[Alpes Graiae et Poeninae] Summus Poeninus

  • Er zog seine Hände zurück. Nur noch die Spitzen ihrer Finger berührten die seinen, und selbst diese leichte Berührung schien ihm plötzlich zu viel, soviel merkte sie. Das er nicht wüsste, was er davon zu halten hatte, war klar zu hören, und wog am Ende doch so schwer wie der nasse Pelzmantel, den sie vorhin abgelegt hatte.

    Sie zog ihre Hände nicht sofort zurück. Stattdessen streichelte sie mit dem Daumen einmal, ganz langsam, über seine Knöchel. Eine vorsichtige Berührung, so leicht, dass man sie fast hätte übersehen können. Doch sie war absichtlich. Sie wollte, dass er es spürte. Dass sie Wärme in sich trug. Sie sah ihm direkt in die Augen. In ihrem Blick lag alles, was sie nicht aussprach: die Erleichterung, dass sie den Steinschlag überlebt hatten, die Dankbarkeit für den Mantel, den er ihr gegeben hatte, und darunter, tiefer, die Sehnsucht nach etwas, das mehr war als Schutz und Weisheit. Nach Nähe, die sie sich selbst auswählen durfte.

    Sie hob eine Hand und legte sie flach gegen seine Wange, spürte die Kühle seiner Haut und die leichte Rauheit eines beginnenden Bartes. Ihre Finger zitterten. „Lass mich dir wenigstens sagen, dass ich mir wünsche, du müsstest nicht. Aber ich verstehe, dass diese Sache größer ist. Größer als ich.“

    Sie ließ die Hand an seiner Wange liegen, deutlich länger, als es anständig war. Falls es das jemals wäre. Dann zog sie sie langsam zurück. Die Kline mit dem schlafenden Sporus lag nur einen Schritt entfernt. Es mochten Welten sein.

    Amytis lächelte. Ein Lächeln voller Wärme und Wehmut, das zeigte, was in ihr vorging, wie sehr sie dennoch bereit war, seine Regeln mitzutragen.

  • Die Berührung meiner Wange war per se bereits unangemessen. Und die Länge der Berührung ganz sicher. Doch hätte ich mir gewünscht, dass ihre Hand noch etwas länger auf meiner Wange geruht hätte. Schweren Herzens stand ich auf und nickte ihr kurz zu. Der Weg zum Korbsessel war nicht weit. Mir kam die tägliche Prüfung in den Sinn, die ich jeden Abend durchführte, so wie es bereits Kǒng in seinen Analekten formuliert hatte.


    Hatte ich heute meine Pflichten treu erfüllt? Ja, das hatte ich. Wir waren alle lebendig und unverletzt hier angekommen. Sogar mit all unserem Gepäck. War ich meinen Freunden gegenüber ehrlich? Amytis könnte man schon als Freund sehen. Aber war ich ehrlich? War das eben ehrlich? Ich hatte mein Unwissen zugegeben. Das war ehrlich. Aber die eigentliche Ursache meiner Zurückhaltung... Ablehnung... wie immer ich es nennen wollte, das war Angst. Und hatte ich das Gelernte geübt und angewendet? Wie könnte ich das, wenn ich es nicht einmal schaffte, geradeheraus und ehrlich zu sagen, warum ich so handelte.


    Ich war gerade einmal zwei Schritte weit gekommen, während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen. Ich hielt inne und drehte mich zu Amytis um. "Die Wahrheit ist, dass ich Angst davor habe, einen Fehltritt zu machen. Oder zuzulassen, dass du einen Fehltritt machst. Ich bin mir unsicher, was angemessen ist. Ich bin mir unsicher, was der Himmel mit mir vorhat. Ich bin mir unsicher, wo mein Platz in dieser Welt ist. Ich bin nicht mehr ganz Römer, und ich bin auch kein Serer. Ich bin ein Mensch zwischen den Welten des Westens und des Ostens. In all diese Unsicherheit will ich nicht noch mehr Unsicherheit hineinbringen, denn ich fürchte, dann meinen Weg vollends zu verlieren." Damit war es heraus. Ich verneigte mich leicht und ging dann die wenigen verbleibenden Schritte zum Korbsessel, in dem ich mich niederließ.

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