Vestalis

Aus Theoria Romana
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Die Vestalinnen waren kein Priesterkollegium, sondern galten als eine Summe von Einzelpriesterinnen von zunächst vier, dann sechs (pro urspr. Tribus zwei) und schliesslich sieben Mitgliedern von - zumindest am Anfang des Kultes und wieder seit Augustus - patrizischer Herkunft. Ihre offizielle Bezeichnung lautete sacerdos Vestalis, doch wurde eine Vestalin gemeinhin virgo Vestalis (Vestalische Jungfrau) genannt. Dem Gremium stand die virgo Vestalis maxima (Obervestalin) vor.

Die künftigen Mitglieder wurden vom Pontifex Maximus schon als Kinder ausgewählt. Der entsprechende Vorgang wurde als captio (Ergreifung) bezeichnet und stellte dem Recht gemäss eigentlich einen Raub dar. Kaiser Augustus bedauerte, dass sich immer weniger Mädchen freiwillig für den Dienst an der Göttin fanden.

Die auserwählten Mädchen mussten zwischen sechs und zehn Jahre alt und beide Elternteile am Leben sein. Die Neuhinzugekommenen wurden als Amata bezeichnet und wohnten forthin im atrium Vestae. Der Kult verlangte von ihnen dreissig Jahre lang strengste Disziplin und Askese, so auch die Bewahrung der Jungfräulichkeit. Verstösse gegen das Keuschheitsgelübde wurden als prodigium (Untat) angezeigt und nach altem Gesetz durch das Begraben bei lebendigem Leibe (bzw. einmauern) oder den Sturz vom Tarpeischen Felsen geahndet. Zehn Jahre verbrachten sie in Ausbildung, zehn in ihrer Kulttätigkeit und zehn im Unterricht.

Ihre Aufgabe war der Vollzug des Vestakultes in Rom. Ihre Hauptpflicht war das schüren des heiligen Feuers, das im Tempel der Vesta auf dem Forum Romanum loderte und als Symbol für die Lebendigkeit der Stadt verehrt wurde. Besondere Tätigkeiten gab es an bestimmten Festen und für bestimmte Götten mit bestimmten Priestern. Sie vollzogen den im Vestatempel eingerichteten Kult der staatlichen Penaten und beaufsichtigten geheimnisvolle Kultgegenstände, die niemand betrachten durfte und angeblich das Fortbestehen des Menschengeschlechts gewährleisten sollten. Auch das Wasser für den Tempel holten sie selbst.

Da sie für das Wohl des gesamten römischen Volkes wirkten nahmen die Vestalinnen eine besondere rechtliche Stellung ein. Sie waren schon alleine deshalb etwas Besonderes, da sie weiblich waren. Selbst die Kulte der Carmenta, Ceres, Flora oder Pomona wurden durch Männer vollzogen. Jeder Verurteilte konnte durch eine Vestalin, wenn sie ihm begegnete, begnadigt werden. Die Liktoren der Stadtmagistrate senkten vor ihnen die Rutenbündel. Bei Ausgängen in die Stadt konnten sie auf einen eigenen Liktor zurückgreifen. Ihre Tracht (sie war üblich, aber nicht vorgeschrieben) bestand aus einem suffibulum (Schleier), grossem weissem Kopftuch und Stirnbinden. Sowohl in Kleidung als auch im Verhalten bildeten sie durch Kraft und Reinheit das Spiegelbild ihrer Göttin. Wurde eine Vestalin krank, so pflegte man sie ausserhalb des Heiligtums gesund.

Die Vestalinnen wohnten im atrium Vestae gleich neben dem Vestatempel. Das Gebäude war rechteckig und seine Räume gruppierten sich um einen geräumigen Innenhof. Dort befanden sich drei grosse Teiche und Ehrenstatuen ehemaliger Kollegiumsmitglieder. Augustus stellte es ihnen als Pontifex Maximus zur Verfügung. 64 n.Chr. fiel das Gebäude dem grossen Brand von Rom zum Opfer, wurde jedoch noch unter Nero wieder aufgebaut. Die archäologisch erschlossene Fassung stammt aus der Zeit der Severer. Das Gebäude durfte sonst von niemandem betreten werden und wurde nur während des Festes der Vestalia im Juni für Frauen, die an den Kulthandlungen teilnahmen geöffnet.

Obwohl der Dienst sehr streng war, gab es dennoch Platz für Geselligkeit und Vergnügen im kleinen Rahmen. Beweis hierfür ist ein Relief aus claudischer Zeit, das die Priesterinnen bei einem Gelage mit gemeinsamen Mahl zeigt.

Nach dem Ende ihres langjährigen Dienstes konnten sie zwischen dem Verbleib in der Kultgemeinschaft oder der Entlassung in das Zivilleben (das damit auch das Heiratsrecht mit einschloss) wählen. Die meisten verblieben nach den dreissig Jahren aber im Dienst der Göttin.