DIE VILLA AURELIA - MAGNUS CUBICULUM

  • Der Feind im Haus

    Der Feind war nicht über die Mauern der Villa Aurelia gekommen.

    Er hatte kein Tor aufgebrochen.

    Keine Wache überwältigt, um hineinzukommen.

    Er wusste, welche Türen nachts verschlossen wurden.

    Er wusste, welche Korridore gemieden wurden.

    Und schlimmer noch:

    Er kannte Wege durch das Haus, von deren Existenz selbst Titus Aurelius Romanus nichts wusste.

    I. VILLA AURELIA – ROM

    GEGENWART – KURZ NACH MITTERNACHT

    Massad erreichte als Erster das Ende des Korridors.

    „Stehen bleiben!“

    Der Schatten reagierte nicht.

    Ein Mann verschwand hinter einer Säule.

    Massad folgte.

    Selina kam nur wenige Schritte hinter ihm.

    Der Flüchtende war schnell.

    Aber nicht panisch.

    Das fiel Selina sofort auf.

    Er rannte nicht ziellos.

    Er wusste genau, wohin er wollte.

    „Massad!“

    „Ich sehe ihn!“

    Der Mann bog nach links.

    Massad folgte.

    Dann blieb er abrupt stehen.

    Eine Wand.

    „Was—“

    Selina erreichte ihn.

    „Wo ist er?“

    „Hier.“

    „Hier ist niemand.“

    „Ich habe ihn gesehen!“

    Massad schlug gegen die Wand.

    Stein.

    Keine Tür.

    Kein Durchgang.

    Nichts.

    Selina hob ihre Lampe.

    „Er kann sich nicht aufgelöst haben.“

    Massad untersuchte die Wand.

    Dann bemerkte Selina etwas.

    „Hier.“

    Eine schmale Vertiefung zwischen zwei Steinplatten.

    Massad drückte dagegen.

    Nichts.

    Selina sah zum Boden.

    Eine Platte war abgenutzt.

    Sie trat darauf.

    Ein leises Knacken.

    Ein Teil der Wand bewegte sich.

    Massad und Selina sahen einander an.

    Dahinter lag Dunkelheit.

    Ein Gang.

    Massad fluchte.

    „Seit wann gibt es den?“

    Selina zog ihre Waffe.

    „Frag Titus.“

    Dann verschwanden beide in der Dunkelheit.

    II. TITUS UND AQUILA

    Titus blieb mit Gnaeus Petronius Aquila zurück.

    Das Schwert des Aureliers lag gezogen in seiner Hand.

    Aquila blickte zur offenen Tür.

    „Sie sollten ihm nicht folgen.“

    Titus wandte sich langsam zu ihm.

    „Warum?“

    „Weil er die Gänge kennt.“

    „Woher weißt du von diesen Gängen?“

    Aquila schwieg.

    Titus trat näher.

    „Ich stelle dir jetzt genau eine Frage.“

    Aquila sah ihn an.

    „Für wen arbeitest du wirklich?“

    Lange geschah nichts.

    Dann antwortete Aquila:

    „Für niemanden.“

    Titus' Blick wurde kalt.

    „Falsche Antwort.“

    „Nein.“

    „Du übermittelst Nachrichten. Du triffst Männer im Haus am Tiber. Du kennst Dinge über meine Familie, die ich selbst nicht kenne. Und du erwartest ernsthaft, dass ich glaube, du arbeitest für niemanden?“

    Aquila atmete langsam aus.

    „Ich gehöre keiner der beiden Gruppen an.“

    „Das habe ich nicht gefragt.“

    „Ich weiß.“

    Titus hob sein Schwert etwas.

    „Dann versuche es noch einmal.“

    Aquila blickte auf die Klinge.

    Dann zu Titus.

    „Wir nennen uns nicht.“

    „Wer ist wir?“

    „Menschen, die verhindern sollen, dass beide Siegel in dieselben Hände gelangen.“

    „Severus?“

    Aquila schwieg.

    Das genügte.

    Titus nickte langsam.

    „Also Severus.“

    „Manchmal.“

    Titus hielt inne.

    Dasselbe merkwürdige Wort.

    „Manchmal?“

    Aquila antwortete:

    „Wir sind kein Orden. Keine Bruderschaft. Keine Behörde. Es gibt keinen Mann an der Spitze, dessen Befehle alle befolgen.“

    „Ein Netzwerk.“

    „Eher eine Übereinkunft.“

    Titus' Blick blieb misstrauisch.

    „Und diese Übereinkunft erlaubt dir, mich zu verraten?“

    Aquila sah ihm direkt in die Augen.

    „Ja.“

    Titus schwieg.

    Aquila fügte hinzu:

    „Wenn dein Wissen beide Siegel zusammenführen könnte.“

    Das gefiel Titus offensichtlich überhaupt nicht.

    „Dann entscheidest du also, was ich wissen darf.“

    „Bis heute.“

    „Bis heute?“

    „Jetzt liegt das Siegel nicht mehr in der Truhe.“

    Aquila blickte zu den Unterlagen.

    „Damit gelten andere Regeln.“

    IV. ROM – DER VERBORGENE GANG

    Selina und Massad bewegten sich langsam vorwärts.

    Der Gang war schmal.

    Alt.

    Stellenweise mussten sie sich ducken.

    „Römisch?“, flüsterte Selina.

    Massad strich über das Mauerwerk.

    „Alt.“

    „Das beantwortet meine Frage nicht.“

    „Dann frag einen Baumeister.“

    Vor ihnen ein Geräusch.

    Massad löschte seine Lampe.

    Dunkelheit.

    Schritte.

    Dann Stille.

    Selina hörte nur ihren eigenen Atem.

    Plötzlich:

    Metall auf Stein.

    Massad sprang vor.

    Ein Schatten.

    Ein Arm.

    Eine Klinge.

    Massad wich zurück.

    Selina griff an.

    Der Fremde parierte.

    Nur einen Augenblick sah sie sein Gesicht.

    Verhüllt.

    Dann stieß er Massad gegen die Wand und rannte weiter.

    „Hinterher!“

    Dieses Mal kannten sie zumindest die Richtung.

    VII. PALATIUM AUGUSTI

    TROGUS SUCHT SEVERUS

    „Findet ihn.“

    Trogus stand mitten in seinem Gemach.

    „Ich will Severus hier.“

    Niemand antwortete.

    „Jetzt!“

    Die Männer verschwanden.

    Stunden später kamen sie zurück.

    Ohne Severus.

    Sein Quartier war leer.

    Keine Kleidung.

    Keine Tafeln.

    Keine persönlichen Gegenstände.

    Nichts.

    Als hätte dort nie jemand gelebt.

    Trogus ließ das Haus am Tiber überprüfen.

    Auch dort:

    nichts.

    Severus war verschwunden.

    Doch auf einem Tisch hatte jemand absichtlich eine Wachstafel zurückgelassen.

    Trogus las:

    OSTIA WAR KLUG.

    Darunter:

    ABER NICHT KLUG GENUG.

    Trogus zerbrach die Tafel.

    Titus' Falle war erkannt worden.

    Und Severus wusste davon.

    Die Frage war nur:

    Hatte Severus Titus geholfen?

    Oder lediglich verhindert, dass Trogus gewann?

    VIII. VILLA AURELIA

    TITUS VERSTEHT DEN VERRAT

    Aquila stand noch immer vor Titus.

    „Du hast also Informationen über mich weitergegeben.“

    „Ja.“

    „An Severus.“

    „Manchmal.“

    Titus' Geduld war sichtbar erschöpft.

    „Wenn du dieses Wort noch einmal benutzt, werfe ich dich eigenhändig aus meiner Villa.“

    Aquila musste beinahe lächeln.

    „Das wäre vermutlich gerecht.“

    Titus trat näher.

    „Warum bist du zurückgekommen?“

    „Weil jemand die Arca gesucht hat.“

    „Das wussten wir.“

    „Nein.“

    Aquila schüttelte den Kopf.

    „Ihr glaubt, Crispinus habe sie gesucht.“

    „Hat er.“

    „Ja.“

    „Also?“

    „Er war nicht der Einzige.“

    Titus schwieg.

    Aquila deutete auf die Unterlagen.

    „Crispinus wusste vom Raum. Aber er kannte den Zugang nicht.“

    „Woher willst du das wissen?“

    „Weil wir ihn beobachtet haben.“

    Titus wurde still.

    „Seit wann?“

    „Seit Jahren.“

    „Und mich?“

    Aquila antwortete nicht sofort.

    Titus lachte bitter.

    „Natürlich.“

    Aquila sagte:

    „Auch dich.“

    Titus ging zum Tisch.

    „Wunderbar. Gibt es in Rom eigentlich irgendjemanden, der mich nicht beobachtet?“

    Titus sah ihn an.

    Aquila hob leicht die Hände.

    „Kann ich nicht sagen.“

    Dann wurde Titus wieder ernst.

    „Wer kannte den Zugang?“

    Aquila antwortete:

    „Das versuche ich herauszufinden.“

    Aus dem Korridor kam plötzlich ein Ruf.

    Massad.

    Titus griff nach seinem Schwert.

    „Dann solltest du dich beeilen.“

    IX. DER GANG UNTER DER VILLA

    Massad hatte den Flüchtenden beinahe erreicht.

    Der Gang teilte sich.

    Links.

    Rechts.

    Selina blieb stehen.

    „Welcher?“

    Massad lauschte.

    Nichts.

    Dann bemerkte Selina einen Luftzug.

    „Links.“

    Sie liefen weiter.

    Der Gang wurde breiter.

    Dann endete er in einem alten Raum.

    Leer.

    Kein Flüchtender.

    Keine weitere Tür.

    Massad fluchte.

    Selina hob die Lampe.

    „Er muss hier sein.“

    Sie untersuchten die Wände.

    Dann erreichte Titus sie.

    Aquila folgte.

    „Wo ist er?“, fragte Titus.

    „Verschwunden.“

    Aquila betrachtete den Raum.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    „Du kennst ihn“, sagte Titus.

    „Nein.“

    „Aber?“

    Aquila trat zur Wand.

    Dort waren zwei Buchstaben eingeritzt.

    Alt.

    Sehr alt.

    M. A.

    Titus sah sie.

    Dann beinahe erleichtert:

    „Marcus Aurelius.“

    Aquila antwortete nicht.

    Titus bemerkte es.

    „Scaurus.“

    Noch immer nichts.

    „Was?“

    Aquila strich mit den Fingern über die Buchstaben.

    „Das steht nicht für Marcus Aurelius.“

    Selina sah ihn an.

    „Woher willst du das wissen?“

    Aquila deutete auf die Art der Einritzung.

    „Weil ich dieses Zeichen kenne.“

    Titus trat näher.

    „Dann erklär es.“

    Aquila schwieg.

    „Aquila.“

    „M. A.“

    Er sah Titus an.

    „Manus Altera.“

    Massad runzelte die Stirn.

    „Die andere Hand?“

    Aquila nickte.

    X. MANUS ALTERA

    Titus wiederholte:

    „Manus Altera.“

    „Ein alter Ausdruck“, erklärte Aquila. „Älter als die Spaltung.“

    „Eine Organisation?“

    „Nein.“

    „Dann was?“

    „Eine Funktion.“

    Titus wartete.

    Aquila fuhr fort:

    „Das ursprüngliche Netz hatte ein Problem. Wer kontrolliert diejenigen, die kontrollieren?“

    Titus dachte an die beiden Siegel.

    „Die andere Hand.“

    „Genau.“

    Aquila zeigte auf die Buchstaben.

    „Eine Hand führte aus.“

    Er hob die andere.

    „Die andere konnte verhindern.“

    Selina verstand.

    „Wie die beiden Siegel.“

    „Ja.“

    Aquila nickte.

    „Das Prinzip war dasselbe.“

    Titus blickte auf die Buchstaben.

    „Dann ist eure sogenannte dritte Partei gar keine dritte Partei.“

    Aquila sah ihn an.

    Jetzt kam die eigentliche Erkenntnis.

    „Nein.“

    „Ihr seid älter.“

    „Ja.“

    „Älter als beide Netze.“

    Aquila nickte.

    „Wir waren Teil des ursprünglichen Systems.“

    Titus sah auf M. A.

    „Manus Altera.“

    Die andere Hand.

    Nicht eine dritte Verschwörung.

    Sondern die ursprüngliche Sicherung gegen die Verschwörung.

    Zumindest behauptete Aquila das.

    Titus war nicht bereit, ihm deshalb zu vertrauen.

    XII. ROM

    DER FLÜCHTENDE IST NOCH DA

    Ein Geräusch.

    Selina drehte sich um.

    Zu spät.

    Ein Teil der Wand bewegte sich.

    Der Flüchtende sprang hervor.

    Direkt hinter Aquila.

    Massad reagierte zuerst.

    Er warf sich auf den Mann.

    Beide stürzten.

    Selina trat die Waffe des Fremden weg.

    Titus griff zu.

    Gemeinsam drückten sie ihn zu Boden.

    Aquila zog ihm die Kapuze vom Kopf.

    Stille.

    Titus kannte das Gesicht.

    Nicht gut.

    Aber gut genug.

    Der Mann gehörte seit Jahren zur Villa.

    Tiberius Cossutius Naso.

    Einer der älteren Schreiber des Haushalts.

    Unauffällig.

    Gewissenhaft.

    Seit beinahe fünfzehn Jahren im Dienst der Aurelier.

    Titus starrte ihn an.

    „Naso.“

    Der Mann sagte nichts.

    „Du?“

    Keine Antwort.

    Massad durchsuchte ihn.

    Er fand eine kleine Metallscheibe.

    Titus nahm sie.

    Vorderseite:

    Kreis – drei Striche.

    Rückseite:

    Kreis – drei Striche – Querlinie.

    Dasselbe Objektprinzip, das Faustus fünf Tage zuvor am Rhenus entdeckt hatte.

    Titus wusste davon noch nichts.

    Aber Aquila wusste, was es bedeutete.

    „Woher hast du die?“

    Naso lächelte.

    Zum ersten Mal.

    Dann sagte er:

    „Ihr versteht immer noch nicht.“

    Titus kniete sich vor ihn.

    „Dann hilf uns.“

    Naso sah ihm direkt in die Augen.

    „Es gibt keine zwei Netze.“

    Aquila wurde plötzlich sehr still.

    Titus bemerkte es.

    „Was meint er?“

    Naso lachte leise.

    „Fragt ihn.“

    Titus sah zu Aquila.

    „Aquila?“

    Keine Antwort.

    Naso sprach weiter:

    „Ihr seht zwei Zeichen und glaubt an zwei Feinde.“

    Er deutete mit dem Kopf auf die Metallscheibe.

    „Dabei sind es nur zwei Hände.“

    Stille.

    Titus blickte auf M. A.

    Manus Altera.

    Dann auf die Scheibe.

    Zwei Seiten.

    Zwei Zeichen.

    Zwei Siegel.

    Zwei Hände.

    Plötzlich erschien die gesamte bisherige Theorie unsicher.

    Vielleicht hatte es niemals eine einfache Spaltung gegeben.

    Vielleicht hatte das ursprüngliche System von Anfang an aus zwei gegeneinander arbeitenden Teilen bestanden.

    Und irgendwann hatte einer davon vergessen, dass der andere kein Feind war.

    XIII. PALATIUM – GLEICHE NACHT

    Trogus stand allein.

    Ein Diener erschien.

    „Herr.“

    „Was?“

    „Nachricht.“

    Trogus nahm die Tafel.

    Darauf standen nur zwei Buchstaben:

    M. A.

    Trogus wurde bleich.

    „Woher?“

    „Unbekannt.“

    Trogus schloss die Hand um die Tafel.

    Zum ersten Mal verstand er, weshalb Severus verschwunden war.

    Nicht aus Angst.

    Nicht wegen Titus.

    Sondern weil etwas aktiviert worden war, das seit Jahren geruht hatte.

    Trogus flüsterte:

    „Manus Altera.“

    Der Diener verstand nicht.

    Trogus hingegen verstand genug.

    Und das genügte, um ihm Angst zu machen.

    XIV. VILLA AURELIA

    DIE FRAGE

    Tiberius Cossutius Naso saß gefesselt im alten Gang.

    Massad bewachte ihn.

    Selina stand neben Titus.

    Aquila gegenüber.

    Titus hielt die Metallscheibe zwischen zwei Fingern.

    „Jetzt noch einmal.“

    Er sah Aquila an.

    „Was ist Manus Altera?“

    Aquila antwortete:

    „Die Sicherung.“

    „Gegen wen?“

    „Gegen jeden.“

    „Auch gegen das ursprüngliche Netz?“

    „Ja.“

    „Gegen Scaurus?“

    „Ja.“

    „Gegen Varro?“

    „Ja.“

    „Gegen Crispinus?“

    „Ja.“

    Titus hielt inne.

    „Gegen mich?“

    Aquila sah ihm in die Augen.

    „Wenn nötig.“

    Selina reagierte sofort.

    „Das gefällt mir überhaupt nicht.“

    Titus hob leicht die Hand.

    Er wollte die Antwort hören.

    „Und wer entscheidet, wann es nötig ist?“

    Aquila schwieg.

    Das war die gefährlichste Antwort von allen.

    Titus verstand.

    „Niemand.“

    Aquila antwortete:

    „Jeder für sich.“

    Damit war Manus Altera kein streng geführtes Netzwerk.

    Es bestand aus voneinander getrennten Menschen, die nur ein gemeinsames Prinzip verband:

    Niemand darf beide Hände kontrollieren.

    Titus blickte auf Naso.

    „Und er?“

    Aquila antwortete:

    „Ich weiß es nicht.“

    Naso lachte.

    „Natürlich nicht.“

    Titus drehte sich zu ihm.

    Naso sah Aquila an.

    „Er glaubt noch immer, Manus Altera beschütze das Gleichgewicht.“

    Aquila wurde blass.

    „Was willst du damit sagen?“

    Naso antwortete:

    „Dass auch die andere Hand längst gespalten ist.“

    Stille.

    Jetzt wurde selbst Aquila unruhig.

    Titus bemerkte es.

    Und damit wusste er:

    Das hatte Aquila nicht gewusst.

    ENDE DIES XII – HOSTIS IN DOMO

    Die bisherige Vorstellung von zwei Netzen beginnt zu zerbrechen.

    Das ursprüngliche System besaß offenbar von Anfang an zwei Seiten:

    eine Hand, die bestätigte,

    und

    eine Hand, die widerrufen konnte.

    Daraus entstanden die beiden Siegel.

    ALTERUM CONFIRMAT. ALTERUM NEGAT.

    Doch mit MANUS ALTERA – der anderen Hand existierte zusätzlich eine dezentrale Sicherung: Menschen, die verhindern sollten, dass jemals eine einzige Person beide Seiten kontrollierte.

    Aquila gehört zu dieser Tradition.

    Severus offenbar ebenfalls.

    Doch der gefangene Tiberius Cossutius Naso, seit fast fünfzehn Jahren Schreiber der Villa Aurelia, enthüllt etwas noch Gefährlicheres:

    Auch Manus Altera ist nicht mehr geeint.

    Damit besteht der Konflikt nicht länger aus zwei klaren Seiten.

    Er besteht aus den zerbrochenen Resten eines Systems, dessen Mitglieder sich gegenseitig kontrollieren, beobachten und bekämpfen.

    Und irgendwo befindet sich weiterhin das verschwundene Siegel.

    Fortsetzung: DIES XIII – MANUS ALTERA

    Die andere Hand

    Titus beginnt persönlich mit dem Verhör Nasos. Keine Folter. Keine Drohungen. Nur die alten Inventarlisten, die Metallscheibe und eine einzige Frage:

    „Wer nahm das Siegel aus der Truhe?“

    Naso nennt keinen Namen.

    Stattdessen behauptet er, Titus habe den Dieb bereits an diesem Abend gesehen.

    Fünf Tage zuvor erfährt Faustus von Varro, weshalb Manus Altera ursprünglich geschaffen wurde – und weshalb Marcus Aurelius Scaurus schließlich sogar dieser Sicherung nicht mehr vertraute.

    Appius entschlüsselt unterdessen den restlichen Befehl ARCA APERTA EST. Darin findet sich erstmals ein direkter Hinweis auf einen Mann innerhalb der Villa Aurelia.

    Trogus erkennt, dass Severus nicht vor ihm geflohen ist. Severus verfolgt jemanden.

    Und Selina entdeckt im alten Gang einen zweiten Zugang zur Villa.

    Er führt nicht nach draußen.

    Er führt direkt unter die privaten Gemächer der Gens Aurelia.

    Doch Naso gibt Titus schließlich noch einen Hinweis:

    „Du suchst einen Mann, Aurelier.“

    Er lächelt.

    „Das war Scaurus' letzter Fehler.“

  • Die gestraffte Enthüllungslinie

    AQUILA

    Titus stellte sich Aquila entgegen.

    „Für wen arbeitest du wirklich?“

    „Nicht für Crispinus.“

    „Trogus?“

    „Nein.“

    „Severus?“

    Aquila schwieg einen Augenblick.

    „Severus und ich haben dasselbe Ziel. Das bedeutet nicht, dass wir denselben Herren haben.“

    „Welches Ziel?“

    „Dass niemand beide Siegel bekommt.“

    Titus trat näher.

    „Wer ist niemand?“

    „Jeder.“

    Mehr sagte Aquila nicht.

    Und diesmal begriff Titus, dass weiteres Fragen nichts bringen würde.

    Noch nicht.

    DER GANG UNTER DER VILLA AURELIA

    Die Jagd endete in einem alten Raum.

    Der Flüchtende war verschwunden.

    An der Wand standen zwei eingeritzte Buchstaben:

    M. A.

    Titus hob die Lampe.

    „Marcus Aurelius.“

    Aquila trat neben ihn.

    „Nein.“

    Titus sah ihn an.

    „Scaurus?“

    „Auch nicht.“

    Aquila strich über die eingeritzten Buchstaben.

    „Manus Altera.“

    „Die andere Hand.“

    „Ja.“

    Titus wartete.

    Jetzt endlich sprach Aquila.

    „Bevor die Netze einander bekämpften, gab es ein Prinzip: Keine Seite durfte allein entscheiden, was Wahrheit war. Eine Hand bestätigte. Eine andere konnte widersprechen.“

    Titus dachte sofort an Scaurus' Worte:

    ALTERUM CONFIRMAT. ALTERUM NEGAT.

    Das eine bestätigt.

    Das andere verneint.

    Sein Blick wanderte zu Aquila.

    „Und du gehörst zu dieser anderen Hand.“

    Aquila antwortete:

    „Ja.“

    Das war alles.

    Keine lange Erklärung.

    Keine neue Organisation hinter der Organisation.

    Nur ein Name für etwas, dessen Spuren Titus längst gesehen hatte.

    Manus Altera.

    NASO

    Ein Geräusch hinter der Wand.

    Der Flüchtende sprang hervor.

    Massad brachte ihn zu Boden.

    Selina entriss ihm die Waffe.

    Als Titus ihm die Kapuze herunterzog, erkannte er den Mann.

    Tiberius Cossutius Naso.

    Seit beinahe fünfzehn Jahren Schreiber der Villa Aurelia.

    „Naso.“

    Der Mann lächelte.

    Massad fand bei ihm eine kleine Metallscheibe.

    Auf jeder Seite eines der bekannten Zeichen.

    Titus betrachtete sie.

    Dann Naso.

    „Wer nahm das Siegel aus Scaurus' Truhe?“

    Naso antwortete nicht.

    „Crispinus?“

    Ein Lächeln.

    „Trogus?“

    Keine Reaktion.

    „Severus?“

    Jetzt lachte Naso leise.

    „Ihr sucht immer nach Namen.“

    Aquila trat vor.

    „Antworte.“

    Naso sah ihn an.

    Sein Lächeln verschwand.

    „Du solltest besser schweigen.“

    Aquila erstarrte.

    „Warum?“

    „Weil du noch immer glaubst, wir stünden auf derselben Seite.“

    Stille.

    Titus sah von einem zum anderen.

    Aquila wirkte zum ersten Mal wirklich überrascht.

    Das genügte Titus.

    Naso hatte gerade etwas enthüllt, das Aquila selbst nicht wusste.

    Titus fragte:

    „Manus Altera?“

    Naso antwortete:

    „Gibt es nicht mehr.“

    Aquila widersprach sofort.

    „Unsinn.“

    Naso sah ihn beinahe mitleidig an.

    „Doch. Den Namen gibt es noch. Die Menschen gibt es noch.“

    Eine Pause.

    „Nur das gemeinsame Ziel nicht.“

    Mehr sagte er nicht.

    Und mehr war auch nicht nötig.

    Damit bleibt für DIES XII nur eine klare Enthüllungskette

    Titus entdeckt zunächst, dass Aquila weder für Crispinus noch für Trogus arbeitet.

    Faustus erfährt unabhängig davon lediglich, dass Crispinus bereits nach Scaurus' Tod nach dem Siegel suchte.

    Appius klärt das Rätsel um ARCA APERTA EST: Es war kein Bericht über die Öffnung der Truhe, sondern ein alter Aktivierungsbefehl.

    Erst im unterirdischen Gang fällt der Name:

    MANUS ALTERA.

    Aquila erklärt Titus, was er bedeutet.

    Und Naso setzt am Ende nur noch eine einzige neue Enthüllung darauf:

    Manus Altera ist zerfallen.

    Damit endet DIES XII nicht mit fünf Varianten derselben Erkenntnis, sondern mit einer sauberen Steigerung:

    Crispinus suchte das Siegel → Aquila gehört zu einer unbekannten Gegenseite → Manus Altera wird enthüllt → selbst Manus Altera ist nicht mehr geeint.

    Die Frage „Wer hat das Siegel?“ bleibt dagegen vollständig offen und kann dadurch DIES XIII tragen.

  • DIES XIII – MANUS ALTERA

    Die andere Hand

    Titus Aurelius Romanus hatte genug von Zeichen.

    Genug von Männern, die in Andeutungen sprachen.

    Genug von Botschaften, deren Bedeutung erst Tage später verständlich wurde.

    In dieser Nacht wollte er keine weitere Theorie.

    Er wollte einen Namen.

    I. ROM – VILLA AURELIA

    GEGENWART – DAS VERHÖR

    Tiberius Cossutius Naso saß auf einem einfachen Stuhl.

    Seine Hände waren gefesselt.

    Massad stand hinter ihm.

    Selina lehnte an der Wand.

    Aquila hielt sich abseits.

    Titus saß Naso gegenüber.

    Keine Folterinstrumente.

    Keine Soldaten.

    Keine Drohungen.

    Auf dem Tisch lagen nur drei Dinge:

    die alte Inventarliste,

    die Metallscheibe mit den beiden Zeichen,

    und Scaurus' Nachricht:

    SI SIGILLUM ABEST, PRODITOR DOMUM NOVIT.

    Wenn das Siegel fehlt, kennt der Verräter das Haus.

    Titus schob die Tafel zu Naso.

    „Wer nahm das Siegel aus der Truhe?“

    Naso schwieg.

    „Crispinus?“

    Keine Antwort.

    „Du?“

    Naso lächelte schwach.

    Titus lehnte sich zurück.

    „Gut.“

    Naso hob überrascht den Blick.

    „Dann versuchen wir es anders.“

    Titus nahm die Inventarliste.

    „Vor zwölf Jahren wurde die Arca Scauri aus den Aufzeichnungen der Villa entfernt.“

    Naso sagte nichts.

    „Crispinus war damals mit Verwaltungsangelegenheiten des Hauses vertraut.“

    Noch immer Schweigen.

    „Aber er kannte den Zugang zur Kammer nicht.“

    Jetzt reagierte Naso.

    Nur mit einem winzigen Zucken der Augen.

    Titus sah es.

    „Also stimmt das.“

    Naso lächelte.

    „Du redest gerne, Aurelier.“

    „Das sagt man mir nach.“

    „Vielleicht redest du irgendwann so lange, bis du dir selbst antwortest.“

    Titus beugte sich vor.

    „Vielleicht habe ich das gerade.“

    IV. ROM

    TITUS STELLT NASO EINE FALLE

    Titus hatte denselben Punkt erreicht.

    Auf einem völlig anderen Weg.

    Er nahm eine leere Wachstafel.

    „Crispinus fand die Truhe.“

    Naso schwieg.

    Titus schrieb einen Namen:

    QUINTUS AELIUS CRISPINUS

    „Er nahm das Siegel.“

    Naso lächelte.

    Titus strich den Namen durch.

    „Nein.“

    Das Lächeln verschwand.

    Titus schrieb einen zweiten Namen.

    TIBERIUS COSSUTIUS NASO

    „Du nahmst es.“

    Naso schüttelte kaum merklich den Kopf.

    Titus strich auch diesen Namen durch.

    Dann legte er den Griffel hin.

    „Crispinus suchte.“

    Er deutete auf Naso.

    „Du wusstest.“

    Naso sah ihn an.

    „Aber ein Dritter nahm es.“

    Stille.

    Selina blickte zu Titus.

    Massad ebenso.

    Naso sagte schließlich:

    „Endlich.“

    Nur dieses eine Wort.

    Titus wusste, dass er richtig lag.

    VI. NASO SPRICHT

    Titus stellte die Metallscheibe auf die Kante.

    „Du warst also der Schreiber.“

    Naso antwortete nicht.

    „Du hast Crispinus beobachtet.“

    Schweigen.

    „Und Scaurus.“

    Naso sah auf.

    Titus wusste, dass er getroffen hatte.

    „Du gehörtest zu Manus Altera.“

    „Damals.“

    Das erste wirkliche Geständnis.

    Aquila trat einen Schritt vor.

    Naso bemerkte es.

    „Bleib dort.“

    Aquila blieb stehen.

    Titus fragte:

    „Was war deine Aufgabe?“

    „Beobachten.“

    „Wen?“

    „Jeden, der nach dem Siegel suchte.“

    „Auch Crispinus.“

    „Besonders Crispinus.“

    „Warum hast du ihn nicht aufgehalten?“

    Naso lächelte bitter.

    „Weil ich nicht wusste, wo die Truhe war.“

    Titus schwieg.

    Das passte.

    Crispinus kannte die Existenz der Truhe.

    Naso beobachtete Crispinus.

    Aber keiner von beiden kannte den verborgenen Raum.

    „Wer kannte ihn?“

    Naso antwortete:

    „Scaurus.“

    „Varro.“

    „Ja.“

    „Noch jemand?“

    Naso sah Titus lange an.

    Dann sagte er:

    „Eine Frau.“

    VII. DIE FRAU

    Selina löste sich von der Wand.

    Titus' Blick wurde scharf.

    „Name.“

    Naso schwieg.

    „Name.“

    „Aurelia.“

    Titus' Gesicht veränderte sich.

    „Das ist kein Name. Das ist eine Gens.“

    „Damals genügte es.“

    „Mir nicht.“

    Naso sah ihn an.

    „Aurelia Marciana.“

    Titus sagte nichts.

    Der Name gehörte zur älteren Geschichte seines Hauses.

    Eine Verwandte des Scaurus.

    Eine Frau, die lange Zeit einen Teil der inneren Verwaltung der Villa geführt hatte.

    Titus erinnerte sich an sie nur aus seiner Jugend.

    Streng.

    Gebildet.

    Unauffällig.

    Und seit Jahren tot.

    „Sie nahm das Siegel?“

    Naso schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Titus' Geduld schwand.

    „Dann warum nennst du sie?“

    „Weil sie den Raum kannte.“

    „Wer nahm das Siegel?“

    Naso antwortete:

    „Der Mann, dem sie den Zugang zeigte.“

    Stille.

    „Wer?“

    Naso sah Titus an.

    „Das weiß ich nicht.“

    Titus schlug nicht auf den Tisch.

    Er schrie nicht.

    Gerade deshalb wirkte seine Stimme gefährlicher.

    „Du hast mir gerade erklärt, dass du dieses Haus seit Jahren beobachtest.“

    „Ja.“

    „Aber du kennst den Mann nicht?“

    „Nein.“

    „Warum sollte ich dir das glauben?“

    Naso antwortete:

    „Weil Aurelia Marciana ihn niemals durch die Villa führte.“

    VIII. DER ZWEITE ZUGANG

    Selina verstand zuerst.

    „Der Gang.“

    Naso sah sie an.

    „Ja.“

    Massad fluchte leise.

    Der verborgene Gang führte also nicht nur von Titus' Arbeitszimmer zur Kammer.

    Er musste einen zweiten Zugang besitzen.

    Titus fragte:

    „Wo?“

    Naso schwieg.

    Selina hob ihre Lampe.

    „Wir finden ihn.“

    Naso lächelte.

    „Das solltet ihr.“

    Massad und Selina verschwanden wieder im Gang.

    Dieses Mal suchten sie nicht nach einem Flüchtenden.

    Sie suchten nach dem Weg, über den vor Jahren jemand in die Villa gelangt war.

    DIE VERÄNDERTE INVENTARLISTE

    Titus legte beide Inventarlisten wieder nebeneinander.

    Vor zwölf Jahren.

    Aurelia Marciana lebte noch.

    Crispinus hatte Zugang zur Verwaltung.

    Naso beobachtete ihn.

    Und jemand entfernte die Arca Scauri aus dem offiziellen Bestand.

    Titus betrachtete die Schrift.

    Dann hielt er inne.

    „Aquila.“

    „Was?“

    „Sieh dir das an.“

    Aquila trat näher.

    Die ursprüngliche Liste und die veränderte Abschrift waren von verschiedenen Schreibern gefertigt worden.

    Doch die Änderung war später bestätigt worden.

    Mit einem kleinen Verwaltungszeichen.

    Titus kannte es.

    Er hatte es tausendmal gesehen.

    „Das ist kein Zeichen Crispinus'.“

    Aquila sah ihn an.

    „Nein.“

    Titus wusste plötzlich, wessen Zeichen es war.

    Aurelia Marciana.

    Sie selbst hatte die Truhe aus den offiziellen Aufzeichnungen verschwinden lassen.

    Nicht Crispinus.

    Nicht Naso.

    Marciana.

    Titus sah zu Naso.

    „Sie wollte die Truhe schützen.“

    „Ja.“

    „Weil jemand danach suchte.“

    „Ja.“

    „Crispinus.“

    Naso antwortete:

    „Unter anderem.“

    Diesmal ließ Titus die beiden Worte stehen.

    Er fragte nicht weiter.

    Noch nicht.

    XI. PALATIUM AUGUSTI

    TROGUS FINDET EINE SPUR

    Severus blieb verschwunden.

    Doch Trogus hatte aufgehört, nach ihm zu suchen.

    Stattdessen ließ er dessen letzte Bewegungen rekonstruieren.

    Ein Ergebnis überraschte ihn.

    Severus war vor seinem Verschwinden nicht nach Ostia gegangen.

    Er hatte einen alten Friedhof außerhalb Roms besucht.

    Dort lag:

    Aurelia Marciana.

    Trogus betrachtete den Namen.

    „Warum eine Tote?“

    Niemand konnte ihm antworten.

    Dann brachte man ihm die Abschrift einer alten Grabinschrift.

    Auf der Rückseite hatte jemand vor Jahren etwas eingeritzt.

    Nur ein Wort:

    IANUA.

    Die Tür.

    Trogus verstand noch nicht.

    Aber er wusste:

    Severus suchte keinen Menschen.

    Er suchte einen Zugang.

    XII. UNTER DER VILLA AURELIA

    „Hier!“

    Selinas Stimme hallte durch den Gang.

    Titus, Aquila und Massad kamen zu ihr.

    Sie stand vor einer schmalen Steinwand.

    Am Boden war ein Luftzug zu spüren.

    Massad drückte gegen mehrere Steine.

    Nichts.

    Selina zeigte nach oben.

    Eine kleine Vertiefung.

    Titus griff hinein.

    Ein Mechanismus löste sich.

    Die Wand bewegte sich.

    Dahinter:

    eine schmale Treppe.

    Sie führte hinauf.

    Massad ging zuerst.

    Dann Selina.

    Titus folgte.

    Oben befand sich eine weitere Steinplatte.

    Massad schob sie vorsichtig zur Seite.

    Tageslicht war natürlich keines zu sehen.

    Nur Dunkelheit.

    Und der Geruch von Erde.

    Sie stiegen hinaus.

    Titus erkannte den Ort nicht sofort.

    Dann sah er die Mauer.

    Die Zypressen.

    Die Grabsteine.

    Aquila flüsterte:

    „Bei allen Göttern.“

    Der Gang endete außerhalb der Villa.

    Auf einem alten privaten Begräbnisplatz der Aurelier.

    Direkt hinter einem Grabmal.

    Titus trat näher.

    Die Inschrift war verwittert.

    Aber lesbar:

    AURELIA MARCIANA

    Selina sah Titus an.

    „Sie hat den Zugang verborgen.“

    Titus betrachtete das Grab.

    „Nein.“

    Er erinnerte sich an Nasos Worte.

    Sie zeigte jemandem den Zugang.

    Titus korrigierte sich:

    „Sie hat ihn benutzt.“

    XIII. NASOS LETZTE ANTWORT

    Sie kehrten zu Naso zurück.

    Titus stellte sich vor ihn.

    „Marciana ließ das Siegel entfernen.“

    Naso schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Aber sie half dabei.“

    Diesmal:

    „Ja.“

    „Warum?“

    Naso sah zur Metallscheibe.

    „Weil Crispinus näher kam.“

    Titus schwieg.

    Endlich eine klare Antwort.

    Marciana hatte nicht für Crispinus gearbeitet.

    Sie hatte versucht, ihm zuvorzukommen.

    „Wem gab sie das Siegel?“

    „Das weiß ich nicht.“

    Titus wollte widersprechen.

    Naso sprach weiter:

    „Aber ich weiß, was danach geschah.“

    Titus wartete.

    „Crispinus fand die leere Truhe.“

    „Wann?“

    „Drei Tage später.“

    „Und?“

    „Er glaubte, Scaurus habe ihn selbst nach seinem Tod noch getäuscht.“

    Titus verstand.

    Crispinus wusste bis heute möglicherweise nicht, wer das Siegel tatsächlich entfernt hatte.

    Das erklärte seine Suche.

    Seine Nervosität.

    Sein Interesse an Scaurus.

    Und vielleicht sogar sein Wissen über Varro.

    Titus fragte:

    „Dann besitzt Crispinus das Siegel nicht.“

    Naso antwortete:

    „Damals besaß er es nicht.“

    Titus akzeptierte die Einschränkung.

    „Und heute?“

    „Das weiß ich nicht.“

    XIV. DIE ENTSCHEIDENDE SPUR

    Selina untersuchte die Gegenstände aus der Arca Scauri erneut.

    Die Schriftrollen.

    Die Tafeln.

    Die bronzene Kassette.

    Massad betrachtete das Pergament mit Scaurus' Warnung.

    Dann fiel Titus etwas auf.

    Die Kassette besaß einen doppelten Boden.

    Massad öffnete ihn vorsichtig.

    Darin lag keine weitere Nachricht.

    Nur ein kleines Stück Stoff.

    Purpur.

    Sehr alt.

    Und daran befestigt:

    ein Anhänger.

    Titus nahm ihn.

    Auf der Vorderseite war ein Adler.

    Auf der Rückseite ein Name:

    MARCELLA.

    Titus sah Naso an.

    „Wer ist Marcella?“

    Naso wurde bleich.

    Zum ersten Mal an diesem Abend wirklich bleich.

    Aquila bemerkte es ebenfalls.

    Titus trat näher.

    „Wer ist Marcella?“

    Naso schwieg.

    „Du kennst den Namen.“

    Keine Antwort.

    Titus legte den Anhänger vor ihn.

    „Scaurus hat ihn in der Truhe versteckt.“

    Naso starrte darauf.

    Dann sagte er:

    „Wenn Scaurus das dort hineingelegt hat …“

    Er brach ab.

    „Was?“

    Naso hob langsam den Blick.

    „Dann wusste er.“

    „Was wusste er?“

    Naso antwortete:

    „Wer Aurelia Marciana helfen würde.“

    Titus sah auf den Namen.

    Marcella.

    Keine Organisation.

    Kein neues Zeichen.

    Keine weitere geheime Bruderschaft.

    Zum ersten Mal hatten sie etwas viel Wertvolleres:

    eine konkrete Person.

    Und irgendwo in den alten Aufzeichnungen der Gens Aurelia musste diese Frau zu finden sein.

    ENDE DIES XIII – MANUS ALTERA

    Damit stehen erstmals mehrere belastbare Erkenntnisse fest:

    Crispinus suchte nach dem Siegel, besaß es unmittelbar nach Scaurus' Tod aber nicht.

    Aurelia Marciana kannte den verborgenen Zugang zur Arca Scauri.

    Sie ließ die Truhe aus den Inventarlisten entfernen, um Crispinus' Suche zu erschweren.

    Vor zwölf Jahren warnte sie Varro: „Die Truhe ist nicht mehr sicher.“

    Kurz darauf half sie einem bislang unbekannten Menschen, das Siegel aus der Arca zu entfernen.

    Naso kannte diese Vorgänge, war aber nicht derjenige, der das Siegel nahm.

    Damit verändert sich auch die Frage.

    Nicht mehr:

    Wer brach in die Villa Aurelia ein?

    Sondern:

    Wem vertraute Aurelia Marciana genug, um ihm freiwillig den geheimen Zugang zu zeigen?

    Scaurus hinterließ dafür einen ersten konkreten Hinweis:

    MARCELLA.

    Fortsetzung: DIES XIV – MARCELLA

    Die Frau ohne Vergangenheit

    Titus durchsucht die alten Familienunterlagen nicht nach Verschwörungen, sondern nur nach einem Namen:

    Marcella.

    Er findet mehrere Frauen.

    Doch nur eine von ihnen verschwindet vor zwölf Jahren plötzlich vollständig aus den Aufzeichnungen der Gens Aurelia.

    Faustus stellt Varro zur selben Zeit – fünf Tage zuvor – genau dieselbe Frage:

    „Wer war Marcella?“

    Diesmal antwortet Varro sofort.

    Und seine Antwort verbindet zum ersten Mal Scaurus, Aurelia Marciana und Crispinus unmittelbar miteinander.

    Währenddessen folgt Appius in Mogontiacum dem „Schreiber“-Hinweis und entdeckt, dass Marcellus einen alten Brief besitzt, der von einer Frau unterzeichnet wurde:

    M.

    Trogus erreicht das Grab Aurelia Marcianas.

    Dort findet er Severus nicht.

    Aber er findet Spuren, dass Severus den verborgenen Zugang zur Villa Aurelia bereits benutzt hat.

    Und Titus erkennt schließlich, weshalb Naso bei Marcellas Namen erschrak:

    Marcella war keine Dienerin des Hauses.

    Sie war eine Aurelierin.

    Und nach den offiziellen Familienaufzeichnungen ist sie seit zwölf Jahren tot.

  • Die Frau, die verschwinden musste

    Auf dem Tisch des Titus Aurelius Romanus lag ein kleiner Anhänger.

    Alt.

    Unscheinbar.

    Auf der einen Seite ein Adler.

    Auf der anderen nur ein Name:

    MARCELLA

    Titus betrachtete ihn lange.

    Zum ersten Mal seit Beginn seiner Nachforschungen suchte er kein Zeichen, kein Netz und keinen unbekannten Drahtzieher.

    Er suchte einen Menschen.

    Eine Frau.

    Und sie hatte vor zwölf Jahren aufgehört zu existieren.

    I. ROM – VILLA AURELIA

    GEGENWART

    „Marcella.“

    Selina nahm den Anhänger.

    „Nicht gerade ein seltener Name.“

    „Nein“, antwortete Titus.

    Massad stand bereits vor den Familienregistern.

    „Wie viele?“

    Titus zog die erste Tafel hervor.

    „Sieben.“

    Selina verzog das Gesicht.

    „Wunderbar.“

    Titus las.

    Drei konnten sofort ausgeschlossen werden.

    Eine war bereits Jahrzehnte zuvor gestorben.

    Eine andere hatte Rom niemals verlassen.

    Zwei gehörten nur entfernt zum Umfeld der Aurelier.

    Dann blieb ein Name.

    Titus las ihn zweimal.

    AURELIA MARCELLA

    Tochter eines Seitenzweiges der Gens Aurelia.

    Geboren in Rom.

    Verwandt mit Aurelia Marciana.

    Titus suchte weiter.

    Dann fand er den letzten Eintrag.

    OBIIT.

    Verstorben.

    Vor zwölf Jahren.

    Massad fragte:

    „Wann genau?“

    Titus nannte das Datum.

    Selina sah ihn an.

    Es waren nur wenige Wochen vergangen, nachdem die Arca Scauri aus den Inventarlisten verschwunden war.

    II. NASO

    Titus ließ Naso wieder zu sich bringen.

    Er legte ihm den Eintrag vor.

    „Aurelia Marcella.“

    Naso betrachtete ihn.

    „Ja.“

    „Sie ist tot.“

    „Offiziell.“

    Titus hob den Blick.

    „Das hatten wir schon einmal.“

    Varro.

    Wieder ein Toter, dessen Tod möglicherweise nur auf einer Wachstafel existierte.

    „Lebt sie?“

    Naso antwortete diesmal ohne Spielchen.

    „Als sie Rom verließ, ja.“

    „Warum wurde ihr Tod eingetragen?“

    „Damit niemand nach ihr suchte.“

    „Wer veranlasste das?“

    „Aurelia Marciana.“

    Titus setzte sich.

    Endlich klare Antworten.

    „Marciana gab ihr das Siegel.“

    „Ja.“

    „Und schickte sie fort.“

    „Ja.“

    „Wohin?“

    Naso schüttelte den Kopf.

    „Das wusste ich nicht.“

    Titus glaubte ihm diesmal.

    V. ROM – MARCELLAS LETZTER TAG

    Titus rekonstruierte aus den Haushaltsbüchern Marcella letzten bekannten Tag in Rom.

    Keine dramatische Flucht.

    Keine Eskorte.

    Keine auffälligen Vorbereitungen.

    Sie hatte am Morgen die Villa Marcianas besucht.

    Am Mittag war ein Reisewagen vorbereitet worden.

    Zwei Pferde.

    Ein Fahrer.

    Eine Dienerin.

    Als Reiseziel war eingetragen:

    TIBUR.

    Tivoli.

    Selina betrachtete den Eintrag.

    „Sie sollte nach Osten.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Offiziell.“

    Er zeigte auf eine zweite Abrechnung.

    Am selben Abend waren in Ostia zwei Plätze auf einem Handelsschiff bezahlt worden.

    Massad verstand.

    „Falsche Route.“

    „Ja.“

    Marcella sollte ihre Verfolger glauben lassen, sie reise nach Tibur.

    Tatsächlich ging es Richtung Meer.

    „Wohin fuhr das Schiff?“

    Titus suchte.

    Dann fand er es.

    MASSILIA.

    Massilia.

    Nicht Germania.

    Nicht Mogontiacum.

    Sondern Gallien.

    VI. WARUM MASSILIA?

    Selina blickte Titus an.

    „Varro war am Rhenus.“

    „Ja.“

    „Warum sollte sie dann nach Massilia fahren?“

    Titus betrachtete die Karte.

    Massilia war weit entfernt vom direkten Weg nach Mogontiacum.

    Genau deshalb.

    „Weil niemand mit dem Siegel den direkten Weg genommen hätte.“

    Massad nickte.

    „Seeweg nach Gallien. Dann über Land nach Norden.“

    „Und damit weit außerhalb der üblichen Verbindung zwischen Rom und Germania Superior.“

    Titus sah erneut auf die Abrechnung.

    Scaurus hatte offenbar sogar für diesen Fall vorausgeplant.

    Marcella sollte nicht schnell sein.

    Sie sollte verschwinden.

    IX. TROGUS

    Trogus brauchte länger.

    Aber auch er fand Marcella.

    Nicht in den Akten der Aurelier.

    In alten Hafenunterlagen.

    AURELIA MARCELLA.

    Ostia.

    Massilia.

    Zwölf Jahre zuvor.

    Trogus ließ den Schreiber kommen.

    „Wer hat diese Akten zuletzt eingesehen?“

    Der Mann überprüfte das Register.

    Dann:

    „Severus.“

    Trogus' Gesicht verhärtete sich.

    „Wann?“

    „Vor drei Tagen.“

    Trogus schwieg.

    Severus suchte dieselbe Frau.

    Aber er war Titus voraus.

    Nicht Jahre.

    Nicht Monate.

    Nur wenige Tage.

    Das bedeutete:

    Die Jagd war noch offen.

    X. MARCELLA IN MASSILIA

    VOR ZWÖLF JAHREN

    Zum ersten Mal verlassen wir die Ermittler.

    Zum ersten Mal sehen wir, was tatsächlich geschah.

    Marcella stand am Hafen von Massilia.

    Sie war jung.

    Müde.

    Und allein.

    Die Dienerin, die Rom mit ihr verlassen hatte, war bereits zurückgeschickt worden.

    Unter ihrer Tunika trug Marcella einen kleinen Lederbeutel.

    Darin:

    das Siegel.

    Vor ihr wartete Lucius Valerius Corvinus.

    Ein Händler.

    Breite Schultern.

    Grauer Bart.

    „Du bist spät.“

    Marcella sah ihn an.

    „Ich wurde verfolgt.“

    Corvinus' Gesicht veränderte sich.

    „Seit wann?“

    „Seit Ostia.“

    „Wer?“

    „Ich weiß es nicht.“

    Corvinus blickte über ihre Schulter.

    „Dann können wir nicht nach Norden.“

    Marcella griff nach dem Beutel.

    „Ich muss zu Varro.“

    „Wenn sie dir folgen, führst du sie direkt zu ihm.“

    „Was soll ich tun?“

    Corvinus schwieg.

    Dann sagte er:

    „Wir ändern den Plan.“

    XI. DIE ENTSCHEIDUNG

    Sie verließen Massilia noch in derselben Nacht.

    Nicht nach Norden.

    Nach Westen.

    Zwei Tage später erreichten sie eine kleine Ansiedlung abseits der großen Straßen.

    Dort nahm Marcella das Siegel aus dem Beutel.

    Zum ersten Mal betrachtete sie es offen.

    „So klein.“

    Corvinus nickte.

    „Und Männer würden dafür Städte brennen lassen.“

    Marcella sah ihn an.

    „Scaurus wollte, dass Varro es bekommt.“

    „Scaurus wusste nicht, dass du verfolgt wirst.“

    „Dann verstecken wir es.“

    Corvinus schüttelte den Kopf.

    „Sie werden dich suchen.“

    Marcella verstand.

    „Dann darf ich nicht wissen, wo es ist.“

    Corvinus sah sie lange an.

    „Bist du sicher?“

    „Nein.“

    Sie reichte ihm das Siegel.

    „Aber ich bin sicher, dass ich unter Folter irgendwann reden würde.“

    Corvinus nahm es.

    Damit traf Marcella die Entscheidung, die zwölf Jahre später noch immer alle Beteiligten beschäftigte.

    Sie gab das Siegel aus der Hand.

    Und fragte nicht, wohin Corvinus es brachte.

    XII. ROM – TITUS FINDET DEN LETZTEN EINTRAG

    Titus hatte inzwischen eine weitere Abrechnung gefunden.

    Nicht über Marcella.

    Über Corvinus.

    Eine Zahlung aus dem Vermögen Aurelia Marcianas.

    Drei Monate nach Marcellas Verschwinden.

    Titus las:

    L. VALERIO CORVINO – PRO TUTELA MARCELLAE

    Für Lucius Valerius Corvinus.

    Zum Schutz Marcellas.

    Selina sah ihn an.

    „Dann wusste Marciana, dass sie noch lebte.“

    „Ja.“

    „Mindestens drei Monate später.“

    Titus nickte.

    Damit war auch Marcellas offizieller Tod eindeutig als Täuschung bestätigt.

    Massad fragte:

    „Und danach?“

    Titus blätterte weiter.

    Keine Zahlung.

    Keine Nachricht.

    Nichts.

    Die Spur endete.

    XIV. KEIN NEUES RÄTSEL – EINE NEUE SPUR

    In Rom kam Titus unabhängig davon zum gleichen Namen.

    Lucius Valerius Corvinus.

    In Germania Superior sprach Varro denselben Namen aus.

    In Mogontiacum hatte Appius ihn in Marcellus' alten Unterlagen gefunden.

    Und Trogus wusste, dass Severus bereits nach Massilia suchte.

    Vier Männer.

    Vier verschiedene Wege.

    Ein gemeinsames Ziel.

    Nicht eine neue Organisation.

    Nicht ein neues Symbol.

    Ein Mensch:

    LUCIUS VALERIUS CORVINUS

    Und zum ersten Mal seit Beginn der Suche war sogar klar, was dieser Mensch getan hatte.

    Vor zwölf Jahren hatte Marcella ihm das Siegel übergeben.

    Er hatte Marcella verschwinden lassen.

    Und anschließend das Siegel an einen Ort gebracht, den selbst Marcella nicht kannte.

    ENDE DIES XIV – MARCELLA

    Marcella war eine Aurelierin und Vertraute Aurelia Marcianas.

    Ihr Tod wurde vorgetäuscht, damit sie das Siegel unauffällig aus Rom schaffen konnte.

    Sie reiste über Ostia nach Massilia und sollte ursprünglich Varro erreichen.

    Als sie bemerkte, dass sie verfolgt wurde, änderte sie den Plan.

    In Massilia übergab sie das Siegel Lucius Valerius Corvinus.

    Marcella überlebte zumindest die folgenden Jahre – besaß das Siegel aber nicht mehr.


    WOHIN BRACHTE CORVINUS DAS SIEGEL?

  • Die Spur des Corvinus

    Vier Männer hatten denselben Namen gefunden.

    Titus Aurelius Romanus in den alten Abrechnungen Aurelia Marcianas.

    Faustus Iunius Rupa aus dem Mund eines Mannes, der offiziell längst tot war.

    Appius Orbius Herminianus in den zwölf Jahre alten Unterlagen des Gaius Iunius Marcellus.

    Und Nero Patulcius Trogus in den Hafenregistern von Ostia.

    Lucius Valerius Corvinus.

    Zum ersten Mal mussten sie nicht mehr fragen, wer dieser Mann gewesen war.

    Sie wussten es.

    Händler.

    Verbindungsmann.

    Fluchthelfer.

    Und vor zwölf Jahren jener Mann, dem Aurelia Marcella das Siegel anvertraut hatte.

    Marcella hatte überlebt.

    Aber sie hatte das Siegel nicht behalten.

    Corvinus hatte es genommen.

    Damit gab es nur noch eine entscheidende Frage:

    WOHIN?

    I. ROM – TITUS ÄNDERT DIE SUCHE

    Titus stand über den Unterlagen der Villa Aurelia gebeugt.

    Vor ihm lag die Abrechnung:

    L. VALERIO CORVINO – PRO TUTELA MARCELLAE

    Zum Schutz Marcellas.

    Selina stand ihm gegenüber.

    Massad saß neben einem Stapel alter Wachstafeln und sah aus, als würde er diese inzwischen persönlich hassen.

    „Wir suchen falsch“, sagte Titus.

    Massad blickte auf.

    „Das sagst du erstaunlich häufig.“

    Selina lächelte.

    Titus ignorierte beide.

    „Wir suchen nach Corvinus.“

    „Natürlich.“

    „Nein.“

    Titus schob die Abrechnung zur Seite.

    „Genau das ist der Fehler.“

    Selina verstand zuerst.

    „Wir müssen nach dem Siegel suchen.“

    „Ja.“

    Massad schüttelte den Kopf.

    „Das Siegel kann nicht reden.“

    „Corvinus auch nicht, wenn er tot ist.“

    „Wir wissen nicht, ob er tot ist.“

    „Eben.“

    Titus nahm eine andere Tafel.

    „Also hören wir auf, unsere Untersuchung vom Überleben eines einzelnen Mannes abhängig zu machen.“

    Er zog eine Karte heran.

    Massilia.

    Gallia Narbonensis.

    Die Straßen nach Norden.

    „Wir wissen, wo Corvinus das Siegel erhielt.“

    Sein Finger lag auf Massilia.

    „Und wir wissen, wo es ursprünglich hin sollte.“

    Der Finger wanderte nach Norden.

    Germania Superior.

    Mogontiacum.

    „Varro.“

    Selina betrachtete die Karte.

    „Aber Corvinus konnte diesen Weg nicht nehmen.“

    „Warum?“

    „Weil Marcella verfolgt wurde.“

    Titus nickte.

    „Genau.“

    Er sah auf die Karte.

    „Also müssen wir herausfinden, welchen Weg ein Mann wählen würde, der etwas nach Norden bringen will, ohne nach Norden zu reisen.“

    VI. ROM – TROGUS FINDET DENSELBEN TRANSPORT

    Trogus ließ nicht nach Corvinus suchen.

    Er ließ nach Fracht suchen.

    Zwölf Jahre alte Transportlisten.

    Gallien.

    Militärische Versorgung.

    Private Händler.

    Die Aufgabe war absurd.

    Tausende Einträge.

    Doch Trogus besaß etwas, das Titus, Faustus und Appius nicht besaßen:

    Zugang zu zentralen Verwaltungsarchiven.

    Am Abend kam ein Schreiber.

    „Dominus.“

    Trogus blickte auf.

    „Was?“

    „Wir haben Corvinus.“

    Trogus stand sofort auf.

    „Wo?“

    „Nicht ihn.“

    Der Schreiber legte eine Tafel hin.

    „Seine Handelsgesellschaft.“

    Trogus las.

    VALERII CORVINI ET SOCII

    Darunter mehrere Transporte.

    Massilia.

    Lugdunum.

    Augusta Raurica.

    Vindonissa.

    Trogus' Finger blieb stehen.

    „Noch einmal.“

    Der Schreiber legte eine zweite Tafel daneben.

    Ein einzelner Transport.

    Zwölf Jahre zuvor.

    CISTA XXVII.

    Trogus las den Bestimmungsort.

    Dann wurde er still.

    VII. VILLA AURELIA – DIE ERSTE VERBINDUNG

    Titus erhielt Trogus' Nachricht noch in derselben Nacht.

    Dieses Mal hatte der Eunuch keine Rätsel formuliert.

    Nur Fakten.

    CORVINUS.

    LUGDUNUM.

    CISTA XXVII.

    AUGUSTA RAURICA.

    Titus breitete die Karte aus.

    Selina trat neben ihn.

    „Augusta Raurica.“

    Massad kam hinzu.

    Titus zeigte auf Massilia.

    Dann Lugdunum.

    Dann Augusta Raurica.

    Und schließlich Mogontiacum.

    „Er hat das Siegel nicht direkt zu Varro gebracht.“

    Selina nickte.

    „Er brachte es in Richtung Germania.“

    „Aber nicht bis Mogontiacum.“

    Massad betrachtete die Karte.

    „Warum dort?“

    Titus antwortete:

    „Weil Augusta Raurica ein geeigneter Zwischenpunkt war.“

    „Für wen?“

    Titus schwieg.

    Das war die nächste Frage.

    Aber diesmal würde er nicht zwölf neue Verdächtige erfinden.

    Er würde die Fracht verfolgen.

    X. VOR ZWÖLF JAHREN – CORVINUS

    Lucius Valerius Corvinus betrachtete die kleine Holzkiste.

    Marcella stand neben ihm.

    Sie befanden sich noch immer in jener Ansiedlung westlich von Massilia.

    „Da hinein?“, fragte sie.

    Corvinus nickte.

    Das Siegel lag auf dem Tisch.

    So klein.

    So unscheinbar.

    Corvinus wickelte es in Stoff.

    Dann legte er es zwischen gewöhnliche Metallbeschläge.

    Scharniere.

    Nägel.

    Werkzeuge.

    Marcella beobachtete ihn.

    „Wenn sie die Kiste öffnen?“

    „Dann sehen sie Metall.“

    „Und wenn sie suchen?“

    „Dann finden sie es.“

    Marcella sah ihn an.

    Corvinus zuckte mit den Schultern.

    „Es gibt keine perfekte Täuschung.“

    Er schloss die Kiste.

    Dann brannte er eine Nummer hinein.

    XXVII

    Marcella strich mit dem Finger darüber.

    „Wohin?“

    Corvinus sah sie an.

    Er erinnerte sich an ihre eigene Entscheidung.

    Sie wollte nicht wissen, wo das Siegel verborgen wurde.

    Also sagte er nur:

    „Fort.“

    Marcella nickte.

    Keine weitere Frage.

    Corvinus rief zwei Männer.

    Die Kiste wurde auf einen Wagen geladen.

    Noch am selben Abend begann ihre Reise.

    Nicht nach Germania.

    Zunächst nach Lugdunum.

    XI. LUGDUNUM

    Corvinus wusste, dass jemand Marcella verfolgt hatte.

    Deshalb durfte keine erkennbare Verbindung zwischen ihr und dem endgültigen Versteck bestehen.

    In Lugdunum wechselte die Fracht den Transporteur.

    Der Wagen aus Massilia verschwand.

    Die Kiste wurde in einem Lagerhaus zwischen gewöhnliche Handelswaren gestellt.

    Dort blieb sie zwölf Tage.

    Dann erhielt sie neue Papiere.

    Neuer Transporteur.

    Neue Frachtliste.

    Das einzige Merkmal, das blieb:

    XXVII.

    Corvinus stand dabei, als die Kiste verladen wurde.

    Ein Mann neben ihm fragte:

    „Augusta Raurica?“

    „Ja.“

    „Empfänger Priscus?“

    „Ja.“

    Der Mann nickte.

    Corvinus hielt ihn am Arm fest.

    „Wenn irgendjemand fragt, was darin ist?“

    „Metallbeschläge.“

    „Wenn jemand öffnen will?“

    „Er darf.“

    Corvinus ließ ihn los.

    Der Mann sah überrascht aus.

    „Er darf?“

    Corvinus lächelte.

    „Wer nach einem geheimen Gegenstand sucht, erwartet eine verschlossene Truhe.“

    Er klopfte auf die einfache Kiste.

    „Also geben wir ihm eine, die jeder öffnen darf.“

    XIII. SEVERUS MACHT EINEN FEHLER

    In Rom wusste Severus inzwischen, dass Titus nach Corvinus suchte.

    Er wusste nicht, wie viel Titus wusste.

    Das machte ihn gefährlich.

    Und nervös.

    Am Abend betrat er erneut das Archiv.

    Der Schreiber erkannte ihn.

    „Schon wieder?“

    „Hafenunterlagen.“

    „Welche?“

    Severus legte eine Tafel vor.

    Der Schreiber las.

    Dann blickte er auf.

    „Augusta Raurica?“

    „Ja.“

    „Welches Jahr?“

    Severus nannte es.

    Der Schreiber suchte.

    Severus wartete.

    Dann sah er auf dem Tisch eine offene Abschrift.

    CISTA XXVII

    Er erstarrte.

    Nur einen Moment.

    Aber der Schreiber bemerkte es.

    „Ist etwas?“

    „Nein.“

    Severus nahm seine Unterlagen.

    „Ich komme morgen wieder.“

    Er verließ das Archiv.

    Zu schnell.

    Der Schreiber wartete.

    Dann tat er genau das, was Trogus ihm befohlen hatte.

    Er schickte einen Boten.

    XIV. DIE JAGD BEGINNT NEU

    Trogus erhielt die Nachricht zuerst.

    SEVERUS SUCHT AUGUSTA RAURICA.

    Er schickte sie an Titus.

    Titus las.

    Dann rief er Massad.

    „Er weiß es.“

    „Wer?“

    „Severus.“

    „Was weiß er?“

    „Dass wir Corvinus' Route gefunden haben.“

    Massad griff nach seinem Schwert.

    „Dann holen wir ihn.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Massad stöhnte.

    „Du willst wieder jemanden laufen lassen.“

    „Ja.“

    „Irgendwann könnten wir auch einfach eine Tür öffnen und jemanden festnehmen.“

    Titus musste lächeln.

    „Später.“

    Dann wurde er ernst.

    „Wenn Severus weiß, dass wir Augusta Raurica gefunden haben, wird er reagieren.“

    Selina trat hinzu.

    „Wohin?“

    Titus sah auf die Karte.

    „Genau das möchte ich wissen.“

    XVI. DIE BEWEGUNG DES SEVERUS

    Severus verließ Rom noch am selben Tag.

    Nicht heimlich genug.

    Massad beobachtete ihn.

    Selina ebenfalls.

    Titus erhielt die Meldung wenige Stunden später.

    „Richtung Norden“, sagte Massad.

    „Allein?“

    „Zunächst.“

    „Gepäck?“

    „Wenig.“

    Titus stand vor der Karte.

    „Dann folgt ihm niemand aus unserem Haushalt.“

    Massad starrte ihn an.

    „Was?“

    „Wenn er uns kennt, kennt er auch euch.“

    „Dann verlieren wir ihn.“

    „Nein.“

    Titus nahm eine Wachstafel.

    „Wir geben ihn weiter.“

    „An wen?“

    Titus schrieb einen Namen.

    Appius Orbius Herminianus.

    Selina verstand.

    „Wir verbinden die Ermittlungen.“

    Titus nickte.

    „Endlich.“

    XVIII. MARCELLA

    In Rom saß Titus später allein.

    Vor ihm lag der kleine Anhänger.

    MARCELLA.

    Er hatte die Frau gesucht.

    Nun wusste er genug.

    Sie war nicht die Verräterin gewesen.

    Nicht die Drahtzieherin.

    Nicht die geheimnisvolle Hüterin eines Netzes.

    Sie war eine junge Frau gewesen, der Aurelia Marciana vertraut hatte.

    Sie hatte einen Auftrag erhalten.

    Sie hatte erkannt, dass sie verfolgt wurde.

    Sie hatte improvisiert.

    Und sie hatte eine kluge Entscheidung getroffen:

    Das Siegel einem anderen Menschen zu geben und selbst nicht zu erfahren, wo es verborgen wurde.

    Titus nahm den Anhänger.

    „Du hast getan, was du konntest.“

    Dann legte er ihn zurück.

    Die Suche nach Marcella war beendet.

    Die Suche nach dem Siegel nicht.

    XIX. DAS ZIEL

    Zwei Tage später trafen drei Nachrichten beinahe gleichzeitig ein.

    Trogus meldete:

    SEVERUS HAT ROM VERLASSEN.

    Titus antwortete:

    BEOBACHTUNG ÜBERGEBEN.

    Appius meldete aus Mogontiacum:

    CORVINUS-TRANSPORT BESTÄTIGT. AUGUSTA RAURICA. PRISCUS.

    Faustus ergänzte:

    SEVERUS NICHT FESTNEHMEN.

    Zum ersten Mal arbeiteten die vier Männer nicht nebeneinander.

    Sie arbeiteten miteinander.

    Rom.

    Mogontiacum.

    Palast.

    Exploratio.

    Nicht vollkommen vertrauensvoll.

    Aber koordiniert.

    Und genau deshalb geschah etwas, womit ihr Gegner nicht gerechnet hatte.

    Severus änderte seine Route.

    Er ritt nicht nach Augusta Raurica.

    Er ritt auch nicht nach Lugdunum.

    Seine Spur führte weiter nach Norden.

    Richtung Germania Superior.

    Als Faustus die Meldung erhielt, breitete er die Karte aus.

    Appius stand neben ihm.

    „Wohin?“

    Faustus folgte der Straße mit dem Finger.

    Dann blieb er stehen.

    Nicht in Mogontiacum.

    Östlich davon.

    Nahe einer alten Verbindung zum Limes.

    Faustus blickte Appius an.

    „Jetzt wird es interessant.“

    „Warum?“

    Faustus zeigte auf den Ort.

    „Weil dort kein Händler sitzt.“

    „Was dann?“

    Faustus' Gesicht wurde ernst.

    „Ein aufgegebenes römisches Depot.“

    Appius schwieg.

    Faustus nahm die Nachricht.

    „Und wenn Severus nach zwölf Jahren ausgerechnet dorthin reitet…“

    Appius vollendete den Satz:

    „…dann glaubt er vielleicht, dass dort noch etwas zu finden ist.“

    Faustus nickte.

    Nicht Corvinus.

    Nicht Marcella.

    Nicht einmal Priscus.

    Zum ersten Mal führte die Spur zu einem Ort.

    Und Orte konnten durchsucht werden.

    ENDE DIES XV – VESTIGIUM CORVINI

    Die Spur des Corvinus

    Die Ermittlungen haben sich verändert.

    Marcella ist kein Rätsel mehr. Sie erfüllte ihren Auftrag, erkannte ihre Verfolgung und übergab das Siegel in Massilia an Lucius Valerius Corvinus.

    Corvinus ist ebenfalls kein neuer geheimnisvoller Drahtzieher. Er tat etwas Konkretes: Er verbarg das Siegel in der Cista XXVII, tarnte sie als gewöhnliche Metallfracht und schickte sie über Lugdunum nach Augusta Raurica.

    Appius findet den historischen Transport.

    Trogus bestätigt ihn über die zentralen Archive.

    Faustus verbindet die Frachtkennzeichnung mit Varros alter Nachricht.

    Titus beendet bewusst die Suche nach Marcella und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Bewegung des Siegels.

    Und Severus macht den entscheidenden Fehler:

    Als er erkennt, dass Titus und Trogus die Spur der Cista XXVII gefunden haben, verlässt er Rom.

    Doch er reist nicht nach Massilia.

    Nicht nach Lugdunum.

    Und nicht nach Augusta Raurica.

    Er reitet nach Germania Superior.

    Zu einem aufgegebenen römischen Depot nahe dem Limes.

    Damit lautet die Frage für das nächste Kapitel nicht mehr:

    Wer hatte das Siegel?

    Sondern:

    WAS LIEGT NOCH IM DEPOT?

    Das vergessene Depot

    Faustus lässt Severus nicht festnehmen. Stattdessen stellt er eine kleine Gruppe aus Speculatores zusammen und beobachtet das verlassene Depot aus der Entfernung.

    Appius entdeckt währenddessen, dass Cista XXVII Augusta Raurica zwar erreichte, dort aber nur zwei Tage blieb. Anschließend wurde sie unter einer neuen Frachtbezeichnung weitertransportiert.

    Titus und Trogus rekonstruieren in Rom denselben Vorgang und erkennen etwas Entscheidendes:

    Das Siegel könnte das Depot niemals erreicht haben.

    Damit wird Severus' Reise noch bedeutsamer.

    Denn wenn er nicht dorthin reitet, um das Siegel zu holen, dann sucht er dort möglicherweise etwas anderes:

    die Aufzeichnungen darüber, wohin Corvinus das Siegel tatsächlich bringen ließ.

    Und während Faustus Severus beim Betreten der verlassenen Anlage beobachtet, erscheint aus dem Wald ein zweiter Mann.

    Faustus kennt ihn.

    Gaius Iunius Marcellus.

  • Die Fracht ohne Namen

    Auf der Wachstafel standen nur zwei Worte.

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Landwirtschaftliche Werkzeuge.

    Nichts daran wirkte bedeutend.

    Kein Siegel.

    Kein Name.

    Kein Hinweis auf Scaurus.

    Kein Hinweis auf Marcella.

    Nicht einmal die Zahl XXVII war geblieben.

    Und doch wusste Faustus Iunius Rupa inzwischen, dass diese unscheinbare Fracht möglicherweise das gefährlichste Stück Metall des Imperiums nach Norden getragen hatte.

    Vor zwölf Jahren hatte Gaius Valerius Priscus in Augusta Raurica die Cista XXVII übernommen.

    Zwei Tage später war sie verschwunden.

    An ihrer Stelle erschien:

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Ziel:

    ARGENTORATE.

    Faustus legte die Wachstafel vor Appius.

    „Dort setzen wir an.“

    Appius betrachtete die beiden Worte.

    „Und wenn die Spur dort wieder umbenannt wurde?“

    Faustus griff nach seinem Mantel.

    „Dann suchen wir nicht nach dem Namen.“

    „Wonach dann?“

    Faustus sah ihn an.

    „Nach dem, was sich nicht ändern lässt.“

    II. ROM – TITUS ERHÄLT DIE NACHRICHT

    Titus las Faustus' Bericht im Tablinum der Villa Aurelia.

    Selina stand neben ihm.

    Massad saß am anderen Ende des Tisches und schälte einen Apfel.

    „Argentorate“, sagte Selina.

    „Ja.“

    „Dann führt die Spur weiter nach Norden.“

    „Zumindest führte sie vor zwölf Jahren dorthin.“

    Massad biss in den Apfel.

    „Und wir suchen jetzt zwölf Jahre alte Wagen.“

    Titus sah ihn an.

    „Hast du einen besseren Vorschlag?“

    Massad kaute.

    „Nein.“

    „Dann suchen wir zwölf Jahre alte Wagen.“

    Titus nahm eine zweite Wachstafel.

    Faustus hatte ausdrücklich geschrieben:

    TROGUS VORERST NICHT INFORMIEREN.

    Selina bemerkte seinen Blick.

    „Du hältst dich daran?“

    „Ja.“

    Massad hörte auf zu kauen.

    „Du verschweigst dem Eunuchen etwas?“

    „Faustus hat einen Grund.“

    „Welchen?“

    „Er weiß nicht, wem Trogus vertraut.“

    Massad nickte anerkennend.

    „Das ist ausnahmsweise ein sehr guter Grund.“

    Titus wandte sich wieder den Unterlagen zu.

    „Wir brauchen die römischen Straßen- und Zollregister zwischen Augusta Raurica und Argentorate.“

    Selina hob eine Augenbraue.

    „Ohne Trogus?“

    Titus lächelte.

    „Der kaiserliche Palast besitzt nicht jedes Stück Wachs im Imperium.“

    Titus sucht den Fuhrmann

    In Rom hatte Titus inzwischen einen anderen Ansatz gewählt.

    Plaustrum XII.

    Sextii Fratres.

    Wer hatte den Wagen gefahren?

    Nach mehreren Stunden fanden die Schreiber einen Namen:

    Marcus Sextius Falco.

    Massad betrachtete den Eintrag.

    „Zwölf Jahre.“

    „Ja.“

    „Lebt er?“

    „Das finden wir heraus.“

    Selina las weiter.

    „Geburtsort: Nemausus.“

    „Gallia Narbonensis.“

    „Alter damals?“

    „Siebenundzwanzig.“

    Massad rechnete.

    „Dann wäre er heute neununddreißig.“

    Titus nickte.

    „Wenn er lebt.“

    Selina sah ihn an.

    „Und wenn wir ihn finden?“

    „Dann fragen wir ihn, wo er die Fracht abgeladen hat.“

    Massad legte den halb gegessenen Apfel weg.

    „Endlich einmal eine einfache Frage.“

    XV. ROM – MARCUS SEXTIUS FALCO

    Titus erhielt zwei Tage später Nachricht.

    Marcus Sextius Falco lebte.

    Nicht in Nemausus.

    Nicht mehr.

    Er betrieb inzwischen ein kleines Fuhrunternehmen außerhalb von Ostia.

    Massad betrachtete Titus.

    „Das ist beinahe zu bequem.“

    „Ja.“

    „Falle?“

    „Vielleicht.“

    Selina griff nach ihrem Mantel.

    „Dann gehen wir nicht allein.“

    Titus sah sie an.

    „Wir?“

    „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du ohne uns nach Ostia fährst.“

    Massad stand auf.

    „Ich komme ebenfalls.“

    Titus seufzte.

    „Habe ich eigentlich noch irgendeine Befehlsgewalt in meinem eigenen Haus?“

    Selina öffnete die Tür.

    „Manchmal.“

    XVI. OSTIA

    Falco war kräftiger, als Titus erwartet hatte.

    Breite Hände.

    Verwittertes Gesicht.

    Ein Mann, der sein Leben auf Straßen verbracht hatte.

    Titus legte ihm die Abschrift vor.

    PLA USTRUM XII.

    Falco sah sie.

    Dann Titus.

    „Woher habt Ihr das?“

    „Du erinnerst dich.“

    Falco antwortete nicht.

    Massad stand an der Tür.

    Selina am Fenster.

    Titus setzte sich.

    „Zwölf Jahre zuvor. Augusta Raurica. Ferramenta Agricolae.“

    Falco wurde blass.

    „Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.“

    „Doch.“

    „Nein.“

    „Dann erkläre mir, warum du gerade Angst bekommst.“

    Falco sah zur Tür.

    Massad lächelte freundlich.

    Das machte es nicht besser.

    Titus sagte:

    „Ich will dich nicht bestrafen.“

    „Dann was?“

    „Die Wahrheit.“

    Falco schwieg lange.

    Dann:

    „Wir sollten nach Argentorate.“

    „Aber ihr seid nicht angekommen.“

    „Nein.“

    „Warum?“

    „Weil ein Mann die Ladung übernahm.“

    „Name?“

    „Kannte ich nicht.“

    „Aussehen?“

    Falco beschrieb denselben Mann wie Cassianus.

    Titus hörte aufmerksam zu.

    Dann stellte er die wichtigste Frage.

    „Wohin ritt er?“

    Falco antwortete:

    „Zum Rhein.“

    Titus wurde still.

    Faustus wusste es zu diesem Zeitpunkt ebenfalls.

    Zwei Ermittlungen.

    Dieselbe Antwort.

    XVII. DER RHEIN

    Faustus' Nachricht erreichte Titus einen Tag später.

    ARGENTORATE WAR TÄUSCHUNG.

    SIEGEL VERLIESS FRACHT VORHER.

    UNBEKANNTER ÜBERNAHM ES.

    RICHTUNG RHENUS.

    Titus las.

    Dann legte er seine eigene Aussage Falcos daneben.

    Identisch.

    Selina sah über seine Schulter.

    „Dann führt alles wieder nach Germania.“

    Titus nickte.

    Massad fragte:

    „Mogontiacum?“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Das wissen wir nicht.“

    Er betrachtete die Karte.

    Der Rhein war lang.

    Zu lang.

    Aber sie besaßen jetzt einen Zeitraum.

    Einen Ausgangspunkt.

    Und einen Mann.

    Titus sagte:

    „Wir brauchen die Rheinübergänge.“

    Selina nickte.

    „Faustus wird dasselbe tun.“

    „Ja.“

    XXII. VILLA AURELIA – TITUS ERKENNT DEN ORT

    Als Faustus' Nachricht Rom erreichte, holte Titus die alten Besitzregister der Aurelier.

    Scaurus.

    Grundbesitz.

    Mehrere kleinere Güter.

    Dann fand er es.

    Ein Anwesen nahe Aquae Mattiacorum.

    Vor dreizehn Jahren erworben.

    Ein Jahr später offiziell aufgegeben.

    Keine landwirtschaftlichen Einnahmen.

    Keine bekannten Pächter.

    Keine späteren Verkäufe.

    Massad betrachtete den Eintrag.

    „Ein Gut, das nichts produziert.“

    Selina ergänzte:

    „Und trotzdem nicht verkauft wurde.“

    Titus nickte.

    „Scaurus wollte es nicht als Gut.“

    „Sondern?“

    Titus betrachtete die Karte.

    „Als Ort.“

    Er nahm den Griffel.

    Schrieb nur einen Satz an Faustus:

    BETRITT ES NICHT, BEVOR DU WEISST, WER DICH BEOBACHTET.

    ENDE DIES XVII – FERRAMENTA AGRICOLAE

    Fortsetzung: DIES XVIII – TABULA SCAURI

    Die Tafel des Scaurus

  • Die Tafel des Scaurus

    „Wenn jemand beginnt, nach Ferramenta Agricolae zu suchen.“

    Faustus Iunius Rupa sagte nichts.

    Vor ihm stand Titus Valerius Crispinus.

    Alt.

    Gebückt.

    Ein ehemaliger Landvermesser.

    Und in seiner rechten Hand hielt er eine Wachstafel, die Marcus Aurelius Scaurus vor zwölf Jahren für einen Tag vorbereitet hatte, von dem niemand wusste, ob er jemals kommen würde.

    Appius trat näher.

    „Du willst behaupten, Scaurus habe vor zwölf Jahren vorhergesehen, dass wir heute hier stehen?“

    Crispinus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Er blickte auf die Tafel.

    „Er wusste nur, dass irgendwann jemand kommen könnte.“

    Faustus streckte erneut die Hand aus.

    „Die Tafel.“

    Crispinus hielt sie fest.

    „Sie ist für Titus Aurelius Romanus.“

    „Der befindet sich in Rom.“

    „Dann muss sie nach Rom.“

    „Dafür sorge ich.“

    Crispinus sah Faustus lange an.

    „Woher weiß ich, dass ich dir vertrauen kann?“

    Faustus antwortete ruhig:

    „Gar nicht.“

    Crispinus hob überrascht den Blick.

    Faustus fuhr fort:

    „Und wenn Scaurus so vorsichtig war, wie ich inzwischen glaube, hätte er vermutlich dieselbe Antwort gegeben.“

    Zum ersten Mal lächelte der alte Mann.

    „Vielleicht bist du deshalb der Richtige.“

    Er reichte Faustus die Tafel.

    XI. ROM – TITUS WARTET

    Titus wusste nichts davon.

    Noch nicht.

    In der Villa Aurelia arbeitete er an Scaurus' alten Besitzverhältnissen.

    Selina kam herein.

    „Du solltest schlafen.“

    „Später.“

    „Das sagst du seit drei Tagen.“

    Massad erschien hinter ihr.

    „Ich habe versucht, ihm Wein zu geben.“

    „Und?“

    „Er hat ihn nicht getrunken.“

    Selina sah Titus erschrocken an.

    „Dann ist es ernst.“

    Titus blickte auf.

    „Sehr komisch.“

    Massad setzte sich.

    „Was suchst du?“

    „Scaurus' letzte Monate.“

    „Wir wissen doch, was er getan hat.“

    „Nein.“

    Titus deutete auf mehrere Einträge.

    „Wir wissen, was andere über ihn berichten.“

    Selina trat näher.

    „Was fehlt?“

    „Der Moment, in dem er begriff, dass sein ursprünglicher Plan gescheitert war.“

    Titus betrachtete die Karte.

    „Irgendetwas muss geschehen sein, nachdem das Siegel Germania erreicht hatte.“

    Massad fragte:

    „Warum?“

    „Weil es Varro nie erreichte.“

    Titus lehnte sich zurück.

    „Und weil Corvinus offenbar später begann, selbst seinen eigenen Leuten nicht mehr vollständig zu vertrauen.“

    XII. APPIUS BRINGT DIE TAFEL

    Vier Tage später erreichte Appius Rom.

    Staubbedeckt.

    Müde.

    Wütend auf Pferde, Straßen und wahrscheinlich auf das gesamte Imperium.

    Massad öffnete ihm persönlich.

    „Du siehst schrecklich aus.“

    Appius trat ein.

    „Es ist schön, dich ebenfalls zu sehen.“

    „Faustus?“

    „Lebt.“

    „Warum bist du hier?“

    Appius griff unter seine Tunika.

    „Deshalb.“

    Er legte die Wachstafel auf den Tisch.

    Titus trat näher.

    Sofort erkannte er das Siegel.

    M. AUR. SCAURUS

    Seine Hand blieb über der Tafel stehen.

    „Woher?“

    „Crispinus.“

    Titus blickte auf.

    „Er lebt?“

    „Ja.“

    „Faustus?“

    „Hat ihn gefunden.“

    Appius setzte sich.

    „Und bevor du fragst: Die Tafel wurde nicht geöffnet.“

    Titus sah ihn an.

    „Faustus hat sie nicht gelesen?“

    „Nein.“

    Massad murmelte:

    „Der Mann besitzt tatsächlich Selbstbeherrschung.“

    Appius sah ihn an.

    „Mehr als wir beide.“

    „Das ist keine Kunst.“

    XIII. TABULA SCAURI

    Titus setzte sich.

    Selina stand rechts von ihm.

    Massad links.

    Appius gegenüber.

    Vier Menschen.

    Eine Tafel.

    Zwölf Jahre Schweigen.

    Titus brach das Siegel.

    Das Geräusch war kaum hörbar.

    Doch niemand sprach.

    Er öffnete die Tafel.

    Scaurus' Handschrift.

    Titus erkannte sie aus den alten Familienunterlagen.

    Er begann zu lesen.

    Zitat
    An denjenigen aus meinem Haus, der diese Worte eines Tages erhält.

    Titus hielt inne.

    Dann weiter.

    Zitat
    Wenn du dies liest, hat jemand die Spur der Ferramenta Agricolae gefunden.
    Dann ist mein erster Plan gescheitert.

    Selina sah Titus an.

    Er las weiter.

    Zitat
    Das Siegel darf niemals als Beweis meiner Schuld verstanden werden.
    Ich habe es nicht gestohlen.
    Ich habe verhindert, dass es benutzt wird.

    Appius beugte sich vor.

    Titus' Stimme wurde langsamer.

    Zitat
    Der Mann, vor dem ich es verbarg, kannte seine Macht.
    Er wusste, dass ein echtes Siegel aus einer Lüge einen Befehl machen kann.
    Er wollte nicht das Siegel.
    Er wollte die Befehle, die man damit glaubwürdig machen konnte.

    Massad sagte leise:

    „Die Fälschungen.“

    Titus nickte.

    Vor zwölf Jahren hatte Scaurus genau jene Gefahr erkannt, die heute Wirklichkeit geworden war.

    XIV. DER NAME FEHLT

    Titus las weiter.

    Zitat
    Ich werde seinen Namen nicht auf diese Tafel schreiben.

    Appius fluchte.

    Massad nickte.

    „Natürlich nicht.“

    Selina warf ihm einen Blick zu.

    Titus las weiter.

    Zitat
    Ein Name kann einen Unschuldigen töten, wenn die Tafel in falsche Hände gerät.
    Stattdessen hinterlasse ich dir einen Weg, ihn selbst zu erkennen.

    Jetzt wurde es still.

    Zitat
    Suche nicht nach dem Mann, der das Siegel besitzt.
    Suche nach dem Mann, der wusste, dass Marcella Rom verlassen würde, bevor sie Rom verließ.

    Titus hob den Kopf.

    Niemand sagte etwas.

    Dieser Satz veränderte die Richtung.

    Denn Marcellas Reise war geheim gewesen.

    Marciana.

    Scaurus.

    Marcella.

    Wenige Vertraute.

    Wer sie schon vor ihrer Abreise kannte, saß sehr nahe am ursprünglichen Verrat.

    XV. DIE ZWEITE ANWEISUNG

    Titus las weiter.

    Zitat
    Marcella kennt seinen Namen nicht.
    Corvinus kannte ihn nicht.
    Varro kannte ihn nicht.
    Ich kannte ihn ebenfalls nicht mit Gewissheit.

    Appius runzelte die Stirn.

    „Dann wusste Scaurus selbst nicht, wer ihn verraten hatte.“

    „Nein“, sagte Titus.

    Und las:

    Zitat
    Aber ich wusste, woher die Information gekommen sein musste.
    Aus meinem eigenen Umfeld.

    Titus' Gesicht verhärtete sich.

    Selina sah ihn an.

    „Aurelier.“

    „Vielleicht.“

    Titus las weiter.

    Zitat
    Deshalb habe ich das Siegel aus meiner eigenen Hand gegeben.
    Deshalb Marciana.
    Deshalb Marcella.
    Deshalb Corvinus.
    Je weiter die Kette von mir entfernt war, desto weniger konnte mein Verräter vorhersehen.

    Jetzt verstanden sie Scaurus' System.

    Es war nicht unnötig kompliziert gewesen.

    Es war eine Reaktion auf einen Verrat aus unmittelbarer Nähe.

    XVI. DIE DRITTE ANWEISUNG

    Noch ein Absatz.

    Zitat
    Wenn Ferramenta Agricolae gefunden wurde, prüfe drei Dinge.

    Titus las langsamer.

    Zitat
    Erstens: Wer sucht nach Marcella?
    Zweitens: Wer sucht nach meinem alten Besitz in Germania?
    Drittens: Wer versucht, den Namen Trogus mit dem Siegel zu verbinden?

    Appius sprang beinahe auf.

    „Trogus?“

    Titus starrte auf die Tafel.

    Selina fragte:

    „Scaurus erwähnt Trogus?“

    „Ja.“

    Massad trat näher.

    „Vor zwölf Jahren.“

    Titus las die Zeile erneut.

    Kein Zweifel.

    Trogus.

    Damit war etwas endgültig geklärt.

    Der Name des Eunuchen war nicht erst in der heutigen Verschwörung aufgetaucht.

    Er gehörte bereits zu Scaurus' Warnung.

    Aber Scaurus bezeichnete Trogus nicht als Verräter.

    Im Gegenteil.

    Er warnte davor, dass jemand versuchen würde, Trogus mit dem Siegel zu verbinden.

    Appius sagte:

    „Dann wusste Scaurus, dass Trogus eines Tages belastet werden könnte.“

    Titus antwortete:

    „Oder dass jemand genau diese Verbindung herstellen wollte.“

    XVII. TROGUS' ROLLE

    Titus las weiter.

    Zitat
    Nero Patulcius Trogus weiß nichts von dieser Tafel.
    Er darf nichts davon wissen, solange du nicht weißt, wer seine Befehle liest, bevor sie den Palast verlassen.

    Selina flüsterte:

    „Deshalb.“

    Appius sah sie an.

    „Was?“

    „Faustus wollte Trogus nichts von Ferramenta Agricolae sagen.“

    Titus nickte langsam.

    Nicht weil Trogus zwangsläufig der Feind war.

    Sondern weil sein Umfeld unsicher war.

    Scaurus hatte dieselbe Gefahr bereits vor zwölf Jahren erkannt.

    Massad fragte:

    „Also sagen wir ihm nichts?“

    Titus betrachtete die Tafel.

    „Noch nicht.“

    XVIII. DIE LETZTEN WORTE

    Nur wenige Zeilen blieben.

    Titus las:

    Zitat
    Das Siegel ist nicht die Wahrheit.
    Es ist nur das Werkzeug.
    Wenn du es findest, vernichte es nicht.
    Benutze es nicht.
    Folge demjenigen, der glaubt, dass du es besitzt.

    Faustus hätte diesen Satz geliebt.

    Titus musste unwillkürlich lächeln.

    Appius bemerkte es.

    „Was?“

    „Nichts.“

    Titus las die letzten Zeilen:

    Darunter:

    MARCUS AURELIUS SCAURUS

    Titus schloss die Tafel.

    Lange sagte niemand etwas.

    Dann Massad:

    „Er will, dass wir eine Lüge verbreiten.“

    Titus sah ihn an.

    „Nein.“

    Selina verstand.

    „Eine kontrollierte Wahrheit.“

    Titus nickte.

    „Genau.“

    XXII. TITUS TRIFFT DIE ENTSCHEIDUNG

    In Rom lag Scaurus' Tafel offen auf dem Tisch.

    Titus ging langsam durch das Tablinum.

    Selina wartete.

    Massad ebenfalls.

    Appius hatte sich inzwischen gewaschen, gegessen und sah wieder annähernd menschlich aus.

    Titus blieb stehen.

    „Scaurus sagt, wir sollen eine Information kontrollieren.“

    Appius nickte.

    „Welche?“

    „Eine, auf die unser Gegner reagieren muss.“

    Selina fragte:

    „Das Siegel?“

    „Zu gefährlich.“

    Massad:

    „Marcella?“

    „Nein.“

    Titus sah auf die Karte von Germania Superior.

    Dann auf Scaurus' Tafel.

    Schließlich sagte er:

    „Crispinus.“

    Appius wurde aufmerksam.

    „Was über ihn?“

    „Wir lassen glauben, dass Crispinus uns den endgültigen Aufbewahrungsort des Siegels genannt hat.“

    Stille.

    Selina verstand sofort.

    „Aber nur eine Person bekommt diese Information.“

    „Ja.“

    Massad fragte:

    „Wer?“

    Titus blickte auf Scaurus' Warnung.

    Wer versucht, den Namen Trogus mit dem Siegel zu verbinden?

    Dann sagte er:

    „Severus.“

    XXIII. DIE FALLE DES SCAURUS

    Die Nachricht sollte glaubwürdig sein.

    Nicht dramatisch.

    Nicht geheimnisvoll.

    Nur ein kurzer interner Vermerk:

    CRISPINUS HAT DEN AUFBEWAHRUNGSORT BESTÄTIGT.

    Darunter:

    BERGUNG INNERHALB VON DREI TAGEN.

    Kein Ort.

    Kein Name.

    Keine Erklärung.

    Titus gab die Tafel Appius.

    „Sie geht zu Faustus.“

    „Und dann?“

    „Faustus sorgt dafür, dass Severus sie sieht.“

    Selina fragte:

    „Und wenn Severus nicht reagiert?“

    „Dann haben wir etwas gelernt.“

    Massad:

    „Und wenn er reagiert?“

    Titus sah auf Scaurus' alte Tafel.

    „Dann folgen wir der Nachricht.“

    XXV. EIN NAME, DER NICHT GENANNT WURDE

    Zwei Tage später erreichte Titus eine weitere Nachricht von Faustus.

    BEOBACHTER DES GUTES MELDETE AN MARCELLUS.

    Titus las sie zweimal.

    Selina stand neben ihm.

    „Dann ist Marcellus unser Gegner.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Aber—“

    „Er beobachtet dieselben Spuren wie wir.“

    „Warum?“

    Titus nahm Scaurus' Tafel.

    „Das wissen wir noch nicht.“

    Massad kam hinzu.

    „Und Severus?“

    Titus sah auf die vorbereitete Falschinformation.

    „Das finden wir jetzt heraus.“

    Er gab sie Appius.

    „Sie geht zurück nach Mogontiacum.“

    Appius nahm sie.

    Titus hielt sie noch einen Augenblick fest.

    „Nur Severus.“

    „Verstanden.“

    Titus ließ los.

    Damit begann Scaurus' letzter Plan.

    Zwölf Jahre nach seinem Tod.

    XXVII. ROM

    Drei Tage später erreichte eine Nachricht die Hauptstadt.

    Nicht die Villa Aurelia.

    Nicht Trogus.

    Nicht den kaiserlichen Palast.

    Sie ging zu einem privaten Haus auf dem Aventin.

    Massad beobachtete den Eingang.

    Selina stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

    Titus wartete in einer Seitengasse.

    Der Kurier klopfte.

    Die Tür öffnete sich.

    Ein Mann nahm die Wachstafel entgegen.

    Keiner von ihnen kannte ihn.

    Noch nicht.

    Aber sie hatten jetzt etwas, das ihnen seit Beginn der Ermittlungen gefehlt hatte.

    Einen direkten Weg.

    Severus.

    Zum Kurier.

    Vom Kurier nach Rom.

    Und von Rom zu diesem Haus.

    Titus sah zur Tür.

    Scaurus hatte recht gehabt.

    Nicht der Name war entscheidend.

    Der Weg war es.

    Massad trat neben Titus.

    „Was jetzt?“

    Titus blickte auf das Haus.

    „Jetzt finden wir heraus, wer dort wohnt.“

    Selina kam hinzu.

    „Und wenn es wieder ein Toter ist?“

    Titus lächelte schwach.

    „Dann hoffe ich, dass er wenigstens zu Hause ist.“

    Fortsetzung: DIES XIX – DOMUS AVENTINA

    Das Haus auf dem Aventin

  • Das Haus auf dem Aventin

    Der Aventin lag still unter dem römischen Nachthimmel.

    Von den tiefer gelegenen Vierteln drang nur gedämpft das Leben der Stadt herauf. Das Rumpeln eines verspäteten Wagens. Das ferne Rufen eines Nachtwächters. Irgendwo bellte ein Hund.

    Titus Aurelius Romanus stand im Schatten einer Säule und betrachtete das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

    Es war unscheinbar.

    Gerade das machte es verdächtig.

    Keine prunkvolle Fassade. Keine Statuen. Keine Wappen einer bedeutenden Gens. Nicht einmal die sonst so beliebten Öllampen neben dem Eingang brannten.

    Nur eine schwere Tür.

    Zwei schmale Fenster.

    Und eine Mauer, die etwas höher war, als sie für ein gewöhnliches Stadthaus hätte sein müssen.

    Neben Titus stand Selina.

    Sie trug einen dunklen Mantel über ihrer Kleidung. Das Schwert an ihrer Seite war unter dem Stoff verborgen.

    Massad hingegen war verschwunden.

    Zumindest für jeden, der nicht wusste, wo er suchen musste.

    Titus wusste es.

    Der Mann befand sich irgendwo auf den Dächern.

    „Du starrst das Haus jetzt schon eine halbe Ewigkeit an“, flüsterte Selina.

    „Es hat mich noch nicht überzeugt.“

    „Wovon?“

    „Dass es harmlos ist.“

    Selina lächelte schwach.

    „Vielleicht solltest du hineingehen und fragen.“

    Titus sah sie an.

    „Genau das hatte ich vor.“

    Ihr Lächeln verschwand.

    „Das war ein Scherz.“

    „Meiner nicht.“

    Sie packte ihn am Arm.

    „Titus.“

    „Selina.“

    „Manchmal frage ich mich, wie du es geschafft hast, fünfundzwanzig Jahre alt zu werden.“

    „Durch ausgezeichnete Leibwächter.“

    Selina verdrehte die Augen.

    „Das ist keine Antwort.“

    „Doch. Sogar eine ausgesprochen schmeichelhafte.“

    Für einen kurzen Augenblick lag beinahe wieder jene Leichtigkeit zwischen ihnen, die früher selbstverständlich gewesen war.

    Dann bewegte sich oben auf einem Dach ein Schatten.

    Massad.

    Ein kaum sichtbares Handzeichen.

    Zwei Männer im Hof.

    Titus' Gesicht wurde ernst.

    I – TITUS

    Die Spur hatte sie hierhergeführt.

    Nicht ein Geständnis.

    Nicht ein Name.

    Nicht einmal ein Dokument.

    Nur eine Folge scheinbar bedeutungsloser Dinge.

    Ein Liefervermerk.

    Ein verschwundener Schreiber.

    Eine Rechnung über Lampenöl, die niemals an ihrem angegebenen Bestimmungsort angekommen war.

    Und schließlich ein Name:

    Lucius Aelius Celer.

    Ein unbedeutender Freigelassener.

    Zumindest auf dem Papier.

    Celer besaß drei Lagerhäuser am Tiber, zwei Mietshäuser auf der Subura und dieses kleine Anwesen auf dem Aventin.

    Das Seltsame daran war nicht sein Besitz.

    Das Seltsame war, dass Celer seit beinahe zwei Jahren tot war.

    Trotzdem wurden weiterhin Rechnungen in seinem Namen bezahlt.

    Titus hatte die Unterlagen selbst gesehen.

    Jemand benutzte einen Toten.

    „Wir gehen hinein“, sagte er.

    Selina schüttelte sofort den Kopf.

    „Nein.“

    „Eine erstaunlich klare militärische Einschätzung.“

    „Ich bin keine Soldatin in der Legion.“

    „Das merke ich.“

    „Und deshalb sage ich dir, wenn du dich wie ein Idiot verhältst.“

    Titus wandte sich ihr zu.

    „Selina.“

    Ihre Stimme wurde leiser.

    „Wir wissen nicht, wer dort drin ist.“

    „Deshalb sind wir hier.“

    „Wir wissen nicht, wie viele.“

    „Massad zählt.“

    „Wir wissen nicht, ob sie uns erwarten.“

    Titus schwieg.

    Das war der entscheidende Punkt.

    Vielleicht erwarteten sie ihn tatsächlich.

    Seit Wochen hatte Titus das Gefühl, nicht mehr Jäger zu sein.

    Sondern Beute.

    Immer wieder waren Menschen aufgetaucht, die mehr über ihn wussten, als sie wissen durften.

    Über die Villa Aurelia.

    Über seine Kontakte.

    Über seine Reisen.

    Allein dieser Gedanke ließ etwas Kaltes in ihm aufsteigen.

    „Gerade deshalb gehen wir hinein.“

    Selina erkannte an seinem Blick, dass jede weitere Diskussion sinnlos war.

    „Dann gehe ich zuerst.“

    „Nein.“

    „Titus.“

    „Diesmal nicht.“

    Sie trat dicht vor ihn.

    „Du bist Aurelier. Ich bin diejenige mit dem Schwert.“

    Titus blickte an ihr hinunter.

    „Ich habe ebenfalls eines.“

    „Du hast auch einen Kopf. Trotzdem benutzt du ihn heute erstaunlich wenig.“

    Er musste grinsen.

    „Das habe ich vermisst.“

    „Was?“

    „Dich.“

    Selina blinzelte.

    Für einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte.

    Dann schlug sie ihm leicht gegen die Brust.

    „Konzentrier dich.“

    II – MASSAD

    Massad lag flach auf den Dachziegeln.

    Unter ihm befand sich der Innenhof.

    Zwei Männer.

    Nicht drei.

    Nicht vier.

    Zwei.

    Doch irgendetwas stimmte nicht.

    Sie standen nicht wie gewöhnliche Wächter.

    Keine Unterhaltung.

    Kein Würfelspiel.

    Kein Wein.

    Sie beobachteten unterschiedliche Zugänge und wechselten regelmäßig ihre Position.

    Ausgebildete Männer.

    Massad kannte solche Menschen.

    Er hatte selbst lange genug zu ihnen gehört.

    Sein Blick wanderte über den Hof.

    Eine Tür.

    Eine zweite.

    Ein kleiner Brunnen.

    Eine Treppe hinunter.

    Massad hielt inne.

    Hinunter?

    Ein Haus dieser Größe brauchte keinen derart breiten Kellerzugang.

    Er bewegte sich weiter.

    Lautlos.

    Dann sah er etwas.

    An der Mauer neben der Kellertreppe war ein kleines Zeichen eingeritzt.

    Ein Kreis.

    Darin drei kurze Striche.

    Massad erstarrte.

    Er hatte dieses Zeichen schon einmal gesehen.

    Nicht in Rom.

    Sehr weit östlich.

    Vor vielen Jahren.

    Er schloss für einen Augenblick die Augen.

    Damals hatte er geglaubt, diese Geschichte hinter sich gelassen zu haben.

    Offenbar hatte die Geschichte andere Pläne.

    III – SELINA

    Die Seitentür gab schneller nach, als Selina erwartet hatte.

    Das gefiel ihr überhaupt nicht.

    „Zu einfach“, flüsterte sie.

    Titus nickte.

    Sie betraten einen schmalen Korridor.

    Keine Lampen.

    Kein Schmuck.

    Kein Hausrat.

    Nicht einmal der typische Geruch eines bewohnten Hauses.

    Selina zog ihr Schwert.

    Titus folgte ihrem Beispiel.

    Dann hörten sie Schritte.

    Selina drückte Titus gegen die Wand.

    Ein Mann kam um die Ecke.

    Er sah sie.

    Seine Hand fuhr unter die Tunika.

    Selina war schneller.

    Die Spitze ihres Schwertes lag an seiner Kehle.

    „Nicht.“

    Der Mann erstarrte.

    Titus trat hervor.

    „Lucius Aelius Celer?“

    Der Mann lachte leise.

    „Der ist tot.“

    „Das weiß ich.“

    „Dann stellt Ihr merkwürdige Fragen.“

    „Ich habe viele merkwürdige Fragen.“

    Der Fremde sah Titus genauer an.

    Dann veränderte sich sein Gesicht.

    Er erkannte ihn.

    „Aurelius.“

    Titus bemerkte es sofort.

    „Wir kennen uns?“

    „Nein.“

    „Aber du kennst mich.“

    Der Mann schwieg.

    Selina drückte die Schwertspitze etwas fester gegen seine Haut.

    „Er hat dich etwas gefragt.“

    „Jeder kennt die Aurelier.“

    „Nicht so.“

    Titus trat näher.

    „Wer bezahlt dieses Haus?“

    Keine Antwort.

    „Wer benutzt den Namen eines Toten?“

    Schweigen.

    „Wer beobachtet meine Villa?“

    Jetzt reagierte der Mann.

    Nur ein winziges Zucken seiner Augen.

    Aber Titus sah es.

    Selina ebenfalls.

    Titus' Stimme wurde kalt.

    „Also doch.“

    Der Mann lächelte.

    „Ihr versteht überhaupt nichts.“

    „Dann erklär es mir.“

    „Ihr glaubt, jemand beobachtet Euch.“

    „Tut er das nicht?“

    „Doch.“

    Das Lächeln verschwand.

    „Aber nicht aus dem Grund, den Ihr glaubt.“

    Plötzlich ertönte über ihnen ein dumpfer Schlag.

    Massad.

    Selina sah nach oben.

    Dann hörten sie einen zweiten Schlag.

    Und einen Schrei.

    „Massad!“

    IV – DER KELLER

    Sie erreichten den Hof, als Massad von der Mauer sprang.

    Einer der Wächter lag bewusstlos am Boden.

    Der andere kniete vor ihm.

    Massad hielt ihm einen Dolch an den Hals.

    „Keller“, sagte Massad.

    Nur dieses eine Wort.

    Titus blickte zur Treppe.

    „Was ist dort?“

    Massad sah ihn an.

    „Etwas, das du sehen musst.“

    Sie stiegen hinunter.

    Der erste Raum war leer.

    Der zweite ebenfalls.

    Dann fanden sie eine schwere Holztür.

    Massad öffnete sie.

    Titus blieb stehen.

    An den Wänden hingen Karten.

    Rom.

    Italia.

    Germania Superior.

    Der Rhein.

    Mogontiacum.

    Straßen.

    Häfen.

    Militärische Anlagen.

    Handelsrouten.

    Daneben lagen Wachstafeln.

    Dutzende.

    Vielleicht Hunderte.

    Selina nahm eine davon.

    Ihr Gesicht veränderte sich.

    „Titus.“

    Er trat zu ihr.

    Auf der Wachstafel standen Namen.

    Titus Aurelius Romanus.

    Selina.

    Massad.

    Faustus Iunius Rupa.

    Darunter weitere Namen.

    Einige kannte Titus.

    Andere nicht.

    Neben jedem Namen standen Zeichen.

    Termine.

    Orte.

    Beobachtungen.

    „Bei allen Göttern“, flüsterte Selina.

    Titus nahm ihr die Tafel ab.

    Die Einträge über Claudia waren knapp.

    Bewegungen.

    Besuche.

    Begleiter.

    Villa Aurelia.

    Seine Hand schloss sich um die Tafel.

    „Titus.“

    Er antwortete nicht.

    „Titus.“

    Jetzt sah er sie an.

    „Wir stehen alle auf dieser Liste.“

    „Richtig wir stehen alle darauf.“

    Das machte es nicht besser.

    Massad untersuchte währenddessen die Karten.

    Plötzlich zog er eine davon von der Wand.

    Dahinter befand sich eine kleine Nische.

    Darin lag eine einzelne Wachstafel.

    Versiegelt.

    Titus nahm sie heraus.

    Kein Name.

    Nur ein Symbol.

    Ein Adler.

    Darunter drei Striche.

    Und ein Kreis.

    Massad wurde ungewöhnlich still.

    Titus bemerkte es.

    „Du kennst dieses Zeichen.“

    Massad antwortete nicht sofort.

    „Massad.“

    Der Mann sah seinen Herrn an.

    „Ja.“

    „Woher?“

    „Aus meiner Vergangenheit.“

    Selina trat näher.

    „Welche Vergangenheit?“

    Massad blickte wieder auf das Symbol.

    „Eine, über die ich niemals sprechen wollte.“

    Titus wartete.

    Schließlich sagte Massad:

    „Dieses Zeichen gehörte früher zu keinem römischen Amt.“

    „Wozu dann?“

    „Zu Männern, die für Menschen arbeiteten, deren Namen niemals genannt wurden.“

    Titus runzelte die Stirn.

    „Spione?“

    Massad schüttelte langsam den Kopf.

    „Mehr als das.“

    V – DER MANN IM HOF

    Als sie wieder nach oben kamen, war der Gefangene verschwunden.

    Selina fluchte.

    Das Seil lag durchtrennt auf dem Boden.

    Der zweite Mann war ebenfalls fort.

    „Unmöglich“, sagte sie.

    Massad kniete nieder.

    „Nein.“

    Er zeigte auf den Boden.

    Eine Steinplatte war verschoben.

    Darunter führte ein schmaler Gang in die Dunkelheit.

    Titus betrachtete ihn.

    „Ein Fluchtweg.“

    Massad nickte.

    „Das ganze Haus wurde dafür gebaut.“

    Selina sah zurück zum Keller.

    „Dann war dies niemals ein Wohnhaus.“

    „Nein“, sagte Titus.

    Jetzt verstand er.

    „Es war eine Station.“

    „Wofür?“

    Titus sah auf die Wachstafel in seiner Hand.

    „Für Informationen.“

    VI – DIE BOTSCHAFT

    Sie durchsuchten das Haus bis tief in die Nacht.

    Die meisten Unterlagen waren absichtlich unvollständig.

    Namen fehlten.

    Zahlungen waren verschlüsselt.

    Boten wurden nur mit Zahlen bezeichnet.

    Doch eine Sache fanden sie.

    Eine kleine Schachtel.

    Darin lag ein Papyrus.

    Nur drei Zeilen.

    Titus las.

    Zitat
    Der Aurelier hat die äußere Linie durchbrochen.
    Die Beobachtung ist beendet.
    Phase II beginnt.

    Selina stand hinter ihm.

    „Was bedeutet Phase II?“

    Titus faltete das Schreiben langsam zusammen.

    „Ich fürchte, das werden sie uns zeigen.“

    Massad blickte zum Eingang.

    „Wir müssen hier weg.“

    „Warum?“

    „Weil dieses Haus aufgegeben wurde.“

    Titus verstand sofort.

    „Woher weißt du das?“

    Massad deutete auf die Öllampen.

    „Frisches Öl.“

    Dann auf die Unterlagen.

    „Zurückgelassene Informationen.“

    Schließlich auf den geöffneten Fluchtgang.

    „Und zwei Männer, deren Aufgabe offenbar nicht darin bestand, das Haus zu verteidigen.“

    Selina wurde blass.

    „Sondern?“

    Massad sah sie an.

    „Uns hineinlassen.“

    Stille.

    Titus blickte noch einmal auf die Karten.

    Auf seinen Namen.

    Auf Claudias Namen.

    Auf Faustus.

    Dann begriff er.

    „Wir haben das Haus nicht gefunden.“

    Massad nickte.

    „Nein.“

    „Sie haben uns hergeführt.“

    VII – DIE LETZTE TÜR

    Auf dem Weg hinaus blieb Titus stehen.

    Eine Tür hatten sie noch nicht geöffnet.

    Sie befand sich unmittelbar neben dem Haupteingang.

    Massad legte eine Hand auf seinen Arm.

    „Nicht.“

    Titus sah ihn an.

    „Warum?“

    „Weil sie wollen, dass du sie öffnest.“

    „Dann sollten wir sie nicht enttäuschen.“

    Selina seufzte.

    „Manchmal hasse ich diese Familie.“

    Titus öffnete die Tür.

    Der Raum dahinter war vollkommen leer.

    Bis auf einen Tisch.

    Darauf stand eine Öllampe.

    Daneben lag eine Wachstafel.

    Titus ging langsam darauf zu.

    Nur ein Satz war eingeritzt.

    SALVE, TITE AURELI.

    Willkommen, Titus Aurelius.

    Darunter:

    NUNC SCIMUS TE SCIRE.

    Jetzt wissen wir, dass du weißt.

    Titus betrachtete die Worte lange.

    Dann drehte er die Tafel um.

    Auf der Rückseite befand sich ein weiterer Satz.

    Diesmal nur ein Name.

    Titus las ihn.

    Und erstarrte.

    Selina trat neben ihn.

    „Wer?“

    Titus antwortete nicht.

    Massad kam näher.

    „Titus?“

    Langsam hob der Aurelier den Blick.

    „Dieser Name bleibt vorerst zwischen uns dreien.“

    Selina sah auf die Tafel.

    Dann verstand auch sie.

    Ihr Gesicht verlor jede Farbe.

    Massad sagte nichts.

    Titus zerbrach die Wachstafel nicht.

    Er steckte sie unter seinen Mantel.

    Denn zum ersten Mal seit Beginn der ganzen Angelegenheit besaß er keinen weiteren Hinweis.

    Er besaß einen Namen.

    Und dieser Name führte nicht in irgendeine dunkle Gasse Roms.

    Er führte dorthin, wo Titus niemals hatte suchen wollen.

    In die unmittelbare Nähe der Macht.

    Fortsetzung: DIES XX – NOMEN IN TABULA

    Der Name auf der Tafel

    Noch vor Sonnenaufgang kehren Titus, Selina und Massad heimlich in die Villa Aurelia zurück. Titus weigert sich, den auf der Wachstafel gefundenen Namen seinen übrigen Vertrauten zu nennen. Zu gefährlich wäre bereits die bloße Anschuldigung.

    Massad beginnt unterdessen, die Bedeutung des Symbols Adler – drei Striche – Kreis aus seiner eigenen Vergangenheit zu rekonstruieren. Dabei erkennt er, dass seine frühere Tätigkeit und Titus' gegenwärtige Nachforschungen möglicherweise auf dieselben Personen zulaufen.

    Währenddessen wird das Haus auf dem Aventin geräumt.

    Als Titus Männer zurückschickt, finden sie keine Karten, keine Wachstafeln und keine geheimen Räume mehr.

    Nur die Öllampe steht noch auf dem Tisch.

    Daneben liegt eine neue Nachricht:

    „Du hast den Namen. Jetzt finde heraus, ob er wahr ist.“

    Damit steht Titus vor einem gefährlichen Problem:

    Der Name auf der Wachstafel könnte die erste wirkliche Spur zum Hintermann sein.

    Oder er wurde dort nur hinterlassen, damit Titus genau das glaubt.

  • Der Name auf der Tafel

    Noch vor Sonnenaufgang erreichten drei Gestalten die Villa Aurelia.

    Sie kamen nicht durch das Haupttor.

    Massad führte Titus und Selina durch einen schmalen Zugang an der Rückseite des Anwesens, der gewöhnlich nur von Lieferanten und einigen wenigen Sklaven benutzt wurde. Keiner der Wächter am Haupteingang sollte wissen, wann Titus zurückgekehrt war.

    Nicht einmal sein eigenes Haus sollte in dieser Nacht mehr erfahren als unbedingt notwendig.

    Titus ging schweigend durch den dunklen Peristylhof.

    Unter seinem Mantel trug er die Wachstafel.

    Seit sie das Haus auf dem Aventin verlassen hatten, hatte er sie nicht mehr geöffnet.

    Und dennoch sah er den Namen vor sich.

    Immer wieder.

    Einen Namen, den er kannte.

    Das war das Schlimmste daran.

    I. TITUS – KEINE ANKLAGE OHNE BEWEIS

    Im Tablinum brannten nur zwei Lampen.

    Selina schloss die Tür.

    Massad blieb am Fenster stehen.

    Titus legte die Wachstafel auf den Tisch.

    Keiner der beiden fragte nach dem Namen.

    Selina hatte bereits auf dem Rückweg begriffen, dass Titus nicht darüber sprechen wollte.

    Schließlich brach sie das Schweigen.

    „Du kennst ihn.“

    Titus sah sie an.

    „Ja.“

    „Gut?“

    Eine Pause.

    „Gut genug, dass ich ihn nicht nennen werde.“

    Selina verschränkte die Arme.

    „Nicht einmal uns?“

    „Gerade euch nicht.“

    Massad drehte sich vom Fenster um.

    Titus bemerkte seinen Blick.

    „Wenn der Name falsch ist“, erklärte Titus, „genügt ein unbedachtes Wort, um einen Unschuldigen zu vernichten. Wenn er wahr ist, genügt dasselbe Wort, um ihn zu warnen.“

    Selina nickte langsam.

    Das war eine Antwort, die ihr gefiel.

    Titus nahm einen kleinen Griffel und schrieb drei Worte auf eine leere Tafel:

    MOTIVUM – FACULTAS – OCCASIO

    Motiv.

    Möglichkeit.

    Gelegenheit.

    „Wir prüfen den Mann“, sagte Titus. „Nicht den Namen.“

    Massad trat näher.

    „Und wenn alles passt?“

    Titus sah auf die verschlossene Wachstafel.

    „Dann prüfen wir es noch einmal.“

    II. MASSAD – DAS ZEICHEN

    Massad schlief nicht.

    Während Titus sich zurückzog, saß der ehemalige Attentäter allein in einem kleinen Nebenraum.

    Vor ihm lag ein Stück Pergament.

    Darauf hatte er das Zeichen gezeichnet:

    Adler – drei Striche – Kreis.

    Er betrachtete es lange.

    Dann strich er mit dem Finger über den Adler.

    „Nicht Rom“, murmelte er.

    Selina, die unbemerkt in der Tür stand, hörte es.

    „Was?“

    Massad sah auf.

    „Der Adler bedeutet nicht Rom.“

    Sie trat ein.

    „Was dann?“

    Massad zeigte auf die drei Striche.

    „Drei Übergaben.“

    Dann auf den Kreis.

    „Und das hier bedeutet nicht Vollendung.“

    Seine Stimme wurde leiser.

    „Es bedeutet Rückkehr.“

    Selina setzte sich ihm gegenüber.

    Massad erzählte.

    Nicht alles.

    Aber mehr als jemals zuvor.

    Viele Jahre zuvor hatte er Aufträge erhalten, deren Auftraggeber er niemals gesehen hatte. Befehle wurden weitergegeben, Geld über Mittelsmänner bezahlt, Zielpersonen nur durch Beschreibungen bezeichnet.

    Kein Auftraggeber durfte den Ausführenden kennen.

    Kein Ausführender durfte wissen, wem der Tod eines Menschen nutzte.

    Drei Vermittler lagen zwischen Befehl und Tat.

    Immer drei.

    Selina blickte auf das Zeichen.

    „Die drei Striche.“

    Massad nickte.

    „Ich hielt es damals für eine Sicherheitsregel.“

    „Und heute?“

    Massads Gesicht verhärtete sich.

    „Heute glaube ich, dass es eine Organisation war.“

    Selina schwieg.

    Massad nahm das Pergament und drehte es um.

    Auf die Rückseite schrieb er drei Namen.

    Selina wollte lesen.

    Massad legte sofort seine Hand darauf.

    „Nein.“

    „Jetzt fängst du auch damit an?“

    Zum ersten Mal zeigte sich ein schmales Lächeln.

    „Titus färbt ab.“

    Doch dann wurde er wieder ernst.

    „Einer dieser Männer lebt noch.“

    Selinas Blick veränderte sich.

    „In Rom?“

    Massad antwortete nicht sofort.

    „Wenn er noch dort lebt, wo ich ihn zuletzt kannte.“

    „Wo?“

    Massad blickte sie an.

    „Im Palast.“

    III. DAS HAUS AUF DEM AVENTIN

    Bei Tagesanbruch kehrten vier Männer des Titus zum Aventin zurück.

    Sie hatten den Befehl erhalten, das Gebäude unauffällig zu beobachten.

    Nicht einzudringen.

    Doch schon nach wenigen Augenblicken bemerkten sie etwas.

    Die Tür stand offen.

    Sie warteten.

    Niemand kam.

    Schließlich betraten sie das Haus.

    Der Raum war leer.

    Die Karten waren verschwunden.

    Die Wachstafeln waren verschwunden.

    Die Truhe war verschwunden.

    Selbst die Wand, hinter der Titus einen Hohlraum vermutet hatte, war geöffnet und anschließend wieder verschlossen worden.

    Professionell.

    Gründlich.

    Fast vollständig.

    Nur ein Gegenstand war zurückgeblieben.

    Die Öllampe.

    Sie stand genau dort, wo Titus sie gesehen hatte.

    Daneben lag eine kleine Wachstafel.

    Darauf standen nur neun Worte:

    NOMEN HABES.

    NUNC DISCE UTRUM VERUM SIT.

    Du hast den Namen.

    Jetzt finde heraus, ob er wahr ist.

    IV. DIE BOTSCHAFT

    Als Titus die Nachricht erhielt, reagierte er anders, als Selina erwartet hatte.

    Er wurde nicht wütend.

    Er lächelte.

    Nicht erfreut.

    Fast bewundernd.

    „Was ist daran lustig?“, fragte Selina.

    „Sie haben einen Fehler gemacht.“

    Massad hob den Kopf.

    „Welchen?“

    Titus legte die Nachricht neben die ursprüngliche Wachstafel.

    „Sie wollen, dass ich den Namen überprüfe.“

    „Natürlich.“

    „Nein.“

    Titus ging zum Fenster.

    „Wenn sie wollten, dass ich den Mann für schuldig halte, hätten sie mir Beweise gegeben.“

    Selina verstand.

    „Stattdessen geben sie dir Zweifel.“

    „Genau.“

    Titus wandte sich um.

    „Jemand will nicht, dass ich glaube. Jemand will, dass ich suche.“

    Massad sah auf die beiden Tafeln.

    „Vielleicht hilft uns jemand.“

    „Vielleicht.“

    „Oder er führt uns.“

    Titus nickte.

    „Deshalb tun wir weder das eine noch das andere.“

    Selina runzelte die Stirn.

    „Was tun wir dann?“

    Titus lächelte.

    „Wir lügen.“

    V. DIE DREI WAHRHEITEN

    Noch am selben Vormittag ließ Titus drei unterschiedliche Informationen verbreiten.

    Jede erreichte nur eine einzige Person.

    Der ersten Person ließ er mitteilen:

    Der Name auf der Wachstafel bezeichnet einen Senator.

    Der zweiten:

    Der Name bezeichnet einen Offizier.

    Der dritten:

    Der Name bezeichnet einen Beamten des Palastes.

    Keine dieser Aussagen musste wahr sein.

    Aber nur Titus wusste das.

    Selina begriff sofort.

    „Drei verschiedene Geschichten.“

    „Drei verschiedene Empfänger.“

    Massad ergänzte:

    „Und wenn eine Geschichte bei unseren Gegnern auftaucht …“

    Titus nickte.

    „… kennen wir den Weg.“

    Zum ersten Mal hatten sie keinen Menschen als Köder ausgelegt.

    Sondern eine Information.

    VI. SELINA – DER MANN AM TOR

    Am Nachmittag bemerkte Selina etwas.

    Ein Mann stand gegenüber der Villa Aurelia.

    Nichts Besonderes.

    Ein gewöhnlicher Bürger.

    Mittelgroß.

    Braune Tunika.

    Sandalen.

    Er kaufte Obst.

    Sprach mit einem Händler.

    Ging weiter.

    Zwei Stunden später sah sie ihn erneut.

    Andere Tunika.

    Andere Straße.

    Gleicher Gang.

    Selina folgte ihm.

    Nicht unmittelbar.

    Sie wechselte zweimal die Straßenseite, ließ einen Eselskarren zwischen ihnen passieren und blieb schließlich vor einem Heiligtum stehen.

    Der Mann ging weiter.

    Zum Forum.

    Dann zu einem Verwaltungsgebäude.

    Selina wartete.

    Er kam nicht wieder heraus.

    Sie umrundete das Gebäude.

    Auf der Rückseite befand sich ein zweiter Ausgang.

    Dort entdeckte sie etwas im Staub.

    Ein Zeichen.

    Mit einem Stock gezogen.

    Ein Adler.

    Drei Striche.

    Ein Kreis.

    Selina erstarrte.

    Dann hörte sie hinter sich eine Stimme.

    „Ihr solltet nicht hier sein.“

    Ihre Hand glitt zum Dolch.

    Sie drehte sich um.

    Niemand.

    Nur Menschen auf der Straße.

    Ein Händler.

    Zwei Sklaven.

    Ein Veteran.

    Eine alte Frau.

    Und ein Junge, der davonlief.

    Selina blickte wieder auf den Boden.

    Jemand hatte mit dem Fuß durch das Zeichen gewischt.

    VII. MASSAD – DIE VERGANGENHEIT KEHRT ZURÜCK

    Massad betrat am Abend einen Teil Roms, den Titus niemals besucht hätte.

    Keine Paläste.

    Keine Senatorenvillen.

    Keine Tempel.

    Werkstätten.

    Lagerhäuser.

    Unterkünfte ausländischer Händler.

    Hier hatte Massad früher Namen gekauft.

    Informationen verkauft.

    Und manchmal Menschen getötet.

    Er fand die Werkstatt.

    Der Besitzer war alt geworden.

    Sehr alt.

    Als er Massad erkannte, ließ er den Becher fallen.

    „Du bist tot.“

    Massad setzte sich.

    „Das höre ich häufiger.“

    Der Alte wollte fliehen.

    Massad hielt ihn nicht auf.

    „Adler. Drei Striche. Kreis.“

    Der Mann blieb stehen.

    Seine Schultern sackten zusammen.

    „Wer hat dir das gezeigt?“

    „Beantworte die Frage.“

    Der Alte drehte sich um.

    „Es war nie der Name einer Gruppe.“

    Massad schwieg.

    „Es war ein Verfahren.“

    Jetzt wurde Massad aufmerksam.

    Der Alte setzte sich.

    „Ein Auftrag wanderte durch drei Hände. Niemand kannte den Ursprung. Der Letzte führte ihn aus. Danach kehrte die Bestätigung über einen anderen Weg zurück.“

    Massad zeigte auf den Kreis.

    „Rückkehr.“

    Der Alte nickte.

    Massad stellte die entscheidende Frage.

    „Wer erfand das Verfahren?“

    Der Alte lachte bitter.

    „Du stellst nach zwanzig Jahren endlich die richtige Frage.“

    Dann beugte er sich vor.

    „Niemand weiß es.“

    Massads Gesicht blieb unbewegt.

    „Aber?“

    „Aber jemand verwaltete die Vermittler.“

    „Name.“

    Der Alte schwieg.

    Massad wartete.

    Schließlich flüsterte er:

    „Crispinus.“

    Massad erstarrte.

    Dieser Name war bereits gefallen.

    Und genau deshalb war er gefährlich.

    VIII. TITUS – DER ERSTE TEST

    Am Abend kam die erste Reaktion.

    Ein Informant berichtete, dass im Umfeld eines Senators plötzlich gefragt wurde, welche Offiziere der Legio XXII Primigenia derzeit Verbindung nach Rom hielten.

    Titus nahm die Nachricht entgegen.

    Dann sah er auf seine drei Tafeln.

    Senator.

    Offizier.

    Palastbeamter.

    Nur einer der drei Empfänger hatte die Information erhalten, dass der gefundene Name einem Offizier gehörte.

    Titus legte den Finger auf diese Tafel.

    Selina stand neben ihm.

    „Damit haben wir unseren Verräter.“

    „Nein.“

    Sie sah ihn überrascht an.

    Titus strich das Wort durch.

    „Wir haben einen Weg.“

    Massad lächelte.

    „Das ist ein Unterschied.“

    „Ein gewaltiger.“

    Titus stand auf.

    „Niemand wird verhaftet. Niemand wird beschuldigt. Niemand wird gewarnt.“

    „Was dann?“, fragte Selina.

    „Wir verfolgen den Weg rückwärts.“

    IX. DIE ZWEITE TAFEL

    Spät in der Nacht saß Titus allein.

    Vor ihm lag endlich wieder die Wachstafel vom Aventin.

    Er öffnete sie.

    Las den Namen.

    Lange.

    Dann nahm er eine zweite Tafel.

    Darauf schrieb er:

    Wer profitiert davon, dass ich diesen Mann verdächtige?

    Er betrachtete den Satz.

    Dann schrieb er darunter:

    Wer profitiert davon, wenn ich erkenne, dass der Name falsch ist?

    Eine dritte Frage folgte:

    Wer wusste, dass ich das Haus finden würde?

    Titus hielt inne.

    Diese Frage war wichtiger.

    Das Haus auf dem Aventin war nicht überstürzt geräumt worden.

    Es war vorbereitet gewesen.

    Die Nachricht war vorbereitet gewesen.

    Vielleicht sogar die ursprüngliche Wachstafel.

    Das bedeutete:

    Der Gegner reagierte nicht auf Titus.

    Er erwartete ihn.

    Titus erhob sich.

    Plötzlich sah er die Ereignisse anders.

    „Massad!“

    Keine Antwort.

    „Selina!“

    Stille.

    Titus trat aus dem Tablinum.

    Der Korridor war leer.

    Dann hörte er Schritte.

    Massad erschien.

    Allein.

    „Wo ist Selina?“

    „Sie wollte längst zurück sein.“

    Titus' Gesicht veränderte sich.

    „Von wo?“

    Massad verstand sofort.

    „Vom Forum.“

    Titus griff nach seinem Mantel.

    In diesem Augenblick klopfte es am Tor.

    Dreimal.

    Pause.

    Einmal.

    Pause.

    Dreimal.

    Massad zog seinen Dolch.

    Titus blieb stehen.

    Der Türwächter erschien wenige Augenblicke später.

    In seiner Hand hielt er eine kleine Wachstafel.

    „Dominus … ein Junge hat sie abgegeben.“

    „Wo ist er?“

    „Fortgelaufen.“

    Titus nahm die Tafel.

    Auf der Vorderseite befand sich das Symbol.

    Adler – drei Striche – Kreis.

    Er öffnete sie.

    Nur ein Satz.

    DU PRÜFST DEN FALSCHEN MANN.

    Massad las über seine Schulter.

    „Dann ist der Name falsch.“

    Titus schüttelte langsam den Kopf.

    „Nein.“

    Er schloss die Tafel.

    „Jetzt wissen wir nur, dass jemand möchte, dass ich das glaube.“

    Massad blickte zur Tür.

    „Und Selina?“

    Titus sah in die Dunkelheit hinaus.

    „Wir holen sie.“

    X. SELINA

    Selina war nicht gefangen.

    Noch nicht.

    Sie befand sich kaum eine halbe Meile von der Villa Aurelia entfernt.

    In einem verlassenen Lagerraum stand sie mit dem Rücken an einer Wand.

    Vor ihr drei Männer.

    Keiner zog eine Waffe.

    Der Älteste sprach.

    „Wir wollen Euch nichts tun.“

    Selina lächelte kalt.

    „Dann habt ihr einen bemerkenswert schlechten Ort für ein Gespräch gewählt.“

    Der Mann legte etwas auf einen Tisch.

    Eine Wachstafel.

    „Gebt das Titus Aurelius Romanus.“

    Selina rührte sich nicht.

    „Gebt es ihm selbst.“

    „Das können wir nicht.“

    „Warum?“

    Der Mann sah sie lange an.

    „Weil einer von uns morgen tot sein wird.“

    Stille.

    Selinas Blick fiel auf die Tafel.

    „Was steht darin?“

    „Der Beweis, dass der Name auf seiner Tafel nicht zufällig dort lag.“

    Selina trat einen Schritt näher.

    „Ist er wahr?“

    Der Mann lächelte traurig.

    „Das ist die falsche Frage.“

    Selinas Augen wurden schmal.

    „Dann nennt mir die richtige.“

    Der Mann antwortete:

    „Wer wusste, welchen Namen Titus finden musste?“

    Selina schwieg.

    Genau diese Frage hatte Titus gestellt.

    Sie nahm die Tafel.

    „Wer seid ihr?“

    Die drei Männer gingen bereits zur Hintertür.

    Der Älteste blieb noch einmal stehen.

    „Menschen, die zu lange Befehle weitergegeben haben, ohne zu fragen, woher sie kamen.“

    Selina blickte auf das Zeichen an der Innenseite der Tafel.

    Adler.

    Drei Striche.

    Kreis.

    Als sie wieder aufsah, waren die Männer verschwunden.

    XI. DIE ERSTE WIRKLICHE VERBINDUNG

    Kurz vor Mitternacht kehrte Selina zurück.

    Titus sagte nichts.

    Er ging ihr entgegen und legte für einen Augenblick beide Hände auf ihre Schultern.

    Erleichterung.

    Dann bemerkte er die Tafel.

    Selina reichte sie ihm.

    „Ich glaube, Massad sollte dabei sein.“

    Wenig später standen sie zu dritt im Tablinum.

    Titus öffnete die Wachstafel.

    Darin befand sich keine Nachricht.

    Keine Anschuldigung.

    Kein neuer Name.

    Nur eine Liste.

    Sieben Daten.

    Sieben Orte.

    Sieben Zahlungen.

    Massad beugte sich darüber.

    Sein Gesicht wurde bleich.

    Er zeigte auf das älteste Datum.

    „Das war mein Auftrag.“

    Selina sah ihn an.

    „Welcher?“

    Massad antwortete leise:

    „Mein erster Auftrag in Rom.“

    Titus betrachtete die übrigen Einträge.

    Der zweite betraf einen verschwundenen Kurier.

    Der dritte einen Beamten, der angeblich Selbstmord begangen hatte.

    Der vierte eine Lieferung nach Mogontiacum.

    Der fünfte führte zum Aventin.

    Der sechste zu Crispinus.

    Und der siebte …

    Titus hielt inne.

    Dieser Eintrag war nur wenige Wochen alt.

    Daneben stand:

    DOMUS AURELIA.

    Niemand sprach.

    Massad sah Titus an.

    „Sie beobachten dich nicht erst seit einigen Tagen.“

    Titus schüttelte langsam den Kopf.

    „Nein.“

    Er blickte auf die Daten.

    „Sie haben mich ausgewählt.“

    Selina trat näher.

    „Warum?“

    Titus nahm die ursprüngliche Wachstafel mit dem Namen.

    Dann die neue Liste.

    Er legte beide nebeneinander.

    Zum ersten Mal passten zwei Teile zusammen.

    Noch nicht vollständig.

    Aber genug.

    „Das“, sagte Titus leise, „werden wir herausfinden.“

    Er zeigte auf den Namen.

    „Aber nicht, indem wir ihm folgen.“

    Dann auf die sieben Einträge.

    „Wir folgen dem Geld.“

    Massad nickte.

    Selina lächelte.

    „Endlich etwas, das Menschen nur schwer fälschen können.“

    Titus sah sie an.

    „Oh, Geld kann man ausgezeichnet fälschen.“

    Dann erschien dieses gefährliche kleine Lächeln wieder.

    „Aber irgendjemand muss es bezahlen.“

    Fortsetzung: DIES XXI – PECUNIA NON MENTITUR

    Das Geld lügt nicht

    Titus lässt den Namen auf der ersten Wachstafel bewusst unangetastet. Stattdessen verfolgen er, Selina und Massad die sieben Zahlungen.

    Dabei entstehen erstmals drei klar getrennte Ermittlungswege:

    Titus untersucht über seine gesellschaftlichen und administrativen Kontakte, aus welchen Vermögen die Zahlungen stammen könnten.

    Selina verfolgt die Kuriere und Mittelsmänner, ohne zu wissen, dass einer von ihnen sie bereits erkannt hat.

    Massad rekonstruiert seine eigenen früheren Aufträge und erkennt, dass mehrere politische Morde und verschwundene Personen, die er für voneinander unabhängige Aufträge hielt, Teil derselben Kette gewesen sein könnten.

    Doch der wichtigste Hinweis kommt aus Mogontiacum:

    Eine der sieben Zahlungen wurde dort ausgezahlt.

    Und der Empfänger ist ein Mann, den Faustus Iunius Rupa persönlich kennt.

    Damit laufen die Ermittlungen von Titus und Faustus erstmals nicht nur thematisch, sondern anhand desselben konkreten Beweises zusammen.

    Und noch etwas verändert sich:

    Der Name auf der ersten Wachstafel bleibt weiterhin geheim.

    Doch am Ende von DIES XXI wird Titus erstmals beweisen können, ob dieser Mann tatsächlich Teil der Verschwörung ist – oder ob jemand versucht hat, Titus dazu zu bringen, einen seiner eigenen Verbündeten zu vernichten.

  • Das Geld lügt nicht

    Der Name auf der Wachstafel blieb unangetastet.

    Titus Aurelius Romanus hatte ihn nur ein einziges Mal gelesen. Danach hatte er die Tafel wieder geschlossen und in jener kleinen Kassette verwahrt, die inzwischen hinter einer losen Steinplatte seines Arbeitszimmers verborgen lag.

    Kein Abschreiber hatte den Namen übertragen.

    Selina kannte ihn nicht.

    Massad kannte ihn nicht.

    Das war Absicht.

    Denn Titus hatte inzwischen verstanden, dass der Name selbst vielleicht gar kein Beweis war.

    Vielleicht war er eine Waffe.

    Und möglicherweise wartete irgendwo in Rom jemand nur darauf, dass Titus sie benutzte.

    I. TITUS – DIE SIEBEN ZAHLUNGEN

    Auf dem Tisch lagen sieben kleine Wachstafeln.

    Keine Namen.

    Nur Zahlen.

    Titus hatte jede Zahlung einzeln übertragen.

    I – 18.000 Sesterzen

    II – 12.500 Sesterzen

    III – 24.000 Sesterzen

    IV – 9.000 Sesterzen

    V – 31.000 Sesterzen

    VI – 16.000 Sesterzen

    VII – 20.000 Sesterzen

    Daneben standen Orte und ungefähre Zeiträume.

    Rom.

    Ostia.

    Massilia.

    Ravenna.

    Rom.

    Capua.

    Mogontiacum.

    Titus betrachtete die letzte Zeile lange.

    Sie störte ihn.

    Nicht weil Mogontiacum überraschend war. Inzwischen führte ohnehin beinahe jede zweite Spur dorthin.

    Was ihn störte, war die Art der Zahlung.

    Sie war nicht von einem einzigen Konto gekommen.

    Drei Geldströme waren zusammengeführt worden.

    Titus tippte mit dem Griffel auf die Wachstafel.

    „Warum?“

    Der alte Freigelassene auf der anderen Seite des Tisches hob den Kopf.

    Lucius Fabius Celer hatte fast vierzig Jahre lang Vermögensgeschäfte für mehrere senatorische Familien abgewickelt. Er wusste mehr über die Finanzen der römischen Oberschicht, als viele Senatoren über ihr eigenes Vermögen wussten.

    „Weil niemand sehen sollte, wer bezahlt hat.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Zu einfach.“

    Celer lächelte.

    „Dann habt Ihr bereits eine bessere Antwort.“

    Titus zeigte auf die drei Beträge.

    „Weil drei Menschen glauben sollten, jeweils nur einen Teil eines Geschäfts zu finanzieren.“

    Jetzt verschwand Celers Lächeln.

    Titus lehnte sich zurück.

    Das änderte etwas.

    Vielleicht existierte gar keine geschlossene Gruppe von sieben Verschwörern.

    Vielleicht existierten sieben Geldgeber, die nicht einmal wussten, wofür ihre Zahlungen tatsächlich verwendet wurden.

    „Folge nicht dem Empfänger“, murmelte Titus.

    Celer runzelte die Stirn.

    „Dominus?“

    „Folge dem Geld.“

    II. SELINA – DER MANN MIT DEM GRAUEN MANTEL

    Selina hatte den Kurier seit dem Forum Boarium verfolgt.

    Er war gut.

    Nicht hervorragend.

    Aber gut genug, dass ein gewöhnlicher Beobachter ihn nach wenigen Straßen verloren hätte.

    Selina war kein gewöhnlicher Beobachter.

    Der Mann wechselte zweimal die Richtung, betrat eine Schenke durch den Haupteingang und verließ sie durch den Hof. Danach kaufte er Brot, obwohl er es kaum hundert Schritte später einem Bettler gab.

    Selina lächelte.

    „Du willst wissen, ob dir jemand folgt.“

    Sie blieb zurück.

    Der Mann verschwand.

    Selina wartete.

    Dann ging sie nicht hinterher.

    Sie nahm die Parallelstraße.

    Drei Straßen weiter sah sie ihn wieder.

    Jetzt wusste sie, wohin er wollte.

    Ein unscheinbares Gebäude nahe eines Lagerhauses.

    Der Mann klopfte.

    Zweimal.

    Pause.

    Einmal.

    Die Tür öffnete sich.

    Selina beobachtete das Haus aus einem Hauseingang gegenüber.

    Sie bemerkte nicht den Jungen hinter sich.

    Vielleicht zwölf Jahre alt.

    Schmutzige Tunika.

    Ein Korb mit Feigen.

    Er ging an ihr vorbei.

    Kein Blick.

    Keine erkennbare Reaktion.

    Erst zwei Straßen weiter begann er zu laufen.

    Eine halbe Stunde später erhielt ein Mann in einem anderen Viertel Roms eine Nachricht.

    Nur sechs Worte:

    Die Frau des Aureliers verfolgt Marcus.

    Der Empfänger las sie zweimal.

    Dann fragte er:

    „Die Ägypterin?“

    Der Junge schüttelte den Kopf.

    „Die Kriegerin.“

    Der Mann wurde still.

    „Selina.“

    Damit war etwas geschehen, das Titus unbedingt hatte verhindern wollen.

    Der Gegner kannte nun eine seiner Ermittlerinnen.

    III. MASSAD – DIE TOTEN

    Massad saß allein.

    Vor ihm lagen keine offiziellen Unterlagen.

    Nur Erinnerungen.

    Menschen.

    Gesichter.

    Straßen.

    Zimmer.

    Türen.

    Ein Mann in Ostia, der angeblich Geld unterschlagen hatte.

    Ein ehemaliger Schreiber in Ravenna.

    Ein Händler in Capua.

    Ein Freigelassener in Rom.

    Damals hatte Massad keine Fragen gestellt.

    Ein Name.

    Ein Ziel.

    Ein Preis.

    Das war alles gewesen.

    Doch nun legte er Jahre nebeneinander, die niemals nebeneinandergelegen hatten.

    Und plötzlich passten sie.

    Der Schreiber aus Ravenna hatte vor seinem Tod immer wieder denselben Satz gesagt:

    „Ich habe nur die Listen geführt.“

    Massad hatte damals geglaubt, der Mann wolle sein Leben retten.

    Jetzt wusste er es besser.

    Er stand auf.

    Ging zu Titus.

    Legte vier kleine Holzstücke auf dessen Tisch.

    Titus betrachtete sie.

    „Was ist das?“

    „Vier Tote.“

    Titus sah ihn an.

    Massad setzte sich.

    „Vier meiner Aufträge.“

    „Von wem?“

    „Verschiedenen Auftraggebern.“

    „Dann verstehe ich nicht.“

    Massad schob das erste Holzstück nach vorne.

    „Ostia.“

    Das zweite.

    „Ravenna.“

    Das dritte.

    „Capua.“

    Das vierte.

    „Rom.“

    Titus' Blick wanderte langsam zu seinen sieben Wachstafeln.

    Vier Orte stimmten überein.

    Niemand sagte etwas.

    Massad brach schließlich die Stille.

    „Ich glaube, ich habe jahrelang für dieselben Männer gearbeitet.“

    Titus sah ihn scharf an.

    „Du sagtest gerade, die Auftraggeber seien verschieden gewesen.“

    „Das waren sie.“

    Massad deutete auf die Tafeln.

    „Aber vielleicht waren die Auftraggeber ebenfalls nur Mittelsmänner.“

    Titus verstand.

    Die Organisation funktionierte nicht wie eine Kette.

    Sie funktionierte wie ein Netz.

    Und niemand musste das ganze Netz kennen.

    VI. ROM – DERSELBE NAME

    Drei Tage später erreichte die Nachricht die Villa Aurelia.

    Titus las sie allein.

    Beim Namen des Empfängers hielt er inne.

    Nicht weil er Varianus kannte.

    Sondern weil er den Betrag kannte.

    20.000 Sesterzen.

    Titus nahm die siebte Wachstafel.

    Legte Faustus' Nachricht daneben.

    Ort.

    Betrag.

    Zeitraum.

    Alles stimmte.

    Zum ersten Mal besaßen Titus und Faustus unabhängig voneinander denselben Beweis.

    Nicht dieselbe Vermutung.

    Nicht dieselbe Person aus zwei Zeugenaussagen.

    Dieselbe Zahlung.

    Titus rief Massad.

    „Du hattest recht.“

    Massad betrachtete die Tafeln.

    „Womit?“

    „Die Toten hängen zusammen.“

    Dann rief Titus Selina.

    Sie berichtete von dem Kurier und dem Haus.

    Titus hörte aufmerksam zu.

    „Hat dich jemand gesehen?“

    Selina wollte bereits Nein sagen.

    Dann hielt sie inne.

    „Ich weiß es nicht.“

    Titus sah sie an.

    Selina verstand sofort.

    „Ich werde vorsichtiger sein.“

    „Nein.“

    „Titus—“

    „Wenn sie dich erkannt haben, ist Vorsicht nicht mehr genug.“

    Sie verschränkte die Arme.

    „Du wirst mich nicht in der Villa einsperren.“

    Titus hob eine Augenbraue.

    „Ich erinnere mich nicht, das vorgeschlagen zu haben.“

    Massad sah zwischen beiden hin und her.

    „Soll ich hinausgehen?“

    „Ja“, sagten Titus und Selina gleichzeitig.

    Massad ging.

    VII. DER MANN AUF DER ERSTEN TAFEL

    In dieser Nacht öffnete Titus die Kassette.

    Zum ersten Mal seit Tagen nahm er die ursprüngliche Wachstafel heraus.

    Er las den Namen.

    Dann Faustus' Nachricht.

    Dann die sieben Zahlungen.

    Und plötzlich sah er den Fehler.

    Nicht in den Beträgen.

    Nicht in den Orten.

    In der Reihenfolge.

    Der Name auf der ersten Wachstafel sollte angeblich der Mann sein, der mehrere Zahlungen angeordnet hatte.

    Doch Titus hatte inzwischen die Herkunft von fünf der sieben Geldströme rekonstruiert.

    Eine davon war erfolgt, als dieser Mann nachweislich gar keinen Zugriff auf das betreffende Vermögen gehabt hatte.

    Titus stand auf.

    Holte eine zweite Tafel.

    Rechnete noch einmal.

    Dasselbe Ergebnis.

    Er ließ Celer kommen.

    Mitten in der Nacht.

    Der alte Finanzverwalter war entsprechend schlecht gelaunt.

    „Wenn Ihr mich um diese Stunde wegen einer Addition—“

    Titus zeigte auf die Zahlen.

    Celer verstummte.

    Er prüfte sie.

    Dann ein zweites Mal.

    „Das ist unmöglich.“

    „Nein.“

    Titus sah auf den geheim gehaltenen Namen.

    „Es ist hervorragend.“

    Celer blickte ihn verständnislos an.

    Titus nahm die ursprüngliche Tafel.

    „Diese Tafel sollte gefunden werden.“

    Jetzt verstand Celer.

    Der Name war nicht aus Versehen dort gewesen.

    Jemand hatte ihn dort platziert.

    Nicht um einen Verschwörer zu dokumentieren.

    Sondern um einen Mann zu vernichten.

    VIII. DIE PROBE

    Titus vernichtete die Tafel nicht.

    Im Gegenteil.

    Er ließ eine Kopie anfertigen.

    Fast perfekt.

    Nur ein Detail wurde verändert.

    Bei einer der sieben Zahlungen setzte Titus absichtlich einen falschen Betrag ein.

    21.000 statt 20.000 Sesterzen.

    Nur vier Menschen wussten davon.

    Titus.

    Celer.

    Massad.

    Und der Schreiber, der die Kopie angefertigt hatte.

    Dann ließ Titus die falsche Tafel dort auftauchen, wo ein bestimmter Mittelsmann sie finden konnte.

    Er wartete.

    Zwei Tage.

    Am Abend des zweiten Tages kam Selina zurück.

    Sie legte einen kleinen Zettel auf seinen Tisch.

    „Unser Kurier hat heute eine Nachricht überbracht.“

    Titus öffnete sie.

    Nur wenige Worte.

    Doch eines genügte.

    XXI milia.

    21.000.

    Titus lehnte sich zurück.

    Die Fälschung war angekommen.

    Der Gegner reagierte darauf.

    Damit wusste Titus nun zwei Dinge.

    Erstens:

    Die ursprüngliche Wachstafel war Teil eines gesteuerten Informationsweges.

    Zweitens:

    Der Name darauf war mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusst für Titus bestimmt gewesen.

    IX. DER UNSCHULDIGE VERRÄTER

    Massad stand am Fenster.

    „Dann ist er unschuldig.“

    Titus schüttelte langsam den Kopf.

    „Nein.“

    Massad wandte sich um.

    „Aber die Tafel—“

    „Ist falsch.“

    Titus nahm sie in die Hand.

    „Das beweist nur, dass jemand wollte, dass ich diesen Namen finde.“

    Er legte sie wieder ab.

    „Es beweist nicht, dass der Mann unschuldig ist.“

    Massad lächelte schwach.

    „Du wirst misstrauisch.“

    „Ich lerne.“

    Titus dachte an Faustus.

    An Marcellus.

    An Varro.

    An all die Männer, deren Namen inzwischen gefallen waren.

    Dann an seinen eigenen Lehrsatz:

    Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.

    Also würde er genau das tun.

    Nicht den Namen untersuchen.

    Den Mann.

    XI. ENDE DIES XXI – PECUNIA NON MENTITUR

    In Rom saß Titus vor sieben Zahlungen.

    In Mogontiacum saß Faustus vor dem Empfänger der siebten.

    Beide wussten noch nicht alles.

    Aber zum ersten Mal arbeiteten sie nicht an zwei Geschichten, die sich zufällig berührten.

    Sie hielten zwei Enden desselben Fadens.

    Titus hatte bewiesen, dass der Name auf der ersten Wachstafel manipuliert worden war.

    Faustus hatte bewiesen, dass die Zahlung von Mogontiacum tatsächlich existierte.

    Und Sextus Varianus hatte bewiesen, dass Geld nicht nur Menschen kaufte.

    Es kaufte Handlungen.

    Kleine Handlungen.

    Eine Kiste weitergeben.

    Eine Tür öffnen.

    Eine Liste abschreiben.

    Einen Mann beobachten.

    Eine Nachricht nicht zustellen.

    Jede für sich bedeutungslos.

    Gemeinsam bildeten sie eine Verschwörung.

    Titus nahm die ursprüngliche Wachstafel noch einmal in die Hand.

    Dann schrieb er auf eine neue nur einen einzigen Satz:

    PECUNIA NON MENTITUR. HOMINES MENTIUNTUR.

    Das Geld lügt nicht. Menschen lügen.

    Fast zur selben Stunde stand Faustus in Mogontiacum auf.

    „Wo hast du die Kiste übergeben?“

    Varianus antwortete:

    „Im alten Lagerhaus am Rhein.“

    Faustus' Gesicht wurde hart.

    Er kannte das Gebäude.

    Denn dort war bereits ein anderer Mann gesehen worden.

    Ein Mann, dem Faustus bislang vertraut hatte.

    Und damit führte die Spur wieder zu jenem Namen, den Titus in Rom noch immer geheim hielt.

    Nur diesmal war es kein Name auf einer Wachstafel.

    Diesmal war es eine Handlung.

  • Die Spur des Mannes

    II. ROM – TITUS SUCHT KEINEN VERRÄTER

    Am nächsten Morgen stand Titus Aurelius Romanus im Tablinum der Villa Aurelia.

    Vor ihm lag die falsche Wachstafel.

    XXI milia.

    21.000.

    Daneben das Original.

    XX milia.

    20.000.

    Titus betrachtete beide.

    Massad stand hinter ihm.

    Selina saß auf der Fensterbank und beobachtete Titus schon seit mehreren Minuten.

    Schließlich fragte sie:

    „Und?“

    Titus antwortete nicht.

    Selina wurde ungeduldig.

    „Du hast ihnen falsche Informationen gegeben. Sie haben sie übernommen. Du weißt also, dass dein Weg zu ihnen führt.“

    „Ja.“

    „Dann verfolgen wir den Weg.“

    Titus sah sie an.

    „Nein.“

    Selina hob eine Augenbraue.

    „Nein?“

    „Wir lassen sie glauben, dass wir ihn verloren haben.“

    Massad verstand zuerst.

    „Du willst den Informationsweg nicht zerstören.“

    Titus nickte.

    „Ein undichter Kanal ist wertvoller als ein verschlossener.“

    Selina sprang von der Fensterbank.

    „Und was machen wir?“

    Titus nahm die ursprüngliche Tafel.

    „Wir tun etwas, womit sie nicht rechnen.“

    „Was?“

    Titus betrachtete den Namen darauf.

    „Wir warnen den Mann, den sie mir als Verräter präsentieren wollten.“

    Stille.

    Massad sah ihn lange an.

    „Das könnte der echte Verräter sein.“

    „Natürlich.“

    „Und du willst ihn trotzdem warnen?“

    Titus lächelte kaum merklich.

    „Nein.“

    Er schloss die Tafel.

    „Ich will sehen, was er tut, wenn er glaubt, gewarnt worden zu sein.“

    Selina grinste.

    „Jetzt wirst du unangenehm.“

    „Das war ich schon immer.“

    IV. SELINA – DIE FALSCHE WARNUNG

    Der Mann erhielt die Nachricht am Nachmittag.

    Keine Wachstafel.

    Keinen Brief.

    Nur einen Satz.

    Ein Sklavenjunge überbrachte ihn auf dem Forum.

    „Dominus Titus lässt Euch ausrichten: Verlasst Rom.“

    Mehr nicht.

    Selina beobachtete aus einiger Entfernung.

    Der Mann reagierte zunächst überhaupt nicht.

    Dann ging er weiter.

    Langsam.

    Zu langsam.

    Er wusste, dass er beobachtet werden könnte.

    Er betrat ein Badehaus.

    Kam eine Stunde später durch einen anderen Ausgang heraus.

    Wechselte die Tunika.

    Nahm eine Sänfte.

    Verließ sie nach wenigen Straßen.

    Dann geschah etwas, womit selbst Selina nicht gerechnet hatte.

    Der Mann ging nicht zum Hafen.

    Nicht zur Via Appia.

    Nicht zu einem Stadttor.

    Er ging zum Palatin.

    Selina blieb stehen.

    Vor ihr erhob sich der Hügel der Kaiser.

    Sie flüsterte:

    „Bei allen Göttern.“

    Der Mann, dessen Name auf Titus' Wachstafel stand, floh nicht aus Rom.

    Er suchte Schutz.

    Im Umfeld des kaiserlichen Palastes.

    V. MASSAD – EIN ALTER AUFTRAG

    Massad hatte währenddessen einen anderen Weg gewählt.

    Nicht den Mann.

    Nicht das Geld.

    Die Toten.

    Er kehrte zu einem Ort zurück, den er seit Jahren gemieden hatte.

    Eine kleine Schenke nahe der Subura.

    Der Besitzer erkannte ihn sofort.

    Und wünschte offensichtlich, er hätte ihn nicht erkannt.

    „Massad.“

    „Hanno.“

    Der Wirt stellte den Becher ab.

    „Ich dachte, du wärst tot.“

    „Das denken viele.“

    „Manche hoffen es.“

    Massad setzte sich.

    „Der Schreiber aus Ravenna.“

    Hanno wurde blass.

    Das genügte.

    Massad wusste, dass er richtig lag.

    „Wer hat den Auftrag vermittelt?“

    „Das ist Jahre her.“

    „Ich erinnere mich.“

    „Dann erinnerst du dich auch daran, dass man keine Fragen stellte.“

    Massad legte einen Denar auf den Tisch.

    Hanno betrachtete ihn.

    Massad legte einen zweiten daneben.

    Dann einen dritten.

    Hanno schüttelte den Kopf.

    Massad nahm alle drei wieder an sich.

    „Gut.“

    Hanno sah überrascht auf.

    „Was?“

    „Dann reden wir ohne Geld.“

    Er beugte sich vor.

    „Denn ich glaube, der Mann, der damals den Auftrag gab, will jetzt meinen Freund töten.“

    Hanno blickte zur Tür.

    Dann sagte er leise:

    „Es war kein Mann.“

    Massad erstarrte.

    „Was?“

    „Der Auftrag kam über eine Stiftung.“

    „Welche?“

    Hanno antwortete:

    „Fundatio Concordiae Augustae.“

    Massad kannte den Namen.

    Fast jeder in Rom kannte ihn.

    Eine angesehene Stiftung.

    Getreidespenden.

    Unterstützung für Veteranenwitwen.

    Tempelrestaurierungen.

    Waisenversorgung.

    Ein Name, bei dem niemand an Mord dachte.

    Und genau deshalb war er perfekt.

    VIII. ROM UND MOGONTIACUM

    Fast gleichzeitig erreichten zwei Erkenntnisse zwei Männer.

    Massad trat in das Arbeitszimmer der Villa Aurelia.

    „Titus.“

    Titus blickte auf.

    Massad legte einen Zettel vor ihn.

    Fundatio Concordiae Augustae.

    Titus' Gesicht veränderte sich.

    Zur selben Stunde stand Faustus unter einem verlassenen Lagerhaus am Rhein.

    Vor ihm lagen Beweise dafür, dass jemand seit Monaten – vielleicht Jahren – Bewegungen der Legio XXII beobachtete.

    Dann hörte er Schritte.

    Oben.

    Faustus hob die Hand.

    Alle verstummten.

    Ein Schatten erschien am oberen Ende der Treppe.

    Faustus erkannte die Stimme.

    „Du hättest diesen Raum niemals finden dürfen.“

    Faustus schloss kurz die Augen.

    Denn er kannte die Stimme.

    Sehr gut.

    Dann öffnete er sie wieder.

    „Dann hättest du ihn besser verstecken müssen.“

    Der Mann trat ins Licht.

    Faustus' Hand lag am Griff seines Gladius.

    Aber er zog ihn nicht.

    Noch nicht.

    Denn vor ihm stand ein Mann, dem er vertraut hatte.

    Und zum ersten Mal seit Beginn der ganzen Angelegenheit besaß Faustus etwas Wertvolleres als einen Namen.

    Er besaß eine Handlung.

    ENDE DIES XXII – VESTIGIUM HOMINIS

    In Rom führt die Spur nun erstmals zu einer respektablen Institution, der Fundatio Concordiae Augustae.

    In Mogontiacum ist aus dem unsichtbaren Netzwerk ein greifbarer Tatort geworden.

    Doch die wichtigste Frage hat sich verändert.

    Nicht mehr:

    Wer gehört zur Verschwörung?

    Sondern:

    Wer glaubt nur, für sie zu arbeiten – und wer weiß, was sie wirklich ist?

    Und über allem steht Titus' Erkenntnis:

    PECUNIA NON MENTITUR. HOMINES MENTIUNTUR.

    Denn Namen können gefälscht werden.

    Zeugen können lügen.

    Wachstafeln können platziert werden.

    Aber irgendwann muss jemand eine Kiste tragen.

    Eine Zahlung entgegennehmen.

    Eine Tür öffnen.

    Oder einen verborgenen Raum betreten.

    Und Handlungen hinterlassen Spuren.

  • Das Geld lügt nicht

    Rom, drei Tage später.

    Titus Aurelius Romanus stand allein im Tablinum der Villa Aurelia.

    Vor ihm lagen keine geheimnisvollen Botschaften mehr.

    Keine rätselhaften Siegel.

    Keine Namen, die vielleicht wahr waren und vielleicht nicht.

    Nur Zahlen.

    Selina hatte die Bücher der Fundatio Concordiae Augustae auf dem großen Tisch ausgebreitet. Massad stand am Fenster und beobachtete schweigend den Garten.

    Titus fuhr mit dem Finger über eine Reihe von Einträgen.

    Spenden.

    Getreidekäufe.

    Unterstützung für Veteranen.

    Baumaßnahmen in den Provinzen.

    Alles sah sauber aus.

    Fast alles.

    „Hier.“

    Selina trat näher.

    Titus zeigte auf eine Zahlung.

    XVIII MILIA DENARIORUM.

    Achtzehntausend Denare.

    Offiziell bestimmt für die Instandsetzung eines Lagerhauses in Ostia.

    „Das Lagerhaus existiert“, sagte Selina.

    Titus blickte auf.

    „Aber?“

    „Es wurde nie instand gesetzt.“

    Massad drehte sich vom Fenster weg.

    „Und das Geld?“

    Titus schloss das Rechnungsbuch.

    „Das ist die richtige Frage.“

    Zum ersten Mal seit Wochen lächelte er.

    Nicht triumphierend.

    Eher erleichtert.

    „Wir haben zu lange Menschen verfolgt.“

    Er legte die Hand auf das Buch.

    „Jetzt verfolgen wir ihr Geld.“

    Die Stiftung

    In Rom schlug Titus nicht sofort zu.

    Das war entscheidend.

    Die Fundatio Concordiae Augustae war angesehen. Senatoren unterstützten sie. Kaufleute spendeten. Veteranenfamilien erhielten tatsächlich Hilfe.

    Die Stiftung war keine Fassade.

    Und genau darin bestand ihre Stärke.

    Nur ein kleiner Teil ihrer Verwaltung war missbraucht worden.

    Titus erkannte schließlich die Konstruktion.

    Die meisten Männer, die Zahlungen freigegeben, Waren transportiert oder Nachrichten überbracht hatten, glaubten tatsächlich, für legitime Zwecke zu arbeiten.

    Nur wenige kannten das Ganze.

    Das Netzwerk war nicht deshalb unsichtbar geblieben, weil alle schwiegen.

    Es war unsichtbar geblieben, weil fast niemand genug wusste, um etwas verraten zu können.

    Titus ließ die Verantwortlichen beobachten.

    Keine Verhaftungen.

    Keine öffentlichen Anschuldigungen.

    Dann kam die Nachricht aus Mogontiacum.

    Faustus hatte einen Wagen verfolgt.

    Seine Ladung:

    Waffen.

    Silber.

    Siegelwachs.

    Leere Wachstafeln.

    Und eine Liste mit Zahlencodes.

    Titus verglich sie mit den Konten der Stiftung.

    Sie stimmten überein.

    Zum ersten Mal verband ein Beweisstück Rom und Mogontiacum unmittelbar miteinander.

    Titus lehnte sich zurück.

    „Jetzt haben wir sie.“

    Das Netz fällt

    Der Zugriff erfolgte gleichzeitig.

    In Mogontiacum ließ Faustus drei Lagerhäuser sichern.

    Seine Speculatores besetzten die Zufahrten.

    Niemand entkam.

    In Rom erschienen Beamte mit richterlichen Anordnungen bei der Fundatio Concordiae Augustae.

    Titus selbst blieb zunächst in der Villa Aurelia.

    Er wollte keinen politischen Triumph.

    Er wollte Beweise.

    Schränke wurden geöffnet.

    Konten beschlagnahmt.

    Siegel verglichen.

    Und schließlich fanden die Ermittler das, wonach Titus seit Wochen gesucht hatte:

    das Register.

    Nicht eine Liste von Verschwörern.

    Etwas viel Wertvolleres.

    Eine Liste von Zahlungen.

    Daneben standen Nummern.

    Transportwege.

    Empfänger.

    Lagerorte.

    Decknamen.

    Und schließlich die Namen jener wenigen Männer, die tatsächlich wussten, was geschah.

    Jetzt fiel das Netzwerk Stück für Stück auseinander.

    Nicht durch Folter.

    Nicht durch Verrat.

    Nicht durch ein überraschendes Geständnis.

    Durch Buchhaltung.

    Titus musste lachen, als Selina ihm das Register brachte.

    „All diese Geheimnisse.“

    Er blätterte darin.

    „Und am Ende vernichtet sie ein Schreiber.“

    Massad erlaubte sich ein seltenes Lächeln.

    „Ein sehr ordentlicher Schreiber.“

    Die Wahrheit

    Die Verhöre bestätigten schließlich das Bild.

    Die Verschwörung war kleiner gewesen, als Titus zunächst befürchtet hatte.

    Aber gefährlicher.

    Sie hatte keine riesige geheime Organisation geschaffen.

    Sie hatte bestehende Strukturen benutzt.

    Stiftungen.

    Handelshäuser.

    Militärische Versorgung.

    Kuriere.

    Beamte.

    Händler.

    Die meisten Beteiligten hatten nur einen einzelnen Auftrag gekannt.

    Eine Kiste transportieren.

    Eine Zahlung weitergeben.

    Ein Siegel benutzen.

    Eine Nachricht zustellen.

    Eine Tür öffnen.

    Nur die Spitze kannte den Zweck.

    Die Unruhe am Rhein sollte Rom zu politischen und militärischen Entscheidungen zwingen, von denen einige wenige Männer profitieren würden.

    Macht.

    Ämter.

    Geld.

    Einfluss.

    Keine mystische Bruderschaft.

    Keine allmächtige geheime Ordnung.

    Nur Menschen.

    Gierige, ehrgeizige und manchmal verängstigte Menschen.

    Titus betrachtete lange die abschließenden Ermittlungsakten.

    Dann sagte er:

    „Wir haben nach einem Ungeheuer gesucht.“

    Selina wartete.

    „Und?“

    Titus schloss die Akte.

    „Wir haben Menschen gefunden.“

    Die Rückkehr

    Wochen später erreichte Faustus Rom.

    Titus wartete im Atrium der Villa Aurelia.

    Selina stand neben ihm.

    Massad etwas dahinter.

    Faustus blieb vor Titus stehen.

    Einen Augenblick sagte keiner etwas.

    Dann reichte Faustus ihm eine kleine Wachstafel.

    Der letzte Bericht.

    Titus nahm sie entgegen.

    „Ist es vorbei?“

    Faustus sah ihn an.

    „Dieses Netz? Ja.“

    Titus bemerkte die Einschränkung.

    „Dieses Netz.“

    Faustus nickte.

    Titus musste lachen.

    „Du bist ein schrecklicher Mann, Faustus.“

    „Das wurde mir schon gesagt.“

    Claudia trat zu Titus und nahm seine Hand.

    Zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte Titus nicht wie der Mann, der hinter jeder Tür einen Feind vermutete.

    Er war einfach Titus.

    Faustus bemerkte es.

    Und sagte nichts.

    Frieden

    Die Folgen waren erheblich.

    In Rom wurden die Verantwortlichen vor Gericht gestellt.

    Unschuldige Mitarbeiter der Stiftung wurden nicht verfolgt.

    Die Fundatio Concordiae Augustae wurde reformiert und unter neue Aufsicht gestellt, statt wegen der Verbrechen einiger weniger vollständig zerstört zu werden.

    In Mogontiacum wurden die militärischen Versorgungssysteme neu organisiert.

    Faustus erhielt offiziell Anerkennung für seine Ermittlungen.

    Seine Speculatores wurden ausgezeichnet.

    Titus sorgte persönlich dafür, dass ihre Namen in den Berichten genannt wurden.

    Faustus protestierte.

    „Sie haben ihre Pflicht getan.“

    Titus antwortete:

    „Dann soll Rom wissen, wer seine Pflicht getan hat.“

    Auch Appius erhielt Anerkennung.

    Selina und Massad dagegen lehnten jede öffentliche Ehrung ab.

    Das überraschte Titus nicht.

    Claudia bestand darauf, dass wenigstens in der Villa Aurelia ein Fest gefeiert wurde.

    Und dieses Mal widersprach Titus nicht.

    EPILOG

    Die Taten bleiben

    Am Abend saßen Titus und Faustus im Hortus der Villa Aurelia.

    Die Sonne sank über Rom.

    Aus der Villa drangen Stimmen und Lachen.

    Claudia sprach mit Selina.

    Massad hatte irgendwo Wein aufgetrieben, dessen Herkunft er nicht erklären wollte.

    Faustus betrachtete seinen Becher.

    „Du hattest recht.“

    Titus hob eine Augenbraue.

    „Das solltest du wiederholen. Eine Ehefrau wird dir niemals glauben.“

    Faustus ignorierte es.

    „Das Geld.“

    Titus verstand.

    Pecunia non mentitur.

    Nach einer Weile schüttelte Faustus den Kopf.

    „Nicht ganz.“

    Titus sah ihn an.

    Faustus stellte seinen Becher ab.

    „Geld kann verborgen werden. Bücher können gefälscht werden.“

    „Natürlich.“

    „Dann war dein Satz falsch.“

    Titus lächelte.

    „Und deiner war besser?“

    Faustus blickte hinaus über den Garten.

    Dann sagte er:

    „Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.“

    Titus schwieg einen Moment.

    Schließlich nickte er.

    „Vielleicht sagen wir dasselbe.“

    Faustus sah ihn fragend an.

    Titus stand auf.

    Vor ihnen lag Rom.

    Laut.

    Gewaltig.

    Widersprüchlich.

    Lebendig.

    „Namen können gefälscht werden“, sagte Titus.

    „Zeugen können lügen.“

    Faustus erhob sich ebenfalls.

    „Wachstafeln können platziert werden.“

    Titus nickte.

    „Aber irgendwann muss jemand eine Kiste tragen.“

    Faustus ergänzte:

    „Eine Zahlung entgegennehmen.“

    „Eine Tür öffnen.“

    „Einen verborgenen Raum betreten.“

    Die beiden Männer sahen einander an.

    Wochenlang hatten sie hunderte Meilen voneinander entfernt dieselbe Wahrheit verfolgt.

    Titus in den Villen, Archiven und Machtzentren Roms.

    Faustus auf Straßen, in Lagern und im Schlamm Germaniens.

    Zwei Männer.

    Zwei Methoden.

    Eine Spur.

    Titus hob seinen Becher.

    „PECUNIA NON MENTITUR. HOMINES MENTIUNTUR.“

    Faustus hob seinen.

    „SED ACTA MANENT.“

    Aber die Taten bleiben.

    Die Becher berührten sich.

    Titus sah zu Faustus.

    Faustus zu Titus.

    Dann lachten beide.

    Faustus folgte ihnen in die Villa.

    Zum ersten Mal seit langer Zeit wartete dort keine geheime Botschaft.

    Kein Bote.

    Kein Siegel.

    Keine Warnung.

    Nur Freunde.

    Wein.

    Essen.

    Und Frieden.

    Für Titus Aurelius Romanus war die Villa Aurelia wieder ein Zuhause.

    Für Faustus Iunius Rupa war der Auftrag beendet.

    Und für Rom blieb eine Wahrheit zurück, die keine Verschwörung jemals ganz auslöschen konnte:

    Zitat
    HOMINES MENTIUNTUR.
    Menschen lügen.
    SED ACTA MANENT.
    Doch ihre Taten bleiben.

    FINIS

    Titus Aurelius Romanus und Faustus Iunius Rupa hatten gewonnen.

    Nicht weil ihre Gegner keine Geheimnisse besaßen.

    Sondern weil jedes Geheimnis irgendwann eine Handlung verlangt.

    Und Handlungen hinterlassen Spuren.

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