• Er wollte sich einreden, nichts davon wäre wahr, alles nur ein schlechter Scherz, den sich jemand mit ihm erlaubte, ein Traum, eine Lüge. Doch der Iunius wachte nicht auf, niemand kam lachend hinter der nächsten Ecke hervorgesprungen, und niemand trat an seine Seite, um ihn über die Wahrheit aufzuklären. Welchen Grund hatte er also, die Worte eines Optios der Stadtwache anzuzweifeln, welchen Grund hatte er, nicht zu glauben, was er selbst gesehen hatte. Sie war weg.


    Was hatte er getan? Was, um das zu verdienen? Und was hatte sie getan?
    Sie hatte sich mit den Urbanern angelegt, und er war feige gewesen, das war alles. Und nie würde er es sich verzeihen. Er wusste schon jetzt, ihr Gesicht würde ihn für immer verfolgen, ihr zartes, schmales und dennoch so schönes Gesicht, und ihr sanfter Blick würde ihn ansehen, als würde sie ihm alles verzeihen, so wie immer. Aber er konnte es nicht. Denn er hatte sich vorgenommen, alles in seiner Macht stehende zu tun sie zu schützen, und stattdessen trug er jetzt Mitschuld an ihrem Tod – so fühlte es sich jedenfalls an. Oder es war so, wie Torquata es ihm bei ihrem letzten Treffen erklärt hatte: Alles hatte einfach so kommen müssen. Doch wie grausam mussten die Götter sein, welchen Hass mussten sie auf jemanden haben, um einem nicht einmal die Chance zu geben zu schützen, wen man liebte.
    Was er im Kerker der Cohortes Urbanae an Gefühlen so sehr zurückgehalten hatte, kam jetzt endgültig hoch. Und er konnte nirgendwo hin. Nicht zurück in die Barracken, wo er sich bei jedem blöden Scherz seiner Kameraden ein Grinsen würde aufzwingen müssen. Nicht in die Casa Iunia. Diesen Ort den er sich jetzt wünschte, wo jemand auf ihn wartete, um ihm zu helfen wieder Ruhe zu finden, den gab es nicht mehr. Sich so einsam fühlend, wie Sibel es wohl an den Ufern des Styx irrend sein musste, bahnte sich der Iunier seinen Weg durch die Castra.
    Seine Schritte führten ihn hinter die Baracken seiner Centurie, wo zwei Kisten auf dem Boden standen, die beim Würfeln als Sitzgelegenheit genutzt wurden. Eine davon schickte er aus Frust und Verzweiflung mit einem Tritt durch die Luft, krachend schlug sie ein ganzes Stück weiter wieder auf. Den Schmerz in seinem Fuß bemerkte er gar nicht, denn er reichte nicht aus, um die Taubheit zu vertreiben, die sich in ihm ausgebreitet hatte. Mit der Faust schlug er noch gegen die Wand der Barracken, und ließ sich schließlich nach Luft ringend auf den staubigen Boden sinken, während ihm die Tränen in die Augen schießen wollten. Er hasste sich selbst. Er hasste den Domitius. Er hasste Germania. Verdammtes Germania. Verdammte Hasta Pura. Verdammter Quintilius Sermo.
    Bitter starrte Avianus nun auf die geröteten Knöchel seiner Hand. Es musste irgendetwas anderes geben, an das er denken konnte, etwas das den Hass und die Wut in ihm vertrieb. Schöne Dinge. Ihre Stimme, ihr Geruch, wie sie sich stets an ihn geschmiegt hatte, als könnte sie ihn dadurch daran hindern, zu gehen.
    Und dennoch musste er sie vergessen, selbst wenn sie dadurch ein zweites Mal sterben würde. Und damit endgültig. Denn wie sagte man noch gleich? Jeder starb zweimal. Zuerst wenn das Herz aufhörte, zu schlagen, und dann, wenn die Erinnerung an einen erlosch.

  • Hinter den Mannschaftsunterkünften befand sich auch ein kleiner Übungsplatz, der für Kampfübungen benutzt werden konnte. Mit der gefangenen Amazone im Schlepptau traf Silanus dort ein. Um diese Zeit war hier kaum kaum etwas los. Bis auf die Wachmannschaften der Castra und einigen dienstfreien Miles, die in ihrer spärlichen Freizeit alles anderen als Schwertkampf trainieren wollten, war die Castra um diese Zeit kaum bevölkert. Alle Prätorianer im Dienst waren am Palatin oder anderweitig unterwegs. Der Iunier ging zu einem der Waffenständern, der am Rande des kleinen holzumrahmten Kampfplatzes stand und sah dann fragend zu Hiera.


    "Welche Waffen wählst du? Cladius? Pugio? Speer? Mit oder ohne Schild?"

  • Sie folgte den Mann auf den kleinen Übungsplatz. Nur kurz streifte ihr Blick die Anwesenden, doch diese waren schnell wieder ausgeblendet, denn sie fokussierte sich ganz auf ihren Gegner. Sie studierte ihn. Jede seiner Bewegungen um ihn einschätzen zu können. Sie versuchte wie immer Schwachstellen zu finden. Der Mann war genau so groß wie sie, wenn nicht sogar ein kleines Stückchen kleiner. Seine Bewegungen waren bis jetzt zumindest etwas langsamer als die ihren. Er war auch ein ganzen Stück älter. Aber sie ließ sich nicht täuschen, sie wusste sehr wohl, dass die Soldaten Roms gut in Übung waren.
    „Das Gladius ohne Schild.“ Sagte sie nach der Wahl der Waffe gefragt. Ein kleines Messer wäre natürlich auch eine gute Wahl gewesen, dieses nahm sie aber nur her, wenn sie schnell und lautlos töten wollte. Sie wollte aber einen offenen Kampf und überlegte immer noch, ob sie nun Leben oder sterben wollte.

  • Silanus reichte der Amazone das gewünschte Gladius. Er selbst hätte eigentlich gerne ein kleines Rundschild dazu gewählt, doch kam er sich komisch vor, wenn er besser bewaffnet in diesen Kampf ging als seine Gegnerin. Als ergriff er ein anderes Gladius und stellte sich in den Kampfbereich. Nun begann auch er kurz damit seinen Nacken zu lockern und versuchte seine Muskeln für einen Moment zu entspannen. Geübt brachte er seinen Körper in einen festen Stand, richtete seine volle Aufmerksamkeit auf Hiera und wartete bis diese ihn gegenüber trat.


    "Bist du bereit? Dann lass uns beginnen."

  • Hiera nahm das Gladius entgegen und wog es in der Hand. Ja sie wusste, dass dieses Schwert der Römer schwerer in der Hand wog als ihr Kurzschwert mit welchem sie normalerweise kämpfte.


    Sie gab sich den Moment Zeit um sich nun also an das schwere Gladius zu gewöhnen. Dann blickte sie auf und dem Römer, der sich nun ebenfalls kampfbereit gemacht hatte entgegen. Auch sie nahm die gewohnte Stellung ein. Die Beine schulterbreit auseinander und leicht versetzt um einen sicheren Stand zu haben. Kurz verharrte ihr Blick auf der Klinge, bevor sie nun auf und dem Gegenüber direkt ins Gesicht blickte. Sie nickte nur kurz, als er frage ob sie denn bereit sei. Ja sie war bereit. Bereit zu kämpfen. Der Kampf der immer noch in ihrem inneren tobte, der immer noch gefochten und nicht entschieden war, drang nicht an die Oberfläche. Eine Seite in ihr wollte kämpfen die andere leben.


    Von dieses Widersprüchen innerlich fast zerrissen, hob sie das Gladius in Angriffsposition und nur wenige Augenblicke später war sie es dann auch, die angriff. Immerhin kämpfte sie um ihr Leben oder wenigstens darum wie sie sterben würde. Sie kämpfte für das wofür sie stand. Der Mann hatte schließlich gesagt, das sie die letzte der ihren war. Sie kämpfte also nicht nur für sich, sondern für all jene die waren wie sie. So konnte sie ja wohl kaum einen schlechten Kampf abliefern. Wenn schon in den Tod gehen, dann mit Pauken und Trompeten.
    Ihr Gladius zum Angriff erhoben und nun immer wieder schnelle Schläge ausführend um sich dann zurückzuziehen, ihre Beweglichkeit ausnutzenden um um den Gegner immer wieder von der einen oder andere Seite anzugreifen. Sie wusste um ihre Schnelligkeit. Sie wusste, dass dies ihr Vorteil war und sie nutzen ihn. Der Mann würde wohl sicherlich jeden Schlag abwehren können, wenn er denn ein geübter Soldat war. Aber es würde ihn vielleicht müde und mürbe machen, das immer und immer wieder eine folge von Schlägen auf ihn niedergingen und die Amazonen sich dann flink zurückzog um dem Soldaten so wenig Angriffspunkte wie nur möglich zu bieten.

  • Hiera sagte nicht mehr viel sondern war bereits hoch konzentriert. Der Iunier musste auch nicht sehr lange warte, da prasselnden auch schon die ersten Angriffe auf ihn herein. Sie waren nicht sehr kraftvoll und kosteten dem einigermaßen trainierten Mann daher auch wenig Mühe bei der Abwehr, sie waren jedoch sehr flink und zahlreich. Mit großer Kraft seiner Gegnerin hatte Silanus ohnehin nicht gerechnet, aber die Schnelligkeit mit der sie ihre angriffe gekonnt ausführte war doch irgendwie bewundernswert. Vielleich wäre ein Schild doch nicht so schlecht gewesen. Kämpfen konnte sie jedenfalls. Soviel war bereits jetzt zu sagen. Der Iunier wiederum hatte sichtlich Probleme damit die Amazone in seine Reichweite zu bekommen. Ihre Kampfstrategie war offenbar schnelle Angriffe mit einem ebenso schnellen Rückzug. Eine Strategie die von manchen Völkern auch sehr gerne in Schlachten ausgeführt wurde. Überfallsartige Angriffe, gefolgt von schnellen Rückzügen. So sehr er sich daher auch bemühte, er konnte vorerst keinen Vorteil für sich aus dem Beginn des Kampfes ziehen.


    "Du kämpfst nicht schlecht."


    Nun versuchte er den Spieß umzudrehen und ging in die Offensive über. Vielleicht überraschte es sie ja, wenn nicht sie es war, die den Angriff ausführte sondern wenn sie in die Rolle des Verteidigers gedrängt wurde. Er wandte sich kurz von ihr ab, als brauchte er eine pause, um dann plötzlich schnellen und leichten Schrittes auf sie zuzustürmen. Im letzten Moment hob er das Schwert und ließ einige Paraden folgen, die wuchtig auf die Amazone niederprasselten.

  • Nickend nahm sie das Kompliment, wenn man die Anerkennung ihrer Kampfkunst denn so nennen konnte, entgegen. Nun drehte der Mann den Spieß um und griff seinerseits an. Seine Hiebe waren um einiges wuchtiger und kraftvoller als die ihren. Sie musste viel Kraft aufwenden um die Angriffe entsprechend zu blocken. Er schlug kraftvoll und präzise so wie man es von einem Soldaten erwarten würde. Es war ein ausgeglichener Kampf. Keiner schenkte dem anderen etwas. Ein Sieg musste redlich verdient werden.
    Natürlich kannte sie die Rolle der Defensive auch, aber hier fühlte sie sich deutlich unwohler. Sie blockte seine Schläge ab und als sie nun einen neuerlich Hieb abblockte drehte sie sich seitlich um ihren Gegner herum, so dass sie in seinem Rücken stand. Hier war sie nun also den Chance, ihren Gegner zu schlagen ihn niederzustrecken, zu besiegen. Sie hob der Galdius um den finalen Schlag auszuführen.... ihre Gedanken überschlugen sich. Sollte sie den Kampf beenden als Siegerin und sterben oder wollte sie leben? Hin und her überlegte sie und so zögerte sie und hielt für einen Moment in der Bewegung inne, so dass sie auch vollkommen ungedeckt da stand.

  • So sehr sich der Iunier auch bemühte mehr Wucht in seine Schwerthiebe zu bringen, seine Gegnerin schaffte es jeden davon abzublocken. Als der anfängliche Adrenalinschub des Angriffs wieder allmählich nachließ merkte Silanus auch recht bald, dass seine Kräfte aufgrund der Anstrengung nach ließen und seine Schläge nicht mehr ganz soviel Druck auf seine Gegnerin ausübten wie eigentlich gewollt. So kam er also nicht an sein Ziel. Gerade als er den letzten Hieb von oben herab ausführen wollte passierte jedoch etwas unerwartetes. Was bei allen Göttern war passiert? Hiera blockte gekonnt den letzten wuchtigen Hieb ab und vollführte eine fast graziöse und anmutig wirkende Bewegung zur Seite. Der Hieb seines Schwertes glitt indessen von ihrem Gladius ab und wurde von der Schwerkraft weiter in Richtung Boden gezogen, was ihm kurz ein Übergewicht nach vorne einbrachte. Seine Gegnerin war plötzlich aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. Kampferfahren genug spürte er jedoch, dass sie sich nicht wie zuvor zurückgezogen hatte, sondern immer noch in seiner unmittelbaren Umgebung aufhielt. Mit Mühe brachte er sich wieder ins Gleichgewicht zurück und bemerkte dabei, dass Hiera hinter ihm stand und zum Gegenschlag ausgeholt hatte. Das sie bereits genügend Zeit gehabt hatte um kurzen Prozess mit ihm machen war ihm in dieser Situation nicht bewusst, denn er hatte ihr zögern nicht bemerkt. Er wusste intuitiv, dass keine Zeit mehr über blieb um sein Schwert zu einem Block zu heben und sich gleichzeitig in ihre Richtung zu drehen. Der Versuch wäre kläglich gescheitert. Stattdessen ging er in die Knie, drehte schwungvoll seinen Körper und federte sich mit der rechten Schulter voran wuchtig in die Magengegend seiner Gegnerin, was Hiera rücklings zu Boden riss. Der Iunier landete ebenfalls ziemlich unsanft mit Kopf und Schulter voran auf ihr und ihrer Rüstung.

  • War es nun Überlebenswille oder göttliche Fügung die sie hatte zögern lassen? Sie kam nicht dazu darüber nachzudenken, denn schon im nächsten Augenblick wurde sie wuchtig in der Magengegend getroffen und von den Beinen gehoben. Unsanft landete sie im Staub und er Mann auf ihr. Beides in Kombination nahm ihr für einen Moment die Luft zum atmen. Dann kam auch noch die Erkenntnis hinzu, dass sie wohl verloren hatte.


    Der Mann schälte sich von ihr herunter und blickte auf sie herab. Hiera selbst schloss für einen Moment die Augen auch um jene Unsicherheit, die sich nun in ihr ausbreitete zu verbergen. Dann erhob auch sie sich. Das Gladius lag immer noch im festen Griff in ihrer Hand. Sie stellte sich dem Mann gegenüber auf und sah ihn einen Moment schweigend an. Einmal noch tief ein und ausgeatmet, dann beugte sie in der Art eines Krieger das Knie vor ihm. Das Gladius lag nun in beiden Händen, der Kopf wurde gesenkt.
    Leise aber mit fester Stimme sagte sie. „Nach der Sitte meines Volkes, gehört mein Schwert und mein Leben von heute an dir. Ich beuge mich dem Willen der Göttin und unterwerfe mich, ich werde dir gemäß der Tradition treu und bedingungslos dienen bis in den Tod.“ Das Gladius welches flach auf ihren Händen lag wurde nun über den Gesenkten Kopf gehoben, so dass der Mann nur zugreifen musste um anzunehmen, was ihm dargeboten wurde.

  • Nachdem sie beide auf den Boden gelandet waren ging alles recht schnell. Während Silanus sich noch erhob und den Staub von seiner Tunika abklopfte, davon ausgehend, dass Kampf nach dieser kurzen Unterbrechung weitergehen würde richtete sich auch Hiera wieder auf. Auch sie hatte ihr Gladius noch nicht aus der Hand gelegt und trat ihm nun erneut gegenüber, was den Iunier noch mehr in der Annahme bestärkte, sie würde auf eine zweite Runde pochen. Doch stattdessen sank sie plötzlich auf ihr Knie, senkte den Kopf und hielt ihm das Schwert entgegen. Er hatte gewonnen? Verdutzt sah er im ersten Moment auf sie herab. Hatte er denn tatsächlich gewonnen? Natürlich hatte er sie von den Beinen gehoben und zu Fall gebracht. Aber dies war kein Faustkampf gewesen. Und was war in dem kurzen Moment passiert, als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war? Hatte sie da gezögert oder war sie tatsächlich nicht schnell genug gewesen, den entscheidenden Hieb anzudeuten. Während er ihren Worten lauschte verflogen diese Gedanken auch recht schnell wieder. Sie sagt er hatte gewonnen, also hatte er auch gewonnen. Doch wie sollte es nun weiter gehen. Sie wollte ihn bedingungslos und Treu bis in den Tod dienen. Doch was würden die Präfekten oder der Trecenarius sagen wenn sie herausfanden, dass er eine gefangene Amazone bei sich aufnahm, anstatt sie Hinrichten zu lassen? Irgendwie hatte er sich von seiner Neugierde verleiten lassen und die ganze Sache war von Anfang an nicht wirklich durchdacht gewesen. Doch er hatte der Amazone sein Wort gegeben und dieses galt es nun auch zu halten. Er nahm daher das Schwert entgegen.


    "Steh wieder auf. Dir ist klar, dass du dem Tod nur entgehen kannst wenn du das gleiche Schicksal wie Varia akzeptierst und deiner Versklavung zustimmst? Du kannst mir dienen. Allerdings nur als meine Sklavin und auch nur dann sind unsere Chancen nicht groß, dass ich dich hier wieder Lebend und unbehelligt heraus bekomme. Du wirst mir bedingungslos dienen hast du gesagt. Ich hoffe du hast das nicht nur so daher gesagt. Das wird auch nötig sein."

  • Es dauerte einen Moment, bis er das Schwert und damit auch ihren Schwur entgegen nahm. Erst als er sie dazu aufforderte erhob sie sich und lauschte seinen Worten. Sie brauchte einen Moment um zu begreifen, um es für sich selbst auch zu verstehen, dass von nun an ein Mann über ihr Leben bestimmen würde. Sie hob ihren Blick nach einer Weile und sah den Tribun mit festem Blick an. „Bedingungslos, ja das sagte ich.“ Antwortete sie im ruhig kontrollierten Tonfall. „Wenn du sagst, ich bin eine Sklavin, dann bin ich dies. Wenn du sagst mein Tod ist nötig, musst du ihn nur befehlen und ich erledige das selbst.“ Sagte sie mit gelassen wirkender Stimme und offenbarte damit auch, dass sie sich tatsächlich selbst richten würde, wenn er es befehlen würde. In ihrem Blick jedoch lag etwas Unsicherheit. Dies war aber nur der Situation geschuldet, denn sich einem Mann unterzuordnen war ihr fremd, etwas an das sie sich würde gewöhnen müssen. Leiser fügte sie noch hinzu. „Es ist nicht nur dahin gesagt. Dieser Schwur gehört zu unseren Traditionen. Einmal gesprochen, kann er nicht gebrochen werden. Du sagtest vorhin, dass ich vielleicht die Letzte bin. Ich habe nicht vor als Letzte die Traditionen zu brechen. Sollten sie mit mir sterben, dann so wie sie seit Generationen gelebt werden.“ Dieses Mal war ihr Blick fest und sicher. Sie hatte wirklich nicht vor mit den Traditionen zu brechen. Sie würde sie dem Willen der Göttin beugen und diesem Mann treu dienen. Was auch immer das ihr bringen würde... vielleicht ja doch schon den baldigen Tod?

  • Er war im Laufe seines Lebens viel herum gekommen, doch eine solch ungewöhnliche Frau hatte Silanus zuvor noch nie getroffen. Sie war noch ein halbes Kind und doch konnte sie kämpfen wie jeder erfahrene Miles seiner Kohorte und sie besaß wohl eine unglaubliche Willensstärke und ein selbstsicheres Auftreten, dass für eine gleichaltrige Römerin vollkommen untypisch war. Dazu noch ihr Aussehen und ihr ganzes Gehabe. Unter ihrer Rüstung steckte zweifellos der Körper einer nicht unhübschen jungen Frau, doch sie hatte nichts weibliches an sich. Das lag jedoch nicht nur an ihrem drahtigen, ja fast athletischen Körperbau und ihrer kriegerischen Aufmachung, sondern auch in ihrem Benehmen stand sie einem Mann in nichts nach.


    "Dann Hiera höre das Urteil, welches ich im Namen des Kaisers über dich vollstrecke. Unseren Gesetzen nach wirst du ab dem heutigen Tag keine frei freie Frau mehr sein, sondern eine Sklavin. Dein Herr hat das Recht über dein Leben und deinen Tod zu bestimmen. Wenn du Geld verdienst, gehört dies deinem Herrn. Du darfst keine persönlichen Besitztümer mehr haben und alles was du jetzt besitzt geht auf deinen Herrn über.


    Ich frage dich daher erneut. Akzeptierst du dieses Schicksal?"

  • Sie hörte seine Worte und das über sie nun gesprochene Urteil. Ruhig und regungslos wie schon zuvor im Kerker, als er ihr das Todesurteil überbrachte nahm sie die Worte auf. Ihr Blick ruhe auf dem Mann. Ja sie strahlte eine für diese Situation unglaubliche Ruhe aus.
    Sie machte in Gedanken gerade ihren Frieden mit der neuen Situation, sie würde nun also fortan unter diesen Mann leben und ihm dienen.
    Sie nickte und senkte so wie sie es in den letzten Wochen oft bei den römischen Sklaven beobachtete hatte das Haupt. Jene Geste die normalerweise Unterwürfigkeit zeigte, wirkte bei ihr ob ihre stolzen Haltung wenig unterwürfig. „Ja Herr ich akzeptiere das du von nun an über mich, mein Leben und meinen Besitzt bestimmst.“ Sagte sie und stellte jedoch auch gleichzeitig damit klar, dass sie nur ihn als ihren Herren akzeptieren würde. Er war es, dem sie ihren Schwur geleistet hatte, also würde sie ihm dienen.

  • Auch während des Kampfes hatte Licinus geschwiegen, hatte schweigend zugehört, wie die Bedingungen augehandelt wurde. Er hatte gesehen, wie die Frau gekämpft hatte. Ernsthaft gekämpft ob wohl ihr bei einem Sieg nur der Tod als Belohnung winkte. Ein Mensch, der so ernsthaft zu ihren Prinzipien stand, dass sie lieber starb, als sie preizugeben war beeindruckend.
    Allerdings hatte er auch das zögern gesehen. War sie wirklich nur kurz desorientiert gewesen. Oder hatte ihr Überlebensinstinkt doch noch die Oberhand gewonnen? An eine Finte glaubte Licinus nicht. Da war etwas an ihrer Art, was ihn von ihrer Gelöbnistreue überzeugte. Er konnte es nicht einordnen, meinte aber, es schon mal erlebt zu haben.


    "Also Sklaverei, keine Hinrichtung." Diese Feststellung waren Licinus erste Worte nach einer langen Zeit des Beobachtens. Ein angedeutetes Nicken versicherte, dass er diese Lösung gut hieß und unterstützte.
    "Ich gebe zu, ich bin beeindruckt." sagte er unbestimmt in den Freiraum zwischen den Kontrahenten. In der folge präzisierte er:
    "Auch von dir Iunius. Du warst entweder nicht immer Stabsoffizier oder hattest einen privaten Fechtmeister, der wirklich was von seinem Handwerk verstand."
    Für einen Berufssoldaten eine sicherlich bedeutsame Feststellung und der Iunier hatte gerade einen großen Schritt darin gemacht, sich Licinus Respekt zu verdienen.

  • Die akzeptierte diesen Handel also, der ihr Leben verschonte, sie aber in die Sklaverei zwang. Dann meldete sich auch der neue Princeps Praetorii zu Wort, der das ganze von Anfang an wortlos verfolgt und dem Tribun nur ab und zu einen skeptischen Blick zugeworfen hatte. Während der Iunier die beiden Schwerter wieder zurück auf den Schwertständer legte, wandte er sich an den Iulier.


    "Ja Sklaverei. Sofern ich die beiden Präfekten davon überzeugen kann. Der Trecenarius wird gewiss energischen Einspruch dagegen erheben, soweit ich ihn bisher kennengelernt habe und auch einschätze. Es bleibt mir also nur die Präfekten davon zu überzeugen, dass ich meine neue Sklavin unter Kontrolle habe und sich keine zweite Varia erheben wird. Den Tod hätte sie nicht verdient. Sie hat schließlich nichts getan."


    Der Iunier lehnte sich weit aus dem Fenster. Er kannte die Einstellung des neuen Stabsoffiziers nicht. Wäre er ähnlich gestrickt wie der Tiberier, mit dem er ja gemeinsam in Germanien gedient hatte, würde er das Handeln des Tribuns wohl anders beurteilen, als es Silanus um Moment tat. Dennoch wollte der Iunier hier klar seine Einstellung zu solchen Dingen aufzeigen und eine Grenze ziehen. Er erwartete auch keine Antwort darauf, sondern sprach gleich weiter das Kompliment an, dass der Iulier auch ihm aussprach, nachdem er es zuvor Hiera gegenüber getan hatte.


    "Ich danke dir Iulius. Deine zweite Annahme stimmt. Ich war tatsächlich immer Stabsoffizier, allerdings habe ich es nie gescheut mir die besten Kämpfer meiner Einheit herauszusuchen und mich von ihnen in einem privaten Rahmen unterweisen zu lassen. So wie es aussieht ist das nun nicht mehr notwendig. Nun habe ich eine private Lehrmeisterin, von der selbst ich noch einiges lernen kann."


    Dabei sah er wieder zu Hiera und nickte ihr ebenso anerkennend zu.

  • Sie verfolgte natürlich das Gespräch der beiden Männer und auch jene Situation war vollkommen neue. Männer die sich in ihrer Anwesenheit über sie unterhielten, so als wäre sie gar nicht da. Etwas an was sie sich wohl gewöhnen musste. Am liebsten hättet sie jedoch protestiert, denn natürlich war sie wie Varia. So wie diese vor Rom gewesen war. Immer noch hatte Hiera nicht verstanden, was mit ihrem Vorbild und Idol hier passiert sein musste, damit sie sich erhob. Gegen Rom und scheinbar auch gegen die Traditionen und die Göttin.
    Aber in einem Punkt hatte er recht sie würde sich nicht über wie Varia erheben, sie würde den Traditionen folgen und ihren Schwur halten.
    Während die Männer nun also sprachen schüttelte sie die Arme aus. Die kraftvollen Schläge die sie hatte abblocken müssen hatte natürlich auch ihre Muskeln über die Gebühr beansprucht. Dieses leichte Lockern der Muskeln tat nun gut. Und so langsam zerrte auch der lange Tag an ihr. Immerhin war das hier nun heute schon der vierte Kampf den sie absolviert hatte. Drei davon hatte sie immerhin für sich entscheiden könne. 'Willst du überleben musst du jeden Kampf gewinnen.' Hatte ihre Ausbilderin einst gesagt. Wie unrecht sie doch hatte. Scheinbar musste man auch manche Kämpfe verlieren, um zu leben. Sie sah nun wieder auf und zwischen den beiden Männern hin und her.
    Sie war unsicher, wusste nicht so recht was und ob sie was sagen sollte oder durfte. Jetzt mit der Unsicherheit konnte man ihr wohl auch ihre Jugend ansehen.
    Sagte er gerade, dass sie ihn trainieren sollte? Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie würde also vielleicht doch noch die Gelegenheit bekommen, ihn in den Staub zu schicken. So nickte sie auch zurück.
    Ja sie hatte verstanden, dass über ihr Schicksal noch nicht endgültig entschieden war. Dies konnte wohl scheinbar auch noch dauern, weil es es wohl noch von anderen Männer abhängig war.
    „Herr?“ Fragte sie schließlich mit leiser Stimme. „Ist es möglich, dass bis eine endgültige Entscheidung getroffen ist über mich, dass ich mich etwas ausruhen kann?“ Man sah wohl nun auch, dass sie sichtlich erschöpft und müde war.

  • "Du aber, Römer, gedenke die Völker der Welt zu beherrschen. Darin liegt deine Kunst, und schaffe Gesittung und Frieden. Schone die Unterworfnen und ringe die Trotzigen nieder" zitierte Licinus aus der Aeneis, dem Gründungsmythos Roms leise. In all den Jahren, die er nun diesem Staat diente, war das der Punkt, an dem er Idealist geblieben war. Vielleicht war es sogar so, dass diese Worte gewissermaßen sinnstiftend für seinen Dienst waren.
    "Nun, ich sehe das ähnlich wie du, Iunius.
    Hiera, du hast dich nach den Traditionen deines Volkes dem tribunus unterworfen. Also verlangt unsere eigene Tradition, dass wir dich nicht hinrichten."

    Er würde die Entscheidung des tribunus im Rahmen seiner Möglichkeiten stützen.


    Die andere Seite der Medaille, und er hoffte, dass das jedem der Anwesenden klar war, war aber, dass Hiera sterben musste, sobald sie aufmüpfig wurde. Einen neuen Aufstand konnten sie nicht riskieren. Allerdings war Licinus von der Ernsthaftigkeit ihres Schwures überzeugt.


    "Da ist vermutlich viel wahres dran. Nun, ich selbst bin zu alt, um neue Kampfzüge zu lernen." Licinus war sich schmerzhaft bewusst, dass seine Reaktionsschnelligkeit nachließ. Sein fehlerhaftes Gehör auf der rechten Seite war eine stetige Erinnerung daran. Auch seine Kraft ließ vermutlich bereits nach, auch wenn er das noch auf mangelndes Training schieben konnte. "Dennoch, und deine Erlaubnis vorausgesetzt, tribunus." Mit diesen Worten wechselte seine Aufmerksamkeit von dem Iunier zu seiner Kontrahentin hinüber. "Ich würde mich gerne nochmal mit Hiera unterhalten. Kein Verhör und nichts dringendes. Ich würde tatsächlich einfach gerne mehr über dein Volk erfahren. Aber das hat Zeit, bis du dich erholt hast."
    Es war etwas, was sich in Germania ergeben hatte. Licinus hatte angefangen sich für die Völker innerhalb des Imperiums zu interessieren und so etwas wie die Themiskyrer war ihm noch nicht untergekommen. Daher war seine Neugierde entfacht.

  • Nun da der zweite Mann sie direkt ansprach wandte sie ihm ihren Blick zu. Er eröffnet ihr, dass sie nah den Traditionen der Römer aufgrund ihrer Unterwerfung nicht sterben musste. Sie kante jene Tradition der Römer nicht, respektierte sie aber. Traditionen waren doch die Seele eines Volkes, verriet man sie, verriet man sein ganzes Volk.
    Als er sagte, das er zu alt sein um zu lernen, husche ein Lächeln über ihr Gesicht. Ja der Mann war wohl um ein vielfaches älter als sie, aber war man jemals zu alt um etwas zu lernen? Natürlich sagte sie nicht dergleichen. Sondern entbot ihm den Gruß einer Kriegerin, in dem sie ihre rechte Hand zur Faust formt und diese unterhalb ihrer linken Schulter platzierte, dass Ganze verbunden mit einem kurzen respektvollen nicken. Sie würde wohl normalerweise auch eben jenem Iunius – so hieß ihr Herr also – eine solchen Gruß entgegenbringen, doch stand ihr das nicht mehr zu und es war auch in ihren Augen nicht nötig, denn ihn hatte sie als Kämpfer geehrt indem sie sich ihm ob des Sieges unterworfen hatte.
    „So mein Herr denn zustimmt, beantworte ich dir deine Fragen.“ sagte sie. Ja sie hatte nicht dagegen ihm seien Fragen ob nun Verhör oder nicht zu beantworten. Doch sie würde dies nur tun wenn sie die Erlaubnis dazu bekommen würde.
    Ihr Blick glitt an ihr herab und plötzlich wurde ihr etwas bewusst, römische Sklaven hatten sich entsprechend zu kleiden „Mein Rüstung werde ich wohl nicht mehr tragen dürfen?“ Fragte sie und meinte damit eben je Rüstung, die sie am Leib trug. „Ich hoffe nur, dass ich nicht so etwas lächerliches wie bei dem Kampf in der Villa anziehen muss.“ Sagte sie leise vor sich hin und innerlich schüttelte es sie beim Gedanken an diese komische Rüstung die sie tragen musste, die wohl mehr einen optischen Nutzen als denn einen praktischen gehabt hatte.

  • "Ich werde sie einmal vorerst mit in den Domus Iunia nehmen. Dort kann sie sich frisch machen und ausruhen. Du kannst in den nächsten Tagen gerne vorbei kommen und mit ihr ein Gespräch führen. Von der Castra würde ich sie vorerst gerne fern halten, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden."


    Dann wandte sich Silanus zu seiner neuen Sklavin. Da sie bei der Verhaftung nichts bei sich trug und soweit er gesehen hatte auch nichts in ihrer Zelle zurückgelassen hatte, konnten sie eigentlich gleich aufbrechen. Schließlich wollte er nicht auf den Trecenarius treffen. Eine Unterredung war unvermeidlich, aber das musste nicht in Anwesenheit der Amazone geschehen. Auch der Iulier hatte vollkommen anders auf die Entscheidung des Tribuns reagiert, als von Silanus eigentlich erwartet und so stand einem sofortigen Aufbruch eigentlich nichts mehr im Wege. Dennoch wollte er sich noch einmal bei Hiera vergewissern.


    "Ich würde lieber gleich aufbrechen bevor wir dem Mann in die Arme laufen, der deine Verhaftung angeordnet hat. Können wir gehen?"

  • Ähm. Hiera sah den Mann, der nun ihr Herr war, verdattert an. Fragte er sich tatsächlich? Für ihn war die Situation also genau so unwirklich wie für sie selbst. Ein einfacher Befehl hätte es auch getan und wenn sie ehrlich war, würde sie gerade nichts lieber tun als hier zu verschwinden. Sie hatte sich ja schon tagelang in der Zelle schmoren sehen.
    So nickte sie dem Mann zu und antwortete kühl. „Ja natürlich.“ Das nichts lieber als das, fügte sie natürlich nur in Gedanken an. Sie gab nur ungern ihre wahren Gefühle preis. Dies war etwas, was sie von Varia gelernt hatte. Zeige niemals was du wirklich fühlst. Gefühle sind etwas was man gegen dich verwenden kann. Und so versuchet sie natürlich immer ihre wahren Gefühle zu verbergen so wie gerade die Erleichterung darüber, dass sie diesen Ort lebend und so schnell verlassen konnte.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!