Vorboten des Sturms - Aufklärungsarbeit im Herzen des Waldes

  • Eine Hand legte sich vorsichtig, ja fast behutsam auf Fangos Mund, während etwas gegen seinen Nacken piekste.

    "Leise junger Freund, ganz leise, dann geschieht Dir auch kein Unglück", flüsterte eine Stimme in Fangos Ohr.


    Gehetzt schaute sich Albwin um, der junge Mann war wirklich allein. Niemand war nachgerückt, niemand sonst schlich hier herum. Sehr gut. So kam er möglicherweise an ein paar Antworten. Zumindest hoffte er dies, aber die Verzweiflung schlicht sich schon wieder an und schnürte ihm fast die Kehle zu. Er räusperte sich leise und drückte erneut seinen Mund an Fangos Ohr.


    "Wir gehen jetzt langsam Schritt für Schritt zurück. Hilfst Du mir, wirst Du danach Deine Freunde wiedersehen", raunte Albwin, machte einige vorsichtige Schritte nach hinten und zog Fango langsam mit sich. Seine Hand blieb dabei auf dem Mund des jungen Burschen.

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  • Fangos Augen wurden riesengroß. Das Herz rutschte ihm in die Hose, die er augrund der Kleiderordnung in der Ala gezwungen war, zu tragen. Er ging die Ausbildungsinhalte durch, aber ihm fiel nicht ein, dass er je eine Anweisung dafür erhalten hätte, wie man sich im Entführungsfall zu verhalten hatte. Falls er das überlebte, würde er sich beschweren!


    Falls ...


    Schritt für Schritt folgte er dem Zug des Schurken, verzweifelt in Richtung seiner Kameraden schauend, sie gedanklich beschwörend. Er rief im Geiste nach Cimber und nach Sabaco, nach Zisimos und Alwin, doch niemand fühlte sich dazu bemüßigt, seine Aufmerksamkeit auch nur für einen Augenblick auf Fango zu richten. Alle waren mit dem Baden oder ihren Gesprächen beschäftigt, weil Fango sie ja bewachte.


    Niemand bemerkte, wie der üble Germane ausgerechnet ihren Wächter, das kleinste und jüngste Mitglied ihrer Turma, zwischen die Bäume lotste, wo der Wald ihn für immer verschlucken würde, so wie er den Vexillarius verschluckt hatte, von dem sie nicht einmal die Gebeine gefunden hatten.

  • Albwin zerrte seinen Gefangenen so gut er konnte mit sich, ohne diesen zu verletzten, zu verlieren oder selbst ins Straucheln zu geraten. Das Grün verschluckte sie, nahm beiden die Sicht auf die Römer. Für den einen Kameraden, für den anderen erbitterte Feinde. Aber noch waren sie nicht weit genug vom Lager entfernt. Die Rückwärtsreise musste seinem Gefangenen unendlich vorkommen. Albwin erging es nicht besser. Von der komischen Laufart brannten bereits seine Waden und seine Arme fühlten sich ungewöhnlich schwer an. Nun er zerrte auch nicht jeden Tag einen Mann durch den Wald.


    In einer Senke angekommen, hockte er sich hin und zerrte seinen Gefangenen mit sich.

    "Wenn ich die Hand von Deinem Mund nehme, kein Mucks. Sonst folgst Du dem letzten Burschen, der den Mund zu früh aufmachte", grollte Albwin leise. Dabei verschwieg er, dass der Mann kreischend im Dickicht verschwunden und entkommen war. An seinen Methoden musste er noch arbeiten.


    "Ich nehme jetzt die Hand weg... keine Mätzchen!", warnte Albwin leise.

  • Mit riesigen, glänzenden Augen nickte Fango. Er wollte keinen Heldentod sterben, er wollte einfach nur gesund wieder nach Hause!


    Nach Hause. Wo war zu Hause denn für ihn? Er war, wie seine beiden Brüder, aus dem Elternhaus geflohen, kaum dass er alt genug war, und hatte in der Fremde etwas gesucht, was er in der Heimat nicht fand. Gefunden hatte er den Krieg. Die Abgründe der Menschheit lagen klaffend offen. Der Krieg machte aus ihnen allen Bestien, nur er selbst konnte einfach nicht abstumpfen.


    Der Germane würde ihn am Ende umbringen und seinem toten Körper die Füße abhacken. So lief das immer, er selbst hatte mit ansehen müssen, wie ein germanischer Überfall endete. Er schniefte durch die Nase und nickte ein weiteres Mal, sich an den schmalen Strohhalm Hoffnung klammernd, den es nicht gab. Der Germane hatte keinen Grund, ihn am Ende lebend laufen zu lassen und das wussten sie beide.

  • Albwin hockte sich vor den Römer und musterte ihn mit seinem mittlerweile üblichen Blick. Sein Gefangener war jung und schaute ihn mit großen, glänzenden Augen an. Er hatte Angst, vermutete Albwin. Aber wer hatte die in diesen Tagen nicht? Für den Bruchteil einer Sekunde schaute sich Albwin um, ehe er wieder seinem Gefangenen ins Gesicht schaute. Müde sah Albwin aus, abgespannt und abgekämpft.


    "Ich benötige Informationen. Wer bist Du und wie lautet Dein Name Römer? Wie viele seid Ihr? Wer seid Ihr genau und wohin seid Ihr unterwegs? Und weshalb... weshalb habt Ihr das Dorf verschont? Nicht das ich mich darüber beschweren würde. Doch was war der Grund dafür?", fragte Albwin leise. Er hatte bewusst nach dem Namen des jungen Mannes gefragt. Der Römer sollte wissen, dass Albwins Worte ernst gemeint waren. Kooperierte er und lieferte Informationen, würden sich ihre Wege friedlich trennen.


    Es war schon genug Blut vergossen worden und Albwin war nicht hier um weiteres zu vergießen, sondern um genau das zu verhindern. Ob ihm das gelingen würde, wusste er nicht. Er war allein. Das war Vor- und Nachteil zugleich. Jedenfalls konnte er so schnell reisen und vielleicht andere Dörfer rechtzeitig warnen. Es war möglich, dass diese Römer Dörfer generell verschonten. Gewissheit gab es nicht, er benötigte mehr Informationen. Aber auch dann war nicht gewiss, was die Römer tun würden. Wer konnte Römer schon einschätzen? Albwin versuchte es.


    "Rede und mache es uns nicht schwerer als es ist. Wir beide wollen zurück zu unseren Leuten", sagte Albwin und sah dabei noch eine Spur müder aus.

  • "Ich bin Iullus Seius Iunianus Fango. Aber dass ich wirklich ein Römer bin, ist ein Zufallstreffer. Die anderen Kameraden sind fast ausnahmslos Germanen aus dieser Region! Verstehst du? Germanen!"


    Fangos Stimme zitterte, er konnte den blonden Kerl nicht einschätzen.


    "Hast du einmal Rom gesehen, also die Stadt? Den Palatium, die Aquädukte, eine aufmarschierende Legion? Dann würdest du begreifen, dass Widerstand sinnlos ist, ihr könnt diesen Krieg nicht gewinnen. Deine Brüder von der Ala haben das erkannt. Tut euch selbst einen Gefallen und hört auf damit, macht es wie eure Brüder bei der Ala und ergreift die Chance, die man euch bietet, bevor es zu spät ist! Mit einem Heldentod ist doch nichts gewonnen."


    Er konnte nur vermuten, doch als logisch denkender Mensch war er der Überzeugung, dass seine Schlussfolgerungen stimmen mussten:


    "Weil die Bewohner des Dorfes kooperiert haben, dürfen sie leben. Sie haben ohne Widerstand alles ausgehändigt, was die Ala braucht. Bis auf eines. Das, weshalb wir hier sind, konnten sie uns nicht geben. Was hast du mit mir vor?"


    Er dachte an die Römer mit den abgehackten Füßen, damit sie nach ihrem Tod nicht den Weg ins Elysium gehen konnten. Seine Augen brannten wie von großer Trockenheit und röteten sich.

  • Albwin nickte ganz langsam und bedächtigt, auf die Information hin, dass Iullus Seius Iunianus Fango ein Zufallsfang war. Ein Großteil der anderen Männer war Germanen.


    "Iullus Seius Iunianus Fango es ist gut Deinen Namen zu kennen. Ein Großteil Eurer Männer sind Germanen? Was soll ich Dir darauf antworten Iullus Seius Iunianus Fango? Weder Rom, noch seine Bauwerke habe ich jemals gesehen. Ich bin nicht immer durch das Dickicht geschlichen und habe Leuten aufgelauert. Einst hatte ich ein ganz normales Leben, mit einem ganz normalen Alltag. Ich sehne mich nach diesen einfachen Tagen zurück, als die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war. Als man am Abend die Vorplanung für den morgigen Tag vornehmen konnte. Als man für einen Monat planen konnte und bestenfalls Wind und Wetter einen Sorge bereiteten. Das scheint alles so unendlich lange her.


    Was haben meine Brüder erkannt Iullus Seius Iunianus Fango? Das Rom mächtig ist? Das habe ich auch erkannt. Du verstehst mich falsch, ich bin kein Held. Ich bin ein Niemand der versucht Schlimmeres zu verhindern. Ein Mann dessen Name unwichtig ist. Das Dorf hat überlebt, weil es kooperiert hat? Nennst Du das Kooperation? Händige mir alles aus was Du besitzt oder ich schneide Dir die Kehle durch. Wo ist da Kooperation? Wo ist da Freiwilligkeit? Das ist nichts weiter als Erpressung Iullus Seius Iunianus Fango. Haben sie Euch das erzählt? Haben sie Euch gesagt, dass es in Ordnung wäre so zu handeln?


    Kein Krieg ist gerecht oder fair, jede Schlacht ist auf ihre Art schmutzig, grausam und brutal. Keine ist besser als die andere. Du glaubst vielleicht, dass die Dorfbewohner verschont wurden. Doch so eine Kooperation vor dem Winter bedeutet nur eines Iullus Seius Iunianus Fango, Du siehst die Dorfbewohner nicht verhungern. Du ziehst ab und lässt sie mit nichts zurück.


    Zurück zu meinen Fragen. Das Dorf hat alles ausgehändigt, was Ihr benötigt. Bis auf eines. Das weshalb Ihr hier seid, konnte Euch nicht ausgehändigt werden.

    Was genau ist das? Weshalb seid Ihr hier? Was sucht Ihr? Und solltet Ihr es bekommen, werdet Ihr dann abziehen? Werdet Ihr diesen Ort friedlich verlassen?


    Was ich mit Dir vorhabe, habe ich Dir bereits gesagt. Ich glaube Du weißt nicht, woher die wahre Gefahr stammt Iullus Seius Iunianus Fango. Vielleicht solltest Du einmal die andere Seite kennenlernen. Anstatt Rom Germania. Anstatt Aquädukte Brunnen und Dorfleben statt Anonymität in einem Großstadtmoloch. Man sagt Rom ist niemals leise. Vielleicht biete ich Dir eine Chance Iullus Seius Iunianus Fango. Du siehst nicht aus wie ein Mann, der den Krieg liebt. Du siehst aus wie jemand, der in all das hier hineingestolpert ist. Genauso wie ich", sagte Albwin und betrachtete Fango eingehend.

  • Tief waren die Gedanken von Albwin. Fango kam zu der Erkenntnis, dass er keinen "Germanen" vor sich hatte, sondern in erster Linie einen "Menschen". Natürlich wusste er, dass es überall solche und solche gab, aber das zu erleben war etwas anderes, als es nur zu ahnen.


    "Du kannst Fango zu mir sagen, sonst brichst du dir noch die Zunge. Du hast so recht, Albwin. Ich will diesen Krieg nicht, er ist furchtbar. Was wir uns gegenseitig antun, so was dürfte es überhaupt nicht geben! Dass Menschen zu so etwas fähig sind!


    Glaub mir, für unseren Decurio war es absolut freundlich, dass er nur eure Habseligkeiten rauben ließ, auch wenn das für euch schlimm genug ist. Er kann viel übler werden. Das liegt daran, dass sein kleiner Bruder in den Wäldern von Germania Magna verloren gegangen ist. Die Frage, was geschieht, wenn wir ihn finden sollten, ist hypothetisch. Denn wenn du mich fragst", Fango wischte sich über die brennenden Augen, "werden wir ihn nicht mehr lebend finden. Zu viel Zeit ist verstrichen, ohne dass es den geringsten Hinweis gibt.


    Mit Vexillarius Matinius Ocella ist die gesamte Turma Prima verschwunden. Wären sie nur verirrt, müsste es Spuren geben, und irgendjemanden, der etwas weiß. Doch der Wald und seine Bewohner schweigen. Für mich deutet das darauf hin, dass jemand sie verschwinden lassen wollte und dabei sehr gründlich vorging."

  • Albwin breitete kurz die Hände aus, als Zeichen dass er Fangos Worten zustimmte.


    "Fango also. Nun dann ziehe ich gleich. Albwin ist mein Name. Menschen sind zu sehr vielem fähig Fango. Im Guten wie im Schlechten. Letzteres erleben wir beide gerade. Da denken wir beide gleich, auch ich möchte diesen Krieg nicht. Es ist grausam, was wir uns gegenseitig antun. Und es wird nie enden, jedenfalls habe ich dieses Gefühl. Wann ist der Krieg vorbei? Wenn nichts mehr von Germania übrig ist und wir alle zu Römern wurden? Oder wenn der letzte Römer gefallen ist? Wie soll das alles noch enden?


    Die Turma Prima ist verschwunden. Bei ihr war ein Mann, der gesucht wird und zwar der Bruder Eures Oberhauptes. Du kennst den Wald nicht sonderlich gut. Kein Römer scheint den Wald zu kennen und zu verstehen Fango. Das ist nicht weiter schlimm, aber deshalb übersiehst Du gerade etwas. Möglicherweise hat niemand diese Turma verschwinden lassen, sondern sie ist von selbst verschwunden. Sobald Du jemanden nicht findest, kann er verschollen sein. Aber ebenso gut ist es möglich, dass er nicht gefunden werden will.


    Und wo könnte man sich besser verstecken, als im Wald? Spuren halten sich hier nicht ewig. Zudem muss man sie finden und lesen können. Wer sollte eine Turma entführen? Wer sollte von so vielen Männern die Spuren verwischen? Der Wald schweigt sich immer aus Fango und seine Bewohner haben gelernt, das man besser nichts weiß. Wissen ist oft nicht weise, sondern gefährlich. Der Krieg hängt also von einem Mann ab, der nicht zu finden ist? Was geschieht, wenn dieser Mann gefunden wird? Ziehen die römischen Truppen dann ab?", fragte Albwin fast hoffnungsvoll.


    Der junge Mann der vor ihm saß, sah genauso verloren aus wie Albwin sich fühlte. Sie beide waren sich ähnlicher, als sie gedacht hatten. Vielleicht gab es doch eine Lösung. Alles schien von einem Mann namens Ocella abzuhängen.

  • "Das Problem ist, dass wir rein gar nichts dagegen tun können! Du musst deine Leute verteidigen und ich habe meinen Auftrag. Wir sind nur nützlich, wenn wir tun, was wir in diesen Zeiten tun müssen. Tun wir es nicht, ändert sich auch rein gar nichts, außer, dass ich wegen Meuterei hingerichtet werde."


    Die folgenden Worte brachten ihn zum Nachdenken. "Du meinst, die Turma Prima wollte verschwinden?! Du meinst - sie ist kollektiv", Fango japste vor Entsetzen, weil ihm das Wort im Halse stecken blieb, "fahnenflüchtig?!"


    Wenn das Matinius Sabaco hörte! Bei den Göttern! Er rieb sich die schmerzende Stirn, seine aktuellen Sorgen rutschten in den Hintergrund beim Gedanken an den Gefühlsausbruch, der über die Turma Secunda und ganz Germania Superior hinwegfegen würde.


    "Also angenommen, der kleine Bruder unseres Decurios würde gefunden werden und er wäre nicht fahnenflüchtig, sondern nur verirrt - dann würde Matinius Sabaco zumindest wieder bessere Laune haben, was für alle nur von Vorteil sein kann. Wenn er gut drauf ist, ist er richtig nett. Nur leider ist er das seit Winter nicht mehr.


    Was ist mit dir? Gehörst du zu dem Dorf, das uns mit Proviant ausstattete?"

  • "Du meuterst nicht, wenn Du gefangen genommen wurdest. Ansonsten hast Du Recht, wir müssen unseren Aufgaben nachkommen. Doch was genau ist unsere Aufgabe und wie können wir das hier verhindern? Warum solltest Du der einzige Römer sein, der mit seinem Schicksal hadert?


    Diese Turma Prima könnte gemeinsam beschlossen haben, dass es in Germania mehr gibt als Feinde. Das hier war ihre Chance auszusteigen und sie taten es gemeinsam als eine Einheit. Das wäre ebenso möglich. Spurlos verschwindet niemand Fango. Es gibt immer Spuren, nur muss man diese Spuren finden und lesen können. Also wenn eine ganze Einheit so verschwindet, dann ist das gewollt. Weshalb, das wissen wir nicht. Aber ich glaube sie haben selbst verschwinden wollen.


    Matinius Sabaco ist also der Mann, an dem hier alles festgemacht wird? Was ist, wenn sein kleiner Bruder vor ihm flieht und seine Kameraden mit ihm? Was treibt diesen Mann an? Wer weiß ob wir seinem Bruder einen Gefallen erweisen, wenn wir ihn zurück zu Matinius Sabaco bringen. Seit dem Winter ist der Bruder fort? Wäre ihnen etwas zugestoßen, hätte man ihre Körper schon längst gefunden.


    Ja das war mein Dorf, dass Ihr ausgeraubt habt Fango. Ich nehme Dich mit und falls jemand fragt, hast Du Dich nach besten Kräften gewehrt. Du scheinst ein anständiger Kerl zu sein. Sieh Germania mit neutralen Augen Fango und nicht als Eroberer. Unser Leben mag nicht mit Rom vergleichbar sein, aber muss es das? Lass uns gehen und nach diesem Ocella suchen. Finden wir ihn, soll er selbst entscheiden ob er zu Matinius Sabaco zurückkehrt", sagte Albwin leise und betrachtete Fango eingehend.

  • Nun war er ein Gefangener. Schlechter konnte die Situation für ihn nur noch werden, wenn man begann, ihn zu foltern, um die wenigen Informationen aus ihm herauszupressen. Nützen würden sie den Germanen nichts. Es gab jenseits des Rhenus nichts, was Rom aufzuhalten vermochte.


    "Ich weiß nicht, wie die beiden Brüder zueinander stehen", log Fango. "Aber ich weiß, dass Sabacos Schmerz abflauen würde, hätte er Ocella lebend zurück." In Wahrheit hielt er es für möglich, dass Albwin recht hatte. Sabacos Liebe war bevormundend, einengend und erdrückend und Ocella war niemand, der das genießen konnte. Falls es überhaupt so jemanden gab, der so empfand, dann war dieser Jemand nicht hier, denn Sabaco war allein und litt wie ein Hund. Nun kam ihm auch noch sein Wachposten abhanden.


    Traurig ergab Fango sich in sein Schicksal. Vermutlich war es egal, was mit ihm geschah. Er hatte keinen Einfluss auf die Geschicke der Welt oder den Verlauf der Geschichte. Er war nur ein kleiner Kerl, der versuchte, nicht zwischen den Rädern des Schicksals zermalmt zu werden. Und wahrscheinlich war er Albwin damit tatsächlich gar nicht so unähnlich, auch wenn der zumindest körperlich etwas mehr her machte als der Winzeques.

  • Cimber schaute sich nach Fango um, aber der kleine Kerl war verschwunden. Die Sache gefiel Cimber nicht, er hatte ein seltsames Gefühl. Nun das hatte er irgendwie die ganze Zeit im Dickicht, aber jetzt wo er Fango nicht mehr sehen konnte, verstärkte es sich. Langsam erhob sich Umbrenus und überschaute das Lager so gut er konnte.


    "Ich bin gleich wieder da", sagte er zu Sabaco, ehe er sich daran machte Fango zu suchen.


    Cimber fing dort an, wo er seinen Schützling zuletzt gesehen hatte. Im Anschluss arbeitete er sich in die Umgebung vor. Irgendwo musste Fango abgeblieben sein.

  • Albwin zuckte mit den Schultern. Was sollte er sagen? Wusste es Fango nicht, wer wusste es dann? Er vermutlich als Letzter.


    "Dazu kann ich leider nichts sagen Fango, ich verlasse mich auf Dein Wort. Mir sind die Personen nicht bekannt und ich weiß nicht, wie sie zueinander stehen. Es ist durchaus möglich, dass Sabacos Schmerz dadurch gemildert würde. Ich frage mich halt nur, zu welchem Preis. Auf der anderen Seite, ist es das möglicherweise wert? Ocella würde schlimmstenfalls leiden. Ich weiß nicht, was ich da richtig oder falsch mache Fango.


    Natürlich kann es auch ganz anders sein und Ocella und seine Leute stecken irgendwo fest, sie können ebenso verschollen sein oder sind geflohen. Für mich klingt es nur leider so, ich wollte Dir nicht den Mut rauben. Immerhin sitzen wir im selben Boot. Keiner von uns möchte sein wo er ist und könnten wir die Situation für alle ändern, würden wir es tun.


    Es sind schwierige und verworrene Zeiten Fango. Lass uns aufbrechen", sagte Albwin matt. Er fragte sich, wann er das letzte Mal ohne Sorge eingeschlafen war. Wann er überhaupt in letzter Zeit richtig durchgeschlafen hatte. Es fiel ihm nicht ein. Vermutlich sahen seine Augenringe bereits aus, wie Kriegsbemalung.


    Albwin stand auf und reichte Fango die Hand.

  • Cimber hatte ein ungutes Gefühl, er versuchte sich genau zu erinnern, wo er Fango zuletzt gesehen hatte. Er fand die Stelle und schaute sich dort genau um. Spuren die etwas in den Wald hinein führten. War Fango austreten gegangen und hatte sich dabei verletzt? War ihm etwas zugestoßen? Cimber suchte weiter, die Spuren auf dem Boden war noch nicht so alt, dass sie nicht deutlich zu erkennen gewesen wären. Die Ausrüstung der römischen Armee war dabei von Vorteil, ebenso ihr Schuhwerk.


    Cimber kam an eine Hecke im Unterholz, in der sich jemand verheddert hatte. Die Brombeerschlingen zeigten Spuren von einem Kampf. Noch vorsichtiger als vorher ging Cimber weiter und untersuchte den Boden.


    Da!

    Spuren!


    Zwei paar Füße und sie gingen gemeinsam rückwärts, wie man an der Tiefe des Ferseneindrucks im Boden erkennen konnte. Was beim Abgrund war hier geschehen? Die kleinen Füße konnten nur die von Fango sein, die anderen waren keine römischen Spuren. In welchen Ärger war Fango hinein gestolpert? Cimber zückte seinen Dolch und schlicht geduckt durch das Unterholz. Dabei versuchte er zeitgleich die Spuren wie auch die Umgebung im Auge zu behalten.


    Und dann sah er sie, Fango und einen fremden, blonden Kerl der über ihm stand und ihm die Hand reichte. Cimber schoss aus der Deckung und schleuderte seinen Dolch in Richtung des Blonden.

  • Albwin hatte Fango gerade die Hand gereicht, als ein Schatten aus dem Unterholz in die Höhe schoss. Im gleichen Augenblick spürte er einen beißenden Schlag im Arm. Albwin zuckte zurück und sah, dass ein Dolch in seinem Oberarm steckte. Sein Blick wechselte gehetzt vom unbekannten Römer zu Fango und zurück, ehe er sich schleunigst umdrehte und in den Wald hinein rannte. Er hoffte der Fremde nahm nicht die Verfolgung auf.

  • Gerade hatte Fango die Hand des Germanen ergreifen wollen, gerade die Finger ausgestreckt, da wurde der dazugehörige Arm durchbohrt. Fango schrie, alsvwäreves sein Arm, während der verletzte Germane in den Wald floh. Dort würde er sterben. Die Verletzung mochte vielleicht nicht tödlich sein, die folgende Blutvergiftung hingegen schon. Albwin würde nicht überleben. Nicht ohne römische Medizin.


    Fango stürzte ihm Hals über Kopf hinterher, in der Hoffnung, ihn zu erreichen, bevor der Germane sich zum Sterben in einem Erdloch einrollen konnte, wo ihn niemand mehr finden würde.


    "Albwin", quietschte Fango. "So bleib doch stehen!“

  • Ein Dolch steckte in seinem Arm und der Schreck tief in seinen Knochen. Fango hinter ihm schrie, er solle stehen bleiben. Doch seine Füße rannten und seine Gedanken überschlugen sich. Albwin verhedderte sich in den Brombeerschlingen und versuchte krampfhaft sich zu befreien. Je mehr er zerrte und zappelte, umso mehr schienen sich die Ranken in sein Fleisch zu schneiden. Der Germane wehrte sich noch eine Weile, aber dann sank er kraftlos in die Brombeeren und schaute seinen Verfolgern entgegen.

  • Fango war schneller als Cimber. Er war ein treuer kleiner Eques, doch hier war eine Situation, da er sich seinem Offizier in den Weg stellen musste. "Albwin ist nicht unser Feind, nur ein Wanderer", quietschte er. "Bring ihn nicht um. Sicher hat er nützliche Informationen!"


    Das alles sprudelte als heillose Aneinanderreihung von seinen Lippen. Entsetzt stellte er fest, dass eine Lüge sich hineingeschlichen hatte. Sofort schlug er sich die Hand auf den Mund. Entsetzt sah er nicht mehr den Offizier, sondern seinen Onkel, der ihn getröstet hatte, als niemand sonst für ihn da gewesen war. "Ich weiß nicht, ob er ein Wanderer ist oder warum er hier ist", korrigierte er sofort, vor der eigenen Verdorbenheit erschauernd, weil er seine Prinzipien verletzt hatte, wenn auch nur für einen einzigen, sofort berichtigten Augenblick, mit dem Wohl von Albwin im Blick und nicht aus Eigennutz oder um jemandem zu schaden. "Es tut mir leid."

  • Cimber hatte dem Mann hinterher gesetzt, der Fango in seine Gewalt gebracht hatte. Dann jedoch geschah das Seltsame. Fango schrie dessen Name und rannte selbst hinter dem Germanen her. Der Grund war klar, er wollte ihn retten. Mit einem Knurren steckte Cimber sein Schwert ein und folgte nun seinerseits Fango. Der Germane war nicht weit gekommen, der Brombeerbusch hatte ihn aufgehalten.


    "Albwin ist nicht unser Feind, nur ein Wanderer. Bring ihn nicht um. Sicher hat er nützliche Informationen!", sprudelte es aus Fango heraus.


    Einen Augenblick später starrte Fango ihn an und korrigierte seine Worte.

    "Ich weiß nicht, ob er ein Wanderer ist oder warum er hier ist", sagte Fango kleinlaut.


    Ein leises "tut mir leid", schob er hinterher.


    Cimber stellte sich neben Fango, schaute diesem ernst in die Augen und nickte einmal knapp. Was mit Fango los war, wusste er am Besten. Kurz legte er seinem Zögling die Hand auf die Schulter.


    "Das Albwin nützliche Informationen hat, davon gehe ich aus. Umbringen wollte ich ihn nicht, sondern Dich befreien. Das hat sich glücklicherweise erledigt und Du bist wohlauf. Vermutlich bis auf den Schrecken, den Du erlitten hast. Schneide Albwin los, damit wir ihn mit ins Lager nehmen können. Seine Wunde muss versorgt werden und wir müssen in Erfahrungen bringen, wer sich noch hier in unserer Nähe herumtreibt.


    Und Fango, mach das niemals wieder. Entferne Dich nie wieder von der Gruppe ohne jemanden Bescheid zu geben. Wo das endet, hast Du gesehen. Befreie den Burschen aus den Brombeeren", antwortete Cimber und schnaufte einmal durch. Sein Blick blieb trotzdem wachsam und bohrte sich in Albwins Augen.

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