Beiträge von Aulus Umbrenus Cinna

    STRESS!


    Cinna begann sich in Windeseile anzuziehen, während Pansa dreinblickte, als hätte er auf ein Steinchen gebissen und sich dann in seelenruhe seinem Krempel widmete. Es hatte seinen Grund, warum Cinna so hetzte - denn kaum war er fertig, half er Pansa in dessen Ausrüstung und packte ihm sein Marschgepäck zusammen. Anschließend kontrollierte er ihn noch mal durch und zupfte die Tunika zurecht. Cinna musste deswegen doppelt so schnell sein wie alle anderen, was Mangel bei seiner eigenen Ausrüstung zur Folge hatte. Als der Faulpelz versorgt war, half er noch schnell Dexter, der kaum fleißiger war als sein Kumpel. Am Ende trat das Contubernium zusammen mit den anderen vollbeladen vor. Sie waren noch nicht mal losgegangen und Cinnas Haar klebte schon schweißnass am Kopf.

    Cinna schaute noch kurz, was die zwei Optiones da besprachen, verstand aber wegen des üblichen Lagerlärms nichts, so dass er den anderen folgte, um sich marschbereit zu machen. Er hoffte, dass Pansa bei der Ausrüstung mogeln würde, um zu sehen, wie er von den neuen Offizieren dafür rundgemacht wurde wie eine Kasserolle.

    Das Gesicht kannte er. Stilo, gemeinsam mit Cimber aufgewachsen im Gestüt Umbrena, war fast so was wie ein großer Bruder. Vertraulichkeiten waren zwar im Dienst fehl am Platz, doch Cinna gestattete sich ein Lächeln, als er salutierte.


    "Willkommen zurück in der Heimat, Optio! Wenn ich eine Empfehlung machen darf: Optio Furius Cerretanus ist ebenfalls neu eingetroffen. Wünsche einen angenehmen Aufenthalt!"


    Dass er die Empfehlung machte, weil er Cerretanus nett fand, sprach er nicht aus.

    Was momentan los war, dass schon wieder ein neuer Centurio vor ihnen stand, konnte ein kleiner Legionarius bestenfalls erahnen, doch wer wusste schon, was die da oben sich bei ihren Entscheidungen dachten? Was auch immer die Gründe für die häufigen Versetzungen (wenn es denn welche waren) gewesen waren - zumindest der Moral der 1. Centuria der 4. Kohorte hatte dieser ständige Wechsel der Offiziere geschadet.


    Pünktlich waren die Milites zwar alle angetreten, doch der Zustand der Einheit war durchwachsen. Cinna erwartete als einer der wenigen im sauberen Zustand den Appell, was später dazu führen sollte, dass man ihn und jeden anderen, der es "übertrieben" hatte, als Arschkriecher der Offiziere verspotten würde. Cinna kannte die sozialen Gesetzmäßigkeiten seiner Einheit leider zur Genüge.


    Trotz allem war er entschlossen, seinen Pflichten gewissenhaft nachzugehen. Das hatte ihm immerhin schon den Posten des Cacula eingebracht, des Offiziersburschen - und noch mehr Hohn von Pansa und seinen Freunden. Dagegen anzukommen war schwierig. Pansa war jemand, der oberflächlich ganz jovial wirkte, aber ausgesprochen unangenehm werden konnte und genügend Freunde hatte, die ihn nach Kräften dabei unterstützten. Aber er war kein Schläger und stiftete auch keine Gewalttaten an, so dass es wenig brachte, sich bei irgendwem über ihn zu beschweren. Die Wunden, die er schlug, waren unsichtbar und reichten tief. Wenn jemand seine Habseligkeiten aus der Latrine fischen musste, war das eine Botschaft, die nicht nur Arbeit machte, sondern auch weh tat.


    Inzwischen war Cinna nicht nur der Bursche des Offiziers, sondern auch der von Pansa. Seither ließ dieser ihn weitestgehend in Ruhe. Und so kam es, dass auch der faule Pansa vor den Offizieren heute das Musterbild eines Soldaten mimen konnte, besonders im Kontrast zum neben ihm stehenden Dexter und seiner rostigen Rüstung. Ein unausgesprochener Waffenstillstand zwischen Pansa und seinem Lieblingsopfer.

    ... noch anwesend war und versuchte, seine Leute mit Blicken zu warnen, dass hier ein Offizier stand, doch Gillo, der halb liegend auf dem Bett fläzte und sich die Nägel machte, verstand nicht, was Cinna ihm mitzuteilen versuchte. Auch die anderen, so weit anwesend, gingen weiterhin ihren Beschäftigungen nach, wobei sie allerdings neugierig schauten.


    "Salve", grüßte Gillo arglos. "Hast du die Kekse?"


    Offenbar erwartete er eine entsprechende Lieferung und sah das Gepäck des Neuen nicht. Den Anwesenden war klar, dass es sich nicht um ordinäre Kekse handelte, doch Cerretanus wusste hoffentlich noch nichts von dieser in der Legio XV recht verbreiteten Sünde. Cinna hob das Handgepäck von Cerretanus auf und trug es zum freien Bett, das sauber und ordentlich aussah. Die Strohmatratze war erst frisch gewechselt worden. Die großen Sachen blieben im Vorraum, wo es Regale gab und auch die Waffen und Rüstungen bereitstanden.


    "Brauchst du noch was?", fragte Cinna. "Fehlt irgendwas oder ist kaputt?"

    <<< Porta Praetoria


    "Hier sind wir. Ein Sklave wird dich gleich empfangen."


    Am besten, er wartete gleich vor der Tür, dann erfuhr er vielleicht als Erster, wohin der Mann gesteckt worden war. Und ob die erste Centurie der vierten Kohorte ab heute einen neuen Optio hatte oder wieder leer ausging. Pansa hatte sich selbst empfohlen, aber auf sonderliche Gegenliebe ihres Centurios war das nicht gestoßen.


    Cinna war so frei, für den Optio anzuklopfen.

    Cinna verkniff sich ein Schmunzeln ob des Ausrufs "Sapperlot". Der war dem tiefsten Herzen des Optio entsprungen. Die beiden eher bequem herumlümmelnden Milites nahmen Haltung an.


    "Verzeihung, Optio", blaffte Pansa und Dexter nickte.


    Hier war normalerweise nichts los, was irgendwelchen Stress rechtfertigte, von ein paar pöbelnden Nomaden abgesehen, die eher lästig als bedrohlich waren. Der frische Wind, den Optio Furius Cerretanus ins Castellum brachte, würde die eingestaubten Gewohnheiten erfrischend wegpusten. Zumindest fand Cinna sie erfrischend. Der Stubenälteste Pansa hatte dazu wohl seine eigene Meinung. Cinna gab nun den Weg vor.


    "Wenn du mich bitte begleiten würdest, Optio. Ich bringe dich zum diensthabenden Tribun. Sein Name lautet Titus Tuccius Tychicus."

    Immerhin sollte der Furier auch wissen, wie er den Kerl ansprechen musste.


    Casa des Tribuns >>>

    Das war ein erfreuliches Schreiben und sogar mit Auszeichnung! Die Legio wurde um einen Profi aus Rom erweitert. Leute mit einem Händchen für Ermittlungsarbeiten konnten sie gut gebrauchen, denn der Feind war leider nicht so offensichtlich, wie Cinna es gern hätte. Er gab dem Offizier das Schreiben zurück.


    "Optio, ich bin Miles Aulus Umbrenus Cinna, erste Centuria, vierten Kohorte! Ich werde dich zum diensthabenden Tribun führen. Zudem war ich der Bursche unseres alten Centurios Tiberius Coriolanus, der vorübergehend beurlaubt ist. Jetzt bin ich der Bursche des Neuen."


    Der noch keinen Optio hatte. Womöglich hatte sich das am heutigen Tag geändert.

    Da hatte es augenscheinlich jemand eilig. Als einer der jüngsten blieb die Arbeit meist an Cinna hängen, während Pansa und Dexter sich über ihren letzten Ausflug nach Satala unterhielten.


    "Salve", rief Cinna dem Gast hinterher. "Kannst es wohl nicht erwarten, deinen Dienst anzutreten, wie? Komm mal her."


    Zwar war der Mann ein Angehöriger der Legio, seiner Aufmachung und dem Auftreten nach zu urteilen, aber es gehörte sich, dass man sich an- und abmeldete, wenn man die Castra betrat oder verließ. Zwar kannte Cinna nicht jeden einzelnen Miles beim Namen, doch die Gesichter - die hatte er sich nach einigen Jahren Wachdienst inzwischen weitestgehend eingeprägt, da er ein aufmerksamer Beobachter war. Und der da war neu.


    "Rang, Name, Einheit? Falls von einer anderen Legio: Begehr?"


    Er schaute, ob er irgendwelche Rangabzeichen am Gegenüber entdeckte, während er seine Wachstafel zur Hand nahm, um die Ankunft zu protokollieren. Pansa und Dexter schauten eher mäßig interessiert herüber, während sie sprachen. Auch Cinna rechnete nicht mit Ärger, so dass er Datum und Uhrzeit schon einmal eintrug.

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    Appius Umbrenus Cimber

    Gast in der Casa Leonis

    an der Via Nomentana

    vor der Porta Collina

    auf dem Viminal



    Betreff: In Cappadocia weht ein kalter Wind.



    Salve Papa,


    freut mich zu hören, dass man dich in der Casa Leonis verwöhnt! Von Scato und Fango hatte Stilo schon erzählt. Erinnerst du dich? Er ist ihr Onkel und die beiden haben ihm viele Sorgen bereitet. Aber ich hatte mit ihnen noch nie persönlich das Vergnügen. Eigentlich schade, da wir ungefähr gleich alt sind. Ich hätte sie von so manchem Unheil abgehalten.*


    Fassen wir die bekannten Fakten in Cappadocia zusammen: Überfallene Holztransporte, frierende Soldaten und Patrouillen, die bis jetzt ausnahmslos erfolglos blieben. Sind denn plötzlich alle Verantwortlichen zu Trotteln mutiert? Oder unsere Soldaten unfähig, es mit ein paar Barbaren aufzunehmen? Wohl kaum. Dahinter steckt ein planender Geist. Und er steckt ziemlich tief.


    Aber allein kann ich dem nicht nachgehen und auch nichts machen.


    Ich wünschte, du wärst hier.


    Dein Cinna


    Sim-Off:




    *Wer Cinna kennt, weiß, dass er ein fast schon bestürzend liebes Kind war und später alle Jugendsünden mustergültig umschiffte. Unterstellungen, dass er stattdessen andere zu Unheil anstiftete oder sich schlichtweg nie erwischen ließ, weist er mit nachsichtigem Lächeln von sich.

    Cinna hatte seinem Vater einen Brief geschrieben.


    Der Antwortbrief seines Vaters, der einige Zeit später eintraf, wärmte Cinna das Herz. Cimber hatte natürlich recht. Dass ihm zurzeit so kalt war, war nicht allein seiner von den Göttern gegebenen Neigung, schnell zu frieren, geschuldet. Cinna, der wie die meisten Umbreni ein ausgesprochener Familienmensch war, vermisste den Vater, der so lange schon außerhalb der Provinz weilte.


    So setzte er denn auch, kaum dass die Zeit es ihm erlaubte, sogleich seinerseits wieder ein Antwortschreiben auf. Er hoffte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sein Vater zurück in die Heimat kam, dorthin, wohin er nach Cinnas Ansicht gehörte.

    Sim-Off:

    Da es in Cappa noch keine Post gibt, lasse ich den Brief mal so eintrudeln.


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    Appius Umbrenus Cimber

    Gast in der Casa Leonis

    an der Via Nomentana

    vor der Porta Collina

    auf dem Viminal



    Betreff: In Cappadocia ist ein Sack Gerste umgefallen. Außerdem ist mir kalt.



    Salve Papa,


    es ist hier herrlich entspannt. Nur langsam wird es kalt und die im Horreum geizen mal wieder bei der Ausgabe von Holz für den Ofen. Holzmangel ist ja nichts Neues, aber irgendwer überfällt scheinbar in enervierender Regelmäßigkeit den Transport von der Küste. Noch geht es irgendwie, man kann unsereins ja einfach frieren lassen, um zu sparen.


    Aber spätestens beim nächsten großen Bauvorhaben müssen sie handeln (wen ich mit "sie" meine, weißt du). Frieren werden sie noch lange nicht, so lange man bei unsereins Holz absparen kann, aber Prunk und Protz hatten schon immer einen hohen Stellenwert. Oder vielleicht bauen sie diesmal auch was Nützliches damit, dann würde ich gern frieren.


    Aber bei jedem Wechsel der Mode neue hölzerne Kassettendecken und immer wieder die dazu passenden Möbel ... das mutet bisweilen an wie Hohn.


    Papa, ich vermisse dich.


    Dein Cinna

    Cinna lag eingerollt auf der Seite, die Decke bis über den Kopf gezogen, sodass nur sein Gesicht herausschaute. Die Wärme der Therme war längst aus seinen Gliedern gewichen. Die Kälte kroch durch seine Füße immer weiter hinauf. Zwar gab es noch keinen Frost, doch die Nächte waren für seinen Geschmack auch so schon kalt genug und das ewige Gegeize mit dem Feuerholz machte es nicht besser. Cinna würde versuchen, die Jungs im Horreum mit einer kleinen Gegenleistung dazu zu überreden, ein wenig mehr Holz für den Ofen seines Contubernium herauszurücken. Nur womit?


    Cinna grübelte und zog die Decke noch fester um sich. Er wünschte sich die Konstitution seines Kameraden Nero Roscia Pansa, der ein Bett weiter zur Hälfte aufgedeckt und mit ausgebreiteten Armen schnarchte und niemals fror. Zwar schwitzte er sich dafür im Sommer zu Tode, doch das erschien Cinna momentan das kleinere Übel.


    Alkohol war natürlich der Klassiker für Tauschgeschäfte ... aber es würde schon ein besonderer Tropfen sein müssen, damit jemand sich darauf einließ. Krumme Dinger konnten auch Ärger nach sich ziehen, je nachdem, wie genau die Vorgesetzten hinsahen. Oder gab es noch eine andere Möglichkeit, an zusätzliches Holz zu kommen?

    Nach dem hoffnungsvollen Gespräch hatte Cinna leider erfahren müssen, dass sein neuer Centurio bis auf weiteres nicht mehr seinen Dienst versehen konnte. Man spekulierte viel unter den Soldaten, doch die wahren Gründe schafften es nicht, bis zu den Mannschaften durchzusickern. Zwar rutschte sofort ein neuer Centurio nach - der ehemalige Optio Sextus Cossutius Bellutus - doch da sie gerade erst einen Wechsel gehabt hatten, hatte der Mann es mit seinen Soldaten nicht leicht. Die Moral war nicht die Beste und die Männer waren gestresst und gereizt.

    "Ich koche leidenschaftlich und gut!" Die Leidenschaft hielt er für erwähnenswert, da er die Auffassung vertrat, dass ein Essen besser schmeckte, wenn man besondere Sorgfalt in die Komposition der Zutaten und Gewürze fließen ließ. Gutes Essen sorgte für den Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit, war Futter für die strapazierte Seele und war darum - nicht zuletzt - auch eine bedeutende Währung im Lagerleben. "Backen kann ich ebenfalls", fügte er hinzu, da er inzwischen zu erraten glaubte, wofür der Centurio ihn einplante.


    Das kam Cinnas Vorstellungen durchaus entgegen und Spottdrosseln fürchtete er nicht. Aufmerksam betrachtete er den neuen Vorgesetzten, der verstimmt wirkte, doch das mochte täuschen. Tiberius Coriolanus schien trotz seiner Jugend - er war vielleicht fünf Jahre älter als Cinna - ein harter Knochen zu sein. Nichts anderes erwartete man von jemandem in seiner Position. Mit Ausnahme von den Thermengängern vielleicht.


    "Ich beherrsche das notwendige Handwerkszeug, um die meisten kleinen Reparaturen eigenständig durchzuführen", fuhr Cinna fort.

    Mit einem ausgebildeten Handwerker war sein Können natürlich nicht zu vergleichen, aber das erwartete sein Vorgesetzter wohl kaum.