures Handelns..."


    So zogen sie an mir vorbei, der wirres Zeug Redende und die anderen beiden, von denen einer mit hastigen Handbewegungen versuchte, den aufdringlichen Kerl zu verscheuchen. Und ich schaute ihnen nachdenklich hinterher.


    Die armen Kerle! Sie waren an einen typischen Vertreter der Philosophenzunft geraten! Die meisten Menschen kennen nur die Schriften und Erzählungen dieser weisen Männer und schätzen und ehren sie. Aber es ist eine Sache, ihre Werke zu studieren und eine ganz andere Sache, ihnen im tatsächlichen Leben zu begegnen. Es verhält sich nämlich durchaus so, dass nicht jeder mit ihrer Art umgehen kann: Sie ziehen rastlos durch die Lande und es gibt keine Stoa auf der Welt, in welcher nicht zumindest einer von ihnen auf unfreiwillige Opfer lauert, die er mit seiner Erkenntnis beglücken will. Die Leute sind meistens zuerst peinlich berührt, am Ende flüchten sie alle.


    Denn das Gespräch mit einen Philosophen ist meistens sehr unangenehm, da sie die Menschen auf ihre Fehler aufmerksam machen und dabei oft beleidigend werden. Erschwerend kommt dabei noch hinzu, dass sie keinen Widerspruch dulden und sich in endlosen Monologen ergehen. Ein Verhalten, das nicht gerade geeignet ist, die Liebe zur Philosophie in den Menschen zu wecken. Erschwerend kommt noch dazu, dass es zwar einige große Meister unter ihnen gab, die meisten von ihnen auch wirklich nur wirren Unsinn von sich gaben. Kein Wunder, dass es viele Leute gab, die nichts von Philosophie hielten und lieber ihren Alltagsgeschäften nachgingen.


    Das, was mich an dieser Szene aber am meisten störte, war, dass ich mich selbst in diesen Philosophen wieder erkannte. Peinlich berührt ging ich deshalb weiter. Es war bald Mittag und ich hatte mich mit Hegesias an seiner Amtsstube verabredet.

  • Endlich fand die weite Stoa an einem großen, monumentalen Gebäude ihr Ende. Der Bau war fast schon kitschig zu nennen mit seinen zahllosen Verzierungen an der Fassade, den mit ionischen Säulen getragenen Erkern und den unterbrochenen Giebeln, auf denen in formenreicher Pracht Darstellungen irgendwelcher Weiheszenen gemalt waren. Es handelte sich um das Tychaion, einen Tempel für die Tyche, die Göttin des Glücks, welche die Römer Fortuna nennen. Tyche ist die Schutzpatronin Alexandrias und wird oft mit Alexander Zeus-Amun identifiziert. Da hier auch das ewige Feuer des Hestia brennt, ein Symbol für das Leben einer Polis, haben die höchsten Archonten der Stadt, die Prytanen hier ihre Amtsstuben. Auch Hegesias, der Agoranom, der dem römischen Ädil entspricht, arbeitete hier, wenn er nicht gerade die Märkte kontrollierte.


    Ich drehte mich um und sah den Philosophen von vorher hinter einer Säule auf sein nächstes Opfer warten. Er drehte sich zu mir, fixierte mich und ging schnurstracks auf mich zu. Da mir gerade nicht so nach Philosophie war, beeilte ich mich, ins Innere des Tempels zu kommen.


    Im Inneren wartete schon Hegesias im Kreise dem ihm zugeteilten Epheben auf mich. Stürmisch und in blumiger Sprache begrüßte er mich so, als hätten wir uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich tat es ihm gleich und er erzählte mir von der Art, wie in Alexandria regiert wurde:


    Die Volksversammlung wählte die Gesetze und die Ämter. Sie war das oberste Gremium der Stadt. Die Ämtsträger waren geteilt in gewöhnliche Archonten, die sich um die Verwaltung kümmerten und in die Prytanen, die die Gesetze auslegten und die Vorlagen für die Volksversammlung erarbeiteten. Dazu waren sie auch Priester der Tempel der Stadt.


    Bei den Prytanen gab es verschiedene Ränge. Ganz oben standen der Eponminatograph, der oberste Priester des Caesar, und der Gymnasiarch, welcher vor allem die Heiligtümer und Schreine des Hermes und des Herakles beaufsichtigte. Darunter kamen der Exeget, der die politischen Entscheidungen traf, der Kosmet, ein Ausbilder am Gymnasion, der Stratege, der sich um die öffentliche Ordnung kümmerte und der Agoranom, der das Marktrecht überwachte. Begleitet wurden die Prytanen je nach Rang von entweder sechs, vier oder zwei Epheben.


    Die Prytanen setzten sich zum Koinon, der obersten Stadtversammlung zusammen, die Recht sprach und Vorgaben für die Stadtpolitik bereitete. Auch berief das Koinon die Ekklesia ein und kümmterte sich dort um die Ordnung. Der Ekklesia saß ein Archiprytane vor, welcher meistens der Gymnasiarch war. Die Prytanen mussten sich die Vorlagen eines jeden Bürgers anhören und beachten. Jeder konnte zu ihnen durch und man durfte keinen abweisen

  • Alexandria war auf der einen Seite eine typische griechische Polis. Aber da die Stadt so groß war, nahmen die Römer im Gegensatz zu den meisten anderen Poleis weiterhin Rücksicht auf die Selbstverwaltung der Alexandriner. Die Archonten und Prytanen wurden weiterhin nach altem Muster von der Volksversammlung, der Ekklesia, für ein Jahr aus den Reihen der Bürger gewählt. Die alten Werte der Stadt blieben erhalten, sie waren im Einzelnen:


    Erstens konnte sich die Stadt unabhängig selbst versorgen. Das Umland der Polis, die Chora, war Teil der Stadt und alle möglichen Erzeugnisse wurden hier für die Bürger hergestellt. Die Stadt legte das Marktrecht und die Preise selbst fest und niemand konnte etwas anderes veranlassen. Auch waren Bürger und Stadt von Tributen und Steuerlast befreit. Dieses Prinzip nannten die Alexandriner Autarkie.


    Zweitens war die Stadt war für ihre Belange selbstverantwortlich und niemandem Untertan. Dies nannten die Alexandriner Autonomie. Die Bürger ordneten ihr Gemeinwesen selbst und beschlossen die Verfassung, das Recht und die öffentliche Ordnung. Auch der Praefectus und der Kaiser konnten der Stadt nicht einfach ihren Willen aufzwingen, sondern mussten diplomatische Vertreter vor die Ekklesia schicken, eine Aufgabe die in Alexandria der Praefectus oft selbst übernahm. Natürlich hatte dieser Punkt einen kleinen Haken, auf den ich später noch kommen werde, aber ich hütete mich, diesen Gedanken Hegesias gegenüber zu formulieren.


    Das dritte Prinzip war die Demokratie. Niemand, kein Einzelner und keine mächtige Gruppe konnte den Bürgern vorschreiben, wie sie ihre Politik zu betreiben hatten. Alle Gesetze wurden von der Ekklesia, der Volksversammlung, diskutiert und beschlossen, ebenso wie die Ämter dort gewählt wurden. Das Wort des Volkes galt dabei als oberstes Gesetz. Was die Volksversammlung beschloss, musste getan werden und keiner hatte das Recht, dem Volk seinen Willen aufzuzwingen. Der Volksversammlung gehörte jeder Bürger an, außer den Frauen und Kindern, die sich aber zu Amtsträgern wählen lassen konnten. Ebenso galt für jeden Alexandriner das selbe Recht und keiner durfte benachteiligt werden.

  • Eine Sache war mir bei den Erzählungen des Hegesias allerdings aufgefallen. Ich bemerkte, dass er in seiner Aufzählung das Bouletherion, den Sitz des Stadtrates, vergessen hatte. Eigentlich war es nämlich in jeder funktionierenden Demokratie so, dass der Volksversammlung ein Stadtrat gegenüber saß, den die angesehendsten und verdientesten Bürger angehörten, um das Chaos einer reinen Demokratie zu vermeiden. Also fragte ich ihn danach.


    "Das, mein lieber Plutarchos, ist eine sehr traurige Angelegenheit." antwortete er mir seufzend:


    "Früher, in den glorreichen Zeiten des Ptolemäerreiches besaß unsere Stadt einen solchen Rat. Die Bürger, die sich am meisten um das Wohl dieser Stadt gekümmert hatten, saßen dort drinnen und sorgten sich gut um die Geschicke unserer Polis. Doch die Dynastie verkam immer mehr und die dekadenten und despotischen Könige begannen, sich in die Geschicke unserer Stadt einzumischen. Die Bürger ließen sich das aber nicht ohne weiteres Gefallen und konnten sich oft gegen den Willen der Könige durchsetzen.


    Das alles änderte sich, als Ptolemaios VIII. Eugeretes (Wohltäter), ein grausamer Tyrann, an die Macht kam. Hier in Alexandria und im ganzen Land wird er nur spöttisch "Physikon", also "Der Fette" genannt. Dieser dickleibige, dumme und prunksüchtige Despot setzte alles daran, den Alexandrinern zu schaden, wo es nur ging: Er setzte sich über die Beschlüsse der Bürger hinweg und erdrückte uns mit immer höheren Steuern. Aber die Alexandriner wehrten sich und es geschah ein Verbrechen, von dem sich die Stadt niemals wieder erholen konnte: Er ließ alle reichen, klugen und einflussreichen Leute aus der Stadt vertreiben! Und die Boule, hinter der er eine immerwährende Verschwörung gegen sich vermutete, wurde geschlossen.


    Die Folge war, dass viele Griechen aus der Stadt verschwanden und der Mob regierte: Es kam zu Kämpfen zwischen Griechen, Juden und Ägyptern und die Stadt fiel ins Chaos. Erst die römischen Kaiser schafften es, die Ordnung wieder herzustellen. Die Boule aber blieb uns bis heute verwehrt. Aber wir haben nicht aufgegeben und eines schönen Tages wird uns ein guter und gerechter Kaiser unseren Rat zurück geben."


    Dieses Kapitel der alexandrinischen Geschichte schien Hegesias sehr zu belasten. Er wechselte lieber zu einen angenehmeren Thema über:


    "Aber sag einmal, Plutarchos, ich habe mich hier mit dir verabredet, damit du wirklich einmal sehen kannst, wie das Volk von Alexandria seine Geschicke selbst leitet. Heute findet nämlich eine Volksversammlung statt. Hast du Lust, ihr als Ehrengast beizuwohnen?"


    Diese Chance ließ ich mir natürlich nicht entgehen und so folgte ich Hegesias zum großen Theater.


    Hier gehts weiter...

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!