Vorboten des Sturms - Vorbereitungen auf die Operation Sommergewitter

  • Vorboten des Sturms

    Vorbereitungen auf die Operation Sommergewitter


    Die Zeit des Wartens war vorüber. Germania würde brennen. Allgegenwärtig schienen die Reiter der Turma Secunda. Die Kontrollen von Reisenden und Händlern wurden verschärft. Die Einheit bereitete sich systematisch auf die Strafexpedition vor. Die Patrouillen erfolgten dichter, unbarmherziger, drangen in Gebiete vor, die bislang vernachlässigt wurden. Das tägliche Training war hart für Mensch und Tier und nicht jeder war dem gewachsen. Schwache Soldaten wurden gegen stärkere Männer ersetzt, Pferde gegen bessere getauscht.


    Mit dem Verschwinden der Turma Prima rückte die Turma Secunda auf den Platz an der Spitze. Doch fehlte ihr das Ehrgefühl, das die Prima unter Germanicus Varro charakterisiert hatte. Nur den zähesten, willensstärksten und skrupellosesten Kriegern wurde die Ehre zuteil, in der Turma Secunda zu dienen. Decurio Matinius Sabaco besetzte seine Turma mit einem Trupp von menschlichen Raubtieren, die nach Feindesblut lechzten, und nährte ihre Skrupellosigkeit. Die Operation Sommergewitter würde ein Ansturm von entfesselten Bestien werden.


    Die Dunkelheit nahm zu. Mit der Turma Prima hatte die Ala ihr Licht verloren.

  • Der Regen hörte von einem Tag auf den anderen auf. Beinahe erstaunt blickten die Soldaten an diesem Morgen in den blauen Himmel, die Augen gegen das Licht zusammengekniffen, als hätten sie vergessen, dass es eine Sonne gab. Nach dem finsteren Winter wirkten ihre Gesichter bleich und kränklich, man sah deutlich ihre Augenringe und jede Hautunreinheit.


    Die heutige Patrouille hatte den Charakter eines Ausritts. Weder Germanen noch Römer waren an diesem ersten Frühlingstag auf Kampf aus. Die Reiter freuten sich über die Sonne und den süßen Duft der Wildkirschen, der geradezu pervers durch den Geruch von Leder, Eisen und Schweiß der Soldaten verunreinigt wurde. Manch einer zog die Alkoholfahne des Vorabends hinter sich her. Ihre Frühlingsgefühle äußerten sich in besonders derben Sprüchen und darin, dass am Abend die meisten auf der Suche nach einer Gelegenheit in den Gassen von Mogontiacum verschwinden würden.

  • Die morgendliche Kälte kroch durch die Kleidung der Soldaten, als sie die Baracken verließen. Die Patrouille der Ala kam gut voran. Trügerische Stille lag über der Provinz. Der Feind schwieg, doch er schlief nicht. Anschließend war kein Feierabend: Es stand noch eine Waffenübung mit Pfeil und Bogen auf dem Dienstplan. Sabaco beobachtete und zog seine Schlüsse.


    Besonders gut machte sich der Winzling namens Iullus Seius Iunianus Fango. Der Bursche war sensibel und wäre er nicht der Junge von Stilo, hätte Sabaco ihn aus der Secunda gekickt. Doch nun war er eben hier und schießen, das konnte Fango von den Equites dieser Turma am besten. Sabaco erkannte auch, warum das so war. Der Kleine war ein Kopftyp, klug und konzentriert. Das kam ihm für das Schießen - eine Kampfdisziplin, in der seine geringe Körpergröße kein Nachteil war - entgegen. Einen Pfeil präzise ins Ziel zu bringen, erforderte einen wachen Geist.


    Sabaco trat bei passender Gelegenheit an Andriscus und Cimber heran und wies unauffällig auf Fango, als dieser nicht hinsah. Sabaco sagte jedoch nichts, die Ausbilder würde selbst sehen, warum der Decurio ihre Aufmerksamkeit auf diesen Schützen lenkte. Diesen jungen Eques galt es, im Auge zu behalten und ihn weiter zu testen.

  • Cimbers Blick folgte dem von Decurio Sabaco, kein Geringerer als Fango hatte sich durch seine besondere Zuverlässigkeit und seinen Fleiß hervorgetan. Im Bogenschießen war Fango erstklassig und Cimber konnte Sabaco nur beipflichten. Auch er schaute zu Fango, jedoch als alle Blicke bereits wieder von ihm abließen, schenkte Cimber seinem Mündel ein Lächeln und nickte anerkennend. Die Fähigkeiten die er schon jetzt so vortrefflich beherrschte musste Fango ausbauen und genau darauf aufbauen.


    Er hatte seine Nische gefunden, das was ihm lag. Möglicherweise wusste es Fango noch nicht einmal selbst. Aber Sabaco wusste was er gesehen hatte und Cimber auch. Umbrenus war stolz auf die Leistung von Fango.

  • Der Raureif auf den Gräsern schmolz im Licht der aufgehenden Sonne. Ein weiteres Mal zog die Patrouille an der Grenze entlang. Heute hatte Sabaco ein paar frisch von der Tertia in die Secunda versetzte Neulinge dabei, die sich recht gut machten. Der Decurio war zufrieden. Die Zusammensetzung seiner Einheit näherte sich der Vollendung.


    Natürlich gab es auch Streit und Machtgerangel, das gehörte zum Zusammenleben dazu, besonders bei einer so durchsetzungsstarken Truppe. Während der Patrouillen, aber auch bei den Übungen gewöhnte man sich aneinander, aus vielen wurde eins. Es kam nicht darauf an, dass sich immer alle vertrugen. Da war die Secunda wie jede andere Turma: Sie durchlebte Grüppchenbildung und Fehden, Rivalitäten und Eifersüchteleien. Entscheidend war, dass sich im Ernstfall trotzdem alle aufeinander verlassen konnten. Daran durfte niemals je gerüttelt werden.


    Nicht immer mit dem Wind zu segeln, sondern gemeinsam dem Sturm zu trotzen: Das war die Bedeutung von Kameradschaft.

  • Der weiße Morgennebel kroch vom Fluss über das Land. Auf der Römerstraße herrschte reger Handelsverkehr, der die Reiter der Ala aufhielt. Sie kamen aufgrund der Karren langsam voran, und wenn sie noch so sehr ihren Platz beanspruchten und manch Händler im Straßengraben landete. Als die Sonne sich neigte, war die Castra noch nicht zu sehen. Die Turma II fürchtete um den wohlverdienten Feierabend.


    Als die Dämmerung sich zu Anthrazit verdunkelte, erreichten sie endlich das Standlager der Ala I Aquilia Singularis. Vor den Toren erwartete die Soldaten eine Menge Zelte und Wagen fahrender Händler, die allerlei Waren und Dienstleistungen feilboten. Dass es Nacht wurde, tat dem Geschäft gut, denn jetzt genossen die Soldaten eine Stunde Freizeit. Außer die Turma II, die nach dem langen Ritt gerade erst heimkehrte und noch ihre gesamte Ausrüstung wieder einsatzbereit herrichten und in die Therme gehen musste.


    Als sie endlich alle Pflichten hinter sich gebracht hatten, war die kurze Gelegenheit zur Freizeit vorüber und jeder hatte in seinem Bett zu liegen. Nach dem anstrengenden Tag waren sie allerdings zu müde, um deswegen schlechte Laune zu schieben.

  • Es hatte in der Nacht geregnet und die Morgenluft duftete frisch. Auf der Römerstraße überholten die Reiter eine Centuria der Legio XXII Primigenia, die einen Übungsmarsch durchführte. Man grüßte, doch hielt sich nicht auf. Beide Einheiten hatten ihre Aufgaben zu erledigen. Tief drang die Turma Secunda heute nach Germania vor. Sabaco ging alles zu langsam. Die Vorbereitungen zogen sich in die Länge. Er riss sich sehr zusammen, seinen Frust nicht an den Männern auszulassen, sondern den Dingen die Zeit zu geben, die sie brauchten.


    Die Nacht mussten seine Soldaten unter den aufmerksamen Augen von Wachposten in einem Feldlager auf dem feuchten Boden verbringen. Sie waren zu weit ins Hinterland vorgedrungen, um heute noch umzukehren. So nutzten sie ihren Schild und das Sattelfell als Liege, den Mantel als Decke. Sabaco fand keinen Schlaf, Unruhe trieb ihn auf die Beine und er witterte in die Nacht hinaus. Unter der Sichel des abnehmenden Mondes setzte er sich zu Brandolf, der Wache schob, und leistete ihm Gesellschaft. Leise unterhielten sie sich, wie Sabaco es oft getan hatte in den letzten Wochen, um seine Equites kennen zu lernen. Diese Männer hatte er handverlesen dürfen. Diesmal hatte er darum mehr Glück oder vielleicht lag es an seiner größeren Erfahrung, aber die Turma II harmonierte besser mit ihm als seine Einheit bei der Classis.


    Nach einer Weile war Sabaco entspannt genug, sich auf seinem Schild zur Ruhe zu legen. Er fühlte in sich hinein, ob er Ocellas Nähe spürte, redete sich ein, der Bruder sei nah. Sie müssten nur noch weiter reisen, noch tiefer vordringen in die Wälder von Germania Magna ... hinein in die Schatten der uralten Bäume.

  • Feuchte Erde und Moos.Catualda presste sich in den Schatten des Waldbodens. Nasses Laub bildete sein Bett, wo er an Ort und Stelle lautlos niedergesunken war. Genau vor ihm schlugen sie ihr Lager auf. Er wagte nicht, sich davonzuschleichen, um die nächste Ortschaft noch vor Sonnenuntergang zu erreichen. Seine physische Reise war für heute vorbei. Sein Weg setzte sich auf andere, unsichtbare Weise fort, einem Schicksal zustrebend, zu dem ihm noch keine Zeichen offenbart worden waren.


    Diese Nacht wurde eine Zerreißprobe für seine Nerven. Er kannte den Decurio. Er kannte einige Gestalten, mit denen Phoca sich umgab. Und sie kannten ihn, den Deserteur. Wenn er in ihre Hände fiel, würden sie von ihm nichts übrig lassen. Als unfreiwilliger Lauscher lag er flachgepresst im Unterholz, mit bebendem Herz, die Geister anrufend, damit sie ihn auch diesmal sicher wieder nach Hause führten.

  • Fango fiel es schwer, bei der Nachtwache die Augen offen zu halten, als er an der Reihe war. Noch immer zehrte die Erschöpfung des Gefechts an ihm, obgleich das mittlerweile ein wenig her war. Etwas tief in seinem Inneren war zerstört worden, das nun scherbengleich schneidend in seiner Seele lag. Lange dachte er darüber nach, was das wohl wäre, um sich wach zu halten. Mit brennenden und zwiebelnden Augen starrte er in die Finsternis. Ein Kauz rief, der Wind zerrte an den jungen Blättern. Obwohl es nach Frühling duftete, waren die Nächte noch eisig.


    Fango zog seinen Mantel fester um sich, ohne dass ihm deswegen wärmer wurde. Die Haudegen, die Sabaco in der Secunda um sich geschart hatte, schienen gegen die Witterung gänzlich unempfindlich zu sein. Warum war Fango wieder mal der Einzige, der Probleme hatte? Warum traf es immer ihn, warum war er anders, was machte er falsch? Es konnte doch nicht der angebliche Wahnsinn sein, der diese Männer von innen heraus wärmte.


    Aber er konnte nicht schon wieder Cimber mit seinen Gedanken belästigen. Er wollte, dass der Ausbilder ihn für tauglich hielt, damit er aufhörte, sich um ihn zu sorgen. Zwar war das Gefühl der Fürsorge ein angenehmes, doch Cimber hatte etliche Rekruten und Soldaten zu betreuen. Da wollte nicht Fango derjenige sein, der alle Kapazitäten für sich beanspruchte, und wenn das noch so gut tat.


    Müde, mit den Füßen im Dunkeln tastend, ging er einmal außen um das Lager herum, damit ihm warm würde.

  • Der Morgen brach an, als wäre es der erste Morgen überhaupt. Ein einsamer Reiter war so gut wie lautlos durch die Nacht geritten. Seine Waffen wie alles was unnötig Lärm verursachen konnte, war in Leder eingeschlagen worden. Nun zeichnete sich das erste zaghafte Rot am Himmel ab und gab den Blick auf eine im Umhang vermummte Gestalt preis die sich erstaunlich schnell dem Lager näherte.


    Was wohl die wenigsten wussten, oder nur jene die sich mit Pferden befassten war, dass die Tiere besser als Menschen in der Dunkelheit sahen. Nächtliches Reiten bot nicht nur Abwechslung und Spaß, sondern verlangte auch besondere Vorsicht. Üblicherweise kennzeichnete man sich und sein Tier, so dass man von anderen gut gesehen wurde. All jene wichtigen Maßnahmen hatte Cimber umgedreht, so das er und Impetus mit der Nacht verschmolzen waren.


    Sein Hengst war an Ausritte in der Dunkelheit gewöhnt und wo das Pferdeauge mehr sah als das menschliche, da verließ sich Cimber auf sein Tier. Manche mochten darüber den Kopf schütteln, aber Umbrenus fragte niemanden. Impetus kam im Lager zum Stehen, Cimber stiegt von seinem Tier und führte es am Zügel.


    "Salve Decurio Matinius, melde mich zurück vom Erkundungsritt. In der Nähe von gut 20 Minuten befindet sich in nord-westlicher Richtung ein Dorf verborgen in einem kleinen Wald. Um diese Zeit werden vermutlich die ersten ihrem Tagewerk nachgehen. Wir könnten uns dort mit Proviant ausrüsten. Kaufend oder plündernd", erstattete Cimber Bericht und Impetus unterstricht die Aussage mit einem Schnauben.

  • Noch stand die Sonne nicht hoch genug, um viel zu erkennen. Sobald das Licht genügte, würde der Weckruf erklingen. Aber Sabaco schlief nicht mehr. Er strich leise durch das dunkle Lager. Schaute sich um, fand kleine Fehler im Aufbau. Ging weiter, betrachtete die Pferde, nörgelte gedanklich an der Ausrüstung herum, dachte nach. Die Secunda bestand weitestgehend aus erfahrenen Männern, aber sie waren neu zusammengewürfelt und mussten sich noch besser einschleifen.


    Als Cimber zurückkehrte, erwiderte Sabaco den Gruß, hörte der Meldung zu. Ein zuverlässiger und guter Mann, dieser Cimber. "Uns kaufend mit Proviant ausrüsten? Du meinst, die Bärte dürfen ihr Leben freikaufen, indem sie uns mit allem ausstatten, was wir benötigen!" So weit kam es noch, dass er das knappe Budget seiner Turma für Essen ausgab, das er genau so gut umsonst erhalten konnte.


    "Nach dem Weckruf haben die Männer eine halbe Stunde, dann bauen wir das Lager ab. Du wirst den Vorgang bei den jüngeren Kameraden beaufsichtigen. Das muss noch schneller und besser werden.


    Anschließend reiten wir auf direktem Weg zum Dorf. Geben die Bewohner uns ohne Mätzchen alles, was wir wollen, reiten wir weiter. Machen sie Probleme, statuieren wir ein Exempel. Ich habe es satt mit diesem Kuschelkurs, der hier jahrelang gefahren wurde.


    Und sammle den sinnlos herumspazierenden Iunianus Fango ein und erkläre ihm, was ein Wachposten macht. Wegtreten."

  • Cimber nickte knapp, zum Zeichen das er verstanden hatte.


    "Decurio in einer halben Stunde ist es bereits zu hell. Du möchtest das Dorf daran erinnern, wem die Vorräte gehören? Dann würde ich vorschlagen wir ziehen sofort die besten und schnellsten Männer zusammen und erleichtern das Dorf sofort. Heißt hinein im Schutze der Dunkelheit, wo bestenfalls einige wenige wach sind. Die Frühaufsteher halt. Und wir sind draußen, bevor sie wissen was geschah. Marschieren wir dort ein Decurio, dann bekommen sie von uns einen Vorteil geliefert. Wir liefern ihnen eine Stärkeaufstellung unserer Einheit.


    Du möchtest nichts kaufen und Du möchtest nicht verhandeln, dann dürfen wir keinen noch so geringen Vorteil aus der Hand geben. Gib mir eine Handvoll Männer und wir klären die Sache auf unsere Art. Die Frage ist, wie hättest Du es gerne? Nur Aneignung der Waren, einige Zeugen oder Asche?", bot Cimber leise an.

  • Catualda hatte genug gehört. Die ersten Meter schlich er auf allen vieren, dann ging er tief geduckt weiter. Seine Bewegungen waren zunächst sehr langsam und äußerst bedächtig, auch wenn die Zeit drückte. Erst, als er außer Sicht- und Hörweite war, begann er zu rennen. Sein volles Reisebündel schlug bei jedem Schritt um sich. Der lange Wanderstab, an dem es hing, gab Catualda bei der Dunkelheit Halt im unwegsamen Gelände. Zu Fuß konnte er einen kürzeren Weg nehmen als die Reiter. Ächzend und schnaufend brach Catualda durch das Unterholz des Waldes, der in der beginnenden Morgendämmerung grau und schwarz getönt war. Je nachdem, wie der Decurio entschied, blieb ihm vielleicht Zeit, die Dorfbewohner zu warnen.

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