Officium Gubenator Titus Vorenus Nero

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    Mit der freien Hand klopfte Sabaco deutlich an die Tür des Officiums. In der anderen hielt er eine großformatige Tabula, die bis in die letzte Ecke beschrieben war. Natürlich nicht von ihm selbst, seine Handschrift war eine Sauklaue, sondern von dem Scriba, den er sich zu diesem Zwecke ausgeborgt hatte.

  • Nero saß gerade gut gelaunt an seinem Tisch und ließ sich sein zweites Frühstück aus Trockenfürchten, Brot und Hartkäse schmecken. Ausgerechnet jetzt klopfte es.

    "Reinkommen!", rief er laut dem Besucher entgegen und bis erneut von seinem Brot ab.


    Das konnte heute nur einer sein, Publius Matinius Sabaco, jener Mann der die Lagerbestände kontrollieren durfte. Nero freute sich darauf, was dieser herausgefunden und notiert hatte. Er war neugierig, wie gut der Mann einen Befehl ausgeführt hatte der ihm sichtlich zuwider gewesen war. Nun sie alle mussten Befehle befolgen und manche davon gingen einem gegen den Strich. Nero lehnte sich zurück und wartete ab, bis Sabaco eintrat.

  • Sabaco hatte sich vorgenommen, Nero die bis zu allen Rändern in winziger Schrift beschriebene Riesentabula auf den Schreibtisch zu legen, doch jetzt stand dort strategisch geschickt dessen Essen. Warum aß der Gubernator allein? Sabaco kam zu einem traurigen Schluss. Aber weil Vorenus Nero ein Arsch war, hielt sich sein Mitleid in Grenzen. Dass Nero der keine Freunde hatte, nicht mal Kameraden, die mit ihm essen wollten, hatte er sich selbst zuzuschreiben. Geschah ihm recht. Sollte er versauern.


    Sabaco schlug sich mit der Faust kraftvoll auf die Brust. "Gubernator Vorenus Nero! Suboptio Navalorum Matinius Sabaco. Ich habe den gewünschten Bericht über die Inventur im Armamentarium."


    Er hielt ihm die gigantische Tabula über den Tisch hinweg hin. Die Rückseite war genau so winzig und genau so ausfüllend beschriftet wie die Vorderseite.


    "Und ich finde, die Tuniken sind zu dünn!"

  • Nero schaute zu Sabaco auf, nahm noch einen großzügigen Bissen Brot und Käse und spülte alles mit Posca herunter. Sorgsam wischte er seine Finger an seiner Tunika ab, dann griff er in aller Gemütlichkeit nach der gereichten Tabula. Der Blick von Nero senkte sich auf die Schrift und hob sich dann zu Sabacos Gesicht. Die Tabula war riesig, die Schrift winzig. Er sollte diesen Unhold seine Mäuseschrift vorlesen lassen. Grimmig senkte sich der Blick des Gubernators wieder auf die Zeilen. Während er las, sprach er kein Wort, aber Sabaco sah, wie es im Gesicht des Gubenators arbeitete. Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn und zog sich hinab bis zwischen die Augen. Grimmiger hatte wohl noch niemand eine Tabula angestarrt als Nero. Nachdem er mit der Vorderseite geendet hatte, begann er die Rückseite.


    Bei Neptun, da war die Tabula genauso winzig beschriftet. Nun er wollte schließlich einen vollständigen Bericht und für seine grausige Handschrift, konnte er Sabaco schließlich nicht bestrafen. Als er geendet hatte, warf er die Tabula auf einen seiner Beistelltische, lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Hände über seinem nicht vorhandenen Bauch.


    "Gute Arbeit Suboptio, aber Du hast miserabele Handschrift. In Deiner Position solltest Du daran feilen. Stell Dir vor Du erteilst einen schriftlichen Befehl. Ehe dieser gelesen worden ist, hat sich der Grund für den Befehl vermutlich schon in Luft aufgelöst. Zu Deinem Einwand, die Tuniken wären zu dünn, dem kann ich nur zustimmen. Vorschläge zur Abhilfe?", hakte Nero nach und musterte Sabaco stechend. Wer Kritik bei ihm vorbrachte, sollte auch eine Lösung anbieten können.

  • Dass dies nicht seine Handschrift war, sondern die des Scriba, behielt Sabaco für sich. Seine eigene wäre schlimmer ausgefallen. Neros Ärger über den "Limes aus Lettern" war zu Sabacos gehässiger Freude offensichtlich, jedoch reagierte der Mann anschließend professionell. Er ließ sich sogar zu einem Lob herab, was Sabaco seinerseits fast ein schlechtes Gewissen gemacht hätte. Aber nur fast.


    "Ich werde an meiner Handschrift arbeiten, Gubernator. Mein Bruder hat mir ein paar Tuniken aus sehr gutem Gewebe zukommen lassen. Dick, stabil, weich und warm." Flauschige Kuscheltuniken, die Sabaco in seiner Freizeit trug, da sie für den Dienst die falsche Farbe hatten - Braun statt Blau. Auch zum Schlafen nahm er sie gern. "Ich könnte eine holen, damit du dich davon überzeugen kannst. Wo mein Bruder sie gekauft hat, weiß ich nicht, aber das kann man in Erfahrung bringen."

  • Nero nickte knapp auf die Äußerung hin, dass Sabaco an seiner Handschrift arbeiten werde. Vermutlich würde er so lange üben, bis sie so klein war, dass niemand außer er selbst sie lesen konnte. Zuzutrauen war es ihm. Nero wischte den Gedanken beiseite und hörte sich an, was Sabaco über die Tuniken zu sagen hatte. Ohne jeden Zweifel waren die vorhandenen für die Witterung zu dünn. Der Wind pfiff durch alle Ritzen wie man so schön sagte. Einge Kameraden waren sogar dazu übergegangen sich wie Sklaven Lappen um die Lenden zu wickeln. Eine weiche, warme Tunika konnte ein derartig würdeloses Verhalten verhindern.


    "Ich bin gespannt auf die Tuniken, nur zu. Hol ein Muster umgehend her, ich warte auf Dich aber spute Dich", antwortete Nero neugierig.

    "Alles weitere klären wir, sobald Du mit einer der Tuniken zurück bist", fügte er an und nahm wieder sein Brot und Käse zur Hand.

  • Der Gubernator musste sich nicht lange gedulden. Sabaco brachte ihm eine seiner Tunikas, die sich bereits als Stoffbündel schwer anfühlte. Argwöhnisch betrachtete er die fettigen Finger von Vorenus Nero, reichte ihm dann aber doch das kastanienbraune Kleidungsstück. Dick und weich war die Wolle, kein bisschen kratzig, die Ränder gut genäht. Auch an den Ellbogen, wo der Stoff schnell dünn wurde, waren noch keine Anzeichen von Abnutzung zu erkennen. Der Stoff war äußerst dicht gewebt, dick und schwer wie eine Decke. Manch einem vielleicht sogar zu dick, doch das kam auf den Zweck an. Sabaco hatte noch nie ein Kleidungsstück derart geliebt.

  • Nero bemerkte den kritischen Blick von Sabaco und stimmte ihm stumm zu. So konnte er die Tunika nicht anfassen. Er griff sich dass Tuch, in dem das Brot eingeschlagen gewesen war und reinigte sich gründlich die fettigen Finger. Erst dann nahm er die dargebotene Tunika von Sabaco entgegen. Nero runzelte die Stirn und tastete den Stoff ab. Seine Finger glitten über das Material, die Nähte und schauten derart akribisch, als suchte er nach einem Webfehler. Der Gubernator blinzelte in Zeitlupe.


    "Verdammt! Verdammt ist diese Tunika warm und weich. Wie kommen wir für unsere Truppe an die Tuniken? Und eine Frage, was kostet diese? Nenn mir einen vernünftigen Preis Sabaco", forderte Nero den Mann mit ungläubigem Blick auf.


    Nie wieder eisige Eier, dass musste man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Nun oder besser nur heimlich durch den Kopf.

  • Die Frage erwischte Sabaco auf dem falschen Fuß. Er starrte den Gubernator eine Weile schweigend an.


    Die ist unverkäuflich! Die ist von meinem Bruder, die ist heilig, wollte er sagen und ihm die Tunika aus den Händen reißen und sie wie einen Schatz in Sicherheit bringen, denn das war sie für ihn. Wer noch nie im Leben wirklich gefroren hatte, konnte nicht verstehen, was ein Geschenk wie solch eine Tunika bedeutete. Man schenkte damit nicht nur ein Kleidungsstück, sondern ein Stück Schutz, Fürsorge und Wärme. Sie bedeutete so viel und Sabaco behandelte die Kleider, die Ocella ihm geschenkt hatte, wie Reliquien.


    Doch so wie der Gubernator dreinblickte ... Sabaco schluckte seine Worte herunter. Der Mann wusste sehr wohl, was er da in den Händen hielt. Dass ihm jemals einer warme Klamotten geschenkt hatte, war zweifelhaft.


    "Behalt sie", sagte er schließlich und hörte auf, den Mann anzustarren. "Ich kann mir eine Neue organisieren. Ich werde meinen Bruder fragen, wo er sie gekauft hat. Das muss hier in Mogontiacum gewesen sein. Und erteile dir dann Bericht, wenn es recht ist."

  • Nero schaute von der Tunika auf und starrte Sabaco in die Augen. Behalte sie... bis die Worte von seinen Ohren in seinen Verstand gesickert waren und ihre Bedeutung entfalteten, benötige es einen Moment. Neros Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, in der Hoffnung die Tarnung zurückzugewinnen die er sonst eisern aufrecht hielt. Aber eine verrutschte Maske war genau dass. Saba hatte einen Moment dahinter geschaut und gesehen, dass sich weit mehr hinter dem Kotzbrocken verbarg, den Nero gerne zur Schau trug. Für einen Bruchteil einer Sekunde war Nero geneigt das Angebot abzulehnen. Bis ihm schlagartig dämmerte, wieso Sabaco hinter die Maske geschaut hatte. Der Mann vestand ihn, die Frage wieso erübrigte sich.


    Der Blick von Nero wurde milde.

    "Danke".


    Eine schlichte Antwort, bestehend aus einem einzigen Wort, dass mehr aussagte als ein gesamtes Lexikon in diesem Moment. Kaum ausgesprochen sah Sabaco wie das Gesicht des Gubernators förmlich versteinerte. Die Maske saß wieder an Ort und Stelle.


    "Kümmere Dich sofort darum und korrigiere dabei gleich die Farbe. Pro Mann zwei Stück, sieh zu dass die Bestellung schnellstmöglich aufgegeben wird", befahl Vorenus ernst aber dennoch eine Spur umgänglicher, als üblich.

  • "Jawohl, Gubernator!" Sabaco schlug sich mit der Faust auf die Brust, ehe er formvollendet nach draußen marschierte und die Tür hinter sich schloss.


    Als er wieder in ein natürliches Bewegungsmuster fiel, merkte er, wie angespannt er gewesen war. Der Besuch bei Nero hatte etwas davon, in den Bau eines fauchenden Luchses zu kriechen. Man wusste, er würde einen nicht töten, aber angenehm würde es auch nicht werden.


    Und die Tunika ... war weg. Das vertraute Gefühl eines nicht zu verhindernden Verlusts überkam Sabaco und mit ihm eine Gleichgültigkeit, die das eigentliche Gefühl so zuverlässig erstickte wie eine Feuerdecke die Flammen. Anstatt den Verlust seiner Lieblingstunika zu beklagen, die er vor wenigen Augenblicken noch wie eine unersetzliche Reliquie behandelt hatte, machte er sich daran, seiner Aufgabe nachzugehen.

  • Nero wartete ab, bis Sabaco das Officium verlassen hatte. Dann räumte er in Ruhe sein Essen beiseite und untersuchte die Tunika eingehend. Warm und weich war sie. Heute freute er sich auf die Nacht, er würde warm und wohlig schlafen und das seit einer gefühlten Ewigkeit. Wann hatte er das letzte Mal nicht gefroren? Nero konnte sich nicht daran erinnern.

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