Beiträge von Silas

    Wenn das überhaupt möglich war, dann war der fremde Sklave, der an dem ganzen Unglück schuld war, noch weitaus erschrockener als Silas selbst. Der fing sogar an, rumzuheulen, dabei war er ganz klar ein paar Jahre älter als Silas. Und er behauptete, man könne das alles kleben... na klar. Schon war Domina Valentina zur Stelle, und drohte Silas mit Strafe, ohne überhaupt mal nur hören zu wollen was eigentlich passiert war. Silas wusste, dass er jetzt besser den Mund hielt, und das tat er, auch wenn die Ungerechtigkeit heiß in ihm wütete.
    Feindselig, stumm, und ganz und gar vorwurfsvoll blickte Silas zu dem Depp, der an allem schuld war. Domina Valentina scheuchte den jetzt vor sich her, um dessen Dominus zu finden.
    Resigniert begann Silas die Scherben einzusammeln. Dominus Clemens sah sich die Bescherung auch noch kurz an, bevor er wieder davonschlingerte...


    Silas legte die Scherben in das Serviertuch, das er als Mundschenk über dem Arm getragen hatte, und schlug das Bündel zusammen. Das die Herrschaften das Unglück nicht an die große Glocke hängen wollten war klar, darum verbarg er das Bündel in einem Geschenkkorb mit apulischen Spezialitäten tief unter den Hartwürsten. Dann atmete er ganz tief durch, zog seine Tunika zurecht, und kehrte zurück zu seinem Weintablett. Ein bisschen blass war Silas immer noch, und seine Hände etwas fahrig, aber er konzentrierte sich wieder so gut wie möglich auf seine Aufgabe.

    Dominus Sagitta schien noch ohne Wein, darum trat Silas auf ihn zu und neigte den Kopf.
    "Darf ich dir einen Becher Massiker einschenken, Dominus Sagitta, oder hast du einen anderen Wunsch?"

    Es tat entsetzlich weh. Silas biss sich die Lippen blutig, um nicht zu schreien, aber jeder Schlag war wie ein weißglühender Blitz von Schmerz, der bis in seinen innersten Kern drang. Tränen liefen ihm übers Gesicht, und ein rohes, verzweifeltes Ächzen kam aus seinem Mund, bei jedem Schlag. Dann war es vorbei, Schritte entfernten sich. Zitternd lag Silas über der Bank, der Rücken ein einziger brennender Schmerz, von dem ein warmes Rieseln über seine Flanken lief. Benommen sah Silas auf das rote Sprenkelmuster eines Blutstropfens im Staub unter ihm, und halb weggetreten bekam er kaum noch mit, wie seine Eltern ihm hoch halfen und ihn in die Schlafkammer brachten. Columbana gab ihm einen bitteren Kräutersud, worauf alles ein bisschen taub wurde, bevor sie und Silas' Mama seine Striemen wuschen und salbten und die aufgeplatzten Stellen verbanden.


    Die nächsten Tage lag Silas schmerzgeplagt auf dem Bauch auf seinem Lager. Es ging ihm aber bald besser, und viele Mitglieder der Hausgemeinschaft besuchten ihn, und vertrieben ihm die Langeweile. Paulinus spielte ausdauernd Ludus latrunculorum mit ihm und Silas große Schwester Sophia brachte ihm Leckerbissen aus der Küche mit.
    Als die Wunden verheilt waren, verpasste ihm die Vilica den Halsreif, aus Eisen, fest vernietet. Wenn ich entlaufe, fang mich und bring mich in die Casa Decima Mercator, so wirst du belohnt stand darauf. Silas hasste das blöde Ding von Anfang an. Es war so peinlich... und unbequem dazu.


    In den kommenden Wochen musste er dann dem Grobknecht zur Hand gehen, Holz hacken, Hypokausten anheizen, Latrinen putzen, Müll wegbringen und all so ödes anstrengendes Zeug. Silas hätte nie gedacht, dass er mal den Unterricht beim strengen Bibliothekar vermissen würde, aber wenn er jetzt Paulinus und die anderen mit ihren Wachstafeln dorthin stiefeln sah, dann wünschte er sich mehr als alles andere, dass er sich wieder zu ihnen gesellen dürfte.
    Erst am Tag der Hochzeit des Dominus, da durfte Silas endlich Axt und Schürhaken liegen lassen, und sich statt dessen wieder als Mundschenk betätigen...

    Bloß nichts falsch machen.
    Von oben bis unten blank geschrubbt, so dass kein Fitzelchen Ruß mehr an ihm zu finden war, frisch eingekleidet in eine nagelneue Tunika und mit einem diensteifrigen Lächeln auf den Lippen, so servierte Silas den Wein. Aus dem rauchigen Heizkeller und der elenden Schufterei, dem öden Einerlei von Holzhacken und Ofenkehren, hatte ihn die Hand der Herrschaften emporgehoben, und in eine andere Welt versetzt. Hier flanierten edle Herren und wunderschöne Damen, ihre Kleider bunt wie eine Blumenwiese und schillernd wie Schmetterlingsflügel. Hier spielte Musik, die hohen Gäste unterhielten sich gepflegt und heiter.
    Aufmerksam achtete Silas darauf, wer welchen Wein bevorzugte, und wessen Kelch zur Neige gegangen war. Unaufdringlich und anmutig füllte er nach, mischte und würzte nach dem Belieben der Gäste. Vor allem den Damen bot er auch leichte Fruchtweine an, und natürlich honigsüßen Mulsum.
    Fast war es, als wäre alles wie früher, und er hätte den schlimmen Fehler nie begangen. Doch um Silas' Hals lag immer noch der Metallreif genietet, auf dem die Worte eingraviert waren: Wenn ich entlaufe, fang mich und bring mich in die Casa Decima Mercator, so wirst du belohnt. Der erinnerte ihn daran, dass eben doch nicht alles so war wie früher. Silas schämte sich für den Kragen. Vor den edlen Gästen hielt er die Augen niedergeschlagen. Manchmal wanderte sein Blick scheu zu Angus, der am Rande des Atriums stand.


    Als Dominus Serapio ihn herbeiwinkte, war Silas sofort zur Stelle. Er stellte sein Tablett ab und nahm das Geschenk der edlen Domina Drusilla vorsichtig an sich. Die Vase war ziemlich schwer, die Henkel eher dünn, Silas nahm das Gefäß darum lieber in die Arme und stützte es von unten. Vorsichtig trug er es in das ans Atrium angrenzende Zimmer, in dem die Geschenke auf einem großen Tisch repräsentativ zur Schau gestellt wurden. Während Silas noch überlegte, wo die Vase am besten hinpasste, geschah es schneller als man denken konnte: ein Stoß, ein Stolpern, ein Klirren... Kreidebleich starrte Silas auf die Bruchstücke.
    "Oh nein... nein... nein..."
    Verzweifelt fiel er auf die Knie. Seine Hände bebten, als er nach den Scherben griff, als könne er sie kraft seines Willens einfach wieder zusammensetzen. Fassungslos über das Unglück, sah Silas auf zu dem Mann, der da gegen ihn gelaufen war, starrte den Schuldigen an, mit schreckgeweiteten Augen.

    Alles war wie ein böser Traum. Über die Holzbank gebeugt wartete Silas auf den ersten Schlag, mit fest zusammengebissenen Zähnen.
    Es ist ja gleich vorbei. sagte er sich. Es tut weh, aber es geht vorbei. Dann gehöre ich wieder dazu. Hauptsache ich darf bleiben. Dann tut es eben kurz weh. Ich bin tapfer.
    Natürlich hatte Silas schon einige Auspeitschungen gesehen, nicht hier im Haus aber bei den Ludi, wenn die Verbrecher öffentlich gerichtet wurden. Er krallte die Hände in das Holz um nicht zu zittern. Aber so schlimm wie da wird es schon nicht sein. Er kennt mich doch, er wird doch nicht ganz so fest zuschlagen.

    An Stelle eines Hiebes kam... erst mal nichts, es wurde gesprochen. Silas hob den Kopf und sah ungläubig wie ein vollkommen Fremder für ihn eintrat. Ein neuer Sklave, der wie ein Leibwächter aussah. Warum tat er das? Das musste doch Mega-Ärger geben! Dann war da Paulinus, der dem Dominus ebenfalls die Stirn bot. In Silas' Brust zog sich alles zusammen. Das war groß, wie bei Damon und seinem Freund, der an seiner Stelle dem Tyrannen zum Pfande blieb. Aber Silas wollte nicht, dass Paulinus... oder überhaupt jemand wegen ihm Ärger bekam. Auch nicht Corythia. Silas hatte nicht gewußt, dass sie so mutig war. Aber er war doch keine Memme, der andere ausbaden ließ was er selbst verbockt hatte.
    "Das... macht das nicht..." stammelte Silas überwältigt. "Ich mein nur... ich... bin ja selber schuld...!"

    Der Gefangene im Holzschuppen


    Silas langweilte sich zu Tode. Sein Gefängnis maß drei mal zweieinhalb Schritt, war aus groben Brettern gezimmert, durch deren Fugen einiges Licht fiel, und war zur Hälfte mit aufgestapelten Holzscheiten gefüllt. Die Tür war verrammelt, die Axt aus dem Hauklotz wohlweislich entfernt. Ein Latrineneimer stank vor sich hin.
    Silas war es, als wäre er schon Jahre hier drin eingesperrt, aber eigentlich waren es erst ein paar Tage...


    Nach und nach hatte seine Familie ihm warme Sachen herein geschmuggelt, und eine Schlafmatte. Essen bekam er auch ganz normales aus der Küche. Sein Kumpel Paulinus hatte Silas sogar sein Schnitzmesser ausgeliehen, so dass Silas sich die Zeit ein bisschen vertreiben konnte. Da er nichts besseres zu tun hatte, schnitzte er erst seinen Namen in die Bretter, und grimmige Totenkopffratzen dazu. Dann schnitzte er Ludus Latrunculorum-Steine, dann hatte er genug Übung für eine Augusta-Figur für seine kleine Schwester zum spielen, und gerade schnitzte Silas an einem Ast herum, der langsam die Form eines Vigilen annahm. Mißmutig kerbte Silas Gesichtszüge in das Holz, aber das Ergebnis gefiel ihm nicht, und sowieso war das alles Mist.
    "Alles Mist!" fluchte er, warf die Figur in die Ecke, stampfte wütend zweieinhalb Schritt auf und wieder ab, wollte schon nach dem Eimer treten – ließ es aber dann in einem Anflug von Vernunft lieber sein.
    Abzuhauen war Mist. Der Grund dafür war mistiger als Mist. Hier eingesperrt zu sein war Mist. Nicht wissen was kam war Mist. Dass Grian weg war, verreist mit Dominus Casca, vielleicht für immer, das war Mist. Und jemals Vigil zu werden, das konnte Silas sich natürlich abschminken, er wusste, dass er froh sein konnte, wenn er nicht als Feldsklave endete – allergrößter Mist!!

    Alle starrten ihn an, und der Blick des Herrn war wie der von Iuppiter, auf dem Wandbild wo er die Blitze schwang. Silas' Lippen begannen zu beben, die Röte stieg ihm ins Gesicht, und er senkte jetzt doch den Blick... vom Gesicht des Herrn tiefer, bis zum Gürtel, dessen Anblick Silas ungut daran erinnerte was der Anlass seiner Flucht gewesen war.... und tiefer, bis auf das Pflaster des Hofes zu seinen Füßen.
    "Nichts." sagte er tonlos.

    Durch den Lieferanteneingang führten Akadius und Pelias ihren Gefangenen in den Hof.
    Die Hunde bellten fröhlich, und schon liefen auch haufenweise Sklaven und Angestellte des Hauses zusammen. Silas Herz klopfte wie zum Zerspringen und ihm war ganz schlecht vor Bangigkeit. Trotzdem presste er trotzig die Lippen zusammen. Er würde nicht weinen. Nein, sagte er sich, das würde er nicht.
    Doch als mit einem Mal seine Mama herbeistürmte und ihn in ihre Arme schloss und ihn festhielt, als wäre er noch immer ihr kleiner Bub... fing er eben doch an zu schniefen. Dass sie ihm im Anschluss eine scheuerte, dass ihm die Ohren klangen, kam nicht überraschend, und Silas fand auch, dass er es verdient hatte. Papa und seine Schwestern waren auch da, umarmten ihn und schimpften und fragten, alle sprachen durcheinander in einem großen Menschenknäuel.
    Dann wurde es mit einem Mal still, und die Sklaven wichen auseinander, um Dominus Serapio den Weg frei zu machen, der sich vom Haus her näherte. Jetzt nur den Kopf oben behalten!

    Nach einem schlimmen Tag, an dem Silas am Strick, immer hinter dem Pferdehintern, die Straße entlang traben musste, hatten die beiden miesen Sklavenhäscher dann aber ein Einsehen. Den nächsten Tag, und auch die darauf folgenden, durfte er hinter Pelias aufsitzen. Die Straße wurde zur Via Appia, unaufhaltsam näherten sie sich Rom, und Silas wurde immer mulmiger bei dem Gedanken, was ihn dort erwartete. Nochmal abzuhauen, das traute er sich aber nicht... Akadios und Pelias passten ausserdem gut auf. Und so kam der Tag, an dem die Stadt in Sicht kam, dann das Gedränge an den Toren, die vertrauten Straßen und zuletzt die Casa Decima...

    [Blockierte Grafik: http://fs5.directupload.net/images/151204/3ix9k7of.jpg|Decimianus Arkadios


    Decimianus Pelias| [Blockierte Grafik: http://fs5.directupload.net/images/151204/xqestx4r.jpg]


    Auf der Via, einige Meilen nördlich von Misenum, sah man am folgenden Tag unter sengender Sonne drei Gestalten: Zwei Reiter, einer hühnenhaft, einer drahtig, gelassen ihre Pferde lenkend. Und hinter ihnen, mit gebundenen Händen, von denen ein Strick zu Arkadios' Sattel führte, der wieder eingefangene Ausreißer. Leidig schlurfte Silas durch den Straßenstaub, vorbei an Zypressen, Ginster, mageren Ziegen und einer gaffenden Ziegenhüterin.
    "Ich hab Durst." klagte er. "Und mir tun die Füße weh. Ich habe bestimmt schon Blasen."
    "Reiß dich zusammen." verlangte Pelias.
    Doch Arkadios verhielt sein Pferd und gab Silas den Trinkschlauch.
    "Was machst du auch so einen Blödsinn."
    Silas trank in tiefen Zügen von dem Posca.
    "Sei froh, dass wir dich gefunden haben, und nicht ein Sklavenjäger. Wir bringen dich heim."
    "Pah, und was seid ihr, wenn nicht: Sklavenjäger! Elende Sklavenjäger! "
    "Sag das nochmal und wir besorgen uns eine Peitsche!" Pelias Augen blitzten zornig. Da gab Silas klein bei, und schlurfte verstockt weiter hinter den beiden her. Das Leben war so unfair!


    "Das mit der Peitsche habe ich nicht so gemeint." sagte Pelias, als er sich eine Meile später wieder abgeregt hatte, im Sattel zurückgewandt zu dem Gefangenen. "Aber Silas, wirklich, du musst lernen: jegliches Handeln hat seine Konsequenzen."
    Blablablah dachte Silas.
    "Was dir kurzfristig lustvoll erscheint – fortzulaufen, einem Gaukelbild von Freiheit nachzuhaschen – bringt dir langfristig viel Unlust. Was dir hingegen kurzfristig mühsam erscheint – nämlich deinen dir in der Welt gegebenen Platz klaglos auszufüllen – das ist es, was dir langfristig Seelenruhe und die Freiheit von Schmerzen bescheren wird. Begnüge dich mit dem dir gegebenen. Sieh überhaupt mal was dir gegeben ist: es ist viel mehr als manch anderer nur zu hoffen wagt."
    "Du hast gut reden." maulte Silas. "Ihr seid doch beide freigelassen."
    "Was wir erlangt haben, indem wir den Platz, an den uns das Geschick gestellt hat, sehr gut ausgefüllt haben."
    "Und dies noch immer tun." ergänzte Arkadios.
    "Auch wenn auch wir vielleicht Lust hätten" erklärte Pelias etwas wehmütig, "etwas ganz anderes zu tun als verwöhnte Haussklaven durch ganz Italia zu verfolgen."
    "Pfff.... was denn?"
    "Etwas sinnvolles."


    "Ich für meinen Teil, würde jetzt gerne eine schöne Muräne im Teigmantel verspeisen." Schwärmerisch legte Arkadios den Kopf in den Nacken. "In dieser kleinen Küstencaupona in Circeii. Wir sollten dort Rast machen."
    "Es ist ein Umweg."
    "Aber köstlich."
    "Du und deine Muränen."
    "Für mich gehören sie nun mal zu den höchsten Genüssen." Arkadios lachte, und die beiden fuhren fort sich freundschaftlich zu kabbeln. Silas seufzte abgrundtief und schlurfte mit hängendem Kopf über das Pflaster. Das würde ein langer Heimweg werden...


    "Hast du mir nicht erzählt, dass du durch eine Muräne versklavt wurdest?!"
    "Nein, durch einen korrupten Phylenvorsteher. Wegen Fischwilderei... sie war aber auch ein Prachtexemplar. Ich sehe sie noch vor mir: groß und fett, der Leib gesprenkelt in einem satten Goldbraun... - Demokratie ist die Herrschaft der Bestechlichen."
    "So dass du nun gnadenlos Rache nimmst, indem du alle Muränen vertilgst, derer du habhaft wird."
    "Genau."

    Gebannt von der Aussicht auf die Luxusbarke und auf seine Schritte kaum achtend, prallte Silas mit einem Mal gegen eine breite Brust. Aufblickend sah er gestählte Arme, ein stiergleiches Kreuz und darüber ein bekanntes Gesicht: es war Arkadios!
    [Blockierte Grafik: http://fs5.directupload.net/images/151204/3ix9k7of.jpg|Decimianus Arkadios
    "Salve Silas."
    Im allerersten Moment war es tatsächlich so was wie Erleichterung, die Silas durchzuckte. Nach all der Grobheit und Fremdheit, die sein Abenteuer mit sich brachte - zum ersten Mal wieder ein vertrautes Gesicht. Custos Arkadios, einer der Beschützer der Casa Decima, eines der Idole des jungen Silas, bärenstark und niemals aus der Ruhe zu bringen und... gewiss nicht ohne Grund hier...!
    Jetzt erst durchfuhr Silas der angemessene Schreck. Er war ein Fugitivus! Nur weg hier!! Er fuhr auf dem Absatz herum... und sah sich Pelias gegenüber. Dem Compagnon des Arkadios.


    Decimianus Pelias| [Blockierte Grafik: http://fs5.directupload.net/images/151204/xqestx4r.jpg]


    "Na du hast uns ja ganz schön auf Trab gehalten."
    Pelias näherte sich, wie ein Tiger der Beute. Was jetzt?! Silas setzte zu einem beherzten Sprung ins Hafenbecken an, doch wie Schraubstöcke schlossen sich Arkadios' Hände um seine Schultern.
    "Lass es."
    Silas ließ es.

    Von zwei Ruderbooten gezogen, gelangte die Krösus in den Handelshafen von Misenum, wurde eng zwischen anderen Kauffahrern vertäut. Dicke Wergkissen lagen an den Seiten der Schiffe, es quietschte und knarrte, als die Rümpfe im leichten Schwell, der auch hier im Hafenbecken herrschte, langsam auf und nieder schaukelten. Eine Planke wurde zum Kai gelegt, ein würdevoller Hafenmeister erschien, doch alsbald waren er und der Kapitän in ein lautstarkes Streitgespräch verwickelt: die Krösus war durch widrige Winde verspätet eingetroffen, der Platz am Ladekran längst anderweitig vergeben. So kam es, dass die Matrosen, und mit ihnen der noch immer ganz grüngesichtige Silas, kurz darauf - wie die Ameisen - Amphoren, Ballen und Kisten an Land trugen, angetrieben von einem übellaunigen Maat. Die schweren Lasten wollten dem jungen Mundschenk schier den Rücken zerbrechen, und immer neue Pakete tauchten aus den Tiefen des Laderaumes auf.
    Schweißgebadet und keuchend sackte Silas auf einen Poller.
    "Na Junge," Der Maat - ein beeindruckender Goldring blitzte in seinem Ohr - nahm Silas ins Visier. "Schon müde?"
    So fix und fertig war Silas, das diese winzige Äusserung vermeintlichen Mitgefühls ihn mit echter Dankbarkeit erfüllt
    "Puh," ächzte er, "Ich muss nur kurz durchatmen... eine klitzekleine Pause machen."
    "Eine klitzekleine Pause möchte er machen, harrharr" lachte ihn der grobe Gesell aus, "Faulpelz! Ausruhen kannst du wenn du tot bist!"
    Ein fieser Hieb mit dem Tauende scheute Silas zurück zu den Lastenträgern. Dann ging es ans Beladen: Wagen um Wagen voll Getreidesäcke fuhr vor.


    Wie er diesen Tag überlebt hatte, hätte Silas später nicht mehr sagen können, doch kurzum: er tat es. Abgekämpft, jeder Muskel schmerzend, lag er abends auf der Kaimauer und kaute auf einem Kanten Brot. Blöderweise hatte das Schwanken auch an Land noch nicht ganz aufgehört, doch sein Magen machte wieder mit und er war verteufelt hungrig. Die Krösus sollte morgen schon wieder auslaufen, aber eines war klar: keinen Fuß mehr würde Silas auf diesen Seelenverkäufer - oder überhaupt auf schwankende Planken – setzen!!! Nach Lohn wagte er gar nicht zu fragen, aus Angst man würde ihn nicht gehen lassen oder ihm noch einen Fußtritt mitgeben, und Besitztümer hatte er auch keine an Bord, war er ja mit nichts als seinen Kleidern am Leibe ausgerissen.
    Ob das so eine gute Idee gewesen war... fragte sich Silas nicht zum ersten Mal... als er sich nun davonstahl.
    Palmen säumten die belebte Hafenpromenade, auf der es Menschen und Waren aus aller Herren Länder zu sehen gab. Manchmal auch Menschen, die Ware waren... Silas wandte den Blick ab, als ein Dutzend Sklaven aneinandergekettet und nahezu nackt vorübergetrieben wurden. Ein Trupp Classissoldaten auf Landgang steuerte zielsicher Richtung Kneipe. Dann bestaunte Silas eine lichterreiche Luxusbarke, die gerade Richtung Baiae ablegte. Musik wehte über das Wasser und die Frauen, die man dort zwischen Blumengirlanden auf dem Deck erspähen konnten, schienen Silas wie Göttinnen so schön... und zugleich ebenso entrückt.

    <<


    Silas würgte und spuckte. Die Freiheit war zum Kotzen.
    Es war nur eine sanfte Brise, die die Segel der „Krösus“ blähte, und kleine Wellen mit Schaumkrönchen wie hüpfende Lämmer, die den bauchigen Rumpf in den Golf von Neapolis trugen. Ein atemberaubendes Panorama erstreckte sich vor dem Bug, an die lichtblauen Fluten geschmiegt lagen hier die berühmten Städte wie Edelsteine in einem Geschmeide, das stolze Misenum, das luxuriöse Baiae, das quirlige Neapolis, und am Horizont erhob sich imposant die Silhouette des Mons Vesuvius. Die Geschichte von dessen Ausbruch, vom Untergang Pompeis, hatte den jungen Silas seit jeher schauerlich fasziniert, und er hatte sie nicht oft genug hören können, aber jetzt entlockte dessen Anblick ihm kaum ein müdes Aufschauen, denn erneut krampfte sich sein Magen zusammen und über die Reling gekrümmt spuckte er noch eine Mundvoll Galle ins schimmernde Azur.
    Als Schiffsjunge war er eine Null. Schon bei kleinsten Windhauch und Wellengang rebellierte sein Magen und seit dem Auslaufen aus dem Hafen von Ostia war er aus dem Kotzen gar nicht mehr herausgekommen. Selbst der raue Spott der Matrosen, die den jungen Abenteurer anfangs noch aufs Korn genommen hatten, war mittlerweile einem mitleidigen Ignorieren gewichen.
    So hatte Silas sich das alles nicht vorgestellt. Auf den Weltmeeren sein Glück zu machen, dann wettergegerbt und mit exotischen Reichtümern versehen heimzukehren, dann seine Familie freizukaufen und seiner Mama ihr eigenes Bauernhaus zu schenken... und dann Vigil zu werden...
    ... das würde so wohl nicht funktionieren. Außerdem vermisste er schon jetzt ganz doll seine Familie (sogar seine mega-nervigen Eltern erschienen rückblickend gar nicht mehr so übel), seinen Kumpel Paulinus, Nachbars Camilla und die wunder-wunderhübsche Grian, die Brettspiele mit Dominus Casca, ja sogar an die sabbernden Molosser und seine Arbeit als Mundschenk – da wusste er wenigstens was er tat, hier auf der Krösus schien er immer alles nur falsch zu machen - dachte er wehmutsvoll zurück. Grüngesichtig an ein Stag geklammert sah der Jüngling unverwandt zum rettenden Land...

    "Aus! Böse Hunde! Hier!"
    Mit schreckgeweiteten Augen tauschte Silas einen Blick mit Grian, dann stürzte er sich in das Getümmel von einem zu Boden gerissenen Athleten und zwei sabbernden, schlabbernden, übermütigen, wedelnden Molossern. In der Casa, wenn sie ihr Revier verteidigten, war mit den Hunden nicht zu spaßen, aber hier gerade schienen sie wirklich nur.... spielen.... zu wollen. Schimpfend zerrte Silas an den Halsbändern der Hunde und versuchte, sie mit dem Speck von ihrem Opfer abzulenken.
    "Verdammter Mist! Hier, ihr Sabbermonster, lecker Speck, schmeckt viel besser als Mensch! - L... lebst du noch...?" fragte er den Dahingestreckten bang.
    Oh je, das würde Ärger geben! Hoffentlich hatte der Sportler sich nix getan! Und hoffentlich war er nicht eine hochgestellte Persönlichkeit. So nur im Lendenschurz konnte man ihm das nicht ansehen. Er könnte ein Senatorensohn sein, der für die Olympiade trainierte. Das wäre übel! Blieb nur die Hoffnung, dass Grian die Wogen glätten konnte!
    "T...tut mir leid!!" stotterte Silas, und behauptete: "Das machen sie sonst nie!"
    Endlich nahmen die Hunde den Speck zur Kenntnis. Wie hypnotisiert hefteten sich die großen glänzenden Augen darauf, und plötzlich taten sie ganz gehorsam, als wären sie die liebsten und besterzogensten Hunde der Welt, alle drei folgten Silas zum Wegesrand, hoben erfreut die Ohren und setzten sich sogar auf ihre Hintern. Verdient hatten sie es zwar nicht, aber jeder bekam ein Stückchen.

    Weitere Geheimnisse der Casa Decima sowie Spezialtricks und Überlebensstrategien hausgeborener Sklaven sollten heute unausgesprochen bleiben. Die Hunde waren weg! Jedenfalls zwei von drei. Mit dem verbliebenen Rüden am Strick flitzte Silas - wie der Blitz aber doch nicht schnell genug - hinter Stumpfnase her.
    "WUFF! WUFFWUFF! WUFF!" tönte das Freudengebell.
    Die Molosser, sonst im Hof an der Kette, hatten einen Heidenspaß am Rennen und sausten nur so über Wiese, Stoppelfeld und Weg.
    "WUFF! WUFFWUFF! WUFF!"


    Oh nein! Ein Läufer! Stumpfnase hatte sich an die Fersen des Athleten geheftet, der sprintete wie bei den olympischen Spielen, hatte aber nur zwei Beine, nicht vier, wie die Hündin, die ihn fast eingeholt hatte und nun zum großen Sprung ansetzte.
    "Stumpfnase! Nein! AUS! HIIIER!" brüllte Silas aus voller Kehle. Aber da war nichts zu machen. Als würde die Zeit sich verlangsamen, so sah Silas das Unglück kommen: wie die Hinterläufe die Hündin in die Luft katapultierten, wie die Schnauzenfalten schwabbelten, die Ohren mit Schwung nach oben flogen, die Lefzen zu grinsen schienen und der Sabber spritzte, als der bullige Hundekörper von hinten auf den Athleten zuschnellte...
    Bestimmt tut sie nix! hoffte Silas inständig. Bestimmt will sie nur spielen!

    So toll fand Silas seine Aufgaben nicht. Klar war es nicht schlecht, Mundschenk zu sein. Es gab Schlimmeres. Und wenn er das mit dem Griechischlernen noch hinbekäme, dann könnte er sogar vielleicht mit etwas Glück bis zum Sekretär aufsteigen, dann würden seine Eltern vor Stolz platzen. Aber er hätte gern was richtig Bedeutsames und Aufregendes gemacht, etwas das zählte! Vigil sein, Rom vor Bränden beschützen, lichtscheues Gesindel zur Strecke bringen, das wär's!
    Manchmal tagträumte er, in der Casa würde eine schlimme Feuersbrunst ausbrechen, er wäre derjenige, der die Herrschaften retten würde, dann würden sie ihn zum Dank freilassen, und er könnte Vigil werden. Natürlich wünschte er sich nicht wirklich, dass ein Feuer im Haus ausbrach, natürlich war das ein kindischer Tagtraum, den er nicht mal Paulinus erzählt hatte... Und Grian würde ihn bestimmt auch auslachen, wenn sie das wüsste. Silas machte ein verdrossenes Gesicht. Keiner verstand ihn.


    Als Grian von der Odyssee, die sie hinter sich hatte, erzählte, wurde er immer betroffener. So schlecht war es im Vergleich dann wohl doch nicht in der Casa. Viermal... oder noch öfter verkauft! Auch wenn er schon viele schlimme Geschichten von Mitsklaven gehört hatte, hatte er doll Mitleid mit Grian und wußte gar nicht mehr, was er sagen sollte. Also schwieg er betreten.
    Erst als sie das Haus lobte, sagte er wieder was, denn bei allem Aufbruchsdrang war er ja doch stolz darauf, zu einem so vornehmen Haushalt zu gehören. "Es ist sogar noch vornehmer, wenn Dominus Livianus im Haus ist, der Pater familias, weil er Consular ist, und als seine Frau noch gelebt hat, die Domina Vespa, die war vom Kaiser die Nichte, das kannst du mir glauben, da war es echt piekfein bei uns."
    In die Cubicula der Herrschaften einfach reinzugehen war ein Tabu, und Silas machte große Augen, als Grian das so locker erzählte.
    "Oh, das darfst du nicht." Jetzt konnte er sich zusammenreimen, warum er Grian auf den Zahn fühlen sollte. Aber Silas wusste schon, dass er einfach nur Gutes über sie sagen würde.
    "Wie meinst du?" überlegte er dann zur Flügelsonne, "Ja schon, in Stein halt. Ich war mal mit dem Dominus bei einem Tempel, von Serapis, auf der anderen Tiberseite, für ein Opfer, da war das auch groß angebracht." Silas hatte den Wein angereicht und sich (später) über die komischen glatzköpfigen Kultbrüder lustig gemacht.
    "Du Grian! Du musst dir nicht so viel Sorgen machen!" versuchte er sie zu beruhigen und auch ein bisschen mit seinem Expertenwissen zu glänzen. "Es gibt einen Geheimtipp, nämlich Domina Valentina, die ist mega lieb, und wenn du was ausgefressen hast und Dominus Serapio sauer ist, Domina Valentina kann dich immer retten."


    Dann passierte etwas total Verrücktes. Auf einmal stand diese Traumfrau direkt vor ihm und gab ihm einen Kuss. Nur auf die Wange, aber trotzdem, Silas war wie vom Donner gerührt. Unvermeidlich war es, dass sein Kopf wieder heiß zu glühen begann, dazu wurde sein Mund ganz trocken und das Herz hämmerte wie wild.
    "... Du auch..." krächzte Silas. Groß sah er sie an. Wollte sie was von ihm??! Oder war das so ein Kuss wie ihn 'oh wie bist du süß'-säuselnde Tanten kleinen Buben gaben??! Ob er den himmelweiten Unterschied an Jahren (bestimmt mindestens drei!) vielleicht nicht doch irgendwie wett machen konnte, mit Rom-Erfahrung oder tollen Geschenken (aber woher nehmen und nicht stehlen)...
    Was er natürlich völlig vergessen hatte, das war, auf die Hunde zu achten – und als diese plötzlich, nicht einmal besonders fest, an ihren Stricken zogen, entglitten diese seiner Hand. Flink sprangen die Molosser davon, durchs Gebüsch und über eine Wiese, mit schlackernden Ohren, sich ihres Lebens freuend.
    "Verdammter Mist!!"
    Silas nahm die Verfolgung auf.
    Reißzahn! Stumpfnase! Hiiiier!"
    Er rannte hinterher und rief nach ihnen, verheißungsvoll mit einer Speckschwarte wedelnd.
    "Reißzahn! Stumpfnase! Hiiier! Kommt zurück! Speck! Lecker Speck! Hiiier!"
    Reißzahn zockelte noch ein bisschen über die Wiese, dann wälzte er sich genüsslich im Gras, und Silas konnte seinen Strick wieder erhaschen. Aber Stumpfnase war irgendetwas auf der Spur und schon halb am Horizont verschwunden.
    "Verdammter Mist."

    Das hätte Silas wohl besser nicht fragen sollen, mit dem freigeboren sein, es machte Grian noch trauriger. Er kannte das von seiner Mama, die manchmal, nur ganz selten, wehmütig ein bisschen was von früher erzählte, von ihrer alten Heimat, und Geschichten von den tiefen, tiefen Wäldern, in denen wilde Wesen hausten, und unter der Erde Dwergaz, die kunstfertigen Schmiede, und von der Herrin Frija, die alles wachsen ließ, viel grüner als hier, und wie die Riesen sie geraubt hatten. Anders als die Herrin Frija hatte niemand seine Mama zurückgeraubt. Sie sagte immer, dass sie sich an Rom gewöhnt hatte, dankbar für ihren Mann und ihre Kinder war und gar nicht mehr zurück wollen würde, aber wenn sie von damals sprach, war ihre Stimme komisch, so ähnlich wie gerade die von Grian.
    Silas sah auf die Pinien am Wegesrand, auf silbergrüne Sträucher und einen noch immer blühenden Zitronenbaum. Langweilig. Er kannte nichts anderes als Rom und ein bisschen drumherum. Da draußen lag eine ganze Welt, und er war dazu verurteilt, immer nur in den gleichen vier Wänden rumzuhängen und Wein einzugiessen... oder höchstens mal die Hunde auszuführen.


    "Ich auch!!" stimmte er heftig zu, als Grian meinte, sie würde gern was Tolles machen. Aber was? Gelegenheiten für Heldentaten gab es nicht im öden Alltag der Casa.
    Als sie vom Sklavenmarkt sprach, war er ehrlich bestürzt.
    "Echt, du bist mehrmals schon verkauft worden?! Du Arme! Ich würd sterben, wenn ich da stehen müsste, ich schwör!"
    Darauf grub er die Zähne in die Unterlippe, um sich jetzt nicht zu verplappern. Denn Dominus Serapio war ja der, der ihm gesagt hatte, Grian könne gefährlich sein, er solle ihr mal auf den Zahn fühlen. Silas konnte sich aber nicht vorstellen, dass eine so nette und schöne Frau gefährlich sein könnte.
    "Was hast du gemacht?" fragte er verschwörerisch. "Für Murks? Und mit dem Dominus?" Die Tratschtanten des Hauses sagten, es sei wohl ganz schlecht gelaufen im Theater ('das hat der Dominus davon, eine Dahergelaufene vom Markt mitzunehmen anstatt eine von uns'), aber die Gerüchte waren vage. "Dominus Serapio ist auch sehr nett. Er hat mir versprochen, dass er mich bald schon auf seinem Streitwagen mitnimmt, wenn er nach Ostia fährt. Weil ich geholfen habe, seinen Wagen zu reparieren." Doch, das war was Tolles! Silas' Augen leuchteten jedenfalls vor Vorfreude auf den Ausflug.
    Ganz lässig antwortete Grian auf seine Frage. Nix am Laufen, alles klar.
    "Philodemus spielt sich immer auf, keiner hört auf sein Blablabla."
    Mit wem Grian was anfangen würde oder nicht, das... war wohl ausserhalb von Silas' Liga zu beurteilen. Schüchtern zuckte er die Schultern. Eine Frau wie sie konnte sich bestimmt aussuchen wen sie wollte. Wahrscheinlich würde sie einen Leibwächter nehmen, die hatten immer Glück bei den Frauen, oder einen von den weltgewandten Weitgereisten aus Dominus Scapulas Tross.

    Galt dieses Kichern ihm? Silas rieb sich verlegen die Nase. Dass Mädchen immer so kichern mussten. Dann wiederum brachte Grian genau den Spruch, den er immer wieder hören musste, wenn er sich über seine nervtötenden Eltern beschwerte. 'Sei froh, dass du sie noch hast!'
    Silas rollte die Augen gen Himmel. Natürlich hatte er seine Eltern doll lieb, aber sie wurden in den letzten Jahren eben immer, immer schwieriger, gluckten rum wie blöde, verlangten mal von ihm, erwachsen zu sein (wenn es zu Arbeiten galt, oder wenn Susaria ihn biestig anzickte), dann wieder behandelten sie ihn wie ein kleines Kind und wollten ihm alles, was Spaß machte, verbieten. Dabei waren sie auch nur Sklaven und hatten auch zu spuren vor der Vilica und den Herrschaften.


    Aber traurig hatte Grian ausgesehen, als sie das sagte. Natürlich, die wenigsten Sklaven hatten heile Familien. Sklavenmarkt, der Horror! Die Hunde rumorten im Gebüsch herum, und für den Augenblick konnte Silas sich ganz in Ruhe mit Grian unterhalten.
    "Bist du frei geboren?" fragte er neugierig nach. "Dann war dein Papa ein Jäger?" Oder sogar ein Krieger? Wie spannend! "Wo hast du gewohnt?"
    Ihn beschäftigte noch immer sehr die Frage, inwiefern Sklaven und Herrschaften sich unterschieden. So im Inneren, im Kern, das Äußere war ja klar. Wenn man erst frei war und dann versklavt wurde, so wie Silas' Großvater, der glücklose Glücksspieler – veränderte sich dann etwas im Inneren?
    "Mit Dominus Casca hast du es aber gut getroffen. Er ist der allernetteste von allen. Wenn er da ist. Er sieht alles nicht so eng und spielt manchmal Brettspiele mit mir. Domina Valentina ist ganz traurig, dass er immer im Cultus so viel zu tun hat. Meine Schwester hat einen tollen Hochzeitskuchen für die beiden entworfen, mit ganz viel Rosen und Ziegen verziert... aus Konfekt mein ich natürlich, die Rosen und Ziegen.... aber Candace findet, es ist gerade nicht der richtige Moment um der Domina das zu zeigen."
    Darum hatte Olivia die Pläne beiseite gepackt.


    Eine Freundin? Silas spürte die heiße Röte in seinen Wangen - oh nein, nicht schon wieder! - schlug peinlich berührt die Augen nieder und lachte verlegen, als diese Traumfrau ihn einfach sowas fragte! Seit kurzem erst, seit der Heilung von den schlimmen Pickeln, schauten ihn die Mädchen überhaupt an (Lupae zählten ja nicht), und eine Weile war Nachbars Camilla mit ihm gegangen, die Freundschaft mit Paulinus auf eine harte Probe stellend, aber dann hatte sie sich diesem Deppen von Gärtnerburschen zugewandt und Silas' Herz gebrochen, aber er war immer noch verliebt in sie. Alle liebten Camilla. Wenn sie den Hof betrat, um die Hühner zu füttern, ging die Sonne auf.
    "Uh... ähm.... also... gerade nichts festes." Silas fasste seinen Mut zusammen und gab die Frage zurück. "Und du?"
    Philodemus' Beschreibung spukte natürlich in Silas' Kopf herum und er musste sich gerade sehr drauf konzentrieren, Grian in die Augen zu gucken anstatt eine Etage tiefer.

    "Normalerweise macht's Paulinus, aber ich helf ihm oft" antwortete Silas, und wurde ein Stück nach vorne gerissen, als Stumpfnase einen fröhlichen Satz ins Gebüsch machte. "Wir sind beste Kumpels. Bei ihm hören sie auch ziemlich gut..." Silas versuchte, die große Hündin zurück auf den Weg zu ziehen und gleichzeitig Reißzahn nicht zu verlieren. "Stumpfnase, komm!"
    Aber sie hatte etwas Interessantes gerochen, schnüffelte wie eine Wilde zwischen dem welken Herbstlaub herum und fing an zu buddeln. Da blieb Silas eben stehen und ließ sie buddeln.
    "Bei mir nicht so. Aber ich bin eigentlich auch Mundschenk, das ist meine Aufgabe, nur trinken halt die Herrschaften nicht den ganzen Tag Wein."
    Paulinus ließ die Hunde in einiger Entfernung von der Stadt manchmal heimlich sogar frei laufen. Das traute Silas sich nicht. Besonders heute wollte er sich keinen Patzer leisten, denn Dominus Serapio hatte ihm versprochen, ihn in den nächsten Tagen auf dem Streitwagen mit nach Ostia zu nehmen, und das wollte Silas sich nicht versauen.


    Das Lächeln von Grian ließ gleich wieder einen Anflug von Röte auf seinen Wangen entstehen.
    "Meine Mama sagt immer, wenn einem schon der Rauch aus den Ohren kommt, soll man lieber erst mal eine Runde durch den Wald gehen."
    Oh Mann! Warum war ihm jetzt ausgerechnet ein Spruch von seiner Mama rausgerutscht?! Wie mega-blöd, Grian musste ihn ja für einen kleinen Bub halten, dabei war Silas schon fünfzehneinhalb und ein Mann.
    "Du kennst dich mit Hunden aus, nicht wahr?" Sie war gar nicht zimperlich. "Was... ähm... machst du... ähm... normalerweise so?"

    Brandungswogen und Sandwellen, alles verschwamm vor Silas' Augen. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht, als er, die Sandalen noch in der Hand, allein und verstört den Strand entlang zurück nach Ostia stapfte. Was gerade passiert war, der furchtbare Fehler, den er gemacht hatte, war noch ganz unwirklich in seinem Kopf. Er hätte gar nicht erst nicht mitfahren sollen. Er hätte nicht baden gehen sollen. Er hätte... oh ihr Götter, auf keinen Fall hätte er den Herrn so von sich stoßen dürfen. So zornig hatte er ihn noch nie gesehen. Das war das Ende aller Gunst, das Ende von allen Zukunftschancen, bestimmt würde er schlimm bestraft werden und... was wenn der Herr es wieder versuchen würde...? Allein dran zu denken ließ Silas den Ekel schmecken.
    Hoch auf dem Wagen, im gestreckten Galopp, waren sie in Windeseile vorangekommen, aber zu Fuß war es ein gutes Stück bis Ostia zurück, und dann musste er ja auch noch den langen Weg zurück nach Rom. Zum Domus Calamis zu gehen war ausgeschlossen, er konnte und wollte dem Herrn nicht unter die Augen kommen.
    Irgendwann waren die Tränen versiegt, und Silas wurde wütend, bei jedem Schritt durch den Sand wütender. Er hatte schließlich versucht, alles richtig zu machen. Warum hatte ihm so ein Mist passieren müssen?! Vielleicht war es am besten, wenn er in Ostia auf einem Schiff anheuerte und alles einfach hinter sich ließ. Schließlich stand ihm nicht auf die Stirn geschrieben, dass er ein Sklave war, wie sollten sie ihn erwischen? Er könnte grabschende Herren, nervtötende Eltern, die Enge des Hauses seiner Geburt, den eintönigen Alltag und die Einschränkungen seines Standes einfach hinter sich lassen.
    Zur See fahren und in der Fremde sein Glück machen... warum eigentlich nicht? Silas zog die Nase hoch und ging weiter, Schritt für Schritt auf dem schmalen Streifen zwischen Land und See.



    Die Gestalt des jungen Sklaven entfernte sich, wurde kleiner und immer kleiner, verschwamm zuletzt zwischen Meergrau und Sandgelb vor der Silhouette der Hafenstadt. Die Wellen hatten seine Fußspuren hinweggespült. Weder an diesem Tag, noch in den darauf folgenden, traf er in Rom ein.
    Silas war verschwunden...