• Kanobos (ägyptisch: Goldene Erde) ist eine uralte griechische Stadt an der Mündung des kanopischen Nilarms. Die Stadt wurde schon lange vor der Eroberung Ägyptens durch die Makedonier als griechischer Handelsstützpunkt gegründet. Der Sage nach war der Gründer der Stadt Menelaos, der mythische König von Sparta, welcher bei der Rückreise von Troja nach Griechenland hier strandete und den Ort nach Kanobos, seinen Steuermann, benannte, der hier begraben liegt und als Heros der Stadt gilt.


    Heute ist Kanobos vor allem als wichtige Pilgerstätte von Bedeutung. Denn hier steht eines der wichtigsten Heiligtümer des Osiris, welcher dort in Form des Serapis verehrt wird. Menschen aus der ganzen Provinz und darüber hinaus reisen hierher, um sich den Segen und die Hilfe des Gottes zu holen. Devotionalienverkauf, Wunderheilungen und Weissagungen sind ein äußerst lukratives Geschäft für den lokalen Priesterorden.


    Vor allem für die Römer gilt Kanobos als Inbegriff ägyptisch-griechischer Dekadenz. Die ganze Stadt ist voll von allen Arten von Amusementbetrieben. Tavernen, Lupanarien, Spielhöllen, Lustgärten, Palästen und allen möglichen anderen Stätten kurzweiligen Luxus und Vergnügens. Kanobos ist also ein beliebtes Ausflugsziel für jeden, der seine Freizeit gerne laut und extravagant genießt.

  • "Da liegt es vor uns, Kanobos", jauchzte Sermo, als er des Anblicks der Polis gewahr wurde. Er stand am Bug des schmalen Flussschiffes, das eine Ladung des reichsweit berühmten ägyptischen Leinens richtung Küste transportierte, und hatte den Horizont erwartungsvoll nach Anzeichen von Zivilisation abgesucht. Da endlich hatte er es gesehen, Kanobos - oder Kanopus, wie der Römer sagte - die Perle der luxuria, der Schwelgerei und Zügellosigkeit.


    [wrapimg=left]http://img130.imageshack.us/img130/7191/cleonjung.jpg[/wrapimg] "Sieht jetzt auch nicht unbedingt interessanter aus, als der Rest dieses versumpften Deltas", befand Cleon gelangweilt. Der Leibsklave des Quintiliers hatte seit dem Beginn ihrer Tätigkeit im nördlichen Delta vor Langeweile nur so gelitten. Hilfstruppen hier, Hilfstruppen da, Standlager hier drüben, Wachtürme da vorn, polierte Rüstungen überprüfen, undisziplinierte Milites auspeitschen lassen, Mücken, Sumpf, Nilschlamm, brüllende Hitze. Cleon fand diese ganze Unternehmung einfach nur zum würgen.
    "Bei Dionysos' Wanst, Cleon!" entsetzte Sermo sich. "Sei nicht so ein Hammel. Kanobos soll himmlisch sein. Schau doch nur, allein der Weg hierher ist poetisch." Begeistert sah Sermo seinen Sklaven an und begann dann zu rezitieren: "...Wo das glückliche Volk von Canopus, pelläischen Ursprungs, Längs dem vom Wellenerguß weitsumpfenden Nilus sich anbaut, Und um seine Gefild' hinfährt in bemaleten Bögen,..."
    Cleon guckte ihn nur an, ihm stand die Ahnungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. "Vergil, Mann", tadelte Sermo den Unwissenden und tippte ihm dabei an die Stirn. "Mit dir ist in derlei Hinsicht echt nichts anzufangen, glaube ich manchmal", jammerte der Quintilier dann hoffnungslos und sah wieder zur Stadt hinüber, deren Anblick sein Gemüt deutlich erhellte.


    "Denk nur, welche Freuden uns dort erwarten..."


    Und so war es. Nachdem sie einen obligatorischen Besuch des Osiris-Serapis-Tempels absolviert hatten, wandten Sermo und Cleon sich schleunigst den weltlichen Freuden der Stadt zu. Die Stadt trug nicht zu Unrecht den Namen "Goldene Erde". Nicht nur einmal wähnte Sermo sich auf goldenen Pflasterstraßen wandelnd. Überall fand er Reichtum und Luxus vor. Die Tage, die er dankenswerterweise vom Dienst freigestellt worden war, erfreute er sich bester Unterhaltung.
    Sermo klapperte sämtliche Hurenhäuser ab, ließ sich jeden Abend bei einem anderen Stadtoberen zum Bankett einladen, lustwandelte im vormittäglichen Sonnenschein in Begleitung verschiedenster junger Damen durch die Parks (sofern sein Kater ihm das zuließ). Cleon dagegen war tagsüber freigestellt. Sermo hatte keine Ahnung wo der Kerl sich umtrieb, aber er ging davon aus, dass der Sklave sein kleines Taschengeld in irgendwelchen Spielhöllen verprasste.


    Am letzten Tag ihres Aufenthaltes stand schließlich ein Jagdausflug an. Sermo war Feuer und Flamme. Cleon verfluchte seinen Herrn. Ein Jagdausflug. Ausgerechnet im Delta. Zwischen Papyruswäldern, Schilfstauden und Mückenschwärmen. Grandios...

  • [wrapimg=right]http://farm3.staticflickr.com/…74926539_6e3b61327f_m.jpg[/wrapimg]Leise glitten die Boote zwischen Papyrus und Schilf an Nilufer entlang. Sermo hockte in einem der traditionellen ägyptischen Papyrusboote, neben ihm Cleon. Ein Ägypter stakte das Boot voran. Hinter ihnen folgten zwei weitere Boote mit dem Rest der kleinen Jagdgesellschaft. Servius Favonius Veratius, ebenfalls begleitet von einem Leibsklaven, war ein aufstrebender Lokalpolitiker aus Kanobos, den der Quintilier auf einem Bankett kennen und schätzen gelernt hatte. Der andere Jagdkumpane war ein Grieche namens Nektários aus Demetrias, ein angeblicher Gelehrter, der aber offenbar mehr Zeit mit Saufen und Völlerei verbrachte als mit seinen Studien. Er war zudem ohne Begleitung gekommen, was gut war, denn er pflegte einen lästigen Jüngling mit sich herumzuschleppen, der seinen 'allwissenden Meister' anhimmelte und verehrte, wo immer es anderen Leuten auf die Nerven gehen konnte.


    Die Jäger waren mit Fischspeeren bewaffnet, mit denen sie ihre Beute direkt aus dem Wasser heraus fangen würden. Die Ägypter, die sie in einem nahegelegenen Dorf engagiert hatten, führten sie zu einem Platz, der angeblich besonders geeignet war, was Sermo jedoch für leeres Geschwätz hielt. Der Nil war voll von Getier, da war es sicherlich völlig gleich, ob sie nun an dieser oder jener Stelle auf Fischfang gingen. Dennoch, er ließ ihre Führer machen. Immerhin kannten die Männer den Nil wie ihre nicht vorhandene Westentasche.


    Der Nil. Dieser gewalte Fluss, der Ägypten überhaupt erst zu einem bewohnbaren Land machte, diese geheiligte Lebensader, führte in diesen Wochen Hochwasser. Die Nilschwemme war der Segen der Götter für diese Provinz und auch für Roms Getreideverbrauch. Die Flut würde dieses Jahr womöglich noch lange anhalten, hatten die Priester vorausgesagt. Man würde sehen. Sermo jedenfalls erfreute sich des Anblicks und war schon ganz aufgeregt. Zusätzlich zum Speer hatte er einen Bogen bei sich. Vielleicht ergab sich ja noch die Möglichkeit, eine Ente oder anderes Federvieh zu schießen, das sich am Fluss umtrieb, dann hätten sie ein prächtiges Abendmahl zu erwarten.


    [wrapimg=left]http://farm3.staticflickr.com/…65292219_97bae6096b_m.jpg[/wrapimg]Das Nildelta barg jedoch neben reichhaltigen Nahrungsquellen auch allerlei Gefahren. Nicht nur einmal schlichen sich die Boote geschmeidig in weitem Abstand an einer Nilpferdherde vorbei. Auch bekamen die Jäger nicht wenige der fürchterlich anzuschauenden Ungeheuer zu sehen, die man Krokodile nennt. Sermo hatte wahrlich Respekt vor diesen Viechern, deren Angriffsfähigkeiten er nicht zu Gesicht bekommen wollte.


    Es dauerte nicht lange, da meldete sich der Bootsmann endlich zu Wort. "'Ierr ist es. 'Ierr findet I'rr die besten Fische." Der Ägyper hatte einen fürchterlichen Akzent. Sermo blinzelte den Fischer an, dann warf er einen Blick auf die Wasseroberfläche. Glitzerte da bereits eine Rückenflosse im Wasser? Oder dort? Cleon zog in einer mimischen Glanzleistung des Desinteressierten die Augenbrauen hoch und wandte sich ab. Papyrusstauden wirkten offenbar anziehender auf ihn als sein zukünftiges Abendessen. Zudem erfreute den Sklaven die Aussicht auf Mückenstiche und diverse wesentlich tödlichere Querelen wie Krokodilattacken oder Schlangebisse nicht sonderlich, wobei er seit seinem Schiffbruch hinzukommend noch das Ertrinken fürchtete. Cleon war eine Schissbuxe und Sermo konnte seine Angst riechen. Hoffentlich traf das nicht auch auf die Fische zu.


    "Dann mal gutes Fischen", wünschte der Favonier breit grinsend, wobei er eine Reihe gut gepflegter Zähne zeigte. Der so gut Gelaunte hob bereits seinen Speer in die Luft und spähte nach leichter Beute, die aber offensichtlich noch etwas auf sich warten ließ. "Guten Fang", wünschte auch Nektários, der sich mit seinem Speer nicht ganz so geschickt anzustellen wusste wie der Favonier. Sermo verkniff sich einen spöttischen Kommentar und erwiderte statt dessen die Wünsche.


    "Ich hoffe ich kann auf deinen Segen zählen, fruchtbringender Nilus", sandte der Quintilier dem Flussgott ein Stoßgebet und richtete seinen Blick auf die Wasseroberfläche, den Speer stoßbereit. Doch nichts war zu erkennen. Natürlich nicht! Sermo blinzelte, ordnete seine Gedanken und schmunzelte dann. Sein Blick musste die Wasseroberfläche durchstoßen, die Bewegungen darunter erfassen, den Fisch spüren. Man durfte gespannt sein, ob das auch so klappte.



    Bildquelle 1
    Bildquelle 2

  • [wrapimg=right]http://upload.wikimedia.org/wi…20px-Tombof_Usheret01.jpg[/wrapimg]Und es klappte. Halbwegs zumindest. Sermo brauchte einige Versuche, bis es ihm gelang etwas anderes als Algen, Zweige und Schilf aufzuspießen. Doch letztlich war sein erster Fang eine Meeräsche, die Sermo triumphierend seinen Kameraden zeigte.
    "Was habe ich hier, Ägypter?" erkundigte er sich bei seinem Bootsführer.
    "'Mee'äsche, 'Err", sagte dieser stumpf. Sermo kannte diese Art Fisch. Es war der meistgegessene und beliebteste. Gut so.
    "Glückwunsch", grinste der Favonier und richtete seinen Blick dann wieder aufmerksam auf das Wasser, während Nektários eine Grimasse zog. "Angeber. Pass nur auf..." Darauf folgte allerdings nur ein ziemlich kläglicher Versuch mit den Speer etwas zu erwischen, wobei Nektários so viel Wasser aufwühlte, dass Sermo bereits fürchtete, der Depp würde sämtliche Fische vertreiben.
    "Heeee!" brüllte Favonius aus eben diesem Grund und gebot dem Ungeschickten mit einer herrischen Geste Einhalt. "Bleib mal ruhig, sonst verscheuchst du noch die ganze Beute!"
    Sermo lachte laut und konzentrierte sich dann wieder auf das Wasser vor sich.


    Die Unternehmung dauerte einige Zeit, in der alle drei Kumpanen eine ordentliche Menge Fisch erstachen, der eine mehr, der andere weniger. Irgendwann fand Sermo sich inmitten eines gewaltigen Mückenschwarms wieder, den er vor lauter Fokussierung auf das Wasser gar nicht hatte kommen sehen.
    "Obacht", rief er seinen Bootsmann an und strafte diesen mit einem verärgerten Blick. Erschrocken versuchte der Ägypter das Boot wegzustaken, doch die Mücken waren bereits bei ihnen, um sie herum und überall dazwischen. Verzweifelt versuchte Sermo sich vor den Viechern zu schützen, die sich auf seiner Haut niederließen und keine Zeit vergeudeten, um ihm sein Blut zu entsaugen. Als der Ägypter das Boot endlich davongestakt hatte, war Sermo bereits mit etlichen Stichen an Armen, Beinen und im Gesicht übersäht.
    "Nichtsnutziger Bauerntrampel!" fluchte der Quintilier und erntete den Spott seiner Begleiter, die seine Flucht mitverfolgt hatten. Seufzend lehnte Sermo sich zurück und ertastete die bald juckenden Stellen. Ihm war die Lust am Fischfang vergangen.


    Wikipedia

  • Zurück in Kanobos zeigte Nektários, welche Disziplin er statt des Fischfang wahrlich beherrschte: Die des großzügigen Gastgebers. Er richtete ein Symposion aus, an dem etliche Herrschaften der Polis teilnahmen, worunter natürlich auch Sermo und der Favonius waren. Es wurde der gefangene Fisch angerichtet, aber auch vielzähliche andere Köstlichkeiten. Gefüllte Ente, marinierte Meeresfrüchte, Seeigel,....und Wein. Wein in rauen Mengen. Ausgerechnet der Favonius wurde zum Symposiarchen, der sich als besonders trinkfest bezeichnete und sogleich auch die ganze Gesellschaft zum Suff verdonnerte. Fröhliche Lieder wurden dazu gespielt, Dichter trugen lustige und später immer öfter auch höchst anzügliche Verse vor. Alles mündete darin, dass Nektários eine Gruppe thrakischer Tänzerinnen einlaufen ließ, die bei rhythmischem Trommelschlag beinahe völlig entblößt die Männerrunde anheizte. Im Laufe der Nacht schließlich vögelte Sermo sich durch drei verschiedene Betten, erbrach sich dabei in eines, verschüttete im anderen ganze drei Becher Wein und fiel letzten Endes total zerstört in das dritte, wo er auf einer süßen Blondine mit spitzen Brüsten einschlief und diese so am Verschwinden hinderte. Die Mückenstiche waren da längst vergessen.


    Als Sermo am nächsten Morgen früh vom eigenen Schnarchen geweckt wurde, entschied er, dass es besser war so schnell wie möglich zu verschwinden. Diese Stadt konnte nur sein Untergang sein. Hätte er dabei nicht so einen monströsen Kater gehabt, hätte er wohl das Blondchen nochmal verwöhnt, aber selbst dazu war er an diesem Morgen nicht mehr in der Lage. Schwerfällig verließ der Quintilier Nektários' Haus und entfloh in Begleitung seines Sklaven dieser Polis, die das Paradies und gleichzeitig sein Untergang sein konnte.

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