Processus Consularis Claudius Menecrates

  • Wie um diese Jahreszeit nicht anders zu erwarten, lagen die Temperatur recht weit unten an diesem besonderen Morgen im Leben des Claudiers - seiner Amtseinführung als Consul. Kaum hatte der Tag begonnen, traf er sich mit dem Augur Iulius zum Einholen der Auspizien.


    Mit dem Ergebnis zeigte sich Menecrates zufrieden, als er in seine Villa zurückkehrte, um sich die Toga praetexta anlegen zu lassen. Klienten, Freunde und Angestellte bekundeten ihre Unterstützung und erwiesen ihm mit ihrem Erscheinen zur Salutatio Respekt. Nach dem zeremoniellen Akt versammelte Menecrates seine nunmehr zwölf Liktoren und begab sich auf den Weg zum Forum.
    Andere Magistrate stießen hinzu und so entstand eine gemeinschaftliche Prozession mit den Ziel, die Amtsträger auf dem Forum Romanum der Öffentlichkeit vorzustellen und ihren Amtseid abzunehmen.


    Im Anschluss begann Menecrates' ganz persönliche Prozession, der Processus Consularis, zum Capitol. Das erklärte Ziel stellte der Iuppiter-Tempel dar. Ritter bildeten die Spitze, ihnen schlossen sich die vielen claudischen Klienten an. Menecrates folgte ihnen, und ihm selbst folgten die Senatoren. Bürger verfolgten die Handlungen und folgten schließlich auch der Prozession.

  • Jetzt waren wir nicht mehr sechs Liktoren sondern die doppelte Anzahl von zwölf Liktoren. Wir, ausgerüstet mit den Fasces, warteten auf die Rückkehr des Senators, seine Toga praetexta war bereit, damit er sich umkleiden konnte.
    Die Villa Claudia quoll fast über. Die Familie, Klienten, Angestellten, Freunde und nicht zuletzt die Sklavenschaft erwarteten ihn, um ihn dann zu begleiten.
    Ich konnte es kaum fassen, einer von den Zwölfen war ich, ausgerüstet mit dem Rutenbündel, der den künftigen Consul Herius Claudius Menecrates begleitete. In einer langen Prozession schritten wir in Richtung Forum. Unterwegs stießen andere Magistrate mit ihrem Gefolge hinzu. Auf dem Forum wurden die Magistrate den Römern vorgestellt. Sie legten ihre Amtseide ab.
    Es war schon ergreifend so nahe beim Geschehen zu sein, zu beobachten mit wie viel Würde der Claudier da stand und die Eid-Formel sprach.
    Anschließend war die persönliche Prozession des Consuls auf dem Weg zum Iuppiter-Tempel. Das Gefolge hatte sich noch vergrößert, hinzu kamen interessierte Römer, die nicht nur die Amtseinführung sondern auch das weitere Geschehen aufmerksam verfolgten.

  • Kaum hatte sich der Zug formiert, kam er zum Stillstand, denn es folgte ein symbolischer Akt.
    Mehrere kräftige, zumeist junge Männer, die angesehenen Familien entstammten und selbst oder deren Väter Klienten des Claudiers waren, trugen die Sedia Gestatoria heran. Auf dem Gestellt war der Curullische Stuhl befestigt, der - wie schon zu Zeiten der Praetur - Menercrates' Amtsstuhl darstellte. Sie setzten das Gestell samt Sella Curulis ab, sodass der Consul Platz nehmen konnte. Beim Anheben bemühte sich Menecrates, das unvermeidbare Schaukeln auszugleichen, damit der Akt eine würdevolle Ausstrahlung beheilt.
    Nachdem die Liktoren ihre Fasces in die Höhe hielten, setzte sich der Zug erneut in Bewegung. Sie ließen die Curia Iulia hinter sich, passierten den Concordiatempel und erklommen anschließend die Steigung, die zum Capitol führte.


    Das Ziel der Prozession stellte der Tempel von Iuppiter Optimus Maximus Capitolinus, von Iuno und Minerva dar. Erst auf dem Capitolinum, genaugenommen dem Tempelvorplatz wurde das Tragegestell samt Consul abgesetzt. Durchaus froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, entstieg Menecrtes dem Stuhl. Sein Blick erfasste die angetretene Priesterschaft sowie die bereitstehenden Opfertiere. Die weißen Rinder machten einen gleichmütigen Eindruck, was auf eine gute Vorbereitung hindeutete. Vermutlich bekamen sie etwas mehr als üblich von der einschläfernd wirkenden Tinktur.

  • Auf dem Forum Romanum reihte sich der frischerkorene Quaestor Consulum in den Processus Consularis ein, wo er direkt vor dem Consul auf seiner Sella Curulis zu wandeln die Ehre hatte. Während sie das Capitolium erklommen und den greisen Claudius auf die Sella curulis erhoben, reute es ihn, nicht auch im Jahre des Consulats seines Vaters in Rom gewesen zu sein, sondern währenddessen im dekadenten Orient sich fern jeder Pflicht der reinen Muse hingegeben zu haben, sodass er nun all jene Versäumnisse durch umso größeres Engagement zu ersetzen würde haben.

  • Die beiden Consuln teilten sich ihre Aufgaben. Während Menecrates' Kollege die Einlösung der Gelöbnisse der Consuln des Vorjahres in Worte fasste, übernahm der Claudier die allgemeine Ansprache an die Festzugteilnehmer und die Götter sowie die Erneuerung der Gelöbnisse vor dem obersten Staatsgott für das bevorstehende Amtsjahr.

    "Römer und Römerinnen", begann Menecrates. Hätte er alleine geopfert, würde er die Anrede anders formulieren. So aber traf sie wahrscheinlich auf jeden zu, ungeachtet seines Standes oder seiner persönlichen Beziehung zu einem der beiden Consuln.

    "Die neuen Consuln Roms stehen vor euch. Wir schwören euch an diesem ehrwürdigen Ort, unsere gesamte Kraft für das Wohl und in die Sicherheit Roms zu investieren. Wir schwören dies vor Iuppiter, vor Iuno und vor Minerva, die diesem Ort innewohnen." Er nutzte den Moment der Wirkung, um sich einen Zipfel seiner Toga über das Haupt zu ziehen, denn in Kürze würde er das Zwiegespräch mit den Göttern suchen.
    "Wie jedes Jahr und wie es unsere Tradition vorschreibt, stehen weiße, reine und junge Weidetiere aus den faliscischen Ebenen bereit, um die Götter um Gehör und um ihren Schutz zu bitten. Wir brauchen ihre Gnade und ihren Schutz, damit die Zukunft friedlicher verlaufen mag als die Vergangenheit."
    Sein Blick schweifte über die Versammelten, bevor er auf der Tempelanlage haften blieb.

    "Oh, Iuppiter, oh, Iuno, oh Minerva, möget ihr durch diese Festopfer geehrt werden."

    Der Akt der Opferung verlief ohne besondere Zwischenfälle. Die Priester walteten ihres Amtes und nach jedem geopferten Rind rief Menecrates:

    "Ihr Götter, wir, die neuen Consuln Roms, bitten euch, nehmt dieses Opfer an."

  • Ein Opfer an die Trias, ausgeführt durch den Consul, konnte freilich nicht vergehen, ohne dass eben jene Trias anwesend war. Immerhin wurde hier um das Gehör der Götter gebeten, um ihre Gnade und um ihren Schutz. Allzu wortreich fiel diese Bitte allerdings nicht aus, aber der Göttervater kannte ja bereits das Versprechen, dass der Consul ein besonderes Auge auf die Pflicht der Menschen gegenüber den Göttern haben wollte. Da würde er dann genau hinhören, so wie es von ihm erbeten wurde.

  • Der Consul wollte nichts von den Göttern erbitten, bevor er nicht sicher sein konnte, dass sie das Opfer annahmen. Er wartete daher geduldig, aber nicht ohne Anspannung, auf das erlösende Nicken des Eingeweideschauers. Das "Litatio!" ließ ihn zufrieden ausatmen und er spürte gleichzeitig die Welle der Erleichterung in den Zuschauerreihen.


    Er richtete seine Hände nach oben und sagte gut vernehmlich: "Iuppiter, weil es Recht ist, hier für dich zu opfern, um dieser Sache willen mögest du geehrt werden durch dieses Festopfer. Iuno, weil es Recht ist, hier für dich zu opfern, um dieser Sache willen mögest du geehrt werden durch dieses Festopfer. Minerva, weil es Recht ist, hier für dich zu opfern, um dieser Sache willen mögest du geehrt werden durch dieses Festopfer." Er atmete einmal durch, dann fuhr er fort.


    "Iuppiter, Iuno, Minerva, durch das Opfern dieser Rinder beten wir ein gutes Gebet, damit ihr unserem Staat, unserem Rom, unserem Kaiser, unserem Volk, mir und meinen Consulkollegen günstig gestimmt seid. Erhört unsere Bitten, schützt uns vor allen Unbilden und seid uns wohlgesonnen."



    Das Fleisch wurde aufgeteilt und bald danach zerstreuten sich die Teilnehmer der Prozession. Einige kehrten in ihr Heim zurück, andere, wie auch der Consul, trafen sich zur ersten Sitzung der neuen Legislaturperiode im Senat. Die Provinzen mussten vergeben und das Latinerfest festgelegt werden. Diese Feiertage zum Gedenken an das Bündnis der latinischen Städte unter der Führung Roms würden dieses Mal im zweiten Quartal des Jahres stattfinden.
    Doch vor allen weiteren Verpflichtungen würde Menecrates erst einmal am Abend im Kreise seiner Familie und Freunde feiern - nicht prunkvoll, sondern verbunden und beschaulich.

  • Die torquierenden Remineszenzen okkupierten den erkorenen Quaestor den gesamten Weg und mit Scham dachte er zurück an jene alexandrinischen Tage, wo er als toller Achilleus in Weiberkostümen durch die Straßen der Alexanderstadt war gezogen, während Manius Maior hier in Rom das Imperium auf sich genommen hatte. Während sie die steile Via Triumphalis erklommen, mischte sich unter den kalten Schweiß der Scham jedoch auch jener der Anstrengung und als endlich sie vor dem Tempel des Iuppiter Optimus Maximus standen, erinnerte schlagartig er sich des ersten Males, als er dieser Zeremonie beigewohnt und sein Vater ihm die Prinzipien der römischen Religion hatte erklärt. Er wusste noch trefflich, dass damals er, anstatt der Opferung zu folgen, jenen deliziösen Kuchen hatte verkostet, welchen der damalige Consul Tiberius Durus ihm zur Salutatio geschenkt hatte.


    Heute hatte er beides überwunden, sowohl die Narrheit der Jugend, als auch die Unverständigkeit des Knabenalters, doch hatte er zu konzedieren, dass das stets similäre Prozedere der Opferzeremonie ihm noch immer ein wenig ennuyant erschien. Selbstredend wusste er, dass dieser Ritualismus eine Necessität darstellte, um das Wohl des Staates zu sichern, doch erschien es ihm doch entlastend, dass die Götter weniger darauf achteten, was der Opfernde und das Publikum dabei dachten. Do ut des hatte Manius Maior ihm damals erklärt. Mit welcher Intention schien die Unsterblichen ebensowenig zu grämen wie einen Kaufmann.

  • Das neue Jahr wollte begrüßt sein, so zumindest fasste Tachos die heutige Aufgabe auf. Der Consul sah das ein wenig anders, wie seine Instruktionen in der Villa Claudia erkennen ließen. Für den Claudier ging es heute zwar auch nicht um die Bitte nach einem guten Gelingen der Amtszeit, denn das beinhaltete die Opferung bei seiner Amtseinführung vor vielen Wochen. Heute ging es dem Consul um die Vota pro Salute Principis.
    Ging es vor Wochen noch darum, ausschließlich Iuppiter, Iuno und Minerva zu opfern, so erhielten heuten auch das personifizierte öffentliche Wohl, salus publica, sowie der Quellengott Fons und die vergöttlichten Mitglieder der Kaiserfamilie Opfergaben.


    Alles in allem ein umfangreicher Staatsakt, zu dem Menecrates nicht nur die Priesterschaft bat, sondern auch seine eigenen Helfer hinzuzog. Diese versahen ihren Dienst bei den Opferungen inzwischen routinemäßig, spätestens seit dem Hercules-Opfer der letzten Amtszeit.
    Der ruhigen Ausstrahlung wegen kam Tachos auch heute wieder der Part des Opfertierhaltens zu. Die Tiere wurden über den Tempel bestellt und standen auch bereits unter Beruhigungsdrogen als Tachos eintraf, der dem Zug nur die letzten zwanzig Doppelschritte vorausgeeilt war. Er wusch sich geschwind die Hände, dann trat er an den Kopf des weißen Stiers. Seine Stimme klang ruhig, als er murmelnd belanglose Dinge erzählte, die das Tier von der nahenden Menschenschlange ablenken sollten.
    Sein Blick wanderte über die Wollbinden an der Stirn bis hin zur Decke auf dem Rücken. Neben ihm stand ein weiterer Stier für die Laren und Genien des Kaisers und des römischen Volkes. Iuno und Minerva wurden weibliche Rinder zugedacht.


    Lauter werdende Musik kündete vom Eintreffen der Prozession. Die Tibicines spielten auf Doppelpfeifen und gleichzeitig die Fidicines auf Lauten.

  • Das Jahr 115 n.Chr. begann für den Consul äußerst arbeitsintensiv. Während ihm die Toga Praetexta angelegt wurde, ging er noch einmal alle zu erfüllenden Schritte am heutigen Tage durch. Zuerst stand die umfangreiche Opferung der Consuln auf dem Kapitol an. Es handelte sich um ein äußerst ausfühliches und zeitintensives Staatsopfer in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten. Nach dessen Abschluss und da sie einmal auf dem Kapitol weilten, wollte Menecrates zum Tempel des Veiovis gehen, denn außer den Ianuar-Kalenden lag auf dem heutigen Tag noch der Festtag jenes Gottes, der so mannigfaltige Namen trug, wie Veiovis, Vediovis, Vedius, Vedovus oder Vendius.
    Obwohl der Consul die von Flavius Gracchus recherchierte Prozedur genau einhalten wollte, glaubte er Richtiges zu tun, indem er zusätzlich zum zweiten Heiligtum des Gottes, dem Tempel auf dem Capitol ging. Abschließend blieb dann noch der Gang zur Tiberinsel, wo dem Veiovis und dem Aesculapius jeweils separat in dessen Tempeln gedacht werden sollte.


    Ohne Helfer würde Menecrates den heutigen Arbeitsaufwand nicht bewältigen. Da Jammern aber nicht in seiner Natur lag, schritt er zügig aus und traf wenig später als Tachos auf dem Vorplatz des Iuppiter-Tempels ein.

  • Meine Aufgabe als Liktor beinhaltete den Consul zu allen öffentlichen Aufgaben zu begleiten. Deshalb war es selbstverständlich, dass dies auch zu den Opferungen geschah.
    Bei einigen Opferungen übernahm ich auch die Aufgabe eines Popa. So auch heute.
    Die heutige Prozession zum Kapitol empfand ich besonders groß und feierlich. Es würde ja auch ein opferreicher Tag werden.
    Angekommen stand ich bald in der Reihe der Opferhelfer und vernahm die angenehme, beruhigende Stimme von Tacho, mit welcher er auf den prachtvollen weißen Stier einwirkte. Fast erschien es, als würde der Stier sich im Schlaf, dem Rhythmus seiner Stimme mit kaum sichtbaren Bewegungen anpassen.
    Bald sammelten sich fast alle Blicke auf den Opferherrn, den Consul Herius Claudius Menecrates, der mit der dafür vorgesehenen Toga Praetexta bekleidet war.

  • Viele Zungen hatten auf sie eingeredet, bis sie einsah, dass sie sich nicht gänzlich der Opferung fernhalten konnte, die ihr Onkel am heutigen Tag vornahm. Immerhin konnte sie erkämpfen, dass ihr der blutige Teil erspart blieb und sie früher nach Hause durfte. Einigermaßen beruhigt schlug daher ihr Herz, was sich allerdings änderte, als sie dem Tempel näherkamen. Als sie den Vorplatz betrat, blickte sie demonstrativ zur Seite, um keins der Tiere ansehen zu müssen, die bereits dastanden. Dadurch verpasste sie, wie die Personen vor ihr den Schritt verhielten. Ungebremst lief sie auf, was ihr einen großen Schreck einjagte. Der Vordermann drehte sich um und blickte sie böse an, obwohl das Leichtgewicht sicherlich kaum Blessuren verursacht hatte.


    Erschrocken sah sie ihn an, bevor sie den Blick senkte. "Entschuldigung", murmelte sie. Im selben Augenblick, als ihr die Tränen in die Augen stiegen, wurde ihr schlecht. Der böse Blick brachte ihr Fass zum Überlaufen. Sie wusste, dass unweit von ihr Tiere standen und sie würde ihnen nicht helfen können. Wie sie diese Prozedur hasste. Sie konnte sich nicht vorstellen, später einmal so beherrscht wie Sassia und Silana sein zu können.


    Ihre Hände kneteten das neue Kleid und sie trat von einem Fuß auf den anderen. Niemand würde sie dazu bewegen können aufzublicken. Sofian stand neben ihr.


    "Hat es schon angefangen?" Sie meinte das unblutige Voropfer.

  • Als die Menge zum Stehen kam, hob der Consul die Hand und bat um Aufmerksamkeit.


    "Bürger Roms und Zugereiste! Wir sind heute zusammengekommen, um an diesem ersten Tag des neuen Jahres der Götter zu gedenken, sie um ihre Unterstützung für uns alle und insbesondere für das Wohl des Kaisers zu bitten. Nur mit ihrer Unterstützung kann uns das neue Jahr Glück und Erfolg bringen sowie Sicherheit und Gesundheit bieten. Lasst uns gemeinsam opfern und beten."


    Er wandte sich zum Tempel und verharrte vor dem Wasserbecken.
    "Lasst uns reinlich vor das Antlitz der Götter treten." Während Menecrates seine Hände in das Wasser tunkte, ging ein Diener des Tempels reihum und besprengte die Anwesenden.
    Das Murmeln des Consuls mischte sich mit dessen Worten.
    "Möge dieses Wasser alle Unreinheit von meinem Körper waschen wie das Verwandeln von Blei in Gold. Reinige den Verstand. Reinige das Fleisch. Reinige den Geist. So ist es."


    Nach mehrmaligem Abwaschen ergriff Menecrates das gereichte Tuch und trocknete sich ab. Als er den Tempel betrat, folgten ihm Sklaven mit Weihrauch und Wein. Ein Teil seiner Toga bedeckte sein Haupt.

  • Der Beginn des neuen Jahres hatte für den jungen Flavius, welcher der Fortune durchaus bedurfte, mit einem häuslichen Opfer an Fortuna sowie Ianus, den Patron jenes Tages, begonnen. Insofern war die Zeremonie auf dem Capitolium heute mitnichten die erste Kulthandlung, an welcher der Quaestor partizipierte, obschon selbstredend sie an Pomp und Glorie jedwedes flavische Hausopfer beiweitem übertraf.


    Manius Minor argwöhnte, dass jenes vor ihm liegende Jahr diverse Novitäten würde bereithalten, da immerhin er nun nicht lediglich die erste ordentliche Magistratur des Cursus Honorum bekleidete, sondern zudem gedachte, nach Ablauf seines Amtsjahres in den Hafen der Ehe einzufahren sowie sich um einen Sitz im Senat zu bewerben. Insofern bedurfte er in der Tat des Segens der Fortuna, ebenso wie der Staat des Segens der Trias Capitolina und jener minderen Gottheiten bedurfte, für deren Ehrung sie heutig sich versammelt hatten.


    Als der Herold zur Ruhe mahnte und Menecrates sich anschickte, seine Hände zu reinigen und somit das Opfer zu initiieren, zog der Quaestor somit voller Ernst den Zipfel seiner Toga über den Hinterkopf und harrte der folgenden Rituale.

  • Als Menecrates den Tempel betrat, brannte bereits das Feuer unter den Opferschalen. Knistern unterbrach die Stille, denn die Menschen bemühten sich, weitgehend geräuschlos zu bleiben. Der Consul verhielt den Schritt vor dem Foculus. Angenehme Wärme umhüllte seine Gestalt und schien bis ins Innerste vorzudringen.
    Menecrates ließ sich den Weihrauch reichen und gab ihn sogleich auf den Foculus. Ein Schwall Rauch entwickelte und erhob sich. Die Fetzen zogen nach oben, Wärme und Duft folgten ihnen. Die Verbindung in das Reich der Götter war hergestellt.
    Menecrates hob die Hände, die Innenflächen zeigten nach oben.


    "Iuppiter, durch das Opfern des Weihrauches bete ich ein gutes Gebet, damit du unserem Kaiser und seiner Familie günstig gestimmt bist.
    Iuno durch das Opfern des Weihrauches bete ich ein gutes Gebet, damit du unserem Kaiser und seiner Familie günstig gestimmt bist.
    Minerva durch das Opfern des Weihrauches bete ich ein gutes Gebet, damit du unserem Kaiser und seiner Familie günstig gestimmt bist."


    Eine Körperwendung nach rechts signalisierte den Abschluss des Gebetes, bevor sich Menecrates erneut Weihrauch geben ließ. Die Gabe rieselte in die Opferschale, würziger Duft stieg auf und erfüllte den Tempel. Als nächstes ergoss sich Wein in die Opferschale, zischte für Momente und entwickelte einen eigenen Duft.
    Der Consul hob die Hände.


    "Iuppiter, wie ich durch das Opfern des Weihrauches ein gutes Gebet gebetet habe, möge dir für dieselbe ehrsame Sache dieses Trankopfer angeboten werden.
    Iuno, wie ich durch das Opfern des Weihrauches ein gutes Gebet gebetet habe, möge dir für dieselbe ehrsame Sache dieses Trankopfer angeboten werden.
    Minerva, wie ich durch das Opfern des Weihrauches ein gutes Gebet gebetet habe, möge dir für dieselbe ehrsame Sache dieses Trankopfer angeboten werden."

  • Alexandros besaß eigene Götter und als Grieche und Nichtbürger lag es auch nicht nahe, dass er einem Opfer zu Ehren des römischen Kaisers beiwohnte. Trotzdem reihte er sich in den Zug, der von seinem Arbeitgeber angeführt wurde. Er respektierte die römischen Traditionen und hoffte, die Römer hielten es ebenso mit den Bräuchen seiner Landsleute.


    Er bewegte sich am hinteren Ende der Prozession. Auch in Tempelnähe wählte er einen der hinteren Plätze - nah genug, um das Geschehen verfolgen zu können, fern genug, um weder aufzufallen noch einem der privilegierten Bürgern den Platz zu stehlen. Er schloss die Augen und lauschte dem Flötenspiel. Wachen Auges hingegen registrierte er die rituelle Reinigung und den Rauch, der sich in Fetzen den Weg aus dem Tempel bahnte, kurz nachdem der Consul ihn betreten hatte.
    Alexandros Wünsche begleiteten den Rauchfetzentanz in der Winterluft. Was er sich wünschte, wen er anflehte und wem er gedachte, behielt er für sich. Wünsche mussten geheim bleiben, damit sie sich erfüllten.

  • Dem Wein folgten noch Plätzchen und verschiedene Früchte und stets folgte ein Darreichungsgebet. Anders als bei der Zeremonie vor Wochen bildeten heute Opfergaben speziell für das personifizierte öffentliche Wohl einen festen Bestandteil des Voropfers. Dem folgten Opfergaben an die vergöttlichten Mitglieder der Kaiserfamilie, die einen besonderen Rahmen einnahmen. Zum Ende des zeitaufwändigen Voropfers gedachte der Consul noch dem Quellengott. Obwohl er - durch seinen Quaestor bestens unterstützt - den Hauptpart an die Arvalbrüder abgeben konnte, wollte er Fons an dieser Stelle nicht übergehen.


    Allen Handlungen voraus ging zeitig am Morgen ein Opfer an Ianus am Ianusbogen auf dem Forum Romanum. Als Gott des Anfangs und des Endes sollte er zuerst bedacht werden. Der heutige Tag stellte als erster Tag nicht nur eines neues Monats, sondern eines gänzlich neuen Jahres einen dreifachen Grund dar, dem Gott eine Gabe darzureichen und ihn an erster Stelle mit Gebeten zu wertschätzen.


    "Bonum annum novum faustum felicem!", wünschte Menecrates seinen Enkelkindern beim Aufstehen und allen seinen Vertrauten und Freunden, als sie sich beim Aufstieg zum Kapitol trafen.



    Inzwischen war der Zugang zu den Göttern auf dem Kapitol hinreichend hergestellt. Der Consul trat aus dem Tempel und ließ den Blick über den Vorplatz schweifen. Auf den Opfertieren verweilte er kurz, bevor er zu Faustus, seinem Helfer, blickte. Bei der großen Anzahl der Tiere würde Faustus sicherlich einen Teil der Arbeit abgeben. Zur Auswahl standen zwei Stiere, eines für Iupitter, eines für den Genius oder Divus des Augustus. Zwar konnten auch andere Götter gleichzeitig für das Wohl des Kaisers Opfer empfangen, aber der Consul wählte bewusst die aufwändigere Variante. Er wollte nichts unversucht lassen, um das kommende Jahr friedlicher und sicherer für alle zu gestalten als das vergangene.


    Rinder standen für Iuno, Minerva und sogar die Kaiserin bereit. Auch bei ihr wählte der Consul die aufwändige Variante, denn in der Vergangenheit stand anstelle eines Rindes mitunter nur ein Kalb oder gar kein lebendes Opfertier. Häufig wurde nur Weihrauch und Wein geopfert, was sicherlich auch genug der Ehrung darstellte, gäbe es nicht den Rückblick auf den Aufstand im letzten Jahr.


    Menecrates harrte der Vorgänge. Geputzt standen die Tiere bereits, ob sie auch schon geweiht und gereinigt waren, wusste er nicht zu sagen.

  • Fast unmerklich nickte ich, als dere Blick des Consuls mich streifte. Es sollte ein Zeichen sein, dass alles geregelt war. Soviele Opferhelfer wie heute hatte ich noch nie koordinieren müssen. Kein Wunder seit dem Morgengrauen waren wir mit Oferhandlungen den Voropfern beschäftigt. Jetzt galt es die Hauptopfer durchzuführen. Gesunde kräftige Opfertiere, prächtig herausgeputzt warteten mehr oder weniger ruhig. Geschmückt für den Zweck ihres Daseins.
    Da heute vielen Göttern geopfert würde, musste die Zeit genutzt werden, deshalb stand nicht nur ich als Opferstecher zur Verfügung.
    Allmählich war nur noch das beruhigende Flötenspiel hörbar sowie der leicht schnaubende Atem der Tiere. Ich spürte wie sich langsam Ruhe und Konzentration auf das Kommende breit machte.
    Die rituelle Reinigung der Tiere folgte nun.

  • Als cultrarius bereitete ich den Stier für Iupitter als Opfer vor. Heute wurde das Opfertier nicht wie meist mit mola salsa besprengt sondern Iupitter zu Ehren mit Wein. Der Schmuck wurde dem Tier abgenommen und ich entkleidete den Stier Symbolisch in dem ich ihm mit dem Opfermesser vom Kopf bis zum Schwanz strich. Hernach wandte ich mich an den Consul Claudius Menecrates und stellte die tausende Mal gestellte Frage.
    "Agone?"
    Er antwortete "Age!"
    Um ganz sicher zu gehen, dass bei der heutigen Opferfeier alles gut verlief, ergriff ich den Opferhammer und schlug dem Stier mit aller Kraft die ich aufbringen konnte gegen die Stirn. Schon hatte ich schnell das Messer ergriffen und traf mit Sicherheit seine Halsschlagader. Sofort waren Opferhelfer mit Schalen zur Stelle um das Herauslaufende Blut, welches reichlich floss, aufzusammeln. Nach der Zeit des Ausblutens schafften es die zahlreichen Opferhelfer schnell den Stier in Rückenlage zu bringen, damit ihm der Bauchraum geöffnet wurde.
    Die Eingeweide waren bald zur Eingeweideschau bereit und in Spendenschalen bereitgestellt.


    Nur wenig Zeitversetzt verlief die Opferhandlung zu Ehren des Divus des Augustus. Nur Götter allein wussten wann und ob Rom jemals solch eine große Opfergemeinschaft, mit solchen Scharen von Musikern und Helfern, gesehen hatte.

  • Als einer von vielen verfolgte Marsyas die Opferungen und wie all die anderen Römer und Nichtrömer wartete er nun gespannt auf das Ergebnis der Eingeweideschau. Es ging darum, ob die Götter die Opfer annahmen. Problematisch fand er, dass es sich um verschiedene Eingeweideschauen für verschiedene Opferempfänger handelte.

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