Seltsame Wetten

  • Marcus Calpurnius Piso war schon seit einigen Jahren Statthalter von Asia mit Sitz in Tarsus. Wegen des Krieges in Armenia weilte er jedoch in Caesarea am Halys, weshalb der Bote mit der Nachricht vom Tod des Kaisers etwas länger als geplant gebraucht hatte. Der Statthalter war schon zu Bett, als man ihn wegen dieser Nachricht noch einmal weckte. "Aha!" war sein erster schläfriger Kommentar. "Da wird sich Rufus aber freuen." Damit war Rutilius Rufus gemeint, ein einflussreicher Günstling von Calpurnius Piso, von dem niemand so recht wusste, warum der Statthalter seine schützende Hand über ihn hielt, war er doch ein unverbesserlicher Pessimist und böswilliger Spötter. Jedenfalls hatte er ein halbes Vermögen auf den Tod des Kaisers gesetzt, als dieser zum Feldzug aufgebrochen war, wobei ebenfalls völlig unklar blieb, bei wem er es gesetzt hatte und was er sich davon versprach.


    "Weckt den Kaiserpriester und bringt ihm die Nachricht. Und schickt Boten nach Nicomedia und Ephesus. Um den Rest kümmere ich mich morgen. Dem Heer in Armenia schicken wir auch was. Aber ich wette, die stehen schneller vor unserer Tür als wir 'Thronräuber' sagen können. Petilius Cerialis war schon immer ein Schwein und jetzt wird er es zeigen. Aber jetzt lasst mich schlafen."

  • Rufus hatte sich tatsächlich gefreut und dem Anlass nicht ganz angemessen ein großes Gelage gegeben. Mancher Gast war zweifellos nur deswegen dabei, damit er allzu offene Intrigen gegen seine Person verhindern konnte, die auf einem Fest dieser Art gesponnen wurden. Wenn Rutilius Rufus ein Gelage gab, gab es wenig später nämlich immer irgendein gesellschaftliches Opfer und es gehört immer zum Kreis jener, die nicht gekommen waren. Letztlich gab es also immer zwei Arten von Gästen: diejenigen, die gekommen waren weil sie Angst hatten und diejenigen, die gekommen waren, um anderen Angst zu machen.


    Calpurnius Piso wusste, dass sein Günstling genau an dieser Konstellation seine Freude hatte und sie ausnutzte, um trotz seiner ansonsten unausstehlichen Art Macht über andere ausüben zu können. Und Calpurnius Piso hatte seinerseits genug Macht, um sich dieses Kalkül selber zunutze machen zu können. Argwöhnisch beäugte er also die anderen Gäste, während er die spärlichen Informationen weitergab, die er nach der Todesnachricht noch erhalten hatte. Wichtige Meldungen aus Parthia waren dabei und unwichtige von der Insel Cyprus und auch die Nachricht, von wem es noch keine Nachricht gab, war schon ein paar Gesprächsfetzen wert. Als Statthalter von Asia war sein Einfluss alles andere als gering in dieser Region - und der designierte Kaiser war nicht unter den Gästen.

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