[Genua] Der letzte Hafen vor den Alpen

  • Die Reise hatte uns von Rom aus über den Hafen Trajans an der Küste entlang nordwärts geführt. Nun leuchtete uns ein kleines Signalfeuer an der Hafeneinfahrt den Weg nach Genua. Der Himmel im Westen war in ein leuchtendes Rot getaucht, während vor uns die Lichter in den Häusern der Stadt leuchteten. Genua war keine große Stadt, aber dennoch von Bedeutung für den Nordwesten Italias. Eine Mauer schützte die Stadt, die sich auf einem Hügel über dem Hafen erhob. Oben auf dem Hügel konnte man noch die Konturen von Tempeln erkennen, während unten am Hafen die Horrea sichtbar wurden, während wir in das natürliche Hafenbecken einfuhren. Von der Stadt dazwischen konnte man anhand der geraden Linien zwischen den Häusern erkennen, dass hier ein rechtwinkliges Straßenmuster angelegt war.


    Nachdem das Schiff festgemacht hatte, ließ ich unser Gepäck unter der Aufsicht unserer Wachen entladen und organisierte einen bewachten Lagerraum in einem Horreum. Dorthin wurde unser Gepäck gebracht, ordentlich inventarisiert und die Einlagerung schriftlich bestätigt. Danach gingen wir am Hafen entlang, wobei ich das geschäftige Treiben genießen konnte. Meine serische Kleidung ließ den einen oder anderen Blick etwas länger auf mir ruhen, doch insgesamt erzeugte ich nur mäßige Aufmerksamkeit. Man merkte, dass die Menschen hier vom Handel lebten und viele Händler aus fernen Landen hier ankamen. Ich selbst erblickte auch keltiberische und nordafrikanische Trachten. Und natürlich die obligatorischen Griechen, die man wohl am gesamten Mare Nostrum erblicken konnte.


    Wir folgten der Mole, bis wir den Decumanus Maximus fanden, der uns zum Stadtzentrum führte. In der Nähe des Forums fand ich eine Taberna, die mir genehme, geräumige Gästezimmer anbot. Über den Preis inklusive Verpflegung wurden wir uns schnell einig, da ich sehr großzügig war. Und so konnten wir hier bequem nächtigen und gut speisen. Ich beschloss, den nächsten Tag noch zur Gänze in Genua zu verbringen, bevor es weitergehen würde. Die Zeit würde ich nutzen, um Maultiere und Pferde zu beschaffen, mit denen wir die Alpen überqueren konnten. Doch erst einmal freute ich mich über frischen Fisch als Abendessen.

  • Amytis blieb einen Schritt hinter Yúnzi, als sie die Taberna betraten, ihr Blick ruhte auf seinem Rücken. Die Abendluft war mild und salzig, das letzte Rot des Himmels fiel durch die offenen Fenster und tauchte seine seidene Gewandung in einen sanften, fast goldenen Schimmer. Sie spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste, nicht nur die Müdigkeit der Seereise, sondern eine leise, wohltuende Wärme.

    Während er mit dem Wirt sprach, glitt ihr Blick kurz über seine Schultern, die ruhige, selbstverständliche Art, mit der er alles regelte. Sie trat näher, so dass ihr Arm für einen winzigen Moment seinen streifte, durchaus bewusst.

    „Du machst das so… mühelos“, murmelte sie, als sie sich an den Tisch setzten. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihm direkt in die Augen sah. „In Rom wirkst du wie ein Gelehrter. Hier am Hafen wirkst du wie jemand, der die Welt schon gründlich bereist hat. Es ist schön, dir dabei zuzusehen.“

    Sie senkte den Blick nur für einen Herzschlag, strich sich eine lose Strähne hinters Ohr und fügte noch leiser hinzu: „Und noch schöner, dass ich das alles mit dir erleben darf.“

    Dann hob sie den Kopf wieder, das Lächeln nun ein wenig wärmer, während sich draußen der Abend über die Stadt senkte.

  • Dass ihr Arm mich streifte, bemerkte ich nicht. Zumindest nicht bewusst. Als sie mir sagte, dass meine Verhandlungen mühelos erschienen, nahm ich das Kompliment gerne an und quittierte es mit einem kurzen Nicken. Wenn sie nur wüsste, wie viel Arbeit doch dahinter steckte. Aber das würde ich niemals zeigen, wenn es sich vermeiden ließ. Selbstbeherrschung, Willenskraft und ständiges Lernen waren es, die mich soweit gebracht hatten. Ihr Lächeln erfreute mich, denn sie hatte ein schönes Lächeln. Und doch zuckten meine Mundwinkel nur kurz nach oben. Und doch insgesamt - Flirtete sie mit mir? Nein, das konnte nicht sein. Es wäre auch unangemessen, hatte ich sie doch als Schülerin angenommen.

    "Gelehrter, Reisender, bedingt sich das nicht gegenseitig? Man reist, um Neues kennenzulernen. Durch das Gelernte findet man sich besser zurecht. Und das erleichtert wiederum das Reisen. Außerdem denke ich, dass man nach ein paar Tausend Meilen zwangsläufig eine gewisse Erfahrung sammelt." Ich lachte kurz. "Meinst du nicht?"


    Eine ältere Sklavin brachte uns Fischsuppe, Brot, Wein und Wasser an den Tisch. Ich hatte das Essen so bestellt, weil ich es für richtig hielt, die Verbindung zum Meer nicht allzu abrupt abbrechen zu lassen, nachdem wir tagelang auf See gewesen waren. "Bitte, Amytis, Sporus, genießt das Essen." Ich selbst tat es. Was gab es auch schöneres, als mit zwei Menschen, die man gerne mochte, ein einfaches, aber sehr gut gelungenes Abendessen einzunehmen?

  • Amytis lächelte schweigend in ihre Schale mit Fischsuppe hinein, während sie Yúnzis Worte hörte. Die warme Stimme, das kurze Lachen, beides ließ etwas in ihrer Brust warm werden. Aber zunächst wollte sie das gute Essen genießen. Sie tauchte den Löffel ein, kostete den frischen Fisch und die aromatische Kräuterbrühe, bevor sie den Blick wieder hob.

    „Du hast recht“, sagte sie sanft. „Wissen und Reisen bedingen einander. Ich bin mir sicher, dass ich in Rom weitaus mehr gelernt habe, als ich in meiner Heimat jemals gelernt hätte. Und doch wirkt es bei dir so natürlich, als wäre beides eins. Nicht jeder Mann kann das so mühelos vereinen, denke ich.“

    Sie brach ein Stück Brot ab, tunkte es in die Suppe und reichte den Rest ihm ganz selbstverständlich hinüber, eine vertraute Geste. "Man fühlt sich wohl in deiner Nähe."

    Dann senkte sie den Blick wieder auf ihren Teller, doch das sanfte Lächeln blieb auf ihren Lippen. Die salzige Abendluft, das leise Stimmengewirr der Taberna und das Gefühl, genau hier richtig zu sein, all das machte diesen Moment kostbar.

  • "Nun, ich war nicht immer so. Und am Ende ist es doch nur... Übung." Ich zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn ich das nicht gesagt hätte. Aber ich nahm einfach nur ungern Komplimente an. "Ich freue mich, aber, dass du dich in meiner Nähe wohl fühlst." Ich nahm das Brot, brach ein Stück ab und reichte es weiter an Sporus. Dann löffelte ich schweigend meine Suppe und nahm hin und wieder einen Bissen Brot.


    Nachdem wir fertig gespeist hatten, schenkte ich uns allen ein wenig Wein ein und verdünnte dann den Wein in den Bechern mit Wasser. Als die Bedienung kam, um die leeren Suppenschüsseln abzuräumen, flüsterte ich ihr etwas ins Ohr. Kurz darauf kam sie mit einer Platte dulcia domestica zurück. "Ich hoffe, dass bei euch noch ein wenig Nachtisch hineinpasst," sagte ich gleichermaßen zu Amytis und Sporus.

  • Sporus war begeistert von dem festlichen Mahl. Sowas kannte er nicht. Er aß auch nicht angemessen, sondern schlang es hinunter. Dazu das köstliche Brot, welches Tacitus ihm gereicht hatte. Eine Geste, die ihn fast schon rührte. Aufmerksam hörte er den beiden zu, und genoss die Zeit.

  • Amytis hob den Blick und lächelte, als die Platte mit den dulcia domestica vor ihnen abgestellt wurde. Die süßen, mit Honig und Nüssen zubereiteten Früchte dufteten verführerisch. Sie lehnte sich leicht zurück, die Schultern entspannt, und schaute zufrieden in die Runde.

    „Du sorgst wirklich für alles“, sagte sie leise. „Nach dem langen Tag auf See wirkt das wie ein kleines Fest.“

    Sie nahm sich ein Stück, brach es in zwei Hälften und schob eine davon zwischen ihre Lippen. Der süße Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. Für einen Moment schloss sie die Augen, genoss einfach nur das Hier und Jetzt. Den guten Wein, das gute Essen und die Gegenwart der beiden Männer an ihrem Tisch, die sie so unverhofft kennen und schätzen gelernt hatte.

    Als sie wieder aufsah, ruhte ihr Blick einen Herzschlag länger auf Yúnzi. „Danke“, fügte sie noch einmal hinzu, diesmal leiser. „Für den Abend. Und dafür, dass du uns das alles ermöglichst.“

  • Ich sah kurz zu Sporus herüber. Neben Lesen und Schreiben würde er auch ein gewisses Maß an würdevollem Verhalten lernen müssen. Aber mir war natürlich klar, dass er als Sklave wahrscheinlich nicht allzu gut behandelt worden war und würdevolles Auftreten ganz sicher nicht zu dem gehörte, was man ihn als Sklaven gelehrt hatte. So lächelte ich nur kurz und ließ mir nichts weiter anmerken.


    Gegenüber Amytis verneigte ich mich leicht. Sie würde die Geste verstehen. Ich selbst nahm auch eine gefüllte Dattel und ließ sie komplett im meinem Mund verschwinden, wobei ich langsam kaute, um nicht alle Aromen auf einmal freizusetzen. Außerdem sah das würdevoller aus. Mit einem Schluck verdünnten Weins ließ ich alles in meinen Magen gleiten.


    "Ihr könnt noch weiter speisen, aber ich muss mich leider entschuldigen und zu Bett gehen. Um die Bezahlung habe ich mich bereits gekümmert. Die Zimmer sind im oberen Stockwerk. Jeder von uns hat ein Einzelzimmer." Bei diesen Worten erhob ich mich, strich mein Gewand glatt und verneigte mich leicht. "Ihr solltet euch aber nicht zu spät schlafen legen. Morgen brechen wir zeitig auf, damit wir schnell voran kommen. Doch so lange ihr reiten könnt, soll es mir gleich sein, ob ihr genug geschlafen habt oder nicht. Genießt den Abend." Ein sanftes Lächeln lag auf meinem Gesicht.

  • Am nächsten Tag ging es früh los. Ich empfahl allen, eine Kleinigkeit zu essen, bevor es losging. Für Amytis, Sporus, mich selbst hatte ich Pferde gekauft. Unser Gepäck wurde auf Maultieren verstaut. Als alles gepackt war, setzte ich mich in den Sattel meines Pferdes und gab das Signal zum Aufbruch. Wir hatten viel Strecke vor uns, da wollte ich keine Zeit verschwenden. Mit einer für diese Jahreszeit ungewöhnlich kühlen Brise im Rücken verließen wir die Stadt.

  • Sporus konnte gut reiten, und war auch sichtlich stolz darauf. Wenigstens etwas, was er gelernt hatte. Tacitus und Amytis ritten vor ihm her, während Sporus auch damit beschäftigt war, ab und zu auf die Maultiere zu achten, zu sehen, ob sie gut mitkommen und nichts verloren geht.

  • Amytis saß aufrecht im Sattel ihres Pferdes, die Zügel locker in den Händen, und ließ den kühlen Morgenwind durch ihr Haar streichen. Die Stadt Genua fiel hinter ihnen zurück, die Dächer und Mauern wurden kleiner, während sich vor ihnen das weite Land und schließlich die ersten Ausläufer der Berge abzeichneten.

    Ihr Blick glitt immer wieder zu Yúnzi, der vor ihr ritt. Die Art, wie er sich im Sattel hielt, ruhig und selbstverständlich, gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Sie lächelte leise in sich hinein. Die Reise hatte gerade erst begonnen, und doch war ihr schon jetzt klar: Sie wollte genau hier sein. Bei ihm. Bei Sporus. Auf diesem Weg nach Norden.

    Sie trieb ihr Pferd ein wenig näher an Yúnzis Seite heran, bis sie nebeneinander ritten, und warf ihm einen kurzen, warmen Blick zu.

    „Es fühlt sich gut an“, sagte sie ruhig, die Stimme fast vom Wind verschluckt. „Frei.“ Als man die Stadt verließ.

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