"Ich hätte ihn einfach gleich töten sollen, oder?", meinte Avianus noch immer leicht gereizt und sichtlich angespannt. "Wenn ich ihn noch einmal sehe, töte ich ihn auf der Stelle."
Es würde ein wenig dauern, bis sich der Adrenalinspiegel in seinem Blut nach der Auseinandersetzung mit Silanus wieder normalisierte. Das war allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass sein Ärger noch nicht vollkommen abgeklungen war. Er war verärgert über sich selbst, weil er sich sicher war, dass er anders besser hätte handeln können, weil er trotz allem das Gefühl nicht los wurde, dass er sich selbst überschätzt und Silanus unterschätzt hatte, weil er wusste, dass er wieder irgendeine Ausrede brauchte, um zu erklären, was heute passiert war, und weil er eben nicht wusste, ob er auch versuchen sollte, Seneca diese Ausrede aufzutischen. So wie er jetzt aussah, konnte er allerdings vorerst nirgendwo hin, bereits die Wache vor der Castra würde ihn mit unangenehmen Fragen löchern.
Vor ihnen wurde der künstliche Teich sichtbar, der Ort an dem alles irgendwie erst richtig angefangen hatte, damit dass er seine Gefühle Sibel gegenüber zugelassen und die Probleme, die darauf folgen würden, bewusst ignoriert hatte. Die rechte noch immer schmerzende Hand hielt mehr oder weniger fest Sibels, der Handrücken seiner Linken sorgte dafür, dass seine Nase aufhörte zu bluten. Auf dem Weg durch die Gärten hatte er mehrfach danach getastet, um sicherzugehen, dass sie nicht wieder schief war. Inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass sie höchstens angebrochen war und von selbst wieder verheilen würde, alles in allem aber wohl nur ein geringer Trost.
Als sie dem Ufer näher kamen, ließ er langsam Sibels Hand los, ging am Rand des Teichs in die Hocke, wusch sich das Blut von der einen und ließ die andere Hand im angenehm kühlen Wasser hängen.
"Was hat er damit gemeint, als er gesagt hat, er hätte schon weit wichtigere Leute getötet?", fragte er plötzlich und für seine Geliebte wahrscheinlich völlig unerwartet. Fragen. Noch etwas, das ihn verärgerte. Das Gefühl, dass ihm vieles entgangen war, dass sie ihm nicht alles erzählt hatte, was er hätte wissen sollen. Doch seine Stimme war dieses Mal ruhig, denn Sibel seinen Ärger spüren zu lassen, war eigentlich das Letzte, was er wollte. Sie hatte nie von ihm verlangt, etwas gegen Silanus zu unternehmen, es war immer er gewesen, der sie dazu gedrängt hatte, seine Hilfe anzunehmen, wenn sie sie wirklich brauchte. Und natürlich hatte sie ihm den Brief geschickt, aber wie ihm schien nicht mit dem Willen, dass er sie gegen Silanus verteidigte. Nein, was passiert war, hatte er in erster Linie sich selbst zuzuschreiben. Und doch war es irgendwie das einzig richtige gewesen, er hatte nicht länger zusehen können, wie sie unter ihrem Peiniger litt, und er hatte ihr sein Wort gegeben.

Horti Lolliani – Ein neues Kapitel
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„Du hast ihn besiegt!“, rief Beroe. Doch ihre Freude war verhalten, denn sie wusste, solange Silanus noch lebte, würde sie nicht sicher vor ihm sein. Einst hatte er ihr gedroht, er würde sie überall finden, ganz gleich wo auch immer sie sich verstecken würde. Doch vorerst wog sie sich in Sicherheit, denn Avianus war bei ihr und nur das zählte.
Durch die Ereignisse dieses Abends hatten Beroes Gefühle eine wahre Achterbahnfahrt erlebt. Die Freude, Avianus wiederzusehen, aber auch die Furcht vor Silanus und dann das Bangen um den Ausgang des Zwistes der beiden Männer. Und nachdem der Kampf entschieden war, hatte sie das Gefühl, ein großer Stein sei von ihrem Herzen gefallen. Welche Konsequenzen nun all diese Ereignisse mit sich ziehen sollten, darüber hatte sie sich noch keine Gedanken machen können. Dafür war sie auch noch viel zu sehr aufgewühlt. Mal ganz abgesehen von Beroes Sorge um ihren Geliebten, der nicht wenige Blessuren von dem Kampf davon getragen hatte. Avianus hatte wirklich alles gegeben, um sie aus Silanus´ Händen zu reißen. Und noch immer steckte in ihm die Anspannung, die nur langsam abebben wollte. Die beiden hatten sich nach dem Ende des Kampfes zu ihrem „ geheimen“ Platz im Park zurückgezogen.
Er hatte sie bei der Hand genommen und zog sie mit sich. An dem kleinen Teich hatten sie sich niedergelassen. Notdürftig versuchte er sich am Wasser zu behelfen. „Lass mich die helfen, Komm!“ Mit einem Stück ihres Umhanges, den sie vorher angefeuchtet hatte, wusch sie ihm vorsichtig sein Gesicht ab. Aus seiner Nase rann noch ein feines Rinnsal aus Blut, welches sich mit dem Wasser vermischt hatte. „Lege deinen Kopf etwas zurück, damit das Nasenbluten aufhört.“ Wieder wusch sie ihm sanft das Blut ab. Hier nun mit ihm allein zu sein, fühlte sich gut an. Hier an diesem Ort hatte sie mit ihm die schönste Zeit erlebt. Von nun an konnte sicher alles nur noch besser werden, redete sie sich ein und doch, irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen, wirklich daran glauben zu wollen.Avianus Frage traf sie indessen sehr unerwartet. Auch er hatte sich Silanus Worte gut gemerkt, so wie sie es getan hatte, als sie noch in ständiger Angst vor ihm lebte. Stete hatte er sich mit seinen Taten gebrüstet, um ihr noch mehr Angst und Unbehagen zu bescheren. Und sie hatte niemals daran gezweifelt, dass seine Worte nur bloßes Imponiergehabe sein könnten. Erst am Abend zuvor war ihr die zweifelhafte Ehre zuteilgeworden seinen Trophäen zu begutachten.
„Ich weiß nicht, wen er getötet hat, doch er tut es, weil man ihm dafür Geld gibt. Und wenn er seiner Opfer habhaft wird, dann quält er sie erst, bevor er sie tötet.“ Noch immer schauderte es Beroe, wenn sie allein nur daran denken musste. Spätestens jetzt musste ihr klar sein, dass sie beide noch in Gefahr waren. „Er wird sich mit dem, was heute Abend geschehen ist, nicht zufrieden geben,“ meinte sie nach einer Weile. „Es tut mir leid, was geschehen ist. Ich hätte nicht hierher kommen dürfen. Jetzt weiß er, wer du bist.“ -
Der Iunier blieb stumm, legte aber bereitwillig den Kopf in den Nacken, während sie sich darum kümmerte, ihm das Blut aus dem Gesicht zu wischen. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, jetzt alleine zu sein und selbst wenn er nichts sagte, war er ihr doch dankbar.
Kaum hatte er sich ein wenig entspannt, ließen allerdings ihre Worte die Ruhe, die versucht war, sich in ihm auszubreiten, wiederum vollends zerbröckeln. Er hob seinen Kopf und starrte sie einen Augenblick lang unschlüssig an.
"Warum…" Avianus brach ab, als er sich wiederum seines gereizten Tones bewusst wurde. "Warum hast du nie etwas davon gesagt, Sibel?", begann er erneut bedacht, konnte allerdings nicht verhindern, dass bei seinen Worten wieder ein gewisser Vorwurf durchsickerte, und noch weniger, als er weitersprach, selbst wenn seine Stimme dabei ruhig blieb. Immerhin hatte er erst bemerkt, dass er Silanus unterschätzt hatte, als der Kampf bereits in vollem Gang gewesen war. Sie hatte ihm den Namen des Mannes genannt, sie hatte ihm sogar verraten, wo er ihn finden konnte, doch dass er es allem Anschein nach mit einem sadistischen Auftragsmörder zu tun hatte, hatte sie ihm verschwiegen. "Hätte ich von Anfang an gewusst, wie ich ihn einschätzen muss, hätte ich gleich mein Schwert gezogen. Ich hätte ihn nicht davonkommen lassen. Und was wenn er eine Waffe bei sich gehabt hätte? Er hätte mich mühelos töten können, als ich auf ihn zugegangen bin..." Es ging ihm nicht einmal darum, ob Silanus in Zukunft noch ein Problem darstellen würde, auch nicht darum, dass sie sich mit ihm getroffen hatte, während Silanus ihr gefolgt war. Es ging einzig und allein darum, dass ihre maßlose Angst ihn daran hinderte, sie und sich selbst wirklich schützen zu können.
"War das alles, oder ist da noch mehr, was ich hätte wissen sollen?" Wortlos lehnte er dann wieder den Kopf zurück. Nichts, was er noch hätte sagen können, hätte die Stimmung aufgeheitert. Es fiel ihm schwer, sich gerade jetzt, nach allem, was an diesem Tag passiert war, wieder zu beruhigen und nicht bei jedem noch so kleinen Anlass wieder seinen Groll aufkommen zu lassen. Dennoch, dass er Silanus für sie vertrieben hatte, musste wohl vorerst als Beweis seiner Zuneigung ihr gegenüber genügen, gemeinsam mit der Tatsache, dass er ihr bereits oft genug gesagt hatte, dass er sie liebte. Er konnte ihr doch nicht einmal wirklich böse sein, er könnte nicht einmal sagen, ob dieses Mal sie der Grund für seinen Ärger war, oder er nur wieder eine Folge der jüngsten Ereignisse war und der Nervosität, die sich den ganzen Tag über in ihm angestaut hatte. Er wusste lediglich, dass er Schlaf nötig hatte. -
Nachdem seine Nase weitestgehend versorgt war, wollte sie sich seine Hand vornehmen, die Avianus noch immer zur Kühlung ins Wasser hielt. In ihr wollte einfach keine Freude aufkommen, obwohl sie doch eigentlich allen Grund dazu gehabt hätte. Schließlich hatte sie nun die Chance, ein ganz neues Leben anzufangen. Doch die Angst, die ihr ein ständiger Begleiter geworden war, seit sie Silanus begegnet war, wollte einfach nicht nachlassen. Und auch Avianus, der ihr mit seiner Fragerei scheinbar nur Vorwürfe machen wollte, trug auch nicht dazu bei, dass sie sich nun besser fühlen konnte. Sie konnte es spüren, wie immer wieder von neuem sein Zorn aufkeimte und dabei wuchsen ihre Selbstvorwürfe.
„Nein, das war alles… Es tut mir so leid!“, schluchzte sie. „Er mir mit seinem Dolch gedroht. Er wollte mir damit schlimme Dinge antun und mich dann anschließend umbringen, wenn ich ihn verrate,“ brachte sie als Entschuldigung vor. Aber ob er nachvollziehen konnte, wie furchtbar es in Silanus Fängen gewesen war, war mehr als fraglich.
„Was hätte ich denn tun sollen?“ Auf ihre Frage schien es wohl keine Antwort zu geben, jedenfalls hatte sie für sich keine finden können. Der Gedanke, dass er hätte getötet werden können, war unerträglich für sie. Sie liebte ihn doch! Aber diese Liebe war lebensgefährlich für ihn und langsam kam sie zur Überzeugung, dass es nur einen Ausweg gab, um ihn zu schützen. Sie würde ihn gehen lassen müssen. Das war der einzige Ausweg und wohl auch das Vernünftigste. Ein römischer Bürger, der dazu noch Prätorianer war und eine entlaufene Sklavin, die sich als Lupa durchgeschlagen hatte – etwas Gegensätzlicheres hatte die Welt wohl noch nie gesehen!Inzwischen hielt sie seine verletzte Hand in ihren Händen. Sie war etwas geschwollen, aber wohl nicht gebrochen. Mit dieser Faust hatte er sie verteidigt, er hatte sich wegen ihr in Gefahr gebracht und musste sich nun weiter mit ihr herumschlagen.
Sie wischte sich die Tränen aus ihren Augen und sah wieder zu ihm auf. „Hast du noch mein Amulett?“, fragte sie und ihre Stimme klang ruhig und fest. „Bitte gib es mir.“
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"Verflucht, ich… ich weiß es nicht", entgegnete er resigniert. Wie sollte er ihr antworten ohne alles schlimmer zu machen? Nein, er verstand es nicht, hatte sie Silanus ihm gegenüber doch bereits vor langer Zeit verraten, zumindest was seinen Namen betraf. Und auch als sie ihm heute Abend von Silanus erzählt hatte, hatte sie keine Anstalten gemacht, ihm klar zu machen, dass ihr Unterdrücker sein Geld unter anderem damit verdiente, Menschen zu töten. Er schwieg. Wieder. Weil ihm voll und ganz klar war, dass er völlig neben sich stand, und doch wusste er es nicht zu verhindern. Und während er schwieg starrte er auf seine Hand in den ihren.
Er legte ihr die andere Hand an die Schulter und wollte sie zu sich ziehen. Doch ihre Bitte, die ihn wie ein Dolchstoß traf, ließ ihn innehalten und schnürte ihm gleichzeitig die Kehle zu. Natürlich hatte er ihr Amulett, er hatte es stets gehütet seitdem er begonnen hatte, sich mit ihr zu treffen.
"Nein…", kam es von ihm zuerst nur heiser. Dann schüttelte er bestimmt den Kopf. "Nein. Du hast gesagt, du bist nicht vor ihm sicher", sagte er dann fest. "Und wo willst du hin? Was willst du tun?" Er fragte sich tatsächlich, ob er sie nicht irgendwie falsch verstanden hatte, ob sie damit nicht vielleicht etwas vollkommen anderes meinte. Oder hatte er sich alles nur eingebildet? Bedeutete er ihr so wenig, dass sie sich dazu imstande sah, alles mit einer solchen Leichtigkeit zu beenden? Noch immer rang er um Worte, doch außer einem verständnislosen "Warum, Sibel???" brachte er nichts mehr hervor. Stattdessen machte er da weiter, wo sie ihn zuvor derart aus dem Konzept gebracht hatte: Er zog sie ein Stück weit zu sich und hoffte, sie würde sich nicht dagegen wehren. Schadensbegrenzung war jetzt wohl das Stichwort.
"Du kennst mich, vergiss das alles wieder. Heute ist einfach schon zu viel passiert, morgen wird besser, bestimmt." Inwiefern konnte er selbst nicht beantworten. Wahrscheinlich würde niemand versuchen, ihn zu töten. Doch er würde immer noch eine Frau lieben, mit der eine gemeinsame Zukunft schier unmöglich war. Er konnte selbst kaum glauben, mit welch kindlicher Naivität er sich der Illusion hingab, seine Liebe zu Sibel hätte auch nur die geringste Chance. Aber er konnte nicht anders, als sich an den Strohhalm zu klammern, den ihm Seneca hingestreckt hatte. Er war nur Soldat, noch konnte er es sich erlauben, sie zu treffen. Doch war er zu weit gegangen, als er sich für sie in ernsthafte Gefahr begeben hatte? -
Natürlich wollte er ihr nicht das Amulett zurückgeben, denn er hatte sofort geahnt, was sie vor hatte. Sie würde hier und jetzt aus seinem Leben verschwinden. Anfangs würde er vielleicht sehr darunter leiden, sie verloren zu haben, aber wie man so schön sagte, die Zeit heilt alle Wunden. Und auch seine Wunden würden irgendwann heilen, wenn er sie vergessen hatte. Für Beroe stand nun fest, dass es der einzige Weg war, der ihr noch offen stand, ohne ihn noch länger einer Gefahr auszusetzen. Doch er machte er es ihr durch seine Weigerung nur noch schwieriger. Tränen rannen ihr über die Wangen, ihr Herz wollte zerbersten, doch sie musste nun stark sein. „Doch! Du musst es mir geben!“, entgegnete sie ihm mit erstickender Stimme und nickte dabei. Sie versuchte, nicht seinem Blick auszuweichen. Auch wenn es schwer war, sie musste ihn davon überzeugen, was das Beste für ihn war.
„Genau deswegen musst du es mir wieder zurückgeben.“ Sie hatte an diesem Abend schmerzlich erkennen müssen, dass es keine Zukunft für sie geben konnte, ganz gleich wie man es biegen wollte, ihre Beziehung würde immer wieder zum Scheitern verurteilt sein. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn sie bis morgen warteten. „Du weißt genau, dass das eine Lüge ist. Morgen wird nichts anders sein. Es wird nur noch schwerer für uns werden.“ Sie musste ihn loslassen. Das war die einzig logische Konsequenz, wenn sie ihn liebte. Und ja, das tat sie. Sie liebte ihn mehr, als alles andere!„Es war kein Zufall, dass wir uns begegnet sind.“ Sanft strich sie ihm über seine Wange. „Das müssen die Götter gewesen sein. Ich danke ihnen für jede Stunde, in der ich mit dir zusammen sein durfte. Aber nun musst du tun, was einzig richtig ist!“ Ihre Hände hielten nun fest seine Hand und sie gab sich die größte Mühe nun nicht ganz in Tränen auszubrechen.
„Worum ich dich nun bitte, tue ich einzig nur, weil ich die unendlich viel liebe.“ Sie küsste seine Hand und sah ihn wieder eindringlich an. „Du wirst mich jetzt den Urbanes ausliefern und ihnen sagen, ich sei eine entflohene Sklavin, die dir zufällig über den Weg gelaufen ist. Damit hast du dann nicht einmal gelogen und du tust dann, was du von Anfang an hättest tun sollen.“ -
Zu gerne hätte Avianus ihr wieder die Tränen weggewischt wie schon einmal an diesem Abend, doch die sie hielt seine eine Hand fest und mit der anderen hielt er sie. Sie weinte, berührte liebevoll seine Wange, küsste seine Hand und redete gleichzeitig auf ihn ein, sie für immer gehen zu lassen. Und mit jedem Satz, der wie durch tiefes Wasser zu ihm durchdrang, wurde sein Gesicht ein Stück weit blasser. Nichts als ein absurder Traum. Dieser Tag konnte nichts anderes sein. Er hatte den ganzen Tag über dem Abend entgegengefiebert, um sie sehen zu können, und die Gewissheit zu erlangen, dass es ihr gut ging, doch damit hatte er nicht gerechnet. Und egal wie sie es auch ausdrücken oder begründen mochte, es würde stets das Schlimmste sein, was sie ihm jemals antun könnte. Womöglich hatte sie Recht, vielleicht war es das Beste, doch er könnte es sich niemals verzeihen, wenn er nicht alles im Bereich des Möglichen versucht hätte. Er wünschte, er könnte auch jetzt wütend sein, und es ihr entgegenbellen, doch was er auch sagte, verließ seine Kehle stockend und tonlos.
"Ich liebe dich, Sibel… aber das hier ist kein Geschenk, es ist eine Bestrafung. Wäre es ein Geschenk, dann… du würdest das Amulett nicht zurückverlangen." Während er sprach, löste er seine Hand für einen Moment aus ihren, zog aus dem Halsausschnitt seiner Tunika das Amulett hervor und streifte es sich über den Kopf, bevor er sie wieder, das Schmuckstück zwischen den Fingern, in ihre Hände sinken ließ und sie an seine Brust drückte.
"Bitte, Sibel. Ich muss mit Seneca reden… daran komme ich sowieso nicht vorbei. Vielleicht… kann er helfen… irgendwie." Und wie konnte sie das von ihm verlangen. Wie konnte sie erwarten, dass er sie auslieferte, wo es ihr doch immer darum gegangen war: Ihre Freiheit. Und er hatte alles in seiner Macht stehende für ihre Freiheit getan. Doch die Ungewissheit, wie es ihr gehen würde, wenn sie wieder auf der Straße landete und die Vorstellung davon, dass sie wahrscheinlich völlig auf dich alleine gestellt wäre oder sie wieder an jemanden wie Silanus oder Silanus selbst geraten könnte, machte ihm noch sehr viel mehr Angst, als alles andere. Im Grunde wollte er gar keinen Weg akzeptieren, der ihm seine Sibel wegnahm, auch wenn jeder Weg schlussendlich in diese Richtung führen würde, außer es geschah ein Wunder. Doch wenn es irgendwo ein Wunder gab, er wollte es finden.
"Gib' mir diese eine Möglichkeit, eine Lösung zu finden… für dich, wenn schon nicht für uns. Morgen Abend… ich werde hier sein. Gib mir dein Wort, dass du auch da sein wirst", sagte er mit gequältem Blick. -
Es war ihr nicht entgangen, was jedes ihrer Worte in ihm anrichtete, wie sie ihm dadurch unendliche Schmerzen zufügte und wie sehr sie ihn damit verletzte. Sie hätte wirklich alles dafür getan, wenn dies vermeidbar gewesen wäre. Schließlich war er der einzige Mensch auf der Welt, den sie noch hatte und dem sie etwas bedeutete. Aber sie sah keinen Ausweg mehr. Ihr Streben nach Freiheit war nur ein törichter Wunschgedanke gewesen, den jeder Sklave irgendwann einmal träumte, der auf Freiheit hoffte. Denn selbst jetzt, da Silanus weg war, würde sich absolut nichts ändern. Wo sollte sie denn nun hin? Und wovon sollte sie leben? Sie würde wieder in der Gosse landen, bis der Nächste kam, der sie ausbeuten oder sogar töten würde.
Natürlich war ihr auch klar, was mit ihr geschehen würde, wenn er sie den Cohortes Urbanes übergeben würde. Mit ein wenig Glück würde sie in einigen Jahren ihr jämmerliches Leben irgendwo als Sklavin beenden, vielleicht würde man sie aber auch vorher töten, aber selbst das wäre besser, als so weiter machen zu müssen, wie bisher.„Ich liebe dich auch, Aulus… und ich wünschte, alles wäre anders gekommen. Ich wollte dir niemals so wehtun, wie ich es jetzt tun muss. Aber du wirst sehen… so ist es besser,“ entgegnete sie ihm schluchzend.
Schließlich streifte er das Lederbändchen, an dem ihr Amulett befestigt war, über den Kopf und legte es in ihre Hände, dann drückte er sie an sich, was für sie in dieser Situation der einzige Trost war. Sie schmiegte sich weinend an ihn, als könne sie so Schutz bei ihm finden, wenigstens für den Augenblick.Schließlich versuchte er einen letzten rettenden Halm zu ergreifen, bevor er mit ihr in den Abgrund hinunter stürzte. Vielleicht war dies der letzte Hoffnungsschimmer, der doch noch das Schlimmste abwenden konnte. Aber Beroe wollte sich nicht mehr an vage Möglichkeiten klammern, um am Ende nur wieder enttäuscht zu werden. Doch sie war bereit, ihm wenigstens diese eine Gelegenheit noch einzuräumen, wenn es so etwas leichter für ihn wurde.
„Ich werde hier auf dich warten. Das verspreche ich.“ antwortete sie, als sie sich langsam von ihm löste. Um ihr Versprechen zu bekräftigen drückte sie ihm ein letztes Mal ihr Amulett in seine Hand, um es am folgenden Abend wieder einfordern zu können. -
"Wie soll das besser sein, wenn alles, was ich mir wünsche, mehr Zeit mit dir ist?", murmelte er kaum hörbar, legte sein Gesicht an ihre Haare, als sie sich an seine Brust schmiegte, und hielt sie weiter im Arm, um sie zu beruhigen und zu trösten. Alles ging viel zu schnell wieder seinem Ende zu. Er hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, eine ganze Nacht mit ihr zu verbringen, von einem Tag ganz zu schweigen. Die kurzen Stunden am Abend, darunter die wenigen magischen, die sie vor wenigen Tagen erlebt hatten. Nein, etwas, das so jung war, sollte noch ein ganzes Leben vor sich haben.
Irgendwann, sie machte Anstalten sich von ihm zu trennen, musste er seine Umarmung lockern, aber sie versicherte ihm, da zu sein, wenn er morgen wieder in die Gärten zurückkehren würde. Das war ihm Grund genug, sich ein müdes Lächeln abzuringen. Er nahm das Amulett wieder an sich und hängte es sich um.
Doch von nun an rann der Sand unaufhörlich, viel Zeit blieb ihm nicht. Ein Tag. Ein Tag um einzige zu retten, was er außerhalb von Arbeit und Familie hatte. Seine Gedanken rasten bereits, suchten nach Wegen und Worten, um dieses eine Ziel zu erreichen. Aber bisher hatte er viele Dinge für unmöglich gehalten. Er hätte nie gedacht, dass er einmal Prätorianer sein würde. Er hätte nicht gedacht, dass er aus Vicetia wieder rauskommen würde. Und wenn er ehrlich war, hätte er früher absolut niemandem geglaubt, wenn man ihm gesagt hätte, er würde sich prügeln, um eine Lupa zu beschützen, die er noch dazu liebte. Wenn jemand ein Wunder finden konnte, dann wohl er.
"Dann wünsch' mir Glück." Er küsste sie, ein letztes Mal streichelte er ihr über die Haare und ihre Wange, um sich dann für diesen Abend endgültig von ihr zu lösen.
"Hast du sonst alles, was du brauchst? Geld für was zu essen und zu trinken? Irgendwas?", fragte er, bevor er sich für diesen Abend von ihr verabschieden würde. -
Er nahm ihr Amulett wieder an sich und ließ es an seinem Hals unter seiner Tunika verschwinden. Dann küsste er sie zum Abschied. Seine zärtlichen Berührungen würde sie wohl am meisten vermissen.
„Ja, Glück.. das wünsche ich dir sehr!“ Glück war in ihrem Leben bisher ein seltenes Gut, mit dem die Götter bisher recht sparsam umgegangen waren. Warum sollten sie sie also diesmal damit überhäufen? Doch ihre Gedanken behielt Beroe für sich. Avianus stand sehr unter Druck und den wollte sie nicht noch unnötig verstärken.„Ich habe alles, ja.“ Sie nickte und wies auf ihren Geldbeutel, der unter ihrer Tunika steckte und in dem sich ihre Tageseinnahmen befanden. Damit konnte sie sogar einige Tage über die Runden kommen. Sie versuchte zu lächeln. Selbst jetzt, nachdem sie ihn doch so verletzt hatte, sorgte er sich so rührend um sie und wenn seine Bemühungen scheitern sollten, würde sie es ihm mit einer weiteren Kränkung am nächsten Abend danken.
„Dann bis morgen Abend. Ich werde hier sein und auf dich warten. Du hast mein Versprechen!“, sagte sie schließlich und sah ihm noch nach, als Avianus ging.
Beroe blieb sie am Ufer des Teiches zurück, zog ihren Umhang enger um sich und starrte in die Dunkelheit. Sie fand nicht den Mut hinunter in die Stadt zurückzugehen, um dort einen Platz zum Schlafen zu suchen, nicht nachdem, was heute Abend geschehen war.
Sie machte ein paar Schritte, auf eine Baumgruppe zu und setzte sich dort ins Gras. Hier, so fand sie, war ein guter Platz, um im Schutz der Bäume wenigstens etwas Ruhe zu finden. Sie blickte hinauf zum Himmel, der in dieser Nacht so klar war, dass man hunderttausende von Sternen sehen konnte. Einen Moment dachte sie an die Geschichten, die ihr ihr Vater vor so vielen Jahren erzählt hatte. Geschichten von Helden und wilden Kreaturen, die man am Abend am Firmament wiederentdecken konnte. Es waren kostbare Augenblicke gewesen, denn dass der Vater mit ihr etwas Zeit verbringen konnte, war nur sehr selten vorgekommen.
Ihre Augen wurden langsam müde, sie sank langsam auf den Boden und schlief dort ein…„Vor langer Zeit hatte sich einst Zeus in die schöne Alkmene verliebt. Aus dieser Verbindung ging Herakles hervor, der tapferste und größte Held, den Achaia je gesehen hatte. Damit auch dieser die göttlichen Kräfte seines Vaters erhielt,ließ Zeus seinen Sohn an der Brust seine schlafenden Gattin Hera trinken. Doch der Junge trank so heftig, so dass Hera erwachte und den fremden Säugling von sich stieß. Dabei wurde auch ein Strahl ihrer Milch über den Himmel gespritzt und daraus entstand dann die Milchstraße…“
Das kleine schwarzhaarige Mädchen hatte ihrem Vater andächtig zugehört. Es liebte diese Momente, wenn ihr Vater sich zu ihr setzte, um mit ihr zu spielen oder ihr eine Geschichte zu erzählen. Von seiner letzten Reise hatte er ihr eine Puppe mitgebracht, die nun ihr allerliebstes Spielzeug geworden war…
...Vor ihr tauchte ein warmes Licht auf. An aufwändig bemalten Wänden schritt sie vorbei als sie schließlich einen hellen Raum betrat. Diese Umgebung kam ihr seltsam vertraut vor und dennoch hätte sie nicht sagen können, wo sie war. Schnell hatte ihr Blick den kleinen am Boden kauernden Kinderkörper entdeckt. Ein kleines schwarzhaariges Mädchen mit geflochtenen Zöpfen, welches in eine hübsche und aufwändig verzierte Tunika gekleidet war. Ganz vertieft in ihr Spiel saß sie dort mit ihrer Puppe und summte eine wohlvertraute Melodie eines Kinderliedes, welches ihre Mutter ihr einst vorzusingen pflegte. Doch irgendwann musste das Mädchen wohl bemerkt haben, dass es nicht allein war. Es sah auf und drehte sich zu der Frau um, die dort an der Tür stand und es aufmerksam beobachtete.
„Hallo!“, begrüßte sie die Fremde fröhlich. „Schau mal, meine neue Puppe! Die hat mir mein Papa mitgebracht.“ Das kleine Mädchen streckte der Frau voller Stolz ihr neues Spielzeug entgegen.
„Mein Papa hat gesagt, die Puppe kommt von weit her nur um..“ „...bei dir zu sein und ihre Kleider sind aus Seide.“, ergänzte die Frau, während das Mädchen, ganz verliebt in seine Puppe, zustimmend nickte. „Ich hatte früher auch einmal eine solche Puppe,“ erklärte sie dem Kind, welches sich ihr nun ganz zugewandt hatte. „Und wo ist deine Puppe jetzt?“, frage das Kind. Die Frau antwortete nicht gleich, es schien, als suche sie nach einer Antwort. „Ich habe sie leider verloren,“ entgegnete sie schließlich. „Ach, das ist aber Schade!“, meinte die Kleine. „Ja, das ist es…“Die Frau trat einige Schritte näher und setzte sich zu dem Mädchen. Eine Weile beobachtete sie sie nur, doch dann begann sie zusammen mit dem Mädchen zu spielen.
„Stell dir vor, mein Papa hat mir versprochen, er nimmt mich auf seiner nächsten Reise mit. Dann fahren wir zusammen auf einem Schiff nach Rhodos zu meiner Tante.“, erzählte das Mädchen, während es immer noch mit seiner Puppe spielte. Die Frau hielt inne und riss vor Schreck ihre Augen auf.
„Geh nicht auf dieses Schiff, Sibel! Hörst du? Du darfst nicht auf dieses Schiff gehen! Bitte Sibel, geh nicht…!“ Je weiter die Frau auf aus Kind einredete, umso schneller löste es sich buchstäblich vor ihr auf, bis sie schließlich alleine in dem hellen Raum saß, der allmählich seine schöne warmen Farben vorlor, bis nur noch ein hässliches Dunkelgrau übriggeblieben war….„Geh nicht! … Da darfst nicht… nicht auf dieses Schiff!“ Endlich erwachte Beroe aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie spürte etwas Feuchtes auf ihrem Gesicht. Einzelne Regentropfen, die durch die Blätter des Baumes auf ihrem Gesicht gelandet waren. Es hatte angefangen, zu regnen.
Sie zog ihren Umhang noch enger um sich und verkroch sie noch dichter unter die Bäume, um sich so besser vor der Nässe schützen zu können. So verharrte sie den Rest der Nacht und als der Tag anbrach versteckte sie sich in einem Gebüsch, damit niemand, der durch den Park spazierte, sie sah. Erst als es Abend wurde, kam sie zu dem kleinen Teich zurück, dorthin wo sie Avianus erwartete.
Sie musste sicher erschreckend aussehen. Ihre Tunika und der Umhang waren von der aufgeweichten Erde schmutzig geworden, das Haar war wirr und die Ringe unter ihren augen kündeten von einer sehr kurzen Nacht und vielen Tränen.Sie hatte kaum etwas gegessen, nur das, was sie im Park gefunden hatte, ein paar Nüsse von einem Baum und ein angebissenes Brot, welches ein Passant achtlos weggeworfen hatte.
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Der Tag war mehr oder weniger komplett an ihm vorbeigezogen und wenn er daran zurückdachte, hatte er einfach nur funktioniert und auf den Abend gewartet. Von ausgeschlafen konnte nach wie vor nicht die Rede sein, ein paar Minuten Schlaf nach dem Gespräch mit Seneca und in den Pausen hatten ihn notdürftig die Stunden ertragen lassen, inzwischen könnte er wohl praktisch überall schlafen. An den dunklen Augenringen hatte sich ebenfalls noch nichts geändert und sein Besuch im Valetudinarium hatte ihm lediglich die Erkenntnis eingebracht, dass wenigstens alles wieder von alleine verheilen würde. Aber zumindest das Essen, das auf der Strecke geblieben war, seit ihn am Vortag der Brief erreicht hatte, hatte er inzwischen ein wenig nachgeholt. Das allerwichtigste war jedoch, dass Sibels Situation nicht vollkommen hoffnungslos war. Jetzt musste er sie nur noch davon überzeugen, noch ein paar Tage zu warten, bis Seneca mehr wusste.
Als er den See erreichte, war allerdings niemand zu sehen. Erst sah er sich unschlüssig um, und wusste dann nicht wirklich weiter.
"Sibel…?", sagte er deutlich hörbar. Er wagte es nicht, ihren Namen lauter zu rufen, vielleicht würde es noch jemand anders hören. Er konnte nicht glauben, dass ihn im Stich ließ, nachdem sie ihm versichert hatte, zu kommen. Irgendwo war sie bestimmt und wenn nicht, war ihr womöglich etwas zugestoßen. Er verdrängte den Gedanken schnell wieder. Welch eine Ironie des Schicksals es doch wäre, nachdem er einer Lösung, dem Wunder, das er für sie gesucht hatte, bereits so nahe war.
"Sibel???" -
Über den Tag hinweg war sie ständig am Grübeln gewesen. Am Abend zuvor hätte sie sich wohl bedenkenlos an die Cohortes Urbanes ausliefern lassen, um wieder in die Unfreiheit zurückzukehren. Inzwischen aber sträubte sich alles in ihr und sie fragte sich, ob sie das wirklich wollte. Andererseits standen ihr nur noch wenige Optionen offen, wenn man ein Leben auf der Straße und der ständigen Angst vor Silanus wirklich als Option bezeichnen konnte.
Als sie ein Knirschen des Kieses auf dem Weg hörte, stieg wieder die Angst in ihr auf und sie versteckte sich wieder in den Büschen nahe der kleinen Baumgruppe. Von dort aus beobachtete sie, wer sich mit schnellen Schritten dem kleinen Teich näherte. Erleichterung kam auf, als sie Avianus erkannte. Er rief ihren Namen, aber sie rührte sich nicht. Was wäre, wenn sie einfach in ihrem Versteck bliebe? Er würde wieder gehen und mit ihm jede Chance auf ein einigermaßen annehmbares Leben, falls es diese Chance überhaupt gab. Eigentlich glaubte sie gar nicht an diese Chance. Sie war ein Wunschgedanke gewesen. Ein Hirngespinst, von Avianus geschaffen, um sie noch etwas hinhalten zu können, damit er sie am Abend zuvor nicht hatte ausliefern müssen. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, dann hatte sie Avianus doch eigentlich schon verloren.
Wieder rief er ihren Namen. Diesmal noch lauter und noch bestimmter. Wenn sie sich jetzt nicht rührte, dann war sie wieder völlig auf sich selbst gestellt, ...niemand mehr, der sich um sie kümmerte, und niemand mehr, dem sie wichtig war.
Ewig lange Minuten vergingen, bis sie sich endlich rührte. Ein Knacken im Gebüsch, ein Rascheln in den Blättern.
„Ich bin hier,“, antwortete sie leise, als sie schließlich hinter ihm auftauchte und ihn mit müden Augen in ihrer niedergeschlagenen Stimmung musterte. -
Er bäumte sich dagegen auf, die Hoffnung zu verlieren, krallte sich an ihr Versprechen, selbst als bereits eine gefühlte Ewigkeit vergangen war und Sibel nicht erschien. Grausam. Das Schicksal musste grausam sein. Seine Rufe waren bereits verstummt und Avianus wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als leer auf den See zu starren. Das Rascheln in den Büschen nahm er kaum wahr, in verzweifelte Gedanken versunken, an einem Ort, der bis vor kurzem noch der schönste der Welt gewesen war, und jetzt nichts anderes mehr in ihm zurückließ als Beklemmung und Leere. Erst ihre leise, langsam zu ihm durchsickernde Stimme holte ihn wieder zurück.
Er wandte sich um, seine Augen blieben an ihrer Gestalt hängen. Sibels Anblick, nicht mehr als ein Häufchen Elend, schnürte ihm die Kehle zu und ließ ihm gar nicht die Chance, seine Freude zu zeigen. Er ahnte, dass sie die Nacht nicht in irgendeiner Gaststätte oder zumindest unter einem Dach verbracht hatte, und so rührend es sein mochte, dass sie offenbar all die Stunden in den Gärten ausgeharrt hatte, mindestens so verrückt war es auch. Und doch sollte er lächeln. Natürlich sollte er. Sie war da. Er kam gar nicht auf die Idee darüber nachzudenken, warum sie so lange gebraucht hatte für die wenigen Schritte. Und es spielte keine Rolle mehr, denn er hatte schließlich Gutes zu berichten. Der Iunius rang es sich ab, sein schiefes Lächeln, während er näher kam, selbst wenn seine Augen sie noch immer voller Sorge musterten. Denn das Glück, das er empfand, konnte die Gedanken daran nicht zurückdrängen, wie sie die Stunden seit ihrem Abschied hinter sich gebracht haben musste.
"Sibel…", sagte Avianus leise, strich ihr ein paar der wirren Strähnen aus dem Gesicht und wusste gar nicht, womit er beginnen oder ob er sich nicht einfach zuerst um sie kümmern sollte. Doch er glaubte zu wissen, worauf sie die ganze Zeit über gewartet hatte, und sie hatte es verdient, es sofort zu erfahren. Wieder erschien ein müdes Lächeln in seinen Zügen, dieses Mal ehrlich. "Er will uns helfen." Er brauchte wohl eher nicht genauer auszuführen, von wem er sprach. -
Avianus wandte sich zu ihr um und ging auf sie zu. Er strich ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht, während er ihr wieder dieses schiefe lächeln schenkte, das sie so lieb gewonnen hatte. Genau so wollte sie ihn in Erinnerung behalten. Beroe schloss ihre Augen um seine letzten Berührungen, auch wenn sie nur kurz und flüchtig waren, zu genießen. Es war gut so, dass er sie nicht umarmte und auf weitere Zärtlichkeiten verzichtete. Dann würde es leichter für sie werden, so hoffte sie.
Statt der erwarteten Aufforderung, nun zu gehen, waren dem Iunier ganz andere Worte über die Lippen gekommen, die Beroe wohl am wenigsten erwartet hätte. Ein kurzer Satz nur, der aber dennoch so vielsagend war, dass sie schon fast an sich zweifeln musste, ob sich nun etwa auch noch ihre Sinne einen schlechten Scherz mit ihr erlaubten.
Unvermittelt schlug sie wieder die Augen auf und musterte ihn erst kritisch. Noch immer lächelte er, wenn auch etwas müde, aber er machte keinerlei Anstalten, sie von hier wegzubringen.
„Was?“, war alles, was sie schließlich leise hervorbrachte. In ihrem Kopf nahm sie noch einmal jedes einzelne Wort auseinander, welches er ihr soeben gesagt hatte. Er will uns helfen… Uns!
„Uns?“, hakte sie ungläubig nach. Eigentlich hätte die Freude über diese Mitteilung doch riesengroß sein müssen. Ihr Lächeln hätte wieder zurückkehren müssen. Aber das tat es nicht. Noch immer zweifelte sie daran, was sie da soeben gehört hatte. Außerdem musste sie sich die Frage stellen, ob es denn überhaupt noch ein uns gab, nach allem, wie sie ihn am Abend zuvor behandelt hatte. -
Avianus hatte erwartet, dass sie ihm um den Hals fallen würde, sich darüber freuen würde, dass er da war, und über die Botschaft, die er ihr brachte. Doch er erntete nichts als skeptische Blicke und ungläubige Fragen, was die Stimmung zwischen ihnen seltsam kühl werden ließ. Das Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen und er blickte sie stirnrunzelnd an. Uns. Das Wort hallte in seinen Gedanken wider.
"Ich meine… er will mir helfen einen sicheren Ort für dich zu finden. Also ja, uns… irgendwie", antwortete er dann ruhig. Er strich über ihren Arm und fühlte dabei den klammen Umhang. Mit zusammengepressten Lippen nahm er ihre Hand und drückte sie leicht.
"Wenn du das willst jedenfalls. Wir werden alles nachher in Ruhe besprechen, wenn wir in einer Gaststätte ein Zimmer für dich gefunden haben." Ein Wirtshaus. Mehr konnte er Sibel für diesen Abend nicht bieten. Doch was konnte sie erwarteten, nach einem Tag und bei seinen beschränkten Möglichkeiten? Ganz egal, was sie davon hielt, heute Abend würde sie das Amulett nicht zurückbekommen. Sie musste ein wenig Geduld haben. Nach all der Eile, mit der Sibel ihn am Vorabend aus ihrem Leben hatte befördern wollen, verlangte er von ihr, noch einmal zu warten. So wie es jetzt war, konnte es jedenfalls nicht aufhören. Eine Nacht alleine in Furcht und Kummer und von ihr war nicht mehr übrig geblieben als die erbärmliche Gestalt, die jetzt vor ihm stand. Der Iunier wollte gar nicht erst wissen, was morgen mit ihr sein würde. -
Das Lächeln wich aus Avianus‘ Gesicht. Beroe glaubte zu spüren, wie er immer weiter von ihr abzudriften schienen, was sie nur allzu gerne verhindert hätte. Dabei war es doch sie gewesen, die den Stein ins Rollen gebracht hatte.
Noch immer staken ihre Gedanken an diesem einen Wörtchen ‚uns‘ fest und wollten es einfach nicht loslassen. Gab es dieses uns noch wirklich oder war es nur diese eine Phrase, die, weil sie zur Gewohnheit geworden war, zu leichtfertigt benutzt wurde? Noch ehe sie sich darüber wirklich im Klaren darüber sein konnte, relativierte er seine Bemerkung. Er will mir helfen …einen sicheren Ort für dich zu finden …also uns… irgendwie.
Statt endlich zu handeln, schien Beroe einfach nicht aus dem Grübeln herauszukommen. Forschend sah sie ihn an, als hätte sie immer noch nicht richtig verstanden.
Erst als er ihr nun über ihren Arm strich, ihre Hand nahm und sie leicht drückte, begann sich diese Starre in ihr zu lösen. Sie wandte ihren Blick von ihm ab, sah auf ihre Hand, die nun von seiner umschlossen war. Endlich begriff sie. Er wollte sie nun von hier wegbringen. Die kommende Nacht sollte sie nicht noch einmal hier draußen bei Wind und Wetter verbringen. Und er würde auch bei ihr sein und sie beschützen, wenn sie sich wieder in die gefährlichen Gassen Roms wagte.
Bevor er sie nun mit sich ziehen konnte, legte sie ihren freien Arm um ihn, schmiegte sich an ihn, so wie sie es immer getan hatte und vergrub ihr Gesicht in seiner Tunika. Ihre Tränen begannen den Stoff zu benetzen.
„Natürlich will ich!“, schluchzte sie. -
Wieder machte sie nichts anderes, als ihn verständnislos anzusehen, und quälend lange fühlte es sich an, bis sie sich endlich regte. Gerade als er sich mit ihr auf den Weg machen wollte, umarmte sie ihn und schmiegte sich an seine Brust. Ihr plötzlicher Ausbruch an Gefühlen ließ Avianus innehalten. Er erwiderte ihre Umarmung, drückte sie an sich, fand aber wiederum keine Worte. Stattdessen legte er seine Wange auf ihre Haare. Was auch mit ihr zu tun hatte, machte sie ihm so furchtbar schwer. Inzwischen fühlte es sich so an, als müsste er um jede Sekunde mit ihr kämpfen, und doch konnte er nicht einfach gehen, weil sie ihm ständig klarmachte, wie sehr sie ihn brauchte, selbst wenn sie es nicht laut aussprach. War Sibel diejenige, die bei jeder noch so kleinen Welle gewillt war, vom Kahn zu springen, oder er es, der sich noch an das bereits sinkende Schiff klammerte? Doch bereits jetzt stellte er sich die Frage, wie lange er das konnte, egal was von beidem der Fall war. Durchhalten. Und ob es jemals wieder anders sein würde. Doch selbst dann war keine Zukunft in Sicht, in der das eine Rolle spielte. Nein, der Kahn sank schon lange, lediglich furchtbar langsam.
Zumindest für diesen Moment waren die Umstände wieder erträglich und hätte sie nicht geweint, hätte er vermutlich sogar gelächelt. Sie stellte keine Fragen mehr, erwartete nicht mehr von ihm, als er ihr für heute bieten konnte, und was noch viel wichtiger war, sie war froh, bei ihm sein zu können.
"Komm", sagte er leise und sah wieder auf, "Gehen wir." Er löste sich behutsam aus ihrer Umarmung, strich ihr noch einmal sanft über die Wange und machte dann Anstalten, sie hinaus aus den Gärten in die Stadt zu bringen. -
Gerne hätte sie noch eine Weile so verharrt. Die innige Umarmung, seine Nähe, ein kleines Stück des Glückes, das bis vor kurzem noch ganz selbstverständlich für sie war. Für einen Moment war es wieder zu ihr zurückgekehrt. Doch Avianus löste sich aus ihrer Umarmung, denn es war schon spät. Sie mussten nun gehen, bevor es ganz dunkel wurde.
Beroe nickte und folgte ihm wortlos. Der Weg zurück in die Stadt war ihr wohlbekannt. Nahezu täglich war sie ihn mindestens einmal gegangen, um nach ihrem Amulett zu schauen.
Beim letzten Mal war ihr Silanus gefolgt. Bei diesem Gedanken beherrschte sie wieder die Angst. Das Wissen, das er irgendwo da draußen war und nur darauf wartete, bis sie ihm wieder über den Weg lief, ließ sie erzittern. Ihre Hand schloss sich fester um Avianus´ Hand als sie sich dem Ausgang näherten. Immer wieder sah sie sich um, aus der Furcht heraus, dass jemand ihnen folgte. Aber da war niemand.Je näher sie sich dem Gebiet um die Märkte näherten, desto mehr sträubte sie sich, weiter zu gehen. Avianus musste sie beinahe schon mit sich ziehen. „Bitte, lass uns nicht weitergehen. Wenn wir dorthin gehen, wird er mich finden!“, bat sie Avianus. Gleichzeitig zog sie ihren Umhang noch tiefer ins Gesicht. Die Straßen waren noch recht belebt mit Männern, die von ihrem Tagewerk nach Hause gingen, Sklaven, die gekaufte oder verkaufte Waren an ihren Bestimmungsort trugen oder aber auch leichten Mädchen, die auf der Suche nach Kundschaft durch die Straßen zogen. Beroe versuchte so unauffällig wie möglich an den Lupae vorbeizulaufen. Sie achtete nicht auf Gesichter, die sie vielleicht sogar kannte. Doch dann erschrak sie plötzlich, als direkt hinter jemand ihren Namen rief.
[Blockierte Grafik: http://imageshack.us/a/img5/5760/0v7p.gif] Rachel
„Beroe?! Bist du das?“ Die junge Frau, die sie offensichtlich erkannt hatte, lief ihr nach und holte sie und Avianus schließlich ein. Als sich Beroe zu ihr umwandte, erkannte sie Rachel, eine junge Frau, die auch davon lebte, tagtäglich ihren Körper zu verkaufen, um über die Runden zu kommen. Rachel war ihr immer wohlgesonnen gewesen und Beroe war sich sicher, dass sie nicht zu jenen gehörte , die sogar ihre Großmutter für eine Handvoll Sesterzen verkaufen würden. Die Lykierin gab ihrem Begleiter ein Zeichen, kurz stehen zu bleiben.
„Wir haben dich heute schon vermisst! Einer von Silanus Leuten sagte, du wärst so gut wie tot. - Oh, du hast Kundschaft!“, bemerkte sie noch, als sie den Prätorianer an Beroes Hand musterte. „Ich komm nicht mehr zurück, Rachel. Bitte erzähl niemandem, dass du mich gesehen hast!“, brachte Beroe schließlich stockend heraus.
„Natürlich kommt mir kein einziges Wort über die Lippen!“, versicherte sie ihr. „Aber wo wollt ihr denn hin?“ Auch Rachel wusste, wie sinnlos es war, sich vor Silanus zu verstecken, denn das Gebiet um die Trajansmärkte wurde von ihm und seinen Leuten kontrolliert. Doch von ihrem früheren Leben, bevor sie sich von ihrer Familie losgesagt hatte, kannte sie noch eine gute Adresse. Dort würde ihre Freundin fürs erste sicher sein, denn Beroe und ihr Begleiter machten auf sie einen sehr unschlüssigen Eindruck. „Es gibt da eine kleine Taberna…“ begann sie schließlich. „Da werdet ihr sicher sein! Überquert den Tiber und lauft ein Stück auf der Via Aurelia, dann biegt in die zweite Seitenstraße ein. In der ersten Insula auf der rechten Straßenseite. Sagt der Wirtin, dass ich euch geschickt habe.“ Rachel nickte dem Prätorianer freundlich zu und umarmte ihre Freundin, als sich diese bei ihr bedankte. Dann trennten sich wieder ihre Wege.
Zielstrebig eilten die beiden zum Trans Tiberim.
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