Kronos

Aus Theoria Romana

Wechseln zu: Navigation, Suche

Kronos wurde als Führer der Titanen angesehen. Er wurde nur zu Zeiten des Jahres in einem festgelegten Ritus verehrt. Diese Feste waren karnevalsartig aufgebaut und betonten seine herrschende Stellung in der vorolympischen Welt, die einerseits von Vater- und Kindestötung bestimmt war, anderseits als paradiesische Urzeit angesehen wurde. Er wurde mit El und Saturnus gleichgesetzt. Chronos wurde oft als allegorische Ausdeutung des Kronos verstanden.

Inhaltsverzeichnis

Mythos

Kronos galt als Sohn des Helios und der Gaia oder des Okeanos und der Tethys oder des Uranos und der Hestia oder des Uranos und der Gaia, wobei letztere Variante am populärsten war. Er trennt die beiden Ureltern „Himmel“ und „Erde“, indem er seinen Vater, auf anraten der Mutter, mit einer Sichel entmannt. Dann befreit er seine Geschwister aus dem Leib der Erde und übernimmt die Königsherrschaft. Mit seiner Schwester Rheia zeugt er die erste Generation der olympischen Götter. Aus Angst vor einem Nachfolger verschlingt er jedoch alle Kinder nach der Geburt. Nur den jüngsten Sohn Zeus kann die Mutter durch eine List retten und bringt ihn nach Kreta, wo dieser verborgen aufwächst. Als Zeus das Mannesalter erreicht hat zwingt er Kronos seine, im Leib des Kronos ebenfalls erwachsen gewordenen, Geschwister wieder auszuspeien. Daraufhin bekämpfen sie zusammen zehn Jahre lang die Titanen und sind schließlich erfolgreich. Die Titanen werden nach dem Sieg der Olympier in den Tartaros verbannt, König der Götterwelt wird nun der Zeus, die Urform der patriarchalischen Familie entsteht, ebenso wie die Dreiteilung der Welt (Land-, Wasser- und Unterwelt) und das dreigeteilte Landwirtschaftsjahr der Griechen. Die Königsherrschaft des Kronos stellt sich dazu als anarchische, vorhierarchische und ackerbaulose Zeit heraus. Als goldenes Zeitalter kann dies gelten, da es weder die Knechtschaft der Unterwerfung, noch die der Arbeit oder den Zwang der Fruchtbarkeit gab. Auch des Krieges oder der Jagd bedurfte es nicht, denn es war alles im Überfluss vorhanden und die vegetarische Nahrung, welche die Urmutter freiwillig bereitstellte, konnte einfach eingesammelt werden. So fehlte es völlig an Konflikten und Tod.

Dieses völlig sorgenfreie Leben wurde schon in der Antike als utopischer Traum identifiziert, konnte aber immer wieder apokalyptisch-schwärmerische Umsturzbewegungen beflügeln. Reale politische Macht leitete sich jedoch immer von Zeus ab, denn er legte als jetziger Götterkönig die Weltordnung fest und garantierte die Normen des Alltages. Die Verehrung des Kronos war auf Ausnahmezeiten oder kleine, oft sozialradikale, Gruppen beschränkt. Die Idee der Utopie (utopía, gr. „Nichtörtlichkeit“) wurde sogar bildlich genommen: Kronos sei wieder aus der Unterwelt freigekommen und sei auf einer normalweise unzugänglichen Insel König der dorthin entrückten Heroen, welche dort im Idealzustand leben. In manchen Versionen ruht er auch auf einer solchen Insel. Auf jeden Fall wurde sie jenseits der britischen Inseln vermutet, aber nie gefunden.

Kronia

In der früheren Forschung galt Kronos weitgehend als ein Erntegott, entsprechend die Kronia als Erntefest. Diese Vorstellung ist heute jedoch in den Hintergrund getreten. Vielmehr wird die These vertreten die Kronia sei ein Fest gewesen, welches als Fuge zwischen den Kalenderjahren diente und die Auflösung der sozialen Ordnung und deren Wiedererrichtung ausdrückte. Dies drückte sich zum Teil in der Umkehrung der sozialen Umstände aus: Nämlich in der Bewirtung der Hilfsarbeiter und Sklaven durch ihre Herren.

In Athen galten die Kronia und ein Tempel für Kronos und Rhea als eine Stiftung des mythischen Königs Kekrops. Auf dem Gelände des Tempels warf man jährlich Brote aus Weizenmehl und Honig in einen Erdspalt durch den einst das Wasser der deukalionischen Flut abgeflossen sein soll. Vermutlich hängt dieser Ritus mit einem Gründungsmythos eines unterirdischen Getreidesilos zusammen. In Alexandria weihte man dem Kronos besondere Kuchen, welche dann in seinem Tempel frei serviert wurden.

Die Sichel des Kronos wurde in der Antike oft als Symbol der Ernte verstanden. Kronos kann als mythische Präfiguration der Erntearbeiter angesehen werden: Wie Kronos mit der Sichel an die Macht kam, so verdienen sich die Sklaven und Tagelöhner eine vorrübergehende Statuserhöhung durch ihre Arbeit mit der Sichel. Doch wie die Herrschaft des Kronos bald vorüber war, so war auch die Statuserhöhung der sozialen Unterschicht bald vorüber. Ebenso wurde der, zumindest während der Erntezeit, potentiell abhängige und erpressbare Herr, wie der Vater des Kronos, entmachtet. Erlangt aber anders als dieser seine Macht durch das Fest, bei dem er als Diener auftrat, wieder zurück. Ähnliche Modelle fanden sich auch in anderen Kulturen. Die römische Entsprechung der Kronia waren die Saturnalien.

Diese Kultpraxis bildete die Grundlage der ursprünglichen griechischen Paradiesvorstellungen: Eine Nahrungsfülle und Unbeschwertheit, welche ein goldenes Volk in einem goldenen Zeitalter genoss. Vermutlich handelt es sich dabei um eine mythologisierte Form der sorg- und zwanglosen Atmosphäre während des Segens der Ernte.

Das Ende der Kronia bedeutete nicht nur die Wiederherstellung des normalen sozialen Gefüges, sondern auch den Sturz der Bedeutung des Kronos durch den des Zeus. Dieser und die olympischen Götter traten wieder absolut in den Vordergrund (bzw. in hellenistischer Zeit zumindest wieder mehr in den Vordergrund als Kronos). Der temporal-utopische Zustand nach der Ernte endete und damit die Domäne des Kronos und die Bauern waren nun war man wieder mit harter Arbeit belastet und mussten auf die olympische Regen- und Fruchtbarkeitsgötter vertrauen.

Für die jugendlichen Söhne des Gutsbesitzers hatte die Kronia eine besondere Funktion: Auf der einen Seite war ihr sozialer Status de facto noch der eines Knechtes, auf der anderen Seite sollten sie sich als Erben bereits mit der Rolle ihres Vaters identifizieren. So hatte die Kronia, bei welcher der Sohn, also Zeus, letztlich den Vater, also den Kronos, ablöste und selbst der Vater wurde für junge Männer eine mystisch-symbolische Bedeutung, die auf ihre eigene Zukunft hinwies.

Doch nicht nur die soziale Realität zwischen Herr und Knecht und Vater und Sohn wurde bei der Kronia vertauscht, sondern auch die Beziehung zwischen Mann und Frau aufgelöst: Da Frauen im klassischen Griechenland an der Feldarbeit nicht beteiligt waren, blieben sie auch im Festmahl komplett außen vor (also sowohl von dessen Vorbereitung, als auch bei dessen Verzehrung). Stattdessen feierten sie von den Männern getrennt. Vermutlich entsprechen die Adonia den Kronia, sind also dessen „weibliche Variante“. Durch diese Trennung von Mann und Frau während dieser Zeit wurde also auch die soziale Institution der Familie aufgelöst und entstand nach ihrem Ende neu. Dies korreliert mit der Vorstellung, dass in der Zeit der Herrschaft des Kronos noch keine Familie existierte und diese erst mit der Herrschaft des Zeus Teil der Ordnung der Welt wurde.

Im Rahmen der Kronia wurden bevorzugt Epheben initiiert. Gleiches galt für Mädchen im Rahmen der Adonia, welche dort die Geheimnisse der Saatgutprüfung und der Sexualität gelernt haben sollen. Die beiden Feste wurden über einen Ursprungsmythos verbunden: Aphrodite, zu deren Ehren die Adonia abgehalten wurde, wurde einem Mythos zufolge von Kronos aus dem abgetrennten Phallus des Uranos geschaffen. Somit kann sie sowohl als Tochter, als auch Schwester des Kronos gelten.

Weitere Kulte und Feste

In Olympia gab es einen Tempel des Kronos, der angeblich auf die Zeit des goldenen Geschlechtes zurückgehen sollte. Ein dort abgehaltender Ringkampf, der den Kronos und den Zeus symbolisierte, nahm im Mythos gar die olympischen Spiele vorweg. In Delphi wurde, nach einigen Mythen, Kronos als der Inhaber des Orakels gesehen. Auf Kreta wurden zum Geburtstag des Zeus Tänze aufgeführt, die auch an die Rolle des Kronos erinnerten. In Sizilien, Libyen und Unteritalien identifizierte man einige Berge als ehemalige Festungen des Kronos, ähnliches wurde auch über die Akropolis in Athen gedacht. Oft vermutete man in diesen Festungen gesicherte und gefüllte Getreidesilos.

Menschenopfer

In mythische Vorzeit sollen auch in Griechenland dem Kronos Menschen geopfert worden sein. Während die Griechen so diesen Kult in ihre Vorzeit datieren schrieben sie ihn jedoch weiterhin pauschal allen „Barbaren“ zu, denen sie sich überlegen sahen. Besonders den phönizischen und karthagischen Kronoskulten (bzw. deren dortigen Entsprechungen) wurden immer wieder Menschenopfer unterstellt. Da solche Unterstellungen jedoch immer in Konfliktzeiten auftraten liegt der Verdacht der Propaganda nahe. Trotzdem wurde die Darstellung des Menschenopfers immer wieder rezipiert. Symbolisch ist jedoch an dem Tod eines Menschen durch den Kult des Kronos etwas dran: In der Tendenz wird die gesamte Gesellschaft und die Personen (als soziale Rolle) kurzzeitig aufgelöst (also „getötet“) und in einen archaisch-paradiesischen Zustand versetzt. Allerdings wird die „neue-alte Ordnung des Zeus“ auch ebenso wiederhergestellt, die „Getöteten“ also „wiederbelebt“.


Literatur:

Persönliche Werkzeuge