Die Geschichte von Lurco -- Kapitel 02 - Der Löwe und der Dicke

  • Kapitel 02 - Der Löwe und der Dicke



    Auf mächtigen Pranken hielt die Gerechtigkeit Einzug in das Kolosseum. Schlotternd stand der Mann seinem tierischen Vollstrecker gegenüber. Damnatio ad bestias - Verurteilung zu den Bestien, so hatte das Urteil gelautet und es war Lurcos Lieblingsurteil. Sein persönlicher Held der Arena war Leo, ein einfacher Name für einen gewaltigen Löwen. Der Verurteilte war nicht allein, er wurde von zwei Anstachlern begleitet, die in Schutzkleidung gehüllt dafür sorgten, dass der Löwe das Urteil vollstreckt.


    Schlotternd bewegte sich der Verurteilte vorwärts, näherte sich seinem Schicksal, das im Sand der Arena lag und mit der Schwanzquaste zuckte. Sonne durchflutete die mächtige, dunkle Mähne. Das wunderschöne Tier gähnte, schwarze Lefzen teilten sich und gaben den Blick auf sein Gebiss preis. Zähne die schon zahllose Urteile vollstreckt hatten. Die Dreiergruppe ging auf Leo zu und einer der Anstachler benutzte eine lange Stange um den Löwen anzutreiben. Das Tier erhob sich voller Geschmeidigkeit, setzte bewusst eine Pranke vor die andere und kam langsam auf die Gruppe zu. Helle, leuchtende Augen die die Menschen fixierten. Erneut wurde der Löwe mit der Stange provoziert. Leo schlug die Stange mit der Pranke zur Seite und brüllte. Ein Geräusch bei dem sich der Verurteilte einnässte. Gejohlte, Gelächter und Beleidigungen hallten von den Rängen herab. Lurco hingegen schwieg, sein Blick war wie der von Leo auf das Ziel fixiert.

    Leo beobachtete die Situation und setzte sich erneut in Bewegung. Die Schritt des mächtigen Tieres wurden schneller. Nun kam auch Leben in den Verurteilten, mit weit aufgerissenen Augen und in voller Panik wollte sich dieser umdrehen und fliehen. Aber er hatte die Rechnung ohne die Anstachler gemacht. Der Delinquent wurde brutal im Haar gepackt und nach hinten gerissen, während sich der zweite Anstachler in dessen Rückgrat warf. Mit Schwung wurde der Verbrecher nach vorne geschleudert. Im gleichen Moment sprang Leo.


    Stille.


    Im nächsten Augenblick ein aufgerissener, riesiger Rachen. Zähne die sich in eine menschliche Kehle gruben. Donnernder Jubel des Publikums, während der Verurteilte wie eine Puppe von der gewaltigen Raubkatze hin und her geschleudert wird. Ein Körper der zu Boden geklatscht wurde, eine Pranke die sich in die Brust des Mannes grub. Noch lebte der Verurteilte, mit jedem Atemzug traten blutige Blasen aus der aufgerissenen Kehle.


    Der mächtige Schädel von Leo senkte sich erneut herab und Lurco hatte das Gefühl selbst auf seinem Sitzplatz das Bersten der Schädelknochen des Verbrechers zu hören.



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    Die Leichen wurden beseitigt, der Sand gereinigt und das Kolosseum spie die Zuschauer nach den Spielen und Verurteilungen wieder aus. Für ein Gebäude dieser Größe ging dies erstaunlich schnell. Im Gegenteil dazu waren die Straßen Roms manchmal geradezu verstopft. Die Massen schoben sich gerade durch die beengten Straßen und Lurco ließ sich mit ihnen treiben. Irgendwo würde er sich gleich sein Frühstück kaufen und den ersten Bissen der Verbrecher verschlingenden Gerechtigkeit mit Mähne widmen.


    Er ging auf den Markt und bestaunte die Auslagen eines Gewürzhändler. Eine Mischung aus Gerüchen und Farben verwirrte einem dort regelrecht die Sinne. Schalen, Säcke und Tonkrüge zum Bersten gefüllt mit Gewürzen. Im Zentrum des Ladens stand ein Tisch voller Töpfe in allen nur vorstellbaren Farben die zu Kegeln aufgehäuft waren. Lurco konnte mit Gewürzen nicht sonderlich viel anfangen, aber ihm gefiel allein die Aufmachung des Ladens.


    Schon ging es weiter und er folgte dem stetigen Strom der Passanten. Etwas weiter vorne sah Lurco einen Stand mit gefüllten Broten, als einige Stände weiter hinter ihm ein lautstarker Streit losbrach. Es war keine gute Idee vorwärts zu laufen, während man über die Schulter nach hinten schaute.


    Einen winzigen Augenblick später krachte Lurco in einen Mann und wurde von dessen gewaltigem Bauch direkt zurückgeschleudert. Eine zugreifende, feiste Hand verhinderte dass er zu Boden stürzte und mit dem Hintern auf dem Pflaster landete.


    "Langsam mit den wilden Pferden", lachte ihm sein pausbäckiger Retter ins Gesicht, den er selbst beinahe über den Haufen gerannt hätte. Lurco spürte wie er knallrot anlief und schief grinste.

    "Danke und Entschuldigung, ich hatte meine Augen woanders. Darf ich Dich auf ein gefülltes Brot als Entschädigung einladen?", gab Lurco freundlich zurück.

    "Gerne", freute sich der Mollige und ließ Lurcos Handgelenk los.


    Lurco bestellte zwei gefüllte Brot mit allem was das Herz begehrte und reichte eines davon seinem Retter. Sie suchten sich ein gemütliches Plätzchen am Rande des Marktes und unterhielten sich. Ein zweites Brot und einige Stunden später führten sie die Unterhaltung bei Venox im Triclinium fort. Venox so hieß sein Retter und Lurco fühlte sich ausgesprochen wohl bei ihm.



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