[Etruria]Tarquinia

  • Tarquinia ist die wichtigste und ruhmreichste aller etruskischen Städte. Die Etrusker selbst nennen sie Tarchna, nach dem Gründungsheros Tarchon. Es erhebt sich auf einem Hochplateau etwa fünf römische Meilen von der tyrrhenischen Küste entfernt und wird sowohl im Norden als auch im Süden von zwei Bächen begrenzt.
    Die angeschlossene Nekropole gehört zu den am reichsten ausgestatteten der bekannten Welt.


    Hier erschien der Überlieferung zufolge dem etruskischen Bauern Tarchon das Wesen Tages in Gestalt eines weisen Kindes, als er gerade einen Acker pflügte. Ihm und allen herbeieilenden Menschen offenbarte der Prophet Tages daraufhin die Kunst der Haruspizien mit den genauen Vorschriften und Regeln, auf dass die Etrusker fortan den göttlichen Willen lesen können sollten.


    Daher genießt die Universität von Tarquinia, an der Haruspices ausgebildet werden, den höchsten Ruf und ist ein wichtiges religiöses Zentrum. Ebenso hat das Collegium Haruspicum hier einen seiner beiden Hauptsitze.

  • Der Stadtrat von Tarquinia tagte heute außer der Reihe. Diese Tatsache allein ließ schon auf die Wichtigkeit der Debatte schließen, geschah doch in der Stadt, in der der Prophet Tages die Menschen die Wichtigkeit der Einhaltung der richtigen Rituale und Reihenfolgen gelehrt hatte, in der den Menschen offenbart worden war, dass jedes Ding und jeder Mensch ein Schicksal zu erfüllen hatten, ja selbst jeder Gott, dass die Welt einer gewissen Ordnung und Reihenfolge unterlag, buchstäblich nichts außerhalb der dafür vorgesehenen Ordnung. Doch heute schien sie etwas ins Wanken zu geraten, was auch an den erhitzten Gemütern der Decurionen abgelesen werden konnte, die in Curia der Stadt auf dem Tafelberg heute zusammengekommen waren.
    “Und zum wiederholten Male sage ich, dass wir etwas tun müssen!“
    “Und ICH sage zum wiederholten Mal, dass du dich setzen sollst!“ beharrte einer der quattuorviri iure dicundo und versuchte, Ordnung in die aufgebrachte Menge zu bringen.
    “Bitte... so kann man doch nicht diskutieren! Setz dich, Cilnius. Bitte.“ Der dienstälteste Quattuorvir übte den Ehrenvorsitz der Stadt aus und war sichtlich bemüht, die Ruhe zu bewahren.
    Als schließlich die Stimmen abgeklungen waren, wagte er einen zweiten Versuch. “Wie also das Collegium Haruspicum aus Rom berichtet hat, wünscht Imperator Vescularius, dass diese einundzwanzig Männer von sämtlichen religiösen Würden ausgeschlossen und ihrer Ämter enthoben werden.“
    “Und verzeiht mir die Frage, aber wo liegt hierbei das Problem? Warum tagen wir hier im Stadtrat darüber?“ Der einzige Nicht-Etrusker dieser Runde sprach mit stark römischen Akzent die Sprache der einheimischen Bevölkerung. Seine Bemerkung erntete auch gleich einige verständnislose Blicke.
    “Das Problem...“ begann der Dienstälteste wieder, wurde aber von Cilnius jäh unterbrochen.
    “Das Problem ist, dass solches zu verlangen dem Kaiser nicht zusteht, dem falschen Kaiser erst recht nicht. Das Problem besteht darin, dass er in die Ordnung der Dinge eingreift. Diese einundzwanzig Männer sind nach den Regeln der Bücher des Propheten und der Nymphe Vegoia ausgebildet worden. Sie haben Jahre des Studium verbracht, um sich dieses Wissen anzueignen, haben die Prüfungen bestanden und die Götter haben ihre Einwilligung gezeigt, dass sie wohl gelernt haben. Wie können wir den göttlichen Willen in Zweifel ziehen?“
    “Aber wir sind nur Menschen und können irren. Vielleicht wurde bei ihrer Ernennung...“
    “DA WURDEN KEINE FEHLER GEMACHT!“
    “Bitte... setz dich wieder, Cilnius. Wir wissen, dein ehrenwerter Vater hat schon vor Wochen uns eindringlich aufgeklärt über die Zeichen, die derzeitigen wie die vergangenen. Bitte, setz dich.“
    Der Mann mittleren Alters setzte sich wieder, schnaufte aber einmal geräuschvoll. Eine kurze Stillephase breitete sich aus, in der keiner der erste sein wollte, der die Ruhe störte.
    “Was meintest du zuvor mit dem falschen Kaiser?“ wagte sich schließlich der Römer wieder in die Stille. Der Dienstälteste schlug nur resignierend eine Hand vors Gesicht.
    “Sag mal, Maenius, hörst du eigentlich in den Sitzungen auch mal zu, oder sitzt du dir nur den Hintern platt?“ blaffte Gaius Cilnius Minor seinen Mitdecurio an.
    “Jetzt reicht es aber, Cilnius! Nur weil dein Vater meint, seinen Schüler beschützen zu müssen, sollen wir uns gleich alle in einen Krieg stürzen, oder was?“ blaffte der Quattuorvir von vorhin zurück, während der Dienstälteste jetzt auch die zweite Hand nahm, um sich die Schläfen zu reiben. Der gekränkte Römer sagte hingegen erst einmal gar nichts mehr.
    Mein Vater war lange Jahre lang der angesehenste Haruspex des ganzen Reiches. Er hat viele Male sein Wissen weitergegeben und dieser Stadt mehr als nur ein Dutzend Mal den göttlichen Willen erläutert. War sein Rat je falsch? Hat er sich jemals in den Zeichen geirrt? Hat er JEMALS...“
    ES REICHT! Als der Älteste hinter seinen Händen so heftig wieder auftauchte, sahen ihn alle nur groß an. Keiner machte auch nur noch einen Mucks. “sind wir denn Wilde, die sich gegenseitig anfallen? Sind wir Tiere, die nur wild die Zähne fletschen und sich anknurren müssen wie die Hunde, die sich um ein Stück Abfall balgen? Wir sind Tarquinia! Hier herrscht die göttliche Ordnung! Benehmt euch also so!“ Es folgten einige heftige und rasselnde Atemzüge, während denen kein einziger der anderen auch nur das leiseste Geräusch von sich gab. Den alten Mann hatte noch keiner von ihnen jemals schreien hören.
    “So, nachdem wir nun wieder wie ehrbare Männer miteinander reden können: Es ist tatsächlich nicht so einfach. Das Collegium Haruspicum wählt nicht wie die römischen Familien einfach einen erwachsenen Mann für ein Amt, der dieses eine Zeit lang ausübt und wieder weggibt. Man wählt eine Familie, wählt ein Kind, dass es die Kunst lernen möge, sie in Jahren verfeinern möge und schließlich alles Wissen, das wir ihm geben können, in sich vereinige. Haruspex, ob mit Sitz im Collegium oder ohne, ist man für sein Leben lang. Das ist nicht wie die römischen Ämter. Man kann es nicht ablegen, von den Göttern erwählt worden zu sein. Das Collegium könnte diese einundzwanzig aus ihren Reihen ausschließen, aber sie blieben dennoch Haruspices. Und die Frage nun ist, ob ein Kaiser, rechtmäßig oder nicht, sich in dieses göttliche Prinzip einmischen darf.“
    Das Schweigen dauerte an. Und schließlich war es auch nicht Cilnius, der das Wort ergriff. “Natürlich hat der Kaiser nicht das Recht, sich über göttlichen Willen hinwegzusetzen. Aber sollten wir ihm nicht trotzdem zuwillen sein? Wir liegen nahe an Rom. Und ein Krieg zieht auf. Schon einmal wurde unsere Stadt erobert von ihnen. Und sämtliche Verbündeten sind weit weg.“
    “Aber sie werden kommen. Und sie werden siegen! Fragen wir doch noch einmal die Götter, auch gerne durch jeden Haruspex, den du bestellen willst. Die Zeichen sind eindeutig. Und wir müssen uns auf ihre Seite stellen. Das ist keine Frage des Wollens, es ist eine Frage der Bestimmung!“
    “Und doch sind wir nur Menschen und können auch irren, Cilnius. Und wir tragen Verantwortung für viele Tausende, nicht nur in unserer Stadt. Wohin Tarquinia geht, dahin folgt auch der Rest Etrurias. Es ist keine Entscheidung, die wir leichtfertig treffen sollten.“
    “Dein Enkel steht ebenfalls auf der Liste.“
    “Ich weiß. Und es macht die Entscheidung nicht einfacher.“

  • Die Besprechung dauerte lange, und die Standpunkte waren auch recht eindeutig verteilt. Cilnius beharrte auf einer möglichst eindeutigen Einmischung in den Krieg durch Beziehung einer klaren Position zu Cornelius Palma und den Truppen Germanias. Der Römer hatte Probleme, den Gesprächen in der für ihn eigentlich fremden Sprache zu folgen und traute sich nicht, allzu offensichtlich Position zu beziehen. Einer der Quattuorviren tat es dafür umso mehr, indem er wiederholt auf die Nähe Roms verwies und die Unmöglichkeit, die Stadt gegen sämtlichen stadtrömischen Kontingente aus eigenen Mitteln zu halten. Trotz befestigter Stadtmauer und dem Segen der Götter. Der eine Decurio stimmte eher dem einen zu, der nächste eher dem anderen. Der älteste Decurio schließlich versuchte in dieses Gewirr eine nicht vorhandene Ordnung zu bekommen und wägte das Für und Wider ab.
    “Geehrte Ratsherren, ich höre euer aller Bedenken, aber dennoch bleibt die Frage nach einer Lösung offen.“ Bevor die beiden extremen Lager wieder lautstark aufbegehren konnten, hob er beschwichtigend die Hand und unterband damit sofortigen Einspruch. “Sowohl die göttlichen Zeichen als auch die Gepflogenheiten unserer geehrtesten Gesellschaftsmitglieder, den Haruspices, müssen selbstverständlich beachtet werden. Und doch sind wir nur Menschen und verantwortlich für viele Leben, die innerhalb dieser Mauern Schutz suchten, und für mehr noch in Etruria und selbst darüber hinaus. Von daher sollten wir unsere Antworten mit Vorsicht wählen, um nicht vorschnelle Konsequenzen heraufzubeschwören.“
    Es entstand ein Schweigen im Raum, das erst nach einer ganzen Weile wieder von Cilnius durchbrochen wurde. “Und wie sollte also eine solche Antwort aussehen? Eine Antwort werden wir nach Rom zurücksenden müssen, immerhin erwarten sie Antwort von uns.“
    “Deshalb sollte unsere Antwort so neutral wie möglich gehalten sein.
    Cilnius murmelte etwas, das sich dezent nach “Feiglinge“ anhörte, doch hatte ihn die vorangegangene Diskussion wohl seiner Energie beraubt, laut aufzubegehren. So setzte er sich nur etwas abgewandt zum Rest, der nun über die Formalia des Briefes und den einzelnen Formulierungen brütete. Nur dann und wann beteiligte er sich und stieß einen Satz oder Gedankengang an, der von den Schreiberlingen auf Wachs festgehalten wurde, damit sie später in Schönschrift zu Papyrus gebracht werden konnten.



    An das Collegium Harusicum LX
    Romae



    Werte Mitglieder unseres höchst verehrten Ordo,


    bezüglich eurer Anfrage erklärt die Stadt Tarquinia in Übereinstimmung mit dem Sitz der Haruspices und den Schriften der Tarchon, dass wir der Bitte des Kaisers nicht nachkommen können. Ein Haruspex ist ein Haruspex, egal, wo er sich befindet und welche Umstände sich sonst um seine Person ergeben. Die Lehren dieses Studiums können nicht ungelernt gemacht werden, Wissen nicht ungewusst gemacht werden. Von den Göttern zum Haruspex durch das heilige Los und die Tradition erwählt zu sein ist göttliche Ordnung, gegen die kein Mensch verstoßen darf.
    Daher bedauern wir, dem Kaiser seine Bitte abzuschlagen. Wenngleich proskribiert, bleiben die benannten Männer dennoch in ihren kultischen Ämtern, wie es die göttliche Ordnung für sie vorgesehen hat.
    Mögen sie auch die kommenden Ereignisse nach ihrem Willen ordnen.




  • Sehr lange hatte es die Stadt geschafft, keine Position zu beziehen, sehr lange war debattiert worden. Letztlichen Ausschlag gegeben hatten Berichte aus Rom, dass die Stadt anfing, im etrurischen Umland Getreide anzufordern. Die Etrusker hatten sicher viel dem römischen Volk zu geben, aber ganz gewiss nicht ihre Getreidevorräte. Das Land war nicht dafür ausgelegt, mehr Menschen zu ernähren als in den Städten rund herum wohnten. Ganz gewiss konnte es nicht eine Millionenstadt wie Rom noch miternähren, waren die alten Städte des Etruskerreiches doch ebenfalls nicht bevölkerungsarm.


    Und so war schließlich eine Entscheidung gefallen, die nicht mehr so einfach zu verschleiern wäre. Die Haruspices wurden ausgeschickt, auch an die anderen Städte des einstigen Reiches die mit Zustimmung der Götter getroffene Entscheidung auch dort zu verkünden. Die Stadtmauern wurden ausgebessert. Die noblen Familien der Stadt versicherten sich ihrer Bewaffnungen, gaben bei Schmieden weitere in Auftrag, rüsteten ihre Klienten und Sklaven aus. Die ärmeren Leute der Stadt ließen sich für die Stadtwache anwerben, von reicheren Familien anheuern, oder verkrochen sich einfach, um dem ganzen möglichst zu entgehen. Schon einmal war Tarquinia eingenommen worden, auch wenn es mehrere Jahrhunderte zurücklag. Und damals die ganze Macht der Römer sich gegen die Stadt konzentriert hatte. Dennoch war die Angst groß, es könnte erneut passieren.
    Aber zunächst einmal war Tarquinia befestigt, bewaffnet, und nicht mehr an Rom gebunden. Die anderen etruskischen Städte – Arretum, Pisae, Luca, Bononia, Placentia, Mantua – würden gewiss folgen. Tarquinia verkündete den Willen der Götter. So war es stets gewesen, so würde es immer sein.

  • Marcus Cilnius Lanatus blickte über die Mauern der Stadt nach draußen. Man hatte alles befestigt, die Truppen aufgestockt, die Bevölkerung vorbereitet. Doch nichts war geschehen. Rom war nicht gekommen, obwohl man so viel dazu getan hatte, eben das zu provozieren. Rom war nicht gekommen.
    Dafür waren Vertreter aus den anderen Städten des alten Zwölf-Städte-Bundes gekommen, beratschlagten in der Curie über die Dinge, die folgen sollten. Auf dem Feld vor der Stadt, auf der Flussebene, stand eine Armee bereit. Man hatte sich darauf eingestellt, sich mit Prätorianern zu messen, mit Truppen unter dem Befehl von Vescularius Salinator selbst vielleicht. Nun standen sie nutzlos herum.
    Man hatte beratschlagt, ob man einen Teil in den Norden schicken sollte, um die Truppen aus Germania zu unterstützen. Aber nach der Flutung der Padus-Ebene war dieser Gedankengang verworfen worden. Wie auch immer die Prätorianer es geschafft hatten, an ihnen vorbei zu kommen und in geradezu atemberaubender Zeit diese Hindernis hinter sich zu lassen, man war sich sicher, dass man auch mit Hilfe der dortigen Bevölkerung, die einem sicher sein konnte, dieses Meisterstück mit den eigenen Truppen kaum rechtzeitig würde bewerkstelligen können. Und sollten die nördlichen Legionen verlieren, war ihre Streitmacht wahrscheinlich nicht stark genug, um sich alleine mit den Resten der östlichen Legionen und den Prätorianern noch dazu zu messen, sofern diese nicht nur einen Pyrrhus-Sieg errungen hätten.
    Doch was machte man nun, da Rom nicht kam?


    Marcus Cilnius Lanatus sah in den Himmel auf. Hoch oben zog ein Adler seine Kreise. Der Haruspex beobachtete das Tier, wo es flog, wie es flog. Mit einem Mal stürzte der Adler sich nach unten, auf ein freies Stück Feld hinab. Der alte Cilnier kniff die Augen zusammen, um schärfer sehen zu können, was den Adler so angelockt hatte. Dort unten war ein Tier. Ein Fuchs? Ein großer Hund? Vielleicht auch ein Wolf. So gut waren seine Augen nicht mehr, es mit Sicherheit sagen zu können. Die beiden Tiere balgten sich. Offenbar hatte der Canide Beute geschlagen, die der Adler ihm abzunehmen versuchte. Und nun zogen beide an dem frischen Kadaver.
    Wie der Kampf ausging bekam der Haruspex nicht mehr mit. Er hörte hinter sich eilige Schritte, ein abgehetztes Keuchen. Ein Bote war gekommen, nicht zu ihm, zu den Vertretern der Zwölf Städte in seiner Nähe, die sich über die Truppen am Fuß des Berges beratschlagten. Es war ein junger Mann, einer ihrer Spione, die sie ausgesandt hatten in den Süden. Natürlich hatten auch sie ihre Augen und Ohren, ihre Kundschafter. Und ihre Freunde.


    Das Mann klappte beinahe zusammen, als er vor dem erwartungsvoll dreinschauenden Konzil zum stehen kam und ihnen eine Lederhülle entgegen hielt, in der sich eine Botschaft an die Führer dieser Zusammenkunft befand.
    [/b]“Er ist da“[/b], keuchte er, während einer der Quattuorvirn Tarquinias das Siegel an der Hülle brach und die Nachrichtentafeln herausholte. “Cornelius ist in Italia. Im Süden.“
    Und mit einem Mal wusste Lanatus, dass das auf der Ebene ein Wolf gewesen war, der sich mit dem Adler um die Beute gestritten hatte.

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