• Die Fremdenmärkte waren größer als alles, was Lucius jemals kennen gelernt hatte - sie kamen ihm sogar noch chaotischer und ausgedehnter vor als die Trajansmärkte in Rom. Vor allem wahrscheinlich, weil hier in allen Sprachen des Ostens gefeilscht und verhandelt wurde und der junge Petronier schon Mühe mit dem Griechischen hatte, das hier die Standardsprache der Bevölkerung war. Das und die Menschenmassen, die sich hier zwischen Basarständen, Bretterbuden und Einkaufszeilen tummelten, machte es für den Subpräfekten irgendwie unangenehm, hier zu sein. Aber irgendwie war er doch auch neugierig gewesen, was es hier in der Hauptstadt des römischen Ostens so alles zu kaufen gab.


    Und so schob auch er sich durch Menschen aller Herren Länder, deren unterschiedliche Hautfarben Lucius die Frage aufkommen ließen, warum Nubier schwarz, Ägypter braun, Griechen bronzefarben und er selbst käseweiß (beziehungsweise rot) war - ob es was mit der Sonne zu tun hatte, die hier so unbarmherzig brannte? Aber am Ende konnte er auch keine Antwort deduzieren, obwohl es ja heißer wurde, je südlicher man ging und die Erklärung somit durchaus logisch war.

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  • Als er so die Stände betrachtete - natürlich möglichst unauffällig, denn er hasste es angesprochen zu werden - blieb er bei einem Gemmenhändler stehen, da die Sonne sich in interessanter Weise in den Steinen reflektierte. Sofort war der Besitzer des Standes - ein dicker, bärtiger Mann mit einem Griechisch, das seine phönizische Herkunft nicht verstecken konnte - bei ihm:
    "Junger Herr, womit kann ich Euch dienen?"
    "Mit nichts."
    antwortete Lucius genervt, doch von so einer knappen Antwort ließ der Händler sich natürlich nicht abhalten:
    "Seht es Euch genau an, junger Herr! Heute und nur heute habe ich besonders edle Gemmen - seht sie Euch nur genau an! Sie sind hervorragend geeignet für einen Schmuckanhänger für die liebe Frau daheim!"
    "Ich bin Soldat!"
    erwiderte der Petronier wie aus dem Bogen geschossen - er fand Schmuck eigentlich nutzlos und vor allem, wenn man ihn seiner Frau schenkte. Trotzdem sah er sich die Auslagen nun etwas genauer an - Gemmen mit eingeschliffenen Bildern hatte er noch nie gesehen!
    Entsprechend war auch der Händler noch immer nicht abgeschreckt, sondern versuchte es weiter:
    "Keine Frau? Oder die liebe Frau Mama zu Haus?"
    "Meine Mutter ist tot."
    "Oh, das tut mir leid! Sie war sicher eine sehr glückliche Frau."
    "Halt den Mund."
    gab Lucius endlich genervt zurück - wenn er sich etwas sparen konnte, dann die aufgesetzte Totenklage eines Mannes, der seine geliebte Mutter nie auch nur entfernt gesehen hatte. Einen Moment schwieg der Händler tatsächlich etwas befangen, aber dann fing er wieder an:
    "Ich sehe noch gar keinen Ring an Eurem Finger. Habt ihr schon einen Siegelring? Gemmen ergeben wunderbare Siegel!"
    Das war nun wirklich etwas, was die Aufmerksamkeit des jungen Offiziers erweckte - der Alte hatte sich vor Jahrzehnten einmal ein ziemlich schlichtes und einfallsloses Siegel machen lassen: Sein Name im Kreis, in der Mitte nichts. Dieses Siegel würde er auch niemals führen können - immerhin konnte er schlecht als M. Petronius Crispus siegeln und aus einem M ließ sich nur schwer ein L machen.
    Aber andererseits: Was nützte ein Siegel? Er konnte seine Briefe und Meldungen genauso gut mit der Unterschrift versehen...
    Scheinbar las der Händler Gedanken, denn er fuhr sofort fort:
    "Ein junger Offizier sollte unbedingt ein eigenes Siegel führen! Denkt nur an die zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten: Das Verschließen von vertraulichen Briefen und Berichten, die Beglaubigung von Dokumenten, von Verträgen - wer weiß, wann Ihr von Eurem Gehalt ein neues Landgut kaufen könnt? Oder - die Unsterblichen mögen es verhüten - wenn Ihr das Zeitliche segnet - ein Testament ohne Siegel ist doch kein richtiges Testament!"
    Der junge Petronier rieb sich nachdenklich das Kinn. Was der Händler da sagte, war tatsächlich nicht ganz falsch - ob er mit oder ohne Siegel an den Alten schrieb, war wahrscheinlich egal, aber vielleicht musste er einmal vertrauliche Berichte für den Präfekten abliefern. Oder Verträge - er wollte ja nicht ewig vom Alten abhängig sein und nur der Scheinbesitzer eines verfluchten Fleckchens Erde am Ende des Imperiums bleiben!
    "Gibt es ein Familienwappen? Ein Tier? Eine Gottheit? Ich habe hier einen wunderbaren blauen Stein mit einem Neptunus - Ihr seid doch bei der Flotte, nicht oder?"
    Lucius zuckte mit den Schultern - wie hatte er das nun wieder herausgefunden? Er trug doch einen Mantel, der immerhin die Temperaturen über Körperhitze ein wenig abhielten und nur einen Cingulum Militare, der ihn allgemein als Soldaten auswies.
    "Äh - ja. Aber keine Götter."
    Wenn er die Götter nicht verehrte und eigentlich auch nicht recht an sie glaubte, brauchte er ihre Abbilder auch nicht unter seine Briefe zu setzen!
    "Keine Götter? Was ist mit einer schönen Pflanze - du stammst doch nicht von hier! Woher stammt deine Familie?"
    "Aus Hispania Tarraconensis."
    antwortete Lucius mechanisch.
    "Na in Hispania wachsen doch auch Palmen, nicht oder?"
    Der Petronier zuckte mit den Schultern - er hatte gehofft, im Rahmen seines Militärdienstes einmal nach Hispania zu kommen - über die Vegetationsverhältnisse konnte er also nichts sagen... außerdem fand er Pflanzen irgendwie... langweilig... Knapp sagte er daher:
    "Keine Pflanzen."
    "Keine Pflanzen? Die Palme in diesem grünen Stein wäre aber... naja, Ihr seid der Kunde! Wie ist es mit Tieren? Der hispanische Stier? Das sagt man doch, oder?"
    Der hispanische Stier war tatsächlich sogar Lucius ein Begriff - der Alte hatte ja ursprünglich auch bei der Legio IX Hispanica gedient, die den Stier als Emblem hatte. Auch die Beinschienen, die er von ihm geerbt hatte, waren mit Stierköpfen verziert. Das hatte aber auch zur Folge, dass er den Stier mit den ewigen, langatmigen Veteranengeschichten seines Vaters assoziierte - nicht unbedingt das, was er zu seinem Emblem machen wollte. Auch das schien der Händler zu ahnen, denn er ging einfach weiter:
    "Versuchen wir es von der anderen Seite: Was mögt Ihr gern? Habt Ihr ein Lieblingstier? Eine Lieblingsgotth- ach, nein, verzeiht!"
    "Kein Lieblingstier."
    erwiderte Lucius wieder recht einsilbig - es war auch völlig irrational, ein Lieblingstier zu haben, das man nicht selbst besaß. Er hatte einmal gehört, dass viele Ägypter Katzen hatten - aber wenn man keinen Getreidespeicher besaß, war es unlogisch, sich diese Viecher zu halten.
    Nun runzelte der Händler die Stirn und blickte verwirrt drein.
    "Kein Lieblingstier? Vielleicht eine besondere Eigenschaft?"
    Jetzt war es an Lucius die Stirn zu runzeln, was ihn schmerzhaft daran erinnerte, dass die Haut dort immer noch gerötet und irgendwie gespannt war. Bei jeder Regung der Gesichtsmuskeln brannte es und fühlte sich an, als würde die Haut entlang der Furchen aufreißen.
    Das lenkte ihn auch kurz vom Überlegen ab - was hatte er für besondere Eigenschaften? Naja, es gab schon ein paar Dinge, die ihm auffielen:
    "Ich bin sehr rational."
    "Oh, ein Philosoph! Wie wäre es mit einem Philosophen? Ich hätte hier einen roten Stein mit einem Bild von Sokr- Wer ist dein Lieblingsphilosoph?"
    Diese Frage war sehr leicht zu beantworten - der einzige Philosoph, dessen Schriften der junge Petronier besaß:
    "Euklid!"
    Ganz kurz verdrehte der Händler die Augen, um dann wieder ein gewinnendes Lächeln aufzusetzen:
    "Euklid? Heute ist dein Glückstag, junger Herr! Ich habe einen roten Stein mit dem Profil des Euklid im Angebot! Nur heute und nur ein Exemplar!"
    Seine Finger fuhren über die Auslagen und hielten schließlich einen ovalen, rot schimmernden Stein vor Lucius' Augen. Der junge Petronier nahm ihn und hielt ihn ins Licht - das Bild zeigte einen Glatzkopf mit einem gewitzten Blick und einem Bart. Er drehte ihn hin und her, sodass das Licht sich unterschiedlich in dem Glas brach.
    [SIZE=7]"Passt auch hervorragend zu Eurer Hautfarbe..."[/SIZE]
    murmelte der Händler, aber Lucius hörte es nicht - zu fasziniert war er von der Entdeckung eines originalgetreuen Abbild Euklids.
    "Und so sah er wirklich aus? Ganz schön... naja, glatzköpfig. Ich hatte ihn mir immer ein bisschen anders vorgestellt..."
    "Jaja, die Philosophen sind ja große Denker, nicht oder? Da gehen einem schonmal die Haare aus, nicht oder?"
    Der Subpräfekt blickte den Händler ungläubig an - vom Nachdenken bekam man Haarausfall? Und überhaupt - woher sollte er wissen, dass das hier wirklich das Abbild Euklids war? Er war dem großen Philosophen ja leider nie begegnet...
    "Und woher hast du die Gemme? Oder woher weißt du, dass das wirklich sein Bild ist?"
    Diesmal musste der Händler kurz nach einer Antwort ringen, bevor er - umso schneller plappernd - eine Erklärung parat hatte:
    "Woher weißt du, dass der Kaiser einen Bart und eine Glatze hat? Jemand hat ihn portraitiert natürlich! Die Gemme stammt aus... Achaia... aus der Heimatstadt von Euklid, nicht oder?"
    "Euklid stammt doch aus Alexandria!"
    warf Lucius ein, der langsam das Gefühl hatte, der Händler legte ihn herein, doch der beeilte sich, seine Aussage zu korrigieren:
    "Alexandria, ja natürlich! Hatte ich Achaia gesagt? Ich meinte natürlich Alexandria, gleich hier aus der Stadt! Da wird das Andenken solcher großer Philosophen natürlich gepflegt und man merkt sich auch, wie sie aussahen!"
    "Im Museion?"
    "Aber sicher doch im Museion, genau!"
    Einen Moment überlegte Lucius - Euklid war seit mehreren Jahrhunderten tot, also hatte ihn wohl niemand persönlich getroffen. Andererseits hatte der Händler Recht - auch von Divus Augustus wusste jedes Kind, wie er ausgesehen hatte, weil es originalgetreue Statuen gab. Und selbst von noch älteren Römern - auf dem Forum Augustum standen ja die römischen Helden bis zurück zu Aeneas! Und Euklid war ja wirklich ein großer Gelehrter gewesen - wieso sollte ihn niemand portraitiert haben? Alexander der Große hatte zu einer ähnlichen Zeit gelebt und seine Statuen fand man hier in der Stadt an jeder Ecke!
    Folglich entschied der junge Petronier sich, die Behauptung des Händlers als rational und nachvollziehbar zu akzeptieren. Und ein Bild Euklids auf seinem Siegel zu haben - da war schon wirklich eine große Versuchung! Keine dämlichen Adler, Palmen, Götter oder sonstwas, sondern das reine Licht der Logik!
    "Hm, was kostet die Gemme denn?"
    Der Alte hatte ihm immer noch kein Geld geschickt, sodass die Ersparnisse langsam knapp wurden - andererseits stand die nächste Soldauszahlung auch bald wieder ins Haus...
    "Auch da habt Ihr heute Glück - die Tychen müssen Euch lieben! Denn obwohl eine Gemme mit dem echten, originalen Abbild des Euklid unglaublich selten ist - womöglich ist dieser Stein hier sogar das einzige Exemplar - und der Stein hochwertiges Glas, gefärbt mit feinstem Kupfer, bearbeitet von Alexandros, einem ausgemachten Meister seines Faches! Hochwertigste Gemmenschneiderei! Also für 250 Sesterzen gehört sie dir!"
    "250 Sesterzen?"
    Dem jungen Petronier entglitten die Züge - das war für einen jungen Offizier wie ihn doch eine ganze Stange Geld. Da konnte er sich ja fast ein Pferd davon kaufen!
    "Bedenkt die Feinheit der Arbeit! Der Stein ist ja recht klein und Ihr werdet sehen, dass das Abbild des So- Euklid wunderbar erkennbar ist! Wartet einen Moment!"
    Er umrundete kurz seinen Stand und kam dann mit einer Wachstafel wieder. Mit einem beherzten Schlag drückte er die Gemme in das Wachs. Als er sie wieder umständlich aus dem dank der Sonne recht weichen Material zog, konnte man tatsächlich deutlich - noch deutlicher als im Stein selbst - das Profil des Philosophen erkennen.
    "Seht, junger Herr! Eine so gutes Bild bekommt Ihr nirgends sonst! Und dazu ausgerechnet Euer Lieblingsphilosoph, bedenkt das nur!"
    Lucius war hin- und hergerissen - so viel Geld für so ein kleines Ding auszugeben war eigentlich irrational... zumal ein einfacheres Motiv ja auch reichen würde...
    "Bedenkt auch, dass das eine einmalige Anschaffung ist! Die Gemme ist praktisch unzerstörbar und Ihr könnt Sie an Eure Kinder und Enkel weitervererben! Noch in hundert Jahren wird man damit siegeln können!"
    Nachdenklich befasste der junge Petronier die klar fühlbaren Kanten auf dem Stein, den der Händler ihm wieder in die Hand gegeben hatte. Die Farbe war wirklich auch sehr schön - und wer konnte seine Briefe besser abschließen als der Lehrmeister der Mathematik? Und die Wahrscheinlichkeit, dass er anderswo eine günstigere Euklidgemme bekam, war ja tatsächlich nicht sehr hoch - wieso sonst hatte er wohl kaum je ein derartiges Siegel gesehen?
    Eine ganze Weile stand Lucius unschlüssig herum - irgendwie war es völlig unlogisch, das Ding zu kaufen. Aber irgendwie wollte er die Gemme haben...
    "Na, weil Ihr Soldat seid und unseren Berufsstand so tapfer vor Banditen beschützt, werde ich - und meine liebe Frau wird mich dafür ausschimpfen und ich werde am Ende noch bei dem Geschäft draufzahlen - Euch einen einmaligen Rabatt geben: Diese hochwertige Gemme für lächerliche 200 Sesterzen, wenn Ihr niemandem verratet, dass ich meine Produkte zu diesem Spottpreis weitergebe!"
    Der junge Petronier atmete noch einmal tief durch.
    "Na gut, 200 Sesterzen!"
    sagte er schließlich und schlug ein. Der Händler lächelte gelöst.
    "Eine hervorragende Entscheidung, junger Herr! Ihr werdet sehr zufrieden sein! Ich kann Euch auch einen Goldschmied empfehlen, der Euch die Gemme gern einfasst und vielleicht eine Umschrift anbringt."

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