alicubi | Abschied aus Rom

  • Das Morgengrauen hatte kaum einen ersten Schimmer gezeigt, als ich mich, auf Maron gestützt, leise durch die langen Gänge der villa Aurelia in Roma bewegte, um diese zu verlassen, schon wieder zu verlassen, und dies wahrscheinlich für lange Zeit.


    Bei dieser meiner eigentlichen Abreise hatte ich niemanden mehr von der Familie dabei haben wollen, und dies war nicht nur meinem schlechten Gesundheitszustand geschuldet, denn ich fühlte mich wieder besonders schwach. Nachdem in Konsultation mit einem angesehenen Arzt der Entschluss gereift war, mich zu einer neuerlichen Erholung auf die Landgüter der gens nach Sardinien zu schicken respective mich dorthin zu begeben, hatte ich die vergangenen Tage dazu benutzt, von den gerade in Roma ansässigen Mitgliedern der Familie Abschied zu nehmen, während ich die praktischen Reisevorbereitungen Maron überlassen hatte unter der Führung von Corvinus, dem ich zu diesem und zu jedem ihm sonst noch sinnvoll erscheinenden Zweck so gut wie mein gesamtes Geld übereignet hatte. Das Verlassen dieses Hauses selbst aber wollte ich unbeobachtet hinter mich bringen und hatte mich deshalb für die Abreise zu einer Stunde entschieden, in der selbst in der Hauptstadt des Imperiums noch nicht sehr viel frisch gebackenes Brot zu haben sein würde. Dieser Abschied ging mir nahe, denn nach allem, was der Arzt gesagt, und mehr noch nach dem, was er zwischen den Zeilen angedeutet hatte, lag es nurmehr allein in den Händen der Götter, über eine Wiederkehr zu bestimmen; menschliche Kunst schien machtlos zu sein angesichts meines Verfalls. Gerade erst in den letzten Tagen war eine gewisse Besserung meines Zustandes eingetreten, so dass eine Abreise nach Sardinien überhaupt erst möglich erschien. Meine innere Bewegung bei jedem Schritt, der mich der Sänfte näher brachte, war groß, und nach all der Schwäche, die ich hier im Schoße der Familie und in den Mauern der villa Aurelia in Roma schon gezeigt hatte, hatte ich mir diese neuerliche unwillkürliche Offenbarung meiner innersten Gefühlswelt vor den anderen Aureliern ersparen wollen.


    Der Plan ging auf. Am Vorabend hatte Maron dafür gesorgt, dass Gepäck und Sänfte bereitstanden, die mich nach Ostia bringen sollten; ich erreichte die Sänfte, ohne noch von weiteren, an der Abreise nicht direkt beteiligten Sklaven oder gar von Mitgliedern der Familie gesehen zu werden. Jetzt auf der langen Reise und, so es die Götter wollten, auch noch danach, würde ich viel Zeit haben, um noch einmal all die Eindrücke in meinem Herzen zu bewegen, die ich in den vergangenen Wochen hier in Roma empfangen hatte, meine Gedanken an Corvinus, die gute und vertrauensvolle Beziehung, die zwischen uns immer geherrscht hatte, seine imponierende Karriere, seine bevorstehende Ehe - seine Einsamkeit? Meine Gedanken an Ursus, seine ebenfalls fast berauschende Karriere, sein so gelungenes und geradliniges Naturell - und seine vielleicht ebenso große Einsamkeit. Meine Gedanken an Avianus, seine Zurückhaltung bei gleichzeitigem Mut. An die weiblichen Mitglieder der Gens dachte ich selbstverständlich auch, doch war ich in der Einschätzung von Frauen von jeher ganz unsicher gewesen und hatte dies in den vergangenen Wochen nicht überwinden können; es blieb mir nur, für sie zu opfern und ihr Andenken in allen Ehren zu bewahren. Die Sklavinnen und Sklaven des Hauses Aurelia mochten ihr eigenes Leid zu tragen haben; ich hatte Maron freigestellt, mich nach Sardinien zu begleiten, wusste ich doch, wie gut er auch hier in Roma am Platz gewesen wäre und wie sehr er an dem Mädchen Tilla hing, doch er hatte nicht von mir lassen wollen und fuhr mit mir mit.


    Mit all diesen und noch weiteren Gedanken an die fernere Vergangenheit trug ich mich, während die Träger die Sänfte trugen durch die noch schlummernde, ewige Stadt. Still wie der Tod lag die Ruhe auf ihr und die Nacht; mich schaukelte die Sänfte nur zu immer neuen Gedanken, doch schon bald würde ein Schiff mich in seinem Leibe tragen und schaukeln und wiegen in meinen eigenen, langen und traumlosen Schlaf.

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