[Atrium] Aelii hospiti


  • [Blockierte Grafik: http://i1294.photobucket.com/albums/b620/Zacade/IR/Home/Avas/SWonga.jpg]


    Wonga führte den Comes Italia gemäßigten Schritts in das Atrium der Casa Iulia, welches einen sehr aufgeräumten und ordentlichen Eindruck auf einen Besucher machen mochte - wenngleich keinen prunkvollen. Hier herrschte schlichte Eleganz vor, die klaren, kräftigen Wandfarben wurden durch vereinzelt aufgestellte Vasen und Grünpflanzen kontrastiert, ebenso fiel der Blick in das erhellte lararium, in welchem die Ahnenmasken der wichtigsten Iulier einem neugierigen Betrachter entgegen blickten.
    "Du hier auf Herrin warte," sagte der hühnenhafte Nubier, als er Aelius Callidus in der Mitte des Raums stehen wusste und blickte ihn noch einmal eindringlich an, als versuche er, das Gesicht des Besuchers genau zu memorieren.


    Dann wandte sich der Schwarze um und schritt in das Innere des Hauses davon, wohl um seiner Herrin vom Eintreffen des Besuchers zu berichten - er ließ Callidus alleine mit den gepolsterten Sitzbänken, dem Beistelltisch mit mehreren grünen Gläsern darauf und der sonstigen Atriumseinrichtung in fast meditativ anmutender Stille zurück - und auch die Schritte des Sklavens verklangen schnell im Inneren der Casa Iulia, ließen dem Comes Zeit, seine Gedanken zu sammeln.

  • Callidus sah dem Mann noch nach und schaute sich dann im Atrium um. Es war eine seiner Gewohnheiten, sich die Atrien der Leute, bei denen er zu Gast war, genauer zu betrachten. So schweiften seine Blicke durch die Säulengänge und wanderten zum impluvium, während er auf die Herrin des Hauses wartete.

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • Es dauerte nicht lange, bis leise, aber durchaus zielgerichtet klingende Schritte das Nahen der Hausherrin ankündigten, die an diesem Abend nicht minder schlicht gekleidet war wie an den sonstigen Tagen, wenn sie ihre Arbeit in der Curia Ostiae verrichtete - mit dem Unterschied, dass der Stoff ihrer Stola verriet, dass er wohl von einem der besseren Händler der Stadt stammte. Fein gearbeitete, goldene Ohrringe blitzten an ihren Ohrläppchen, und sie trat ihm mit einem warmen Lächeln auf den Lippen entgegen.
    "Salve, Aelius Callidus, und sei willkommen im Haus der gens Iulia. Ich freue mich sehr, dass Du meiner Einladung gefolgt bist." Freundlich blickte sie ihn an, und durchaus mit einem gewissen Interesse maß sie seine äußerliche Erscheinung mit ihrem Blick.

  • Doch konnten ihre Blicke nur wenig Auffälliges erkennen. Der Comes war in einer ordentlichen Tunika erschienen, die aus teuren Stoffen genäht war, jedoch keinen Pomp und Glanz versprühte. Die Toga hatte Callidus nur während der Sitzungen und Amtsgeschäfte umgewickelt, doch verzichtete er gern darauf, so es sein Amt nicht erforderte. Hier war zu erkennen, dass der Mann doch unter einfacheren Umständen aufgewachsen und mit der großen Politik nur wenig in Kontakt war.


    > Salve, Iulia Helena. Ich bedanke mich für deine Gastfreundschaft und freue mich über die Einladung. Wie ich sehe, verfügt deine Familie über ein durchaus respektables Anwesen. <

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • Es war erleichternd, dass er in seiner Freizeit auf die Toga verzichtete - sie hatte ihn ebenso eingeschätzt, und war froh darum, sich nicht zu sehr aufgeputzt zu haben, das wäre wohl nur unangenehm aufgefallen. Mit einer leichten Geste zu einer der Sitzbänke hin bedeutete sie ihm, näher zu treten, und schritt ebenso in diese Richtung. "Setzen wir uns doch ... kann ich Dir etwas anbieten? Wein? Wasser? Oder einen gemischten Wein?"


    Sie nahm auf einer der beiden Bänke Platz und stellte die Füße nebeneinander, um ihren Gast lächelnd anzublicken.
    "Ich danke Dir für die freundlichen Worte, doch sehe ich darin doch vor allem eines: Eine ständige Erinnerung an die Größe unserer gens in der Vergangenheit und die vor mir liegende Arbeit in der Zukunft, um meinen Teil dazu beizutragen, dass der Name der Iulier wieder mit Respekt und Achtung genannt wird."

  • Callidus folgte der freundlichen Aufforderung und begab sich langsam an der Seite der Iulierin zur Bank.


    > Ich danke dir, ich nehme gern etwas gemischten Wein. <


    Callidus hörte den Ausführungen Helenas zu und setllte fest, dass er tatsächlich niemanden in Rom kannte, der in einer hohen Position den Namen der Iulier trug. Vielleicht trug man mit eben jenem Namen eine doppelte Last und musste sogar besonders durch seine Taten hervorstechen.


    > Rom hat der gens Iulia ohne Zweifel Großes zu verdanken und ich ich denke, dass deine Arbeit und dein Einsatz der Familie ebenso zu Ruhm gereichen wie die Taten deiner Ahnen. Du hast es in der Verwaltung der regio weit gebracht und es ist sicherlich keine geringe Aufgabe, das Duumvirat einer Stadt zu übernehmen. Bald schon, wenn die Arbeit der Kurie in ruhigeren Bahnen verläuft, werden die Projekte der Städte wieder im Vordergrund stehen und mir bleibt nun wesentlich mehr Zeit, um mich diesen zu widmen. Ich werde nach Misenum und auch Ostia aufbrechen, um mir den Beginn der Bauarbeiten anzuschauen. Vielleicht führt mich mein Weg noch in den Süden, wo auch die Arbeiten am Hafen Tarents fortschreiten. Für diese Zeit wird mich Tiberia Honoria in meinem Amt vertreten. <


    Nachdem Callidus erst einmal anfing zu reden, hörte er nicht mehr auf. Es war ein Manko, dass er stets in den Griff zu bekommen versuchte, denn er konnte ohne Pause reden, wenn er sich einmal vergaß. Doch nun sollte auch Iulia Helena zu Wort kommen, so dass er schnell innehielt.

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • Mit ruhigen Handbewegungen mischte sie in zwei Bechern den Wein und das Wasser zu einem bekömmlichen, aber nicht zu wässrigen Trunk, bevor sie ihm einen der grünen Glasbecher reichte und den anderen für sich auf die Seite stellte. Während er sprach, betrachtete sie den Comes sinnierend und lauschte dem warmen, angenehmen Klang seiner Stimme. Er war ihr nie wie jemand vorgekommen, der nur sprach, um sich reden zu hören, und es tat gut, dass er nicht zu erwarten schien, dass sie sogleich Konversation betrieb, um ihn, den Gast, zu unterhalten, wie es bei vielen anderen der Fall gewesen wäre. Aber er musste wissen, wieviel ein Verwaltungsbeamter täglich sprechen musste, vor allem, wenn man eine bestimmte Stufe der Leiter erreicht hatte - und sie war dankbar darum, dass er dies zu verstehen schien. Still opferte sie einen guten Schwung ihres Getränks auf dem makellosen Mosaik des Bodens den Göttern und lächelte etwas.


    "Nun, wenn die ersten Tage der curia eine Art Generalprobe für das laufende Stück politischer Farce sein sollten, dann wird es sicherlich der größte Erfolg seit vielen Jahren - denn je schrecklicher die Generalprobe, desto besser das Stück, wenn es denn wirklich aufgeführt wird," meinte sie amüsiert und hob den Blick zu seinen Augen, nach seiner Reaktion auf ihre Worte forschend. "Was wird denn in Tarent gebaut werden? Ich muss gestehen, mir fehlt derzeit der Blick über die Stadtgrenzen etwas, weil es so vieles in Ostia vorzubereiten gilt."

  • Callidus nahm den Becher mit einem dankenden Nicken an. Es war ein angenehmes Gespräch und nicht eines jener, die er von Amts wegen hatte führen müssen. So lehnte er sich leicht zurück und nippte etwas an seinem Wein, während er der Iulierin zuhörte.


    > Es bleibt zu hoffen, dass du Recht hast. Doch hege ich Besorgnis, betrachtet man, dass in der Kurie ein Mann gewählt wurde, der doch erst mit dieser Wahl eine Magistratur bekleidet. Man könnte sich darauf einstellen, dass Wahlgeschenke an manche Seite folgen werden. Es gab Andeutungen in diese Richtung und ich werde dem nachgehen. Doch lass uns über Erfreulicheres sprechen. In Tarent entstehen Hallen am Hafen und neue Bootshäuser, auch soll ein neues Forum den Stadtkern prägen, das wesentlich mehr Händler aufnimmt. Ich bin gespannt, was Plinius Aristo mir zeigen wird. Vielleicht kann ich die ein oder andere Idee für die Hafenstädte im Norden mitbringen. Kennst du Tarent? Es ist eine blühende Handelsstadt und dort sind die berühmtesten Goldschmiede ansässig. <


    Wieder nippte Callidus an seinem Wein. Es war geradezu befreiend, den Streitereien der Kurie zu entgehen und bei privaten Gesprächen auszuspannen, auch wenn diese derzeit noch den Bereich der Arbeit tangierten. Doch hier musste er weniger auf seine Ausdrucksweise achten und nicht jedes Wort abwägen.

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • Sinnierend ließ sie den Blick auf dem Gesicht des Comes ruhen und betrachtete ihn eine Weile lang unter gänzlich anderen Gesichtspunkten als den bisherigen der Arbeitserfordernisse. Er hatte klare, regelmäßige Gesichtszüge, ein gepflegtes Äusseres und vor allem eine aufrechte Haltung - zudem war er als Aelier dem Kaiserhaus sehr nahe. Wahrscheinlich saß hier einer der bald begehrtesten Junggesellen Roms in ihrem Atrium und sie war insgeheim durchaus gespannt darauf, mit welcher Frau er sich einmal vermählen würde. Sie war sich sicher, dass es eine interessante Verbindung werden dürfte, hielt sie ihn doch für einen klugen Mann mit einem gewissen Geschmack.


    "Nun, ich wundere mich auch darüber, dass er so freimütig vorgeschlagen wurde - nur an seinem Alter kann das schwerlich gelegen haben, für Politik ist die Erfahrung des Alters zwar nützlich, aber leider geht damit oft eine gewisse Halsstarrigkeit einher. Und in Ostia habe ich ihn nie zuvor gesehen oder von ihm gehört, nun ist er Magistrat - du glaubst nicht, wie mich das erstaunt hat. Aber es ist nun, wie es ist, wir müssen das Beste daraus machen," meinte sie und verkniff sich ein leichtes Seufzen. Seit jener Wahl zum Princeps Curiae hatte sich ihr Bild des Octaviers energisch gewandelt. "Tarent habe ich bisher leider noch nicht besuchen können, aber Deine Worte machen mich neugierig. Vor allem habe ich gehört, dass Plinius Aristo ein sehr fähiger Mann sein soll, da gibt es sicherlich einiges zu erwarten von den geplanten Bauprojekten - solange es nicht ein Amphitheater wird."


    Diesen kleinen Seitenhieb auf den ihrer Ansicht nach unnötigen und überdimensionierten Prachtbau Mantuas konnte sie sich nicht ganz verkneifen, enthielt dieses unsägliche Bauwerk doch Ostia die dringend benötigte Baukraft der Legion vor. "Wieviel von Italia hast Du denn bisher bereist? Ich kann bisher nur Mantua, Aquileia, Ostia und Roma vorweisen, aber zumindest kann ich mich mit einer langen Absenz generell entschuldigen .." Wieder lächelte sie zu ihm und fühlte, dass sie sich ein wenig entspannte. Es hatte schon deutlich mehr Angenehmes, in aller Ruhe Gedanken tauschen zu können.

  • Callidus nickte, während Iulia Helena sprach. Die unangenhemen Themen der Curia Italica wollte er jedoch vorerst vergessen und nicht zum Mittelpunkt des Gespräches mit der Iulerin machen, so dass er nicht weiter darauf einging.


    > Das ist er, und nicht nur fähig, sondern äußerst loyal. Er stellt für mich einen Bezug zur Kurie dar. <


    Callidus lachte.


    > Nein, ein Amphitheater wird es ganz sicher nicht und ich hoffe, dass sich die Bauarbeiten dort nicht allzu sehr ziehen. In Misenum begannen jetzt schon die Bauten, wie mir zugetragen wurde, und auf dem Weg in den Süden werde ich dort vorbeischauen, um das Fortschreiten zu begutachten.
    Aufgewachsen bin ich in Ostia, so dass ich diese Stadt ebenso gut kenne, wie Misenum, wo ich lange Zeit arbeitete. Ich hatte einige Kontakte zu den umliegenden Städten Kampaniens, Liternum, Cumae und natürlich Puteoli und Capua. Besonders gern machte ich während meiner Landreisen nach Rom Halt in Formiae, eine schöne kleine Stadt. Auf dem Weg nach Mantua machten wir damals in Asisium Rast, doch sah ich davon nicht viel. Nach Tarent jedoch brach ich mit einem Schiff auf, als ich von Plinius Aristo eingeladen wurde, wir fuhren an der Küste entlang. Als Comes ist es beinahe schon überfällig, dass ich mehr Städte besuche, doch blieb mir als princeps Curiae kaum die Zeit für solche Reisen. Nun jedoch kann ich mich mehr als zuvor meinen eigentlichen Aufgaben widmen. Du siehst, ich bin auch nicht allzu weit rumgekommen, doch habe ich nicht die Entschuldigung vorzuweisen, wie du sie hast, denn ich habe, und glaube es mir, Italia nich nicht verlassen. <


    Callidus schmunzelte und nahm wieder einen vorsichtigen Schluck aus dem Becher. Seine Blicke schweiften kurz durch das Atrium des Hauses, bevor sie Iulia Helena wieder trafen.

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • Fast war sie froh darüber, dass er das unangenehme Curien-Thema unter den Tisch fallen ließ, es war sowohl ihr als auch ihm wahrscheinlich schon genug auf die strapazierten Nerven gefallen. Zudem reichte es auch, dass schon in der Acta die Zwischenfälle aufgebracht worden waren, die eine Uneinigkeit der Curie nach aussen trugen, es konnte dem Bild nach außen hin nur schaden. Selbst der Senat schien derzeitig einmütiger als die Curia Italia. Langsam nahm sie einen kleinen Schluck aus ihrem Becher und lauschte dem Klang seiner Stimme, bevor sie zu seinen Worten leicht und mit einem Lächeln auf den Lippen nickte.


    "Fast beneide ich Dich um die Möglichkeit, reisen zu können - wenn man so viele fremde Orte gesehen hat wie ich, die alle sehr andersartig sind als Roma, dann wünscht man sich oft genug in die Städte zurück, die als Wurzeln unserer Zivilisation gelten, also auch die italischen Städte, die unsere Traditionen seit vielen Jahren bewahren. Ich hoffe, Du wirst mir, wenn Du zurückgekehrt bist, von Deinen Reisen berichten, denn vorerst werde ich Ostia kaum verlassen können, ohne den Makel der Faulheit auf mich zu legen," erwiederte sie schließlich schmunzelnd.


    "Welche der Provinzen würdest Du denn gerne einmal besuchen? Ich kenne niemanden, der nicht ab und an davon träumen würde, sich fremde Städte anzusehen, und die Kulturen unserer Provinzen kennenzulernen." Die Träume eines Mannes verrieten oft vieles über ihn und sie war neugierig auf die Person hinter dem Amt - auch ein kompetenter, bodenständiger Mann mochte vielleicht ab und an vom Fernweh gepackt werden.

  • Callidus lachte, denn es war stets schwierig den Ausgleich zwischen Muße und Beschäftigung zu finden. Meist nämlich ließ die Beschäftigung, so sie denn angemessen für die Person war, am Ende doch keine Muße zu.


    > Ich denke, du könntest dich freuen, hättest du nur die Zeit, um über Faulheit nachzudenken. Die Verwaltung der Städte erfordert ja schließlich viel organisatorisches Talent und ein immer offenes Ohr für die Belange der Stadt und ihrer Bürger. Die Einwohner Ostias würde dir die Stunden der Muße sicher gönnen, wären sie vorhanden. <


    Als Iulia Helena ihn nach einer Provinz fragte, musste Callidus doch erst einmal nachdenken. Dass er nun durch Italia reisen würde, war für ihn ein großer Schritt, doch die Provinz verlassen, darüber hatte er selbst sich nie Gedanken gemacht.


    > Sicher wäre der Osten eine Reise wert. In Athenae sollen die Bauten nicht weniger prachtvoll sein als hier in Rom. Die Stadt selbst ist belebt und bietet mit ihren vielen Schulen ein interessantes Reiseziel. Aber auch nach Alexandria, in das heiße Aegyptus würde ich aufbrechen, hätte ich die Zeit dazu. All diese großen Städte mit ihren gewaltigen Bauten sind für mich verlockend. <


    Callidus schmunzelte zur Iulierin und trank einen Schluck. Mit Architektur hatte Callidus zwar nichts zu schaffen, doch ließ er sich gern allein durch den Anblick der riesigen Mauern und Säulen beeindrucken. Selbst in Rom schaute er noch immer gern vom Palatin auf die dicht bebaute Stadt hinab.

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • Sie schmunzelte leicht und nickte schließlich zu seinen Worten über die Faulheit. "Manchmal glaube ich, die Menschen würden geradezu darauf lauern, dass man einmal das Gefühl hat, ausspannen zu können, denn genau in diesen Momenten prasseln die meisten Probleme auf einen ein, und jeder scheint zu erwarten, dass man gerade seinem Anliegen besondere Aufmerksamkeit zu zollen bereit ist. Das muss als comes eigentlich noch schlimmer sein, denke ich - und mir fällt es schon in Ostia nicht immer leicht, den Überblick zu behalten über all die Schwierigkeiten, die in dieser Stadt anzufallen scheinen." Es war ein Eingeständnis, das sie nicht gerne machte, aber etwas an ihm ließ es ihr leichter fallen, es auszusprechen. Er wusste immerhin, wovon sie sprach, denn er hatte selbst eine Stadt geführt und kannte die Probleme gut, die dabei anfallen konnten. Vielleicht würde er es verstehen, ohne sie gleich als schwache Frau zu sehen, und ohne sie deswegen zu verurteilen.


    "Athen kann ich Dir nur empfehlen," meinte sie nach einigen Momenten des Überlegens. "Als ich dort war, wenngleich es nicht allzu lange währte, mussten wir uns doch weiter einschiffen, waren die Bauten sehr beeindruckend. Den Parthenon sollte man unbedingt besucht haben, aber ich fand die agora eigentlich noch faszinierender - all die miteinander streitenden Bürger und Philosophen, die auf wirklich hohem Niveau miteinander disktuieren, als befände man sich in einer Rhetorenschule. Allein durch das Zuhören lernt man da schon vieles, zumindest erschien es mir so - um wieviel befeuernder muss da erst der Besuch der großen Bibliothek in Alexandria sein? Ich hoffe, irgendwann reicht meine Zeit noch für eine Reise durch Aegyptus, so vieles wurde über dieses Land geschrieben, allein die Berichte Herodots verlocken doch mehr, als man es zugeben möchte. Manchmal beneide ich die Patrizier wirklich um ihren Reichtum und die Freiheit, das tun zu können, was sie möchten - reisen könnte ich wirklich für den Rest meines Lebens, ohne dass es mich langweilen würde," fügte sie lächelnd an, einen fast sehnsüchtigen Ausdruck im Blick. Das war etwas, was sie wirklich immer gern getan hatte, fremde Länder kennenzulernen. Erst war es eine Flucht vor ihrer Ehe gewesen, dann wirkliches Interesse.

  • Aufmerksam hörte er ihren Worten zu und sah sie dabei an. Dass sie ihm gestand, dass die Arbeit in Ostia nicht allzu leicht war, machte sie gleich umso menschlicher und baute weitere Distanz ab.


    > Ja, wie Recht du hast. Das Treiben in den Städten ist oft schwierig zu lenken. Als Comes habe ich die oberste Aufsicht über die Städte, doch organisieren müssen sie sich selbst. Hier und da trete ich für sie ein, aber für keine einzelne muss ich die Verantwortung tragen. Wenn man sich den Überblick verschafft hat, ist das Amt des Comes nicht unbedingt ein aufwendigeres als das eines Duumvirn. Ich bin mir sicher, du machst deine Sache in Ostia gut und die Bevölkerung wird es dir schon bald danken, wenn die Bauarbeiten für den Tempel beginnen. <


    Als sie Iulia Helena von Athen sprach verfiel er geradezu dem Neid. Den Ursprung der Stoa zu sehen, den Wandelgang selbst, der der Philosophie ihren Namen verschaffte. Die Tempelbauten Hellas zu besuchen war einer seiner größten Wünsche.


    > Ja, man hört so vieles über die großartigen Bauwerke Athens. <


    Als die Iulierin die Patrizier anspricht, schweigt Callidus etwas verlegen. Seine Familie gehört zweifellos zur Nobilität und die Person des Aelius Quarto auch zweifellos zu den wichtigsten Beratern des Kaisers. Die Aelier standen letztlich in Wohlstand keinem Patrizier nach. Allein die Behausung auf dem Palatin bot den vollen Glanz, den Rom einem Bürger nur darreichen konnte.


    > Erzähl mir etwas über deine Familie! In welchen Bereichen seid ihr tätig? Der Sohn des Vetters meines Vaters, Aelius Quarto, ließ mir bei der Wahl meines Weges freie Hand, doch er beriet mich auch, wenn ich darum bat. <

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • "Ich hoffe es sehr, denn dieser Tempel liegt mir sehr am Herzen. Meine Eltern haben stets sehr viel Wert darauf gelegt, uns im Respekt vor den Göttern zu erziehen, und ein solch wichtiges Projekt so lange brach liegen zu sehen, hat mich mehr als einmal nicht unbeträchlich verärgert. Was die Bevölkerung in Ostia angeht, wird mir deren Zufriedenheit wohl bei der nächsten Wahl offenkundig werden." Mehr war sie nicht bereit, dazu zu sagen, denn insgeheim hatte sie sich dazu schon so manchen Gedanken gemacht, auch einige, die sich mit Octavius Dio und seinem Verhalten befassten. Dunkler Groll blieb zurück und musste von ihr mit Bedacht beiseite geschoben zu werden, damit nicht wieder der Zorn über diesen Mann Oberhand gewann.


    "Diese Tempel, aber auch alle anderen Bauten sind ein besonderes Erlebnis und ich würde Dir sehr wünschen, dass Du dazu noch die eit findest. Jeder Römer sollte dies einmal gesehen haben, um wertschätzen zu können, was in den Provinzen an Wissen und Können vorherrscht, ohne hinter dem, was unsere Kultur hevorgebracht hat, hinten anstehen zu müssen. Erst alle Facetten gemeinsam erschaffen das einzigartige Bild - zumindest ist das meine Ansicht," sagte sie und lächelte wieder, um dann leicht den Kopf zu neigen, als er ihre Familie ansprach. Das war ausgesprochen höflich, auch wenn es ihn wahrscheinlich nicht besonders interessierte, es gehörte eben dazu. "Nun, die meisten meiner Verwandten sind bei den Legionen tätig, sei es als einfacher legionarius, sei es als praefectus castrorum wie mein Onkel Seneca. Selbst mein Bruder Constantius hat sich für ein Leben mit der Waffe entschieden, er dient hier in Roma den Cohortes Urbanae. Allein Vater und ich schlagen aus der Art, er ist magistratus in Mogontiacum."

  • > Auch ich wurde dies gelehrt. Meine Familie hat eine besondere Verbundenheit zu Apoll, dies war schon immer so, daher findet sich auch die Sonnenscheibe im Symbol meiner Familie. Apoll wird bei den Aeliern zu ihren Penaten gezählt. <


    Callidus lächelte, denn er war vom Ehrgeiz der Iulia Helena in dieser Sache überzeugt.
    Als die junge Frau von ihrer Familie erzählte war Callidus sehr erstaunt.


    > Man hört es selten, dass so viele Mitglieder einer Familie so hohe Posten bekleiden. Die Magistraturen in den Städten, der Posten des praefectus castrorum und sicher wird dein Bruder bald ebenfalls als Tribun hervorstechen. <


    Callidus dachte etwas wehmütig an seinen Bruder, den er lange nicht gesehen hatte. Der hatte es nie zu etwas gebracht, sein anderer war schon länger tot.


    > Vielleicht gibt es unter den Aeliern manch hochhonorierten Mann, aber es scheint, als wäre deine familie für Kaiser und Rom eingetreten udn das in ihrer Gesamtheit. <

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • "Bei einer ehrwürdigen und alten Familie wie den Aeliern wundert mich eine so hohe Abstammung nicht - Du weisst vielleicht, dass auch wir Iulier uns von einer Gottheit ableiten, genauer gesagt über Aeneas als Stammvater, der als Sohn der Venus gilt - und so ist das bevorzugte Opfertier der Venus, die Taube, heute noch ein Zeugnis, das sich in unserem Familiensymbol bewahrt hat." Eigentlich seltsam, überlegte sie, dass zwei Abkömmlinge so alter Linien geruhsam beieiander sitzen und sich unterhalten konnten, ohne dass die übliche römische Neigung zur Politik oder der Suche nach gewinnbringenden Verbingungen aufkam. Aber vielleicht war es auch das, was sie an Aelius Callidus zu schätzen gelernt hatte, dass er sehr wohl zwischen Arbeit und Entspannung zu differenzieren wusste.


    "Nun, ich denke, es wird noch ein Weilchen dauern, bis mein Bruder tatsächlich Tribun wird, aber ... wenn er sich weiter bemüht, halte ich das gar nicht für so unwahrscheinlich. Zumindest hoffe ich das sehr für ihn, denn sein Wunsch, dem Reich und dem Kaiser zu dienen, ist sehr groß, wahrscheinlich größer noch als der meine es je sein wird." Einige Momente lang verlor sie sich in Gedanken über ihren Bruder, bevor sie wieder zurückfand und ihn sinnierend anblickte.
    "Vielleicht ist es unser Erbe, dass wir uns keinem anderen Weg zuzuwenden wissen als gerade dem Dienst an Kaiser, Senat und Volk von Rom. Aber es besitzt auch Schattenseiten, drei meiner jüngeren Brüder sind im Krieg gefallen, und so manch anderer meiner männlichen Verwandten ebenso. Manches Mal erscheint mir das ungerecht, obwohl es der Wille der Götter war - aber ich habe oft genug in meinem Leben nun Trauerkleidung getragen und wünsche es mir nicht für die Zukunft."

  • Bei ihren Worten erinnerte sich Callidus sofort an das Gespräch im oecus der domus Aeliana, viel hatte er davon behalten, was Quarto gesagt hatte. Insbesondere diese Flavier musste man im Auge behalten, das hatte er sich gemerkt.


    > Es ist oft eine Last, Iulia Helena. Auch meine Familie ist durch die Nähe zum Kaiserhaus in die Verbannung geschickt worden, alle Güter wurden uns genommen. Jetzt ist der Name Aelius untrennbar verbunden mit dem Palatin, doch umso gravierender können die Folgen sein, wenn der Kaiser einmal seine Divination erfährt, denn wer kann schon bestimmt sagen, was danach folgt? <


    Würde nach Flavius Domitianus wieder ein Flavier die Macht erringen, müssten die Aelier sicher um ihr Leben fürchten, die Verbannung wäre dann sogar eine Wohltat. Nachdenklich und zähneknirschend starrte Callidus Blick auf die Wasseroberfläche des impluvium.

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

  • "Einen Vorteil besitzen die Aelier, den Du nicht vergessen solltest: Allen Aeliern, von denen ich bislang Kenntnis erlangte, ist die Eigenschaft zueigen, sich Freunde zu schaffen, eine Meinung zu vertreten, ohne diejenigen zu verprellen, deren Wohlwollen für die Zukunft wichtig wäre. Denkst Du, ihr wäret so alleine? Unser Kaiser ist noch im Alter der Manneskraft, seine Gemahlin noch nicht zu alt, um Nachkommen zu gebären, und einen möglichen Nachfolger gäbe es auch in Form des Caesar. Wir alle kennen die Zukunft nicht, auch meine Ahnen haben sich sicher nie gedacht, dass nach dem göttlichen Augustus die Iulier jemals Plebejer werden - aber es ist geschehen. Solange man nicht aufgibt, kann man doch immer seinen Platz finden, man darf sich nur nicht zu sehr an das klammern, was man bereits besitzt. Caesar hat seine Erfolge nicht dadurch erlangt, dass er ausgetretene Wege beschritten hat - und ich denke, dass die Aelier auch weiterhin einen sicheren Stand haben," widersprach sie durchaus energisch und lächelte ihm aufmunternd zu. Wie konnte man schon jemanden trösten, der sich um die Zukunft Sorgen machte, ausser ein wenig von dem weiterzugeben, was sie selbst von ihren Eltern immer wieder gesagt erhalten hatte? Wäre er ihr Bruder gewesen, hätte sie ihn wohl jetzt tröstend in die Arme genommen, aber angesichts der Tatsache, dass sie einander bei weitem nicht so gut kannten oder so nahe standen, blieb es bei diesem mit etwas Überraschung wahrgenommenen Impuls.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!