OCULI AURELIANI - APPIUS ORBIUS HERMINIANUS

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    Die Schatten von Mogontiacum

    Legatus Aurelianus Appius Orbius Herminianus – Im geheimen Auftrag des Titus Aurelius Romanus

    Provincia Germania Superior – Mogontiacum, um 123 n. Chr.

    I. OPUS PERFECTUM – Der vollendete Auftrag

    Villa Aurelia, Mogontiacum – Die dritte Stunde des Tages

    Appius Orbius Herminianus stand am Fenster seines Arbeitszimmers und betrachtete die Stadt.

    Der erste Auftrag, den ihm Titus Aurelius Romanus als seinem persönlichen Bevollmächtigten übertragen hatte, war erfolgreich abgeschlossen. Die neue Wasserleitung, die Aqua Aurelia, versorgte inzwischen mehrere Wohnviertel Mogontiacums mit frischem Wasser.

    Appius hatte die Bauarbeiten überwacht, Verträge abgeschlossen, Rechnungen geprüft und die feierliche Übergabe an die Stadtverwaltung organisiert.

    Er hatte sich dabei einen ausgezeichneten Ruf erworben.

    Die örtlichen Magistrate betrachteten ihn als großzügigen Vertreter eines einflussreichen römischen Patrizierhauses. Die Offiziere der Legio XXII Primigenia schätzten seine Zuverlässigkeit. Händler und Handwerker hofften auf weitere Aufträge der Gens Aurelia.

    Niemand ahnte, dass der Bau des Aquädukts nur einen Teil seiner eigentlichen Aufgabe dargestellt hatte.

    Appius öffnete eine kleine hölzerne Schatulle und entnahm ihr einen Brief.

    Er trug das persönliche Siegel des Titus Aurelius Romanus.

    Die entscheidenden Worte kannte Appius längst auswendig.

    Mein lieber Appius,

    die Wasserleitung ist ein Geschenk an die Menschen Mogontiacums. Sorge dafür, dass dieses Werk erfolgreich abgeschlossen wird.

    Doch ich habe dir eine zweite Aufgabe übertragen, die wesentlich schwieriger sein wird.

    Unsere Feinde besitzen Verbindungen, deren Ausmaß wir noch immer nicht vollständig kennen. Ich vermute, dass sie auch in Germania Superior über Männer verfügen, die ihnen Informationen, Geld und militärische Nachrichten beschaffen.

    Nutze deine Stellung, um die Menschen kennenzulernen, die über Handel, Verwaltung und Versorgung Einfluss auf die Region ausüben.

    Beobachte. Höre zu. Stelle Fragen, ohne Verdacht zu erregen.

    Vor allem aber vertraue niemandem allein deshalb, weil er einen angesehenen Namen trägt.

    Ich benötige Tatsachen, keine Vermutungen.

    Titus Aurelius Romanus.

    Appius legte den Brief zurück.

    „Nun, mein lieber Titus“, murmelte er. „Dein Aquädukt steht. Jetzt wollen wir herausfinden, wer hier tatsächlich die Geschäfte führt.“

    Er rief seinen persönlichen Schreiber.

    „Marcus!“

    Ein junger Mann erschien.

    „Du hast gerufen, Herr?“

    „Bereite die Unterlagen unserer bisherigen Bauaufträge vor. Sämtliche Lieferanten, Transportunternehmer, Steinbruchbesitzer und Händler. Ich möchte außerdem wissen, welche öffentlichen Aufträge diese Männer in den vergangenen zwei Jahren erhalten haben.“

    Marcus runzelte die Stirn.

    „Sollen wir weitere Bauvorhaben vorbereiten?“

    Appius lächelte.

    „Vielleicht. Ein erfolgreicher Geschäftsmann sollte seine Möglichkeiten niemals aus den Augen verlieren.“

    Damit begann seine eigentliche Mission.

    II. RETIA INVISIBILIA – Die unsichtbaren Netze

    Bereits während des Aquäduktbaus waren Appius einige merkwürdige Umstände aufgefallen.

    Mehrere Transportunternehmer hatten ungewöhnlich günstige Angebote unterbreitet. Ein Steinlieferant hatte auf eine Vorauszahlung verzichtet, obwohl sein Betrieb angeblich unter finanziellen Schwierigkeiten litt.

    Besonders auffällig war ein gewisser Quintus Varius Lentulus.

    Der wohlhabende Kaufmann unterhielt Lagerhäuser am Rhenus, besaß mehrere Transportfahrzeuge und verfügte über Geschäftsbeziehungen nach Gallien und Italien.

    Seine Waren erreichten regelmäßig auch das Legionslager.

    Während des Aquäduktbaus hatte er Appius großzügige Unterstützung angeboten.

    Nun war es an der Zeit, diese Bekanntschaft zu vertiefen.

    Appius ließ sich zu Lentulus tragen.

    Der Kaufmann empfing ihn in seinem prächtig ausgestatteten Haus.

    „Appius Orbius Herminianus! Welch unerwartete Ehre! Ich hoffe, unsere bescheidene Stadt hat dich inzwischen von ihren Vorzügen überzeugt.“

    „Durchaus, Lentulus. Besonders von den Fähigkeiten ihrer Geschäftsleute.“

    Der Kaufmann lachte.

    „Wir versuchen, den Anforderungen des Imperiums gerecht zu werden.“

    „Das ist auch der Grund meines Besuchs. Mein Herr erwägt weitere Investitionen in Germania Superior.“

    Lentulus wurde augenblicklich aufmerksam.

    „Tatsächlich?“

    „Möglicherweise Lagerhäuser, vielleicht eine Verbesserung der Hafenanlagen. Noch ist nichts entschieden.“

    „Dann solltest du unbedingt meine Geschäftspartner kennenlernen.“

    Appius nahm dankend einen Becher Wein entgegen.

    „Nichts würde mich mehr freuen.“

    In den folgenden zwei Stunden erfuhr er erstaunlich viel.

    Lentulus berichtete von Getreidelieferungen, Holztransporten, militärischen Beschaffungsverträgen und seinen ausgezeichneten Beziehungen zu verschiedenen Verwaltungsbeamten.

    Schließlich erwähnte er beiläufig einen Namen.

    „Ein gewisser Lucius Cassius Varro hat übrigens ebenfalls Interesse an den Transportmöglichkeiten unserer Region gezeigt.“

    Appius führte seinen Weinbecher langsam zum Mund.

    Er kannte diesen Namen.

    Titus hatte ihn in einem seiner vertraulichen Schreiben ausdrücklich erwähnt.

    „Varro?“, fragte Appius gleichgültig. „Ein Händler?“

    „Nicht unmittelbar. Eher ein Mann, der anderen Händlern Türen öffnet.“

    „Eine nützliche Bekanntschaft.“

    „Außerordentlich.“

    Appius lächelte.

    „Dann solltest du uns gelegentlich miteinander bekannt machen.“

    Lentulus hob seinen Becher.

    „Auf ausgezeichnete Geschäfte!“

    „Auf ausgezeichnete Geschäfte“, erwiderte Appius.

    Innerlich hatte er bereits beschlossen, den Kaufmann gründlich überprüfen zu lassen.

    III. TABULAE OCCULTAE – Die verborgenen Aufzeichnungen

    Am folgenden Morgen saß Appius mit seinem Schreiber Marcus über den Geschäftsunterlagen.

    „Sieh dir diese Rechnungen an.“

    Marcus beugte sich vor.

    „Was soll ich suchen?“

    „Die Transporte des Lentulus. Besonders jene, die während unserer Bauarbeiten durchgeführt wurden.“

    Marcus begann, die Wachstafeln zu vergleichen.

    „Hier haben wir Steinlieferungen, dort Holz und Werkzeuge. Außerdem mehrere Transporte im Auftrag eines gewissen Aulus Septimius Naso.“

    „Wer ist dieser Naso?“

    „Ein Unternehmer, der regelmäßig Lebensmittel an das Legionslager liefert.“

    Appius deutete auf eine weitere Eintragung.

    „Und weshalb bezahlt ein Lebensmittellieferant den Transport von schweren Eisenbeschlägen und Bauholz zu einem abgelegenen Lagerhaus?“

    Marcus zuckte mit den Schultern.

    „Vielleicht erweitert er seine Gebäude.“

    „Vielleicht.“

    Appius betrachtete die Unterlagen.

    „Und vielleicht sollten wir uns dieses Lagerhaus einmal ansehen.“

    „Soll ich Männer zusammenstellen?“

    „Nein. Wir werden dort nicht erscheinen. Zumindest nicht persönlich.“

    Er überlegte.

    „Kennst du den Fuhrmann, der während unseres Aquäduktbaus die Steintransporte beaufsichtigt hat?“

    „Gaius Petronius?“

    „Genau den.“

    „Er ist ein zuverlässiger Mann.“

    „Dann lade ihn morgen zu einem Gespräch ein. Ich möchte ihm möglicherweise einen neuen Transportauftrag erteilen.“

    Marcus nickte.

    Appius lehnte sich zurück.

    Die erste Verbindung war gefunden.

    Aber eine Verbindung war noch kein Beweis.

    Und Titus hatte ausdrücklich Beweise verlangt.

    IV. EXPLORATIO IMPERII – Eine gefährliche Bekanntschaft

    Drei Tage später erhielt Appius Besuch.

    Ein Soldat der Exploratio Imperii meldete sich an seiner Tür.

    „Biarchus Faustus Iunius Rupa bittet um eine Unterredung.“

    Appius ließ den Mann unverzüglich eintreten.

    Faustus erschien in schlichter militärischer Kleidung. Er begrüßte den Bevollmächtigten des Aureliers höflich, jedoch ohne besondere Herzlichkeit.

    „Appius Orbius Herminianus?“

    „Der bin ich. Und du musst Faustus Iunius Rupa sein.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Tatsächlich?“

    „Deine Fähigkeiten sind weithin gerühmt.“

    "Na sowas ich wusste gar nicht, dass ich so berühmt bin.“

    Appius lachte.

    „Setz dich. Wein?“

    „Wasser genügt.“

    Nachdem der Diener den Raum verlassen hatte, veränderte sich Appius' Gesichtsausdruck.

    „Ich nehme an, du bist nicht gekommen, um die neue Wasserleitung zu bewundern.“

    „Nein.“

    Faustus zog eine Wachstafel aus seiner Tasche.

    „Ich habe gehört, dass du dich für die Transportgeschäfte des Quintus Varius Lentulus interessierst.“

    Appius schwieg einen Augenblick.

    „Woher weißt du das?“

    „Weil ich mich ebenfalls dafür interessiere.“

    „Aus welchem Grund?“

    Faustus legte die Wachstafel auf den Tisch.

    „Weil mehrere Transporte, die angeblich Baumaterial enthielten, auf Wegen durchgeführt wurden, die für gewöhnliche Handelsgeschäfte wenig sinnvoll erscheinen.“

    Appius beugte sich vor.

    „Wohin führten sie?“

    „Zu einem abgelegenen Wirtschaftsgebäude außerhalb der Stadt. Und möglicherweise weiter zu einem geheimen Rheinübergang.“

    Appius betrachtete den Biarchus.

    „Dann haben wir offenbar dieselben Freunde.“

    „Das würde ich noch nicht behaupten.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Ich kenne dich nicht. Und nur weil du für den Aurelier arbeitest, bedeutet das nicht, dass ich dir sämtliche Erkenntnisse meiner Männer anvertrauen werde.“

    Appius nickte anerkennend.

    „Eine vernünftige Einstellung.“

    Er öffnete eine Schublade und entnahm ihr eine Abschrift.

    „Vielleicht interessiert dich dann diese Rechnung.“

    Faustus überflog das Dokument.

    Sein Gesicht wurde ernst.

    „Woher hast du das?“

    „Aus den Geschäftsunterlagen unseres Aquäduktbaus.“

    „Dieser Transport fand am selben Tag statt, an dem einer meiner Männer eine verdächtige Wagenkolonne beobachtete.“

    Appius erhob sich.

    „Dann schlage ich vor, dass wir unsere Informationen vergleichen.“

    Faustus sah ihn lange an.

    „Unter einer Bedingung.“

    „Welche?“

    „Du unternimmst nichts, was meine laufenden Ermittlungen gefährdet.“

    Appius streckte ihm die Hand entgegen.

    „Einverstanden.“

    Faustus ergriff sie.

    Zwei Männer mit unterschiedlichen Aufgaben hatten soeben eine gemeinsame Spur entdeckt.

    V. EPISTULA SECRETA – Der geheime Brief nach Rom

    In der folgenden Nacht saß Appius allein in seinem Arbeitszimmer.

    Vor ihm lag ein frischer Papyrusbogen.

    Er hatte beschlossen, Titus einen ersten Bericht zu schicken.

    Allerdings würde er nicht den gewöhnlichen Postweg benutzen.

    Zu viele Nachrichten waren in den vergangenen Monaten verschwunden oder hatten ihre Empfänger verspätet erreicht.

    Sein Schreiben sollte mit einem zuverlässigen privaten Boten über mehrere Zwischenstationen nach Rom gelangen.

    Appius tauchte seine Schreibfeder in die Tinte.

    An Titus Aurelius Romanus, Rom.

    Mein lieber Titus,

    dein erster Auftrag ist erfüllt. Die Aqua Aurelia versorgt inzwischen die vorgesehenen Wohnviertel. Die Stadtverwaltung hat die Stiftung dankbar angenommen.

    Der zweite Auftrag erweist sich als wesentlich interessanter.

    Ich habe erste Verbindungen zwischen örtlichen Handelsunternehmen, militärischen Lieferanten und Personen festgestellt, die offenbar auch in Rom über Einfluss verfügen.

    Besonders bemerkenswert erscheint mir Quintus Varius Lentulus. Er unterhält umfangreiche Transportgeschäfte und hat mir gegenüber den Namen Lucius Cassius Varro erwähnt.

    Darüber hinaus bin ich mit Faustus Iunius Rupa zusammengetroffen. Seine Erkenntnisse lassen vermuten, dass bestimmte Warenbewegungen nicht ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken dienen.

    Noch besitzen wir keine ausreichenden Beweise für eine Beteiligung des Lentulus an der Verschwörung.

    Ich werde meine Nachforschungen deshalb unter dem Vorwand weiterer Investitionen der Gens Aurelia fortsetzen.

    Eine Bitte habe ich allerdings: Teile niemandem in Rom mit, dass ich mich für Varro interessiere.

    Dein ergebener

    Appius Orbius Herminianus

    Er versiegelte den Brief.

    Dann löschte er die Öllampe.

    Was Appius nicht wusste: Seit seinem Besuch bei Lentulus wurde sein Haus beobachtet.

    VI. OCULI IN TENEBRIS – Augen in der Dunkelheit

    Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saß ein unscheinbarer Mann vor einer kleinen Schenke.

    Er hatte den gesamten Abend damit verbracht, scheinbar gelangweilt Wein zu trinken.

    Als im Arbeitszimmer des Appius das Licht erlosch, erhob er sich.

    Er ging durch eine schmale Seitengasse zu einem Haus, dessen Hintereingang unverschlossen war.

    Dort erwartete ihn ein zweiter Mann.

    „Nun?“

    „Der Legatus hat Besuch von einem Offizier der Exploratio Imperii erhalten.“

    „Von wem?“

    „Faustus Iunius Rupa.“

    Der andere fluchte leise.

    „Das ist schlecht.“

    „Außerdem hat sein Schreiber heute mehrere Geschäftsunterlagen angefordert.“

    „Welche?“

    „Transportrechnungen.“

    Der zweite Mann schwieg.

    Schließlich fragte er:

    „Hat Appius bereits eine Nachricht nach Rom geschickt?“

    „Noch nicht. Aber vermutlich wird er es bald tun.“

    „Dann müssen wir dafür sorgen, dass wir wissen, was darin steht.“

    Er trat an den Tisch und schrieb einige Worte auf eine kleine Wachstafel.

    „Bring das zu Lentulus. Und sag ihm, dass unser gemeinsamer Freund unverzüglich unterrichtet werden muss.“

    „Welcher Freund?“

    Der Mann sah ihn kalt an.

    „Du stellst zu viele Fragen.“

    Wenig später verschwand der Bote in der Dunkelheit.

    Auf der Wachstafel standen lediglich vier Worte:

    VARRO – AURELIUS – RUPA – PERICULUM.

    VII. PRIMUM VESTIGIUM – Die erste Spur

    Am nächsten Morgen erhielt Appius eine überraschende Einladung.

    Quintus Varius Lentulus veranstaltete in drei Tagen ein privates Gastmahl.

    Zu seinen Gästen gehörten mehrere angesehene Kaufleute, zwei Verwaltungsbeamte und ein Offizier der Legio XXII Primigenia.

    Appius las die Einladung aufmerksam.

    Besonders ein Name erregte seine Aufmerksamkeit.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Er wusste, dass Marcellus zu den Männern gehörte, denen Faustus lange Zeit vertraut hatte.

    Und er wusste ebenfalls, dass Titus hinsichtlich dieses Mannes inzwischen erhebliche Zweifel hegte.

    Appius legte die Einladung auf den Tisch.

    „Marcus!“

    Sein Schreiber erschien.

    „Herr?“

    „Überbringe Quintus Varius Lentulus meinen Dank. Ich werde seiner Einladung mit größtem Vergnügen folgen.“

    „Soll ich etwas vorbereiten?“

    „Ja. Ein angemessenes Gastgeschenk.“

    „Was schwebt dir vor?“

    Appius lächelte.

    „Einen ausgezeichneten Falernum. Wenn ich schon mit den einflussreichsten Männern Mogontiacums speise, möchte ich wenigstens guten Wein trinken.“

    Nachdem Marcus gegangen war, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht.

    Er wusste, dass dieses Gastmahl gefährlich werden konnte.

    Denn möglicherweise würde er dort erstmals einem Mann gegenübersitzen, der unmittelbar an jener Verschwörung beteiligt war, die Titus Aurelius Romanus in Rom aufzudecken versuchte.

    Und dieser Mann würde nicht ahnen dürfen, dass der großzügige Stifter der Aqua Aurelia inzwischen zu seinem gefährlichsten Beobachter geworden war.

    ENDE DIES I – UMBRAE MOGONTIACI

    Fortsetzung: DIES II – CONVIVIUM PRODÍTIONIS – Das Gastmahl des Verrats. Appius besucht das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus und trifft dort auf Gaius Iunius Marcellus. Während er versucht, die Verbindungen der Verschwörer aufzudecken, bereitet Faustus eine verdeckte Überwachung der Transportwege vor. Doch einer der Gäste weiß bereits, weshalb Appius tatsächlich nach Mogontiacum gekommen ist.

  • Das Gastmahl des Verrats

    Appius Orbius Herminianus und die unsichtbaren Feinde Roms

    Provincia Germania Superior – Mogontiacum, um 120 n. Chr.

    Zwei parallele Handlungsstränge: Appius Orbius Herminianus auf der Suche nach den Hintermännern der Verschwörung und Biarchus Faustus Iunius Rupa bei einer geheimen Operation der Exploratio Imperii.

    HANDLUNGSSTRANG I

    APPIUS ORBIUS HERMINIANUS – Das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus

    I. PRAEPARATIO – Die Vorbereitungen

    Die vierte Stunde des Tages war gerade angebrochen, als Appius Orbius Herminianus seinen Schreiber Marcus in das Arbeitszimmer rufen ließ.

    Auf dem großen Tisch lagen mehrere Wachstafeln, eine Karte von Mogontiacum und eine sorgfältig zusammengestellte Liste der Gäste, die am Abend im Hause des Quintus Varius Lentulus erwartet wurden.

    Appius betrachtete die Namen.

    „Marcus, wir haben heute Abend eine ausgezeichnete Gelegenheit, uns einen Überblick über die einflussreichsten Männer dieser Provinz zu verschaffen.“

    „Und vermutlich auch über ihre zweifelhaften Geschäfte, Herr.“

    Appius lachte.

    „Du lernst schnell. Aber denke daran: Nicht jeder reiche Mann ist ein Verbrecher, und nicht jeder Verbrecher ist reich.“

    Er deutete auf einen Namen.

    „Gaius Iunius Marcellus. Was wissen wir über ihn?“

    Marcus nahm eine Wachstafel zur Hand.

    „Tribunus laticlavius der Legio XXII Primigenia. Ein Mann aus angesehenem Hause, mit ausgezeichneten Beziehungen zur militärischen Führung und zur Verwaltung der Provinz.“

    „Und seine Verbindung zu Lentulus?“

    „Nach unseren Informationen kennen sich die beiden seit mehreren Jahren. Lentulus hat wiederholt Lieferverträge erhalten, an deren Vergabe Marcellus zumindest mittelbar beteiligt gewesen sein könnte.“

    Appius hob den Kopf.

    „Könnte?“

    „Wir haben keinen Beweis.“

    „Dann werden wir auch keine Anschuldigungen erheben.“

    Er stand auf und ging zum Fenster.

    „Titus hat mir eines ausdrücklich eingeschärft: Wir dürfen nicht denselben Fehler machen wie unsere Gegner. Wir dürfen einen Menschen nicht verurteilen, nur weil seine Bekanntschaften uns missfallen.“

    Marcus nickte.

    „Was soll ich während deiner Abwesenheit unternehmen?“

    „Du wirst unsere Unterlagen sichern. Außerdem erwarte ich einen Bericht über die Geschäftspartner des Lentulus.“

    „Und wenn jemand nach dir fragt?“

    Appius lächelte.

    „Dann befinde ich mich auf einem Gastmahl und genieße den ausgezeichneten Wein eines wohlhabenden Kaufmanns.“

    Er nahm eine kleine versiegelte Wachstafel vom Tisch.

    „Und Marcus?“

    „Herr?“

    „Sollte ich bis zum nächsten Morgen nicht zurückkehren, übergibst du diese Nachricht ausschließlich an Faustus Iunius Rupa.“

    Marcus betrachtete die Tafel.

    „Erwartest du Schwierigkeiten?“

    „Nein. Ich bereite mich lediglich darauf vor.“

    II. DOMUS LENTULI – Das Haus des Kaufmanns

    Die neunte Stunde – Das vornehme Handelsviertel Mogontiacums

    Das Haus des Quintus Varius Lentulus gehörte zu den prächtigsten Privatgebäuden der Stadt.

    Bereits der Eingangsbereich zeugte vom Reichtum seines Besitzers. Marmorne Säulen trugen das Dach des Atriums. Ein Wasserbecken spiegelte das Licht der Nachmittagssonne. Kostbare Wandmalereien zeigten Szenen aus der griechischen Mythologie.

    Appius wurde von einem Hausverwalter empfangen.

    „Mein Herr erwartet dich bereits, Appius Orbius Herminianus.“

    „Dann wollen wir ihn nicht warten lassen.“

    Lentulus erschien wenige Augenblicke später.

    „Mein lieber Appius! Endlich! Der Mann, der unserer Stadt ein neues Aquädukt geschenkt hat!“

    „Du übertreibst, Lentulus. Das Geschenk stammt von Titus Aurelius Romanus. Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass die Arbeiter ihren Lohn erhalten.“

    „Eine bemerkenswerte Bescheidenheit.“

    „Eine notwendige Eigenschaft für jemanden, der fremdes Geld verwaltet.“

    Lentulus lachte herzlich.

    „Komm! Ich möchte dich meinen Gästen vorstellen.“

    Die beiden betraten den Garten.

    Unter einem überdachten Säulengang standen mehrere Männer in kleinen Gruppen zusammen. Diener reichten Wein und kleine Vorspeisen.

    Appius erkannte einige Kaufleute, die er während des Aquäduktbaus kennengelernt hatte.

    Dann entdeckte er einen hochgewachsenen Mann in einer kostbaren Tunika.

    Lentulus bemerkte seinen Blick.

    „Ah! Da steht ein Mann, den du unbedingt kennenlernen solltest.“

    Er führte Appius zu dem Unbekannten.

    „Gaius Iunius Marcellus, darf ich dir Appius Orbius Herminianus vorstellen? Den persönlichen Bevollmächtigten unseres gemeinsamen Freundes Titus Aurelius Romanus.“

    Marcellus wandte sich um.

    Sein Gesicht zeigte ein höfliches, beinahe vollkommenes Lächeln.

    „Appius Orbius Herminianus. Dein Name ist mir bereits bekannt.“

    Appius verneigte sich leicht.

    „Eine Ehre, Tribun.“

    „Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite. Man spricht in Mogontiacum ausschließlich lobend von deinem Bauvorhaben.“

    „Dann hoffe ich, dass die Wasserleitung diesen guten Ruf auch weiterhin verdient.“

    Marcellus nahm einen Becher Wein entgegen.

    „Titus Aurelius Romanus muss großes Vertrauen zu dir haben, wenn er dich mit einer derartigen Stiftung beauftragt.“

    „Wir kennen uns seit geraumer Zeit.“

    „Und er befindet sich gegenwärtig in Rom?“

    „Soweit mir bekannt.“

    Marcellus lächelte.

    „Ein vielbeschäftigter Mann, unser Titus.“

    Appius erwiderte das Lächeln.

    „Das war er schon immer.“

    Was keiner der Umstehenden bemerkte: Beide Männer beobachteten einander mit äußerster Aufmerksamkeit.

    III. CONVIVIUM – Das Gastmahl beginnt

    Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Gäste in das prächtige Triclinium geführt.

    Lentulus hatte keine Kosten gescheut.

    Auf kunstvoll verzierten Tischen standen Austern, Oliven, eingelegte Gemüse, Eier, frisches Brot und kleine Schalen mit verschiedenen Saucen.

    Sklaven brachten gewürzten Wein und aromatisierte Getränke.

    Der Gastgeber erhob seinen Becher.

    „Meine Freunde! Heute feiern wir nicht nur unsere erfolgreiche Handelstätigkeit. Wir feiern auch die Zukunft Mogontiacums!“

    Zustimmende Rufe ertönten.

    „Unsere Stadt wächst. Die Legion schützt unsere Grenzen. Händler bringen Wohlstand. Und großzügige Männer wie Titus Aurelius Romanus sorgen dafür, dass unsere Bürger von diesem Wohlstand profitieren.“

    Er wandte sich Appius zu.

    „Auf die Aqua Aurelia!“

    „Auf die Aqua Aurelia!“, antworteten die Gäste.

    Appius erhob sich kurz.

    „Ich danke dir, Lentulus. Doch ich möchte darauf hinweisen, dass eine Wasserleitung nur so viel wert ist wie die Männer, die sie errichtet haben. Mein Dank gilt deshalb insbesondere den Handwerkern und Arbeitern Mogontiacums.“

    Beifall erklang.

    Marcellus betrachtete Appius über den Rand seines Weinbechers hinweg.

    „Ein geschickter Redner“, bemerkte er.

    „Ein geschickter Verwalter“, erwiderte Lentulus. „Und möglicherweise bald ein noch bedeutenderer Geschäftspartner.“

    Appius setzte sich.

    „Du machst mich neugierig.“

    Lentulus beugte sich vor.

    „Ich habe gehört, dass die Gens Aurelia weitere Investitionen in Germania Superior erwägt.“

    „Es gibt entsprechende Überlegungen.“

    „Dann sollten wir über den Ausbau unserer Lagerkapazitäten sprechen.“

    Marcellus schaltete sich ein.

    „Besonders die Versorgung der Legion bietet ausgezeichnete Möglichkeiten.“

    Appius betrachtete ihn interessiert.

    „Tatsächlich?“

    „Selbstverständlich. Eine Legion benötigt Getreide, Öl, Wein, Werkzeuge, Kleidung, Ersatzteile und unzählige weitere Güter.“

    „Und wer entscheidet über die Lieferverträge?“

    Marcellus nahm einen Schluck Wein.

    „Die zuständigen Verwaltungsstellen. Unter Berücksichtigung der militärischen Anforderungen.“

    „Dann benötige ich wohl ausgezeichnete Beziehungen zu diesen Verwaltungsstellen.“

    Lentulus lachte.

    „Genau deshalb sitzen wir heute hier!“

    Appius lachte mit.

    Doch innerlich hatte er bereits die erste bemerkenswerte Feststellung getroffen.

    Marcellus hatte sich ohne jede Aufforderung in ein Gespräch über militärische Beschaffungsverträge eingeschaltet.

    Das war noch kein Beweis.

    Aber es war ein Anfang.

    HANDLUNGSSTRANG II

    FAUSTUS IUNIUS RUPA – Die unsichtbaren Beobachter

    IV. OPERATIO NOCTURNA – Die nächtliche Operation

    Zur gleichen Zeit – Stabsgebäude der Exploratio Imperii

    Biarchus Faustus Iunius Rupa stand vor einer großen Karte der Umgebung Mogontiacums.

    Sechs ausgewählte Männer seiner Einheit waren um ihn versammelt.

    Unter ihnen befand sich Marcus, ein erfahrener Speculator, der bereits mehrfach an verdeckten Operationen jenseits des Limes teilgenommen hatte.

    Faustus deutete auf drei Punkte der Karte.

    „Meine Herren, wir haben heute Nacht eine Aufgabe, bei der ich weder Helden noch Leichen gebrauchen kann.“

    Einige Männer grinsten.

    „Unser Ziel ist die Beobachtung dreier Transportwege.“

    Er deutete auf den ersten Punkt.

    „Der nördliche Rheinübergang. Hier wurden in den vergangenen Wochen mehrfach Wagenkolonnen beobachtet, deren tatsächliche Ladung nicht mit den angegebenen Transportpapieren übereinstimmte.“

    Sein Finger wanderte weiter.

    „Das Wirtschaftsgebäude außerhalb der Stadt. Wir vermuten, dass dort Waren zwischengelagert werden.“

    Schließlich zeigte er auf einen schmalen Weg.

    „Und diese Verbindung zwischen dem Lagerhaus und der Hauptstraße.“

    Marcus betrachtete die Karte.

    „Wie viele Männer stehen uns zur Verfügung?“

    „Zwölf. Jeweils vier pro Beobachtungspunkt.“

    „Sollen wir verdächtige Transporte anhalten?“

    „Ausdrücklich nicht.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Wir beobachten. Wir zählen Wagen, Pferde und Begleitpersonen. Wir versuchen, die Ladungen zu identifizieren. Und vor allem merken wir uns die Gesichter.“

    Ein jüngerer Speculator meldete sich.

    „Was geschieht, wenn wir Waffen entdecken?“

    „Dann möchte ich wissen, woher sie kommen und wohin sie gebracht werden.“

    „Und wenn sie uns entdecken?“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Dann habt ihr eure Aufgabe schlecht erfüllt.“

    Die Männer lachten.

    Faustus wurde wieder ernst.

    „Eine Sache noch. Niemand außerhalb dieses Raumes erfährt von unserer Operation. Nicht einmal die gewöhnlichen Dienststellen der Legion.“

    Marcus runzelte die Stirn.

    „Du vermutest einen Verräter innerhalb unserer eigenen Reihen?“

    „Ich vermute überhaupt nichts mehr. Ich überprüfe.“

    Er blickte auf die Karte.

    „Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.“

    Wenig später verließen die Männer einzeln das Stabsgebäude.

    Die Operation hatte begonnen.

    V. VESTIGIA AD RHENUM – Die Spuren am Rhein

    Die Nacht hatte sich über Mogontiacum gelegt.

    Am nördlichen Rheinübergang saßen zwei Männer neben einem kleinen Feuer. Sie trugen einfache Reisekleidung und schienen auf einen verspäteten Händler zu warten.

    Tatsächlich gehörten sie zur Exploratio Imperii.

    Weitere Speculatores hatten sich zwischen den Bäumen verborgen.

    Marcus beobachtete die Straße.

    „Noch immer nichts“, flüsterte sein Begleiter.

    „Geduld. Ein guter Jäger läuft seiner Beute nicht entgegen.“

    Plötzlich ertönte aus der Ferne das Knarren von Wagenrädern.

    Marcus hob die Hand.

    Drei schwere Transportwagen näherten sich dem Übergang. Jeder wurde von zwei Pferden gezogen. Neben den Wagen ritten vier bewaffnete Männer.

    Ein fünfter Reiter führte die Kolonne an.

    Die Wagen hielten vor einem kleinen Wirtschaftsgebäude.

    Ein Mann trat aus der Dunkelheit und wechselte einige Worte mit dem Anführer.

    Dann wurden die Tore geöffnet.

    Marcus beobachtete, wie die Wagen im Inneren verschwanden.

    „Hast du das Zeichen gesehen?“, flüsterte er.

    Sein Begleiter nickte.

    An der Rückseite des letzten Wagens war ein kleines Symbol eingeritzt.

    Ein Adler.

    Darunter drei Striche.

    Und ein Kreis.

    Dasselbe Zeichen, das Faustus bereits im Zusammenhang mit den geheimen Waffenlieferungen entdeckt hatte.

    Marcus wartete, bis das Tor geschlossen war.

    „Wir haben unsere Bestätigung.“

    „Sollen wir zurückkehren?“

    „Noch nicht. Ich möchte wissen, ob die Wagen hier bleiben.“

    Fast eine Stunde verging.

    Dann öffnete sich das Tor erneut.

    Die Wagen kamen wieder heraus.

    Allerdings bewegten sie sich nun deutlich schneller. Offenbar waren sie entladen worden.

    Marcus gab seinem Begleiter ein Zeichen.

    „Du folgst den Wagen. Ich bleibe hier.“

    „Und wenn jemand das Gebäude verlässt?“

    Marcus lächelte.

    „Dann werde ich ihm einen angenehmen nächtlichen Spaziergang ermöglichen.“

    HANDLUNGSSTRANG I

    VI. VERBA VENENATA – Vergiftete Worte

    Im Hause des Lentulus hatte das Gastmahl inzwischen seinen Höhepunkt erreicht.

    Gebratener Pfau, Wildschwein, Fischgerichte und verschiedene Früchte wurden aufgetragen. Diener füllten die Weinbecher.

    Appius hatte seinen Wein bislang nur vorsichtig getrunken.

    Marcellus hingegen schien in ausgezeichneter Stimmung.

    „Sag mir, Appius, wie gefällt dir eigentlich unsere Provinz?“

    „Ausgezeichnet. Ich erwäge sogar, meinen Aufenthalt zu verlängern.“

    „Wirklich?“

    „Die Gens Aurelia besitzt hier schließlich zahlreiche Interessen.“

    Marcellus legte seinen Becher ab.

    „Und welche Interessen wären das?“

    Appius lächelte.

    „Wasser, Handel, Grundstücke. Vielleicht auch der Ausbau einiger Straßen.“

    „Du hast ehrgeizige Pläne.“

    „Mein Herr hat ehrgeizige Pläne. Ich bin lediglich sein bescheidener Diener.“

    „Bescheidenheit scheint mir nicht gerade deine auffälligste Eigenschaft zu sein.“

    Beide Männer lachten.

    Dann beugte sich Marcellus etwas näher.

    „Und was macht Titus eigentlich in Rom?“

    Appius zuckte mit den Schultern.

    „Er hat sich in letzter Zeit bemerkenswert selten bei mir gemeldet.“

    „Vielleicht ist er verliebt.“

    Marcellus lachte laut.

    „Titus Aurelius Romanus?“

    „Warum nicht? Selbst ein Aurelier ist vor den Pfeilen Amors nicht sicher.“

    Lentulus, der das Gespräch mitverfolgt hatte, mischte sich ein.

    „Dann sollten wir auf die zukünftige Gemahlin unseres großzügigen Wohltäters trinken!“

    Die Gäste erhoben ihre Becher.

    Appius bemerkte jedoch, dass Marcellus ihn weiterhin beobachtete.

    Plötzlich stellte der Tribun eine Frage.

    „Sag mir, Appius, hast du während deines Aufenthalts eigentlich Bekanntschaft mit Faustus Iunius Rupa geschlossen?“

    Appius ließ sich nichts anmerken.

    „Der Name ist mir bekannt.“

    „Ein ungewöhnlicher Mann.“

    „Inwiefern?“

    Marcellus lächelte.

    „Er stellt Fragen. Sehr viele Fragen.“

    „Dann dürfte er ein ausgezeichneter Soldat sein.“

    „Möglicherweise.“

    Marcellus betrachtete seinen Gesprächspartner.

    „Allerdings gibt es Fragen, deren Antworten einem Menschen gefährlich werden können.“

    Appius hob seinen Becher.

    „Dann sollten wir hoffen, dass er die richtigen Fragen stellt.“

    Die beiden Männer stießen an.

    Doch Appius wusste nun, dass sein Gegenüber wesentlich mehr über die laufenden Ermittlungen wusste, als er zugeben wollte.

    VII. HOSPES IGNOTUS – Der unbekannte Gast

    Kurz vor Mitternacht erschien ein weiterer Gast.

    Lentulus erhob sich sofort, als der Neuankömmling das Triclinium betrat.

    „Meine Herren! Darf ich euch einen geschätzten Geschäftsfreund vorstellen? Publius Aelius Corvinus.“

    Der Mann war ungefähr fünfzig Jahre alt. Sein sorgfältig geschnittenes Haar zeigte erste graue Strähnen. Seine Kleidung war kostbar, jedoch zurückhaltend.

    Corvinus begrüßte die Gäste höflich.

    Dann wandte er sich Appius zu.

    „Appius Orbius Herminianus. Endlich lernen wir uns persönlich kennen.“

    „Hatten wir bereits das Vergnügen?“

    „Nicht unmittelbar. Allerdings habe ich in Rom viel über dich gehört.“

    Appius lächelte.

    „Ich hoffe, ausschließlich Gutes.“

    „Selbstverständlich.“

    Corvinus nahm neben ihm Platz.

    „Du bist also der Mann, dem Titus Aurelius Romanus seine Interessen in Germania Superior anvertraut hat.“

    „So könnte man es ausdrücken.“

    „Ein bemerkenswertes Vertrauensverhältnis.“

    „Titus weiß, dass ich gewissenhaft arbeite.“

    Corvinus betrachtete ihn.

    „Gewissenhaftigkeit ist eine ausgezeichnete Eigenschaft. Besonders bei Männern, die mehrere Aufträge gleichzeitig erfüllen müssen.“

    Appius spürte augenblicklich, dass dieses Gespräch eine gefährliche Wendung nahm.

    „Mehrere Aufträge?“

    „Nun, ein Aquädukt errichtet sich nicht von selbst. Verträge, Rechnungen, Bauaufsicht, Verhandlungen mit den Behörden. Sicherlich hast du sehr viel zu tun.“

    „Durchaus.“

    Corvinus lächelte.

    „Und dennoch findest du Zeit, dich für die Transportgeschäfte unserer Kaufleute zu interessieren.“

    Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen.

    Appius nahm seinen Weinbecher.

    „Ein guter Verwalter muss sich über mögliche Geschäftspartner informieren.“

    „Natürlich.“

    Corvinus beugte sich näher.

    „Allerdings solltest du darauf achten, dass deine Neugier nicht missverstanden wird.“

    Appius erwiderte seinen Blick.

    „Ich danke dir für deinen Rat.“

    „Betrachte ihn als freundschaftliche Empfehlung.“

    Dann wechselte Corvinus unvermittelt das Thema.

    Er begann über die politischen Verhältnisse in Rom zu sprechen, über Handelsmöglichkeiten und die steigende Bedeutung der germanischen Provinzen.

    Appius beteiligte sich höflich.

    Doch innerlich hatte er eine Entscheidung getroffen.

    Dieser Mann musste überprüft werden.

    Und zwar unverzüglich.

    HANDLUNGSSTRANG II

    VIII. SIGNUM PRODÍTIONIS – Das Zeichen des Verrats

    Zur selben Stunde erhielt Faustus Iunius Rupa den ersten Bericht seiner Speculatores.

    Marcus hatte einen Boten zurückgeschickt.

    Faustus las die Nachricht zweimal.

    Dann rief er seinen Stellvertreter.

    „Die Wagen haben das Wirtschaftsgebäude erreicht. Unser Zeichen wurde bestätigt.“

    „Der Adler?“

    „Der Adler. Drei Striche. Ein Kreis.“

    „Sollen wir das Gebäude umstellen?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein. Noch nicht.“

    Er betrachtete die Karte.

    „Wenn wir dieses Lagerhaus ausheben, finden wir vielleicht Waffen und einige bezahlte Handlanger. Aber wir verlieren diejenigen, die dahinterstehen.“

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir lassen sie glauben, dass ihre Transporte weiterhin unentdeckt bleiben.“

    Faustus nahm eine weitere Wachstafel.

    „Und wir werden herausfinden, wer ihnen mitteilt, wann unsere Patrouillen unterwegs sind.“

    Sein Stellvertreter blickte auf.

    „Du vermutest also tatsächlich einen Informanten innerhalb der Legion.“

    „Die Wagen haben einen Weg benutzt, auf dem heute Nacht keine regulären Patrouillen unterwegs sind.“

    „Das könnte Zufall sein.“

    „Einmal vielleicht. Aber nicht bei mehreren Transporten hintereinander.“

    Faustus stand auf.

    „Lass die Dienstpläne der vergangenen zehn Tage beschaffen. Ich möchte wissen, wer Zugang zu den Patrouillenbefehlen hatte.“

    „Auch die Offiziere?“

    Faustus sah ihn an.

    „Besonders die Offiziere.“

    HANDLUNGSSTRANG I

    IX. INTER AMICOS ET HOSTES – Zwischen Freunden und Feinden

    Das Gastmahl näherte sich seinem Ende.

    Einige Gäste waren bereits erheblich angetrunken. Andere unterhielten sich in kleinen Gruppen.

    Appius nutzte die Gelegenheit, um Lentulus unter vier Augen zu sprechen.

    „Ein ausgezeichnetes Gastmahl, mein Freund.“

    „Es freut mich, dass es dir gefällt.“

    „Besonders interessant fand ich deinen Freund Corvinus.“

    Lentulus lächelte.

    „Ein außerordentlich einflussreicher Mann.“

    „In welcher Hinsicht?“

    „Er verfügt über ausgezeichnete Verbindungen nach Rom.“

    „Zum Senat?“

    „Unter anderem.“

    Appius betrachtete ihn.

    „Vielleicht könnte er mir bei einigen Angelegenheiten behilflich sein.“

    „Das könnte er sicherlich.“

    „Dann werde ich seine Bekanntschaft vertiefen.“

    Lentulus legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter.

    „Tu das. Allerdings möchte ich dir einen Rat geben.“

    „Ich höre.“

    „Corvinus schätzt Männer, die ihre eigenen Angelegenheiten von denen anderer Menschen unterscheiden können.“

    Appius lachte.

    „Ein bemerkenswerter Grundsatz für einen Geschäftsmann.“

    „Ein notwendiger Grundsatz.“

    In diesem Augenblick trat Marcellus hinzu.

    „Appius! Unser Gastgeber hat mir erzählt, dass du morgen die Hafenanlagen besichtigen möchtest.“

    „Das ist richtig.“

    „Dann würde ich dich gerne begleiten.“

    Appius betrachtete den Tribun.

    „Das wäre mir eine große Ehre.“

    Marcellus lächelte.

    „Ausgezeichnet. Ich werde dich zur dritten Stunde abholen.“

    Die beiden verabschiedeten sich.

    Als Appius schließlich das Haus verließ, war es bereits weit nach Mitternacht.

    Seine Sänfte wartete vor dem Eingang.

    Doch bevor er einstieg, trat Corvinus aus dem Schatten einer Säule.

    „Appius! Einen Augenblick.“

    Appius wandte sich um.

    „Corvinus?“

    Der Mann kam näher.

    „Übermittle Titus Aurelius Romanus meine besten Grüße.“

    „Selbstverständlich.“

    Corvinus lächelte.

    „Und richte ihm aus, dass seine Freunde in Mogontiacum sehr aufmerksam verfolgen, was er in Rom unternimmt.“

    Appius hielt seinem Blick stand.

    „Welche Freunde wären das?“

    Corvinus trat einen Schritt zurück.

    „Er wird wissen, wen ich meine.“

    Dann verschwand er im Haus.

    Appius stieg in seine Sänfte.

    Er hatte seine Antwort erhalten.

    Mindestens einer der Gäste wusste von seinem tatsächlichen Auftrag.

    Und dieser Mann hatte soeben eine Warnung ausgesprochen.

    X. CONSILIUM OCCULTUM – Die geheime Besprechung

    Noch in derselben Nacht ließ Appius Faustus Iunius Rupa eine verschlüsselte Nachricht überbringen.

    Der Biarchus erschien kurz vor Tagesanbruch.

    Marcus führte ihn durch einen Seiteneingang in das Arbeitszimmer.

    Appius erwartete ihn bereits.

    „Du siehst aus, als hättest du eine angenehme Nacht verbracht“, bemerkte Faustus.

    „Ausgezeichneten Wein, hervorragendes Essen und mindestens drei Männer, die mich vermutlich lieber tot als lebendig sehen würden.“

    Faustus setzte sich.

    „Dann war das Gastmahl erfolgreich.“

    Appius lachte kurz.

    Anschließend berichtete er ausführlich von seinen Gesprächen mit Lentulus, Marcellus und Corvinus.

    Faustus hörte aufmerksam zu.

    Als Appius den Namen Corvinus erwähnte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

    „Wiederhole den Namen.“

    „Publius Aelius Corvinus.“

    Faustus stand auf und ging zur Tür.

    Er vergewisserte sich, dass niemand lauschte.

    Dann kehrte er zurück.

    „Dieser Name ist bereits in unseren Ermittlungen aufgetaucht.“

    Appius beugte sich vor.

    „Wo?“

    „In den Unterlagen eines abgefangenen Transportes. Allerdings nicht als Empfänger oder Absender.“

    „Sondern?“

    „Als Bevollmächtigter eines Geschäftshauses, das seinen Sitz angeblich in Ostia hat.“

    Appius dachte nach.

    „Ein Mann mit Verbindungen nach Rom, der persönlich nach Mogontiacum reist und ausgerechnet während unserer Ermittlungen bei Lentulus erscheint.“

    „Das allein beweist nichts“, erwiderte Faustus.

    „Aber es verdient unsere Aufmerksamkeit.“

    „Allerdings.“

    Appius erhob sich.

    „Marcellus möchte mich morgen durch die Hafenanlagen führen.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Das gefällt mir nicht.“

    „Mir ebenfalls nicht.“

    „Du könntest in eine Falle geraten.“

    Appius lächelte.

    „Dann solltest du vielleicht dafür sorgen, dass ich nicht hineinfalle.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ihr Aurelier und eure Bevollmächtigten besitzt eine bemerkenswerte Neigung, Schwierigkeiten geradezu herauszufordern.“

    „Und ihr Männer der Exploratio Imperii habt eine bemerkenswerte Neigung, überall Schwierigkeiten zu vermuten.“

    „Meistens mit gutem Grund.“

    Beide lachten.

    Dann wurde Faustus ernst.

    „Du wirst morgen die Hafenanlagen besichtigen. Meine Männer werden dich beobachten, ohne dass Marcellus davon etwas bemerkt.“

    „Und Corvinus?“

    „Den übernehme ich persönlich.“

    XI. LITTERAE AD ROMAM – Die Nachricht an Titus

    Nachdem Faustus gegangen war, setzte sich Appius erneut an seinen Schreibtisch.

    Diesmal verfasste er einen ausführlichen Bericht für Titus.

    Er schilderte die Ereignisse des Gastmahls, seine Begegnung mit Marcellus und insbesondere das ungewöhnliche Verhalten des Publius Aelius Corvinus.

    Dann fügte er eine persönliche Bemerkung hinzu.

    Mein lieber Titus,

    ich beginne zu verstehen, weshalb du mir diesen Auftrag übertragen hast.

    Die Verschwörung scheint nicht ausschließlich aus Männern zu bestehen, die sich heimlich treffen und verräterische Pläne schmieden.

    Sie verfügt offenbar über ein wirtschaftliches Netzwerk. Händler, Transportunternehmer und möglicherweise auch Angehörige der militärischen Verwaltung könnten daran beteiligt sein.

    Noch wissen wir nicht, welche Rolle Gaius Iunius Marcellus tatsächlich spielt.

    Aber ich bin inzwischen überzeugt, dass unsere Gegner über meine Anwesenheit und vermutlich auch über meine eigentliche Aufgabe informiert sind.

    Besondere Aufmerksamkeit verdient Publius Aelius Corvinus.

    Er hat mir heute eine Warnung übermittelt, die ich nicht ignorieren werde.

    Biarchus Faustus Iunius Rupa und ich arbeiten inzwischen zusammen. Unsere Erkenntnisse ergänzen sich ausgezeichnet.

    Ich werde morgen mit Marcellus die Hafenanlagen besichtigen.

    Sollte ich dabei etwas Interessantes entdecken, wirst du unverzüglich davon erfahren.

    Dein Appius.

    Er versiegelte den Brief.

    Doch bevor er ihn seinem Boten übergab, hielt er inne.

    Ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los.

    Wenn Corvinus tatsächlich wusste, weshalb er sich in Mogontiacum aufhielt, dann war möglicherweise auch der gewöhnliche Nachrichtenweg nach Rom kompromittiert.

    Appius nahm deshalb eine zweite Wachstafel.

    Auf ihr vermerkte er lediglich die drei Namen:

    LENTULUS – MARCELLUS – CORVINUS.

    Darunter schrieb er:

    QUIS IMPERAT? – Wer befiehlt?

    XII. UMBRA IMPERII – Der Mann hinter dem Vorhang

    Während Appius seinen Bericht verfasste, fand im Hause des Lentulus eine letzte Unterredung statt.

    Nur drei Männer waren zurückgeblieben.

    Lentulus, Marcellus und Corvinus.

    Die Diener waren fortgeschickt worden.

    Corvinus stand am Fenster.

    „Unser Freund aus Rom hat also beschlossen, uns einen Beobachter zu schicken.“

    Marcellus verschränkte die Arme.

    „Appius ist gefährlicher, als er aussieht.“

    Lentulus wirkte beunruhigt.

    „Vielleicht sollten wir die Transporte vorübergehend einstellen.“

    Corvinus drehte sich langsam um.

    „Nein.“

    „Aber wenn die Exploratio Imperii bereits unsere Wagen beobachtet ...“

    „Dann müssen wir herausfinden, wie viel sie wissen.“

    Marcellus betrachtete ihn.

    „Und wie stellst du dir das vor?“

    Corvinus lächelte.

    „Du wirst Appius morgen die Hafenanlagen zeigen.“

    „Das war ohnehin vereinbart.“

    „Ausgezeichnet.“

    Er trat an den Tisch.

    „Währenddessen werden wir ihm Gelegenheit geben, etwas zu entdecken.“

    Lentulus runzelte die Stirn.

    „Was?“

    „Eine Information, die er unbedingt nach Rom weiterleiten möchte.“

    Marcellus verstand.

    „Eine falsche Spur.“

    „Nicht vollständig falsch“, erwiderte Corvinus. „Eine gute Täuschung enthält immer genügend Wahrheit, um glaubwürdig zu erscheinen.“

    Lentulus betrachtete ihn nervös.

    „Und wenn Appius misstrauisch wird?“

    Corvinus nahm seinen Mantel.

    „Dann werden wir herausfinden, ob Titus Aurelius Romanus seinem Bevollmächtigten ebenso sehr vertraut, wie dieser behauptet.“

    Er ging zur Tür.

    Marcellus hielt ihn zurück.

    „Eine Frage noch. Wer hat dir eigentlich mitgeteilt, dass Appius im Auftrag des Titus Nachforschungen anstellt?“

    Corvinus blieb stehen.

    Für einen Augenblick war es vollkommen still.

    Dann antwortete er:

    „Ein Mann, der Titus Aurelius Romanus wesentlich nähersteht, als dieser vermutet.“

    Marcellus erstarrte.

    „Du meinst ...“

    Corvinus hob die Hand.

    „Keine Namen.“

    Er öffnete die Tür.

    „Noch nicht.“

    ENDE DIES II – CONVIVIUM PRODÍTIONIS

    Das Gastmahl des Verrats

    Fortsetzung: DIES III – PORTUS FRAUDIS – Der Hafen der Täuschung

    Am folgenden Morgen begleitet Gaius Iunius Marcellus den ahnungslosen Appius zu den Hafenanlagen von Mogontiacum. Dort soll er auf gefälschte Transportdokumente stoßen, die einen angeblichen Waffenhandel zwischen germanischen Stammesführern und einem hochrangigen römischen Beamten belegen.

    Gleichzeitig entdeckt Faustus, dass die nächtlichen Transporte offenbar nicht nur Waffen, sondern auch versiegelte Nachrichten aus Rom befördern. Als einer seiner Speculatores verschwindet, muss er entscheiden, ob er die geheime Überwachung fortsetzt oder eingreift.

    Währenddessen erreicht ein zweiter, bislang unbekannter Bote Rom. Sein Ziel ist nicht Titus Aurelius Romanus, sondern der kaiserliche Palast.

  • Der Hafen der Täuschung

    Provincia Germania Superior – Mogontiacum – 119 n. Chr.

    Drei Männer, drei Schauplätze und eine Verschwörung, deren wahres Ausmaß noch niemand kennt.

    Während Appius Orbius Herminianus glaubt, den ersten entscheidenden Hinweis auf die Hintermänner der Verschwörung gefunden zu haben, gerät er immer tiefer in eine sorgfältig vorbereitete Falle. Faustus Iunius Rupa wiederum entdeckt, dass seine Gegner über Informationen verfügen, die eigentlich ausschließlich der kaiserlichen Verwaltung vorbehalten sein sollten.

    In Rom erreicht unterdessen ein unbekannter Bote den Palatin. Er trägt eine Nachricht, deren Inhalt das Schicksal des Titus Aurelius Romanus verändern könnte.

    HANDLUNGSSTRANG I

    APPIUS ORBIUS HERMINIANUS – DIE FALLE DES MARCELLUS

    I. Die Einladung

    Die Sonne hatte sich kaum über die Dächer von Mogontiacum erhoben, als ein Diener dem Legati Aureliani Appius Orbius Herminianus meldete, dass Gaius Iunius Marcellus vor seiner Unterkunft warte.

    Appius ließ sich Zeit.

    Er stand vor einem bronzenen Spiegel und befestigte sorgfältig die Fibel seiner Tunika. Anschließend betrachtete er die Wachstafel, auf der er die Ereignisse des vergangenen Abends festgehalten hatte.

    Das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus hatte ihm einige interessante Erkenntnisse geliefert. Allerdings hatte er das ungute Gefühl, dass er selbst während des Gastmahls mindestens ebenso aufmerksam beobachtet worden war wie die anderen Gäste.

    Besonders Marcellus beschäftigte ihn.

    Der Tribun hatte sich freundlich, zuvorkommend und außerordentlich hilfsbereit gezeigt.

    Vielleicht etwas zu hilfsbereit.

    Appius verschloss seine Wachstafel in einer kleinen Truhe und wandte sich seinem Diener zu.

    „Bitte unseren geschätzten Gast herein.“

    Wenig später erschien Marcellus.

    „Salve, Appius! Ich hoffe, du hast die Gastfreundschaft unserer schönen Stadt bisher genießen können.“

    „Salve, Marcellus! Allerdings. Mogontiacum besitzt durchaus seine Reize.“

    Marcellus lachte.

    „Dann werde ich dir heute einen weiteren zeigen. Unseren Hafen! Dort schlägt das wirtschaftliche Herz der gesamten Region.“

    „Eine ausgezeichnete Idee.“

    „Du wirst überrascht sein, welche Waren hier umgeschlagen werden. Getreide, Wein, Öl, Eisen und selbstverständlich alles, was unsere Legion benötigt.“

    Appius lächelte.

    „Dann wollen wir uns dieses Wunderwerk römischer Organisation einmal ansehen.“

    Während sie die Unterkunft verließen, bemerkte Appius einen Mann, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite scheinbar gelangweilt einen Korb mit Feigen betrachtete.

    Er hatte ihn bereits am vergangenen Abend gesehen.

    Interessant, dachte Appius.

    Er ließ sich nichts anmerken.

    II. Die Hafenanlagen von Mogontiacum

    Der Hafen lag bereits voller Leben.

    Schwere Lastkähne hatten an den hölzernen Anlegestellen festgemacht. Hafenarbeiter trugen Amphoren über schmale Planken, während andere große Getreidesäcke auf bereitstehende Ochsenkarren verluden.

    Zwischen den Lagerhäusern patrouillierten Legionäre.

    Schreiber saßen an einfachen Holztischen und überprüften Frachtlisten. Immer wieder wurden Siegel kontrolliert, Wachstafeln beschrieben und lautstarke Anweisungen erteilt.

    Marcellus breitete stolz die Arme aus.

    „Siehst du, Appius? Hier beginnt die Sicherheit unserer Provinz.“

    „Oder ihre Verwundbarkeit.“

    Marcellus sah ihn überrascht an.

    „Wie meinst du das?“

    „Nun, mein Freund. Wenn sämtliche Güter über wenige zentrale Umschlagplätze transportiert werden, genügt ein einziger bestochener Beamter, um beträchtlichen Schaden anzurichten.“

    Marcellus nickte anerkennend.

    „Eine interessante Betrachtungsweise.“

    „Eine notwendige, würde ich meinen.“

    Sie erreichten ein großes Lagerhaus, vor dessen Eingang zwei Soldaten standen.

    Ein älterer Mann mit schütterem Haar eilte ihnen entgegen.

    „Tribun! Welch unerwartete Ehre!“

    „Appius, darf ich dir Lucius Vettius Priscus vorstellen? Er überwacht einen erheblichen Teil unserer militärischen Transporte.“

    Der Mann verbeugte sich.

    „Zu deinen Diensten.“

    Appius erwiderte die Begrüßung.

    „Ich hoffe, ich störe deine Arbeit nicht.“

    „Keineswegs!“

    Marcellus legte dem Hafenbeamten freundschaftlich eine Hand auf die Schulter.

    „Unser Gast interessiert sich besonders für die Organisation unserer Transportwege.“

    „Selbstverständlich! Wenn du mir folgen möchtest.“

    Was Appius nicht bemerkte, war der kurze Blick, den Marcellus und Priscus miteinander wechselten.

    Die Falle war vorbereitet.

    III. Die gefälschten Dokumente

    Im Inneren des Lagerhauses herrschte geschäftiges Treiben.

    Priscus führte seine Gäste zu einem großen Tisch, auf dem mehrere Wachstafeln und Papyrusrollen lagen.

    „Hier erfassen wir sämtliche militärischen Lieferungen. Jede Sendung erhält eine Kennzeichnung, einen Herkunftsnachweis und eine entsprechende Empfangsbestätigung.“

    Appius nahm eine Wachstafel zur Hand.

    „Und wer kontrolliert diese Angaben?“

    „Die zuständigen Verwaltungsstellen.“

    „Kontrollieren diese auch die ursprünglichen Lieferanten?“

    Priscus zögerte.

    „Nicht grundsätzlich. Wir verlassen uns auf die jeweiligen Begleitpapiere.“

    „Ein bemerkenswertes Vertrauen.“

    Marcellus lachte.

    „Appius! Wenn wir jeden Händler persönlich überprüfen wollten, würde unser gesamter Handel zusammenbrechen.“

    „Möglicherweise.“

    Appius legte die Tafel zurück.

    In diesem Augenblick betrat ein junger Schreiber den Raum.

    Er trug mehrere zusammengerollte Dokumente.

    „Verzeihung, Priscus. Diese Unterlagen müssen noch geprüft werden.“

    Priscus nahm die Rollen entgegen.

    Eine davon entglitt ihm scheinbar ungeschickt und fiel unmittelbar vor Appius auf den Boden.

    Das Siegel war bereits beschädigt.

    „Verzeihung!“, rief Priscus erschrocken.

    Appius bückte sich und hob das Dokument auf.

    Sein Blick fiel auf eine ungewöhnliche Kennzeichnung.

    Ein Adler.

    Darunter drei waagerechte Striche.

    Und ein Kreis.

    Appius erstarrte für einen kaum wahrnehmbaren Augenblick.

    Dieses Symbol hatte Titus in einem seiner vertraulichen Schreiben erwähnt.

    „Ein ungewöhnliches Zeichen“, bemerkte er beiläufig.

    Priscus wurde augenblicklich ernst.

    „Ein altes Händlerzeichen, Herr. Ohne besondere Bedeutung.“

    „Darf ich?“

    Priscus sah zu Marcellus.

    Dieser nickte.

    „Selbstverständlich.“

    Appius entrollte das Dokument.

    Es handelte sich angeblich um eine Transportanweisung für eine größere Lieferung von Eisenwaren.

    Doch zwischen den gewöhnlichen Handelsangaben standen mehrere bemerkenswerte Eintragungen.

    ANGEBLICHER TRANSPORTNACHWEIS

    Transitus Mercatorum – Rhenus Superior

    Herkunft: Lagerhaus VII, Mogontiacum

    Bestimmungsort: Nördlicher Rheinübergang

    Empfänger: Handelsgemeinschaft unter dem Schutz germanischer Stammesführer

    Ladung: Eisenwerkzeuge und landwirtschaftliche Geräte

    Zusätzliche Anweisung: Übergabe gemäß besonderer Vereinbarung mit einem bevollmächtigten Vertreter der kaiserlichen Verwaltung.

    Kennzeichnung: Adler – drei Striche – Kreis

    Appius las den Text zweimal.

    „Interessant.“

    Marcellus trat näher.

    „Was ist interessant?“

    „Die kaiserliche Verwaltung scheint sich neuerdings persönlich um den Handel mit germanischen Stammesführern zu kümmern.“

    Marcellus runzelte die Stirn.

    „Das wäre mir neu.“

    Priscus begann nervös, die übrigen Dokumente zusammenzuräumen.

    „Vermutlich handelt es sich um eine gewöhnliche Sondergenehmigung.“

    Appius hob eine Augenbraue.

    „Eine Sondergenehmigung für Lieferungen über den Rhein?“

    Er deutete auf eine weitere Eintragung.

    „Und weshalb werden landwirtschaftliche Geräte in einer Stückzahl aufgeführt, die für mehrere Tausend Menschen ausreichen würde?“

    Niemand antwortete.

    Appius blickte Marcellus unmittelbar in die Augen.

    „Mein Freund, ich glaube, wir haben hier etwas ausgesprochen Interessantes entdeckt.“

    Marcellus erwiderte seinen Blick.

    „Allerdings.“

    Innerlich triumphierte der Tribun.

    Der Köder war angenommen worden.

    Doch Appius war keineswegs so ahnungslos, wie Marcellus glaubte.

    Er hatte nämlich eine Kleinigkeit bemerkt.

    Die Schrift auf dem angeblich älteren Dokument war auffallend frisch.

    Und das beschädigte Siegel war keineswegs zufällig beschädigt worden.

    Entweder habe ich außergewöhnliches Glück, dachte Appius, oder jemand möchte unbedingt, dass ich dieses Dokument entdecke.

    Er entschied sich, das Spiel mitzuspielen.

    „Marcellus, ich würde dieses Dokument gerne genauer untersuchen.“

    „Selbstverständlich. Schließlich wollen wir mögliche Unregelmäßigkeiten aufdecken.“

    Appius lächelte.

    „Ausgezeichnet. Dann werden wir gemeinsam herausfinden, wer hinter diesen Geschäften steckt.“

    Marcellus erwiderte das Lächeln.

    Beide Männer glaubten, den anderen durchschaut zu haben.

    Und beide irrten sich zumindest teilweise.

    HANDLUNGSSTRANG II

    FAUSTUS IUNIUS RUPA – DIE VERSCHWUNDENE PATROUILLE

    IV. Nachrichten aus Rom

    Während Appius die Hafenanlagen besichtigte, saß Biarchus Faustus Iunius Rupa in einem abgelegenen Raum der militärischen Unterkunft.

    Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln.

    Drei seiner Speculatores hatten während der vergangenen Nacht unterschiedliche Transportbewegungen beobachtet.

    Einer von ihnen, Marcus, berichtete gerade.

    „Die Wagen verließen das Lagerhaus kurz nach der dritten Nachtwache.“

    „Wie viele?“

    „Vier. Zwei gewöhnliche Lastwagen und zwei kleinere, deren Ladung mit Lederplanen abgedeckt war.“

    „Begleitschutz?“

    „Sechs bewaffnete Männer. Keine regulären Legionäre.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Wohin?“

    „Zunächst zur nördlichen Straße. Anschließend teilte sich der Transport.“

    „Das war zu erwarten.“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Es gibt noch etwas.“

    Er legte einen kleinen Gegenstand auf den Tisch.

    Es handelte sich um das zerbrochene Fragment eines Wachssiegels.

    Faustus nahm es vorsichtig auf.

    „Woher hast du das?“

    „Einer der kleineren Wagen verlor während der Fahrt einen verschlossenen Behälter. Die Männer bemerkten es zunächst nicht. Als sie zurückkehrten, konnten wir beobachten, wie sie den Behälter öffneten und die verstreuten Gegenstände einsammelten.“

    „Und?“

    „Es waren keine Waffen.“

    Faustus sah auf.

    „Sondern?“

    „Schriftrollen. Mindestens zwanzig. Sämtliche Rollen waren versiegelt.“

    „Mit welchem Siegel?“

    Marcus deutete auf das Fragment.

    „Diesem.“

    Faustus betrachtete den Abdruck im Licht einer Öllampe.

    Er erkannte einen Teil eines kaiserlichen Hoheitszeichens.

    Allerdings fehlte der entscheidende Abschnitt, der eine eindeutige Zuordnung ermöglicht hätte.

    „Woher kamen diese Nachrichten?“

    „Das wissen wir noch nicht. Aber einer unserer Männer hat die Kennzeichnung eines Transportbehälters gesehen.“

    „Sprich!“

    „Roma.“

    Faustus lehnte sich zurück.

    Eine Weile herrschte Schweigen.

    Dann sagte er langsam:

    „Wir suchen nach Waffenlieferungen an germanische Stammesführer und entdecken plötzlich versiegelte Nachrichten aus Rom.“

    Marcus nickte.

    „Es sieht ganz danach aus.“

    „Nein, Marcus. Es sieht danach aus, als hätten wir bisher nur einen kleinen Teil der Angelegenheit verstanden.“

    Faustus erhob sich.

    Er ging zu einer großen Karte der Provinz.

    „Wenn diese Nachrichten tatsächlich aus Rom kommen, müssen sie über eine funktionierende Nachrichtenkette verfügen.“

    „Mit Unterstützung innerhalb der Verwaltung.“

    „Mindestens.“

    Faustus zeichnete mit einem Griffel mehrere Verbindungslinien auf einer Wachstafel nach.

    Mogontiacum.

    Der Rheinübergang.

    Die nördlichen Handelswege.

    Und schließlich Rom.

    „Sie benutzen dieselben Transportwege für Waffen und Nachrichten“, stellte er fest.

    Marcus verschränkte die Arme.

    „Warum sollten sie ein derartiges Risiko eingehen?“

    Faustus betrachtete ihn nachdenklich.

    „Vielleicht, weil sie diese Wege vollständig kontrollieren.“

    V. Ein Mann verschwindet

    Ein Klopfen unterbrach das Gespräch.

    Ein junger Speculator betrat den Raum.

    „Biarchus!“

    Faustus erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte.

    „Berichte!“

    „Lucius ist nicht zurückgekehrt.“

    „Seit wann?“

    „Seit der letzten Nachtwache.“

    Faustus trat unmittelbar vor den Mann.

    „Sein Auftrag?“

    „Beobachtung des nördlichen Lagerhauses. Er sollte feststellen, welche Wagen vor Sonnenaufgang das Gelände verlassen.“

    „War er allein?“

    „Ja.“

    Faustus fluchte leise.

    „Wann hätte er sich melden müssen?“

    „Bei Tagesanbruch.“

    „Und weshalb erfahre ich erst jetzt davon?“

    Der junge Soldat senkte den Kopf.

    „Wir haben zunächst angenommen, dass er den Transport weiterverfolgt.“

    Faustus schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

    „Annahmen! Immer wieder Annahmen!“

    Er beherrschte sich.

    „Marcus, wie lange benötigt ein Mann zu Fuß vom nördlichen Lagerhaus bis zu unserem Beobachtungspunkt?“

    „Eine halbe Stunde.“

    „Und wie lange ist Lucius bereits überfällig?“

    „Mindestens drei Stunden.“

    Faustus schwieg.

    Dann stellte er die Frage, die niemand beantworten wollte.

    „Wurde er entdeckt?“

    Marcus sah ihn ernst an.

    „Das müssen wir befürchten.“

    Faustus ging erneut zur Karte.

    Sein erster Gedanke war, sämtliche verfügbaren Männer loszuschicken.

    Doch damit würde er seine gesamte Überwachung offenlegen.

    Sein zweiter Gedanke war noch unangenehmer.

    Vielleicht warteten seine Gegner genau darauf.

    „Marcus, wie viele Männer wissen, dass Lucius das Lagerhaus überwacht hat?“

    „Vier.“

    „Namen.“

    Marcus nannte sie.

    Faustus schrieb sie auf.

    „Niemand verlässt vorläufig unsere Unterkunft. Niemand!“

    „Du vermutest einen Verräter?“

    „Ich vermute überhaupt nichts mehr.“

    Er sah Marcus an.

    „Ich will Beweise.“

    VI. Die Entscheidung des Biarchus

    Wenig später standen sechs ausgewählte Männer vor Faustus.

    Er betrachtete jeden Einzelnen.

    „Wir haben möglicherweise einen Kameraden verloren. Vielleicht ist er gefangen genommen worden. Vielleicht liegt er verletzt irgendwo zwischen dem Hafen und der nördlichen Straße.“

    Einer der Soldaten trat vor.

    „Dann müssen wir ihn suchen!“

    „Das werden wir.“

    Faustus machte eine Pause.

    „Allerdings nicht so, wie unsere Gegner es möglicherweise erwarten.“

    Er teilte die Männer in zwei Gruppen auf.

    Die erste sollte das nördliche Lagerhaus weiterhin beobachten.

    Die zweite erhielt den Auftrag, sämtliche Wege zu kontrollieren, über die ein Gefangener unbemerkt abtransportiert werden konnte.

    Marcus betrachtete ihn.

    „Und wenn Lucius bereits in einem der Lagerhäuser festgehalten wird?“

    „Dann holen wir ihn heraus.“

    „Wann?“

    Faustus antwortete nicht sofort.

    Schließlich sagte er:

    „Sobald wir wissen, wo er sich befindet.“

    „Das könnte zu spät sein.“

    Faustus sah seinen Kameraden lange an.

    „Ich weiß.“

    Er trat näher.

    „Glaubst du, mir gefällt diese Entscheidung? Glaubst du, ich würde auch nur einen meiner Männer freiwillig opfern?“

    Marcus schwieg.

    „Wenn wir jetzt blindlings eingreifen, verlieren wir möglicherweise nicht nur Lucius. Wir verlieren die gesamte Operation. Und dann verschwinden unsere Gegner, bevor wir auch nur einen einzigen Namen kennen.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Wir werden beides tun. Beobachten und suchen.“

    Marcus nickte schließlich.

    „Verstanden.“

    Faustus griff nach seinem Schwertgurt.

    „Ich übernehme persönlich die Suche.“

    VII. Das Zeichen im Schlamm

    Gegen Mittag erreichte Faustus mit zwei Speculatores einen schmalen Weg hinter den nördlichen Lagerhäusern.

    Die Straße war nach den Regenfällen der vergangenen Tage stellenweise aufgeweicht.

    Marcus kniete sich neben eine tiefe Wagenspur.

    „Hier.“

    Faustus trat näher.

    Im Schlamm lagen die Abdrücke mehrerer schwerer Wagenräder.

    Daneben waren zahlreiche Fußspuren zu erkennen.

    Doch eine Spur unterschied sich von allen anderen.

    Jemand war offenbar über den Boden geschleift worden.

    Faustus ging in die Hocke.

    „Ein Gefangener.“

    Marcus nickte.

    „Möglicherweise.“

    Wenige Schritte weiter entdeckten sie einen kleinen Gegenstand.

    Eine bronzene Fibel.

    Faustus hob sie auf.

    Er erkannte sie sofort.

    Lucius hatte sie am vergangenen Abend getragen.

    Der Biarchus schloss für einen Augenblick die Augen.

    Dann bemerkte er etwas Merkwürdiges.

    Die Fibel war sorgfältig auf einem flachen Stein abgelegt worden.

    Nicht verloren.

    Abgelegt.

    Darunter befand sich ein winziges Stück Leder.

    Faustus nahm es vorsichtig an sich.

    Auf der Innenseite waren drei Zeichen eingeritzt.

    Ein Adler.

    Drei Striche.

    Ein Kreis.

    Marcus betrachtete das Leder.

    „Was bedeutet das?“

    Faustus stand langsam auf.

    „Dass Lucius möglicherweise noch lebt.“

    „Und das Zeichen?“

    Faustus blickte in Richtung Hafen.

    „Dass unsere Gegner entweder ausgesprochen nachlässig sind oder uns eine Nachricht übermitteln wollen.“

    Er steckte das Leder ein.

    „Wir werden herausfinden, welche dieser Möglichkeiten zutrifft.“

    In diesem Augenblick ertönte aus der Ferne ein kurzer Pfiff.

    Einer seiner Männer meldete eine Bewegung.

    Ein einzelner Wagen verließ ein abgelegenes Wirtschaftsgebäude.

    Auf seinem Kutschbock saß ein Mann, der eine rote Kapuze trug.

    Marcus zeigte auf ihn.

    „Diesen Mann habe ich vergangene Nacht gesehen!“

    Faustus zog seinen Kameraden hinter eine niedrige Mauer.

    „Nicht bewegen.“

    Der Wagen fuhr langsam vorbei.

    Unter seiner Plane zeichnete sich eine längliche Form ab.

    Faustus beobachtete aufmerksam, wie der Wagen an ihnen vorüberrollte.

    Plötzlich bewegte sich die Plane.

    Nur ganz kurz.

    Doch es genügte.

    Darunter befand sich ein Mensch.

    „Lucius!“, flüsterte Marcus.

    Faustus packte ihn am Arm.

    „Noch nicht.“

    Er wartete, bis der Wagen die nächste Wegbiegung erreichte.

    Dann gab er das Zeichen.

    „Jetzt folgen wir ihm.“

    HANDLUNGSSTRANG III

    ROM – DER ZWEITE BOTE

    VIII. Ein Fremder auf dem Palatin

    Zur gleichen Zeit erreichte ein Mann die Hauptstadt des Imperiums.

    Er war von mittlerer Größe, trug einen unscheinbaren Reisemantel und führte ein kleines Lederbehältnis mit sich.

    Sein Name lautete Marcus Servilius Corvinus.

    Zumindest stand dieser Name auf seinen Reisepapieren.

    Ob es sich tatsächlich um seinen Namen handelte, wusste nur er selbst.

    Er hatte Rom über eine der großen Ausfallstraßen erreicht und sich anschließend durch das geschäftige Treiben der Hauptstadt zum Palatin begeben.

    Dort angekommen, blieb er vor einem der bewachten Zugänge zum kaiserlichen Palast stehen.

    Zwei Prätorianer versperrten ihm den Weg.

    „Dein Anliegen?“

    Der Fremde antwortete ruhig.

    „Ich überbringe eine vertrauliche Nachricht.“

    „Von wem?“

    „Das geht dich nichts an.“

    Der Prätorianer richtete sich auf.

    „Du scheinst nicht zu wissen, wo du dich befindest.“

    Der Fremde lächelte.

    „Doch. Deshalb bin ich hier.“

    Er zog einen kleinen Gegenstand aus seinem Gewand.

    Es handelte sich um eine bronzene Marke.

    Der Soldat betrachtete sie.

    Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

    „Warte.“

    Er verschwand im Inneren des Gebäudes.

    Wenige Minuten später erschien ein Diener.

    Ein massiger Mann mit kahl geschorenem Kopf und einer bemerkenswert ruhigen Ausstrahlung.

    Nero Patulcius Trogus.

    Der Schlüsselwart des kaiserlichen Palastes.

    Er betrachtete den Fremden aufmerksam.

    „Du bist spät.“

    Corvinus verneigte sich leicht.

    „Die Straßen waren nicht überall sicher.“

    Trogus schnaubte.

    „Straßen sind niemals sicher, wenn man wichtige Nachrichten transportiert.“

    Er wandte sich an die Wachen.

    „Dieser Mann gehört zu mir.“

    Die Prätorianer traten zur Seite.

    Trogus führte den Boten ins Innere des Palastes.

    IX. Die Nachricht

    Sie durchquerten mehrere prächtige Säulenhallen.

    Marmorene Statuen säumten die Gänge. Springbrunnen plätscherten in kleinen Innenhöfen, während Diener geschäftig zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen hin und her eilten.

    Trogus sprach kein Wort.

    Er führte den Fremden schließlich in einen abgelegenen Raum.

    Dort verschloss er sorgfältig die Tür.

    „Nun?“

    Corvinus öffnete sein Lederbehältnis.

    Er entnahm ihm eine kleine, mehrfach versiegelte Schriftrolle.

    Trogus streckte die Hand aus.

    „Berichte.“

    „Die Angelegenheit in Mogontiacum entwickelt sich wie vorgesehen.“

    „Und der Aurelier?“

    „Sein Beauftragter ist eingetroffen.“

    Trogus lächelte.

    „Appius Orbius Herminianus.“

    „Ja.“

    „Hat er Kontakt zu Marcellus aufgenommen?“

    „Sie haben gestern gemeinsam am Gastmahl des Quintus Varius Lentulus teilgenommen.“

    „Ausgezeichnet.“

    Corvinus zögerte.

    „Allerdings gibt es Schwierigkeiten.“

    Trogus blickte auf.

    „Welche?“

    „Die Exploratio Imperii.“

    Für einen Augenblick verschwand das Lächeln aus dem Gesicht des Eunuchen.

    „Faustus Iunius Rupa?“

    „Er lässt unsere Transportwege beobachten.“

    Trogus verschränkte die Arme.

    „Wie weit ist er gekommen?“

    „Weiter, als uns lieb sein kann.“

    „Hat er Beweise?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Trogus trat an einen kleinen Tisch.

    „Dann sollten wir es herausfinden.“

    Corvinus räusperte sich.

    „Einer seiner Männer befindet sich bereits in unserer Gewalt.“

    Trogus wandte sich langsam um.

    „Lebend?“

    „Ja.“

    „Hat er gesprochen?“

    „Bisher nicht.“

    Trogus betrachtete den Boten nachdenklich.

    „Dann wird er möglicherweise noch von Nutzen sein.“

    Er nahm die Schriftrolle entgegen und betrachtete das Siegel.

    „Und Marcellus?“

    „Er hat den Auftrag erhalten, Appius zu den entsprechenden Dokumenten zu führen.“

    Trogus nickte zufrieden.

    „Gut.“

    Er setzte sich.

    „Dann wird unser geschätzter Aurelier bald erfahren, was wir ihm mitzuteilen wünschen.“

    X. Der eigentliche Plan

    Corvinus trat näher.

    „Es gibt noch eine Angelegenheit.“

    „Sprich.“

    „Unsere Leute berichten, dass Titus Aurelius Romanus offenbar weiterhin versucht, seine eigene Überwachung aufzuklären.“

    Trogus lachte leise.

    „Natürlich versucht er das.“

    „Wir sollten vorsichtiger werden.“

    Der Eunuch schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Corvinus blickte überrascht auf.

    „Nein?“

    Trogus erhob sich.

    „Du verstehst unseren jungen Freund nicht. Titus ist ein Mann, der gewohnt ist, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Er verfügt über Geld, Einfluss, militärische Erfahrung und ausgezeichnete Verbindungen.“

    Er machte eine kurze Pause.

    „Und genau deshalb wird er reagieren.“

    „Wie?“

    „Er wird seine Leute losschicken. Er wird Informationen sammeln. Er wird versuchen, unsere Verbindungen aufzudecken.“

    „Ist das nicht gefährlich?“

    Trogus lächelte.

    „Nur wenn wir nicht wissen, welche Informationen er findet.“

    Er legte die Schriftrolle auf den Tisch.

    „Deshalb geben wir ihm Informationen.“

    Corvinus begann zu verstehen.

    „Die Dokumente in Mogontiacum.“

    „Richtig.“

    „Aber wenn Appius sie nach Rom übermittelt, könnte Titus tatsächlich Ermittlungen einleiten.“

    „Das soll er.“

    Trogus trat ans Fenster.

    Von hier aus konnte er einen Teil der prächtigen Gartenanlagen des Palastes überblicken.

    „Ein Mann, der einer falschen Spur folgt, kann ausgesprochen beschäftigt sein.“

    Er wandte sich wieder um.

    „Und während er nach einem hochrangigen Beamten sucht, der angeblich Waffen an germanische Stammesführer verkauft, werden wir uns um die wirklich wichtigen Angelegenheiten kümmern.“

    Corvinus betrachtete ihn.

    „Welche Angelegenheiten?“

    Trogus antwortete nicht unmittelbar.

    Stattdessen öffnete er eine kleine Truhe und entnahm ihr eine weitere Schriftrolle.

    Auf deren Außenseite stand ein Name.

    TITUS AURELIUS ROMANUS

    Darunter waren drei weitere Eintragungen verzeichnet.

    VILLA AURELIA

    APPIUS ORBIUS HERMINIANUS

    FAUSTUS IUNIUS RUPA

    Trogus legte das Dokument vor den Boten.

    „Diese drei Männer bilden inzwischen eine bemerkenswerte Verbindung.“

    Corvinus nickte.

    „Sollen wir sie beseitigen?“

    Trogus sah ihn verächtlich an.

    „Du denkst wie ein gewöhnlicher Straßenräuber.“

    Er tippte auf den Namen des Aureliers.

    „Einen Mann wie Titus tötet man nicht, solange er einem noch nützlich sein kann.“

    „Und wozu soll er uns nützen?“

    Trogus lächelte.

    „Das wirst du erfahren, wenn die Zeit gekommen ist.“

    HANDLUNGSSTRANG IV

    DIE JAGD BEGINNT

    XI. Der Wagen am Rhein

    Währenddessen hatte Faustus mit seinen Männern die Verfolgung des verdächtigen Wagens aufgenommen.

    Sie bewegten sich vorsichtig durch ein kleines Waldstück, das sich zwischen den nördlichen Lagerhäusern und einem abgelegenen Rheinarm erstreckte.

    Marcus ging voraus.

    Faustus folgte in einigem Abstand.

    Der dritte Mann sicherte ihre Rückseite.

    Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie eine kleine Lichtung.

    Dort stand der Wagen.

    Daneben befand sich ein niedriges Wirtschaftsgebäude, dessen Fenster mit hölzernen Läden verschlossen waren.

    Zwei bewaffnete Männer bewachten den Eingang.

    Faustus gab seinen Kameraden ein Zeichen.

    Sie gingen in Deckung.

    „Was meinst du?“, flüsterte Marcus.

    Faustus betrachtete das Gebäude.

    „Zu viele Wachen für ein gewöhnliches Warenlager.“

    „Wir könnten sie überwältigen.“

    „Und anschließend?“

    „Lucius befreien.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wir wissen nicht, wie viele Männer sich im Inneren befinden.“

    Er deutete auf eine schmale Tür an der Rückseite.

    „Außerdem gefällt mir diese Tür nicht.“

    Marcus blickte hinüber.

    „Warum?“

    „Weil sie von hier aus vollkommen unbewacht erscheint.“

    Marcus verstand.

    „Eine Falle.“

    „Möglicherweise.“

    Faustus betrachtete den Boden.

    Dann fiel sein Blick auf einen kleinen Entwässerungsgraben, der unmittelbar hinter dem Gebäude verlief.

    Er lächelte.

    „Vielleicht gibt es einen anderen Weg.“

    XII. Die Stimme des Gefangenen

    Wenig später kroch Marcus vorsichtig durch den Graben.

    Er erreichte die Rückseite des Gebäudes und legte sein Ohr an die hölzerne Wand.

    Zunächst hörte er nichts.

    Dann erklangen Stimmen.

    „Du wirst uns sagen, wem du deine Berichte übermittelst!“

    Eine zweite Stimme antwortete.

    „Ich habe euch bereits gesagt, dass ich ein gewöhnlicher Händler bin.“

    Marcus erstarrte.

    Lucius.

    Er lebte.

    Die erste Stimme wurde lauter.

    „Ein Händler, der nachts unsere Transporte beobachtet?“

    „Ich konnte nicht schlafen.“

    Ein dumpfer Schlag war zu hören.

    Marcus ballte die Fäuste.

    Er wollte aufspringen und die Tür eintreten.

    Doch er erinnerte sich an Faustus' Anweisung.

    Beobachten.

    Informationen sammeln.

    Nicht unüberlegt handeln.

    Dann hörte er eine dritte Stimme.

    Ruhig.

    Gebildet.

    Und offensichtlich daran gewöhnt, Befehle zu erteilen.

    „Genug.“

    Schritte erklangen.

    „Unser Freund muss nicht sprechen.“

    Eine kurze Pause.

    „Sein Vorgesetzter wird früher oder später nach ihm suchen.“

    Marcus hielt den Atem an.

    „Und dann“, fuhr die Stimme fort, „werden wir herausfinden, wie viele Männer Faustus Iunius Rupa tatsächlich zur Verfügung stehen.“

    Marcus wich langsam zurück.

    Die Falle war größer, als sie angenommen hatten.

    XIII. Faustus schlägt zurück

    Als Marcus zurückkehrte und berichtete, hörte Faustus aufmerksam zu.

    Anschließend stellte er nur eine einzige Frage.

    „Hat der Mann meinen Namen ausdrücklich genannt?“

    „Ja.“

    Faustus nickte langsam.

    „Dann wissen sie, wer wir sind.“

    „Was machen wir jetzt?“

    Faustus blickte zum Gebäude.

    „Wir geben ihnen, was sie erwarten.“

    Marcus starrte ihn an.

    „Wir greifen an?“

    „Nein.“

    Faustus zog eine Wachstafel aus seiner Tasche.

    Er schrieb einige kurze Zeilen darauf und übergab sie seinem dritten Mann.

    „Du kehrst unverzüglich nach Mogontiacum zurück. Übermittle diese Nachricht ausschließlich unserem Verbindungsmann.“

    „Verstanden.“

    „Und anschließend sorgst du dafür, dass heute Abend mindestens zwanzig Männer unserer Einheit die Unterkunft verlassen.“

    Marcus blickte überrascht auf.

    „Zwanzig?“

    „Ja.“

    „Dann werden unsere Gegner wissen, dass wir einen Angriff vorbereiten.“

    Faustus lächelte.

    „Genau das sollen sie glauben.“

    Er betrachtete das Gebäude.

    „Während sie auf zwanzig Männer warten, holen wir Lucius mit dreien heraus.“

    Marcus grinste.

    „Du willst sie täuschen.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein, Marcus.“

    Er zog seinen Dolch und überprüfte dessen Schneide.

    „Ich möchte lediglich herausfinden, ob unsere Gegner tatsächlich so klug sind, wie sie glauben.“

    HANDLUNGSSTRANG V

    APPIUS – EIN BRIEF AN DEN AURELIER

    XIV. Die Warnung

    Am späten Nachmittag kehrte Appius in seine Unterkunft zurück.

    Er hatte Marcellus freundlich verabschiedet und ihm versprochen, die Angelegenheit mit den verdächtigen Transportdokumenten weiterzuverfolgen.

    Kaum war er allein, verschwand seine heitere Miene.

    Er setzte sich an seinen Schreibtisch und breitete seine Aufzeichnungen aus.

    Die angeblichen Beweise waren zu offensichtlich.

    Ein hochrangiger römischer Beamter.

    Germanische Stammesführer.

    Waffenlieferungen.

    Und ausgerechnet jenes Zeichen, nach dem Titus bereits suchen ließ.

    Eine bemerkenswert bequeme Entdeckung.

    Appius betrachtete die Abschrift des Transportdokuments.

    Er hatte sich sämtliche Einzelheiten sorgfältig eingeprägt.

    Nun verglich er sie mit seinen bisherigen Erkenntnissen.

    Dabei fiel ihm eine weitere Unstimmigkeit auf.

    Die angegebene Lagerhausnummer gehörte zu einem Gebäude, das er bereits während der Errichtung des kleinen Aquädukts kennengelernt hatte.

    Dort waren Baumaterialien gelagert worden.

    Allerdings war dieses Lagerhaus seit mehreren Wochen nur noch eingeschränkt in Betrieb.

    Appius lächelte.

    „Meine Herren, ihr habt euch möglicherweise das falsche Opfer ausgesucht.“

    Er griff nach einem frischen Papyrus.

    Seine Nachricht an Titus sollte kurz und unmissverständlich ausfallen.

    EPISTULA CONFIDENTIALIS

    Appius Orbius Herminianus an Titus Aurelius Romanus

    Salve, mein Freund!

    Die Angelegenheit in Mogontiacum entwickelt sich auf bemerkenswerte Weise.

    Heute wurden mir Dokumente zugänglich gemacht, die einen angeblichen Waffenhandel zwischen germanischen Stammesführern und einem hochrangigen Vertreter der kaiserlichen Verwaltung belegen sollen.

    Allerdings halte ich diese Unterlagen für verdächtig.

    Ihre Entdeckung erfolgte unter Umständen, die beinahe den Eindruck erwecken, als hätte jemand besonderen Wert darauf gelegt, dass ich sie finde.

    Ich werde deshalb vorläufig keine unmittelbaren Maßnahmen ergreifen.

    Gaius Iunius Marcellus zeigt sich außerordentlich hilfsbereit. Seine Unterstützung verdient besondere Aufmerksamkeit.

    Eine weitere Erkenntnis: Das bereits bekannte Zeichen mit dem Adler, den drei Strichen und dem Kreis erscheint auf den Transportdokumenten.

    Ich werde versuchen, seine tatsächliche Bedeutung zu ermitteln.

    Bis dahin empfehle ich äußerste Zurückhaltung.

    Mögen die Götter über dich wachen.

    Appius Orbius Herminianus

    Appius versiegelte das Schreiben.

    Dann hielt er inne.

    Wenn seine Vermutung zutraf, würden seine Gegner versuchen, auch diese Nachricht abzufangen.

    Er nahm deshalb einen zweiten Papyrus zur Hand.

    Auf diesem verfasste er einen vollkommen anderen Bericht.

    Darin schilderte er ausführlich seine angebliche Begeisterung über die Entdeckung der Dokumente und kündigte an, die Ermittlungen gegen den unbekannten kaiserlichen Beamten unverzüglich aufzunehmen.

    Auch dieses Schreiben versiegelte er.

    Anschließend rief er seinen Diener.

    „Ich benötige zwei zuverlässige Boten.“

    „Wohin sollen sie reisen, Herr?“

    Appius lächelte.

    „Nach Rom.“

    Er legte beide Schriftrollen auf den Tisch.

    „Allerdings werden sie unterschiedliche Wege nehmen.“

    EPILOG

    NOX INCIPIT – DIE NACHT BEGINNT

    Als die Dunkelheit über Mogontiacum hereinbrach, standen drei Entscheidungen unmittelbar bevor.

    Appius hatte beschlossen, seinen vermeintlichen Verbündeten Marcellus weiterhin im Glauben zu lassen, dass die Täuschung erfolgreich gewesen sei.

    Faustus bereitete währenddessen die Befreiung seines gefangenen Speculators vor.

    Und im kaiserlichen Palast von Rom hatte Nero Patulcius Trogus gerade eine weitere Nachricht erhalten.

    Er las sie aufmerksam.

    Dann rief er Corvinus zu sich.

    „Unsere Freunde in Mogontiacum haben offenbar ein kleines Problem.“

    „Welches?“

    Trogus legte die Schriftrolle beiseite.

    „Der Aurelier hat seinen Mann besser ausgewählt, als wir angenommen haben.“

    Corvinus runzelte die Stirn.

    „Appius?“

    „Ja.“

    „Sollen wir Marcellus warnen?“

    Trogus dachte nach.

    Schließlich schüttelte er den Kopf.

    „Nein.“

    „Warum nicht?“

    Der Eunuch lächelte.

    „Weil ich wissen möchte, wie weit Appius gehen wird.“

    Er trat zu einem kleinen Schrank und entnahm ihm einen versiegelten Brief.

    Das Siegel zeigte das Zeichen eines hohen Verwaltungsamtes.

    „Überbringe dieses Schreiben morgen früh.“

    „An wen?“

    Trogus betrachtete den Boten.

    „An die Villa Aurelia.“

    Corvinus erstarrte.

    „An Titus persönlich?“

    „Selbstverständlich.“

    „Und was steht darin?“

    Trogus lächelte.

    „Eine Einladung.“

    Er legte das Schreiben auf den Tisch.

    „Unser geschätzter Titus Aurelius Romanus wird morgen erfahren, dass man sich auch am kaiserlichen Hof außerordentlich für seine Angelegenheiten interessiert.“

    Draußen senkte sich die Nacht über Rom.

    Und während Titus in seiner Villa noch immer darüber nachdachte, wer ihn überwachen ließ, hatte sein unbekannter Gegner bereits den nächsten Zug vorbereitet.

    ENDE DIES III – PORTUS FRAUDIS

    Fortsetzung: DIES IV – RETE INVISIBILE – Das unsichtbare Netz.

    In Mogontiacum beginnt Faustus seine nächtliche Befreiungsoperation. Doch im vermeintlichen Gefängnis seines Speculators erwartet ihn eine Überraschung: Lucius hat während seiner Gefangenschaft den Namen eines Mannes erfahren, der unmittelbar mit der kaiserlichen Verwaltung verbunden ist.

    Appius wiederum erhält eine persönliche Einladung von Marcellus, die ihn in ein abgelegenes Landhaus außerhalb von Mogontiacum führen soll.

    Währenddessen erreicht der geheimnisvolle Brief aus dem kaiserlichen Palast die Villa Aurelia. Titus muss entscheiden, ob er die Einladung annimmt – oder ob er sich damit freiwillig in die Hände jener Männer begibt, die ihn seit Wochen beobachten.

  • Das unsichtbare Netz

    I. MOGONTIACUM – FAUSTUS

    Die Nacht hatte Mogontiacum verschluckt.

    Über dem Rhenus lag dichter Nebel. Nur vereinzelt schimmerte das Licht einer Öllampe aus einem der Häuser am Hafen. Von den Castra der Legio XXII Primigenia drangen gedämpfte Geräusche herüber.

    Faustus Iunius Rupa wartete.

    Neben ihm kauerten vier Männer der Exploratio Imperii hinter der niedrigen Mauer eines verlassenen Lagerplatzes.

    Keiner trug erkennbare militärische Abzeichen.

    Keine Schilde.

    Keine Helme.

    Nur kurze Schwerter, Dolche und dunkle Mäntel.

    Faustus hob zwei Finger.

    Die Männer erstarrten.

    Auf der anderen Straßenseite bewegte sich eine Gestalt.

    Ein Wachmann.

    Er ging langsam am Gebäude entlang, in dem Lucius festgehalten werden sollte.

    Faustus beobachtete ihn.

    Einmal.

    Zweimal.

    Beim dritten Rundgang blieb der Mann an derselben Stelle stehen, blickte zum Fluss und verschwand anschließend für einige Augenblicke hinter dem Gebäude.

    Faustus flüsterte:

    „Jetzt.“

    Die Männer glitten durch die Dunkelheit.

    Faustus erreichte die Tür.

    Einer seiner Männer zog ein schmales Werkzeug hervor.

    Ein leises Kratzen.

    Dann ein Klicken.

    Die Tür öffnete sich.

    Faustus verzog den Mund.

    „Zu einfach.“

    Der Speculator neben ihm sah ihn an.

    „Eine Falle?“

    „Vielleicht.“

    Faustus zog seinen Dolch.

    „Oder jemand möchte, dass wir hineingehen.“

    Sie betraten das Gebäude.

    Der Geruch von feuchtem Holz, Öl und altem Getreide schlug ihnen entgegen.

    Keine Gefängniszellen.

    Keine Wachen.

    Keine Schreie.

    Nur ein langer Gang.

    Am Ende brannte Licht.

    Faustus gab seinen Männern ein Zeichen.

    Zwei blieben zurück.

    Die anderen folgten ihm.

    Langsam näherten sie sich der letzten Tür.

    Faustus legte die Hand an den Griff.

    Dann hörte er eine Stimme.

    „Wenn du noch länger dort stehst, Faustus, werden sie uns beide für schlechte Speculatores halten.“

    Faustus erstarrte.

    Er kannte diese Stimme.

    Er öffnete die Tür.

    Lucius saß auf einem Schemel.

    Ungefesselt.

    Vor ihm standen Brot, Wasser und ein halb geleerter Becher Wein.

    Faustus starrte ihn an.

    „Bei allen Göttern.“

    Lucius grinste müde.

    „Schön, dich ebenfalls zu sehen.“

    Faustus trat hinein.

    „Bist du verletzt?“

    „Mein Stolz.“

    „Den kann ich nicht verbinden.“

    „Dann werde ich überleben.“

    Faustus ging zum Fenster.

    Niemand.

    Keine Wachen.

    „Wo sind sie?“

    Lucius' Lächeln verschwand.

    „Fort.“

    „Seit wann?“

    „Vielleicht zwei Stunden.“

    Faustus drehte sich um.

    „Sie wussten, dass wir kommen.“

    Lucius nickte.

    „Ja.“

    Stille.

    Faustus sah zur offenen Tür.

    „Wir verschwinden.“

    „Warte.“

    Lucius stand auf.

    Seine Bewegungen waren steif.

    Jetzt erkannte Faustus die Blutergüsse an seinen Armen.

    „Was?“

    Lucius senkte die Stimme.

    „Ich habe etwas gehört.“

    Faustus wartete.

    „Einen Namen.“

    „Welchen?“

    Lucius blickte zur Tür.

    Dann sagte er:

    „Trogus.“

    Faustus reagierte zunächst nicht.

    „Noch einmal.“

    „Trogus.“

    „Vorname?“

    „Nero Patulcius.“

    Faustus' Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos.

    Lucius bemerkte es.

    „Du kennst ihn?“

    „Nein.“

    Faustus ging langsam zum Tisch.

    „Aber ich kenne seine Stellung.“

    Er blickte Lucius an.

    „Nero Patulcius Trogus gehört zum kaiserlichen Palast.“

    Lucius schluckte.

    „Dann reicht das hier bis nach Rom.“

    Faustus schüttelte langsam den Kopf.

    „Nein.“

    Er sah auf den halb geleerten Weinbecher.

    „Wenn dieser Name wirklich stimmt, reicht es nicht bis Rom.“

    Seine Stimme wurde leiser.

    „Dann beginnt es vielleicht dort.“

    II. DER NAME

    Lucius berichtete.

    Während seiner Gefangenschaft hatten seine Bewacher kaum mit ihm gesprochen. Sie hatten ihn nicht gefoltert und nur wenige Fragen gestellt.

    Das war das Seltsamste gewesen.

    „Sie wollten wissen, was wir über die Transporte wissen.“

    „Was hast du gesagt?“

    „Nichts.“

    „Gar nichts?“

    Lucius lächelte schwach.

    „Ich sagte ihnen, Faustus Iunius Rupa sei ein aufgeblasener Narr, der überall Verräter sieht.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Überzeugend.“

    „Ich hatte Gelegenheit zu üben.“

    Einer der Männer musste ein Lachen unterdrücken.

    Faustus ignorierte es.

    „Weiter.“

    Lucius wurde ernst.

    „Heute Nachmittag kamen zwei Männer.“

    „Römer?“

    „Ja.“

    „Soldaten?“

    „Nein.“

    „Verwaltung?“

    „Vielleicht.“

    „Beschreibe sie.“

    Lucius tat es.

    Einer etwa fünfzig Jahre alt, gepflegt, schmale Hände, teure Tunika.

    Der zweite jünger.

    Kaum gesprochen.

    „Der Ältere sagte etwas.“

    Faustus wartete.

    „Was?“

    Lucius sah ihn an.

    „Die Sache müsse abgeschlossen sein, bevor Trogus seine Geduld verliere.“

    Faustus schwieg.

    „Wörtlich?“

    „Wörtlich.“

    „Haben sie den Palast erwähnt?“

    „Nein.“

    „Den Kaiser?“

    „Nein.“

    „Titus Aurelius Romanus?“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    Faustus ging einige Schritte.

    Dann blieb er stehen.

    „Warum haben sie dich freigelassen?“

    „Sie haben mich nicht freigelassen.“

    „Du sitzt ungefesselt in einem unbewachten Haus.“

    „Genau.“

    Faustus blickte ihn an.

    Jetzt verstanden beide.

    Lucius flüsterte:

    „Ich bin die Nachricht.“

    Faustus nickte.

    „Und wir sollen den Namen Trogus erfahren.“

    III. DAS LANDHAUS

    Zur gleichen Stunde erhielt Appius Orbius Herminianus Besuch.

    Ein Sklave überbrachte eine kleine Wachstafel.

    Das Siegel kannte Appius inzwischen.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Er brach es.

    Appius las die Nachricht zweimal.

    „Keine Begleitung.“

    Er musste lächeln.

    „Natürlich.“

    Der Sklave wartete.

    „Soll ich meinem Herrn eine Antwort überbringen?“

    Appius ging zum Tisch.

    Er nahm eine Wachstafel.

    Schrieb nur wenige Worte.

    Ich werde kommen.

    Dann hielt er inne.

    Er dachte an Titus.

    An seinen tatsächlichen Auftrag.

    Und an Marcellus.

    Seit seiner Ankunft in Mogontiacum hatte Appius zunehmend das Gefühl, nicht selbst zu ermitteln.

    Vielmehr wurde er geführt.

    Das Gastmahl.

    Der Hafen.

    Die gefälschten Dokumente.

    Und nun dieses Landhaus.

    Alles war zu passend.

    Zu sauber.

    Jemand legte ihm eine Spur.

    Die einzige Frage war:

    Wohin?

    Appius gab dem Sklaven die Antwort.

    „Für deinen Herrn.“

    Der Mann verbeugte sich und ging.

    Appius wartete, bis die Schritte verklungen waren.

    Dann rief er:

    „Decimus.“

    Ein älterer Freigelassener erschien.

    „Dominus?“

    Appius hielt ihm die Einladung hin.

    „Morgen verlasse ich Mogontiacum.“

    Decimus las.

    „Allein?“

    Appius lächelte.

    „Marcellus glaubt es.“

    VI. FAUSTUS VERSTEHT DAS SPIEL

    Zurück in Mogontiacum hatte Faustus inzwischen eine Entscheidung getroffen.

    Lucius sollte nicht heimlich verschwinden.

    Ganz im Gegenteil.

    Er sollte gesehen werden.

    Am nächsten Morgen würde er offen durch das Lager gehen.

    Jeder sollte wissen, dass der verschwundene Speculator zurückgekehrt war.

    Einer seiner Männer verstand nicht.

    „Warum?“

    Faustus antwortete:

    „Weil unsere Gegner wissen wollen, was Lucius erzählt.“

    „Dann werden sie versuchen, ihn zu töten.“

    „Vielleicht.“

    Lucius verzog das Gesicht.

    „Dieser Teil des Plans gefällt mir weniger.“

    Faustus sah ihn an.

    „Du wolltest unbedingt Speculator werden.“

    „Ich erinnere mich nicht daran, dass im Eid stand, als Köder herumzulaufen.“

    „Das Kleingedruckte.“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    Faustus beugte sich über eine Karte Mogontiacums.

    „Sie haben uns Trogus gegeben.“

    Sein Finger lag auf dem Hafen.

    „Sie haben Appius Dokumente gegeben.“

    Der Finger wanderte zu den Straßen außerhalb der Stadt.

    „Und irgendjemand versucht seit Tagen, unsere Aufmerksamkeit in bestimmte Richtungen zu lenken.“

    Lucius trat näher.

    „Warum?“

    Faustus sah auf die Karte.

    „Das ist die falsche Frage.“

    „Welche ist die richtige?“

    Faustus hob den Blick.

    „Was sollen wir währenddessen nicht sehen?“

    Stille.

    Dann zeigte Faustus auf den Rhenus.

    „Die Transporte.“

    Lucius verstand.

    „Wir haben sie wegen meiner Gefangenschaft aus den Augen verloren.“

    „Genau.“

    Faustus richtete sich auf.

    „Und während wir dich gesucht haben, konnten sie bewegen, was immer sie wollten.“

    „Waffen?“

    „Vielleicht.“

    „Nachrichten?“

    „Vielleicht.“

    „Menschen?“

    Faustus schwieg.

    Dann sagte er:

    „Das werden wir herausfinden.“

    VII. DREI WEGE

    Am folgenden Morgen verließ Appius Orbius Herminianus Mogontiacum.

    Allein.

    Zumindest sah es so aus.

    Mehrere hundert Schritt hinter ihm bewegte sich ein unscheinbarer Händlerwagen auf derselben Straße.

    Appius wusste nicht, dass noch jemand seinen Aufbruch beobachtete.

    Ein Mann stand auf einem kleinen Hügel.

    Er wartete, bis Appius verschwunden war.

    Dann bestieg er sein Pferd.

    Sein Weg führte nicht zum Landhaus des Marcellus.

    Er führte zurück nach Mogontiacum.

    Zur selben Zeit betrat Lucius demonstrativ die Castra der Legio XXII Primigenia.

    Innerhalb weniger Minuten wussten Dutzende Männer von seiner Rückkehr.

    Innerhalb einer Stunde würde es die halbe Garnison wissen.

    Faustus wartete.

    Irgendjemand würde reagieren.

  • Das Haus des Todes

    I. APPIUS – DER WEG ZU MARCELLUS

    Die Straße führte Appius Orbius Herminianus immer weiter von Mogontiacum fort.

    Weinberge und kleine Gehöfte lagen hinter ihm. Schließlich wurde der Weg schmaler. Wald trat an die Stelle der Felder.

    Appius ließ sein Pferd langsamer gehen.

    Marcellus hatte einen merkwürdigen Ort für eine vertrauliche Unterredung gewählt.

    Zu merkwürdig.

    Nach einer weiteren Wegbiegung erschien das Landhaus.

    Eine alte villa rustica, größer als erwartet, aber schlecht gepflegt. Teile der Außenmauer waren mit Efeu überwachsen. Ein Wirtschaftsgebäude stand leer. Keine Arbeiter waren zu sehen.

    Appius hielt an.

    Ein Mann wartete vor dem Eingang.

    Gaius Iunius Marcellus.

    „Appius!“

    Er breitete lächelnd die Arme aus.

    „Ich hatte schon befürchtet, du würdest meiner Einladung misstrauen.“

    Appius stieg vom Pferd.

    „Ich misstraue grundsätzlich Einladungen, bei denen ausdrücklich erwähnt wird, dass ich allein kommen soll.“

    Marcellus lachte.

    „Eine vernünftige Eigenschaft.“

    „Sie verlängert das Leben.“

    Für einen Augenblick sahen sich beide Männer an.

    Dann deutete Marcellus auf die Tür.

    „Komm.“

    Appius folgte ihm.

    Im Inneren war es kühl.

    Keine Sklaven.

    Keine Diener.

    Keine Speisen.

    Nur zwei Männer standen im Atrium.

    Bewaffnet.

    Appius bemerkte ihre Schwerter.

    Marcellus bemerkte seinen Blick.

    „Vorsichtsmaßnahme.“

    „Vor wem?“

    Marcellus blieb stehen.

    „Vor dem Mann, den ich dir zeigen werde.“

    II. DER GEFANGENE

    Sie stiegen eine Treppe hinab.

    Unterhalb des Hauses befand sich ein Keller.

    Eine einzelne Lampe brannte.

    Appius hörte Ketten.

    Dann sah er den Mann.

    Etwa vierzig Jahre alt.

    Bart.

    Schmutzige Tunika.

    Verletzungen im Gesicht.

    Seine Hände waren gefesselt.

    Marcellus blieb neben Appius stehen.

    „Sein Name ist Sextus Cassianus.“

    Der Gefangene hob den Kopf.

    „Das ist nicht mein Name.“

    Marcellus lächelte.

    „Heute schon.“

    Appius sah ihn scharf an.

    „Was soll das bedeuten?“

    „Dieser Mann benutzt mindestens vier Namen.“

    Marcellus trat näher.

    „Händler. Schreiber. Kurier. Informant.“

    Der Gefangene schwieg.

    Marcellus wandte sich Appius zu.

    „Vor allem aber vermittelt er Nachrichten zwischen Mogontiacum und Rom.“

    Appius spürte, wie seine Aufmerksamkeit schlagartig zunahm.

    „Für wen?“

    Marcellus antwortete nicht.

    Stattdessen fragte er den Gefangenen:

    „Sag ihm, was du mir gesagt hast.“

    Der Mann blickte Appius an.

    „Ich habe nichts gesagt.“

    Marcellus seufzte.

    „Wir können wieder von vorne beginnen.“

    Der Gefangene schloss die Augen.

    Dann murmelte er:

    „Trogus.“

    Appius bewegte sich nicht.

    Doch in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

    „Welcher Trogus?“

    Der Mann öffnete die Augen.

    „Nero Patulcius Trogus.“

    Stille.

    Marcellus beobachtete Appius.

    Sehr genau.

    Zu genau.

    Appius bemerkte es.

    Und plötzlich interessierte ihn weniger, was der Gefangene sagte.

    Viel interessanter war, wie Marcellus auf seine Reaktion wartete.

    III. FAUSTUS – DER KÖDER

    Lucius ging offen durch die Castra.

    Er sprach mit Legionären.

    Aß Brot.

    Fluchte über seine Behandlung.

    Er erzählte jedem, der fragte, eine leicht unterschiedliche Geschichte.

    Faustus hatte es ausdrücklich angeordnet.

    Hinter verschlossenen Türen hatte Lucius protestiert.

    „Warum unterschiedliche Geschichten?“

    Faustus hatte geantwortet:

    „Weil ich wissen möchte, welche davon zurückkommt.“

    Nun wartete Faustus.

    Eine Stunde.

    Zwei.

    Dann kam der erste Bericht.

    Ein Speculator trat ein.

    „Kontakt.“

    Faustus stand sofort auf.

    „Wer?“

    „Miles gregarius. Cohors IX.“

    „Name?“

    „Marcus Vibius Severus.“

    Faustus kannte ihn nicht.

    „Was wollte er?“

    „Er hat Lucius gefragt, ob die Männer während seiner Gefangenschaft über Rom gesprochen hätten.“

    Faustus' Augen verengten sich.

    „Sonst etwas?“

    „Über einen Eunuchen.“

    Jetzt herrschte Stille.

    Faustus stand langsam auf.

    „Wörtlich?“

    „Ob Lucius den Namen eines Eunuchen gehört habe.“

    Faustus nahm seinen Mantel.

    „Wo ist Severus?“

    „Auf dem Weg aus den Castra.“

    „Verfolgen.“

    „Festnehmen?“

    „Nein.“

    Faustus blickte den Mann an.

    „Wer einen Fisch sofort aus dem Wasser zieht, erfährt niemals, wohin er geschwommen wäre.“

    IV. DAS GEBÄUDE

    Severus verließ die Castra.

    Zwei Männer folgten ihm.

    Mit Abstand.

    Er ging nicht zum Hafen.

    Nicht zu den Tavernen.

    Nicht zu einem Privathaus.

    Stattdessen kehrte er nach einiger Zeit in den militärischen Bereich zurück.

    Faustus erhielt die Nachricht und runzelte die Stirn.

    „Zurück?“

    „Ja.“

    „Wohin?“

    Der Speculator zögerte.

    „Zum Verwaltungsgebäude der Versorgung.“

    Faustus sah ihn an.

    „Bist du sicher?“

    „Ja.“

    Das änderte alles.

    Faustus trat an die Karte.

    Die Transporte.

    Die Waffen.

    Die manipulierten Listen.

    Die verschwundenen Nachrichten.

    Vielleicht hatten sie die ganze Zeit in die falsche Richtung gesehen.

    Nicht außerhalb der Legion.

    Sondern mitten hinein.

    Faustus flüsterte:

    „Verdammt.“

    V. DAS LANDHAUS – DIE AUSSAGE

    Im Keller des Landhauses sprach der Gefangene weiter.

    „Die Nachrichten kamen über Händler.“

    Appius fragte:

    „Welche Nachrichten?“

    „Befehle.“

    „Von wem?“

    „Das wusste ich nicht.“

    „Du hast gerade Trogus genannt.“

    „Sein Name stand niemals auf den Schreiben.“

    Appius blickte zu Marcellus.

    Dann wieder zum Gefangenen.

    „Woher kennst du ihn dann?“

    Der Mann schwieg.

    Appius trat näher.

    „Woher?“

    „Andere haben ihn genannt.“

    „Wer?“

    „Kuriere.“

    „Welche?“

    Keine Antwort.

    Appius ging in die Hocke.

    „Hör mir gut zu. Wenn du möchtest, dass ich dir auch nur ein Wort glaube, gib mir etwas, das überprüfbar ist.“

    Der Gefangene sah ihn an.

    Dann sagte er:

    „Adler.“

    Appius wartete.

    „Drei Striche.“

    Sein Herz schlug schneller.

    „Und?“

    „Ein Kreis.“

    Appius richtete sich langsam auf.

    Adler – drei Striche – Kreis.

    Das Symbol war bereits in anderen Zusammenhängen aufgetaucht.

    Marcellus beobachtete ihn.

    Wieder.

    Appius erkannte es.

    Marcellus wollte wissen, ob ihm das Zeichen bekannt war.

    Also lächelte Appius.

    „Was soll das sein?“

    Marcellus' Gesicht verriet nichts.

    Aber für einen winzigen Augenblick hatte Appius etwas gesehen.

    Enttäuschung.

    IX. DER TOTE

    Im Landhaus hatte Appius inzwischen genug gehört.

    „Ich möchte mit ihm allein sprechen.“

    Marcellus schüttelte den Kopf.

    „Unmöglich.“

    „Dann bin ich fertig.“

    Appius wandte sich zur Treppe.

    „Appius.“

    Er blieb stehen.

    Marcellus sah ihn an.

    „Du machst einen Fehler.“

    „Das höre ich häufig.“

    Appius ging.

    Wenige Augenblicke später hörte er hinter sich einen dumpfen Laut.

    Dann einen Schrei.

    Appius fuhr herum.

    Er rannte zurück.

    Die Kellertür stand offen.

    Marcellus kniete neben dem Gefangenen.

    Blut.

    Sehr viel Blut.

    Der Mann lag auf dem Boden.

    Eine tiefe Wunde am Hals.

    Appius zog sein Schwert.

    „Niemand verlässt dieses Haus!“

    Marcellus blickte zu ihm auf.

    „Er hat sich selbst getötet.“

    Appius sah auf die gefesselten Hände des Toten.

    Dann zu Marcellus.

    „Mit gefesselten Händen?“

    Stille.

    Appius hob langsam sein Schwert.

    „Jetzt“, sagte er, „wird unser Gespräch interessant.“

    X. DREI MÄNNER – EIN NAME

    In Mogontiacum stand Faustus vor dem Verwaltungsgebäude der militärischen Versorgung.

    In einem Landhaus außerhalb der Stadt stand Appius über einem ermordeten Gefangenen.

    In Rom saß Titus Aurelius Romanus Nero Patulcius Trogus gegenüber.

    Drei Männer.

    Drei Orte.

    Drei Ermittlungen.

    Und überall derselbe Name.

    Trogus.

    Doch Faustus hatte inzwischen gelernt, dass offensichtliche Antworten meistens jemandem gehörten.

    Appius hatte erkannt, dass Marcellus ihn nicht informieren, sondern prüfen wollte.

    Und Titus saß ausgerechnet jenem Mann gegenüber, der angeblich das Zentrum des gesamten Netzes bildete.

    Trogus blickte Titus lange an.

    Dann sagte er:

    „Ihr sucht einen Verräter, Aurelier.“

    „Vielleicht.“

    „Faustus Iunius Rupa sucht ebenfalls einen.“

    Titus erstarrte.

    Trogus lächelte nicht mehr.

    „Und Appius Orbius Herminianus glaubt noch immer, dass niemand von seinem tatsächlichen Auftrag weiß.“

    Titus trat einen Schritt vor.

    „Woher kennt Ihr diese Namen?“

    Trogus antwortete nicht sofort.

    Dann sprach er vier Worte:

    „Weil ich Euch beobachte.“

    Titus' Hand wanderte langsam unter seinen Mantel.

    Trogus bemerkte es.

    „Wenn ich Euch hätte töten wollen, Titus Aurelius Romanus, wärt Ihr niemals bis zu dieser Tür gekommen.“

    „Das soll mich beruhigen?“

    „Nein.“

    Trogus beugte sich vor.

    „Es soll Euch Angst machen.“

    Titus sah ihn lange an.

    „Dann habt Ihr Euch verrechnet.“

    Trogus' Augen wurden schmal.

    „Das werden wir sehen.“

    Das Haus des Todes


    Das unsichtbare Netz beginnt sich zusammenzuziehen.

    Faustus entdeckt eine Spur innerhalb der militärischen Verwaltung der Legio XXII Primigenia.

    Appius erkennt, dass Marcellus möglicherweise nicht sein Verbündeter ist – und steht plötzlich neben einem ermordeten Zeugen.

    Massad entdeckt das bereits bekannte Zeichen Adler – drei Striche – Kreis unmittelbar bei einem der Beobachter der Villa Aurelia.

    Und Titus sitzt Nero Patulcius Trogus persönlich gegenüber.

    Doch gerade jetzt entsteht der gefährlichste Zweifel:

    Ist Trogus wirklich der Mann im Zentrum des Netzes – oder wurde sein Name bewusst dort platziert, damit Faustus, Appius und Titus auf denselben falschen Gegner zulaufen?

  • III. MOGONTIACUM – FAUSTUS LEGT DEN KÖDER AUS

    Faustus Iunius Rupa stand vor dem Verwaltungsgebäude der Versorgung.

    Er hätte es durchsuchen lassen können.

    Zwanzig Männer hätten genügt.

    Zwanzig Männer hätten genügt.

    Türen aufbrechen.

    Schreiber festsetzen.

    Wachstafeln beschlagnahmen.

    Doch genau das tat er nicht.

    „Wir gehen“, sagte er.

    Lucius starrte ihn an.

    „Wir gehen?“

    „Ja.“

    „Wir wissen, dass Severus hier war.“

    „Genau.“

    „Und deshalb gehen wir?“

    Faustus nickte.

    Lucius schüttelte den Kopf.

    „Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt gewinnen möchtest.“

    Faustus grinste.

    „Ich möchte wissen, gegen wen.“

    Sie gingen.

    Erst zwei Straßen weiter blieb Faustus stehen.

    „Ab jetzt erzählst du jedem, der fragt, dass du während deiner Gefangenschaft zwei Namen gehört hast.“

    Lucius verstand sofort.

    „Trogus und…?“

    „Den zweiten nennst du niemandem.“

    „Weil es keinen gibt.“

    „Noch nicht.“

    Lucius lächelte.

    „Du willst, dass sie danach suchen.“

    „Nein.“

    Faustus sah zurück zum Verwaltungsgebäude.

    „Ich möchte wissen, wer Angst davor bekommt.“

    IV. DER ZWEITE NAME

    Noch vor Mittag begann das Gerücht zu leben.

    Lucius erzählte es einem Legionär.

    Der Legionär einem Kameraden.

    Der Kamerad einem Schreiber.

    Der Schreiber einem Optio.

    Am Nachmittag wusste niemand mehr, woher die Geschichte stammte.

    Doch überall hieß es:

    Der zurückgekehrte Speculator kennt zwei Namen.

    Faustus wartete.

    Seine Männer beobachteten.

    Nichts.

    Dann, kurz vor Sonnenuntergang, kam die Meldung.

    „Severus.“

    Faustus hob den Kopf.

    „Was hat er getan?“

    „Er hat versucht, Lucius zu treffen.“

    „Und?“

    „Lucius hat ihn abgewiesen.“

    „Danach?“

    Der Speculator grinste.

    „Severus ist zum Verwaltungsgebäude.“

    Faustus blieb ruhig.

    „Und dann?“

    „Ein Schreiber hat das Gebäude verlassen.“

    „Name?“

    „Titus Flavius Crispinus.“

    „Wohin?“

    „Nicht zum Hafen.“

    „Wohin dann?“

    Der Mann legte eine kleine Karte auf den Tisch.

    Sein Finger wanderte über Mogontiacum.

    Dann blieb er stehen.

    Faustus' Gesicht veränderte sich.

    „Bist du sicher?“

    „Absolut.“

    Der Schreiber war zum Haus eines Mannes gegangen, den Faustus kannte.

    Sehr gut sogar.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Faustus sagte lange nichts.

    Dann murmelte er:

    „Nein.“

    Lucius sah ihn an.

    „Was?“

    „Zu einfach.“

    „Marcellus?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wenn jemand möchte, dass ich Trogus verdächtige und gleichzeitig Marcellus finde, dann frage ich mich langsam, wer mir eigentlich diese Ermittlungen führt.“

    V. DOMUS MORTIS – APPIUS UND MARCELLUS

    „Jetzt wird unser Gespräch interessant.“

    Appius hielt das Schwert auf Marcellus gerichtet.

    Der Gefangene lag zwischen ihnen.

    Tot.

    Die gefesselten Hände machten jede Behauptung eines Selbstmordes lächerlich.

    Marcellus erhob sich langsam.

    „Nimm das Schwert herunter.“

    „Nein.“

    „Appius.“

    „Ich sagte nein.“

    Hinter ihnen erschienen zwei bewaffnete Männer.

    Appius hörte ihre Schritte.

    Er drehte sich nicht um.

    Marcellus hob die Hand.

    Die Männer blieben stehen.

    „Niemand greift ihn an.“

    Appius lächelte.

    „Wie großzügig.“

    „Du bist mein Gast.“

    Appius blickte auf den Toten.

    „Deine Gastfreundschaft hat bemerkenswerte Grenzen.“

    Marcellus' Gesicht verhärtete sich.

    „Ich habe diesen Mann nicht getötet.“

    „Dann besitzt du ein Problem.“

    „Wir beide besitzen eines.“

    „Nein.“

    Appius hob die Schwertspitze.

    „Im Augenblick besitzt vor allem du eines.“

    Marcellus sah ihn lange an.

    Dann sagte er plötzlich:

    „Was genau hat Titus Aurelius Romanus dir aufgetragen?“

    Appius' Gesicht blieb ruhig.

    Doch innerlich schrillten sämtliche Alarmglocken.

    Da war sie.

    Die Frage.

    Nicht:

    Wer tötete den Gefangenen?

    Nicht:

    Wer steckt hinter den Transporten?

    Nicht:

    Was bedeutet das Symbol?

    Sondern:

    Was weiß Titus?

    Appius senkte das Schwert ein wenig.

    Absichtlich.

    „Ein Aquädukt.“

    Marcellus lächelte.

    „Natürlich.“

    „Du hast die Einweihung verpasst.“

    „Bedauerlich.“

    „Die Bewohner waren zufrieden.“

    „Das freut mich.“

    Beide wussten, dass sie logen.

    VI. DAS SPIEL DES APPIUS

    „Also noch einmal“, sagte Marcellus. „Was hat Titus dir aufgetragen?“

    Appius zuckte mit den Schultern.

    „Mich umzusehen.“

    „Wonach?“

    „Nach Problemen.“

    „Welchen Problemen?“

    Appius lächelte.

    „Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich nicht umsehen müssen.“

    Marcellus trat näher.

    „Unterschätze mich nicht.“

    „Das tue ich nicht.“

    „Titus vertraut dir.“

    „Manchmal.“

    „Er schickt keinen Legatus Aurelianus nach Mogontiacum, um Wasserleitungen zu bewundern.“

    Appius' Blick wurde kalt.

    „Und du lädst keinen Legatus Aurelianus in ein verlassenes Landhaus ein, um ihm einen Gefangenen zu zeigen, der anschließend ermordet wird.“

    Stille.

    Marcellus blickte zum Toten.

    Dann sagte er:

    „Vielleicht sollten wir endlich aufhören, uns gegenseitig zu belügen.“

    Appius antwortete:

    „Du zuerst.“

    Marcellus lächelte.

    „Trogus ist nicht der Mann, den du suchst.“

    Appius spürte einen Stich.

    „Interessant.“

    „Was?“

    „Ich habe niemals gesagt, dass ich jemanden suche.“

    Marcellus schwieg.

    Appius hob wieder sein Schwert.

    „Und damit hast du mir gerade mehr erzählt als dein toter Freund dort unten.“

    XI. FAUSTUS ERHÄLT EINE NACHRICHT

    Tief in der Nacht klopfte es an Faustus' Tür.

    Lucius trat ein.

    „Etwas ist passiert.“

    Faustus setzte sich auf.

    „Was?“

    Lucius legte einen kleinen Wachstafelrest auf den Tisch.

    „Der wurde vor meiner Unterkunft abgelegt.“

    Faustus öffnete ihn.

    Nur ein Satz.

    DER ZWEITE NAME IST MARCELLUS.

    Faustus starrte darauf.

    Lucius fragte:

    „Was jetzt?“

    Faustus antwortete nicht.

    Er ging zum Fenster.

    Draußen lag Mogontiacum ruhig.

    Zu ruhig.

    Schließlich sagte er:

    „Jetzt wissen wir etwas.“

    „Dass Marcellus der Verräter ist?“

    Faustus drehte sich um.

    „Nein.“

    Er hielt die Wachstafel hoch.

    „Dass jemand unbedingt möchte, dass ich das glaube.“

    XII. APPIUS VERLÄSST DAS HAUS DES TODES

    Marcellus ließ ihn gehen.

    Das überraschte Appius beinahe mehr als alles andere.

    Sein Pferd wartete draußen.

    Bevor Appius aufstieg, trat Marcellus aus dem Haus.

    „Appius.“

    Appius drehte sich um.

    „Wenn du Titus schreibst…“

    „Ja?“

    Marcellus blieb unter dem Türbogen stehen.

    „Sag ihm, dass der Feind näher ist, als er glaubt.“

    Appius lächelte.

    „Das sagen erstaunlich viele Menschen in letzter Zeit.“

    Dann stieg er auf.

    Marcellus sah ihm nach.

    Erst als Appius verschwunden war, kehrte er ins Haus zurück.

    Der tote Gefangene war bereits fortgeschafft worden.

    Einer der bewaffneten Männer wartete.

    „Hat er es geglaubt?“

    Marcellus sah ihn an.

    „Nein.“

    „Ist das ein Problem?“

    Marcellus ging zum Tisch.

    Dort lag eine Wachstafel.

    Er schrieb nur wenige Worte.

    APPIUS WEISS ZU WENIG. TITUS VERMUTLICH MEHR.

    Er versiegelte sie.

    Doch nicht mit seinem eigenen Siegel.

    Auf dem Wachs erschien:

    ein Adler – drei Striche – ein Kreis.

    Marcellus betrachtete das Zeichen.

    Und zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein Mann, der die Situation beherrschte.

    Sondern wie jemand, der selbst Befehle ausführte.

    XIII. DAS FALSCHE ZENTRUM

    Noch in derselben Nacht geschahen an drei Orten drei Dinge.

    In Mogontiacum verbrannte Faustus die Nachricht, die Marcellus beschuldigte.

    In der Villa Aurelia entschied Titus, den Verräter in seinem eigenen Haus nicht festzunehmen.

    Und im kaiserlichen Palast stand Nero Patulcius Trogus allein vor einer verschlossenen Kassette.

    Er öffnete sie.

    Darin lag sein Siegel.

    Trogus nahm es heraus.

    Betrachtete es.

    Dann öffnete er ein verborgenes Fach darunter.

    Es war leer.

    Trogus erstarrte.

    Dort hätte ein zweiter Gegenstand liegen müssen.

    Ein altes Gegensiegel.

    Nur drei Menschen wussten von seiner Existenz.

    Trogus flüsterte:

    „Nein.“

    Zum ersten Mal seit Titus ihn getroffen hatte, zeigte der Eunuch etwas, das er bisher meisterhaft verborgen hatte.

    Angst.

    ENDE DIES VI – NOMEN FALSUM

    Der falsche Name

    Das Netz besitzt kein sichtbares Zentrum mehr.

    Trogus ist möglicherweise nicht der Drahtzieher, sondern selbst Ziel einer systematischen Täuschung.

    Marcellus steckt tiefer in der Verschwörung, als Appius bisher wusste – doch selbst er scheint nicht an deren Spitze zu stehen.

    Faustus verweigert sich der offensichtlichen Spur und erkennt, dass jemand ihn gezielt gegen Marcellus lenken möchte.

    Massad entdeckt mit Dama erstmals einen nachweisbaren Verbindungsmann innerhalb der Villa Aurelia.

    Und Titus entscheidet sich gegen dessen Verhaftung. Stattdessen beginnt er sein eigenes gefährliches Spiel: Von nun an soll der Gegner über Dama genau jene Informationen erhalten, die Titus ihm zukommen lassen will.

    Doch die wichtigste Entdeckung macht Trogus:

    Von seinem Siegel existiert ein Gegensiegel.

    Es ist verschwunden.

    Und nur drei Menschen wussten, dass es überhaupt existierte.

    Fortsetzung: DIES VII – TRES NOMINA – Die drei Namen

    Trogus lässt Titus noch in derselben Nacht heimlich zurück in den Palast rufen. Zum ersten Mal nennt er ihm die drei Personen, die vom Gegensiegel wussten. Einer dieser Namen gehört zu einem hochrangigen Beamten der kaiserlichen Verwaltung. Der zweite führt unmittelbar nach Mogontiacum.

    Doch der dritte Name erschüttert Titus, denn er gehört zu einem Menschen, dessen Verbindung zu seiner eigenen Familie weit zurückreicht.

    Faustus setzt unterdessen seine Täuschung fort. Er lässt absichtlich drei verschiedene Versionen des angeblichen „zweiten Namens“ verbreiten. Jede Version erreicht nur einen eng begrenzten Personenkreis. Wenn eine davon beim Gegner auftaucht, weiß Faustus erstmals, aus welchem Teil der Legio XXII Informationen abfließen.

    Appius kehrt nach Mogontiacum zurück und sucht Faustus auf. Beide vergleichen zum ersten Mal systematisch ihre Erkenntnisse – und stellen fest, dass jemand ihre Ermittlungen seit Tagen gegeneinander ausspielt.

    In Rom erhält Dama währenddessen von Titus persönlich eine scheinbar hochbrisante Nachricht zur Weiterleitung. Der Schreiber ahnt nicht, dass Massad und Selina bereits auf ihn warten.

    Doch Titus will Dama nicht festnehmen.

    Er will wissen, wer am anderen Ende des Netzes zieht.

  • Die drei Namen

    Die Nacht war noch nicht vorüber.

    In Rom kehrte Titus Aurelius Romanus vom Palatin zurück, ohne zu wissen, dass Massad wenige Straßen entfernt bereits den ersten Mann aus dem eigenen Haushalt mit dem unsichtbaren Netz verbunden hatte.

    In Mogontiacum begann Faustus Iunius Rupa währenddessen seine gefährlichste Täuschung: Er wollte nicht länger den Spuren folgen, die man ihm hinterließ.

    Er wollte selbst Spuren legen.

    Und Appius Orbius Herminianus ritt vom Landhaus des Gaius Iunius Marcellus zurück zur Stadt, während ihm eine einzige Frage nicht aus dem Kopf ging:

    Woher wusste Marcellus, dass Titus ihn geschickt hatte?

    Drei Männer suchten nach derselben Wahrheit.

    Doch noch immer wusste keiner, ob sie überhaupt denselben Feind suchten.

    IV. MOGONTIACUM – FAUSTUS ERFINDET DREI VERRÄTER

    Zur gleichen Stunde saß Faustus in seinem Arbeitsraum.

    Vor ihm standen Lucius und drei Speculatores.

    Auf dem Tisch lagen drei Wachstafeln.

    Faustus deutete auf die erste.

    „Version eins.“

    Lucius las:

    Der zweite Name ist Marcellus.

    Faustus deutete auf die zweite.

    Der zweite Name ist Crispus.

    Dann auf die dritte.

    Der zweite Name ist Varro.

    Lucius sah ihn an.

    „Drei verschiedene Namen.“

    „Ja.“

    „Und keiner davon stammt aus meiner Gefangenschaft.“

    „Richtig.“

    „Was machen wir damit?“

    Faustus lehnte sich zurück.

    „Jede Version erhält einen anderen Weg.“

    Er zeigte auf die erste.

    „Marcellus geht ausschließlich an Männer aus dem Umfeld der Versorgung.“

    Die zweite.

    „Crispus nur an zwei Männer aus der Verwaltung der Castra.“

    Die dritte.

    „Varro an jene, die Kontakt zum Hafen haben.“

    Lucius begann zu lächeln.

    „Und wenn einer der Namen außerhalb seines Kreises auftaucht…“

    „…kennen wir den Weg.“

    Faustus nickte.

    „Wir jagen ab jetzt keine Verräter mehr.“

    Er nahm die drei Tafeln.

    „Wir markieren ihre Nachrichten.“

    V. APPIUS KEHRT ZURÜCK

    Appius erreichte Mogontiacum noch vor Tagesanbruch.

    Er war müde.

    Wütend.

    Und sehr nachdenklich.

    Das Landhaus hatte ihm mehr Fragen gegeben als Antworten.

    Der tote Gefangene.

    Trogus.

    Das Symbol.

    Und Marcellus' Frage:

    Was genau hat Titus Aurelius Romanus dir aufgetragen?

    Appius hätte schlafen sollen.

    Stattdessen ritt er direkt zu Faustus.

    Der Biarchus war wenig begeistert, als Appius vor seiner Tür erschien.

    „Weißt du, welche Stunde wir haben?“

    „Ja.“

    „Dann besitzt du einen schlechten Charakter.“

    „Das wurde mir bereits gesagt.“

    Faustus ließ ihn herein.

    Appius bemerkte die drei Wachstafeln.

    „Was ist das?“

    Faustus deckte sie mit einem Tuch ab.

    „Nichts.“

    „Dann ist es vermutlich wichtig.“

    „Was willst du?“

    Appius wurde ernst.

    „Marcellus.“

    Faustus bewegte sich nicht.

    „Was ist mit ihm?“

    „Ich war bei ihm.“

    „Wo?“

    „In seinem Landhaus.“

    Jetzt hatte Appius seine volle Aufmerksamkeit.

    „Warum?“

    „Weil er mich eingeladen hat.“

    Faustus starrte ihn an.

    „Und du bist hingegangen?“

    „Natürlich.“

    „Allein?“

    „Fast.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ihr Leute aus Rom besitzt ein bemerkenswertes Verhältnis zum Überleben.“

    „Kann ich fortfahren?“

    Faustus deutete auf einen Stuhl.

    „Bitte.“

    VI. ZWEI ERMITTLUNGEN TREFFEN AUFEINANDER

    Appius erzählte alles.

    Vom Gefangenen.

    Vom Namen Trogus.

    Vom Symbol.

    Vom Tod des Mannes.

    Und schließlich von Marcellus' Frage nach Titus.

    Faustus unterbrach ihn erst dort.

    „Noch einmal.“

    „Was?“

    „Die genaue Frage.“

    Appius wiederholte:

    „Was genau hat Titus Aurelius Romanus dir aufgetragen?“

    Faustus stand auf.

    Er ging einige Schritte.

    Dann fragte er:

    „Hast du Marcellus jemals gesagt, dass Titus dich geschickt hat?“

    „Nein.“

    „Jemandem aus seinem Umfeld?“

    „Nein.“

    „In Mogontiacum?“

    „Nein.“

    Faustus blieb stehen.

    „Dann wusste er es vorher.“

    „Genau.“

    Faustus zog das Tuch von den drei Wachstafeln.

    Appius las die Namen.

    Marcellus.

    Crispus.

    Varro.

    „Was soll das?“

    Faustus erzählte von Lucius.

    Von Severus.

    Vom Verwaltungsgebäude.

    Und von seinem Plan.

    Appius nahm die Tafel mit Marcellus' Namen.

    „Du verdächtigst ihn.“

    „Nein.“

    „Sein Name steht hier.“

    „Weil ich möchte, dass jemand glaubt, ich verdächtige ihn.“

    Appius sah ihn an.

    Dann begann er langsam zu lächeln.

    „Das gefällt mir.“

    Faustus nahm ihm die Tafel wieder ab.

    „Das beunruhigt mich.“

    X. DIE ERSTE REAKTION IN MOGONTIACUM

    Faustus musste nicht lange warten.

    Am späten Vormittag kam einer seiner Speculatores.

    „Wir haben etwas.“

    Faustus blickte auf.

    Appius saß noch immer bei ihm.

    „Welcher Name?“

    „Marcellus.“

    Faustus wurde sofort aufmerksam.

    „Wo?“

    „Am Hafen.“

    Appius runzelte die Stirn.

    Faustus fragte:

    „Wer hat ihn benutzt?“

    „Ein Händler fragte einen Schreiber, ob Marcellus bereits gewarnt worden sei.“

    Stille.

    Faustus sah auf seine drei Tafeln.

    Marcellus war ausschließlich an Männer aus dem Bereich der militärischen Versorgung gegangen.

    Doch jetzt war der Name am Hafen aufgetaucht.

    Appius begriff.

    „Die Versorgung spricht mit dem Hafen.“

    „Oder jemand dazwischen.“

    Faustus stand auf.

    „Jetzt haben wir erstmals einen Nachrichtenweg.“

    Appius fragte:

    „Und Marcellus?“

    Faustus sah ihn an.

    „Noch immer wissen wir nicht, ob er Verräter, Mitspieler oder Köder ist.“

    „Nach letzter Nacht tendiere ich zu Verräter.“

    „Genau deshalb wäre ich vorsichtig.“

    Appius seufzte.

    „Du bist ein unangenehmer Mensch.“

    „Das wurde mir bereits gesagt.“

    XIV. FAUSTUS UND APPIUS – DAS MUSTER

    Fast zur selben Stunde lagen vor Faustus und Appius mehrere Wachstafeln.

    Faustus zeichnete Linien.

    Versorgung.

    Hafen.

    Marcellus.

    Transporte.

    Appius fügte hinzu:

    „Und Trogus.“

    Faustus schrieb den Namen dazu.

    Dann betrachteten beide das Muster.

    Appius sagte:

    „Alles läuft auf ihn zu.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Schon wieder?“

    „Sieh hin.“

    Faustus deutete auf die Linien.

    „Trogus taucht überall dort auf, wo wir ihn finden sollen.“

    Dann zeigte er auf Marcellus.

    „Marcellus ebenfalls.“

    „Du glaubst also keinem Namen mehr.“

    „Namen sind billig.“

    Faustus legte den Griffel hin.

    „Wege nicht.“

    Appius sah ihn an.

    Faustus deutete auf die Verbindung zwischen Versorgung und Hafen.

    „Wir folgen ab jetzt nicht mehr den Personen.“

    „Sondern?“

    „Den Nachrichten.“

    Ein Speculator trat ein.

    „Biarchus.“

    „Was?“

    „Ein Kurier aus Rom.“

    Appius und Faustus sahen gleichzeitig auf.

    „Für wen?“, fragte Appius.

    „Für Euch.“

    Der Mann reichte ihm eine versiegelte Wachstafel.

    Appius erkannte sofort das Zeichen der Aurelier.

    Er öffnete sie.

    Las.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    Faustus fragte:

    „Was?“

    Appius reichte ihm die Nachricht.

    Faustus las:

    Appius Orbius Herminianus soll seine Untersuchungen in Mogontiacum beenden und innerhalb von fünf Tagen nach Rom zurückkehren.

    Darunter:

    Faustus Iunius Rupa ist über die Hintergründe nicht zu informieren.

    Faustus hob eine Augenbraue.

    Appius sah ihn an.

    Dann mussten beide gleichzeitig lachen.

    „Nun“, sagte Faustus, „das hat hervorragend funktioniert.“

    Appius grinste.

    „Titus wollte offenbar, dass du das liest.“

    Faustus betrachtete das Schreiben.

    „Nein.“

    Sein Lächeln verschwand.

    „Titus wollte, dass jemand anderes glaubt, ich dürfe es nicht lesen.“

    Appius wurde ernst.

    „Dann spielt er dasselbe Spiel wie wir.“

    Faustus nickte.

    Zum ersten Mal arbeiteten Rom und Mogontiacum nicht mehr getrennt.

    Ohne es abgesprochen zu haben, hatten Titus und Faustus dieselbe Methode gewählt.

    Sie fütterten das Netz.

    XVI. DAS NETZ REAGIERT

    Noch am selben Abend geschahen vier Dinge.

    In Mogontiacum verließ ein unbekannter Kurier das Verwaltungsviertel und ritt nach Süden.

    Faustus ließ ihn verfolgen.

    Appius erhielt eine zweite Nachricht.

    Diesmal ohne Siegel.

    Nur drei Worte:

    KEHRE NICHT ZURÜCK.

    In Rom verließ Dama die Villa Aurelia erneut.

    Selina folgte ihm.

    Massad folgte Selina.

    Und Titus saß im Tablinum über alten Unterlagen der Gens Aurelia.

    Schließlich fand er den Namen.

    Marcus Aurelius Scaurus.

    Daneben eine alte Notiz.

    Titus las sie zweimal.

    Dann ein drittes Mal.

    Scaurus hatte Jahre zuvor nicht allein nach Mogontiacum reisen sollen.

    Ein zweiter Mann war ihm zugeteilt gewesen.

    Ein Begleiter.

    Ein Verbindungsmann.

    Titus kannte auch diesen Namen.

    Sehr gut.

    Er stand auf.

    „Bei allen Göttern.“

    TRES NOMINA

    Die drei Namen

    Zum ersten Mal besitzt die Verschwörung nicht einen Verdächtigen, sondern drei:

    Publius Aelius Saturninus – ein verschwundener Beamter aus der kaiserlichen Verwaltung.

    Gaius Iunius Marcellus – der Mann in Mogontiacum, der offenbar wesentlich mehr über Titus' Ermittlungen weiß, als er wissen dürfte.

    Marcus Aurelius Scaurus – ein verschollenes Mitglied aus dem Umfeld der Gens Aurelia, das einst das Gegensiegel des Trogus nach Mogontiacum transportierte.

    Doch keiner dieser Namen beweist Schuld.

    Währenddessen haben Titus und Faustus unabhängig voneinander denselben entscheidenden Schritt getan:

    Sie verfolgen das Netz nicht mehr.

    Sie beginnen, es zu füttern.

    Titus benutzt Dama.

    Faustus benutzt Lucius.

    Appius wird bewusst zum sichtbaren Verbindungsmann zwischen beiden Seiten.

    Und irgendwo zwischen Rom und Mogontiacum beginnen jene Menschen, die sich bisher unsichtbar glaubten, auf die Täuschungen zu reagieren.

    Die Jagd verändert ihre Richtung.

    Zum ersten Mal müssen nicht mehr Titus, Faustus und Appius reagieren.

    Der Gegner muss es.

    Fortsetzung: DIES VIII – MORTUUS QUI VIVIT – Der Tote, der lebt

    Titus entdeckt in den alten Unterlagen der Gens Aurelia, wer Marcus Aurelius Scaurus damals nach Mogontiacum begleitet hatte. Der Name führt zu einem Mann, der heute noch lebt – und den Titus seit Jahren kennt.

    Faustus lässt unterdessen den aus Mogontiacum aufgebrochenen Kurier verfolgen. Doch statt nach Rom führt dessen Weg zu einem abgelegenen römischen Gut südlich der Stadt. Dort begegnet er einem Mann, der laut offiziellen Unterlagen seit Jahren tot sein müsste.

    Appius versucht herauszufinden, wer ihm die Warnung KEHRE NICHT ZURÜCK geschickt hat. Dabei entdeckt er, dass sein angeblicher Rückruf nach Rom bereits bekannt war, bevor der offizielle Kurier Mogontiacum erreicht hatte.

    In Rom führt Dama Selina und Massad erneut zum Haus am Tiber. Dieses Mal verlässt dort jedoch ein Mann das Gebäude, dessen Gesicht Selina aus der Villa Aurelia kennt.

    Und im Palast erhält Trogus eine Nachricht, die nur aus fünf Worten besteht:

    DAS GEGSIEGEL IST NICHT BEI UNS.

    Damit entsteht eine noch gefährlichere Möglichkeit:

    Vielleicht gibt es nicht ein unsichtbares Netz.

    Vielleicht kämpfen im Hintergrund zwei verschiedene Gruppen um dieselben Geheimnisse.

  • Die zwei Netze

    Es gab Nächte in Rom, in denen Entscheidungen in Senatssälen getroffen wurden.

    Und es gab Nächte, in denen das Schicksal von Männern in dunklen Gassen, verschlossenen Zimmern und an abgelegenen Ufern des Rhenus entschieden wurde.

    Diese Nacht gehörte zur zweiten Art.

    Denn während Titus Aurelius Romanus einen alten Bekannten zum Essen bat, beobachtete Faustus Iunius Rupa einen Mann, der offiziell nicht mehr existierte.

    Appius legte einem Verräter eine Falle.

    Selina und Massad beobachteten einen Freund.

    Und im kaiserlichen Palast trat ein Mann aus dem Schatten, dessen Name in keinem Register Roms stand.

    Noch glaubten sie, verschiedenen Spuren zu folgen.

    Doch alle führten zu demselben Ereignis.

    Zu einer Reise nach Mogontiacum, die viele Jahre zurücklag.

    III. MOGONTIACUM

    APPIUS LEGT DIE FALLE

    Appius Orbius Herminianus hatte zwei Lügen verbreitet.

    Die erste:

    Er werde am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang nach Rom abreisen.

    Diese Information erhielt ein Beamter aus dem Umfeld der militärischen Verwaltung.

    Die zweite:

    Er werde erst am folgenden Abend abreisen.

    Diese Nachricht ließ er gezielt einem Mann zukommen, der regelmäßig im Haushalt des Gaius Iunius Marcellus verkehrte.

    Danach tat Appius nichts.

    Er wartete.

    Am Abend erschien ein Diener Marcellus'.

    „Mein Herr lässt fragen, ob Ihr morgen noch Zeit für ihn findet.“

    Appius sah ihn freundlich an.

    „Morgen?“

    „Ja.“

    „Zu welcher Stunde?“

    „Am Vormittag.“

    Appius lächelte.

    „Hat dein Herr keine Sorge, dass ich dann bereits unterwegs bin?“

    Der Diener antwortete sofort:

    „Nein. Ihr reist doch erst am Abend.“

    Stille.

    Der Diener bemerkte seinen Fehler zu spät.

    Appius' Lächeln blieb bestehen.

    „Natürlich.“

    Er entließ ihn.

    Erst als die Tür geschlossen war, verschwand das Lächeln.

    Nur eine einzige Personengruppe hatte diese falsche Abreisezeit erhalten.

    Marcellus wusste davon.

    Damit war bewiesen:

    Informationen aus seinem Haushalt gelangten unmittelbar zu ihm.

    Aber Appius wollte mehr.

    Er nahm eine Wachstafel.

    Schrieb:

    MARCELLUS EMPFÄNGT ZWEITE ZEIT.

    Dann:

    UND REAGIERT.

    Die Nachricht musste Faustus erreichen.

    IV. ALTER VERSORGUNGSPOSTEN AM RHENUS

    Faustus erreichte den Posten tief in der Nacht.

    Die Anlage bestand aus einem alten Speicher, einem halb verfallenen Wachgebäude und einem kleinen Anleger.

    Der Wagen stand im Hof.

    Faustus beobachtete ihn aus der Dunkelheit.

    Vier Männer entluden keine Waffen.

    Keine Lebensmittel.

    Keine Münzen.

    Sie brachten Wachstafeln hinein.

    Kisten voller Aufzeichnungen.

    Faustus runzelte die Stirn.

    „Was zum Hades …“

    Einer seiner Speculatores flüsterte:

    „Berichte.“

    „Ja.“

    Faustus beobachtete weiter.

    Ein Mann kam aus dem Gebäude.

    Er trug mehrere Tafeln.

    Eine fiel zu Boden.

    Der Mann hob sie auf.

    Faustus konnte für einen Augenblick die Beschriftung erkennen.

    VARRO.

    Dann eine zweite.

    MARCELLUS.

    Eine dritte.

    MOGONTIACUM.

    Faustus verstand.

    Diese Männer transportierten keine Befehle.

    Sie sammelten Informationen.

    Über Personen.

    Über Bewegungen.

    Über das andere Netzwerk.

    „Sie beobachten sie.“

    Der Speculator neben ihm sah ihn an.

    „Wen?“

    Faustus zeigte auf die Tafeln.

    „Die anderen.“

    Jetzt war es eindeutig.

    Zwei geheime Gruppen existierten.

    Und mindestens eine davon führte systematisch Buch über die andere.

    Doch dann sah Faustus einen weiteren Namen.

    Nur für einen Moment.

    AURELIUS ROMANUS.

    Faustus' Gesicht wurde hart.

    „Titus.“

    Die Männer am Rhenus beobachteten nicht nur Varro und Marcellus.

    Sie beobachteten auch Titus.

    VIII. AM RHENUS

    DIE ZWEITE VERBINDUNG

    Faustus beobachtete weiter.

    Dann traf Appius' Nachricht ein.

    MARCELLUS EMPFÄNGT ZWEITE ZEIT. UND REAGIERT.

    Faustus las sie.

    Dann sah er zum Versorgungsposten.

    Dort lag eine Wachstafel mit Marcellus' Namen.

    Jetzt entstand die Verbindung.

    Marcellus wurde beobachtet.

    Aber gleichzeitig erhielt Marcellus Informationen aus Appius' Umfeld.

    Faustus murmelte:

    „Du gehörst nicht zu denen hier.“

    Der Speculator verstand nicht.

    „Wer?“

    „Marcellus.“

    Faustus deutete zum Gebäude.

    „Diese Männer sammeln Informationen über ihn.“

    Damit war erstmals eine Trennung möglich:

    Marcellus gehörte vermutlich zu dem einen Netz.

    Die Männer am Versorgungsposten zum anderen.

    Und Varro?

    Varro stand zwischen beiden.

    Faustus griff nach einer Wachstafel.

    Er schrieb eine Nachricht für Titus.

    Keine Erklärung.

    Keine Namen.

    Nur das Wichtigste.

    VARRO IST LEBENDIG.

    „Nach Rom.“

    Der Bote nahm die Tafel.

    „Sofort.“

    XII. AM RHENUS – GLEICHE STUNDE

    Faustus war zum Gutshof zurückgekehrt.

    Etwas hatte sich verändert.

    Keine Wache am Tor.

    Kein Licht.

    Keine Bewegung.

    Faustus hob die Faust.

    Seine Männer blieben stehen.

    „Zu ruhig“, flüsterte einer.

    Faustus zog sein Schwert.

    Sie näherten sich.

    Das Tor stand offen.

    Im Hof lag ein Mann.

    Tot.

    Ein zweiter neben dem Stall.

    Faustus ging weiter.

    „Varro!“

    Keine Antwort.

    Sie betraten das Gebäude.

    Leer.

    Dann rief ein Speculator:

    „Biarchus!“

    Faustus eilte hinaus.

    Im Schlamm hinter dem Gut befanden sich Pferdespuren.

    Viele.

    Zwei Gruppen.

    Die eine war von Westen gekommen.

    Die andere von Süden.

    Faustus kniete nieder.

    „Sie waren gleichzeitig hier.“

    „Wer?“

    Faustus betrachtete die Spuren.

    Dann sah er zum dunklen Wald.

    „Beide.“

    „Und Varro?“

    Faustus entdeckte eine einzelne Spur.

    Ein Pferd.

    Nach Norden.

    Er lächelte dünn.

    „Der Tote ist ihnen entkommen.“

    Doch dann fand er etwas im Schlamm.

    Eine kleine Metallscheibe.

    Er hob sie auf.

    Auf der Vorderseite:

    Kreis – drei Striche.

    Er drehte sie um.

    Auf der Rückseite:

    Kreis – drei Striche – Querlinie.

    Faustus' Lächeln verschwand.

    Ein Gegenstand.

    Beide Symbole.

    Vielleicht hatte Titus recht, ohne es bereits zu wissen.

    Die beiden Netze waren nicht nur Gegner.

    Sie waren einst eins gewesen.

    ENDE DIES IX – DUO RETIA

    In dieser Nacht werden die fünf Spuren zu einer einzigen Geschichte.

    Crispinus verrät während der Cena, dass er vom geheimen Gutshof weiß.

    Appius beweist durch seine falschen Abreisezeiten, dass Informationen unmittelbar zu Marcellus gelangen.

    Faustus entdeckt am Rhenus ein Archiv der zweiten Gruppe – mit Berichten über Varro, Marcellus und sogar Titus.

    Selina und Massad entdecken, dass Titus' vertrauter Bote Gnaeus Petronius Aquila Crispinus mit dem Haus am Tiber und einem Mann aus dem Palast verbindet.

    Trogus erfährt von Severus, dass Varro lebt – und muss erkennen, dass Severus selbst Kenntnisse besitzt, die Trogus bewusst vorenthalten wurden.

    Schließlich verbindet Faustus' Nachricht alles:

    VARRO IST LEBENDIG.

    Denn Titus entdeckt, dass Marcus Aurelius Scaurus Varro nicht zufällig nach Mogontiacum brachte.

    Varro war:

    CUSTOS SIGILLI SECUNDI.

    Der Hüter des Gegensiegels.

    Und die beiden Symbole beweisen etwas noch Älteres:

    Kreis – drei Striche.

    Kreis – drei Striche – Querlinie.

    Zwei Netze.

    Aber nur ein Ursprung.

    Das zweite Siegel

    Varro ist verschwunden.

    Damit beginnt zwischen beiden Netzen ein Wettlauf.

    Faustus verfolgt seine Spur nach Norden, während Appius erkennt, dass Marcellus nahezu gleichzeitig vom Verschwinden Varros erfährt. Diesmal begeht Marcellus jedoch einen schweren Fehler: Er befiehlt einem Mann die Verfolgung, den Appius bereits kennt.

    In Rom stellt Titus seinem vermeintlich treuen Gnaeus Petronius Aquila eine Falle. Er übergibt ihm eine verschlossene Nachricht für Faustus, deren Inhalt frei erfunden ist. Wenige Stunden später wiederholt Crispinus bei einem zweiten Treffen ausgerechnet einen Teil dieser falschen Information.

    Damit weiß Titus endgültig, dass Aquila ihn verrät.

    Doch Selina entdeckt etwas, das Titus' Schlussfolgerung erschüttert:

    Aquila übermittelt nicht jede Nachricht an Crispinus.

    Einige bringt er zu einer zweiten Adresse.

    Währenddessen lässt Trogus nach Severus suchen.

    Vergeblich.

    Severus ist verschwunden.

    Und am Rhenus erreicht Faustus schließlich Varro.

    Nicht allein.

    Varro hat auf ihn gewartet.

    Vor ihm liegt eine versiegelte Kassette.

    Darauf befinden sich beide Zeichen.

    Als Faustus nach dem Gegensiegel fragt, antwortet Varro:

    „Ihr sucht das falsche Siegel.“

    Denn es existiert nicht nur ein Gegensiegel.

    Es gibt zwei.

    Und eines davon befindet sich seit Jahren in der Villa Aurelia.

  • Das zweite Siegel

    Zwischen Mogontiacum und Rom lagen viele Tagesreisen.

    Ein Befehl konnte geschrieben sein, während sein Empfänger noch nichts von den Ereignissen wusste, die ihn notwendig gemacht hatten.

    Ein Mann konnte bereits geflohen sein, während man in Rom noch glaubte, er säße sicher auf seinem Gutshof.

    Und ein Geheimnis konnte die Hauptstadt erreichen, bevor der offizielle Bote überhaupt die Hälfte seines Weges zurückgelegt hatte.

    Genau darin lag die Stärke des unsichtbaren Netzes.

    Und vielleicht auch seine größte Schwäche.

    I. GERMANIA SUPERIOR

    FÜNF TAGE VOR DER CENA DES TITUS

    Der Morgen graute über dem verlassenen Gutshof.

    Faustus Iunius Rupa kniete im Schlamm.

    Vor ihm lagen die Spuren dreier verschiedener Gruppen.

    Die erste war von Westen gekommen.

    Die zweite von Süden.

    Die dritte bestand nur aus einem einzelnen Pferd.

    Varro.

    „Er ist ihnen entkommen“, sagte einer der Speculatores.

    Faustus betrachtete die einzelne Spur.

    „Noch.“

    Er stand auf.

    In seiner Hand hielt er die kleine Metallscheibe, die er in der Nacht gefunden hatte.

    Vorderseite:

    Kreis – drei Striche.

    Rückseite:

    Kreis – drei Striche – Querlinie.

    Zwei Zeichen auf demselben Gegenstand.

    Faustus steckte die Scheibe ein.

    „Vier Mann bleiben hier.“

    „Und wir?“

    „Wir folgen Varro.“

    „Welche der beiden Gruppen?“

    Faustus sah zum Wald.

    „Keiner.“

    Der Speculator verstand.

    „Dem Toten.“

    Faustus nickte.

    „Solange Varro lebt, wollen beide Seiten etwas von ihm.“

    Er blickte auf die Pferdespur.

    „Also finden wir heraus, was.“

    II. MOGONTIACUM

    GLEICHER MORGEN

    Appius Orbius Herminianus wartete.

    Seine Falle hatte funktioniert.

    Nur der Haushalt des Gaius Iunius Marcellus hatte die falsche Information erhalten, Appius werde erst am Abend abreisen.

    Und Marcellus hatte darauf reagiert.

    Das war noch kein Beweis für Verrat.

    Aber es war ein Beweis für ein Informationsleck.

    Appius wollte wissen, wie weit es reichte.

    Deshalb erfand er eine zweite Nachricht.

    Dieses Mal war sie gefährlicher.

    Er ließ einen Schreiber wissen:

    Lucius Cassius Varro sei festgenommen worden und werde noch am selben Tag heimlich ins Legionslager gebracht.

    Die Nachricht war vollständig erfunden.

    Varro war weder festgenommen worden noch auf dem Weg ins Lager.

    Dann wartete Appius.

    Keine zwei Stunden später verließ ein Reiter Marcellus' Anwesen.

    Appius beobachtete ihn von einem Fenster aus.

    „Da bist du.“

    Er hatte mit einer Reaktion gerechnet.

    Aber nicht mit einer derart schnellen.

    „Folgen.“

    Zwei seiner Männer verschwanden.

    Appius blieb zurück.

    Denn nun stellte sich eine andere Frage:

    Wenn Marcellus glaubte, Varro sei gefangen …

    wen würde er darüber informieren?

    III. NÖRDLICH VON MOGONTIACUM

    FAUSTUS FOLGT DEM TOTEN

    Varro war vorsichtig.

    Er benutzte keine großen Straßen.

    Keine Mansiones.

    Keine bekannten Übergänge.

    Er bewegte sich durch Wälder, über kleine Wege und durch Siedlungen, in denen kaum ein römischer Beamter freiwillig übernachten würde.

    Faustus hielt Abstand.

    Dann fand einer seiner Männer etwas.

    „Biarchus.“

    Im Schlamm lag ein Stück Wachs.

    Faustus hob es auf.

    Reste einer zerbrochenen Wachstafel.

    Darauf waren nur wenige Buchstaben erhalten.

    ...AUR...

    Der Speculator fragte:

    „Aurelius?“

    Faustus sah ihn scharf an.

    „Oder hundert andere Wörter.“

    Er steckte das Fragment ein.

    Keine voreiligen Schlüsse.

    Das hatte ihn sein Dienst gelehrt.

    Doch wenig später fanden sie eine zweite Spur.

    Varro war nicht mehr allein.

    Jemand folgte ihm.

    Faustus kniete nieder.

    „Zwei Pferde.“

    „Eine der Gruppen vom Gut?“

    „Vielleicht.“

    Dann bemerkte Faustus etwas.

    Die Hufe des zweiten Pferdes waren beschlagen.

    Militärische Arbeit.

    Römisch.

    „Das ist kein germanischer Händler.“

    Er stand auf.

    „Wir haben Gesellschaft.“

    IV. MOGONTIACUM

    APPIUS' ZWEITE FALLE SCHNAPPT ZU

    Der Reiter Marcellus' kehrte nicht zurück.

    Dafür kam einer von Appius' Männern.

    „Wir haben ihn verloren.“

    Appius' Gesicht verhärtete sich.

    „Wo?“

    „Am Rhenus.“

    „Wie verliert man einen einzelnen Reiter?“

    „Er wurde erwartet.“

    Appius schwieg.

    „Er traf einen zweiten Mann. Danach trennten sie sich.“

    „Beschreibung?“

    Der Mann berichtete.

    Appius hörte aufmerksam zu.

    Dann:

    „Das Zeichen?“

    „Welches?“

    „Fibel. Ring. Kapsel. Irgendetwas.“

    Der Mann dachte nach.

    „Eine kleine Scheibe am Gürtel.“

    Appius nahm eine Wachstafel.

    Er zeichnete:

    Kreis – drei Striche.

    „So?“

    „Nein.“

    Appius fügte die Querlinie hinzu.

    Der Mann nickte.

    „Genau.“

    Appius lehnte sich zurück.

    Marcellus' Nachricht war an die Gruppe mit dem veränderten Zeichen gegangen.

    Damit hatten sie erstmals eine direkte Verbindung.

    Marcellus → Kreis – drei Striche – Querlinie.

    Appius schrieb nur das Nötigste nieder.

    Diese Information musste Faustus erreichen.

    Aber diesmal nicht über die üblichen Wege.

    Denn inzwischen wusste Appius:

    Jemand las mit.

    V. AM RHENUS

    DER ALTE VERSORGUNGSPOSTEN

    Faustus kehrte nicht selbst zum Versorgungsposten zurück.

    Er schickte zwei Speculatores.

    Sie sollten nichts stehlen.

    Niemanden festnehmen.

    Nur beobachten.

    Am Abend kehrten sie zurück.

    „Sie verbrennen Unterlagen.“

    Faustus sah auf.

    „Welche?“

    „Fast alles.“

    „Warum?“

    „Offenbar wissen sie, dass jemand den Posten entdeckt hat.“

    Faustus fluchte leise.

    Dann kam die entscheidende Meldung.

    „Sie haben aber etwas fortgebracht.“

    „Was?“

    „Eine Truhe.“

    „Groß?“„Nein. Vielleicht so.“

    Der Mann zeigte die Größe mit seinen Händen.

    „Bewachung?“

    „Vier Reiter.“

    Faustus dachte nach.

    Ein Archiv wurde vernichtet.

    Eine kleine Truhe gerettet.

    „Wohin?“

    „Südwärts.“

    „Mogontiacum?“

    „Nein.“

    Faustus verstand.

    „Richtung Rom.“

    Die Männer des zweiten Netzes räumten auf.

    Jemand hatte sie gewarnt.

    Und diese Warnung musste erfolgt sein, nachdem Faustus den Versorgungsposten beobachtet hatte.

    Damit wusste nun auch die Gegenseite:

    Faustus war ihnen auf der Spur.

    VI. VIER TAGE SPÄTER

    ROM – VILLA AURELIA

    Titus Aurelius Romanus wusste von all dem nichts.

    Noch nicht.

    Für ihn begann der Abend mit Quintus Aelius Crispinus.

    Die Cena verlief zunächst genau so, wie Titus es geplant hatte.

    Freundlich.

    Beinahe vertraut.

    Bis Crispinus jenen einen Satz sagte.

    Zitat
    „Neugier ist gefährlich, seit Menschen deswegen an abgelegenen Gutshöfen nach Toten suchen.“

    Titus lächelte.

    Doch in seinem Kopf blieb nur ein Gedanke:

    Welcher Gutshof?

    Er hatte Crispinus gegenüber keinen erwähnt.

    Faustus hatte ihm keinen gemeldet.

    Titus wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass irgendwo bei Mogontiacum ein vermeintlich Toter beobachtet wurde.

    Also fragte er nicht nach.

    Gerade das war wichtig.

    „Dann werde ich meine Neugier wohl zügeln müssen.“

    Crispinus lächelte erleichtert.

    „Eine seltene Tugend bei einem Aurelier.“

    Das Gespräch wechselte.

    Doch Titus hörte von diesem Moment an anders zu.

    VII. CRISPINUS' HAUS

    GLEICHE STUNDE

    Während Crispinus in der Villa Aurelia speiste, beobachteten Selina und Massad sein Haus.

    Dann erschien Gnaeus Petronius Aquila.

    Titus' zuverlässiger Mann.

    Sein Bote.

    Sein gelegentlicher Vertrauter.

    Aquila wurde eingelassen, ohne anzuklopfen.

    Massad sah Selina an.

    „Er wurde erwartet.“

    Selina nickte.

    Sie warteten.

    Als Aquila wieder herauskam, folgten sie ihm.

    Er ging zum Tiber.

    Zum bekannten Haus.

    Dort wartete ein Mann aus dem Umfeld des Palastes.

    Aquila übergab ihm eine kleine Kapsel.

    Doch Selina bemerkte etwas.

    Der Palastmann gab Aquila ebenfalls etwas.

    Eine zweite Kapsel.

    „Er liefert nicht nur“, flüsterte sie.

    Massad nickte.

    „Er empfängt.“

    Damit war Aquila kein gewöhnlicher Informant.

    Er war ein Verbindungsmann.

    XII. FÜNF TAGE ZUVOR

    GERMANIA SUPERIOR

    Faustus hatte Varros Spur wiedergefunden.

    Sie führte zu einem kleinen verlassenen Heiligtum nahe des Rhenus.

    Faustus hob die Hand.

    Seine Männer blieben zurück.

    „Ich gehe allein.“

    „Biarchus—“

    „Allein.“

    Er trat zwischen die alten Steine.

    „Varro!“

    Keine Antwort.

    Faustus ging weiter.

    Dann hörte er hinter sich:

    „Du bist hartnäckig.“

    Faustus drehte sich nicht um.

    „Das sagt man mir nach.“

    „Schwert auf den Boden.“

    „Nein.“

    Ein leises Lachen.

    „Dann bist du entweder mutig oder dumm.“

    Faustus antwortete:

    „Auch darüber gehen die Meinungen auseinander.“

    Varro trat aus dem Schatten.

    Lebendig.

    Erschöpft.

    Aber bewaffnet.

    Faustus betrachtete ihn.

    „Lucius Cassius Varro.“

    „Der ist tot.“

    „Dann unterhalte ich mich mit einem bemerkenswert gesprächigen Leichnam.“

    Varro lächelte.

    Zum ersten Mal.

    Dann wurde er ernst.

    „Wer schickt dich?“

    „Niemand.“

    „Titus Aurelius Romanus?“

    Faustus reagierte nicht.

    Doch Varro bemerkte es.

    „Also kennt er die Wahrheit noch nicht.“

    Faustus' Blick wurde scharf.

    „Welche Wahrheit?“

    Varro setzte sich auf einen Stein.

    „Marcus Aurelius Scaurus.“

    Jetzt wusste Faustus, dass der Mann tatsächlich mehr wusste.

    „Was ist mit ihm?“

    „Er rettete mir das Leben.“

    „Warum?“

    Varro sah ihn an.

    „Weil ich etwas besaß, das beide Seiten wollten.“

    „Das Gegensiegel.“

    Varro schwieg.

    Faustus trat näher.

    „Wo ist es?“

    Varro lächelte müde.

    „Ihr sucht alle das falsche Siegel.“

    Faustus blieb stehen.

    „Was soll das heißen?“

    Varro betrachtete ihn lange.

    Dann sagte er:

    „Es gab nie nur eines.“

    Stille.

    „Zwei?“

    Varro nickte.

    „Ein Siegel bestätigt.“

    Er machte eine Pause.

    „Das andere widerruft.“

    Faustus verstand die Tragweite noch nicht vollständig.

    „Wo sind sie?“

    „Das erste verschwand nach unserer Flucht aus Rom.“

    „Und das zweite?“

    Varro sah zum Rhenus.

    „Scaurus nahm es.“

    Faustus trat näher.

    „Wohin?“

    Varro antwortete nicht.

    Stattdessen fragte er:

    „Kennst du die Villa Aurelia?“

    Faustus' Gesicht veränderte sich.

    Varro sah es.

    „Dann kennst du die Antwort.“

    XIV. ZWEI MÄNNER – EINE ERKENNTNIS

    GERMANIA SUPERIOR – FÜNF TAGE ZUVOR

    Faustus stand Varro gegenüber.

    „Wo befindet sich das zweite Siegel?“

    Varro antwortete:

    „Dort, wo niemand danach suchen würde.“

    GERMANIA SUPERIOR – FÜNF TAGE ZUVOR

    Varro sagte:

    „Scaurus brachte es nach Hause.“

    Faustus verstand.

    „Rom.“

    Varro schüttelte den Kopf.

    „Genauer.“

    Dann:

    „Villa Aurelia.“

    Fortsetzung: DIES XI – ARCA SCAURI

    Die Truhe des Scaurus

    Während Titus, Selina und Massad in der Villa Aurelia nach der verschwundenen Arca Scauri suchen, stellt Titus fest, dass jemand bereits vor Jahren die alten Inventarlisten verändert hat.

    In Germania Superior verlangt Faustus von Varro endlich die vollständige Geschichte der beiden Siegel und der Spaltung des ursprünglichen Netzes. Doch Varro weigert sich, weiterzusprechen, solange Faustus ihm nicht beantwortet, wem er selbst wirklich vertraut.

    Appius verfolgt unterdessen Marcellus' Verbindungsmann und entdeckt, dass dieser nicht nur Nachrichten übermittelt, sondern regelmäßig verschlüsselte Berichte aus Rom empfängt.

    Trogus lässt heimlich beobachten, wer auf Titus' falsche Ostia-Spur reagiert, und erkennt dadurch erstmals eine dritte Partei, die selbst ihm bislang verborgen geblieben ist.

    Und Aquila kehrt in die Villa Aurelia zurück.

    Freiwillig.

    Er bittet Titus um ein Gespräch unter vier Augen.

    Seine ersten Worte lauten:

    „Wenn du glaubst, ich hätte dich verraten, hast du recht.“

    Dann legt er eine zweite Kapsel auf den Tisch.

    „Aber nicht an den Mann, den du für deinen Feind hältst.“

  • Die Truhe des Scaurus

    II. GERMANIA SUPERIOR

    FÜNF TAGE ZUVOR

    Faustus stand Lucius Cassius Varro gegenüber.

    Zwischen ihnen lagen die Reste des verlassenen Heiligtums.

    „Zwei Siegel“, sagte Faustus.

    Varro antwortete nicht.

    „Eines bestätigt. Eines widerruft.“

    Wieder Schweigen.

    Faustus verlor die Geduld.

    „Du hast mich hierherkommen lassen. Also sprich.“

    Varro betrachtete ihn.

    „Wem vertraust du?“

    Faustus runzelte die Stirn.

    „Was?“

    „Eine einfache Frage.“

    „Nein. Eine dumme.“

    Varro lächelte.

    „Dann beantworte sie.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Meinen Männern.“

    „Allen?“

    Faustus schwieg.

    „Dem Legaten?“

    Keine Antwort.

    „Marcellus?“

    Faustus' Gesicht veränderte sich kaum.

    Varro bemerkte es trotzdem.

    „Interessant.“

    Faustus trat näher.

    „Spiel nicht mit mir.“

    „Das tue ich nicht.“

    Varro wurde ernst.

    „Genau diese Frage hat alles begonnen.“

    „Welche?“

    „Wem können wir vertrauen?“

    Faustus wartete.

    Varro setzte sich.

    „Das Netz war ursprünglich keine Verschwörung.“

    Jetzt wurde Faustus aufmerksam.

    „Was dann?“

    „Ein Sicherungssystem.“

    Faustus schwieg.

    „Für was?“

    Varro blickte zum Rhenus.

    „Informationen.“

    III. DIE GESCHICHTE DES ERSTEN NETZES

    Varro sprach langsam.

    „Vor Jahrzehnten begannen Männer innerhalb der Verwaltung damit, besonders gefährliche Informationen doppelt abzusichern.“

    „Geheimdienst?“

    „Nein.“

    Varro schüttelte den Kopf.

    „Kein offizieller Dienst. Beamte. Militärs. Schreiber. Boten. Männer aus einflussreichen Familien.“

    „Und Scaurus?“

    „Einer von ihnen.“

    Faustus dachte an Titus.

    „Crispinus?“

    Varro sah ihn an.

    „Woher kennst du diesen Namen?“

    Faustus reagierte nicht.

    Das genügte Varro.

    „Dann ist er noch im Spiel.“

    „Sprich weiter.“

    Varro tat es.

    Es hatte ursprünglich ein Netz gegeben.

    Sein Zeichen:

    Kreis – drei Striche.

    Eine Nachricht von besonderer Bedeutung benötigte ein Siegel.

    Aber Befehle konnten gefälscht werden.

    Deshalb existierte eine zweite Sicherung.

    Ein zweites Siegel.

    Varro erklärte:

    „Das erste bestätigte die Echtheit.“

    „Und das zweite?“

    „Konnte die Bestätigung aufheben.“

    Faustus verstand.

    „Eine Art Widerruf.“

    „Mehr als das.“

    Varro sah ihn ernst an.

    „Wer beide besaß, konnte Wahrheit und Lüge vertauschen.“

    IV. MOGONTIACUM

    VIER TAGE ZUVOR

    Appius folgte dem Verbindungsmann des Marcellus nicht persönlich.

    Dafür hatte er Männer.

    Der Kurier ritt zu einem kleinen Lagerhaus nahe des Rhenus.

    Dort wartete er.

    Nicht lange.

    Ein Boot legte an.

    Ein einzelner Mann stieg aus.

    Er brachte keine Waren.

    Nur eine Ledertasche.

    Der Kurier Marcellus' übergab ihm eine Kapsel.

    Dafür erhielt er drei andere.

    Eine davon trug römisches Wachs.

    Appius' Beobachter warteten, bis das Boot verschwunden war.

    Dann folgten sie dem Kurier zurück.

    Am folgenden Morgen gelang es ihnen, eine der weggeworfenen Wachstafeln zu bergen.

    Der Inhalt war verschlüsselt.

    Doch Appius erkannte etwas.

    Der Bericht kam aus Rom.

    Er begann mit zwei Buchstaben:

    A.R.

    Darunter stand:

    SCAURUS QUAERITUR.

    Nach Scaurus wird gesucht.

    Appius starrte darauf.

    Jemand in Rom berichtete nach Mogontiacum über Nachforschungen zu Marcus Aurelius Scaurus.

    Und Marcellus erhielt diese Berichte.

    Damit lief die Informationskette in beide Richtungen.

    Mogontiacum → Rom.

    Und:

    Rom → Mogontiacum.

    Das erklärte die Geschwindigkeit des Netzes.

    Es wartete nicht auf einen einzelnen Kurier.

    Es arbeitete über eine Kette.

    V. GERMANIA SUPERIOR

    DIE SPALTUNG

    Faustus hörte weiter zu.

    Varro zeichnete die beiden Zeichen in den Staub.

    ○ III

    Daneben:

    ○ III —

    „Wann kam die Querlinie hinzu?“

    Varro antwortete:

    „Nach der Spaltung.“

    „Warum spaltete sich das Netz?“

    Varro schwieg.

    Faustus wurde ungeduldig.

    „Du wolltest wissen, wem ich vertraue.“

    „Ja.“

    Faustus dachte nach.

    Dann antwortete er.

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Varro hob den Blick.

    „Ohne Einschränkung?“

    „Nein.“

    Diese Antwort überraschte ihn.

    Faustus fuhr fort:

    „Blindes Vertrauen ist Dummheit. Aber wenn ich einen Mann nennen muss, dem ich mein Leben und eine gefährliche Wahrheit anvertrauen würde, dann Titus.“

    Varro betrachtete ihn lange.

    „Warum?“

    Faustus antwortete:

    „Weil er zweifelt.“

    Varro schwieg.

    „Auch an dir?“

    Faustus lächelte schwach.

    „Besonders an mir.“

    Zum ersten Mal wirkte Varro zufrieden.

    „Dann könnte Scaurus recht gehabt haben.“

    „Womit?“

    „Mit den Aureliern.“


    X. GERMANIA SUPERIOR

    DIE WAHRHEIT DES VARRO

    „Wer spaltete das Netz?“, fragte Faustus.

    Varro antwortete endlich.

    „Niemand allein.“

    „Das ist keine Antwort.“

    „Doch.“

    Varro zeichnete eine Linie durch das ursprüngliche Symbol.

    „Eine Gruppe glaubte, das Netz müsse benutzt werden, um das Imperium vor inneren Feinden zu schützen.“

    Dann zeigte er auf das ursprüngliche Zeichen.

    „Die andere glaubte, niemand dürfe so viel Macht besitzen.“

    Faustus verstand.

    „Kontrolle gegen Kontrolle.“

    „Am Anfang.“

    „Und später?“

    Varro lachte bitter.

    „Später ging es um Macht.“

    „Trogus?“

    „Kam viel später.“

    „Crispinus?“

    Varro schwieg.

    Faustus trat näher.

    „Crispinus.“

    Varro sah ihn an.

    „Er war bei der Spaltung dabei.“

    Damit bestätigte sich Titus' Verdacht, ohne dass Faustus wusste, dass Titus denselben Mann bereits untersuchte.

    „Und Scaurus?“

    „Versuchte zu verhindern, dass eine Seite beide Siegel bekam.“

    „Deshalb brachte er eines nach Rom.“

    „Ja.“

    „In die Villa Aurelia.“

    Varro nickte.

    Faustus fragte:

    „Wer wusste davon?“

    Varro antwortete:

    „Scaurus.“

    Pause.

    „Ich.“

    Noch eine Pause.

    „Und Crispinus.“

    Faustus' Gesicht verhärtete sich.

    Damit war klar:

    Wenn Crispinus noch lebte und weiterhin Teil des Netzes war, musste die Villa Aurelia längst gefährdet sein.

    XII. APPIUS UND DER BERICHT AUS ROM

    In Mogontiacum war Appius inzwischen ein Stück weiter.

    Er hatte den verschlüsselten Bericht teilweise entziffern lassen.

    SCAURUS QUAERITUR.

    Darunter:

    AURELIUS MOVET.

    Der Aurelier bewegt sich.

    Dann:

    DOMUS OBSERVANDA.

    Das Haus ist zu beobachten.

    Appius starrte auf die Worte.

    Haus.

    Aurelier.

    Scaurus.

    Es konnte nur eines bedeuten.

    Villa Aurelia.

    Er schrieb sofort eine Nachricht an Faustus.

    ROM BEOBACHTET VILLA AURELIA. MARCELLUS EMPFÄNGT BERICHTE.

    Faustus musste es erfahren.

    Doch selbst wenn der schnellste Kurier sofort aufbrach, würde Titus diese Warnung erst Tage später erreichen.

    Vielleicht zu spät.

  • Der Feind im Haus

    III. FÜNF TAGE ZUVOR

    GERMANIA SUPERIOR

    Faustus hatte Varro ein Pferd besorgt.

    Varro betrachtete es.

    Dann Faustus.

    „Nein.“

    Faustus blinzelte.

    „Was heißt nein?“

    „Dass ich nicht nach Mogontiacum reite.“

    „Du hast keine Wahl.“

    Varro lächelte.

    „Dann versuch mich zu zwingen.“

    Faustus sah ihn an.

    Varro war älter.

    Erschöpft.

    Und vermutlich trotzdem gefährlich.

    „Zwei Gruppen suchen dich.“

    „Drei.“

    Faustus wurde still.

    „Was?“

    „Du hast zwei gesehen.“

    Varro sattelte das Pferd nicht.

    „Das bedeutet nicht, dass es nur zwei gibt.“

    Faustus dachte an die Metallscheibe mit beiden Zeichen.

    „Wer ist die dritte?“

    „Keine Gruppe.“

    „Was dann?“

    „Menschen, die verhindern, dass der alte Fehler wiederholt wird.“

    Faustus trat näher.

    „Welche Menschen?“

    Varro ignorierte die Frage.

    „Du willst wissen, wer nach Scaurus' Tod zuerst nach dem Siegel gesucht hat.“

    Faustus' Aufmerksamkeit war sofort da.

    „Ja.“

    Varro sah ihn an.

    „Quintus Aelius Crispinus.“

    Damit war der Name bestätigt.

    „Wann?“

    „Nur wenige Tage nach Scaurus' Tod.“

    „Wo?“

    „Villa Aurelia.“

    Faustus erstarrte.

    „Er war dort?“

    „Er verwaltete damals Teile des Haushalts.“

    Faustus erinnerte sich an alles, was er über Crispinus wusste.

    „Hat er das Siegel gefunden?“

    Varro antwortete:

    „Das weiß ich nicht.“

    „Du weißt verdammt viel für einen Toten, aber immer genau dort nichts, wo es interessant wird.“

    Varro lächelte.

    „Deshalb lebe ich noch.“


    V. MOGONTIACUM

    FÜNF TAGE ZUVOR

    Appius erhielt die Nachricht am Nachmittag.

    Der Kurier kam nicht über die Straße.

    Die Wachstafel war mit einem Transport vom Rhenus eingetroffen.

    Verschlüsselt.

    Appius hatte inzwischen Teile des Systems verstanden.

    Er entzifferte die erste Zeile.

    Dann hielt er inne.

    ARCA APERTA EST.

    Die Truhe ist geöffnet.

    Appius las es erneut.

    Unmöglich.

    Die übrigen Zeilen waren unverständlich.

    Doch diese drei Worte waren eindeutig.

    Er rief seinen Vertrauten.

    „Wann kam das aus Rom?“

    „Heute.“

    „Das habe ich nicht gefragt. Wann wurde es abgeschickt?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Appius betrachtete die Tafel.

    Er kannte die ungefähren Reisezeiten.

    Selbst unter günstigen Bedingungen konnte eine gewöhnliche Nachricht aus Rom nicht derart schnell hier sein.

    Aber etwas anderes störte ihn noch mehr.

    Welche Truhe?

    Er wusste nichts von der Arca Scauri.

    Nichts von Titus' Suche.

    Nichts vom verborgenen Raum.

    Und fünf Tage später würde Titus diese Truhe tatsächlich öffnen.

    Appius wusste nichts davon.

    Der Verfasser der Nachricht offenbar schon.

    Oder—

    Appius stand auf.

    „Vielleicht bedeutet es gar nicht, dass sie gerade geöffnet wurde.“

    Sein Vertrauter sah ihn fragend an.

    Appius las erneut:

    ARCA APERTA EST.

    „Vielleicht ist das kein Bericht.“

    „Was dann?“

    Appius' Blick wurde ernst.

    „Ein Befehl.“

    VI. GERMANIA SUPERIOR

    VARRO ERKLÄRT DEN CODE

    Faustus zeigte Varro später eine Abschrift der Nachricht.

    Varro reagierte sofort.

    „Woher hast du das?“

    „Appius.“

    „Wer hat es empfangen?“

    „Marcellus' Verbindung.“

    Varro nahm die Tafel.

    ARCA APERTA EST.

    „Das bedeutet nicht, dass die Truhe geöffnet wurde.“

    Faustus' Augen wurden schmal.

    „Was bedeutet es?“

    Varro sah ihn an.

    „Die Suche beginnt.“

    Stille.

    „Das ist ein Code?“

    „Ein alter.“

    „Wofür?“

    Varro gab ihm die Tafel zurück.

    „Wenn Arca aperta est gesendet wird, werden alle ruhenden Verbindungen aktiviert.“

    Faustus verstand langsam.

    „Welche Verbindungen?“

    „Alle.“

    „Rom?“

    „Rom.“

    „Mogontiacum?“

    „Ja.“

    „Der Rhenus?“

    „Ja.“

    Faustus fluchte.

    Damit war die Nachricht nicht unmöglich schnell gereist.

    Sie hatte überhaupt nichts mit der tatsächlichen Öffnung der Truhe fünf Tage später zu tun.

    Aber genau das machte sie gefährlicher.

    Jemand hatte die Suche nach der Arca Scauri bereits ausgelöst, bevor Titus sie fand.


    XI. FÜNF TAGE ZUVOR

    FAUSTUS STELLT DIE RICHTIGE FRAGE

    Faustus stand wieder Varro gegenüber.

    „Crispinus suchte das Siegel.“

    „Ja.“

    „Trogus sucht es.“

    „Vermutlich.“

    „Marcellus bekommt Nachrichten von einer der Gruppen.“

    „Ja.“

    „Und dann gibt es noch Menschen ohne Zeichen.“

    Varro sah ihn an.

    Faustus bemerkte die Reaktion.

    „Du kennst sie.“

    Varro schwieg.

    „Wie heißen sie?“

    Keine Antwort.

    Faustus trat näher.

    „Manus Altera?“

    Jetzt veränderte sich Varros Gesicht.

    Nur minimal.

    Aber Faustus sah es.

    „Also doch.“

    Varro sagte leise:

    „Woher kennst du diesen Namen?“

    Faustus lächelte.

    „Jetzt stelle ich die Fragen.“

    Varro musterte ihn.

    Dann sagte er:

    „Wenn du diesen Namen kennst, bist du bereits tiefer darin, als gut für dich ist.“

    „Das höre ich in letzter Zeit erstaunlich oft.“

  • FÜNF TAGE ZUVOR – GERMANIA SUPERIOR

    Faustus wollte Varro nach Mogontiacum bringen.

    Varro weigerte sich.

    „Dann beantworte wenigstens meine Frage. Wer suchte nach Scaurus' Tod zuerst nach dem Siegel?“

    Varro antwortete diesmal ohne Umwege:

    „Quintus Aelius Crispinus.“

    Faustus erstarrte.

    „Wann?“

    „Wenige Tage nach Scaurus' Tod.“

    „In der Villa Aurelia?“

    „Ja.“

    „Hat er es gefunden?“

    Varro sah ihn lange an.

    „Wenn er es gefunden hätte, wäre vieles von dem, was heute geschieht, niemals notwendig geworden.“

    Damit war für Faustus genug gesagt.

    Crispinus hatte gesucht.

    Aber offenbar nicht gefunden.

    MOGONTIACUM

    Appius entzifferte:

    ARCA APERTA EST.

    Zunächst glaubte er, die Worte bedeuteten:

    Die Truhe ist geöffnet.

    Doch die Nachricht war zu früh eingetroffen.

    Er zeigte sie später Varro.

    Der brauchte nur einen Blick.

    „Kein Bericht.“

    „Was dann?“

    „Ein alter Aktivierungsbefehl.“

    Faustus sah ihn an.

    Varro erklärte nur:

    „Die Suche hat begonnen.“

    Mehr nicht.

    Damit war das Rätsel gelöst, ohne ein neues aufzumachen:

    Die Nachricht war nicht übernatürlich schnell aus Rom gekommen.

    Sie war Tage vor Titus' tatsächlicher Entdeckung der Truhe verschickt worden.

    Jemand wusste also, dass nach der Arca Scauri gesucht werden würde.

  • II. FÜNF TAGE ZUVOR

    GERMANIA SUPERIOR

    Faustus hatte Varro nicht nach Mogontiacum gebracht.

    Noch nicht.

    Die beiden Männer saßen in einer verlassenen Hütte nahe des Rhenus.

    Draußen hielten Faustus' Speculatores Wache.

    Drinnen lag die Vergangenheit auf dem Tisch.

    „Crispinus suchte nach dem Siegel“, sagte Faustus.

    „Ja.“

    „Nach Scaurus' Tod.“

    „Ja.“

    „Warum?“

    Varro schwieg zunächst.

    Dann:

    „Weil Scaurus ihn belogen hatte.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Worüber?“

    „Über mich.“

    „Crispinus glaubte, du seist tot?“

    „Nicht nur Crispinus.“

    Varro sah ihn an.

    „Fast alle.“

    „Scaurus hat deinen Tod vorgetäuscht.“

    „Er ließ einen Toten begraben, dessen Gesicht niemand mehr erkennen konnte.“

    Faustus verzog das Gesicht.

    „Gründlich.“

    „Scaurus war ein gründlicher Mann.“

    „Warum?“

    Varro antwortete:

    „Weil ich der Letzte war, der wusste, wo sich beide Siegel befunden hatten.“

    Faustus hörte genau hin.

    „Befunden hatten?“

    „Damals.“

    Varro betonte das Wort.

    „Scaurus nahm eines. Das andere blieb nicht bei mir.“

    „Bei wem dann?“

    Varro schüttelte den Kopf.

    „Das wusste selbst Scaurus nicht.“

    Faustus verstand.

    Das war der Ursprung der ganzen Suche.

    Scaurus hatte nicht versucht, beide Siegel zu verstecken.

    Er hatte dafür gesorgt, dass niemand mehr wusste, wo beide waren.

    III. SCAURUS' ENTSCHEIDUNG

    „Warum vertraute Scaurus Crispinus nicht mehr?“, fragte Faustus.

    Varro sah hinaus.

    „Weil Crispinus das System verändern wollte.“

    „Wie?“

    „Er hielt die Trennung der Siegel für eine Schwäche.“

    Faustus lachte leise.

    „Natürlich.“

    Varro sah ihn an.

    „Du verstehst?“

    „Wer beide besitzt, braucht niemandem mehr zu vertrauen.“

    „Genau.“

    Crispinus hatte argumentiert, das Reich brauche in Krisenzeiten einen einzigen verlässlichen Entscheidungsträger.

    Scaurus hatte darin etwas anderes gesehen:

    einen Mann, der bestimmen konnte, welcher Befehl echt war und welcher nicht.

    „Sie stritten?“

    „Heftig.“

    „Wann?“

    „Während unserer Reise nach Mogontiacum.“

    Jetzt fügte sich ein weiteres Stück ein.

    Scaurus' Reise war also nicht nur der Versuch gewesen, Varro verschwinden zu lassen.

    Dort war auch der Bruch mit Crispinus erfolgt.

    Faustus fragte:

    „Und danach brachte Scaurus das Siegel zurück nach Rom.“

    „Ja.“

    „In seine Truhe.“

    „Ja.“

    „In der Villa Aurelia.“

    Varro nickte.

    Dann fügte er hinzu:

    „Aber Crispinus wusste nur von der Truhe.“

    Faustus sah ihn an.

    „Nicht vom Raum.“

    „Nein.“


    V. MOGONTIACUM

    APPIUS ENTSCHLÜSSELT DEN REST

    Appius hatte inzwischen den vollständigen Text der abgefangenen Nachricht vor sich.

    Die erste Zeile war bekannt:

    ARCA APERTA EST.

    Die Suche beginnt.

    Darunter folgten weitere Gruppen verschlüsselter Zeichen.

    Nach Stunden gelang die Entschlüsselung.

    Appius las:

    ARCA APERTA EST.

    SCRIBA VIGILET.

    AURELIUS IGNORAT.

    Appius übersetzte leise:

    „Die Suche beginnt.“

    „Der Schreiber soll wachen.“

    „Der Aurelier weiß nichts.“

    Er blieb beim zweiten Satz hängen.

    SCRIBA VIGILET.

    Der Schreiber.

    Appius dachte an die Villa Aurelia.

    Dann schrieb er sofort an Faustus:

    VERBINDUNG IN VILLA AURELIA. SCHREIBER.

    Mehr nicht.

    Keine Namen.

    Keine Vermutungen.

    Nur das, was bewiesen war.


    IX. FÜNF TAGE ZUVOR

    VARROS WARNUNG

    Faustus fragte:

    „Wer konnte außer dir und Scaurus den Raum betreten?“

    Varro dachte nach.

    „Aurelia Marciana.“

    Faustus kannte den Namen nicht.

    „Wer war sie?“

    „Scaurus vertraute ihr.“

    „Das beantwortet meine Frage nicht.“

    „Eine Verwandte. Sie führte zeitweise den inneren Haushalt der Villa.“

    „Lebt sie?“

    „Nein.“

    „Dann hilft sie uns wenig.“

    Varro sah ihn an.

    „Vielleicht mehr, als du glaubst.“

    Faustus wartete.

    „Kurz vor ihrem Tod schickte sie mir eine Nachricht.“

    „Was stand darin?“

    Varro antwortete:

    „Die Truhe ist nicht mehr sicher.“

    Faustus wurde still.

    „Wann?“

    Varro nannte das Jahr.

    Faustus rechnete.

    „Vor zwölf Jahren.“

    Genau zu jener Zeit, als die Arca Scauri aus den Inventarlisten verschwand.

  • Die Frau, die verschwinden musste

    Auf dem Tisch des Titus Aurelius Romanus lag ein kleiner Anhänger.

    Alt.

    Unscheinbar.

    Auf der einen Seite ein Adler.

    Auf der anderen nur ein Name:

    MARCELLA

    Titus betrachtete ihn lange.

    Zum ersten Mal seit Beginn seiner Nachforschungen suchte er kein Zeichen, kein Netz und keinen unbekannten Drahtzieher.

    Er suchte einen Menschen.

    Eine Frau.

    Und sie hatte vor zwölf Jahren aufgehört zu existieren.

    III. FÜNF TAGE ZUVOR

    GERMANIA SUPERIOR

    Faustus saß Varro gegenüber.

    „Marcella.“

    Varro wurde still.

    „Aurelia Marcella“, ergänzte Faustus.

    Varro betrachtete ihn.

    „Woher hast du den Namen?“

    „Ich stelle die Fragen.“

    Varro musste beinahe lächeln.

    Faustus beugte sich vor.

    „Wer war sie?“

    Diesmal wich Varro nicht aus.

    „Scaurus' letzte Botin.“

    „Soldatin?“

    „Nein.“

    „Agentin?“

    „Nein.“

    „Dann warum sie?“

    Varro antwortete:

    „Weil niemand sie für wichtig hielt.“

    Faustus verstand.

    Eine junge Frau aus einem unbedeutenderen Zweig der Familie.

    Keine Amtsträgerin.

    Keine militärische Verbindung.

    Keine bekannte politische Rolle.

    Gerade deshalb war sie geeignet.

    „Was sollte sie tun?“

    „Das Siegel aus Rom schaffen.“

    „Wohin?“

    Varro sah Faustus an.

    „Zu mir.“

    Faustus erstarrte.

    IV. DER PLAN DES SCAURUS

    „Moment.“

    Faustus stand auf.

    „Du warst offiziell tot.“

    „Genau deshalb.“

    Jetzt ergab es Sinn.

    Scaurus hatte Jahre zuvor vorbereitet, was geschehen sollte, falls sein Versteck in der Villa Aurelia entdeckt wurde.

    Aurelia Marciana sollte die Truhe schützen.

    Wenn das nicht mehr möglich war, sollte sie Marcella verständigen.

    Marcella sollte das Siegel aus Rom schaffen.

    Und der Empfänger war ein Mann, der nach allen offiziellen Unterlagen längst tot war:

    Lucius Cassius Varro.

    Faustus sah ihn an.

    „Hat sie dich erreicht?“

    Varro schwieg.

    Nur kurz.

    Dann:

    „Nein.“

    Damit änderte sich alles.

    VII. APPIUS – MOGONTIACUM

    Appius untersuchte inzwischen die alten Verbindungen Marcellus'.

    Nicht die neuen.

    Die alten.

    Dabei fand er einen Eintrag, der zwölf Jahre zurücklag.

    Eine Zahlung.

    Unbedeutend.

    Fast.

    Empfänger:

    ein Händler aus Massilia.

    Appius ließ weitere Tafeln bringen.

    Der gleiche Händler erschien erneut.

    Wenige Wochen später.

    Diesmal in Verbindung mit einer Reise nach Norden.

    Appius schrieb den Namen ab.

    Lucius Valerius Corvinus.

    Mehr wusste er nicht.

    Und er machte daraus keine neue Verschwörung.

    Er schrieb lediglich an Faustus:

    MARCELLUS-ARCHIV: VERBINDUNG MASSILIA VOR XII JAHREN. LUCIUS VALERIUS CORVINUS.

    Ein Name.

    Ein Ort.

    Eine Spur.

    VIII. FÜNF TAGE ZUVOR – VARRO ERZÄHLT WEITER

    Faustus fragte:

    „Wenn Marcella dich nie erreichte, wann wusstest du, dass etwas schiefgegangen war?“

    „Drei Monate später.“

    „So lange?“

    „Ich war ein Toter. Tote schreiben keine Briefe.“

    Faustus akzeptierte das.

    „Was hast du erfahren?“

    „Dass sie Massilia erreicht hatte.“

    „Und danach?“

    „Nichts.“

    „Verschwunden?“

    „Ja.“

    „Leiche?“

    „Keine.“

    „Zeugen?“

    „Einen.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Wer?“

    Varro antwortete:

    „Ein Händler namens Lucius Valerius Corvinus.“

    Faustus sah ihn an.

    Noch kannte er Appius' Nachricht nicht.

    Sie war unterwegs.

    Wieder liefen zwei Ermittlungen auf denselben Mann zu, ohne dass die Ermittler voneinander wussten.

    XIII. FÜNF TAGE ZUVOR – DIE ENTSCHEIDENDE ANTWORT

    Faustus stellte Varro die Frage, die nun alles bestimmte.

    „Glaubst du, Marcella lebt noch?“

    Varro antwortete sofort:

    „Ja.“

    „Warum?“

    „Weil Corvinus mir Jahre später eine Nachricht zukommen ließ.“

    Faustus' Blick wurde scharf.

    „Was stand darin?“

    Varro erinnerte sich genau.

    Nur ein Satz:

    MARCELLA TUTA EST. SIGILLUM NON HABET.

    Marcella ist sicher.

    Sie besitzt das Siegel nicht.

    Faustus schwieg.

    Damit war die wichtigste Frage beantwortet.

    Marcella hatte das Siegel aus Rom gebracht.

    Aber sie war nicht dessen letzte Hüterin.

    Corvinus hatte es übernommen.

    ENDE DIES XIV – MARCELLA

    Marcella war eine Aurelierin und Vertraute Aurelia Marcianas.

    Ihr Tod wurde vorgetäuscht, damit sie das Siegel unauffällig aus Rom schaffen konnte.

    Sie reiste über Ostia nach Massilia und sollte ursprünglich Varro erreichen.

    Als sie bemerkte, dass sie verfolgt wurde, änderte sie den Plan.

    In Massilia übergab sie das Siegel Lucius Valerius Corvinus.

    Marcella überlebte zumindest die folgenden Jahre – besaß das Siegel aber nicht mehr.


    WOHIN BRACHTE CORVINUS DAS SIEGEL?

  • Die Spur des Corvinus

    Vier Männer hatten denselben Namen gefunden.

    Titus Aurelius Romanus in den alten Abrechnungen Aurelia Marcianas.

    Faustus Iunius Rupa aus dem Mund eines Mannes, der offiziell längst tot war.

    Appius Orbius Herminianus in den zwölf Jahre alten Unterlagen des Gaius Iunius Marcellus.

    Und Nero Patulcius Trogus in den Hafenregistern von Ostia.

    Lucius Valerius Corvinus.

    Zum ersten Mal mussten sie nicht mehr fragen, wer dieser Mann gewesen war.

    Sie wussten es.

    Händler.

    Verbindungsmann.

    Fluchthelfer.

    Und vor zwölf Jahren jener Mann, dem Aurelia Marcella das Siegel anvertraut hatte.

    Marcella hatte überlebt.

    Aber sie hatte das Siegel nicht behalten.

    Corvinus hatte es genommen.

    Damit gab es nur noch eine entscheidende Frage:

    WOHIN?

    Fünf Tage zuvor

    Faustus saß Lucius Cassius Varro gegenüber.

    Seit Stunden.

    Doch diesmal stellte er keine Fragen über Marcella.

    „Corvinus.“

    Varro hob den Blick.

    „Was ist mit ihm?“

    „Du hast gesagt, er habe dir Jahre später geschrieben.“

    „Ja.“

    „Von wo?“

    Varro schwieg.

    Faustus bemerkte es.

    „Du weißt es.“

    „Nein.“

    „Varro.“

    „Ich weiß es wirklich nicht.“

    Faustus stand auf.

    „Du hast eine Nachricht von einem Mann bekommen, der Marcella versteckt und das Siegel übernommen hatte, aber du weißt nicht, woher sie kam?“

    „Richtig.“

    „Wie?“

    „Ein Händler brachte sie.“

    „Name?“

    „Unbekannt.“

    „Herkunft?“

    „Lugdunum.“

    Faustus blieb stehen.

    „Lugdunum?“

    „Ja.“

    Faustus ging zur Karte.

    Lugdunum.

    Weit westlich der direkten Verbindung nach Germania Superior.

    „Warum von dort?“

    Varro zuckte mit den Schultern.

    „Das habe ich mich damals ebenfalls gefragt.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    Massilia.

    Dann Lugdunum.

    Dann Mogontiacum.

    Eine mögliche Route entstand.

    Aber Faustus zog keine Linie.

    Noch nicht.

    „Was stand auf der Außenseite der Nachricht?“

    „Nichts.“

    „Siegel?“

    „Keines.“

    „Kennzeichen?“

    Varro dachte nach.

    Dann sagte er:

    „Eine Zahl.“

    Faustus drehte sich um.

    „Welche?“

    „Siebenundzwanzig.“

    III. KEIN GEHEIMZEICHEN

    Faustus setzte sich wieder.

    „Siebenundzwanzig.“

    „Ja.“

    „Ein Code?“

    „Nein.“

    „Woher weißt du das?“

    „Weil Corvinus kein Narr war.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    Varro erklärte:

    „Wenn du eine geheime Nachricht transportierst, schreibst du kein geheimnisvolles Zeichen darauf, das jedem sagt, dass sie geheim ist.“

    Faustus musste lächeln.

    „Endlich sagt einmal jemand etwas Vernünftiges.“

    „Corvinus benutzte Handelskennzeichnungen.“

    Jetzt wurde Faustus aufmerksam.

    „Fracht?“

    „Wahrscheinlich.“

    „Welche Ware?“

    „Das wusste ich nicht.“

    Faustus stand erneut auf.

    „Dann suchen wir nicht nach Corvinus.“

    Varro sah ihn an.

    „Sondern?“

    „Nach siebenundzwanzig.“

    IV. MOGONTIACUM – APPIUS FINDET DIE RECHNUNG

    Appius hatte inzwischen Marcellus' alte Unterlagen erneut durchsuchen lassen.

    Nicht heimlich.

    Nicht mehr.

    Marcellus wusste längst, dass Appius gegen ihn ermittelte.

    Die Zeit für höfliche Täuschungen war vorbei.

    Ein Schreiber legte mehrere alte Handelstafeln vor Appius.

    „Das ist alles aus dem betreffenden Jahr.“

    Appius blätterte.

    Wein.

    Öl.

    Metalle.

    Keramik.

    Pferde.

    Nichts.

    Dann hielt er inne.

    C. XXVII

    Siebenundzwanzig.

    Appius setzte sich aufrechter hin.

    „Was bedeutet das?“

    Der Schreiber trat näher.

    „Cista vielleicht.“

    „Kiste?“

    „Möglich.“

    Appius las weiter.

    Absender:

    L. VALERIUS CORVINUS

    Herkunft:

    LUGDUNUM

    Bestimmung:

    Nicht Mogontiacum.

    Appius las den Namen des Ortes noch einmal.

    Dann stand er auf.

    „Bei allen Göttern.“

    V. DIE NACHRICHT ERREICHT FAUSTUS

    Noch am selben Nachmittag erhielt Faustus Appius' Nachricht.

    Keine langen Erklärungen.

    Nur:

    CORVINUS – LUGDUNUM – CISTA XXVII.

    Darunter:

    TRANSPORT NICHT NACH MOGONTIACUM.

    Faustus las zweimal.

    Varro stand hinter ihm.

    „Was?“

    Faustus reichte ihm die Tafel.

    Varro las.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    „Siebenundzwanzig.“

    „Deine Nachricht.“

    Varro nickte langsam.

    Faustus fragte:

    „Was war das Ziel der Lieferung?“

    Varro gab die Tafel zurück.

    „Steht es nicht darauf?“

    Faustus sah ihn an.

    „Ich wollte wissen, ob du es weißt.“

    Varro lächelte schwach.

    „Du lernst.“

    Faustus antwortete nicht.

    Dann sagte Varro:

    „Nein.“

    „Dann finden wir es heraus.“

    VIII. DIE KISTE SIEBENUNDZWANZIG

    Zwei Tage später hatte Appius die vollständige Abschrift.

    Cista XXVII war offiziell vollkommen uninteressant.

    Inhalt:

    instrumenta metallica

    Metallwaren.

    Gewicht:

    achtundvierzig librae.

    Absender:

    Handelsgesellschaft des Lucius Valerius Corvinus.

    Bestimmung:

    Augusta Raurica.

    Empfänger:

    Gaius Valerius Priscus.

    Appius las den Namen.

    Dann noch einmal.

    Er widerstand dem inzwischen vertrauten Impuls, sofort einen neuen Drahtzieher daraus zu machen.

    Stattdessen schrieb er:

    EMPFÄNGER DER CISTA XXVII: GAIUS VALERIUS PRISCUS.

    Dann fügte er hinzu:

    KEINE WEITEREN SCHLÜSSE.

    Er schickte die Nachricht an Faustus.

    IX. FAUSTUS LÄCHELT

    Faustus las Appius' letzten Satz.

    KEINE WEITEREN SCHLÜSSE.

    Er grinste.

    Lucius bemerkte es.

    „Was?“

    „Appius lernt.“

    „Was lernt er?“

    „Nicht aus jedem Namen eine Verschwörung zu machen.“

    Faustus legte die Tafel hin.

    „Gaius Valerius Priscus.“

    Lucius wartete.

    „Wer ist das?“

    „Keine Ahnung.“

    „Und jetzt?“

    Faustus stand auf.

    „Jetzt finden wir heraus, ob er wirklich eine Kiste erhalten hat.“

    „Und wenn ja?“

    „Dann fragen wir, was mit ihr geschah.“

    Lucius sah ihn an.

    „Das klingt erstaunlich einfach.“

    „Ist es auch.“

    Faustus griff nach seinem Mantel.

    „Wir haben die letzten Wochen damit verbracht, Menschen zu jagen.“

    Er klopfte auf die Tafel.

    „Jetzt jagen wir eine Kiste.“

    X. VOR ZWÖLF JAHREN – CORVINUS

    Lucius Valerius Corvinus betrachtete die kleine Holzkiste.

    Marcella stand neben ihm.

    Sie befanden sich noch immer in jener Ansiedlung westlich von Massilia.

    „Da hinein?“, fragte sie.

    Corvinus nickte.

    Das Siegel lag auf dem Tisch.

    So klein.

    So unscheinbar.

    Corvinus wickelte es in Stoff.

    Dann legte er es zwischen gewöhnliche Metallbeschläge.

    Scharniere.

    Nägel.

    Werkzeuge.

    Marcella beobachtete ihn.

    „Wenn sie die Kiste öffnen?“

    „Dann sehen sie Metall.“

    „Und wenn sie suchen?“

    „Dann finden sie es.“

    Marcella sah ihn an.

    Corvinus zuckte mit den Schultern.

    „Es gibt keine perfekte Täuschung.“

    Er schloss die Kiste.

    Dann brannte er eine Nummer hinein.

    XXVII

    Marcella strich mit dem Finger darüber.

    „Wohin?“

    Corvinus sah sie an.

    Er erinnerte sich an ihre eigene Entscheidung.

    Sie wollte nicht wissen, wo das Siegel verborgen wurde.

    Also sagte er nur:

    „Fort.“

    Marcella nickte.

    Keine weitere Frage.

    Corvinus rief zwei Männer.

    Die Kiste wurde auf einen Wagen geladen.

    Noch am selben Abend begann ihre Reise.

    Nicht nach Germania.

    Zunächst nach Lugdunum.

    XI. LUGDUNUM

    Corvinus wusste, dass jemand Marcella verfolgt hatte.

    Deshalb durfte keine erkennbare Verbindung zwischen ihr und dem endgültigen Versteck bestehen.

    In Lugdunum wechselte die Fracht den Transporteur.

    Der Wagen aus Massilia verschwand.

    Die Kiste wurde in einem Lagerhaus zwischen gewöhnliche Handelswaren gestellt.

    Dort blieb sie zwölf Tage.

    Dann erhielt sie neue Papiere.

    Neuer Transporteur.

    Neue Frachtliste.

    Das einzige Merkmal, das blieb:

    XXVII.

    Corvinus stand dabei, als die Kiste verladen wurde.

    Ein Mann neben ihm fragte:

    „Augusta Raurica?“

    „Ja.“

    „Empfänger Priscus?“

    „Ja.“

    Der Mann nickte.

    Corvinus hielt ihn am Arm fest.

    „Wenn irgendjemand fragt, was darin ist?“

    „Metallbeschläge.“

    „Wenn jemand öffnen will?“

    „Er darf.“

    Corvinus ließ ihn los.

    Der Mann sah überrascht aus.

    „Er darf?“

    Corvinus lächelte.

    „Wer nach einem geheimen Gegenstand sucht, erwartet eine verschlossene Truhe.“

    Er klopfte auf die einfache Kiste.

    „Also geben wir ihm eine, die jeder öffnen darf.“

    XII. DIE ERSTE GEMEINSAME LAGE

    In Mogontiacum saßen Faustus und Appius erstmals über derselben Karte.

    Nicht zufällig.

    Nicht zeitversetzt.

    Gemeinsam.

    Titus' Abschriften aus Rom lagen vor ihnen.

    Trogus' Transportdaten ebenfalls.

    Faustus zog eine Linie.

    Massilia.

    Lugdunum.

    Augusta Raurica.

    Appius ergänzte:

    „Und von dort?“

    „Unbekannt.“

    „Priscus.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Priscus ist der Empfänger auf einem Stück Wachs.“

    „Du glaubst ihm nicht?“

    „Ich glaube der Fracht.“

    Faustus deutete auf die Kiste.

    „Sie existierte.“

    Dann auf die Route.

    „Sie bewegte sich.“

    Dann auf Augusta Raurica.

    „Und dort verlieren wir sie.“

    Appius lehnte sich zurück.

    „Dann müssen wir nach Augusta Raurica.“

    Faustus sah ihn an.

    „Nein.“

    „Warum nicht?“

    „Weil zwölf Jahre vergangen sind.“

    Er deutete auf Mogontiacum.

    „Wir müssen nicht herausfinden, wo die Kiste damals ankam.“

    Appius runzelte die Stirn.

    Faustus lächelte.

    „Wir müssen herausfinden, warum jemand heute noch dafür tötet.“

    XIII. SEVERUS MACHT EINEN FEHLER

    In Rom wusste Severus inzwischen, dass Titus nach Corvinus suchte.

    Er wusste nicht, wie viel Titus wusste.

    Das machte ihn gefährlich.

    Und nervös.

    Am Abend betrat er erneut das Archiv.

    Der Schreiber erkannte ihn.

    „Schon wieder?“

    „Hafenunterlagen.“

    „Welche?“

    Severus legte eine Tafel vor.

    Der Schreiber las.

    Dann blickte er auf.

    „Augusta Raurica?“

    „Ja.“

    „Welches Jahr?“

    Severus nannte es.

    Der Schreiber suchte.

    Severus wartete.

    Dann sah er auf dem Tisch eine offene Abschrift.

    CISTA XXVII

    Er erstarrte.

    Nur einen Moment.

    Aber der Schreiber bemerkte es.

    „Ist etwas?“

    „Nein.“

    Severus nahm seine Unterlagen.

    „Ich komme morgen wieder.“

    Er verließ das Archiv.

    Zu schnell.

    Der Schreiber wartete.

    Dann tat er genau das, was Trogus ihm befohlen hatte.

    Er schickte einen Boten.

    XV. CORVINUS' LETZTE SPUR

    Faustus erhielt am nächsten Morgen eine weitere Nachricht von Varro.

    Er war zu schwach für ein langes Gespräch gewesen.

    Nur wenige Worte.

    Faustus las:

    CORVINUS KAM NIE ZU MIR.

    Das wusste er.

    Darunter stand jedoch ein zweiter Satz.

    ABER PRISCUS SCHRIEB MIR EINMAL.

    Faustus ging sofort zu Varro.

    „Wann?“

    Varro lag auf seiner Pritsche.

    „Elf Jahre her.“

    „Was schrieb er?“

    „Nur einen Satz.“

    „Welchen?“

    Varro schloss die Augen.

    Dann sagte er:

    „Was Scaurus schützen wollte, ist nicht mehr dort, wo Scaurus es suchte.“

    Faustus schwieg.

    „Das war alles?“

    „Ja.“

    „Hat er das Siegel erwähnt?“

    „Nein.“

    „Corvinus?“

    „Nein.“

    „Marcella?“

    „Nein.“

    Faustus ging zur Tür.

    „Faustus.“

    Er blieb stehen.

    Varro sah ihn an.

    „Du suchst noch immer nach einem Gegenstand.“

    „Natürlich.“

    Varro schüttelte langsam den Kopf.

    „Vielleicht solltest du anfangen, nach einem Ort zu suchen.“

    XVI. DIE BEWEGUNG DES SEVERUS

    Severus verließ Rom noch am selben Tag.

    Nicht heimlich genug.

    Massad beobachtete ihn.

    Selina ebenfalls.

    Titus erhielt die Meldung wenige Stunden später.

    „Richtung Norden“, sagte Massad.

    „Allein?“

    „Zunächst.“

    „Gepäck?“

    „Wenig.“

    Titus stand vor der Karte.

    „Dann folgt ihm niemand aus unserem Haushalt.“

    Massad starrte ihn an.

    „Was?“

    „Wenn er uns kennt, kennt er auch euch.“

    „Dann verlieren wir ihn.“

    „Nein.“

    Titus nahm eine Wachstafel.

    „Wir geben ihn weiter.“

    „An wen?“

    Titus schrieb einen Namen.

    Appius Orbius Herminianus.

    Selina verstand.

    „Wir verbinden die Ermittlungen.“

    Titus nickte.

    „Endlich.“

    XVII. DIE NACHRICHT NACH MOGONTIACUM

    Der Kurier trug keine vertraulichen Einzelheiten.

    Nur eine Beschreibung.

    Severus.

    Sein Pferd.

    Seine ungefähre Route.

    Und einen Satz:

    NICHT FESTNEHMEN. FOLGEN.

    Als Faustus die Nachricht erhielt, lachte er.

    Appius sah ihn an.

    „Was?“

    Faustus reichte ihm die Tafel.

    Appius las.

    „Titus.“

    „Ja.“

    „Er lässt einen Mann aus Rom laufen.“

    „Ja.“

    „Und wir sollen ihn übernehmen.“

    „Ja.“

    Appius gab ihm die Tafel zurück.

    „Das ist entweder sehr klug oder vollkommen wahnsinnig.“

    Faustus nahm seinen Mantel.

    „Bei Titus liegt beides gelegentlich nah beieinander.“

    XIX. DAS ZIEL

    Zwei Tage später trafen drei Nachrichten beinahe gleichzeitig ein.

    Trogus meldete:

    SEVERUS HAT ROM VERLASSEN.

    Titus antwortete:

    BEOBACHTUNG ÜBERGEBEN.

    Appius meldete aus Mogontiacum:

    CORVINUS-TRANSPORT BESTÄTIGT. AUGUSTA RAURICA. PRISCUS.

    Faustus ergänzte:

    SEVERUS NICHT FESTNEHMEN.

    Zum ersten Mal arbeiteten die vier Männer nicht nebeneinander.

    Sie arbeiteten miteinander.

    Rom.

    Mogontiacum.

    Palast.

    Exploratio.

    Nicht vollkommen vertrauensvoll.

    Aber koordiniert.

    Und genau deshalb geschah etwas, womit ihr Gegner nicht gerechnet hatte.

    Severus änderte seine Route.

    Er ritt nicht nach Augusta Raurica.

    Er ritt auch nicht nach Lugdunum.

    Seine Spur führte weiter nach Norden.

    Richtung Germania Superior.

    Als Faustus die Meldung erhielt, breitete er die Karte aus.

    Appius stand neben ihm.

    „Wohin?“

    Faustus folgte der Straße mit dem Finger.

    Dann blieb er stehen.

    Nicht in Mogontiacum.

    Östlich davon.

    Nahe einer alten Verbindung zum Limes.

    Faustus blickte Appius an.

    „Jetzt wird es interessant.“

    „Warum?“

    Faustus zeigte auf den Ort.

    „Weil dort kein Händler sitzt.“

    „Was dann?“

    Faustus' Gesicht wurde ernst.

    „Ein aufgegebenes römisches Depot.“

    Appius schwieg.

    Faustus nahm die Nachricht.

    „Und wenn Severus nach zwölf Jahren ausgerechnet dorthin reitet…“

    Appius vollendete den Satz:

    „…dann glaubt er vielleicht, dass dort noch etwas zu finden ist.“

    Faustus nickte.

    Nicht Corvinus.

    Nicht Marcella.

    Nicht einmal Priscus.

    Zum ersten Mal führte die Spur zu einem Ort.

    Und Orte konnten durchsucht werden.

    Die Spur des Corvinus

    Die Ermittlungen haben sich verändert.

    Marcella ist kein Rätsel mehr. Sie erfüllte ihren Auftrag, erkannte ihre Verfolgung und übergab das Siegel in Massilia an Lucius Valerius Corvinus.

    Corvinus ist ebenfalls kein neuer geheimnisvoller Drahtzieher. Er tat etwas Konkretes: Er verbarg das Siegel in der Cista XXVII, tarnte sie als gewöhnliche Metallfracht und schickte sie über Lugdunum nach Augusta Raurica.

    Appius findet den historischen Transport.

    Trogus bestätigt ihn über die zentralen Archive.

    Faustus verbindet die Frachtkennzeichnung mit Varros alter Nachricht.

    Titus beendet bewusst die Suche nach Marcella und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Bewegung des Siegels.

    Und Severus macht den entscheidenden Fehler:

    Als er erkennt, dass Titus und Trogus die Spur der Cista XXVII gefunden haben, verlässt er Rom.

    Doch er reist nicht nach Massilia.

    Nicht nach Lugdunum.

    Und nicht nach Augusta Raurica.

    Er reitet nach Germania Superior.

    Zu einem aufgegebenen römischen Depot nahe dem Limes.

    Damit lautet die Frage für das nächste Kapitel nicht mehr:

    Wer hatte das Siegel?

    Sondern:

    WAS LIEGT NOCH IM DEPOT?

    Das vergessene Depot

    Faustus lässt Severus nicht festnehmen. Stattdessen stellt er eine kleine Gruppe aus Speculatores zusammen und beobachtet das verlassene Depot aus der Entfernung.

    Appius entdeckt währenddessen, dass Cista XXVII Augusta Raurica zwar erreichte, dort aber nur zwei Tage blieb. Anschließend wurde sie unter einer neuen Frachtbezeichnung weitertransportiert.

    Titus und Trogus rekonstruieren in Rom denselben Vorgang und erkennen etwas Entscheidendes:

    Das Siegel könnte das Depot niemals erreicht haben.

    Damit wird Severus' Reise noch bedeutsamer.

    Denn wenn er nicht dorthin reitet, um das Siegel zu holen, dann sucht er dort möglicherweise etwas anderes:

    die Aufzeichnungen darüber, wohin Corvinus das Siegel tatsächlich bringen ließ.

    Und während Faustus Severus beim Betreten der verlassenen Anlage beobachtet, erscheint aus dem Wald ein zweiter Mann.

    Faustus kennt ihn.

    Gaius Iunius Marcellus.

  • XV. DAS DEPOT

    Am folgenden Morgen lag Faustus im feuchten Gras auf einer bewaldeten Anhöhe.

    Neben ihm zwei Speculatores.

    Unter ihnen:

    das alte Depot.

    Verfallene Mauern.

    Ein halb eingestürztes Dach.

    Unkraut überwucherte die Reste eines ehemaligen Zufahrtsweges. Von der Straße aus war kaum noch zu erkennen, dass hier einst römische Wagen entladen und Versorgungsgüter gelagert worden waren.

    Faustus wartete.

    Stundenlang.

    Dann kam Severus.

    Allein.

    Er stieg vom Pferd, führte es einige Schritte zwischen die Bäume und band es dort fest.

    Anschließend blieb er stehen.

    Er sah sich um.

    Einmal.

    Zweimal.

    Faustus rührte sich nicht.

    Auch seine Speculatores blieben regungslos.

    Severus ging zum Gebäude.

    Vor dem Eingang hielt er kurz inne.

    Dann verschwand er im Inneren.

    Der Speculator neben Faustus flüsterte:

    „Jetzt?“

    Faustus schüttelte kaum sichtbar den Kopf.

    „Warten.“

    „Wenn er dort etwas findet—“

    „Dann möchte ich sehen, was er damit macht.“

    Stille.

    Minuten vergingen.

    Dann hob Faustus plötzlich den Kopf.

    Pferde.

    Noch weit entfernt.

    Er legte die Hand auf den Boden.

    Das Geräusch wurde deutlicher.

    Nicht ein Pferd.

    Zwei.

    Faustus hob zwei Finger.

    Seine Männer spannten sich an.

    „Niemand bewegt sich.“

    Zwischen den Bäumen erschien der erste Reiter.

    Dann der zweite.

    Faustus beobachtete sie.

    Der vordere Mann trug einen dunklen Reisemantel. Sein Begleiter blieb etwas zurück und führte beide Pferde von der Straße.

    Der erste Reiter stieg ab.

    Er wandte Faustus für einen Augenblick das Gesicht zu.

    Faustus erstarrte.

    Der Speculator neben ihm bemerkte es.

    „Du kennst ihn.“

    Faustus antwortete nicht sofort.

    Unten ging der Mann auf das Depot zu.

    In diesem Augenblick erschien Severus in der Tür.

    Er blieb stehen.

    Der Neuankömmling ebenfalls.

    Keiner griff zur Waffe.

    Keiner zeigte Überraschung.

    Sie hatten einander erwartet.

    Faustus' Blick wurde hart.

    Appius hatte diesen Mann erst vor wenigen Tagen in seinem Landhaus konfrontiert.

    Nun stand er hier.

    An einem verlassenen Depot nahe dem Limes.

    Vor Severus.

    Faustus flüsterte:

    „Gaius Iunius Marcellus.“

    Der Speculator neben ihm bewegte sich.

    „Befehl?“

    Faustus hob die Hand.

    „Noch nicht.“

    Unten wechselten Severus und Marcellus einige Worte.

    Zu leise.

    Dann gingen beide gemeinsam in das Depot.

    Faustus wartete.

    Sein Blick blieb auf dem dunklen Eingang.

    „Was suchen die dort?“, flüsterte der Speculator.

    Faustus antwortete:

    „Genau deshalb greifen wir nicht ein.“

    Er legte sich wieder flach ins Gras.

    „Wir haben lange genug Männer verfolgt.“

    Seine Augen blieben auf dem Depot.

    „Jetzt lassen wir sie uns zeigen, wonach sie suchen.“

    Fortsetzung:

    Das vergessene Depot

  • Das vergessene Depot

    Faustus Iunius Rupa lag regungslos im feuchten Gras.

    Unterhalb der bewaldeten Anhöhe stand das verlassene römische Depot.

    Und darin befanden sich jetzt zwei Männer.

    Severus.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Gemeinsam.

    Faustus hatte lange genug Vermutungen gesammelt.

    Jetzt hatte er etwas anderes.

    Eine Beobachtung.

    Marcellus und Severus kannten einander.

    Sie hatten sich hier verabredet.

    Und beide glaubten offenbar, dass sich in diesem halb verfallenen Gebäude etwas befand, das nach zwölf Jahren noch immer wichtig genug war, um dafür persönlich hierherzukommen.

    Der Speculator neben Faustus flüsterte:

    „Befehl?“

    Faustus blickte auf den dunklen Eingang.

    „Beobachten.“

    „Wie lange?“

    „Bis sie uns die Antwort geben.“

    I. IM DEPOT

    Severus entzündete eine Öllampe.

    Das schwache Licht wanderte über die Mauern.

    Das Depot bestand aus mehreren Räumen. Ein Teil des Daches war eingebrochen. Alte Regale standen an den Wänden, manche umgestürzt, andere halb verfault.

    Marcellus blieb im Eingang stehen.

    „Du bist spät.“

    Severus drehte sich um.

    „Ich musste sicher sein, dass mir niemand folgt.“

    Marcellus betrachtete ihn.

    „Warst du sicher?“

    „Ja.“

    Marcellus antwortete nicht.

    Das Schweigen genügte.

    Severus wurde ungehalten.

    „Wenn du glaubst, ich sei verfolgt worden—“

    „Ich glaube grundsätzlich nichts.“

    Marcellus nahm ihm die Lampe ab.

    „Ich überprüfe.“

    Er ging zu einer Wand.

    Dort blieb er stehen.

    Severus folgte.

    „Trogus hat die Transportlisten gefunden.“

    Marcellus reagierte kaum.

    „Das war zu erwarten.“

    „Titus kennt Augusta Raurica.“

    Jetzt blieb Marcellus stehen.

    „Seit wann?“

    „Mindestens seit gestern.“

    „Und Ferramenta XXVII?“

    Severus zögerte.

    „Wahrscheinlich ebenfalls.“

    Marcellus schloss kurz die Augen.

    „Dann haben wir keine Zeit mehr.“

    II. FAUSTUS HÖRT EINEN NAMEN

    Außerhalb des Depots bewegte sich Faustus langsam den Hang hinunter.

    Nicht bis zum Gebäude.

    Nur näher.

    Der Wind stand günstig.

    Gelegentlich trug er einzelne Worte herauf.

    Trogus.

    Titus.

    Augusta Raurica.

    Dann:

    XXVII.

    Faustus hob die Hand.

    Seine Männer hielten an.

    Einer der Speculatores flüsterte:

    „Sie wissen von der Kiste.“

    „Ja.“

    „Dann stecken sie dahinter.“

    Faustus sah ihn an.

    „Nein.“

    „Aber—“

    „Wir wissen nur, dass sie danach suchen.“

    Der Mann schwieg.

    Faustus wandte den Blick wieder zum Depot.

    Das war der Unterschied, den er in den vergangenen Wochen gelernt hatte.

    Ein Mann, der nach einem Geheimnis suchte, war nicht automatisch der Mann, der es geschaffen hatte.

    Aber Marcellus wusste eindeutig mehr, als er Appius erzählt hatte.

    Sehr viel mehr.

    III. DIE WAND

    Marcellus kniete vor einer niedrigen Steinmauer.

    „Hier.“

    Severus stellte die Lampe daneben.

    Mehrere Steine sahen gleich aus.

    Marcellus strich mit den Fingern über die Fugen.

    Dann blieb er an einem Stein stehen.

    „Hilf mir.“

    Gemeinsam zogen sie ihn heraus.

    Dahinter befand sich ein kleiner Hohlraum.

    Severus griff hinein.

    Nichts.

    Er tastete erneut.

    „Leer.“

    Marcellus' Gesicht verhärtete sich.

    „Unmöglich.“

    „Vielleicht waren wir zu spät.“

    „Nein.“

    Marcellus nahm die Lampe.

    Er untersuchte den Hohlraum.

    Staub.

    Spinnweben.

    Dann bemerkte er etwas.

    „Hier.“

    Auf dem Boden des Verstecks lag ein schmaler Streifen Leder.

    Marcellus zog ihn heraus.

    Daran hafteten Reste von Wachs.

    Severus sah ihn an.

    „Das war hier.“

    „Ja.“

    „Die Aufzeichnungen?“

    Marcellus nickte.

    „Zumindest ein Behältnis.“

    „Und jetzt?“

    Marcellus betrachtete den Staub.

    Dann sagte er:

    „Jemand war vor uns hier.“

    IV. NICHT DAS SIEGEL

    Severus begann den Raum zu durchsuchen.

    „Vielleicht hat Corvinus das Siegel selbst hier versteckt.“

    „Nein.“

    „Woher willst du das wissen?“

    Marcellus sah ihn an.

    „Weil dieses Depot niemals das Ziel des Siegels war.“

    Severus hielt inne.

    Draußen spannte sich Faustus an.

    Er hatte die Worte verstanden.

    Nicht vollständig.

    Aber genug.

    … niemals das Ziel des Siegels …

    Faustus bewegte sich einige Schritte näher.

    Marcellus sprach weiter.

    „Dieses Depot war nur eine Nachrichtenstation.“

    „Für wen?“

    „Für die Männer, die Corvinus' Transport absicherten.“

    Severus blickte auf den leeren Hohlraum.

    „Dann waren hier die Unterlagen.“

    „Ja.“

    „Welche?“

    Marcellus antwortete:

    „Die zweite Route.“

    V. DIE ZWEITE ROUTE

    Severus starrte ihn an.

    „Davon hast du nie gesprochen.“

    „Weil du sie nicht wissen musstest.“

    „Ich musste nach Rom gehen. Ich musste in Trogus' Akten suchen. Ich musste Titus beobachten lassen—“

    Marcellus drehte sich scharf zu ihm.

    „Und genau deshalb wusstest du nicht mehr als nötig.“

    Severus' Hand wanderte zum Schwert.

    Marcellus sah es.

    „Tu nichts Dummes.“

    „Vielleicht habe ich genug davon, dass jeder mich benutzt.“

    „Dann hast du den falschen Beruf gewählt.“

    Severus ließ die Hand sinken.

    „Was stand in den Unterlagen?“

    Marcellus schwieg.

    „Marcellus.“

    „Die Kennzeichnung des nächsten Transportes.“

    Severus verstand.

    „Ferramenta XXVII.“

    „Nein.“

    Jetzt wurde es still.

    Severus sah ihn an.

    „Was?“

    Marcellus trat näher.

    „Ferramenta XXVII war nur die Fracht bis Augusta Raurica.“

    „Und danach?“

    „Danach verschwand die Nummer.“

    Severus blickte zum leeren Versteck.

    „Dann stand hier die neue Kennzeichnung.“

    „Ja.“

    „Kennst du sie?“

    Marcellus antwortete:

    „Nein.“

    Zum ersten Mal klang er wütend.

    „Deshalb bin ich hier.“

    VI. FAUSTUS BEKOMMT SEINE ERSTE ANTWORT

    Faustus zog sich einige Schritte zurück.

    Der Speculator folgte.

    „Was habt Ihr gehört?“

    Faustus antwortete leise:

    „Das Siegel war nie hier.“

    „Dann war die Reise umsonst.“

    „Nein.“

    Faustus sah zum Depot.

    „Ganz im Gegenteil.“

    Jetzt wussten sie etwas Entscheidendes.

    Augusta Raurica war nicht das Ende der Route gewesen.

    Das Depot ebenfalls nicht.

    Hier hatte sich lediglich eine Nachricht befunden, welche die nächste Etappe bezeichnete.

    Und jemand hatte sie bereits entfernt.

    Faustus dachte an die vergangenen Tage.

    Severus hatte erst in Rom erfahren, dass Titus nach Augusta Raurica suchte.

    Marcellus hingegen kannte dieses Depot.

    Damit war klar:

    Marcellus wusste seit Langem von Corvinus' Sicherungssystem.

    Aber auch er kannte offenbar das endgültige Ziel nicht.

    Faustus flüsterte:

    „Du bist nicht der Kopf.“

    Der Speculator sah ihn fragend an.

    Faustus lächelte nicht.

    „Aber du steckst tief genug darin.“

    VII. MOGONTIACUM – APPIUS WARTET

    Appius war nicht mit Faustus gegangen.

    Absichtlich.

    Wenn sowohl Faustus als auch Appius plötzlich aus Mogontiacum verschwanden, konnte das auffallen.

    Also wartete Appius.

    Und suchte weiter.

    Nicht nach Corvinus.

    Nicht nach Marcella.

    Nach der Kiste.

    Cista XXVII hatte Augusta Raurica erreicht.

    Dann war sie als Ferramenta XXVII weitergesandt worden.

    Appius ließ die späteren Frachtlisten vergleichen.

    Nicht nur nach Nummern.

    Nach Gewicht.

    Die ursprüngliche Kiste hatte achtundvierzig librae gewogen.

    Er ließ alle Transporte der folgenden Tage heraussuchen, deren Gewicht annähernd übereinstimmte.

    Dutzende.

    Dann weniger.

    Schließlich drei.

    Ein Transport ging nach Vindonissa.

    Einer nach Aventicum.

    Der dritte—

    Appius hielt inne.

    „Noch einmal.“

    Der Schreiber las:

    „Werkzeuge und Beschläge. Zweiundfünfzig librae.“

    „Ziel?“

    „Argentorate.“

    Appius sah auf.

    Argentorate.

    Straßburg.

    Weiter nach Norden.

    In Richtung Germania Superior.

    „Absender?“

    Der Schreiber suchte.

    „Gaius Valerius Priscus.“

    Jetzt wurde Appius still.

    Der gleiche Mann, der Cista XXVII in Augusta Raurica empfangen hatte.

    „Kennzeichnung?“

    Der Schreiber las:

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Landwirtschaftliche Werkzeuge.

    Appius lehnte sich zurück.

    Keine Gewissheit.

    Aber eine überprüfbare Spur.

    Er nahm eine Wachstafel.

    MÖGLICHE WEITERLEITUNG: AUGUSTA RAURICA – ARGENTORATE. ABSENDER PRISCUS. GEWICHT NAHEZU IDENTISCH.

    Die Nachricht ging an Faustus.

    VIII. DAS DEPOT – DER DRITTE MANN

    Faustus hatte die Nachricht noch nicht.

    Er beobachtete weiter.

    Im Depot begann Severus unruhig zu werden.

    „Wenn die Aufzeichnung fort ist, müssen wir verschwinden.“

    Marcellus reagierte nicht.

    Er betrachtete den Boden.

    „Nein.“

    „Was?“

    „Jemand hat das Versteck geöffnet.“

    „Das wissen wir.“

    „Aber nicht heute.“

    Marcellus kniete nieder.

    Er strich über den Staub.

    „Sieh.“

    Severus beugte sich herunter.

    Im Staub verlief eine alte Spur.

    Nicht frisch.

    Aber deutlich jünger als die Ablagerungen ringsum.

    „Wie lange?“

    „Wochen. Vielleicht Monate.“

    „Wer?“

    Marcellus stand auf.

    „Das möchte ich ebenfalls wissen.“

    Dann hörten beide ein Geräusch.

    Ein Knacken.

    Außerhalb.

    Severus zog das Schwert.

    Faustus erstarrte.

    Keiner seiner Männer hatte sich bewegt.

    Das Geräusch war von der anderen Seite des Depots gekommen.

    Marcellus löschte sofort die Lampe.

    Dunkelheit.

    Faustus hob die Faust.

    Seine Speculatores gingen in Deckung.

    Wieder ein Geräusch.

    Schritte.

    Langsam.

    Jemand näherte sich dem Depot.

    Nicht von Faustus' Seite.

    Vom Wald.

    IX. DER UNBEKANNTE

    Ein Mann erschien zwischen den Bäumen.

    Grauer Reisemantel.

    Kapuze.

    Kein Pferd.

    Er bewegte sich vorsichtig.

    Faustus konnte sein Gesicht nicht erkennen.

    Der Mann blieb vor dem Depot stehen.

    Severus und Marcellus waren im Inneren verschwunden.

    Der Unbekannte wartete.

    Dann sagte er:

    „Marcellus.“

    Faustus' Augen verengten sich.

    Der Mann kannte ihn.

    Keine Antwort.

    „Ich weiß, dass du dort bist.“

    Marcellus trat schließlich in die Tür.

    Schwert in der Hand.

    „Wer bist du?“

    Der Mann nahm die Kapuze ab.

    Faustus kannte ihn nicht.

    Marcellus offenbar schon.

    Seine Waffe sank ein kleines Stück.

    „Du.“

    Der Mann lächelte nicht.

    „Du bist spät.“

    Severus erschien hinter Marcellus.

    Der Fremde sah ihn an.

    „Und du hast ihn mitgebracht.“

    Marcellus antwortete:

    „Er war notwendig.“

    „Nein.“

    Der Fremde blickte zu Severus.

    „Er war bequem.“

    Severus trat vor.

    „Wer zum Hades bist du?“

    Der Mann ignorierte ihn.

    Sein Blick blieb auf Marcellus.

    „Das Versteck ist leer.“

    Marcellus schwieg.

    „Du hast es also gesehen.“

    „Wer hat die Aufzeichnung genommen?“

    Der Fremde antwortete:

    „Corvinus.“

    X. EIN TOTER HÄNDLER SPRICHT DURCH EINEN ANDEREN

    Marcellus' Gesicht veränderte sich.

    „Corvinus ist tot.“

    „Ja.“

    „Seit wann?“

    „Neun Jahre.“

    Severus sah zwischen beiden Männern hin und her.

    „Woher weißt du das?“

    Der Fremde antwortete diesmal.

    „Weil ich bei ihm war.“

    Faustus hörte jedes Wort.

    Marcellus trat einen Schritt näher.

    „Wo starb er?“

    „Lugdunum.“

    „Wie?“

    „Fieber.“

    „Und die Aufzeichnung?“

    „Nahm er vorher an sich.“

    „Warum?“

    Der Fremde sah Marcellus lange an.

    „Weil er euch nicht mehr vertraute.“

    Stille.

    Faustus spürte, wie sich etwas verschob.

    Nicht eine neue Organisation.

    Keine neue Verschwörung.

    Eine alte Entscheidung.

    Corvinus selbst hatte die Unterlagen aus dem Depot entfernt.

    Marcellus fragte:

    „Wohin brachte er sie?“

    Der Mann antwortete:

    „Das weiß ich nicht.“

    Marcellus zog das Schwert wieder höher.

    „Eine schlechte Antwort.“

    „Aber die Wahrheit.“

    XI. FAUSTUS GREIFT NICHT EIN

    Der Speculator neben Faustus flüsterte:

    „Jetzt haben wir drei.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Noch nicht.“

    „Wir könnten sie alle festnehmen.“

    „Und hätten drei Männer.“

    „Das ist normalerweise der Sinn einer Festnahme.“

    Faustus sah ihn an.

    „Ich will die Route.“

    Dann wieder zum Depot.

    Der Fremde wusste, wann Corvinus gestorben war.

    Er wusste, dass Corvinus die Aufzeichnung entfernt hatte.

    Vielleicht wusste er noch mehr.

    Faustus wollte hören.

    XII. CORVINUS' LETZTE ENTSCHEIDUNG

    Marcellus steckte das Schwert nicht weg.

    „Was hat Corvinus dir gesagt?“

    Der Fremde antwortete:

    „Dass Scaurus einen Fehler gemacht hatte.“

    Marcellus' Gesicht verhärtete sich.

    „Welchen?“

    „Zu viele Menschen kannten Teile des Weges.“

    „Niemand kannte den ganzen.“

    „Das genügte Corvinus irgendwann nicht mehr.“

    Der Fremde deutete auf das Depot.

    „Deshalb entfernte er die letzte Verbindung.“

    Severus fragte:

    „Die neue Kennzeichnung?“

    „Ja.“

    „Und vernichtete sie?“

    Der Mann schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Marcellus trat näher.

    „Wo ist sie?“

    „Er gab sie einer Frau.“

    Stille.

    Faustus schloss für einen Moment die Augen.

    Bitte nicht.

    Nicht schon wieder eine völlig neue Person.

    Marcellus stellte die entscheidende Frage:

    „Welcher Frau?“

    Der Fremde antwortete:

    „Marcella.“

    Faustus öffnete die Augen.

    Das änderte alles.

    XIII. MARCELLA WUSSTE DOCH ETWAS

    Marcellus starrte den Mann an.

    „Das ist unmöglich.“

    „Nein.“

    „Marcella sollte nicht wissen, wohin das Siegel ging.“

    „Das wusste sie auch nicht.“

    „Dann warum gab Corvinus ihr die Aufzeichnung?“

    „Weil die Aufzeichnung allein wertlos war.“

    Marcellus verstand noch nicht.

    Der Fremde fuhr fort:

    „Sie enthielt keinen Ort.“

    „Was dann?“

    „Nur die neue Kennzeichnung.“

    Severus fluchte.

    Marcellus fragte:

    „Welche?“

    Der Fremde sah ihn an.

    „Die kenne ich nicht.“

    „Du erwartest wirklich, dass ich das glaube?“

    „Ja.“

    „Warum?“

    „Weil Marcella sie nie laut ausgesprochen hat.“

    Marcellus wurde still.

    Faustus ebenfalls.

    Das Siegel war also weitergereist.

    Corvinus hatte später die Verbindung aus dem Depot entfernt.

    Und die einzige erhaltene Information über die neue Frachtbezeichnung hatte er Marcella gegeben.

    Nicht den Zielort.

    Nur die Kennzeichnung.

    Damit konnte Marcella das Siegel nicht verraten.

    Aber sie konnte es wiederfinden.

    XIV. APPIUS' NACHRICHT

    Ein Meldereiter erreichte Faustus' zurückgelassenen Verbindungspunkt.

    Wenig später kroch einer der Speculatores den Hang hinauf.

    Er reichte Faustus eine kleine Wachstafel.

    Appius.

    Faustus las:

    MÖGLICHE WEITERLEITUNG: AUGUSTA RAURICA – ARGENTORATE.

    ABSENDER PRISCUS.

    GEWICHT NAHEZU IDENTISCH.

    Darunter:

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Faustus blickte sofort zum Depot.

    Neue Kennzeichnung.

    Er las erneut.

    Ferramenta Agricolae.

    Konnte es das sein?

    Vielleicht.

    Mehr nicht.

    Aber diesmal besaß er etwas, das Marcellus offenbar noch nicht wusste.

    Faustus drehte die Tafel um.

    Er schrieb:

    NICHT WEITER SUCHEN. NIEMANDEM MITTEILEN.

    Dann gab er sie zurück.

    „Zu Appius.“

    „Jawohl.“

    „Und nur zu Appius.“

    XV. DER FREMDEN NAME

    Im Depot fragte Marcellus:

    „Wo ist Marcella?“

    Der Fremde schwieg.

    „Du weißt es.“

    „Ja.“

    Faustus wurde vollkommen still.

    Endlich.

    Marcellus ging auf den Mann zu.

    „Wo?“

    „Das sage ich dir nicht.“

    Severus zog sein Schwert.

    „Dann machen wir es anders.“

    Der Fremde sah ihn fast mitleidig an.

    „Genau deshalb vertraute Corvinus euch nicht.“

    Marcellus hob die Hand.

    Severus hielt inne.

    „Du kanntest Corvinus.“

    „Ja.“

    „Du kennst Marcella.“

    „Ja.“

    „Dann sag mir wenigstens deinen Namen.“

    Der Mann betrachtete Marcellus.

    Dann antwortete er:

    „Du kennst ihn.“

    „Ich möchte ihn aus deinem Mund hören.“

    Eine Pause.

    Dann:

    „Lucius Valerius Priscus.“

    Faustus blickte auf Appius' Nachricht.

    Dort stand:

    GAIUS VALERIUS PRISCUS.

    Nicht Lucius.

    Faustus' Augen wurden schmal.

    Zwei Männer.

    Oder ein falscher Vorname.

    Das musste geklärt werden.

    Aber nicht jetzt.

    XVI. MARCELLUS' WAHRHEIT

    Marcellus senkte schließlich sein Schwert.

    „Ich suche das Siegel nicht für mich.“

    Priscus antwortete:

    „Das behauptet jeder.“

    „Trogus' Name wird benutzt.“

    „Ich weiß.“

    „Titus Aurelius Romanus sucht danach.“

    „Das weiß ich ebenfalls.“

    Marcellus wurde sichtbar überrascht.

    „Woher?“

    Priscus antwortete nicht.

    Marcellus sah ihn an.

    „Dann beobachtest du Rom.“

    „Nein.“

    „Woher weißt du es?“

    Priscus schwieg.

    Faustus wartete.

    Dann sagte Marcellus etwas, das wichtiger war als alles zuvor:

    „Wenn Titus das Siegel vor uns findet, könnte das sogar besser sein.“

    Severus fuhr herum.

    „Was?“

    Marcellus ignorierte ihn.

    Priscus hingegen musterte ihn.

    „Dann bist du endlich zu demselben Schluss gekommen wie Corvinus.“

    „Welchem?“

    „Dass das Siegel selbst nicht das eigentliche Problem ist.“

    Marcellus schwieg.

    Priscus sagte:

    „Das Problem ist, wer seit zwölf Jahren versucht, es zu finden.“

    XVII. SEVERUS VERSTEHT

    Severus sah von einem zum anderen.

    „Moment.“

    Niemand antwortete.

    „Wir suchen seit Monaten dieses verdammte Siegel.“

    Marcellus sagte ruhig:

    „Ja.“

    „Wir haben Trogus überwacht.“

    „Ja.“

    „Titus.“

    „Ja.“

    „Faustus.“

    Marcellus sah ihn an.

    „Ja.“

    Severus' Gesicht veränderte sich.

    „Nicht weil ihr glaubt, einer von ihnen habe es.“

    Marcellus schwieg.

    Severus verstand trotzdem.

    „Ihr habt sie beobachtet, weil ihr wissen wolltet, ob jemand anderes auf ihre Suche reagiert.“

    Faustus hörte es.

    Und plötzlich ergaben mehrere Dinge Sinn.

    Die sichtbaren Spuren.

    Trogus' Name.

    Die Überwachung der Villa Aurelia.

    Vielleicht hatte nicht jede Beobachtung demselben Zweck gedient.

    Severus fragte:

    „Wer?“

    Marcellus antwortete nicht.

    Priscus ebenfalls nicht.

    Severus wurde laut.

    „WER?“

    Marcellus sah ihn an.

    „Genau das versuchen wir herauszufinden.“

    XVIII. FAUSTUS TRIFFT DIE ENTSCHEIDUNG

    Faustus lag noch immer im Gras.

    Jetzt wusste er genug.

    Nicht alles.

    Aber genug.

    Marcellus war tief in die Sache verwickelt.

    Er hatte Informationen verborgen.

    Er hatte Appius manipuliert.

    Er hatte Severus benutzt.

    Aber eines war jetzt ebenfalls klar:

    Marcellus suchte nicht einfach nach dem Siegel, um es selbst zu besitzen.

    Er suchte nach jemandem.

    Nach demselben Menschen oder denselben Menschen, die seit zwölf Jahren hinter dem Siegel her waren.

    Der Speculator flüsterte:

    „Biarchus?“

    Faustus antwortete:

    „Wir gehen.“

    Der Mann sah ihn ungläubig an.

    „Wir nehmen keinen fest?“

    „Nein.“

    „Nicht einmal Severus?“

    „Nein.“

    „Warum?“

    Faustus blickte ein letztes Mal zum Depot.

    „Weil sie uns gerade mehr erzählt haben, als sie uns unter Verhör erzählen würden.“

    Er zog sich langsam zurück.

    Dann hielt er noch einmal inne.

    „Und weil wir jetzt etwas wissen, das sie nicht wissen.“

    Der Speculator sah auf die Wachstafel.

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Faustus nickte.

    „Zum ersten Mal sind wir ihnen voraus.“

    XIX. MOGONTIACUM – FAUSTUS UND APPIUS

    Noch in derselben Nacht kehrte Faustus zurück.

    Appius wartete.

    „Nun?“

    Faustus legte seine Wachstafel auf den Tisch.

    „Marcellus war dort.“

    Appius' Gesicht wurde hart.

    „Dann hatte ich recht.“

    „Teilweise.“

    „Was soll das heißen?“

    „Er steckt darin.“

    „Das wusste ich.“

    „Aber wahrscheinlich anders, als wir dachten.“

    Appius setzte sich.

    Faustus erzählte.

    Severus.

    Marcellus.

    Das leere Versteck.

    Corvinus.

    Priscus.

    Marcella.

    Und schließlich Marcellus' Satz:

    Wenn Titus das Siegel vor uns findet, könnte das sogar besser sein.

    Appius schwieg lange.

    Dann:

    „Er sucht also nicht nur das Siegel.“

    „Nein.“

    „Er sucht denjenigen, der es ebenfalls sucht.“

    „Genau.“

    Appius blickte auf seine Unterlagen.

    „Und wir haben Ferramenta Agricolae.“

    Faustus nickte.

    „Das sagen wir vorerst niemandem.“

    „Nicht einmal Titus?“

    Faustus dachte nach.

    Dann:

    „Titus schon.“

    „Trogus?“

    „Noch nicht.“

    Appius hob eine Augenbraue.

    „Du traust ihm nicht.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ich weiß nur noch nicht, wem er vertraut.“

    XX. ROM – DIE NACHRICHT AN TITUS

    Zwei Tage später erhielt Titus die verschlüsselte Nachricht.

    Nur wenige Zeilen.

    Er las sie gemeinsam mit Selina und Massad.

    MARCELLUS UND SEVERUS IM DEPOT BEOBACHTET.

    DEPOT WAR NUR NACHRICHTENSTATION.

    CORVINUS ENTFERNTE DIE LETZTE ROUTENKENNZEICHNUNG VOR JAHREN.

    MARCELLA ERHIELT DIE KENNZEICHNUNG.

    Dann:

    MÖGLICHE SPUR: FERRAMENTA AGRICOLAE – AUGUSTA RAURICA NACH ARGENTORATE.

    Und schließlich:

    NICHT AN TROGUS WEITERGEBEN.

    Massad las den letzten Satz.

    „Das wird ihm gefallen.“

    Titus legte die Tafel ab.

    Selina fragte:

    „Wirst du es ihm sagen?“

    Titus sah sie an.

    „Nein.“

    Massad grinste.

    „Jetzt wird es interessant.“

    Titus ging zur Karte.

    Augusta Raurica.

    Argentorate.

    Mogontiacum.

    Eine Route nach Norden.

    Dann nahm er den kleinen Anhänger vom Tisch.

    MARCELLA.

    Sie hatte die Kennzeichnung erhalten.

    Also gab es jetzt zwei Wege.

    Den historischen Transport nach Argentorate.

    Und die Frau, die Corvinus die Möglichkeit gegeben hatte, das Siegel eines Tages wiederzufinden.

    Titus sah auf.

    „Wir suchen nicht mehr das Siegel.“

    Selina trat neben ihn.

    „Sondern Marcella.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Er deutete auf Ferramenta Agricolae.

    „Wir suchen beides.“

    XXI. MARCELLUS UND PRISCUS

    Zur selben Zeit standen Marcellus und Priscus noch einmal allein vor dem Depot.

    Severus war bereits fort.

    Marcellus fragte:

    „Lebt Marcella?“

    Priscus antwortete:

    „Ja.“

    „Bist du sicher?“

    „Ja.“

    „Wo ist sie?“

    „Sicher.“

    Marcellus wurde ungeduldig.

    „Das ist kein Ort.“

    „Für sie schon.“

    Marcellus sah ihn lange an.

    „Du wirst es mir nicht sagen.“

    „Nein.“

    „Warum bist du dann überhaupt gekommen?“

    Priscus zog etwas aus seinem Mantel.

    Eine kleine Wachstafel.

    Er reichte sie Marcellus.

    Darauf standen nur drei Worte:

    FERRAMENTA AGRICOLAE – ARGENTORATE

    Marcellus erstarrte.

    „Woher hast du das?“

    Priscus antwortete:

    „Von Marcella.“

    Damit besaßen nun zwei Seiten dieselbe Spur.

    Faustus und Titus.

    Marcellus und Priscus.

    Aber keiner von ihnen wusste, was am Ende der Route wartete.

    Priscus nahm die Kapuze wieder hoch.

    Marcellus hielt ihn zurück.

    „Eine Frage.“

    Priscus wartete.

    „Warum jetzt?“

    Der Mann sah ihn an.

    „Weil Severus in Rom gesucht hat.“

    „Das wissen wir.“

    „Nein.“

    Priscus' Stimme wurde leiser.

    „Ihr versteht es noch immer nicht.“

    Marcellus' Blick wurde scharf.

    Priscus sagte:

    „Severus war nicht der Erste.“

    Eine Pause.

    „Jemand hatte die Transportakten bereits vor ihm eingesehen.“

    Marcellus wurde vollkommen still.

    „Wer?“

    Priscus wandte sich zum Wald.

    „Das weiß ich nicht.“

    Dann ging er.

    Marcellus blieb allein zurück.

    Zum ersten Mal seit langer Zeit zeigte sein Gesicht echte Sorge.

    Denn wenn Priscus recht hatte, waren weder Titus noch Faustus die Ersten gewesen, die Corvinus' Route rekonstruierten.

    Jemand war ihnen voraus.

    Und dieser Jemand kannte möglicherweise bereits das Ziel.

    Fortsetzung: DIES XVII – FERRAMENTA AGRICOLAE

    Die Fracht ohne Namen

  • XV. DER NAME DES FREMDEN

    Im Depot fragte Marcellus:

    „Wo ist Marcella?“

    Der Fremde schwieg.

    „Du weißt es.“

    „Ja.“

    Faustus wurde vollkommen still.

    Marcellus ging einen Schritt auf den Mann zu.

    „Wo?“

    „Das sage ich dir nicht.“

    Severus zog sein Schwert.

    „Dann machen wir es anders.“

    Der Fremde sah ihn beinahe mitleidig an.

    „Genau deshalb vertraute Corvinus euch nicht.“

    Marcellus hob die Hand.

    Severus hielt inne.

    „Du kanntest Corvinus.“

    „Ja.“

    „Du kennst Marcella.“

    „Ja.“

    „Dann sag wenigstens deinen Namen.“

    Der Mann betrachtete Marcellus.

    „Du kennst meinen Namen.“

    „Ich möchte ihn aus deinem Mund hören.“

    Eine Pause.

    Dann antwortete der Fremde:

    „Lucius Valerius Priscus.“

    Faustus' Blick fiel sofort auf die Wachstafel, die Appius ihm geschickt hatte.

    Dort stand eindeutig:

    GAIUS VALERIUS PRISCUS.

    Faustus' Augen wurden schmal.

    Das passte nicht.

    Im selben Augenblick stellte Marcellus genau die Frage, die auch Faustus durch den Kopf ging.

    „Lucius?“

    Der Fremde nickte.

    „In den Transportlisten steht Gaius Valerius Priscus.“

    „Natürlich.“

    „Dann bist du nicht der Mann, der Cista XXVII in Augusta Raurica übernommen hat.“

    „Nein.“

    Jetzt mischte sich Severus ein.

    „Wer dann?“

    Lucius Valerius Priscus sah ihn an.

    „Mein Vater.“

    Stille.

    Marcellus' Gesicht veränderte sich.

    „Gaius Valerius Priscus war dein Vater?“

    „Ja.“

    Damit war die vermeintliche Namensverwechslung beseitigt.

    Zwei Männer.

    Zwei Generationen.

    Und dieselbe alte Aufgabe.

    Marcellus fragte:

    „Dein Vater nahm die Kiste von Corvinus entgegen?“

    „Er nahm sie in Augusta Raurica entgegen.“

    „Mit dem Siegel darin?“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    „Das wusste mein Vater damals nicht.“

    Severus lachte ungläubig.

    „Er transportierte etwas, ohne zu wissen, was es war?“

    „Das war der Sinn der Sache.“

    Lucius trat näher.

    „Corvinus vertraute meinem Vater. Aber er vertraute ihm nicht das Geheimnis an.“

    Faustus hörte aufmerksam zu.

    Das entsprach genau dem System, das sich inzwischen abzeichnete.

    Jeder kannte nur einen Teil.

    Marcella kannte Corvinus.

    Corvinus kannte Gaius Priscus.

    Gaius Priscus kannte den nächsten Transport.

    Aber niemand sollte die gesamte Route kennen.

    Marcellus fragte:

    „Was geschah mit deinem Vater?“

    Lucius antwortete ohne Zögern:

    „Er starb vor sieben Jahren.“

    „Und vorher erzählte er dir davon.“

    „Nicht alles.“

    „Was dann?“

    Lucius sah zum leeren Versteck in der Mauer.

    „Dass er vor zwölf Jahren für Corvinus eine Kiste aus Augusta Raurica weiterleiten ließ.“

    „Cista XXVII.“

    „Ja.“

    „Nach Argentorate?“

    Lucius schwieg einen Augenblick.

    Dann nickte er.

    „Nach Argentorate.“

    Damit war es bestätigt.

    Appius hatte keine zufällig ähnliche Fracht gefunden.

    Ferramenta Agricolae war tatsächlich die Weiterleitung der Cista XXVII.

    XVI. VATER UND SOHN

    Marcellus senkte sein Schwert.

    „Dann wusste Gaius Priscus, wohin das Siegel gebracht wurde.“

    „Nein.“

    Lucius' Antwort kam sofort.

    „Er wusste, wohin die Kiste ging.“

    Marcellus verstand den Unterschied.

    „Aber nicht, wohin das Siegel danach gelangte.“

    „Genau.“

    Severus wurde ungeduldig.

    „Wie viele verdammte Zwischenstationen hat Corvinus eingerichtet?“

    Lucius sah ihn an.

    „So viele, wie nötig waren, damit ein Mann wie du die Spur nicht vollständig verfolgen konnte.“

    Severus machte einen Schritt auf ihn zu.

    Marcellus stellte sich dazwischen.

    „Weiter.“

    Lucius nickte.

    „Mein Vater erhielt die Cista XXVII in Augusta Raurica. Zwei Tage später ließ er ihren Inhalt in eine gewöhnliche Handelsfracht umpacken.“

    „Ferramenta Agricolae.“

    „Ja.“

    „Warum änderte er die Bezeichnung?“

    „Auf Anweisung Corvinus'.“

    „Und die Nummer XXVII?“

    „Verschwand.“

    Faustus begriff.

    Deshalb hatten sie die Route in Augusta Raurica beinahe verloren.

    Ab diesem Punkt existierte Cista XXVII nicht mehr.

    Das Siegel reiste unter einer vollkommen gewöhnlichen Frachtbezeichnung weiter.

    Marcellus fragte:

    „Und du?“

    Lucius schwieg.

    „Wann kamst du ins Spiel?“

    „Jahre später.“

    „Durch deinen Vater?“

    „Durch Corvinus.“

    Das überraschte selbst Marcellus.

    „Corvinus kontaktierte dich persönlich?“

    „Ja.“

    „Warum?“

    Lucius antwortete:

    „Weil mein Vater krank wurde.“

    Damit war die Verbindung klar.

    Gaius Valerius Priscus hatte die ursprüngliche Transportkette gesichert.

    Als er später ausfiel, wandte sich Corvinus an dessen Sohn.

    Nicht um das Siegel erneut zu bewegen.

    Sondern um die wenigen verbliebenen Menschen zu schützen, die noch etwas über seine Geschichte wussten.

    Vor allem eine.

    Marcellus sagte ihren Namen:

    „Marcella.“

    Lucius nickte.

    XVII. MARCELLA UND LUCIUS PRISCUS

    „Seit wann kennst du sie?“, fragte Marcellus.

    „Seit neun Jahren.“

    Faustus erinnerte sich sofort.

    Neun Jahre.

    Genau zu jener Zeit war Corvinus gestorben.

    Marcellus erkannte dieselbe Verbindung.

    „Corvinus hat sie dir anvertraut.“

    „Nein.“

    Lucius' Stimme wurde härter.

    „Marcella ist kein Gegenstand, den Männer einander anvertrauen.“

    Marcellus schwieg.

    Lucius fuhr fort:

    „Corvinus brachte uns zusammen. Mehr nicht.“

    „Und danach?“

    „Entschied Marcella selbst.“

    „Was?“

    „Zu verschwinden.“

    Damit war auch dieser Punkt klar.

    Marcella war nicht zwölf Jahre lang von einem geheimen Netzwerk versteckt worden.

    Zuerst hatte Corvinus ihr geholfen.

    Nach seinem Tod hatte Lucius Priscus den Kontakt übernommen.

    Aber Marcella selbst hatte entschieden, nicht nach Rom zurückzukehren.

    Marcellus fragte:

    „Warum?“

    Lucius sah ihn lange an.

    „Weil Menschen wie du noch immer nach ihr suchen.“

    Marcellus nahm die Bemerkung hin.

    „Und die Kennzeichnung?“

    Lucius schwieg.

    „Ferramenta Agricolae.“

    „Die kenne ich.“

    „Von deinem Vater?“

    „Nein.“

    „Von Corvinus?“

    Wieder schüttelte Lucius den Kopf.

    Dann sagte er:

    „Von Marcella.“

    Faustus' Blick wurde scharf.

    Damit schloss sich die Kette endgültig:

    Corvinus → Gaius Valerius Priscus → Transport nach Argentorate.

    Und Jahre später:

    Corvinus → Lucius Valerius Priscus → Marcella.

    Vater und Sohn hatten unterschiedliche Aufgaben gehabt.

    Gaius hatte die Fracht geschützt.

    Lucius schützte den Menschen.

    Marcellus fragte:

    „Lebt Marcella?“

    Lucius antwortete:

    „Ja.“

    „Wo?“

    „Das wirst du von mir nicht erfahren.“

    XVIII. FAUSTUS VERSTEHT DIE PRISCUS-SPUR

    Faustus zog sich ein Stück vom Depot zurück.

    Sein Speculator folgte ihm.

    „Zwei Priscus.“

    „Ja.“

    „Vater und Sohn.“

    Faustus nickte.

    Jetzt war die scheinbare Unstimmigkeit verschwunden.

    Gaius Valerius Priscus war der Mann aus den zwölf Jahre alten Transportlisten.

    Er hatte Cista XXVII in Augusta Raurica übernommen und als Ferramenta Agricolae nach Argentorate weiterschicken lassen.

    Lucius Valerius Priscus war sein Sohn.

    Er hatte mit diesem ursprünglichen Transport nichts zu tun gehabt.

    Er war erst Jahre später durch Corvinus in die Angelegenheit hineingezogen worden und hatte anschließend den Kontakt zu Marcella gehalten.

    Der Speculator fragte:

    „Dann suchen wir jetzt Lucius?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wir haben ihn gerade vor uns.“

    „Festnehmen?“

    „Nein.“

    Der Mann seufzte.

    Faustus sah wieder zum Depot.

    „Gaius kann uns nichts mehr sagen. Er ist seit sieben Jahren tot.“

    Dann blickte er auf Appius' Nachricht:

    FERRAMENTA AGRICOLAE – ARGENTORATE.

    „Aber seine Fracht kann es.“

    Und damit war für Faustus klar, welcher Spur sie als Nächstes folgen mussten.

    Nicht einem weiteren Namen.

    Nicht einer weiteren geheimnisvollen Person.

    Sondern dem letzten nachweisbaren Transport des Siegels:

    Augusta Raurica → Argentorate.

  • Die Fracht ohne Namen

    Auf der Wachstafel standen nur zwei Worte.

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Landwirtschaftliche Werkzeuge.

    Nichts daran wirkte bedeutend.

    Kein Siegel.

    Kein Name.

    Kein Hinweis auf Scaurus.

    Kein Hinweis auf Marcella.

    Nicht einmal die Zahl XXVII war geblieben.

    Und doch wusste Faustus Iunius Rupa inzwischen, dass diese unscheinbare Fracht möglicherweise das gefährlichste Stück Metall des Imperiums nach Norden getragen hatte.

    Vor zwölf Jahren hatte Gaius Valerius Priscus in Augusta Raurica die Cista XXVII übernommen.

    Zwei Tage später war sie verschwunden.

    An ihrer Stelle erschien:

    FERRAMENTA AGRICOLAE.

    Ziel:

    ARGENTORATE.

    Faustus legte die Wachstafel vor Appius.

    „Dort setzen wir an.“

    Appius betrachtete die beiden Worte.

    „Und wenn die Spur dort wieder umbenannt wurde?“

    Faustus griff nach seinem Mantel.

    „Dann suchen wir nicht nach dem Namen.“

    „Wonach dann?“

    Faustus sah ihn an.

    „Nach dem, was sich nicht ändern lässt.“

    I. MOGONTIACUM – WAS BLEIBT

    Noch am selben Abend lagen sämtliche bekannten Transportdaten auf dem Tisch.

    Cista XXVII.

    Achtundvierzig librae.

    Metallwaren.

    Augusta Raurica.

    Gaius Valerius Priscus.

    Dann:

    Ferramenta Agricolae.

    Zweiundfünfzig librae.

    Argentorate.

    Appius deutete auf die Gewichtsangabe.

    „Vier librae Unterschied.“

    „Neue Verpackung.“

    „Oder andere Fracht.“

    „Möglich.“

    Faustus setzte sich.

    „Was noch?“

    Appius blätterte durch die Abschriften.

    „Transportdauer.“

    „Gut.“

    „Händler.“

    „Weiter.“

    „Wagen.“

    Faustus hob den Blick.

    „Wagen.“

    Appius verstand.

    „Wenn die Fracht umbenannt wurde, musste sie trotzdem transportiert werden.“

    „Und dafür brauchte man Menschen.“

    „Tiere.“

    „Unterkünfte.“

    „Straßenstationen.“

    „Futter.“

    „Zölle.“

    Faustus nickte.

    „Genau.“

    Ein Name konnte verschwinden.

    Eine Kiste konnte umgepackt werden.

    Aber ein Wagen hinterließ Spuren.

    III. APPIUS FINDET DEN WAGEN

    Am folgenden Morgen hatte Appius Erfolg.

    Nicht bei der Fracht.

    Beim Fuhrunternehmen.

    Der Transport war von einer Gesellschaft durchgeführt worden, die regelmäßig zwischen Augusta Raurica und dem oberen Rhenus verkehrte.

    Sextii Fratres.

    Appius suchte weiter.

    Die Firma existierte nicht mehr.

    Aber ihre Abrechnungen waren teilweise erhalten.

    Pferdewechsel.

    Unterkünfte.

    Reparaturen.

    Dann fand er den Wagen.

    Plaustrum XII.

    Wagen zwölf.

    Abfahrt Augusta Raurica.

    Fracht:

    Ferramenta Agricolae.

    Ziel:

    Argentorate.

    Appius fuhr mit dem Finger über die Einträge.

    Eine Station.

    Noch eine.

    Dann blieb er stehen.

    „Faustus.“

    Der Biarchus kam herüber.

    „Was?“

    Appius zeigte auf die Liste.

    „Der Wagen erreichte Argentorate nicht.“

    Faustus nahm die Tafel.

    „Wo enden die Einträge?“

    Appius zeigte auf den letzten Vermerk.

    Eine Straßenstation südlich von Argentorate.

    Faustus las.

    Dann:

    „Unfall?“

    „Nein.“

    „Überfall?“

    „Nichts eingetragen.“

    „Beschlagnahmt?“

    „Nein.“

    Faustus blickte ihn an.

    „Dann verschwand ein römischer Handelswagen mitten auf einer überwachten Straße.“

    Appius schüttelte den Kopf.

    „Nicht ganz.“

    Er zeigte auf einen zweiten Eintrag.

    PLAUS. XII – REDDITUM.

    Faustus runzelte die Stirn.

    „Zurückgegeben?“

    „Drei Tage später.“

    „Wo?“

    Appius deutete auf einen Ort weiter südlich.

    Faustus wurde still.

    Der Wagen war zurückgekehrt.

    Aber die Fracht nicht.

    IV. DER WAGEN OHNE FRACHT

    Faustus betrachtete die Route.

    „Sie haben die Ladung unterwegs abgeladen.“

    Appius nickte.

    „Und den Wagen zurückgeschickt.“

    „Damit sollte jeder glauben, die Lieferung sei weitergegangen.“

    „Oder nie angekommen.“

    Faustus zeigte auf die letzte Station vor dem Verschwinden.

    „Hier.“

    „Warum dort?“

    „Das finden wir heraus.“

    Appius sah ihn an.

    „Argentorate?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Aber die Frachtliste—“

    „Die Frachtliste lügt.“

    Faustus tippte auf den Wagenvermerk.

    „Der Wagen nicht.“

    Damit änderte sich das Ziel.

    Sie mussten nicht nach Argentorate.

    Sie mussten dorthin, wo Plaustrum XII seine Fracht verloren hatte.

    V. VOR ZWÖLF JAHREN – DIE LETZTE FAHRT DES WAGENS

    Der Wagen rollte langsam nach Norden.

    Zwei Pferde.

    Ein Fuhrmann.

    Ein Begleiter.

    Auf der Ladefläche:

    Werkzeuge.

    Beschläge.

    Metallteile.

    Und irgendwo dazwischen ein kleines eingewickeltes Siegel.

    Der Fuhrmann kannte es nicht.

    Sein Begleiter ebenfalls nicht.

    Sie kannten nur den Auftrag.

    Bis zur Straßenstation.

    Dort wartete ein Mann.

    Keine Uniform.

    Keine Eskorte.

    Nur ein Maultier und zwei Packkörbe.

    Der Fuhrmann stieg ab.

    „Argentorate?“

    Der Fremde schüttelte den Kopf.

    „Die Fracht endet hier.“

    „Meine Papiere sagen etwas anderes.“

    „Deine Papiere sollen genau das sagen.“

    Der Fuhrmann sah ihn misstrauisch an.

    „Wer bezahlt mich?“

    Der Mann hielt einen kleinen Beutel hoch.

    Das Misstrauen verschwand.

    Sie öffneten die Kiste.

    Der Fremde begann, die Metallwaren zu prüfen.

    Nicht hastig.

    Stück für Stück.

    Bis er fand, was er suchte.

    Ein kleines Stoffbündel.

    Er öffnete es nicht.

    Er legte es in einen der Packkörbe.

    Der Fuhrmann sah zu.

    „Was ist das?“

    „Etwas, das dich nichts angeht.“

    „Das sagen Männer immer über Dinge, wegen denen andere Männer sterben.“

    Der Fremde sah ihn an.

    „Dann vergiss, dass du es gesehen hast.“

    Der Fuhrmann betrachtete den Geldbeutel.

    „Schon geschehen.“

    VI. DAS SIEGEL VERLÄSST DIE FRACHT

    Damit geschah vor zwölf Jahren etwas Entscheidendes.

    Die Cista XXVII hatte aufgehört zu existieren.

    Ferramenta Agricolae ebenfalls.

    Das Siegel befand sich nicht mehr in einer registrierten Fracht.

    Nicht mehr auf einem Wagen.

    Nicht mehr in einer Handelsliste.

    Ein einzelner Mann hatte es übernommen.

    Auf einem Maultier.

    Ohne Frachtbrief.

    Ohne offiziellen Bestimmungsort.

    Die schriftliche Spur endete.

    Die menschliche begann.

    VII. GEGENWART – FAUSTUS REIST

    Faustus nahm sechs Männer.

    Nicht fünfzig.

    Keine Uniformen.

    Keine Standarten.

    Keine auffällige Eskorte.

    Appius wollte mitkommen.

    Faustus widersprach.

    „Du bleibst.“

    „Warum?“

    „Weil Marcellus wissen könnte, dass ich ihm gefolgt bin.“

    „Und?“

    „Wenn wir beide verschwinden, weiß er, dass wir etwas gefunden haben.“

    Appius verschränkte die Arme.

    „Du willst mich als Köder.“

    „Nein.“

    „Als was dann?“

    Faustus dachte kurz nach.

    „Als überzeugenden Mann, der so tut, als sei nichts geschehen.“

    „Das ist eine sehr höfliche Beschreibung für Köder.“

    Faustus grinste.

    „Deshalb habe ich sie gewählt.“

    VIII. MARCELLUS KEHRT ZURÜCK

    Marcellus kam zwei Tage nach seinem Treffen mit Lucius Priscus nach Mogontiacum zurück.

    Appius wusste davon.

    Er ließ sich nichts anmerken.

    Am Abend trafen sie sich scheinbar zufällig in einem Verwaltungsgebäude.

    Marcellus blieb stehen.

    „Appius.“

    „Marcellus.“

    „Faustus nicht bei dir?“

    Da war sie.

    Die Frage.

    Appius zuckte mit den Schultern.

    „Faustus ist selten dort, wo man ihn erwartet.“

    Marcellus lächelte.

    „Das habe ich bemerkt.“

    „Suchst du ihn?“

    „Nein.“

    „Gut.“

    Appius wollte weitergehen.

    Marcellus sagte:

    „Argentorate ist zu weit.“

    Appius blieb stehen.

    Nur für einen Augenblick.

    Dann drehte er sich um.

    „Was?“

    Marcellus lächelte.

    „Ich sagte: Der Winter kommt. Argentorate ist zu weit für unnötige Reisen.“

    Appius sah ihn an.

    Marcellus ging weiter.

    Appius wartete.

    Dann flüsterte er:

    „Du weißt es.“

    X. FAUSTUS ERREICHT DIE STATION

    Faustus erreichte die alte Straßenstation am späten Nachmittag.

    Zwölf Jahre hatten sie verändert.

    Aber nicht ausgelöscht.

    Neue Besitzer.

    Neue Gebäude.

    Der Brunnen stand noch.

    Auch Teile der alten Stallungen.

    Faustus zeigte dem Verwalter eine Abschrift.

    „Plaustrum XII.“

    Der Mann lachte.

    „Zwölf Jahre?“

    „Ja.“

    „Ihr erwartet nicht ernsthaft, dass ich mich daran erinnere.“

    „Nein.“

    Faustus legte eine Münze auf den Tisch.

    „Ich erwarte, dass du mir sagst, wer sich erinnern könnte.“

    Der Mann betrachtete die Münze.

    Dann Faustus.

    „Cassianus.“

    „Wer?“

    „Alter Stallknecht.“

    „Lebt er?“

    „Leider.“

    Faustus lächelte.

    „Wo?“

    XI. DER ALTE STALLKNECHT

    Cassianus war beinahe siebzig.

    Dünn.

    Gebückt.

    Aber sein Gedächtnis war besser als seine Beine.

    Faustus setzte sich ihm gegenüber.

    „Ein Wagen aus Augusta Raurica.“

    Cassianus schnaubte.

    „Davon kamen Hunderte.“

    „Plaustrum XII.“

    Keine Reaktion.

    „Ferramenta Agricolae.“

    Cassianus blickte auf.

    Faustus bemerkte es.

    „Du erinnerst dich.“

    „Vielleicht.“

    Faustus legte zwei Münzen hin.

    Cassianus nahm eine.

    „Jetzt erinnere ich mich besser.“

    Faustus musste beinahe lachen.

    „Was geschah?“

    „Sie kamen am Morgen.“

    „Wie viele Männer?“

    „Zwei.“

    „Und?“

    „Ein dritter wartete.“

    „Name?“

    „Nein.“

    „Aussehen?“

    Cassianus dachte nach.

    „Nicht besonders groß. Dunkles Haar. Vielleicht vierzig.“

    Faustus unterdrückte seine Enttäuschung.

    Nach zwölf Jahren war das wenig.

    „Was tat er?“

    „Nahm etwas aus der Fracht.“

    „Was?“

    „Weiß ich nicht.“

    „Eine Kiste?“

    „Nein.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Wie groß?“

    Cassianus hielt die Hände auseinander.

    Klein.

    Sehr klein.

    „Und dann?“

    „Ritt er fort.“

    „Pferd?“

    „Maultier.“

    „Richtung?“

    Cassianus deutete nicht nach Norden.

    Er deutete nach Osten.

    Faustus erstarrte.

    „Bist du sicher?“

    „Ich habe dort vierzig Jahre Tiere versorgt.“

    Cassianus sah ihn beleidigt an.

    „Ich weiß, welche Straße nach Argentorate führt.“

    „Und er nahm sie nicht.“

    „Nein.“

    „Wohin führt die andere?“

    Cassianus antwortete:

    „Zum Rhenus.“

    XII. NICHT ARGENTORATE

    Faustus stand vor der Straßenstation.

    Seine Männer warteten.

    Er betrachtete die Landschaft.

    Die offizielle Fracht war nach Argentorate unterwegs gewesen.

    Das Siegel nicht.

    Es hatte den Wagen vorher verlassen.

    Ein unbekannter Mann hatte es übernommen.

    Dann war er nach Osten geritten.

    Zum Rhein.

    Faustus zog die Karte hervor.

    Mehrere Möglichkeiten.

    Übergänge.

    Kleine Siedlungen.

    Militärische Anlagen.

    Handelswege.

    Er fluchte leise.

    Ein Speculator fragte:

    „Zu viele Wege?“

    „Ja.“

    Dann erinnerte sich Faustus an etwas.

    Das Depot.

    Corvinus.

    Die zweite Route.

    Und die alte Verbindung, die immer wieder auftauchte.

    Nicht nur nach Norden.

    Sondern über den Rhein.

    Faustus deutete auf die Karte.

    „Wir gehen zurück.“

    Der Speculator war überrascht.

    „Wir verfolgen die Spur nicht?“

    „Doch.“

    „Aber—“

    „Nicht blind.“

    Faustus faltete die Karte.

    „Jetzt wissen wir, dass Argentorate Täuschung war.“

    Er sah nach Osten.

    „Bevor wir einem zwölf Jahre alten Maultier hinterherreiten, will ich wissen, welche Rheinübergänge damals benutzt wurden.“

    XIII. APPIUS UND MARCELLUS

    Appius suchte Marcellus am Abend auf.

    Diesmal ohne Vorwand.

    Marcellus ließ Wein bringen.

    Appius lehnte ab.

    „Du wusstest von Argentorate.“

    Marcellus schwieg.

    „Warum?“

    „Weil Lucius Priscus es mir sagte.“

    Appius hatte nicht erwartet, dass Marcellus so offen antwortete.

    „Priscus.“

    „Der Sohn.“

    „Ich weiß.“

    Marcellus musterte ihn.

    „Faustus hat also zugehört.“

    Appius sagte nichts.

    Marcellus lächelte schwach.

    „Ich hätte es wissen müssen.“

    „Dann weißt du auch, dass Faustus dich hätte festnehmen können.“

    „Ja.“

    „Warum hat er es nicht getan?“

    „Weil er klüger ist als Severus.“

    Appius setzte sich.

    „Was suchst du wirklich?“

    Marcellus antwortete nicht sofort.

    Dann:

    „Den Mann, der Scaurus verraten hat.“

    Appius' Blick wurde scharf.

    „Nach zwölf Jahren?“

    „Seit zwölf Jahren.“

    „Name?“

    „Unbekannt.“

    „Dann woher weißt du, dass es ihn gibt?“

    Marcellus sah in seinen Becher.

    „Weil Scaurus' Sicherungssystem nur ausgelöst wurde, wenn jemand an sein Versteck kam.“

    Appius verstand.

    Marcella war nicht ohne Grund fortgeschickt worden.

    Das Siegel war nicht ohne Grund aus Rom verschwunden.

    Jemand hatte Scaurus' Vorsorge ausgelöst.

    „Und du glaubst, derselbe Mann sucht das Siegel noch immer.“

    „Ja.“

    „Beweise?“

    Marcellus sah ihn an.

    „Severus.“

    Appius runzelte die Stirn.

    „Severus arbeitet für dich.“

    „Das glaubt Severus.“

    XIV. DER ERSTE KONKRETE BRUCH

    Appius beugte sich vor.

    „Erkläre das.“

    Marcellus stellte den Becher ab.

    „Ich habe Severus benutzt.“

    „Wofür?“

    „Um herauszufinden, wer auf bestimmte Informationen reagiert.“

    „Trogus.“

    „Unter anderem.“

    „Titus.“

    „Ja.“

    „Faustus.“

    „Ja.“

    Appius wurde wütend.

    „Du hast uns alle überwachen lassen.“

    „Ja.“

    „Und den Namen Trogus gestreut?“

    Marcellus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Appius hielt inne.

    „Was?“

    „Das war nicht ich.“

    Zum ersten Mal seit Langem sagte Marcellus etwas, das Appius wirklich überraschte.

    „Die gefälschten Befehle?“

    „Nicht von mir.“

    „Das Siegel?“

    „Nicht von mir.“

    „Lucius' Entführung?“

    „Nicht von mir.“

    Appius sah ihn lange an.

    „Aber du hast gewusst, dass es geschieht.“

    „Teilweise.“

    „Und nichts getan.“

    Marcellus' Stimme wurde kalt.

    „Ich wollte sehen, wohin es führt.“

    Appius stand auf.

    „Menschen sind dabei gestorben.“

    „Ich weiß.“

    „Das genügt dir?“

    „Nein.“

    „Es klingt so.“

    Marcellus antwortete nicht.

    Appius ging zur Tür.

    Dann blieb er stehen.

    „Wenn du mich noch einmal als Köder benutzt—“

    Marcellus sah ihn an.

    „Dann?“

    Appius lächelte ohne Wärme.

    „Dann lernst du den Unterschied zwischen einem Legatenvertreter und einem Köder kennen.“

    Er ging.

    XVII. DER RHEIN

    Faustus' Nachricht erreichte Titus einen Tag später.

    ARGENTORATE WAR TÄUSCHUNG.

    SIEGEL VERLIESS FRACHT VORHER.

    UNBEKANNTER ÜBERNAHM ES.

    RICHTUNG RHENUS.

    Titus las.

    Dann legte er seine eigene Aussage Falcos daneben.

    Identisch.

    Selina sah über seine Schulter.

    „Dann führt alles wieder nach Germania.“

    Titus nickte.

    Massad fragte:

    „Mogontiacum?“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Das wissen wir nicht.“

    Er betrachtete die Karte.

    Der Rhein war lang.

    Zu lang.

    Aber sie besaßen jetzt einen Zeitraum.

    Einen Ausgangspunkt.

    Und einen Mann.

    Titus sagte:

    „Wir brauchen die Rheinübergänge.“

    Selina nickte.

    „Faustus wird dasselbe tun.“

    „Ja.“

    XVIII. FAUSTUS FINDET DEN ÜBERGANG

    In Mogontiacum lagen die alten Meldungen der Grenzposten vor Faustus.

    Zwölf Jahre.

    Hunderte Einträge.

    Er suchte nur einen Zeitraum.

    Sieben Tage nach dem Verschwinden der Ferramenta Agricolae.

    Reiter.

    Maultier.

    Einzelperson.

    Faustus las.

    Nichts.

    Nichts.

    Nichts.

    Dann:

    MANN MIT MAULTIER.

    Privater Händler.

    Überquerung genehmigt.

    Fracht:

    Metallwaren.

    Faustus' Herz schlug schneller.

    „Ort?“

    Der Schreiber zeigte darauf.

    Faustus las.

    Kein großer Übergang.

    Keine bedeutende Brücke.

    Eine kleinere kontrollierte Fährstelle.

    Nördlich des Ausgangspunktes.

    Faustus fragte:

    „Name des Reisenden?“

    Der Schreiber las.

    Titus Valerius Crispinus.

    Faustus erstarrte.

    Nicht weil er den Mann kannte.

    Sondern wegen des Namens.

    Valerius.

    Wieder.

    Corvinus.

    Priscus.

    Jetzt Crispinus.

    Der Schreiber bemerkte seinen Blick.

    „Verwandt?“

    Faustus schüttelte sofort den Kopf.

    „Das wissen wir nicht.“

    Er hatte gelernt.

    Gleiche Namen waren noch keine Beweise.

    „Was steht noch dort?“

    Der Schreiber las weiter.

    Dann hielt er inne.

    „Zielgebiet.“

    „Welches?“

    Der Mann sah Faustus an.

    „Mattiacorum.“

    Faustus stand auf.

    Jetzt war die Spur nicht mehr der gesamte Rhein.

    Sie führte in ein Gebiet, das er kannte.

    Sehr gut.

    XIX. TITUS VALERIUS CRISPINUS

    Appius betrachtete den Eintrag.

    „Schon wieder ein Valerius.“

    Faustus nickte.

    „Und diesmal machen wir nicht den Fehler, daraus sofort eine Familie zu bauen.“

    „Sehr vernünftig.“

    „Danke.“

    „Langweilig.“

    Faustus sah ihn an.

    Appius grinste.

    Dann wurde er ernst.

    „Mattiacorum.“

    „Ja.“

    „Aquae Mattiacorum?“

    „Möglich.“

    „Und danach?“

    „Das finden wir heraus.“

    Appius deutete auf den Namen.

    „Crispinus.“

    Faustus dachte nach.

    Der Name kam ihm bekannt vor.

    Nicht aus der Verschwörung.

    Aus älteren Unterlagen.

    Er stand auf.

    Ging zu einem anderen Regal.

    Suchte.

    Dann fand er eine Wachstafel.

    Eine Liste ziviler Vertragspartner der Legio XXII.

    Jahre alt.

    Faustus fuhr mit dem Finger darüber.

    Da.

    T. VALERIUS CRISPINUS

    Beruf:

    mensor.

    Landvermesser.

    Tätigkeit:

    Straßen- und Grenzvermessungen.

    Faustus blickte Appius an.

    „Jetzt wird es interessant.“

    „Warum?“

    „Weil ein Landvermesser Orte kennt, die auf keiner Handelsroute liegen.“

    XX. DIE KARTE

    Crispinus hatte zwölf Jahre zuvor für mehrere zivile und militärische Bauprojekte gearbeitet.

    Straßen.

    Grenzmarkierungen.

    Wasserleitungen.

    Vermessungen.

    Faustus ließ die alten Aufträge zusammentragen.

    Einer fiel auf.

    Nicht wegen seiner Größe.

    Wegen seines Ortes.

    Ein aufgegebenes Gut westlich von Aquae Mattiacorum.

    Damals im Besitz eines Mannes, dessen Name Faustus bereits kannte.

    Er las.

    Dann noch einmal.

    Appius trat näher.

    „Was?“

    Faustus zeigte auf den Eintrag.

    Besitzer:

    Marcus Aurelius Scaurus.

    Stille.

    Appius setzte sich langsam.

    „Scaurus hatte dort Land?“

    „Offenbar.“

    „Wusste Titus davon?“

    „Das werden wir herausfinden.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    Corvinus hatte das Siegel aus Massilia gebracht.

    Gaius Priscus hatte die Fracht in Augusta Raurica übernommen.

    Die falsche Route hatte nach Argentorate geführt.

    Vor Argentorate war das Siegel aus der Fracht genommen worden.

    Ein Mann namens Titus Valerius Crispinus hatte es möglicherweise über den Rhein gebracht.

    Crispinus war Landvermesser.

    Und er kannte ein abgelegenes Grundstück des Marcus Aurelius Scaurus.

    Faustus nahm eine Wachstafel.

    Dieses Mal schrieb er nicht an Trogus.

    Nicht an Marcellus.

    Nur an Titus.

    SCAURUS BESASS EIN GUT BEI AQUAE MATTIACORUM.

    CRISPINUS HATTE DORT ZUGANG.

    ICH PRÜFE ES.

    XXI. MARCELLUS ERFÄHRT ES ZU SPÄT

    Severus stand vor Marcellus.

    „Faustus ist zurück.“

    „Wo war er?“

    „Unbekannt.“

    Marcellus sah ihn an.

    „Dann finde es heraus.“

    „Appius beobachtet mich.“

    „Natürlich.“

    Severus zögerte.

    „Es gibt noch etwas.“

    „Was?“

    „In den alten Registern wurde nach einem Mann gesucht.“

    Marcellus wurde aufmerksam.

    „Name?“

    „Titus Valerius Crispinus.“

    Marcellus erstarrte.

    Nur einen Augenblick.

    Doch Severus sah es.

    „Du kennst ihn.“

    Marcellus antwortete nicht.

    „Marcellus.“

    „Woher stammt der Name?“

    „Grenzregister.“

    „Wer hat danach gesucht?“

    „Faustus.“

    Marcellus ging sofort zur Tür.

    Severus folgte.

    „Was ist?“

    Marcellus drehte sich um.

    Zum ersten Mal wirkte er nicht kontrolliert.

    „Wenn Faustus Crispinus gefunden hat, findet er auch das Gut.“

    „Welches Gut?“

    Marcellus griff nach seinem Mantel.

    „Das des Scaurus.“

    XXIII. DAS GUT DES SCAURUS

    Faustus stand am Waldrand.

    Vor ihm lag das ehemalige Gut.

    Oder das, was davon übrig war.

    Ein kleines Wohngebäude.

    Stallungen.

    Ein eingestürzter Schuppen.

    Ein alter Brunnen.

    Keine Bewohner.

    Kein Rauch.

    Keine Tiere.

    Appius war diesmal bei ihm.

    „Titus sagte, wir sollen es nicht betreten.“

    Faustus nickte.

    „Tun wir auch nicht.“

    „Was tun wir dann?“

    „Warten.“

    Appius seufzte.

    „Das kannst du wirklich gut.“

    „Danke.“

    Sie warteten.

    Eine Stunde.

    Zwei.

    Dann kam ein Reiter.

    Nicht Marcellus.

    Nicht Severus.

    Nicht Lucius Priscus.

    Ein alter Mann.

    Er stieg vor dem Gut ab.

    Ging zum Brunnen.

    Faustus beobachtete ihn.

    Der Mann entfernte mehrere Steine am Brunnenrand.

    Dann griff er in einen schmalen Spalt.

    Appius flüsterte:

    „Da ist etwas.“

    Der Alte zog einen kleinen Gegenstand heraus.

    Keine Kiste.

    Kein Siegel.

    Eine Wachstafel.

    Er steckte sie unter seinen Mantel.

    Faustus wartete nicht länger.

    „Jetzt.“

    Die Speculatores traten aus dem Wald.

    Der alte Mann erstarrte.

    Faustus ging langsam auf ihn zu.

    „Nicht weglaufen.“

    Der Mann sah die Bewaffneten.

    Dann Faustus.

    „Ich kann nicht mehr besonders schnell.“

    „Das erleichtert vieles.“

    Faustus blieb vor ihm stehen.

    „Name.“

    Der Mann schwieg.

    Appius trat hinzu.

    „Wir können das auch unangenehm machen.“

    Der Alte sah ihn an.

    Dann sagte er:

    „Titus Valerius Crispinus.“

    Faustus und Appius wechselten einen Blick.

    Nach zwölf Jahren stand der Mann vor ihnen, der das Siegel über den Rhein gebracht haben konnte.

    Faustus streckte die Hand aus.

    „Die Wachstafel.“

    Crispinus hielt sie fest.

    „Nein.“

    „Das war keine Bitte.“

    Der alte Landvermesser betrachtete Faustus.

    Dann fragte er:

    „Arbeitest du für Titus Aurelius Romanus?“

    Faustus antwortete nicht sofort.

    „Warum?“

    Crispinus sah ihn an.

    „Weil ich diese Tafel nur ihm geben darf.“

    Faustus' Blick wurde scharf.

    „Wer hat dir das befohlen?“

    Crispinus antwortete:

    „Marcus Aurelius Scaurus.“

    Stille.

    Appius sah Faustus an.

    Faustus fragte:

    „Wann?“

    Crispinus' Antwort kam ruhig.

    „Vor zwölf Jahren.“

    „Scaurus ist tot.“

    „Ja.“

    „Dann warum kommst du heute hierher?“

    Crispinus blickte auf die Tafel in seiner Hand.

    „Weil Scaurus mir gesagt hat, wann ich sie holen soll.“

    Faustus spürte, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufrichteten.

    „Wann?“

    Crispinus sah ihn direkt an.

    „Wenn jemand beginnt, nach Ferramenta Agricolae zu suchen.“

    Fortsetzung: DIES XVIII – TABULA SCAURI

    Die Tafel des Scaurus

  • Die Tafel des Scaurus

    „Wenn jemand beginnt, nach Ferramenta Agricolae zu suchen.“

    Faustus Iunius Rupa sagte nichts.

    Vor ihm stand Titus Valerius Crispinus.

    Alt.

    Gebückt.

    Ein ehemaliger Landvermesser.

    Und in seiner rechten Hand hielt er eine Wachstafel, die Marcus Aurelius Scaurus vor zwölf Jahren für einen Tag vorbereitet hatte, von dem niemand wusste, ob er jemals kommen würde.

    Appius trat näher.

    „Du willst behaupten, Scaurus habe vor zwölf Jahren vorhergesehen, dass wir heute hier stehen?“

    Crispinus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Er blickte auf die Tafel.

    „Er wusste nur, dass irgendwann jemand kommen könnte.“

    Faustus streckte erneut die Hand aus.

    „Die Tafel.“

    Crispinus hielt sie fest.

    „Sie ist für Titus Aurelius Romanus.“

    „Der befindet sich in Rom.“

    „Dann muss sie nach Rom.“

    „Dafür sorge ich.“

    Crispinus sah Faustus lange an.

    „Woher weiß ich, dass ich dir vertrauen kann?“

    Faustus antwortete ruhig:

    „Gar nicht.“

    Crispinus hob überrascht den Blick.

    Faustus fuhr fort:

    „Und wenn Scaurus so vorsichtig war, wie ich inzwischen glaube, hätte er vermutlich dieselbe Antwort gegeben.“

    Zum ersten Mal lächelte der alte Mann.

    „Vielleicht bist du deshalb der Richtige.“

    Er reichte Faustus die Tafel.

    I. DAS SIEGEL

    Appius wollte sie sofort öffnen.

    Faustus hielt ihn zurück.

    „Nicht.“

    „Warum?“

    Faustus drehte die Wachstafel um.

    Auf der Rückseite befand sich ein kleines Wachssiegel.

    Ungebrochen.

    Appius erkannte das Zeichen.

    Ein Adler.

    Aber nicht jener Adler mit drei Strichen und Kreis, der ihnen während der Ermittlungen immer wieder begegnet war.

    Ein einfacher Familienadler.

    Darunter:

    M. AUR. SCAURUS

    Appius flüsterte:

    „Sein persönliches Siegel.“

    Crispinus nickte.

    „So erhielt ich sie.“

    „Vor zwölf Jahren?“

    „Ja.“

    „Und du hast sie nie geöffnet?“

    Crispinus sah Appius beleidigt an.

    „Nein.“

    Faustus betrachtete das ungebrochene Wachs.

    Damit war zumindest eines wahrscheinlich:

    Was immer sich auf der Tafel befand, war nicht nachträglich verändert worden.

    Scaurus hatte diese Worte selbst versiegelt.

    Faustus steckte die Tafel ein.

    „Sie geht nach Rom.“

    Appius sah ihn an.

    „Ungeöffnet?“

    „Ungeöffnet.“

    „Du bist neugieriger als ich.“

    „Ja.“

    „Und trotzdem—“

    „Sie ist für Titus.“

    Faustus wandte sich Crispinus zu.

    „Aber du bist für uns.“

    II. CRISPINUS ERZÄHLT

    Sie betraten das verlassene Gut nicht.

    Faustus erinnerte sich an Titus' Warnung.

    BETRITT ES NICHT, BEVOR DU WEISST, WER DICH BEOBACHTET.

    Also blieben sie außerhalb.

    Zwischen den Bäumen.

    Zwei Speculatores sicherten den Weg.

    Faustus setzte sich auf einen umgestürzten Stamm.

    Crispinus stand vor ihm.

    „Von Anfang an.“

    Der Alte atmete tief durch.

    „Ich arbeitete damals für Scaurus.“

    „Als Landvermesser.“

    „Ja.“

    „Und für die Legio XXII.“

    „Gelegentlich.“

    „Was wollte Scaurus von dir?“

    „Orte.“

    Faustus sah ihn an.

    „Welche Orte?“

    „Abgelegene.“

    Appius fragte:

    „Verstecke?“

    „Nicht immer.“

    Crispinus deutete auf das Gut.

    „Manchmal brauchte er nur Grundstücke, die niemanden interessierten.“

    „Warum?“

    „Das fragte ich nicht.“

    Faustus nickte.

    „Wann kam das Siegel ins Spiel?“

    Crispinus wurde still.

    Dann:

    „Später.“

    III. DIE NACHT VOR ZWÖLF JAHREN

    Crispinus erinnerte sich.

    Ein Bote hatte ihn mitten in der Nacht geweckt.

    Kein Name.

    Nur eine Anweisung.

    Er sollte zu einer kleinen Fährstelle am Rhenus kommen.

    Allein.

    Dort wartete ein Mann mit einem Maultier.

    „Corvinus?“, fragte Appius.

    „Nein.“

    „Gaius Priscus?“

    „Nein.“

    „Wer?“

    Crispinus sah ihn an.

    „Ich wusste seinen Namen nicht.“

    Faustus fragte:

    „Beschreibung?“

    „Etwa vierzig. Dunkles Haar. Kräftig. Gallischer Mantel.“

    Faustus und Appius wechselten einen Blick.

    Die Beschreibung passte zu dem Mann, den sowohl Cassianus als auch Marcus Sextius Falco erwähnt hatten.

    „Was gab er dir?“

    „Ein Stoffbündel.“

    „Hast du hineingesehen?“

    „Nein.“

    „Was sagte er?“

    Crispinus erinnerte sich genau.

    „Bring es zum Gut des Scaurus.“

    Appius sah zum verlassenen Anwesen.

    „Hierher.“

    „Ja.“

    „Und das hast du getan.“

    Crispinus schwieg.

    Faustus bemerkte es sofort.

    „Nein.“

    Der Alte sah ihn an.

    „Nein.“

    IV. CRISPINUS BRACH DEN BEFEHL

    Appius trat näher.

    „Warum?“

    Crispinus antwortete:

    „Weil ich verfolgt wurde.“

    Faustus' Gesicht wurde ernst.

    „Wo hast du es bemerkt?“

    „Etwa zwei Meilen nach der Fährstelle.“

    „Wie viele?“

    „Einen Reiter.“

    „Sicher, dass er dir folgte?“

    „Ich bog dreimal von der direkten Route ab.“

    Crispinus sah Faustus an.

    „Er blieb hinter mir.“

    Faustus nickte.

    Das genügte ihm.

    „Was hast du getan?“

    „Ich bin nicht zum Gut geritten.“

    „Wohin?“

    „Zu einer Vermessungsstelle.“

    Appius runzelte die Stirn.

    „Was für eine Vermessungsstelle?“

    „Eine alte Quelle.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    Crispinus fuhr fort:

    „Wir hatten dort Monate zuvor Gelände für eine Wasserleitung vermessen.“

    „Aquae Mattiacorum?“

    „Ja.“

    „Und dort hast du das Bündel versteckt.“

    „Nur vorübergehend.“

    Faustus fragte:

    „Hast du damals gewusst, was darin war?“

    „Nein.“

    „Wann hast du es erfahren?“

    Crispinus antwortete:

    „Am folgenden Tag.“

    V. SCAURUS KOMMT SELBST

    Marcus Aurelius Scaurus war persönlich gekommen.

    Keine Eskorte.

    Keine Diener.

    Nur er.

    Crispinus hatte ihn an der Vermessungsstelle erwartet.

    Scaurus war wütend gewesen.

    Nicht auf Crispinus.

    Auf die Situation.

    „Du wurdest verfolgt?“

    „Ja.“

    „Hat er gesehen, wo du es versteckt hast?“

    „Nein.“

    Scaurus hatte lange geschwiegen.

    Dann sagte er:

    „Gut.“

    Crispinus erzählte weiter.

    „Er ließ sich zu dem Versteck führen.“

    „Und dort?“, fragte Faustus.

    „Öffnete er das Bündel.“

    Appius hielt den Atem an.

    „Du hast das Siegel gesehen.“

    Crispinus nickte.

    „Zum ersten und letzten Mal.“

    Faustus fragte:

    „Wie sah es aus?“

    Crispinus beschrieb es.

    Größe.

    Material.

    Beschädigung am Rand.

    Scaurus' Gegensiegel.

    Die Beschreibung stimmte mit dem überein, was sie inzwischen wussten.

    Kein Zweifel.

    Crispinus hatte das echte Siegel gesehen.

    VI. DIE ENTSCHEIDUNG DES SCAURUS

    „Was tat Scaurus damit?“

    Crispinus blickte auf seine Hände.

    „Er nahm es.“

    „Und brachte es hierher?“

    „Nein.“

    Faustus stand auf.

    „Wohin?“

    „Das weiß ich nicht.“

    Appius fluchte leise.

    Crispinus hob die Hand.

    „Aber ich weiß, was er danach tat.“

    Faustus wartete.

    „Drei Tage später rief er mich wieder.“

    „Hierher?“

    „Ja.“

    „Und?“

    „Er sagte mir, dass das Gut niemals das Versteck sein dürfe.“

    Faustus verstand.

    Der unbekannte Verfolger hatte möglicherweise die Verbindung zu Scaurus gekannt.

    Wenn Crispinus zum Gut geritten wäre, hätte er ihn direkt zum vorgesehenen Versteck geführt.

    Scaurus hatte deshalb seinen eigenen Plan verworfen.

    Appius fragte:

    „Was hatte das mit Ferramenta Agricolae zu tun?“

    Crispinus sah ihn an.

    „Alles.“

    VII. DIE SICHERUNG

    Scaurus hatte Crispinus eine Wachstafel gegeben.

    Genau jene, die nun bei Faustus lag.

    Dazu eine Anweisung.

    Crispinus zitierte sie beinahe Wort für Wort:

    „Solange niemand nach der Fracht sucht, tust du nichts.“

    Faustus hörte aufmerksam zu.

    „Wenn jemand nach Cista XXVII sucht?“

    Crispinus schüttelte den Kopf.

    „Auch dann nicht.“

    Appius war überrascht.

    „Warum?“

    „Weil Scaurus sagte, dass Cista XXVII gefunden werden dürfe.“

    Faustus verstand sofort.

    „Die erste Spur war entbehrlich.“

    „Ja.“

    „Und Ferramenta Agricolae?“

    Crispinus nickte.

    „Wenn jemand diesen Namen findet, ist er durch zwei Sicherungen gegangen.“

    Appius ergänzte:

    „Cista XXVII und Augusta Raurica.“

    „Ja.“

    Crispinus sah zum Brunnen.

    „Scaurus sagte: Wenn jemand eines Tages nach Ferramenta Agricolae sucht, dann ist entweder der richtige Mann sehr nahe an der Wahrheit—“

    Er machte eine Pause.

    Faustus fragte:

    „Oder?“

    „Der falsche.“

    VIII. WARUM TITUS?

    Appius deutete auf Faustus' Mantel, unter dem die Tafel steckte.

    „Warum für Titus Aurelius Romanus?“

    Crispinus schüttelte den Kopf.

    „Das stand damals nicht fest.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Erkläre das.“

    „Scaurus sagte nicht: Gib sie Titus.“

    „Aber eben hast du—“

    „Weil ich später eine zweite Anweisung erhielt.“

    Stille.

    Faustus sah ihn an.

    „Wann?“

    „Vor sechs Jahren.“

    „Von wem?“

    „Aurelia Marciana.“

    Jetzt wurde es vollkommen still.

    Appius fragte:

    „Marciana wusste von der Tafel?“

    „Offenbar.“

    „Was schrieb sie?“

    Crispinus erinnerte sich.

    „Wenn die Bedingung jemals eintritt, soll Scaurus' Tafel an einen Aurelier gehen, dem du zutraust, die Wahrheit über die Macht zu stellen.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Und du hast Titus gewählt.“

    Crispinus nickte.

    „Ja.“

    „Warum?“

    Der Alte sah Faustus an.

    „Weil er angefangen hat zu suchen, obwohl Schweigen für ihn sicherer gewesen wäre.“

    IX. EIN REITER IM WALD

    Einer der Speculatores erschien.

    „Biarchus.“

    Faustus stand sofort auf.

    „Was?“

    „Wir werden beobachtet.“

    Crispinus wurde blass.

    Appius griff zum Schwert.

    Faustus blieb ruhig.

    „Wo?“

    „Nordwestlich. Ein Reiter.“

    „Seit wann?“

    „Vielleicht seit einer Viertelstunde.“

    Faustus sah Crispinus an.

    Zwölf Jahre zuvor war er verfolgt worden.

    Und jetzt wieder.

    „Beschreibung?“

    „Zu weit entfernt.“

    Faustus gab sofort Befehle.

    „Zwei Männer bleiben bei Crispinus.“

    „Jawohl.“

    „Appius.“

    „Ja.“

    „Du nimmst die Tafel.“

    Appius sah ihn überrascht an.

    „Ich dachte, sie bleibt bei dir.“

    „Genau deshalb.“

    Faustus zog die versiegelte Tafel hervor und gab sie ihm.

    „Du reitest nicht nach Mogontiacum.“

    Appius verstand.

    „Wohin?“

    Faustus sagte leise:

    „In die entgegengesetzte Richtung.“

    X. DIE TÄUSCHUNG

    Faustus ritt offen vom Gut weg.

    Zwei Speculatores bei ihm.

    Richtung Mogontiacum.

    Appius dagegen wartete.

    Erst eine Stunde später verließ er das Gebiet.

    Allein.

    Die Tafel verborgen unter seiner Tunika.

    Nicht auf der Straße nach Mogontiacum.

    Sondern zunächst nach Süden.

    Der unbekannte Beobachter folgte Faustus.

    Genau wie gehofft.

    Faustus bemerkte ihn nach der dritten Wegbiegung.

    Er lächelte.

    „Da bist du.“

    Der Speculator neben ihm fragte:

    „Festnehmen?“

    „Nein.“

    „Schon wieder nicht?“

    „Noch nicht.“

    Faustus blickte geradeaus.

    „Ich möchte wissen, wem er berichtet.“

    XIX. FAUSTUS FOLGT DEM REITER

    Während Titus in Rom Scaurus' Worte las, verfolgte Faustus den unbekannten Reiter.

    Nicht direkt.

    Zwei Speculatores wechselten sich ab.

    Der Mann ritt nach Mogontiacum.

    Doch er betrat nicht das Legionslager.

    Er ging auch nicht zum Hafen.

    Er hielt vor einem kleinen Verwaltungsgebäude.

    Faustus kannte es.

    Nicht militärisch.

    Zivil.

    Ein Archiv für Grundstücks- und Transportangelegenheiten.

    Der Reiter ging hinein.

    Kam kurze Zeit später wieder heraus.

    Ohne sichtbare Übergabe.

    Faustus ließ ihn weiterziehen.

    Dann betrat er selbst das Gebäude.

    Der Schreiber sah auf.

    „Kann ich helfen?“

    Faustus legte seine Hand auf den Tisch.

    „Der Mann, der gerade hier war.“

    Der Schreiber wurde blass.

    „Welcher Mann?“

    Faustus lächelte.

    „Falsche Antwort.“

    XX. DIE NACHRICHT

    Der Schreiber brauchte nicht lange.

    Keine Folter.

    Keine Drohungen.

    Nur die Erkenntnis, dass Faustus bereits genug wusste.

    „Er wollte einen Eintrag sehen.“

    „Welchen?“

    „Das Gut des Marcus Aurelius Scaurus.“

    Faustus' Blick wurde hart.

    Scaurus' Tafel hatte noch nicht einmal Rom erreicht.

    Und bereits suchte jemand nach demselben Gut.

    „Was genau wollte er wissen?“

    „Ob es noch einen eingetragenen Besitzer gibt.“

    „Und?“

    „Nein.“

    „Sonst etwas?“

    Der Schreiber zögerte.

    „Er fragte nach einem Namen.“

    Faustus trat näher.

    „Welchem?“

    „Titus Valerius Crispinus.“

    Faustus schwieg.

    Der Beobachter hatte Crispinus gesehen.

    Jetzt suchte jemand nach ihm.

    „Wer hat den Mann geschickt?“

    „Das weiß ich nicht.“

    „Hat er eine Nachricht hinterlassen?“

    Der Schreiber nickte.

    „Für jemanden.“

    „Wen?“

    Der Mann schluckte.

    „Gaius Iunius Marcellus.“

    XXI. MARCELLUS BEKOMMT DIE NACHRICHT

    Marcellus erhielt die Wachstafel am Abend.

    CRISPINUS AM GUT.

    Darunter:

    FAUSTUS EBENFALLS.

    Marcellus stand lange am Fenster.

    Severus befand sich hinter ihm.

    „Dann hat Faustus ihn gefunden.“

    „Ja.“

    „Was jetzt?“

    Marcellus antwortete nicht.

    „Wir müssen Crispinus holen.“

    „Nein.“

    Severus wurde ungeduldig.

    „Er weiß zu viel.“

    „Genau deshalb fasst du ihn nicht an.“

    „Warum?“

    Marcellus drehte sich um.

    „Weil Faustus darauf wartet.“

    Severus schwieg.

    Marcellus sah erneut auf die Nachricht.

    „Wenn Crispinus nach zwölf Jahren zum Gut zurückkehrt, hat jemand Ferramenta Agricolae gefunden.“

    Severus verstand.

    „Faustus.“

    „Vielleicht.“

    „Wer sonst?“

    Marcellus sah ihn an.

    „Titus.“

    XXIV. CRISPINUS VERSCHWINDET

    In Germania Superior wollte Faustus am nächsten Morgen erneut mit Crispinus sprechen.

    Doch der alte Mann war fort.

    Nicht entführt.

    Keine Kampfspuren.

    Keine Leiche.

    Seine wenigen Sachen fehlten.

    Auf dem Tisch lag nur eine kurze Nachricht.

    Faustus las:

    MEINE AUFGABE IST ERFÜLLT.

    Darunter:

    SUCHT NICHT NACH MIR.

    Appius war noch unterwegs aus Rom und konnte es nicht sehen.

    Faustus stand allein im Raum.

    Ein Speculator fragte:

    „Sollen wir ihn suchen?“

    Faustus betrachtete die Worte.

    Dann schüttelte er den Kopf.

    „Nein.“

    „Warum?“

    „Weil er zwölf Jahre gewartet hat.“

    Faustus legte die Tafel ab.

    „Ich glaube, wir können ihm einen Vorsprung gönnen.“

    XXVI. DIE ERSTE REAKTION

    Severus sah die Nachricht.

    Nur wenige Herzschläge.

    Mehr brauchte es nicht.

    Er stellte keine Frage.

    Er gab sie zurück.

    Tat uninteressiert.

    Verließ das Gebäude.

    Faustus ließ ihn gehen.

    Ein Speculator übernahm.

    Dann ein zweiter.

    Severus ging nicht zu Marcellus.

    Nicht zum Hafen.

    Nicht zum Depot.

    Er ritt zu einer kleinen Mansio außerhalb Mogontiacums.

    Dort wartete ein Kurier.

    Severus gab ihm eine Wachstafel.

    Der Kurier ritt sofort los.

    Faustus folgte nicht selbst.

    Drei Männer übernahmen nacheinander.

    Der Kurier ritt nach Süden.

    Dann wechselte er das Pferd.

    Und nahm die Straße—

    nach Rom.

    Fortsetzung: DIES XIX – DOMUS AVENTINA

    Das Haus auf dem Aventin

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