Die Stände des Handelskonsortiums Freya Mercurioque

  • Mir gefiel ihr Selbstbewusstsein. Das zeigte, dass sie sich des Wertes ihrer Arbeit bewusst war. Während sie sprach, betrachtete ich sie . Der Unterschied in der Kleidung konnte kaum größer sein. Ihre Kleidung war einfach und praktisch. Meine hingegen war vermutlich die teuerste Kleidung in ganz Mogontiacum. Und dabei war es nur das Reisegewand eines Gelehrten, jedenfalls in Serica. Mir war aber klar, dass man bei der Herstellung von Keramik wohl auch keine Seide tragen sollte. Selbst, wenn man sich täglich neue Seide leisten könnte, wäre das ein solches Maß an Verschwendung, dass es gegen alle guten Sitten verstieße, diese so leichtfertig zu verschwenden.


    "Das sind herausragende Arbeiten, Duccia," sagte ich schließlich mit einem anerkennenden Nicken. "Nur wenigen gelingt es, selbst eine schlichte Schale in dieser Perfektion herzustellen. Jeder Gegenstand trägt eine innere Harmonie in sich." Es war kein Kompliment. Mein ruhiger, sachlicher Tonfall zeigte, dass es für mich eine reine Sachaussage machte.


    Da es unhöflich wäre, mich nicht vorzustellen, zumal sie sich ja vorgestellt hatte, holte ich das nun nach. "Vor einigen Jahren war ich schon einmal in Mogontiacum. Damals hätte ich mich als Aulus Iunius Tacitus vorgestellt. Ich stellte mich damals stets mit vollem Namen vor, um Verwechslungen mit Verwandten zu vermeiden. Für einen Juristen ist das wichtig. Doch seitdem bin ich einige Jahre gereist und war in fernen Ländern." Das war wohl auch nicht zu übersehen. "Seitdem neige ich dazu, mich als Yúnzǐ vorzustellen. Es ist der Name, den ich in der Ferne erhalten habe." Ich sprach den Namen wie gewohnt korrekt auf Serisch aus. "Ich überlasse es dir, wie du mich nennen magst."


    Nach einer kleinen, kaum merklichen, Denkpause musste ich sie noch etwas fragen. "Du bist eine Duccia... deine Familie ist von einiger Bedeutung hier in Mogontiacum, wenn ich mich recht entsinne. Wie kommt es, dass du deine Waren selbst herstellst?" Es war kein Vorwurf, obwohl es sicher Römer gab, für die es undenkbar gewesen wäre, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Meine Frage war jedoch allein von Neugier getrieben.

  • Seine Worte über meine Arbeit ließen mich für einen Moment schweigen. Komplimente über meine Keramik hörte ich durchaus häufiger, schließlich wollten manche Käufer damit wohl auch den Preis ein wenig zu ihren Gunsten beeinflussen. Doch bei ihm klang es anders. Fast so, als würde er nicht versuchen, mir zu schmeicheln, sondern lediglich feststellen, was er vor sich sah.


    Unwillkürlich glitt mein Blick zu der Schale, die er betrachtet hatte. Ein kleines, durchaus zufriedenes Lächeln legte sich auf meine Lippen. "Innere Harmonie", wiederholte ich leise. "So hat es bisher noch niemand genannt." Ich nahm die Schale erneut in die Hände und drehte sie langsam zwischen meinen Fingern. Ein wenig Tonstaub haftete noch an meinen Händen und hatte längst auch Spuren auf meiner schlichten Tunika hinterlassen. Einer meiner beiden blonden Zöpfe war mir dabei über die Schulter nach vorne gerutscht. "Aber es gefällt mir."


    Als er sich vorstellte, legte ich die Schale wieder zurück und hörte aufmerksam zu. Aulus Iunius Tacitus hätte ich mir vermutlich problemlos merken können. Bei dem Namen, den er anschließend nannte, sah das schon anders aus. "Yún..." Ich hielt inne, verzog leicht die Lippen und versuchte es noch einmal. "Yúnzǐ." Meine Aussprache kam seiner vermutlich nicht besonders nahe. Das hörte selbst ich.


    Ich hob eine Augenbraue und musste schließlich lachen. "Ich glaube, bevor ich deinen Namen jedes Mal verstümmele, bleibe ich lieber bei Iunius." Ein schelmisches Lächeln folgte.


    Seine nächste Frage überraschte mich dagegen ein wenig. Mein Lächeln verschwand nicht, wurde aber schwächer. Für einen kurzen Moment betrachtete ich ihn schweigend. Dann senkte ich den Blick auf meine Hände. Hände, denen man durchaus ansehen konnte, dass sie nicht nur Münzen zählten und Waren auf einem Marktstand arrangierten. "Du erinnerst dich richtig. Die Duccii sind hier nicht völlig unbekannt." Ich strich mit dem Daumen über eine kleine, raue Stelle an meiner Handfläche, ehe ich wieder zu ihm aufsah.

    "Aber ich habe nie verstanden, weshalb ein angesehener Name bedeuten soll, dass man nichts mehr selbst tun darf."


    Ich griff nach einer kleinen Öllampe und hielt sie zwischen uns. Sie war schlicht gearbeitet, sauber geformt und nur mit einem zurückhaltenden Muster verziert. "Das hier existierte vor einigen Tagen nur in meinem Kopf. Dann waren da Ton, Wasser und meine Hände." Ich drehte die Lampe ein wenig, sodass das Licht über ihre Oberfläche wanderte. "Und jetzt ist es etwas, das vielleicht viele Jahre bestehen bleibt. Jemand wird es kaufen, mit nach Hause nehmen und jeden Abend sein Licht damit entzünden."


    Meine blauen Augen wanderten von der Lampe wieder zu ihm. "Warum sollte ich darauf verzichten, nur weil meine Familie einen Namen besitzt?"


    Ich stellte die Öllampe behutsam zurück und wischte meine Hände an dem Tuch vor meiner Tunika ab. Dann musterte ich ihn erneut. Die schwarze Seide, seine Art zu sprechen und vor allem dieser fremde Name hatten inzwischen meine Neugier endgültig geweckt. "Aber wenn du schon den Stand meiner Familie kennst und meine Arbeit begutachtest, darf ich ebenfalls neugierig sein." Ich neigte den Kopf ein wenig, wodurch der andere Zopf ebenso über meine Schulter rutschte. "Wie wird aus einem römischen Juristen namens Aulus Iunius Tacitus ein Mann, der sich Yúnzǐ nennt und in schwarzer Seide durch Mogontiacum läuft?" Ein kleines Grinsen erschien auf meinen Lippen. "Das klingt nach einer deutlich interessanteren Geschichte als die Frage, warum ich mir beim Arbeiten die Hände schmutzig mache."

  • Ich beobachtete, wie sie auf meine Worte reagierte. Dass ihr meine Erwähnung der inneren Harmonie gefiel, nahm ich zur Kenntnis, zeigte aber keine Reaktion darauf. Ich hatte mich klar ausgedrückt, es war ein Fakt und folglich war es völlig irrelevant, ob es ihr gefiel.


    Als sie versuchte, meinen serischen Namen auszusprechen, musste ich fast lachen. Nicht so sehr, weil sie zunächst daran scheiterte und der zweite Versuch noch nicht ganz die korrekte Aussprache traf - aber immerhin sehr nah herankam. Es amüsierte mich vielmehr, dass ich selbst mich auch nicht besser angestellt hatte, als ich diese doch sehr fremde Sprache erlernt hatte. Doch musste ich eben nur fast lachen und konnte es auf ein amüsiertes Lächeln begrenzen. "Das war gar nicht schlecht," kommentierte ich kurz.


    Dass es unverständlich war, nur auf Grund eines angesehenen Namens nicht mehr selbst handwerklich zu arbeiten, konnte ich nur bejahen und nickte entsprechend. Als sie mir dann erklärte, dass aus einem Stück Ton, Wasser und ihren Händen aus einer Idee in ihrem Kopf ein nützlicher Gegenstand wurde, konnte ich ebenfalls nur zustimmen und nickte entsprechend auf ihre Frage, warum sie nur wegen ihres Familiennamens darauf verzichten sollte, so etwas zu erschaffen. Ein Nicken schien mir als Antwort zu genügen, da mir die Frage rhetorisch erschien.


    Ihre blauen Augen und blonden Haare waren wiederum ziemlich interessant für mich, hatte ich doch bei meinen langen Reisen gesehen, dass dieses auf der Welt eher selten war. Doch das würde ich erst einmal nicht ansprechen.


    Ihre Frage zu meiner Person wollte ich ihr gerne gewähren und sie erschien mir fair. Quid pro quo. Ich hatte etwas gefragt, nun durfte sie auch etwas fragen. Höflich lächelnd antwortete ich. "Gewiss darfst du fragen, aber es ist eine sehr lange Geschichte, wenn ich sie ausführlich erzählen will. Deshalb gebe ich dir erst einmal die Kurzfassung. Sie beginnt... mehr oder minder hier in Mogontiacum. Nachdem ich hier einen Cursus Iuris gegeben hatte, blieb ich noch hier. Doch war es..." Ich drehte mich ein wenig und deutete in Richtung des Buchhändlers in der Markthalle. "Dort hinten, wo ich eine auf Latein und Griechisch kommentierte Karte der Welt fand. Ich kaufte sie und studierte sie. 'Karte der Welt' ist nicht ganz richtig, wie ich später herausfinden sollte, denn sie zeigte nur ein großen Teil der bekannten Welt bis an die Grenzen des Reichs Alexanders des Großen. Die Kommentare waren allerdings wertvoll. Es wurden Länder, Menschen, Handelswaren, Landschaften und Wege beschrieben. Und das war für mich ein Zeichen Minervas. Ich hatte einst am Museion in Alexandria studiert und mich der Sammlung von Wissen und Erkenntnis verschrieben. Dieses Zeichen konnte ich nicht ignorieren. Diese Karte konnte mich bis nach Serica, das Land, aus dem die Seide stammt, führen." Ein wenig musste ich mich bremsen, um nicht stundenlang über die Karte und alle Planungen zu dozieren. "Also, ich kehrte dann nach Rom zurück, kaufte mir von meinem gesamten Vermögen Waren, die ich unterwegs mit gutem Gewinn verkaufen konnte, und einen Gladiator als Sklaven, um mich unterwegs zu beschützen. Dann ging es ostwärts, durch Parthien und Baktrien, über ein hohes Gebirge und an einem noch höheren Gebirge entlang immer weiter ostwärts, bis ich schließlich tatsächlich in Serica ankam. Unterwegs freundete ich mich mit einem serischen Händler an, der mir seine Sprache beibrachte. In seiner Heimat angekommen, ließ mich der dortige... Legatus zur Audienz zitieren und ich konnte ihn für mich gewinnen. Durch philosophische Diskussionen wurden wir Freunde. Als es an der Zeit war, weiterzuziehen, erhob er mich in den Beamtenstand, denn in Serica genießen Beamte ein hohes Ansehen und ein gutes Einkommen. Außerdem sind viele Beamte vor allem eins - Gelehrte. Er schickte mich mit einem Auftrag in die Hauptstadt. Dort empfing mich ihr Kaiser, ernannte mich zum Gesandten und erhöhte meinen Beamtenrang. Mit viel Geld und wertvollen Waren kehrte ich zurück, nun aber über den Seeweg, zuerst nach Indien und dann nach Aegyptus. Und von dort ging es zurück nach Rom und schließlich wieder hierher. Die schwarze Seidentracht ist die Amtskleidung eines serischen Gelehrten. Wer sich damit auskennt, erkennt sogar meinen Beamtenrang. Die Hofkleidung ist aber noch prachtvoller. Meine jetzige Kleidung würde eher als Reisegewand angesehen. Und der Name Yúnzǐ," nun lächelte ich etwas verklärt, als ich an die Geschichte dachte, "kommt daher, dass mein Freund, der serische Legatus, bei unserer ersten Begegnung den Namen Iunius nicht richtig aussprechen konnte und mich Yún Yù nannte. Mit der Anerkennung als gelehrter Meister wurde das Zǐ hinzugefügt. Und weil man es hinter den vermeintlichen Nachnamen anfügt, wurde daraus Yúnzǐ. Es bedeutet also nichts anderes als 'Meister Yún'." Kurz zuckte ich mit den Schultern. "Es ist also eigentlich ganz einfach." Dabei grinste ich breit, wohlwissend, dass die ganze Geschichte alles andere als einfach war. Es waren einige Jahre gewesen und ich selbst hatte mich sehr stark verändert, war ein paar mal fast im Elysium gelandet und hatte mehr gesehen, als die meisten Menschen selbst in mehreren Leben sehen würden.

  • Ich hatte mit einer Geschichte gerechnet. Vielleicht auch mit einer längeren. Aber ganz sicher nicht mit dieser. Anfangs lehnte ich noch recht entspannt an meinem Stand und hörte ihm mit einem leichten Lächeln zu. Doch je weiter Iunius erzählte, desto mehr verschwand meine Aufmerksamkeit für alles, was um uns herum geschah. Das Stimmengewirr des Forums, die Händler, die ihre Waren anpriesen, selbst mögliche Käufer an meinem Stand mussten für einen Moment ohne mich auskommen.


    Als er zu dem Buchhändler deutete, folgte ich seiner Hand mit den Augen. Eine Karte also. Eine einzige Karte hatte genügt, um ihn von Mogontiacum über Rom bis beinahe ans andere Ende der bekannten Welt zu führen. Bei der Erwähnung Minervas hob ich leicht die Brauen. Dass er darin ein Zeichen der Göttin erkannt und daraufhin tatsächlich sein gesamtes bisheriges Leben hinter sich gelassen hatte, beeindruckte mich beinahe noch mehr als die Reise selbst. Zeichen zu erkennen war das eine. Ihnen auch zu folgen, etwas vollkommen anderes.


    Parthien. Baktrien. Gebirge, deren Namen ich nicht einmal kannte. Serica. Indien. Aegyptus. Unwillkürlich begann ich, die einzelnen Orte in Gedanken aneinanderzureihen, obwohl meine Vorstellung davon wohl kaum dem entsprach, was Iunius tatsächlich gesehen hatte.


    Irgendwann hatte ich die Arme vor der Brust verschränkt. Einer meiner blonden Zöpfe lag über meiner Schulter, und während er erzählte, spielte ich gedankenverloren mit dessen Ende. Besonders als aus dem römischen Juristen plötzlich ein serischer Beamter, dann ein Gesandter und schließlich sogar ein Mann wurde, der vor einem fremden Kaiser gestanden hatte, musterte ich ihn erneut von oben bis unten. Nun sah ich auch die schwarze Seide mit anderen Augen.


    Als er schließlich erklärte, wie aus Iunius erst Yún Yù und später Yúnzǐ geworden war, erschien langsam wieder ein Lächeln auf meinen Lippen. Das gefiel mir. Vielleicht sogar mehr, als ich ihm zeigen wollte. Ein Name, der einem nicht bei der Geburt gegeben worden war, sondern den man irgendwann auf seinem Weg erhalten hatte und der schließlich ebenso zu einem gehörte wie der ursprüngliche. Meine Gedanken wanderten für einen kurzen Augenblick zu Naha. Doch darüber verlor ich kein Wort.


    Dann erklärte er allen Ernstes, es sei eigentlich ganz einfach. Ich sah ihn einige Herzschläge schweigend an. Dann musste ich lachen. "Ja. Natürlich." Ich nickte mit gespieltem Ernst. "Völlig einfach."


    Ich begann an den Fingern abzuzählen. "Du findest hier in Mogontiacum eine Karte, deutest sie als Zeichen Minervas, setzt dein gesamtes Vermögen ein, kaufst dir einen Gladiator, durchquerst Länder, von denen die meisten Menschen hier vermutlich noch nie gehört haben, überquerst Gebirge, gelangst bis nach Serica, freundest dich dort mit einem Legatus an, wirst Beamter, triffst einen Kaiser, wirst dessen Gesandter, reist über Indien und Aegyptus zurück und stehst einige Jahre später wieder hier vor meinem Stand."


    Ich ließ meine Hand sinken und sah zu ihm auf. In meinen blauen Augen lag unverhohlene Belustigung. "Und nebenbei wirst du aus Aulus Iunius Tacitus noch Meister Yún."


    Mein Blick fiel für einen Moment auf seine schwarze Seide und kehrte dann zu seinem Gesicht zurück. "Du hast eine merkwürdige Vorstellung von einfach, Yúnzǐ."

    Seinen Namen sprach ich dieses Mal bewusst langsamer aus. Noch immer nicht vollkommen sicher, aber deutlich näher an dem Klang, den er mir vorgegeben hatte.


    Das Lächeln blieb, doch meine Neugier war längst wieder stärker geworden. "Aber eines verstehe ich noch nicht." Ich löste die Arme wieder und stützte eine Hand auf die Kante meines Standes. "Du hattest offenbar alles erreicht, was du gesucht hast. Wissen, Ansehen, einen Rang, sogar einen fremden Kaiser hast du kennengelernt." Kurz ließ ich meinen Blick über das vertraute Forum schweifen, bevor ich ihn wieder ansah. "Warum also Mogontiacum?"


    Ich legte den Kopf leicht schief. "Von all den Orten, die du gesehen hast. Warum führt dich dein Weg ausgerechnet wieder hierher?"

  • Ich nahm eher unbewusst wahr, wie sich ihre Körpersprache veränderte, während ich erzählte. Es zeigte mir, dass sie aufmerksam zuhörte. Die Geschichte, wie ich meinen serischen Namen erhielt, schien ihr zu gefallen. Als sie dann lachte, erwiderte ich es mit einem schelmischen Grinsen, das ich auch nicht ablegte, als sie die Stationen meiner Reise noch einmal aufzählte. Ich nickte jede erwähnte Station ab, um zu bestätigen, dass sie es richtig aufzählte. Ihre Bemerkung zu meiner Vorstellung von 'einfach' quittierte ich mit einem Schulterzucken, wenngleich mein Grinsen verschwand, da ich nun etwas sehr ernst Gemeintes sagen würde. "Wenn man konsequent und logisch handelt, ist alles einfach, oder etwa nicht?"


    Dann stellte sie die Frage, warum ich nach Mogontiacum zurückgekehrt war. Die Antwort war so einfach für mich, dass ich sie ohne jedes Zögern geben konnte. Ich sprach ruhig und freundlich, aber mit dem nötigen Ernst. "Meine Mutter ist hier. Sie war auch schon hier, als ich zur Reise aufbrach. Nach einem Überfall durch Räuber ging es ihr nicht gut, deshalb wurde sie hier gepflegt. Nun muss ich nach ihr sehen und mich um sie kümmern. Das ist eine der Grundpflichten eines Menschen. Vor meiner Reise war ich mir dessen nicht wirklich bewusst. Damals sah ich es als Grundpflicht an, den Ruhm meiner Gens zu mehren. Im Osten lernte ich, dass genau darin keine Grundpflicht liegt. Die Grundpflicht ist es, stets moralisch einwandfrei zu handeln. Das eigene Handeln muss menschlich, rechtschaffen, treu und unter Wahrung von Anstand und Etikette handeln. Ruhm und Ansehen kommen dann von selbst, doch soll einem beides nichts bedeuten. Inzwischen bin ich weiser geworden. Deshalb bin ich nach Mogontiacum zurückgekehrt. Es ist meine Pflicht, mich um meine Mutter zu kümmern. Mit meiner Reise in den Osten habe ich einen Fehler gemacht, doch habe ich diesen nun erkannt. Fehler machen ist nicht schlimm, sie nicht zu korrigieren hingegen schon. Die einzige höhere Pflicht ist es, meinen Befehlen als Beamter zu folgen. Doch beschränken sich diese darauf, unserem Augustus die Geschenke und die Grußbotschaft des östlichen Kaisers zu überbringen. Da mir mitgeteilt wurde, dass der Augustus aktuell und wohl auch für einige Zeit eben nicht die Zeit für eine Audienz erübrigen kann, bleibt die nächste Pflicht, und diese ist eben hier."


    Das alles machte für mich absolut Sinn und ich erkannte wieder einmal, dass meine Reise nach Serica wohl das Ereignis war, das mich am stärksten geprägt hatte. Ich war als anderer Mensch zurückgekehrt. Meiner Meinung nach als weiserer Mensch. Ob ich auch ein besserer Mensch geworden war, wusste ich nicht. Ich bemühte mich redlich, doch lag es nicht an mir zu beurteilen, ob ich ein guter oder besserer Mensch geworden war. Das mussten andere bewerten. Ich versuchte, dem Pfad des Edlen zu folgen. Alles andere lag nicht in meiner Hand.

  • Seine erste Antwort ließ mich noch schmunzeln. "Wenn man konsequent und logisch handelt, ist alles einfach?"


    Eine meiner Brauen wanderte nach oben. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ihm darauf einiges hätte erwidern können. Menschen waren schließlich keine Gefäße, bei denen man nur wissen musste, wie viel Druck die eigenen Finger ausüben durften, damit der Ton die gewünschte Form annahm. Doch dann verschwand sein Grinsen. Und meines gleich mit. Als Iunius von seiner Mutter erzählte, lösten sich meine Finger langsam von dem Ende meines Zopfes, mit dem ich während seiner Ausführung gespielt hatte. Ein Überfall durch Räuber.


    Sie war hier gewesen, während er durch Länder gereist war, deren Namen mir teilweise kaum etwas sagten. Während er Gebirge überquert, fremde Sprachen gelernt und vor einem Kaiser gestanden hatte, war seine Mutter in Mogontiacum gepflegt worden. Ich senkte den Blick. Plötzlich bekam seine ganze Geschichte einen bitteren Beigeschmack. Nicht, weil seine Reise dadurch weniger beeindruckend wurde. Im Gegenteil. Aber ich begann zu verstehen, weshalb er sie selbst inzwischen mit anderen Augen betrachtete. Meine Finger fanden den Rand einer kleinen Schale, doch diesmal nahm ich sie nicht hoch. Ich strich nur langsam darüber.


    Als er sagte, dass es seine Pflicht sei, sich nun um seine Mutter zu kümmern, hob ich den Blick wieder. Etwas in seiner Art, darüber zu sprechen, berührte mich mehr, als ich erwartet hatte. Vielleicht gerade deshalb, weil er es so ruhig sagte. Keine große Klage. Kein Versuch, Mitgefühl zu wecken. Nur diese beinahe unerbittliche Gewissheit, etwas erkannt zu haben, das er früher nicht erkannt hatte. "Das tut mir leid, Yúnzǐ."


    Meine Stimme war leiser geworden. "Ich hoffe, deine Mutter hat sich von dem Überfall erholt."


    Für einen Augenblick überlegte ich, nach ihrem Zustand zu fragen. Ich ließ es bleiben. Wenn er darüber sprechen wollte, würde er es tun. Also hörte ich weiter zu. Je länger er sprach, desto nachdenklicher wurde ich. Ruhm. Ansehen. Pflicht. Rechtschaffenheit. Menschlichkeit. Treue. Es waren große Worte. Doch bei ihm wirkten sie nicht groß. Er sprach darüber, als wären es einfache Dinge, nach denen man sein Leben ausrichten konnte, sobald man sie nur verstanden hatte. Vielleicht beneidete ich ihn darum ein wenig. Ich wusste nicht, ob das Leben jemals so eindeutig war.


    Als er schließlich sagte, seine Reise sei ein Fehler gewesen, sah ich ihn länger an. Diesmal konnte ich nicht einfach schweigen "Nein." Das Wort kam schneller über meine Lippen, als ich darüber nachdenken konnte. Ich blinzelte kurz über meine eigene Entschiedenheit und sprach dann ruhiger weiter. "Nein, das glaube ich nicht." Meine Hand verließ die Schale. "Vielleicht war es ein Fehler, deine Mutter damals zurückzulassen. Das kann ich nicht beurteilen. Ich kenne weder sie noch weiß ich, wie es ihr damals ging."


    Ich machte eine kleine Pause. "Aber deine Reise selbst?" Langsam schüttelte ich den Kopf. "Der Mann, der damals aus Mogontiacum fortging, wollte den Ruhm seiner Familie mehren. Das hast du selbst gesagt." Mein Blick wanderte über die schwarze Seide und kehrte anschließend zu seinen Augen zurück. "Der Mann, der heute vor mir steht, erzählt mir, dass Ruhm einem nichts bedeuten sollte" Ich ließ die Worte einen Moment zwischen uns stehen. "Irgendetwas muss zwischen diesen beiden Männern geschehen sein." Ein schwaches Lächeln erschien auf meinen Lippen. "Und ich glaube nicht, dass das ein Fehler war."


    Für einige Herzschläge vergaß ich beinahe den Markt um uns herum. Erst ein lauter Ruf eines Händlers erinnerte mich daran, dass wir mitten auf dem Forum standen.

    "Vielleicht gefällt mir deshalb dein anderer Name so gut." Erst nachdem ich es ausgesprochen hatte, bemerkte ich, wie persönlich dieser Satz klang.

    Meine Finger strichen beinahe unbewusst über einen meiner Zöpfe. Ich hätte ihm erklären können, warum ich das verstand. Dass auch ich einen Namen kannte, der sich anders anfühlte als Duccia Sila. Einen Namen, den nicht jeder benutzte. Naha. Für einen winzigen Moment lag das Wort beinahe auf meiner Zunge. Doch ich sprach es nicht aus. Noch nicht. Stattdessen sah ich wieder zu ihm auf. "Iunius gehört zu dem Mann, der zurückgekommen ist."


    Meine Stimme war sanfter geworden. "Vielleicht solltest du deshalb nicht zu streng mit dem Mann sein, der damals gegangen ist. Er konnte noch nicht wissen, was du heute weißt." Ich hielt inne und betrachtete ihn einige Augenblicke. "Und vielleicht besteht Weisheit nicht darin, niemals einen falschen Weg einzuschlagen." Ein kleines Lächeln kehrte zurück. "Vielleicht besteht sie darin, irgendwann zu erkennen, wohin man eigentlich gehört."


    Dann schüttelte ich leicht den Kopf, fast ein wenig über mich selbst belustigt. "Sieh an. Jetzt stehst du noch gar nicht lange an meinem Stand und bringst bereits die Töpferin dazu, über das Leben zu philosophieren." Mein Blick wurde wieder wärmer. "Das könnte gefährlich werden."

  • Ich nahm ihre Körpersprache wahr. Wie sie aufhörte, mit ihrem Zopf zu spielen, als ich meine Mutter erwähnte. Wie sie stattdessen über den Rand einer Schale strich, fast so, als würde sie damit eine Verbindung zur ... ja, wozu eigentlich? ... aufbauen. Als sie sagte, dass es ihr Leid täte, womit sie natürlich die Situation meiner Mutter meinte, nickte ich nur kurz als Zeichen, dass ich ihr Beileid angenommen hatte. Dabei erkannte ich auch an, dass sie meinen serischen Namen zunehmend besser aussprach. Ihre geäußerte Hoffnung, dass meine Mutter sich erholt habe, schien mir aufrichtig zu sein. Doch sagte ich darauf nichts, da ich nicht wusste, wie es meiner Mutter gerade ging. Ich war ja gerade erst in Mogontiacum angekommen und noch nicht zu Hause gewesen. Zu Hause - war das die Domus Iunia für mich? Eigentlich fühlte ich mich momentan überall und zugleich nirgends zu Hause.


    Dass sie vehementer, als ich es bei ihr vermutet hätte, meiner kritischen Betrachtung der Reise nach Serica widersprach, überraschte mich. So zog ich für einen Moment eine Augenbraue hoch und hörte ihrer Argumentation anschließend noch aufmerksamer zu. Sie erkannte etwas in meinen Worten, das für mich selbst zunehmend selbstverständlicher geworden war. Aber in so komprimiert zusammengefasst hatte ich es noch nicht gehört. Damals suchte ich Ruhm, heute bedeutete er mir nicht mehr viel. Das war eine starke Veränderung meines Wertesystems. Dass etwas mit mir geschehen war, war offensichtlich. Und dann schloss sie das Argument. Diese Veränderung konnte kein Fehler sein. Das war korrekt, denn damals hatte ich nicht erkannt, dass ich mich um meine Mutter kümmern sollte, anstatt jahrelange Reisen zu beginnen. Heute hätte ich anders gehandelt. Aber das Wissen, dass ein anderes Handeln richtig gewesen wäre, hatte ich erst auf der Reise gewonnen. Hätte ich die Reise nicht gewagt, hätte ich das Wissen nicht erlangt. Sagte nicht schon der große Meister Kǒng, dass man sich nicht scheuen solle, seine Fehler zu verbessern? Implizierte das nicht, dass man nicht fehlerfrei sein solle, sondern sich stetig weiterentwickeln sollte? Fehlerfreiheit gab es ohnehin nicht. Höchstens der ewige Himmel war fehlerfrei. Aber nicht, weil dieser eine fehlerfreie Persönlichkeit hätte, sondern weil es sich dabei um das allem zu Grunde liegende Prinzip handelte. Und dieses Prinzip war fehlerfrei, weil sonst die Welt nicht existieren würde.


    "Bù dēng gāoshān, bù xiǎn píngdì," sagte ich mehr zu mir selbst, als zu ihr. Als mir bewusst wurde, dass ich es laut ausgesprochen hatte, übersetzte ich den Satz mit einem Lächeln. "Wer nicht auf die hohen Berge geht, erkennt nicht die Ebene. Das ist ein Sprichwort, das ich in Serica gehört habe. Ich dachte immer, dass es bedeutet, man solle etwas Abstand gewinnen und sich einen Überblick verschaffen, bevor man eine Sache beurteilt. Das ist auch sicher nicht falsch, aber nun denke ich, dass man es auch anders deuten kann. Vielleicht bedeutet es auch, dass man manchmal erst einen anstrengenden und vielleicht falschen Weg gehen muss, bevor man erkennt, was wichtig ist. Du magst dich als Töpferin sehen, aber du bist weit mehr als das." Trotz meines Lächelns war es ein ernst gemeinter Satz. Ich kannte nur wenige Handwerker, die so gebildet waren. Das lag aber vielleicht auch daran, dass ich generell wenig Umgang mit Handwerkern hatte. Diese junge Frau faszinierte mich. Mein Lächeln wurde breiter. "Gefahren schrecken mich übrigens nicht."


    Ich sah ihr kurz direkt in die Augen, betrachtete die Farbe und die Muster in den Iriden. Wahrscheinlich war das einen Moment zu lang, um noch als höflich zu gelten, aber es half mir, meine Gedanken zu sortieren. "Ich hoffe, dass ich dich nicht von deinen Geschäften abhalte. Aber ich habe einen Vorschlag. Ich würde gerne ein Set aus vier dieser Schalen erwerben," dabei zeigte ich auf die Schale, die ich zu Beginn unseres Gesprächs betrachtet hatte, "und möchte dich bitten, mir das Set zur Domus Iunia zu bringen. Persönlich und am Abend. Dafür lade ich dich zu einer Cena ein. Im serischen Stil und mit serischen... naja, serisch insprierten, Speisen. Ich garantiere auch dafür, dass du nach der Cena sicher nach Hause kommst, weil ich dich persönlich begleiten werde, so du nichts dagegen hast. Was meinst du?" Warum ich diese Einladung aussprach, wusste ich selbst nicht. Eigentlich war ich nicht so spontan. Aber diese Duccia faszinierte mich. Und bei einer Cena konnte man viel besser diskutieren, als an einem Marktstand.

  • Das serische Sprichwort ließ mich einen Moment nachdenklich werden. Ich verstand kein einziges der fremden Worte, doch seine Übersetzung gefiel mir. Wer nicht auf die hohen Berge geht, erkennt nicht die Ebene. "Dann war deine Reise vielleicht genau das", sagte ich leise. "Dein hoher Berg." Als er anschließend meinte, ich sei weit mehr als eine Töpferin, traf mich das unerwarteter, als ich zeigen wollte. Meine Finger, die noch immer auf dem Rand einer Schale ruhten, hielten kurz inne. Ich war gerne Töpferin. Sehr sogar. Es war nichts, das ich als geringer empfand oder hinter meinem Familiennamen verstecken wollte. Trotzdem spürte ich eine angenehme Wärme bei seinen Worten, vielleicht gerade deshalb, weil Iunius mein Handwerk zuvor nicht geringgeschätzt hatte. "Vielleicht", erwiderte ich mit einem kleinen Lächeln. "Aber Töpferin bin ich trotzdem gerne." Bei seiner Bemerkung über Gefahren musste ich schmunzeln. "Das glaube ich dir inzwischen sogar."


    Dann traf sein Blick meinen und blieb. Zunächst erwiderte ich ihn einfach, doch nach einigen Herzschlägen wurde mir bewusst, dass er nicht nur beiläufig in meine Richtung sah. Seine Augen ruhten direkt auf meinen, aufmerksam und beinahe forschend. Ich war durchaus daran gewöhnt, dass Männer mich ansahen. Mein helles Haar und meine blauen Augen waren selbst in Mogontiacum auffällig genug. Doch sein Blick fühlte sich anders an. Nicht unangenehm, eher so, als würde er versuchen, etwas herauszufinden. Einer meiner Mundwinkel hob sich leicht. "Hast du etwas entdeckt?", fragte ich schließlich, ohne seinem Blick auszuweichen.


    Doch dann begann er von meinen Schalen zu sprechen. Vier Stück. Ich nickte bereits, denn natürlich konnte er vier davon erwerben. Dann jedoch erklärte er, ich solle sie persönlich zur Domus Iunia bringen. Am Abend. Zu einer Cena. Meine Brauen hoben sich merklich. Nun sah ich ihn meinerseits einige Augenblicke schweigend an. Eine serische Cena mit serisch inspirierten Speisen, und anschließend wollte er mich auch noch persönlich nach Hause begleiten. Langsam erschien ein Lächeln auf meinem Gesicht. "Vier Schalen", wiederholte ich und sah auf die besagten Stücke, ehe mein Blick wieder zu ihm wanderte. "Und dafür ist es selbstverständlich notwendig, dass ausgerechnet die Töpferin persönlich am Abend in der Domus Iunia erscheint." Mein Lächeln wurde etwas breiter. "Das klingt ausgesprochen logisch und konsequent." Seine eigenen Worte ließ ich ganz bewusst gegen ihn arbeiten.


    Ich ließ ihn noch einen kleinen Augenblick warten, vielleicht länger, als für meine Entscheidung tatsächlich notwendig gewesen wäre, denn eigentlich hatte ich mich bereits entschieden. "Gut", sagte ich schließlich und nickte. "Ich komme." Meine Stimme wurde wieder etwas ernster. "Nicht wegen der Schalen. Die könnte ich dir auch von jemand anderem bringen lassen. Aber du hast mir gerade von einer Welt erzählt, von der ich bisher kaum mehr als Namen und Handelswaren kannte. Jetzt möchte ich zumindest einen kleinen Teil davon kennenlernen."


    Das war allerdings nicht der einzige Grund. Vielleicht nicht einmal der wichtigste. Ich war neugierig auf ihn. Auf den Mann, der als Aulus Iunius Tacitus fortgegangen und als Yúnzǐ zurückgekehrt war. Auf das, was zwischen diesen beiden Menschen lag und sich unmöglich in einer kurzen Erzählung an einem Marktstand zusammenfassen ließ. Und vielleicht auch darauf, warum ich das Gefühl hatte, dass hinter seiner ruhigen, beinahe immerzu vernünftigen Art noch einiges verborgen lag. Das alles behielt ich jedoch für mich.


    Stattdessen griff ich nach einer der vier Schalen und betrachtete sie kurz. "Und vielleicht kannst du mir bei der Gelegenheit beibringen, deinen Namen richtig auszusprechen", fügte ich hinzu und sah wieder zu ihm auf. "Schließlich kann ich schlecht den ganzen Abend den Namen meines Gastgebers falsch aussprechen." Ein leichtes Funkeln lag in meinen Augen. "Was deine Begleitung auf dem Heimweg betrifft, nun ja, ich habe ausreichend Beschützer."


    Noch einmal ließ ich meinen Blick über seine schwarze Seide wandern. Inzwischen wusste ich zwar, was sie bedeutete, doch weniger auffällig machte das die Kleidung keineswegs. "Allerdings hoffe ich, dass deine serische Cena etwas weniger Aufsehen erregt als dein Reisegewand", sagte ich amüsiert. "Sonst weiß morgen vermutlich das halbe Forum, dass Duccia Sila ihren Abend in der Domus Iunia verbracht hat."


    Ich musste bei dem Gedanken leise lachen. Ganz gleichgültig wäre mir solches Gerede vermutlich nicht. Doch noch weniger gefiel mir der Gedanke, eine Einladung auszuschlagen, auf die ich neugierig war, nur weil andere Menschen darüber reden könnten. Während ich die erste der vier Schalen vorsichtig beiseitestellte, musste ich mir ohnehin eingestehen, dass meine Neugier längst nicht mehr nur Serica galt.


    Und dass ich mich bereits auf den Abend freute.

  • Natürlich war sie gerne eine Töpferin. Das war offensichtlich. Als sie dann meinen Vorschlag zusammenfasste, dass sie mir die Schalen bringen solle, was ich ja mit einer Einladung zur Cena verknüpft hatte, und damit schloss, dass sich meine Argumentation logisch und konsequent anhöre, musste ich ob ihres ironischen Humors lachen. Gut, ich hätte mich auch zusammenreißen können. Meine Selbstbeherrschung war gut genug dafür. Aber ich wollte es nicht. Einen Moment sah ich sie dennoch stoisch an, in dem sie auch nichts sagte, bevor ich grinsend leicht den Kopf schüttelte und schließlich lachte.


    Während ich dennoch befürchtete, zu weit gegangen zu sein, sagte sie zu. Und sie begründete es damit, dass sie etwas von der Welt am anderen Ende der Welt kennenlernen wollte. Das konnte ich nachvollziehen. Und ich würde von der weiten Reise, hohen Bergen, einem ganz anderen und doch irgendwie ähnlichen Reich, seltsamer Architektur, anderen und doch seltsam vertraut wirkenden Lehren und vielen anderen Dingen erzählen, wenn sie es denn hören wollte.


    Zum meinem serischen Namen konnte ich schnell etwas sagen. "Die erste Silbe steigt beim Aussprechen in der Tonhöhe an. Die zweite Silbe fällt erst ab und steigt dann wieder an. Yún... zǐ." Ich zuckte mit den Schultern. "Es ist ein bisschen so, als würdest du singen. Also ganz einfach. Und eine lustige Anektdote: Wenn du die Silben anders aussprichst, ändert sich die Bedeutung. Tiān heißt Himmel, tián heißt Feld, man ist tiǎn, wenn man beschämt ist, und schließlich heißt tiàn, einen Pinsel zu glätten. Also aufpassen, wie du serische Wörter aussprichst, sonst werden aus Männern auch schonmal Schweine." Ich lachte lauter auf, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. "Die Ähnlichkeit ist manchmal vielleicht sogar treffend."


    Wieder mit dem gebotenen Ernst sprach ich weiter. "Aber ich hoffe, dass du mich nicht dazu zählst. Mein Angebot, dich nach Hause zu geleiten, war nicht unsittlich gemeint. Falls du es so verstanden hast, bitte ich um Verzeihung." Wobei sie in dem Fall sicher nicht meine Einladung angenommen hätte.


    Über das Aufsehen, das mein Cena erregen könnte, konnte ich sie beruhigen. "Da ich keine öffentliche Cena plane und nur Freunde und Familie anwesend sein werden, wird sie wohl wenig Aufsehen erregen. Für eine große Cena fehlen mir auch die Zutaten, zumindest wenn ich noch für ein paar Gerichte etwas übrig behalten will. Ersatz ist nur schwer zu bekommen, außer ich reise ein paar tausend Meilen." Ich zog die Schultern hoch. "Und das möchte ich im Moment nicht." Schließlich sah ich Sila mit einem freundlichen Lächeln an. "Wir sehen uns dann heute Abend. Bring Appetit mit."

  • Dass ich ihn mit seinen eigenen Worten tatsächlich zum Lachen brachte, ließ auch mein Lächeln breiter werden. Für einen kurzen Augenblick hatte er mich noch vollkommen stoisch angesehen, dann schüttelte er grinsend den Kopf und lachte. Seiner Erklärung zur Aussprache seines Namens folgte ich konzentriert. Steigend bei der ersten Silbe, fallend und wieder steigend bei der zweiten. "Yún... zǐ", wiederholte ich vorsichtig und versuchte, den Klang möglichst genau zu treffen.


    Als er erklärte, dass eine andere Betonung gleich die Bedeutung eines Wortes verändern konnte, zog ich überrascht die Brauen hoch. Bei seiner Bemerkung über Männer und Schweine musste ich jedoch lachen. "Das ist gefährliches Wissen, das du mir da beibringst", stellte ich amüsiert fest. "Vielleicht sollte ich mir gerade diese Aussprache besonders gut merken."


    Seine plötzlich wieder ernstere Art überraschte mich etwas. Als er sich dafür entschuldigte, dass sein Angebot, mich nach Hause zu begleiten, unsittlich verstanden werden könnte, schüttelte ich leicht den Kopf. "Yúnzǐ, wenn ich deine Einladung für unsittlich gehalten hätte, hätte ich sie nicht angenommen." Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen. "Und ich hätte wohl kaum zugestimmt, mich anschließend von dir nach Hause bringen zu lassen. Du musst dich also nicht entschuldigen." Dass bei der Cena lediglich seine Familie und Freunde anwesend sein würden, nahm ich mit einem Nicken zur Kenntnis. Bei seiner Erklärung über die seltenen Zutaten musste ich wieder schmunzeln. "Ein paar tausend Meilen nur für die Zutaten einer Cena wären selbst für deine Vorstellung von logisch und konsequent vermutlich etwas übertrieben."


    Als er schließlich sagte, wir würden uns am Abend sehen und ich solle Appetit mitbringen, nickte ich. "Das werde ich. Und du sorgst dafür, dass dir bis dahin die Geschichten aus Serica nicht ausgehen." Ich sah zu ihm auf und lächelte. "Bis heute Abend, Yúnzǐ." Dieses Mal gab ich mir bei seinem Namen besondere Mühe, ehe ich mich wieder meinen Waren zuwandte.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!