• Der Tempel des Poseidon steht direkt am Hafen und soll das Meer für die Überfahrt ruhig stellen.


    Obwohl Poseidon einer der Götter ist, die die Stadt bei ihrer Gründung beschützten, gibt es in Alexandria keinen eigenen Poseidonkult. Viel eher verlassen sich die alexandrinischen Seefahrer auf Isis oder Zeus Soter. Dennoch wird der Tempel gepflegt. Für eine erfolgreiche Seereise ist es nie verkehrt, sich mit allen zuständigen Göttern gut zu stellen.

  • Nikolaos war von der Werkstatthalle des Aristion auf direktem Wege zum Tempel des Poseidons gegangen. Währenddessen waren die beiden Diener zum Lagerhaus des Nikolaos geeilt, um ein bereits herausgeputztes, weißes Kalb zu holen. Auf dem Weg zum Poseidoneon hatten sie sein Fell unter einem Tuch vor dem Staub in den Straßen geschützt, sodass es noch rein war, als sie vor dem Tempel auf den Herren stießen, der bereits auf das Opfertier wartete. Außerdem hatten die Diener eine große Silberdose mit Weihrauch mitgebracht. Mit der Silberdose in den Händen ging Nikolaos die breite Treppe zur Vorhalle des Tempels hinauf.
    Dort stand schon ein Opferhelfer bereit, der die Männer mit dem Tier hatte kommen sehen.
    "Chaire.", sagte Nikolaos und nickte dem Opferhelfer zu. Dieser trug eine blaue Seidentunika, auf die ein Fischmuster gestickt war und stilisierte Dreizäcker. Der Mann war noch sehr jung, womöglich tat er den Dienst in der Hoffnung, einst zum Priester ernannt zu werden. Er hatte ein fein geschnittenes Gesicht und eine Nase, die etwas zu klein war. "Ich möchte den Poseidon darum bitten, dass er mein Schiff bei dessen Stapellauf und auf all seinen künftigen Fahrten behütet." Er reichte dem jungen Mann die Silberdose. Der Opferhelfer nahm sie in Empfang, nicht ohne sie prüfend zu betrachten. "Dort unten steht das Kalb, das ich dem Poseidon opfern möchte." Der Opferhelfer blickte die Treppe hinab auf den Platz. Dann wandte er sich wieder Nikolaos zu nickte. Immer noch schwieg er. Daher versuchte Nikolaos nicht, ein Gespräch zu beginnen. "Ich bin Nikolaos der aus dem Stamm der Keryken aus Athen. Das Schiff heißt Isis, die dem Poseidon freundlich gesonnen ist." Letzteres war zwar frei herausgesagt, um nicht zu sagen, ein wenig gelogen, doch es war wichtig, zu vermeiden, in einen Streit zwischen Götter zu geraten, diese Streitigkeiten hatten bekanntlich auf die Sterblichen auch dann schlimme Auswirkungen, wenn zwischen den Göttern lediglich eine kleine, harmlose Intrige sich entwickelte, oder gar nur ein Schabernack. Dies war es, das Los der Sterblichen, das sie unter dem Gelächter der Unsterblichen zu ertragen hatten.
    Man musste wissen, wie man die Olympier und andere Unsterbliche sich gesonnen machte. Nikolaos hoffte, der Poseidonspriester, dem er in seinem Fall diese Aufgabe übertrug, wüsste seine Kunst zu verstehen.
    Nun blickte er den Opferhelfer fragend an, da dieser immer noch schwieg und Nikolaos gerne wüsste, ob das Kalb abgeholt werden würde oder ob seine Diener es die Stufen hinauftreiben müssten. Schließlich fragte er. "Holst du das Kalb ab oder sollen meine Diener es hinauftreiben?" Der Opferhelfer hielt den Zeigefinger in die Luft. Nikolaos verstand nicht. "Was meinst du?" Der Opferhelfer deutete mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf den nach oben zeigenden. "Eins?", fragte Nikolaos. "Die erste der beiden Möglichkeiten?" Der Opferhelfer nickte, etwas eingeschüchtert und verschwand eilig mit der Weihrauchdose im Tempel.
    Nach einiger Zeit kam er wieder heraus, ging, ohne Nikolaos auch nur anzusehen, schnurstracks die Treppe hinab und nahm den beiden Dienern das Kalb ab. Mit diesem verschwand er hinter dem Tempel.
    Nikolaos wartete auf ein Zeichen, ob der Gott seine Gaben angenommen hätte.


  • Nach einiger Zeit erschien wieder jemand. Aber es war nicht der junge und offensichtlich stumme Opferhelfer, sondern ein älterer Mann. Er war hager, fast dürr, hatte aber eine stolze Haltung an sich, obwohl er leicht vorn übergebeut ging, und eine krumme, ebenso herrschaftliche Adlernase in seinem schmalen, wettergegerbten Gesicht. Sein Blick schien zum fernen Horizont zu schweifen und man glaubte in seiner Nähe das salzige Meer zu riechen.
    Er trat zu Nikolaos heran und verneigte sich kaum merklich.
    Statt sich vorzustellen sagte er schlicht: “Du bist der Keryke? Poseidon, der allmächtige Herr des Meeres hat dein Opfer angenommen. Er wird dich und dein Schiff verschonen. Aber sieh dich vor und verärgere ihn nicht, denn so leicht du seine Gunst erlangt hast, so leicht kannst du sie auch wieder verlieren. Poseidon ist über alles freundlich zu denen die er liebt, aber unerbittlich zu jenen denen er zürnt.“

  • Als ob Poseidon, den die Rhomäer Neptun nannten, die Worte des hageren Priesters bestätigen wollte, wirkten die Wellen im nahen Hafenbecken plötzlich sanfter, die Schreie der Möwen über ihren Köpfen freundlicher und eine frische, wohltuende Brise wehte vom Meer herüber. Es war wie eine Einladung in See zu stechen und fernen Gestaden entgegen zu streben. Der Herr des Meeres war tatsächlich freundlich... zumindest für den Augenblick.

  • Nikolaos nickte dem Priester freundlich zu.
    "Ich danke dir für die Auskunft, die wirklich eine sehr erfreuliche ist. Ich werde mich immer neu um Poseidons Gunst bemühen und seinen Willen beachten.", sagte er höflich. "Noch heute wird das Schiff zu Wasser gelassen, möge der Gott über dieses Ereignis schützend seine Hand halten." Nikolaos spürte auf einmal eine kühle Brise, die vom Meer kam. Wohltuend war sie und sie vertrieb die Hitze für einen angenehmen Moment. "Nun denn, verehrter Priester des Herrens der Meere, ich werde nun an den Hafen gehen, doch gewiss wird dies nicht mein letzter Opfergang zu Ehren des Poseidons sein." Für sich beschloss Nikolaos, alle zukünftigen Kapitäne seines Schiffes anzuweisen, vor jeder Abreise aus Alexandria der Isis und dem Poseidon zu opfern. Die Worte des Priesters hatten ihm dies für nötig erscheinen lassen. Einmal mehr war er daran erinnert, wie sehr die Sterblichen von den Wünschen und den Leidenschaften der Götter beeinflusst wurden.

  • Ànthimos wusste, dass er dem Herrn der Meere viel zu verdanken hatte. Nicht nur, dass dieser in seiner Familie seit jeher stark verehrt wurde, er hatte auch ihn und seine Brüder vor der Sklaverei bewahrt und ihr Leben gerettet. Eigentlich wollte er Poseidon daher schon viel früher ein Opfer darbringen, doch er hatte es sich einfach nicht getraut, denn seitdem sie Schiffbruch erlitten hatten, hatte Anthi Angst vor dem Meer. Alleine der Gedanke ein Schiff zu betreten beschwor bei ihm Schweißausbrüche herauf, und einige schlechte Träume hatten ihn zudem gequält.


    Wie konnte er dem Gott nur so Unrecht tun? Dieser hatte ihn und seine Brüder gerettet und dafür hatte Anthi nun Angst vor dem Meer. Er wusste wie Undankbar das war, aber er konnte nichts dafür-er hatte nunmal einfach Angst noch einmal zur See zu fahren.


    So stockten seine Schritte, als er mit Penelope gerade am Eingang des Poseidoneons war.

  • Penelope bemerkte, wie ihr Mann unmittelbar vor dem Eingang zögerte. Liebevoll strich sie ihm einmal kurz über den Arm und blieb neben ihm stehen. So mutig und unbesonnen ihr Mann auch manchmal war, wenn es um seinen Sport ging, so furchtsam und ehrfurchtsvoll war er, wenn es um die Götter ging. Eigentlich war das ja eine sehr noble Eigenschaft von ihm, daher fiel es Pelo auch gar nicht ein, ihn irgendwie zu Tadeln. Sie wollte ihm nur ein wenig Mut machen, denn er hatte gewiss nichts getan, wofür er Strafe erwarten dürfte.
    “Der Pferdeherr freut sich sicher über die Opfer“, versuchte sie, ihm ein wenig Mut zuzusprechen. Anthi hatte nicht gespart, was das Opfer an Poseidon anging. Bestimmt würde der Gott es gnädig als Dank annehmen.

  • Anthi wurde immer unsicherer und Penelopes zuversichtlichen Worte machten ihm eher Angst, als das sie ihn stärkten. Er wurde ein wenig blass und seine Hände begannen zu schwitzen.
    "Ich weis es nicht. Ich habe ihm Unrecht getan, und tue es immernoch. Lass uns besser gehen, ich möchte ihn nicht erzürnen mit meinen Zweifeln."


    Anthi drehte sich um und war kurz davor die Stufen wieder hinab zu steigen und das Weite zu suchen.

  • Normalerweise ließ Penelope ihn ja bei allen Dingen gewähren, wie er es für richtig hielt, aber bei dieser Sache trat sie Ánthimos in den Weg. Weglaufen war hier keine Lösung, das machte seine Schuldgefühle nur noch schlimmer, und er würde es aufschieben, bis der Gott ihm wirklich noch zürnte.
    “Ànthimos Bantotakis!“ Ihre Stimme hatte diesen Unterton, den Mütter ihren Kindern gegenüber manchmal anschlugen, vor allem, wenn sie dabei den vollen Namen zur Ansprache benutzten. Sie sah ihn kurz tadelnd an, bis er stand, und dann wurden Stimme und Gesichtsausdruck wieder milder.
    “Warum meinst du, hast du ihm Unrecht getan? Weil du ihn hast warten lassen?“
    Penelope griff nach seiner Hand und hielt sie ganz sanft, fühlte das Zittern und die Unsicherheit darin, und sah ihn einen Moment lang nur mitfühlend an.
    “Ich bin sicher, wenn du ihn dafür mit deinem Opfer auch um Verzeihung bittest, wird er es annehmen. Das Meer ist ewig, Ánthimos, und Poseidon ebenso. Wenn du heute ihn ehrst, wird er dir bestimmt nicht zürnen, dass du ihn hast warten lassen. Aber du solltest es nicht aufschieben und ihn ewig warten lassen, bis er dir doch zürnt.“

  • Ànthimos war erstaunt über Penelopes Vehemenz. Allerdings tat er sich schwer damit, ihr von seinen Ängsten zu berichten. Schließlich war er ein großer und starker Mann-es war geradezu albern vor dem Meer Angst zu haben, wie ein kleiner Junge. Respekt war angebracht, aber doch keine Angst! Mal ganz davon abgesehen, dass er allgemein nicht so gerne über ein solches Thema redete.


    "Es ist nicht nur, dass ich ihm erst jetzt opfere, es ist..." er brach ab und schaute an ihr vorbei auf den Hafen.
    "Seit unserem Schiffsbruch habe ich Angst vor dem Wasser, oder vielmehr vor dem Meer. Verstehst du was ich meine? Poseidon hat uns aus der Skalverei befreit und uns das Leben gerettet. Und ich danke es ihm indem ich Angst vor ihm habe! Was soll er da nur denken? Wie soll er da nicht erzürnt sein?"


    Anthi zuckte hilflos und niedergeschlagen mit den Schultern. Was mochte Penelope jetzt von ihm denken? Männer hatten schließlich keine Angst zu haben...

  • Ach, manchmal war ihr Mann doch wie ein großes Kind. Liebevoll strich Penelope ihm mit den Daumen über die Handrücken und trat noch einen Schritt näher. Sie wusste gar nicht, wie sie ihm da die Angst nehmen sollte. Sie war sich sicher, dass Poseidon ihm deswegen nicht zürnte, aber wie sollte sie die richtigen Worte wählen?
    “Ach, Anthi. Poseidon ist ein Gott, und es ist doch recht, einen Gott zu fürchten. Vor allem einen so großen wie ihn mit so viel Macht. Ein Kind der Titanen.
    Ich denke nicht, dass er dich für undankbar halten wird. Denkst du Ares zürnt mir, weil ich ihn fürchte und das, was er bringt? Oder Serapeion, der Herr der Unterwelt? Es sind Götter, Anthimos, sie wissen um ihre Kraft. Ich denke nicht, dass sie den Sterblichen Undank unterstellen, wenn diese die wahre Größe ihrer Kraft gesehen haben und ehrfürchtig verharren. Ich glaube, er wird sich über das Opfer freuen und es annehmen, egal, ob du ihn nun fürchtest oder liebst. Er ist ein Gott, Anthi.“

    Penelope hatte sogar damals gelernt, dass einige Götter überhaupt keinen Wert darauf legten, ob man mit dem Herzen bei der Sache war, solange ihnen nur die richtige Menge zum richtigen Zeitpunkt geopfert wurde. Sie selbst opferte natürlich lieber den Gottheiten, die sie persönlich auch liebte. Aber das hieß nicht, dass sie die anderen schmähte.

  • Anthi nickte ernst. "Irgendwie hast du ja Recht. Aber meinst du nicht doch er wird mich für undankbar halten? Ich meine er hat uns direkt geholfen. Es kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet wir drei überlebt haben. Deswegen habe ich ein schlechtes Gewissen, zumal ihn unsere Familie schon immer besonders verehrt hat."


    Er machte ein Gesicht als hätte er Zahnschmerzen. Anthi nahm ihre Hand und drückte sie sanft.

  • “Ich denke, der Gott hat euch gerettet, eben weil ihr ihn immer so verehrt habt, und weil er noch großes mit euch vorhat. Ich denke nicht, dass er euch für undankbar hält, nur weil ihr ihn habt ein wenig warten lassen.“
    Ganz sanft zog sie an seinen Armen. Nicht stark genug, um ihn wirklich mit sich zum Tempeleingang zurückzuziehen, aber doch so bestimmt, dass er die Aufforderung verstand. Sie sollten wirklich hineingehen und dem Gott opfern. Bestimmt würde Poseidon sich über die Gaben freuen.

  • Ànthimos ließ sich bereitwillig von Penelope in den Tempel ziehen. Sie hatte ja recht, auch wenn sie offenbar noch nicht verstanden hatte, worum es ihm wirklich ging. Trotzdem reichte ihr Zuspruch um ihn so positiv zu bestärken, dass er den Tempel nun wirklich betrat. Er schaute sich um und bemerkte, dass sie offenbar alleine waren. Gut, denn Anthi wollte dem Gott alleine opfern, mit Ausname von Pelo natürlich, denn sie gehörte ja zu ihm. Er drückte sanft ihre Hand, um ihr zu zeigen wie wichtig ihm ihre Anwesenheit war.


    Anschließend ging er zum Altar, der für die Opferungen vorgesehen war. Neben diesem Altar stand eine große Statue des Gottes mit Dreizack. Er stellte den Wein und das Gebäck darauf und entzündete das Räucherwerk vorsichtig.


    Dann begann er zu sprechen. Es war laut genug, dass Penelope es hören konnte, aber seine Stimme nicht nach außen trug.


    "Poseidon, Herr des tiefen Meeres und der Pferde. Entschuldige bitte, meine Zweifel und dass ich so lange gewartet habe dir zu opfern. Aber ich bin nur ein Mensch, der vor deiner Größe und deiner Macht zittert.


    Die Güte die uns durch dich zuteil wurde hätte sicher mehr verdient, als ich dir geben kann. Du hast meine Brüder und mich aus dem Schiff gerettet und uns vor einer Zukunft als Sklaven bewahrt und uns das Leben geschenkt. Dir haben wir unser Glück in dieser Stadt zu verdanken und wir sind uns dessen sehr wohl bewusst. Unser Dank gilt dir und keiner, auch nicht unsere Nachkommen, wird deine Güte je vergessen, dass schwöre ich dir! Bitte nimm dieses Opfer als Dank meiner Familie an. Es wird nur das erste sein, dass ich dir darbringe und ich schwöre, dass ihm noch viele folgen werden."


    Anthi verstummte und blieb andächtig vor der Statue des Gottes stehen. Er wusste nicht was er weiter sagen sollte. Er war nunmal kein großer Redner, sondern ein Mann der Tat.


    Sim-Off:

    WiSim: mittleres unblutiges Opfer

  • Sein Gebet war gut, fand Penelope. Einfach, klar und gerade heraus, ohne lang herumzureden. Und es war ehrlich, so gut kannte sie ihren Mann. Und wenn Poseidon ihn auch kannte, würde er das auch sehen, da war sie sich sicher.
    Penelope stand einfach still im Hintergrund und wartete auf ihren Mann. Manchmal konnte man die Anwesenheit des großen Gottes spüren, hieß es, also achtete Penelope auf ihre Gefühle, ob sie etwas fühlen konnte. Aber sie sagte selbst nichts, denn es war Ánthimos’ Opfer und sein Gebet.

  • Ànthimos wartete eine Weile, ob etwas geschah, allerdings tat sich noch nichts. Hatte Poseidon sein Opfer nicht angenommen? Hatte Anthi ihn wirklich mit seiner Angst und seiner Zögerlichkeit erzürnt?


    Der Grieche beschloss noch ein wenig zu warten, vielleicht war es ja eine Prüfung und Poseidon ließ ihn jetzt auch ein wenig warten.

  • Die Zeit verrann. Stille. Ernste, dass Mark erschütternde Stille.
    Aber als es schon so schien, als wären Ánthimos' Worte ungehört verhallt und als wäre sein Opfer vergeblich gewesen, da erhob sich vom Meer her ein Wind. Er wirbelte vor dem Tempel den Staub auf und drang als kühler, feucht Luftzug durch die offen stehenden Türen hinein. Mit sich führte er den würzigen Geruch nach Tang und Fisch, denn es war gerade Ebbe.
    Die Meeresbriese umwirbelte Ánthimos, kitzelte ihn an der Nasenspitze, fuhr ihm durch das Haar und ließ ihn den salzigen Geschmack der See auf der Zunge spüren.
    Im nächsten Augenblick legte sie sich wieder und es war fast so still wie zuvor. Doch von draußen drangen nun gedämpft die Geräusche der geschäftigen Stadt an ihre Ohren.

  • Der kühle Luftzug jagte Anthi einen Schauer über den Rücken. Er schmeckte das Salz auf seiner Zunge, das der Wind vom Meer mit sich trug. Tiefe Freude erfüllte ihn: Poseidon schien sein Opfer angenommen zu haben. Und als der Wind dann ebenso plötzlich abbrach wie er gekommen war, war er sich ganz sicher: Poseidon war ihm nicht böse wegen seiner Zweifel und seiner Angst.


    Nach einigen Augenblicken erhob er sich dann und lächelte Penelope zu. Ohne sie hätte er das nicht geschafft: Er wäre geflüchtet und mit dem Gott der Meeres immer noch nicht im Reinen. Sie war eben eine starke Frau, auch wenn sie es selbst nicht wusste. Aber es reichte ja, dass Anthi das tat...

  • Am späten Nachmittag, nach dem Besuch bei der Hafenbehörde begaben sich Aristoxenus und seine beiden Begleiter auf den Markt um dort Weihrauch und eine schöne weiße Ziege zu kaufen. Diese wollten sie dem Gott Poseidon als Dankopfer darbringen. Nachdem das erledigt war begaben sich die drei Männer zum Tempel des Meeresgottes, welcher sich auf einem freien Platz in unmittelbarer Nähe des Hafens erhob. Das Gebäude war wirklich prachtvoll anzuschauen. Der Bau bestand überwiegend aus großen Kalksteinblöcken und Marmor, die Säulen hingegen aus roten Granit. Vor dem Tempel waren Statuen und andere kostbare Objekte aufgestellt, alles Weihegeschenke dankbarer Gläubiger an ihren Gott.


    Aristoxenus, sein Diener Achillas (welcher die Opferziege an einem Seil mit sich führte) und der Naurarch der "Aphrodite" standen vor der großen Marmortreppe, welche zu den Bronzetüren des Hauptportals führte und begafften ehrfürchtig die kunstvoll gearbeiteten Reliefs am Giebel des Tempels. Dann sonderte sich Aristoxenus von den beiden anderen ab und stieg allein die gewaltigen Stufen zum Portal des Gotteshauses hinauf. Dort angekommen pochte er drei Mal gegen die Tür und sagte:


    Aristoxenus: "Wir sind fromme Pilger angereist aus dem fernen Attika welche dem Gott der Meere als Huldigung und als Zeichen Ihrer Dankbarkeit und Verehrung ein Opfer darbringen möchten."

    "Poseidon... Gott der Meere und Schutzherr meiner Familie...deinem Ruhme widme ich mein Leben!"


  • Es dauerte eine Weile. Dann wurden die hohen, bronzenen Flügel der Eingangstür geöffnet. Sie quitschten in den Angeln und das Quitschen klang, wie wenn Möwen schreien.
    Ein hagerer Mann, fast ohne Haupthaar und mit scharfem Profil, trat vor Aristoxenus. Seine Kleidung war schlicht, aber sein Blick furchtlos und stolz.


    “Wie heißt ihr und wer seid ihr?“, fragte er, nachdem er sich Aristoxenus ohne Eile angesehen hatte.

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