Auf einem Karren in die Freiheit - oder: Die Lebende unter den Toten

  • Einige Male war der Karren zum Stehen gekommen, um kurz darauf seine holprige Fahrt wieder aufzunehmen. Irgendwann traute sich die Chattin, sich vorsichtig unter dem Tuch zu bewegen. Noch vorsichtiger versuchte sie sich freie Sicht zu verschaffen, um herauszufinden, wo sie überhaupt war und wohin der Karren fuhr.


    Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass sie inzwischen außerhalb des Lagers sein musste. Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt und es waren nur noch wenige Menschen unterwegs. Der Karren, der von einem Ochsen gezogen wurde, rollte krachend langsam über das Pflaster der Stadt, hin zu seinem Bestimmungsort jenseits der Stadtmauer, um sich dort seiner Ladung zu entledigen.
    Sollte Ygrid wirklich das Risiko eingehen, noch länger auf dem Wagen zu bleiben oder sich innerhalb der Mauern vom Wagen zu stehlen? Beides konnte gefährlich sein. Doch die Stadt bot gewiss mehr Versteckmöglichkeiten. So entschied sie sich für das Letztere.


    Der Wagen fuhr nicht schnell, sie konnte es also riskieren, sich einfach vom Wagen fallen zu lassen. Keiner würde etwas davon bemerken. Am wenigsten der Kerl, der den Karren lenkte und der auch kaum damit rechnete, dass seine „Passagiere“ noch irgendetwas taten.
    Ygrid wand sich vorsichtig aus dem Tuch und rutschte immer weiter auf den Rand der Ladefläche zu. Nun sah sie auch endlich, worauf sie gelegen hatte. Es hatten noch zwei weitere leblose Körper, die ebenso in Tragetücher eingewickelt waren, auf dem Wagen gelegen. Schließlich ließ sie sich einfach vom Karren fallen, so dass sie mit ihren Knien auf das harte Straßenpflaster aufschlug. Sie vermied es, auch nur einen Mucks von sich zu geben, denn am liebsten hätte sie vor Schmerz laut aufgeschrien. Wenigstens hatte sie sich gerade noch rechtzeitig mit ihren Händen abstützen können, um schlimmere Verletzungen zu vermeiden.


    Ihre Knie waren blutig und die Handgelenke schmerzten. Schnell versuchte sie auf allen vieren von der Straße zu kommen. Die Kette, die sich immer noch an ihrem Fußgelenk befand, klimperte dabei verräterisch. Sie schleppte sich in eine dunkle Gasse, wo sie vorerst hoffentlich niemand entdeckte und blieb zusammengerollt liegen. Sie fror, sie war hungrig und ihr ganzer Körper schmerzte. So fühlte sich also ihre neugewonnene Freiheit an…

  • Sie waren bereits den ganzen Vormittag unterwegs: der decurio und seine acht equites. Es waren sieben Männer des contubernium I und einer aus dem contubernium II. Er hatte bewußt diese Auiswahl getroffen, um einerseits den Zusammenhalt innerhalb eines contubernium zu fördern und andererseits
    zur Aufgabenteilung gegebener Anordnungen beizutragen. Des weiteren sollten die Pferde im Gelände bewegt werden, zumal der große Pferdeappell bevorstand.


    Er war mit seinen Leuten zufrieden. Mitunter ließen sie ihre Pferde laufen und schonten sie danach, um sie anschließend wieder zu fordern.


    Alienus ritt an den decurio heran,
    "Da vorne, decurio, ein Karren, beladen, wie es aussieht mit Säcken. Ich setze deinen Auftrag zur Erkundung voraus",
    wendete sein Pferd und ritt dem Karren entgegen.


    Vor dem Gefährt parierte er durch.
    "Halt an! Wohin willst du und was hast du da hinten geladen?"


    Cursor und seine equites verfolgten ein wenig zurück das Geschehen, um bei Bedarf eingreifen zu können.

  • Der decurio war lange genug Soldat. Er hatte den herannahenden Karren bereits vor der Meldung des Alienus bemerkt. Dererlei Fuhrwerke führten meistens etwas im Schilde. Und so war es ihm auch nicht entgangen, daß etwas von dem Gefährt gefallen war und sich in eine Gasse mit nach Ketten klingendem Geräusch entfernte.


    Alienus kam mit der Meldung zurück, daß es sich hier um den Transport von im Lager verstorbenen Verrätern handeln würde, die da hinten im Wald verscharrt werden sollten.


    Schnelles Handeln war nun erforderlich. Er wandte sich an Alienus.
    "Führe die equites ins Lager zurück, anschließend Pferdepflege".


    Nach dem Abrücken seiner Männer ritt Cursor in die Gasse, in der er dieses Etwas verschwinden sah.
    Es dauerte nicht lange und in einer Nische fand lag zusammengekauert und zitternd das Etwas, das nach einem Menschen aussah.


    Fast vorsichtig stieß er das Liegende mit dem Fuß an.

  • Carbo war über die Maße nervös. Heute war der erste von zwei Wahltagen, morgen, so dachte er, würde es sich entscheiden, ob er zu einem der neuen Magister Vici des Vicus Apollinensis gewählt werden würde. Nunja nicht gerade der Pfad, den er noch vor einem Jahr vor sich gesehen hatte, aber doch eine Art Aufstieg.
    Carbo hatte den ganzen Tag über den Leuten beim Stimmen abgeben zugesehen, doch als die Abenddämmerung hereinbrach hielt er es einfach nicht mehr aus. Er brauchte Bewegung. So spazierte er geradewegs in die nächstbeste Seitengasse, weg vom Forum Mogontiacum und hinein ins Straßengewirr der Stadt.


    Noch vor einem Jahr hatte er ganz andere Ziele gehabt. Von Noricum kurz nach Mogontiacum, da eine Minizwischenstation als Schreiber, um die Reisekasse aufzufüllen und dann ab nach Rom, um dort Karriere als vollwertiger Römer zu machen. Doch dann war der Anschlag auf sein Leben gekommen, wochen-, wenn nicht monatelang in der Pflege von Susina Alpina, diese Vision mitten im ärgsten Fieber und danach die Genesung. Das hatte Carbo verändert. Und seither hatte er Zeit gehabt nachzudenken und sich....was war das?


    Carbo schreckte aus seinen Grübeleien über sich selbst hoch. Vor ihm sah er einen Soldaten der Rüstung nach, wie er in einer kleinen Gasse gerade einen Sack mit dem Fuß anstieß. Was hatte das zu bedeuten? Neugierig blieb Carbo stehen, um diese komische Szenerie näher zu beobachten.

  • Instinktiv fühlte der decuro, daß er beobachtet wurde. Während er sich langsam umdrehte, fuhr seine Hand zu dem pugio, den er, so hatte er es sich schon in Aegyptus angewöhnt, immer bei sich trug.
    Mißtrauisch sah er in ein Gesicht, das er nicht zu deuten wußte. Vielleicht war es Neugier, vielleicht steckte aber mehr dahinter.


    Er hatte keinen Uniformierten vor sich. Wurde er etwa, aus welchem Grund auch immer, verfolgt oder stand er unter der Beobachtung eines ihm Unbekannten?


    Freundlich, aber dennoch im Tonfall eines Befehlsgebenden wandte er sich an den Mann.


    "Wer bist du? Spionierst du mir nach?"


    Nun trat er nahe an den Angesprochenen heran.

  • Noch wog sich Ygrid in Sicherheit. Zusammengekauert blieb sie liegen. Wenigstens noch eine Weile wollte sie hier bleiben. Bevor es aber richtig dunkel wurde, musste sie sich unbedingt noch nach etwas Essen und neuer Kleidung umschauen. Ihre eigene Kleidung bestand nur noch aus Fetzen. Schuhe hatte sie schon lange nicht mehr. Außerdem war sie vollkommen verdreckt und stank fürchterlich. Vielleicht würde sie auch jemand finden, der sie endlich von dieser verdammten Fußkette befreien konnte.


    Ein Pferd nahte plötzlich heran. Wieder versteifte sich ihr Körper. ‚Nur nicht atmen!‘, sagte sie zu sich selbst. Doch sie begann vor Angst zu zittern, als sie feststellte, dass das Pferd in ihrer unmittelbaren Nähe zum Stehen kam. Der Reiter stieg ab und trat näher. Er musste sie beobachtet haben. Vielleicht als sie von dem Karren gefallen war. Dann traf sie sein Fuß, zum Glück nicht mit voller Wucht, in der Seite. Ygrid versuchte zurückzuweichen. Sie richtete ihre Augen nach oben und erkannte in dem Reiter einen Soldaten. Ängstlich begann sie zu schluchzen. War der Traum von der Freiheit bereits schon ausgeträumt? Der Kerl würde sie garantiert wieder zurückbringen, wo man sie vielleicht „nur“ wieder in die Zelle zu den anderen Gefangenen zurücksperrte. „Bitte!“, flehte sie mit zitternder Stimme. Dies war eines der wenigen Worte, die sie während ihrer Gefangenschaft gelernt hatte.


    Nicht weniger überrascht als der Soldat war die Chattin, als ein weiterer junger Mann auf der Bildfläche erschien. Ygrid glaubte kaum, dass er ihr zur Hilfe eilen wollte. Wenn er schlau war, legte er sich besser nicht mit dem Soldaten an! Doch das Erscheinen des Fremden hatte zur Folge, dass der Soldat sich von ihr abwandte und sich ihm beschäftigte. Das war Ygrids einzige Chance, dem Soldaten doch noch zu entkommen. So sehr ihre Beine auch schmerzten, spritzte sie auf und rannte so schnell sie konnte los. Weiter hinein in die dunkle Gasse. Die elende Fußkette klimperte ihr hinterher. In einer Nische blieb sie schließlich stehen und schnaufte nach Luft. Hatte sie den Soldaten abgeschüttelt?

  • Carbo konnte nicht lange das vor ihm stattfindende Schauspiel genießen, denn schnell bemerkte ihn der andere und kam auf ihn zu. "Ob er ihm nachspioniere" (<- keine direkte Rede), Carbo hob leicht amüsiert eine Augenbraue. "Ich bin freier Bürger dieser Stadt und habe jedes Recht hier auf öffentlichem Grund und Boden zu stehen und zu gehen wie ich will. Ich habe keine Waffen und mache nichts als bloß hier zu stehen. Du jedoch, Soldat, bist trotzdem außer Ruhe deswegen, trotz deinem Schwert und deiner Rüstung. Das sagt mir, dass du entweder unter Verfolgungswahn leidest, wenn man nicht einmal einfach nur in deine Richtung blicken darf, oder du hast eine unerlaubte Tat vor und willst dabei nicht erwischt werden. Nun denn, ich...." plötzlich wurde Carbo unterbrochen, denn der Sack an dem der andere vorher noch herumgekickt hatte bekam plötzlich Füße und versuchte davonzulaufen.


    Überrascht und auch ein wenig belustigt beobachtete Carbo diese markabere Szene, ein eiliger Sack mit Füßen und klirrenden Ketten. Nicht gerade heimlich dank der Ketten. "Soldat, dein Sack läuft davon." bemerkte Carbo. Ob vielleicht ein Gefangener darin war? Ein Gefangener, den der Soldat ins Freie geschmuggelt hatte und deshalb nicht gesehen werden wollte? Das würde Sinn ergeben.

  • Obwohl er nicht dazu aufgelegt war, über die Ansage des Fremden, was der mit seiner Ansage meinte, nachzudenken, veranlaßte sie den decurio doch zu einem Grinsen. Daß sich währenddessen das Etwas zu entfernen versuchte, das Klirren der Ketten war nicht zu überhören.


    Ohne auf das von dem Mann Gesagte einzugehen und ohne eine weitere Erklärung abzugeben wandte er sich an ihn.
    "Höre mir genau zu. Du bist, wie du sagst, ein freier Bürger. So sei mein Zeuge bei dem, was wir da vorne entdecken werden. Mal sehen, um wen oder um was es sich dabei handelt. Oder aber, bist du gar nicht zufällig hier vorbeigekommen?"


    Fast aus Gewohnheit umspannte seine Hand den pugio.

  • Auf keinen Fall wollte Ygrid wieder in diese Zelle zurück! Den Atem anhaltend presste sich gegen die Hauswand. Ihr Herz raste vor Angst. Es wollte ihr fast aus der Brust springen. Trotz der Kälte, die inzwischen herrschte, nachdem die Sonne nun endgültig verschwunden war, standen Schweißperlen auf ihrer Stirn. Waren da Schritte? Hatte sie wirklich Schritte gehört, oder bildete sie sich das nur ein? Sie musste unbedingt weiter, sonst saß sie hier in der Falle. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Soldat hier war. Ganz bestimmt würde er ihr folgen. Inzwischen wusste sie, wie diese Römer tickten. Sie waren gnadenlos!


    Hätte sie doch nur nicht die Kette an ihrem Fußgelenk ständig verraten! Sobald sie nur ein wenig ihren Fuß bewegte, klimperte es. Wenn sie sich bückte und dann die Kette mit der Hand umfasste, hörte man zwar die Kette nicht, jedoch war ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Doch diese Alternative war im Moment sicher die Beste. Die Frage war nur, wohin sollte flüchten? Sie kannte sich in Mogontiacum doch überhaupt nicht aus! Außerdem musste sie davon ausgehen, dass die Bewohner dieser Stadt ihr wenig freundlich gesinnt waren. Ihr zu helfen bedeutete Ärger. Also lief sie gebückt die Gasse weiter ins Ungewisse. Diese unorthodoxe Fortbewegungsweise musste schon irgendwie lächerlich wirken.

  • Carbo sah in Richtung des Sacks und antwortete: "Gut, so wollen wir gemeinsam nachsehen, was es mit diesem Laufbeutel auf sich hat." Und ging langsam in die Richtung, in die sich der Sack entfernt hatte.

  • Zitat

    "...Oder aber, bist du gar nicht zufällig hier vorbeigekommen?"


    Ohne die Frage des decurio zu beantworten folgte der Fremde dem sich entfernenden sackähnlichen Etwas.


    "Sei auf der Hut, Fremder, wer weiß, was dich erwartet!"


    rief ihm Cursor warnend hinterher. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu folgen, denn abgesessen mußte er wohl oder übel seinen Incitatus hinter sich herführen. Demzufolge übernahm er die Sicherung, da es in der Gasse zunehmend enger und dunkler wurde.

  • Während sie sich weiter mehr schlecht als recht fortbewegte, drang vom anderen Ende der Gasse Pferdegeklapper an ihr Ohr. Sie hielt kurz inne, schaute, ob sie jemand entdecken konnte. Doch die Gasse war inzwischen so dunkel, dass sie nichts erkennen konnte. Doch sie wusste, der Soldat war ihr auf den Fersen.
    Ygrid versuchte daraufhin schneller voranzukommen. Die pure Angst trieb sie. Aber da sie kaum noch die Hand vor Augen sah und die Gasse zu allem übel auch abschüssiger wurde, verlor sie auf einmal die Balance und stürzte kopfüber auf das Pflaster. Ihre Fußkette machte sich mit einem hämisch klirrenden Geräusch wieder bemerkbar. Irgendetwas hatte ihr die Füße unter sich weggezogen. Wahrscheinlich war es eine Rinne oder ein kleiner Absatz, den sie unmöglich hätte sehen können. Sie hatte auch keine Chance sich auch nur ein bisschen mit ihren Händen abzufangen, da diese ja die vermaledeite Kette gehalten hatten. Nun lag sie erst einmal benommen auf dem Boden. An der linken Schläfe hatte sie sich eine üble Schramme zugezogen.
    Ihr geschundener Körper wäre sicher liebend gerne einfach liegen geblieben. Doch in ihrem Kopf pochte nur ein Gedanke unvermindert weiter: Ich muss weg von hier!
    Als sie endlich versuchte sich aufzurappeln, hörte sie Schritte, die immer näher kamen. Gleich würden sie hier sein. Dann war alles umsonst gewesen. Ygrids Knie schmerzten so sehr, dass sie sogleich beim Versuch, aufzustehen einfach wieder zusammensackte. Tränen spritzten ihr aus den Augen, zum einen vor Schmerz und zum anderen aus der Gewissheit, dass ihr Verfolger sie sich gleich greifen konnte. Die Chattin musste einsehen, dass sie verloren hatte.

  • Carbo folgte interessiert dem Sack. Jeder Gedanke an den Wahlkampf war vergessen in diesem Moment. Was mochte es nur mit dem Sack auf sich haben? Alles eine ziehmlich mysteriöse Sache. Zuerst einmal dieser Soldat mit seinem merkwürdigen Verhalten und jetzt das hier.


    Zumindest war es nicht schwer den Sack einzuholen, Carbo brauchte dazu nur einige Schritte. Plötzlich stürzte er, das gab ihm die Gelegenheit auch den Rest der Distanz zurückzulegen. Als Carbo an seinem Ziel angekommen war, ging er in die Knie und beugte sich über den Sack, um ihn näher zu untersuchen. Bei allen Göttern...in dem Sack steckte eine Frau! "Soldat! Eine Frau! Es ist eine Frau!" rief er den anderen herbei. Was um alles in der Welt hatte sie in diesem Sack zu suchen? Und warum war sie gefesselt?!

  • "Was ist los? Was sagst du da?"
    Mit allem Möglichen hatte er gerechnet, aber nicht mit einer Frau!


    Schlagartig ging es dem decurio durch den Sinn. Waren da nicht gefangene Germanen im carcer? Hatten da nicht schon die Wachen von Halbverwesten gemunkelt, die wer weiß wie lange da waren und die sie auf irgendeine Weise loszubringen versuchten? Stammte die Unbekannte vielleicht daher und war so hierher gekommen?


    Cursor drückte dem anderen die Zügel seines Incitatus in die Hand.
    "Ich hoffe, du weißt wie man ein Pferd hält?"


    Dann wandte er sich an das Mädchen.
    "Wer bist du und woher kommst du?"


    Gespannt wartete er auf das, was es sagen oder nicht sagen wollte.

  • Früher als sie es erwartet hatte, holte sie ihr Verfolger ein. Er ging neben ihr auf die Knie und beugte sich zu Ygrid hinunter. Sie begann zu zittern und schluchzte, als er sie berührte. Zwar versuchte sie noch zurückzuweichen, jedoch gab es diesmal keine Fluchtmöglichkeit mehr. Nun erkannte sie auch, dass es nicht der Soldat war, der sie eingeholt hatte, sondern dieser andere Mann, der ihr zuvor die Möglichkeit zur Flucht ermöglicht hatte. Ob er ihr auch diesmal helfen würde? Ein Funken Hoffnung wollte wieder in ihr aufkeimen. Aber er machte keinerlei Anstalten, etwas in dieser Richtung zu tun. Dann rief er etwas, was sie nicht verstand. Sie befürchtete inzwischen, es galt dem Soldaten.


    Nur wenige Minuten später bewahrheitete sich ihre Befürchtung. Nun stand auch der Soldat samt seines Pferdes neben ihr. Jegliches Hoffen war mit einem Mal dahin. Ihr Schluchzen wurde lauter und jämmerlicher, da sie nun die bittere Wahrheit erkennen musste, dass wirklich alles umsonst gewesen war. Mit Sicherheit ahnte der Soldat, dass sie eine der germanischen Gefangenen war, die schon so lange in der Castra festgehalten wurden. „Bitte!“, flehte sie noch einmal, als er sie ansprach. Ihr Wortschatz, den sie sich in den letzten Monaten angeeignet hatte, war leider sehr begrenzt. Zumal verstand sie kaum etwas von dem, was er gesagt hatte. „Nicht Carcer… bitte…nicht Carcer“, formten schluchzend ihre Lippen.

  • Carbo starrte mitleidvoll auf die fremde Frau hinunter. Was sie nur durchgemacht haben musste, so wie sie aussah. Sie wirkte schwach und bis aufs äußerste verängstigt. Sein erster Gedanke war ihr zu helfen und er hätte das auch ohne weiteres sofort getan...wenn da nicht dieser Soldat gewesen wäre. Keine Ahnung was der mit ihr vorhatte. Wahrscheinlich wieder ins Gefängnis stecken, wohin die Frau offensichtlich nicht mehr hinwollte. Zudem vermutete er, dass sie kein Wort Latein sprach, ihren vorigen Sätzen nach zu schließen. Er sprach in ihre Richtung: "Du sprichst kein Wort Latein, oder? Griechisch bezweifle ich auch, doch vielleicht Keltisch, kleine Germanin?" So wechselte er in die keltische Sprache seiner Heimat Noricum in der Hoffnung, dass die Germanin das vielleicht besser verstehen könnte, als das Latein der Römer: "Verstehst du mich, kleine Germanin?"

  • Zitat

    „Nicht Carcer… bitte…nicht Carcer“, formten schluchzend ihre Lippen.


    Er hatte also recht. Und so sah es auch aus. Das Mädchen gehörte zu den Gefangenen, die im carcer auf irgendetwas warteten. Irgendwie hatte es es geschafft, aus dem carcer zu kommen und mit dem Karren, von dem es sich fallen ließ, die castra zu verlassen. In ihm kam ein Gefühl hoch, das sich wie Anerkennung anfühlte.


    Schemen tauchten vor ihm auf. Er sah in das Gesicht des kleinen Beduinenmädchens, das unter dem Zelt hindurchgekrochen kam, genau vor die Vorderhufe seines Incitatus. Sein Gesicht war voller Blut. Weinend hielt es ihm seine gefesselten Hände entgegen. Ohne zu zögern und lange zu überlegen hatte er es auf sein Pferd gezogen und es dann zu in der Nähe siedelnden Tuaregs gebracht.


    Er wandte sich an den Fremden.
    "Falls du sie verstehen kannst, vielleicht sagt sie dir woher sie kommt. Nicht aus dem carcer, das ist nicht zu übersehen, sondern von welchem Stamm?"


    Nun kam es darauf an. Wie weit und konnt er ihm überhaupt vertrauen.

  • Der Mann sprach weiter auf sie ein, doch sie verstand kein Wort.Aber dann wechselte er in eine Sprache, die ihr seltsam vertraut vorkam. So ähnlich hatten einige der Händler gesprochen, die ab und an in ihr Dorf gekommen waren, um Handel zu treiben. Auch einige der Leute, die sie diesseits und jenseits des Rhenus getroffen hatte, sprachen eine Sprache, die dieser hier ähnlich war. „Ich verstehe ein bisschen“, antwortete sie in ihrer Sprache und hoffte, dass auch er sie einigermaßen verstehen konnte. Außerdem fragte sie sich, ob sie dem Mann überhaupt trauen sollte, schließlich war er gekleidet wie ein Römer. Andererseits… vielleicht konnte er ihr doch noch helfen und sie vor dem Soldaten retten.
    „Ich heiße Ygrid und bin Chattin“, begann sie. „Die Römer, sie haben mich eingesperrt. Ganz lange. Viele Monde lang. Sieh her, sie hatten mich mit einer Kette am Fuß gefesselt.“ Ygrid hob ihren Fuß an, so dass sich die Kette sofort wieder bemerkbar machte. „Mit einer Tonscherbe und meinen bloßen Fingern habe ich mich befreit!“ Sie zeigte ihm ihre zerschundenen Fingern an denen noch immer ihr getrocknetes Blut klebte. Vorsichtshalber verschwieg sie erst einmal, weshalb sie ihr Dorf verlassen hatte und wie sie in Gefangenschaft geraten war.
    „Bitte, ich will nicht mehr zurück! In der Zelle wartet nur der Tod auf mich.“, flehte sie den Mann an, nachdem sich nun auch der Soldat an ihn gewandt hatte.

  • Jetzt in diesem Moment konnte Carbo froh sein das Glück (oder auch Pech, wenn man bedenkt wieso das überhaupt nötig geworden war) gehabt zu haben der Ziehsohn des bereits in der Unterwelt wandelnden Seneca Patrius, des in allen Winkeln Noricums berüchtigten griechischen Händlers aus Syrakus zu sein, andernfalls wäre er jetzt aufgeschmissen gewesen. Denn kaum hatte Carbo das Mädchen auf Norisch angesprochen, so ergoss sie sich prompt in einem Wortschall auf Germanisch. In chattischem Germanisch, wie er schon nach ein paar Worten heraushören konnte.


    Seneca Patrius hatte als Händler natürlich einige der lokalen und benachbarten Sprachen und Dialekte in und um Noricum beherrscht und in Anbetracht seiner Ehre als Kaufmann hatte er natürlich auch seinen Ziehsohn nicht davor geschont in den gängigen Verkehrssprachen der Gegend zumindest Grundkenntnisse zu haben. So war Carbo -dank des unfreiwilligen Sprachunterrichts- in der Lage, was das Germanische anging, zumindest ein paar Dialekte halbwegs zu verstehen, auch wenn er sie nicht sprechen konnte.
    So blieb ihnen also nur die wackelige Kommunikationsbrücke darüber, dass sie auf Germanisch sprach und Carbo in norischem Keltisch antwortete, in der Hoffnung, dass sie genug verstand, um sinnvoll antworten zu können.
    Sie sah so mitleiderregend aus, Carbo wollte ihr helfen. Doch wie nur den Soldaten loswerden? Vielleicht würde er sie ja laufen lassen, schoss es ihm durch den Kopf, doch....nein, dazu war er zu pflichtverlaufen. Während Carbo überlegte übersetzte er dem Soldaten, was Ygrid gesagt hatte, ohne jedoch ihren Namen zu nennen. Er hoffte darauf, dass das Wort "Ygrid" für den Bewaffneten genauso klang, wie jedes andere Wort auch aus dem Satz. Das würde der Rothaarigen sicher die Flucht erleichtern, wenn ihr Name nicht sofort bekannt war.


    "Ich verstehe nur rudimentär, was sie sagt und sie versteht auch nur Teile meiner Sprache, aber sie sagt sie ist vom Stamm der Chatten und wurde tatsächlich hier in Mogontiacum eingesperrt. Sie sagt weiters, dass sie schon seit einer Ewigkeit in den Kerkern gesessen hat und sich mit einer Tonscherbe befreien konnte. Vermutlich hat sie einmal versucht ein Ei oder so zu stehlen, wofür sie eingesperrt und dann vergessen wurde. Wieso sollte man sonst ein einfaches Weib so lange einsperren und sonst nichts weiter unternehmen? Ich sehe einmal, was sie mir noch so erzählen kann."


    An Ygrid gewandt sprach er wieder auf Norisch: "Hab keine Angst, ich will dir helfen, ich bin ein Freund. Warum bist du eingesperrt gewesen?" Darauf war Carbo wirklich neugierig. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was sie getan haben mochte, um für so lange Zeit eingesperrt zu werden, ohne zwischenzeitliche Entlassung....oder Hinrichtung. Haftstrafen alleine war in jedem Fall keine römische Strafe. Die einzige Erklärung auf die er immer wieder kam war, dass Ygrid tatsächlich wegen einer Lapalie eingesperrt worden sein musste und dann schlichtweg von der Obrigkeit vergessen worden war.


    Sim-Off:

    Fall jetzt wer denken sollte, ich hätte extra für diesen Post Carbos Vergangenheit so konstruiert, dass er sich mit einer Germanin verständigen kann, so seht euch einmal Carbo allererste SimOn-Posts bzw. den Thread "Ein germanischer Neuanfang" in der Taberna Silva Nigra in Mogontiacum an, wo er über seine Vergangenheit erzählt. :D

  • Er hatte in seiner Zeit bei den Adlern gelernt, sich in manchen Sprachen zu verständigen. Seit er in der Germania war, und das war schon eine gewisse Zeit, war es jedoch zu fast keinem Kontakt zu der hiesigen Bevölkerung gekommen. So verstand er kaum etwas von dem, was hier gesprochen wurde.


    Der decurio hörte sich geduldig das Palaver des Anderen mit dem Mädchen an. Als der dann nach dem Radebrechen endete, fing er zu lachen an.


    "Das mit dem Versuch, ein Ei zu stehlen, war gut, an Ähnliches hatte ich auch gedacht! Aber jetzt zur Sache. Es liegt doch auf der Hand, wen oder was wir da vor uns haben. Und auch das Warum hilft uns nicht weiter. Egal, was war oder ist. Wir müssen das Mädchen retten und das muß schnell gehen."


    Und er wollte und er mußte sichergehen. Es durfte nichts schiefgehen. Eindringlich sah er den Mann an.
    "Bevor wir weiterreden, kannst du mir einen Beweis erbringen, daß ich dir vertrauen kann? Ich muß mir vollkommen sicher sein!"


    Nun kam es nur noch darauf an, inwieweit der Fremde zur gemeinsamen Rettung des Mädchens bereit war.

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