• Festtag der Pomona


    Nicht nur das Schwinden der Lebenspracht wurde durch den Herbst herangetragen, im gleichen Atemzug, in welchem die Natur sich auf das Vergehen und den Tiefschlaf vorbereitete, bedachten die Götter die Welt noch einmal mit all ihrem Segen, mit dem Reichtum und Überfluss der Ernte. Eine eben dieser Göttinnen war Pompona, die Göttin der Früchte, welche an Bäumen wuchsen. Zwar zählten auch Kirschen hierzu, welche vorwiegend in den frühen Sommermonaten wurden gepflückt, und auch Pflaumen und Zwetschgen, welche sich im späten Sommer anschlossen, doch den reichhaltigsten Erntesegen brachten noch immer Äpfel und Birnen, welche im Herbst wurden geerntet, weshalb hier auch das Fest der Pomona wurde gefeiert, um jener ihren Segen zu danken. In alter Zeit, eingeführt durch die Könige Roms und bis zum Anbruch der Kaiserzeit fortdauernd, hatte ein einziger Priester sich persönlich um die Belange der Obstgöttin bemüht, und obgleich der flamen Pomonalis der niedrigste im Rang der gesamten flamines war gewesen, so konnte doch nicht jede Gottheit von sich behaupten, mit dererlei Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Dieser Tage war jene Spezialisierung nicht mehr zeitgemäß, viel wichtiger als jene Götter, an welche nicht fortwährend wurde gedacht, war der Kult des Imperators, so dass statt den flamines minores nun die flamines zur Vergöttlichung der Kaiser hatten Einzug in die Spitze des Cultus Deorum gehalten. Die Zelebrierung der Feiertage, wie jene der Pomona, fiel somit den Pontifices ganz allgemein zu. Die Zelebrierung des Feiertages der Pomona in Rom in diesem Jahre fiel speziell Flavius Gracchus, einem der jüngsten Pontifices im Collegium zu. Strahlend weiß lag die Toga um seine Schultern, verbarg die secespita - jenes Zeichen seines Amtes - an dem Gürtel, welcher die Tunika darunter band. Ein frischer, morgendlicher Wind wehte durch die Straßen Roms und obgleich Händler und Handwerker bereits unterwegs waren, so zeigte die Stadt sich doch noch in einem friedlichen, beschaulichen Bild, denn vielen Bürger standen zu dieser Stunde in den Atrien ihrer Patrone, um jenen die morgendliche Aufwartung zu machen. Der Festtag der Pomona war kein dies nefastus, an welchem die Arbeit ruhte, sondern ein gewöhnlicher dies fastus, an welchem selbst Gerichtsverhandlungen stattfanden, und somit war auch der Ritus der Göttin zu Denken kein sonderlich populärer, sondern eine von jenen Gelegenheiten, an welchem die Pontifices ihrer Pflicht nachgingen, damit der Rest des Imperium Romanum nicht musste für solcherlei Sorge tragen - denn dies war ihre Aufgabe. Während draußen vor der Stadt im Pomonal, jenem heiligen Hain an der Straße nach Ostia, der Göttin wurde ebenfalls ein kleines Dankesfest zelebriert, vollzog Gracchus den Ritus im Tempel in Rom. Kalt und Frisch umschmeichelte das kühle Wasser seine Finger, als er die Hände in das Becken neben der Pforte tauchte, um sie zu reinigen. Junge minsitri standen bereits im Tempel bereit, die Opfergaben in Händen haltend, manche noch Kinder, welchen ob der frühen Stunden noch der Schlaf in den Augen stand. Nachdem er eine Falte seiner Toga sich über den Kopf hatte gezogen, trat Gracchus in den im sanften Licht der Öllampen und Kerzen flackernden Tempelraum hinein, vor das Bildnis der Göttin, welche Frucht und Füllhorn in Händen hielt. Da der Junge, welcher das Räucherkästchen hielt, nicht eben aufmerksam blickte, sondern müde binzelnd den Boden zu seinen Füßen betrachtete, legte Gracchus ihm eine Hand auf die Schulter und flüsterte leise.
    "Du bist dran."
    Erschrocken hob der minister den Kopf, Scham hatte den Schlaf aus seinen Augen vertrieben und er murmelte eilig eine leise Entschuldigung, welche Gracchus ein leichtes Schmunzeln auf die Lippen trieb. Die kleinen, schmalen Kinderhände öffneten umständlich das Kästchen, in welchem die goldfarbenen Harzkörner, gemischt mit verschiedenen trockenen Kräutern aufbewahrt waren, griffen hinein und streuten schließlich von der Räucherung über die glühenden Kohlen.

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  • In graufarbenen Schlieren zog der feine Rauch empor, umschmeichelte die bemalte Statue der Pomona und verlor sich schlussendlich irgendwo im Halbdunkel unter der Decke des Tempels. Indes legte der junge minister weiter Räucherung nach, so dass der herbe Odeur nicht sich konnte verflüchtigen, sondern bald das Innere der cella ausfüllte und Gracchus' Nasenflügel leicht erbeben ließ als er den Duft tief in die Nase ein sog. Die Hände ausgebreitet wandte er sich der mit Blumenranken geschmückten, in die ferne Welt blickenden Göttin zu.
    "Pomona ambrosia, großmächtige Hüterin der Früchte, höre,
    Großes Lob der Menschen, welche alle dich verehren:
    Du, die Du Deinen Segen über Gärten, Wiesen und Wälder verteilst,
    Zu Dir Fruchtbarkeit und Fülle gehören.
    Durch Deine Kraft erwächst der Reichtum der Natur,
    Mutter der Obstbäume und Sträucher,
    Oh mächtige Pomona, vielfältige Saat ist in Dir!
    Ehrwürdiger Kern, mannigfaltige Form,
    Ernteverheißende, höre die heiligen Gebete wohlgeneigt.
    Den sakralen Riten wohne wohlwollend bei,
    Und gewähre ein fruchtbares Jahr, eine segensreiche Ernte."

    Seine Worte verklangen und wurden durch ein leises Rascheln und Scharren ersetzt, als die jungen ministri sich in Bewegung setzten und vor das Bildnis der Göttin traten, um ihre Gaben darzubringen. Der älteste, vielleicht an die fünfzehn Sommer - groß und schlacksig als wolle sein Körper erproben, wie weit er in die Höhe konnte wachsen, ohne dass er sich zur Seite neigen musste - hob vorsichtig die tönerne Amphore in seinen Händen und goss daraus rotfarben schimmernden Wein in die kleine Kuhle zu Füßen der Göttin, von wo aus die Flüssigkeit gluckernd und glucksend im Altarstein verschwand, bis dass nur noch vereinzelte Perlen glitzernd am Stein hingen. Nach ihm folgte ein Mädchen, gerade ins heiratsfähige Alter eingetreten womöglich, hob andächtig einen runden Opferkuchen empor und platzierte ihn sodann auf dem foculus. Ihr folgten im Gänsemarsch drei Knaben, jünger als 10 Sommer allesamt, die einen bunten Blumenkranz, einen kleinen Korb mit frischen Feldfrüchten und eine Schale voll purpurfarbener Trauben auf dem Gabentisch ablegten.
    "Pomona ambrosia, großmächtige Hüterin der Früchte,
    Zu dir weihen wir unsere heiligen Riten,
    Unseren Dank und unsere Bitte, Göttliche,
    Fur alle Früchte an den Bäumen unserer Gärten,
    Mögest Du in Deinem Glanz auf sie hernieder scheinen,
    Mögest Du sie Wachsen und Gedeihen lassen, Sprießen und Reifen.
    In diesem Jahr nimm unseren Dank, Quelle der fruchtbaren Fülle,
    Unser Gaben, wie es Dir zusteht, o mannigfaltige Göttin,
    Von welcher alle Frucht entspringt.
    Ernteverheißende höre mein Gebet,
    gewähre uns reichhaltigen Segen. "

    Einen kurzen Augenblick noch ließ Gracchus die Worte nachhallen in der Stille der knisternden Flammen und dem leisen Rascheln der verstohlenen Bewegungen, sodann wandte er sich rechtswendig um, nickte den jungen Helfern zu und strebte dem Ausgang des Tempels zu. Hinter ihm folgten die ministri geordnet und diszipliniert und für einen Moment ließ Gracchus seine Gedanken schweifen, wie es sein mochte, eine solche kleine Schar eigener Kinder hinter sich zu wissen, welche pflichtbewusst und eifrig ihren Dienst am Gemeinwesen bereits in jungen Jahren erfüllten. Die frische Herbstluft vor der Pforte kühlte jedoch seine Sinne recht bald, tobten doch - kaum die Stufen des Tempels verlassen - bereits die ersten beiden Kinder an ihm vorbei zu den sie geleitenden Sklaven hin und verursachten dabei einen Lärm, welcher Kindern möglich zugestanden werden muss, dennoch nicht das war, was Gracchus sich von den seinen erhoffte.

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