• Amytis saß reglos da, die Tasse mit dem lauwarmen Getränk noch in den Händen, und hörte gespannt zu. Der Weg der Erkenntnis, hart, voller neuer Fragen, ohne Reichtum, doch voller echter Nähe. Sie hatte erwartet, dass er sie mit Höflichkeit abweisen oder sich zumindest Zeit zum Überlegen erbitten würde. Stattdessen bot er ihr genau das an, wonach sie sich seit Tagen gesehnt hatte: einen Platz nicht als Dienerin, nicht als Zierde, sondern als Schülerin. Als jemand, der lernen durfte. Der gesehen wurde. Ihretwegen.


    Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich nicht aus Scham, sondern aus reiner, tiefer Dankbarkeit und Erleichterung. Sie stellte die Tasse behutsam ab und hob den Blick. Ihre dunklen Augen leuchteten.

    „Yúnzi“, begann sie, „du sprichst von Ehre, die du nicht verdienst und doch erweist du mir gerade die größte Ehre, die ich je erfahren habe. Du bietest mir nicht nur einen Platz in deinem Haus, sondern einen Platz in deinem… Leben. Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte.“ Tatsächlich hatte sie damit gerechnet, dass man sich eben hin und wieder für ein Gespräch treffen könnte. Das hier war mehr, als sie erwartet hatte.


    „Ich weiß, dass der Weg hart sein wird. Du weißt, woher ich komme, was ich erlebt habe. Ich fürchte neue Fragen nicht. Im Gegenteil. Sie sind das erste Mal seit langer Zeit etwas, worauf ich mich freue.“

    Ein kurzes, fast schelmisches Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie hinzufügte: „Und was das Geld betrifft… ich hatte lange nichts. Ich werde nichts vermissen. Ich nehme dein Angebot an. Mit ganzem Herzen. Ich werde deine Schülerin sein, dir helfen, wo ich kann, und Sporus unterstützen, so gut ich es vermag. Wenn du mich lehrst, werde ich lernen. Ich werde zuhören.“


    Sie hielt kurz inne, schaute ihn direkt an, offen und ohne den Blick zu senken. „Danke, Yúnzi. Nicht nur für das Angebot. Sondern dafür, dass du mich siehst. Als Mensch.“

    Ihre Hände falteten sich wieder locker im Schoß, doch diesmal nicht aus Zurückhaltung, sondern aus stiller Freude. Zum ersten Mal seit ihrer Freilassung fühlte sich die Freiheit nicht mehr wie ein weites, leeres Meer an. Sie fühlte sich wie ein Boot, das endlich Segel gesetzt hatte und ein Ziel vor Augen hatte, nachdem ihre Heimat in der Ferne keine Option mehr war. Als befleckte Frau war sie dort wohl kaum mehr etwas wert.

  • Als was sollte ich sie sonst sehen, wenn nicht als Mensch? Ich hatte auch Sklaven nie als Sachen gesehen, sondern als Menschen. Aber das wusste sie sicher schon.


    "Ich hoffe, dass du weißt, worauf du dich einlässt. Ich weiß es nämlich nicht." Das konnte ich mit Gewissheit sagen. Und so sprach ich diese Worte auch neutral, wenngleich leise. Etwas lauter sprach ich weiter. "Das Ziel ist es natürlich nicht, dass du mich bis an mein Lebensende begleitest. Das Ziel ist es, dass du philosophisch so weit gebildet wirst, dass du die Ordnung findest, die dir Freiheit bringt. So, wie ich für mich eine Ordnung gefunden habe, die mir Freiheit bringt. Bis dahin kann ich dich anleiten, danach wirst du dich eigenständig weiterbilden müssen. Denn mein Weg ist allein meiner. Du wirst deinen eigenen Weg finden müssen - irgendwann. Bis dahin sind unsere Wege auf der gleichen Straße."


    Doch erst einmal ging es auch um eine ganz reale Reise. "Wo wir gerade von Straßen sprechen... Wie ich bereits erwähnte, will ich nach Germanien reisen, zu meiner Familie. Das bedeutet für dich, dass du deine Sachen packen solltest, denn in zwei Tagen geht es los. Du solltest dich bei Aemilius Magnus für seine Großzügigkeit bedanken und ihm mitteilen, dass du erst einmal deinen eigenen Weg finden musst. Und dann kommst du mit deinen Sachen hierher. Du wirst mit mir und Sporus nach Germanien reisen. Du kannst reiten, oder?"

  • "Wenn du es nicht weißt, lass uns diesen Weg gemeinsam gehen. Solange es richtig erscheint.", erwiderte sie ebenso leise und lächelte ihn an. Und das meinte sie ernst, denn die Zuneigung, die sie zu dem Mann verspürte, konnte sie kaum leugnen. "Ich werde lernen, so gut ich kann. Und ich werde dir helfen, wo immer ich nützlich sein kann. Sporus und ich… wir werden gemeinsam deine Schüler sein. Das fühlt sich richtig an.“


    Bei der Erwähnung der Reise nach Germanien hob sie den Blick wieder, ein wenig überrascht, aber nicht ängstlich. Im Gegenteil. Ein leises Lachen entschlüpfte ihr. „In zwei Tagen schon? Dann werde ich keine Zeit verlieren. Ich kehre noch heute zu Aemilius Magnus zurück, bedanke mich aufrichtig für seine Großzügigkeit und verabschiede mich. Er hat sich anständig verhalten, seit ich frei bin… doch meine Entscheidung steht fest.“


    „Und was das Reiten betrifft“, fuhr sie fort, ein schelmisches Funkeln in den Augen, „Ich habe in meinem Leben mehr Zeit auf meinen eigenen Füßen als auf dem Rücken eines Pferdes verbracht. Aber ich kann reiten, ja. Ich möchte mit dir reisen. Ich möchte sehen, wohin dein Weg führt, und vielleicht meinen eigenen dabei finden.“


    Sie faltete die Hände wieder im Schoß, doch diesmal nicht aus Zurückhaltung, sondern aus stiller, tiefer Freude. Sie strahlte und war zufrieden und zutiefst dankbar.

  • Ich nickte ihr kurz zu. "Dann sehen wir uns übermorgen wieder. Mit gepackten Sachen, um nach Germanien zu reisen."


    Noch kurz wartete ich, ob sie noch etwas anderes besprechen wollte.

  • Auch Amytis nickte und lächelte dabei. "Ich freue mich darauf. Bis dahin, und ... Danke.", sagte sie, leerte ihr Getränk und erhob sich dann, um zu gehen.

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