Domus Aeliana - Cubiculum Paulina

  • "Stelle dir vor. Ich habe einen Mann getroffen, der keinelrei Anstand besaß. Ich gehe arglos spazieren, rennt mich dieser Kerl einfach um und meint noch nicht einmal sich entschuldigen zu müssen. Als ich dann zu Onkel Quarto ging um mich zu beschweren, saß er da und mein Onkel wollte, dass ich mich bei ihm beschwere. Natürlich wollte ich mich dann mit Anstand aus dieser peinlichen Situation zurückziehen, doch dieser Mann ließ mir keine Möglichkeit. Ich muss mich wirklich bei dem Praetorianer über ihn beschweren. Kannst du dir das vorstellen? Das war so schrecklich....Doch anders kam ich nicht mehr aus der Sache heraus. Er hatte es förmlich herausgefordert."


    Noch immer regte sie dieser Tag auf. So etwas war ihr einfach noch nicht passiert und sie kam über solch Verhalten nicht hinweg.

  • Sie machte große Augen.
    “Der Mann hat gewollt, dass du ihm deine Beschwerde direkt ins Gesicht sagst? Vor Lucius? Was für eine Unverschämtheit! Er war Lucius’ Gast, sagst du? Ein Offizier?“

  • "Stelle dir vor. Es war der Princeps Praetorii. Und ja er wollte, dass ich eine Beschwerde über ihn direkt vor deinem Cousin und ihm abgebe. Du glaubst nicht wie unendlich peinlich mir das war. Ich wollte es uns ersparen und den Rückzug antreten. Doch er ließ mir keine andere Wahl. Ich konnte nur noch den Weg nach vorn antreten. Ich kann es immer noch kaum glauben. Da bin erst ein paar wenige Tage in Rom und schon passiert mir so etwas. Das war so...unbeschreiblich"


    Man sah Vespa ziemlich gut an, wie sehr sie dies mitnahm und wie sehr sie sich darüber aufregte. Und obwohl es nun schon wenige Tage zurücklag, konnte sie es nicht vergessen.

  • Sie lächelte leicht amüsiert. Ihre junge Verwandte hatte bisher wirklich noch nicht viel erlebt. Der Titel Princeps Praetorii sagte ihr selbst nun aber wieder nichts. Sie hatte sich noch nie sonderlich für Amtsbezeichnungen oder militärische Ränge interessiert und sich die vielen Bezeichnungen auch kaum merken können. Für sie maß sich der Wert eines Mannes in anderen Dingen, die sie als handfester erachtete – Geld vor allem, öffentliches Ansehen und Einfluss.


    “Sehr seltsam. Dieser unverschämte Mensch muss sich besonders sicher fühlen. Lucius ist hier im Kaiserpalast schließlich ein wichtiger Mann. Vielleicht ist er ein enger Vertrauter?“


    Einer, den sie bislang noch nicht kennen gelernt hatte, was sie ein wenig beunruhigte.

  • Kurz überlegte Vespa ob sie vielleicht aus den Gesprächsfetzen, die sie mitbekommen hatte oder vielleicht andere verwertbare Aussagen hatte gehört. Nach einem Moment fiel ihr auch glatt etwas ein.


    "Kennst du einen Senator Prudentius Com..."


    In der ganzen Aufregung hatte sie vergessen sich den Namen zu merken und nun überlegte sie angestrengt bis er ihr wieder einfallen würde und zum glück tat er es auch bald.


    "Senator Prudentius Commodus. Kennst du diesen? Dieser Balbus soll sein Sohn sein und außerdem habe ich die Wachen hier bei einigen Gesprächen belauscht."


    Vespa neigte sich zu ihrer Cousine hinüber um leiser sprechen zu können. Denn schließlich hatte sie gelern, dass man nicht lauschen durfte, doch um in einer neuen Stadt einiges kennenzulernen schien ihr dies als angemessen.


    "Er soll wohl bei den Praetorianern einiges zu sagen haben. Wo genau er steht, weiß ich nicht. Aber das würde sich sicherlich herausbekommen lassen. Mit den richtigen Fragen und dem richtigen Gesprächspartner würde das sicher gehen."


    Nachdem sie nun diese Unschicklichen Dinge ihrer Verwandten leise erzählt hatte, setzte sie sich wieder ordentlich hin.

  • Sie musste nicht lange überlegen.
    “Ja, ich kenne den Senator. Ich war vor einiger Zeit zusammen mit Lucius und Adria bei einer Feier in seinem Haus. Ich glaube da war auch ein Sohn. Prudentius Balbus? Ja, vielleicht war das sein Name. Aber ich weiß es nicht mehr so genau. Einen größeren Eindruck hat der nicht bei mir hinterlassen.“
    Ihr Interesse hatte an diesem Abend allerdings auch anderen Männern gegolten, nämlich ihrem zukünftigen Ehegatten und dessen Bruder, einem äußerst stattlichen Mann.

  • "Nun ja...wer weiß was dir sonst passiert wäre, wenn er dir aufgefallen wäre. Aber ich sage dir...kein Benehmen. Aber nun werde ich mal mein Zimmer weitersuchen und dich nicht aufhalten. Du wirst sicher etwas vorgehabt haben ehe ich so einfach hereinkam."


    Vespa stand auf und blieb aber vor dem Stuhl stehen. Sie wollte Paulina noch die Möglichkeit geben sie anzusehen wenn sie ging und nicht gleich zur Tür rennen.

  • “Es war ganz reizend dich kennen zu lernen.“


    Sie musterte die junge Frau nochmals kurz und bedeutete dann einer der Sklavinnen, die sich um ihr Haar gekümmert hatten: “Du kannst weiter machen.“

  • Paulina hatte einen Scriba ihres Cousins zu sich rufen lassen. Er sollte für sie einen Brief aufsetzen. Seit ihr Cousin mit dem Kaiser in den Osten aufgebrochen war, hatte der Mann sowieso kaum noch etwas zu tun und faulenzte den ganzen Tag herum, wie ihr schon aufgefallen war.
    Also trieb sie ihn gebührend an und diktierte schnell. Immer wenn er sich beklagte, oder wissen wollte, ob sie eine Formulierung tatsächlich wortwörtlich so im Brief haben wollte, wies sie ihn angemessen zurecht.


    “Natürlich will ich das. Würde ich das sonst so sagen? Natürlich würde ich es nicht!“, sagte sie dann. Allem Anschein nach meinte er wohl, dass man mit einem Statthalter und Senator nicht in dieser Art umspringen könne. Aber was wusste ein Sklave schon davon? Gerade mit diesen Männern musste man sehr direkt reden. Paulina wusste das genau.


    “Bist du jetzt endlich fertig? Wie kann man sich nur ungestraft einen Schreiber nennen, wenn man so langsam schreibt? Unfähigkeit nenne ich das! Du hast dir diesen Posten nur erschlichen, nicht wahr?“


    An
    Marcus Vinicius Lucianus
    Regia Legati Augusti pro Praetore
    Mogontiacum, Germania Superior


    Salve Marcus Vinicius!


    Ich hoffe Dir geht es gut.
    Bestimmt hast Du sehr viel zu tun. So eine Provinz macht viel Arbeit und Du bist der wichtigste Mann dort, dass sehe ich ein. Aber was weiß eine ahnungslose Frau schon von diesen Dingen.
    Einen Brief hätte ich allerdings schon erwartet. Sollten Dich deine Amtsgeschäfte so sehr in Beschlag genommen haben, dass Du mich ganz vergessen hast? Ich bin Deine Verlobte, vielleicht erinnerst Du dich.
    Oder haben Dich andere Dinge abgelenkt? Wie ist denn Germanien so? Ich habe gehört, die germanischen Mädchen sind allesamt blond, groß und üppig. Stimmt das?
    Rom ist seit einiger Zeit eine einzige Enttäuschung. Der Kaiser ist abgereist, weil er mit irgendwelchen Barbaren Krieg führen will. Seit dem ist es im Palast todlangweilig. Mir ist vollkommen schleierhaft, weshalb sich der Kaiser dafür selbst bemühen muss, wozu hat er schließlich seine Generäle? Aber er ist der Kaiser und wird schon am besten wissen, was gut für uns alle ist. Vollkommen lächerlich ist jedoch, dass auch mein Cousin Aelius Quarto meint, unbedingt mit ihm gehen zu müssen. Als ob er das bei seiner Stellung und in seinem Alter noch nötig hätte.
    Außerdem sind vor einiger Zeit sein Adoptivsohn und dessen Tochter hier eingezogen. Gebürtige Claudier, die sich natürlich wie alle Patrizier für etwas Besseres halten. Dabei wissen sie überhaupt nicht was sich gehört und sie nehmen die Sklaven über Gebühr in Beschlag. Es ist eine Zumutung. Manchmal lässt man mich sogar warten und zwar länger als akzeptabel ist.
    Wie heißt die Stadt noch gleich, in der Du residieren musst? Mogontiacum? Ich weiß sehr wohl, dass ich mir über diesen Ort keine Illusionen machen darf. Es ist bestimmt ein kümmerliches, rückständiges und schmutziges Dorf. Aber besser die Frau des Statthalters in so einem Provinznest, als eine alleinstehende, wehrlose Frau hier in Rom.
    Wann holst Du mich endlich zu Dir? Wann heiraten wir endlich? Du musst mich dringend erlösen.


    Deine Aelia Paulina


    ROMA - ANTE DIEM VI ID IUL DCCCLVII A.U.C. (10.7.2007/104 n.Chr.)


    Endlich war der störrische Kerl fertig.
    Paulina unterzeichnete den Brief und ließ nach Nakhti schicken, der ihn zur Post bringen sollte.

  • Nakhti erschien prompt, verneigte sich, nahm das Schreiben entgegen, versicherte, er wisse was zu tun sein, verneigte sich abermals und war auch schon auf dem Weg zum Cursus Publicus.

  • ...ließ gar nicht lange auf sich warten.
    Eines Tages klopfte Nakhti an die Tür zu Paulinas Gemach. Er trat ein, verneigte sich ehrerbietig und verkündete:
    “'errin, ein Brief für dich ist gekommen.“


    Er überreichte ihr das Schreiben.


    An
    Aelia Paulina
    Domus Aeliana
    Palatium Augusti
    Roma
    Italia


    Salve meine liebe Paulina!


    Verzeih, dass es so lange gedauert hat, bis ich mich melde, aber du kannst dir sicher vorstellen, dass es eine Menge zu tun gab bei meiner Amtsübernahme.


    Nun, da ich mich eingelebt habe und mein Amt und die damit verbundenen Aufgaben ausführen kann, ohne schlaflose Nächte zu verbingen, möchte ich dich bitten, mir nachzureisen, nach Mogontiacum, damit wir die weiteren Schritte am Weg zur Hochzeit in Angriff nehmen können.


    Ich hoffe bald von dir zu lesen, oder dich sogar schon bald hier begrüssen zu dürfen.
    Vale bene,



  • Paulina nahm den Brief und las.


    “Aha, dass wurde aber auch mal Zeit!“, murmelte sie, als sie den Namen des Absenders entziffert hatte.


    Sie las weiter und kommentierte leise zischend den Inhalt des Briefes: “Verzeih, dass es so lange gedauert hat... Verzeih, dass es so lange gedauert hat... Du hast also eine Menge zu tun, wie? Na, ich kann mir schon vorstellen was du zu tun hast mein Lieber!“


    ...und weiter: “Schlaflose Nächte... ja, ich habe auch schlaflose Nächte aus lauter Sorge um meine Zukunft... aber das ist dem Herrn gleichgültig und jetzt soll ich kommen, am besten sofort.“


    Sie ließ den Brief sinken und dachte einen Moment lang nach...

  • Dann sagte sie kurzentschlossen: “Schreib...“, um sich gleich darauf eines besseren zu besinnen: “...ach nein, wie dumm von mir! Hohl mir einen Schreiber und halte dich bereit. Der Brief soll dan gleich zur Post.“



    Der Schreiber kam. Es war derselbe wie beim letzten mal und man brauchte ihm nur ins Gesicht zu sehen, um zu erkennen, dass er sich in der Höhle des Löwen wähnte. Beim letzten Diktat hatte Paulina ihn barsch angefahren. Die aber sah ihm nicht ins Gesicht und nahm auch sonst keine weitere Notiz von ihm, sondern begann einfach ihren Brief zu diktieren:


    An
    Marcus Vinicius Lucianus
    Regia Legati Augusti pro Praetore
    Mogontiacum, Germania Superior


    Salve Marcus Vinicius, liebster Verlobter!


    Wie schön ist es Deine Zeilen zu lesen. Ich verzeihe Dir.


    Natürlich werde ich so schnell ich kann zu Dir eilen, aber Du wirst verstehen, dass ich zuvor noch vieles erledigen muss. Man kann eine solch weite Reise schließlich nicht ohne passende Reisegarderobe antreten und für die kalten Tage des Nordens brauche ich auch noch wärmende Mäntel. Das verstehst Du bestimmt.


    Sobald das erledigt ist breche ich auf. Ich verspreche, es wird nicht lange dauern.


    Deine Aelia Paulina


    ROMA - ANTE DIEM XVII KAL AUG DCCCLVII A.U.C.
    (16.7.2007/104 n.Chr.)


    “Das zur Post und zwar schnell.“, sagte sie, nachdem sie das Schreiben unterzeichnet hatte.

  • Paulina hatte ihre Abreise aus Rom lange hinausgezögert. Sie hatte vorgegeben, zunächst diverse Einkäufe machen zu müssen. Aber das war eigentlich nicht der wirkliche Grund. Es war eher so, dass sie die Stadt eigentlich gar nicht verlassen wollte. Lange Jahre hatte sie in der tiefsten Provinz zugebracht und unter ihr gelitten. Rom bot so viel mehr von allem: Prachtvollere Feste, extravagantere Künstler, erlesenere Gesellschaften, fähigsten Barbiere, teuersten Goldschmiede und die kreativsten Schneider. Auf das alles würde sie in Zukunft wieder verzichten müssen. Denn in Mogontiacum gab es vermutlich nur Schweinebauern und schmutzige Legionäre, vermutete Paulina. Aber sie musste gehen, denn ihr Verlobter erwartete sie. Immerhin, mit diesem Gedanken tröstete sie sich, würde sie dort denn allerhöchsten gesellschaftlichen Status genießen, denn ihr Verlobter war Marcus Vinicius Lucianus, der Statthalter der Provinz.


    Jetzt beaufsichtigte sie ein halbes Duzend Sklaven, die dabei waren, ihr Hab und Gut zusammen zu packen. Morgen in aller Frühe würde sie dann aufbrechen und der geliebten Stadt den Rücken kehren.


    “He, du da! Stopf das da nicht so rein, das ist Seide, die zerknittert doch.“ …und es war das Abschiedsgeschenk ihres Cousins Aelius Callidus.

  • Am nächsten Tag ging es los. Ganz so früh war es aber, anders als ursprünglich geplant, schon nicht mehr, als Paulina ihre Morgentoilette endlich beendet und ihre Reisekleidung angelegt hatte und fertig für die Abreise war.
    Noch einmal sah sie sich in ihrem Gemach um, dass sie nun zu verlassen in Begriff war. Leise seufzte sie und ging.


    Eine Sänfte würde sie vor die Stadt bringen. Dort wartete gewiss schon der Reisewagen, in dem sie den weiten Weg nach Germanien antreten sollte.

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