atrium | conventus NOV DCCCLVIII A.U.C.

  • Nach dessen Ankunft grüßte ich meinen Vetter mit einem knappen "Salve, Menecrates". Es war ihm anzuhören, dass heute nicht sein bester Tag war. Obwohl seine Stimme fest schien, war sie doch eine Nuance leiser und nicht ganz so unbeschwert wie bei unserem letzten Gespräch. Viel interessanter war allerdings Brutus' Stimme nach dem Auftauchen seines Vaters und ich brauchte ihn nicht zu sehen, um zu bemerken, dass ihm diese Begegnung mehr als unangenehm war. Der Gedanke, dass Menecrates nichts von den Plänen seines Sohnes wusste, bestätigte sich direkt aus seinen Worten.


    Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass viele, denen ich begegne, glauben, mich wegen meiner Blindheit bedauern zu müssen, aber gerade in solchen Situationen fand ich persönlich junge Männer wie Brutus viel bedauernswerter. Menecrates hatte Pläne für seinen Sohn, wie jeder römische Vater, und er hatte vermutlich die üblichen patrizischen Ansprüche an dessen Zukunft und Karriere. Für einen Claudier war das Beste nur gut genug, aber das Beste fiel einem selten einfach so in den Schoss, bedeutete harte Arbeit und oftmals Verzicht hinsichtlich der eigenen Wünsche. Ich war aus dieser patrizisch-claudischen Erwartungs-Maschinerie heraus gefallen an dem Tag, als fest stand, dass ich nie wieder etwas sehen würde. Es mag ein hoher Preis sein, doch da ich mein Leben nie aus dem negativen Blickwinkel des Versäumnisses heraus betrachtet hatte (zumindest nicht, solange ich nüchtern war), fand ich die Konsequenz in Anbetracht der Alternative nicht ganz so schlimm.

  • Brutus gefiel es nicht, dass sein Vater keine Reaktion von sich gab. Ein kleines Runzeln der Stirn, ein missbilligender Blick, ja geradezu ein Schwall rabiat klingender Worte wären ihm lieber als diese Neutralität. Wenigstens wüsste er dann, in welcher Stimmung sein Vater sich befand, wie er selbst vorgehen musste. Doch dem schien nicht so und so blieb ihm auch nichts anderes übrig, als sich auf das dünne Eis zu wagen und zu spielen. Vorsichtig zu tasten und erfühlen wie weit er gehen konnte und wo die Grenze war.


    "Kein Mensch, Vater. Weder ich noch irgend jemand."


    Nach einer kurzen Pause atemete er hörbar ein und fuhr fort.


    "Mein Gewissen hat diese Entscheidung gefällt. Ich tat Unrecht an den Göttern und an mir und ein längerer Dienst wäre für mich Frevel an den Göttern gewesen.
    Ich musste gehen, weil ich nicht die Bereitschaft erbringen konnte. Mir fehlte der Ehrgeiz, der Stolz und ja, auch die nötige Motivation wirkliche Opfer zu bringen."


    Nun war er in Erklärungsnot. Es musste etwas folgen, ein entscheidender Satz voller Pathos und Einsicht. Etwas Mildes und doch Bestimmendes. Ja, er hatte es.


    "Ich habe gearbeitet, ich habe nicht gedient. Es war nicht richtig."


    Es war natürlich zu hoffen, dass sein Vater dies verstehen würde. Die Arbeit und der Dienst waren für viele unterschiedliche Umschreibungen für die ein und derselbe Sache. Für ihn jedoch war das Dienen ein wahres Opfer, etwas, was man mit Erhgeiz, Hingabe und Selbstlosigkeit ausfüllen konnte. Es erfüllte, es machte Freude auch mal länger als geplant zu bleiben - ja wirklche Opfer bezüglich der eigenen Freizeit und Gesundheit zu machen. Und Arbeit war bloß Arbeit. Das tägliche Werk, welches vollzogen werden musste, auch mit Widerwillen und Lustlosigkeit.


    "Ich hoffe du kannst dies akzeptieren, Vater. Vielleicht werde ich eines Tages reif sein zu dienen, doch ich bin es nicht.
    Ich muss wohl noch viel lernen..."


    Und damit war der Anstoß gegeben. Die nächsten Worte würden sein Leben ändern. Sein Vater hatte nun einen Hinweis von ihm bekommen und es lag alleine an ihm diesen anzunehmen oder seine eigenen Pläne für Brutus nun zu offenbaren. Und er hoffte, dass sein Vater ihn nicht allzu reif einschätzte.

  • Brutus’ Redeschwall überforderte den kaum genesenen Claudier. Zuerst nahm Menecrates auf, dass niemand die Entscheidung über die Nichtangehörigkeit zur Priesterschaft gefällt haben soll und fragte sich, wieso sie denn dann beendet war. Dann folgte eine Aufzählung der Unzulänglichkeiten seines Sohnes und zum Abschluss die Feststellung, Dienst und Arbeit sei zweierlei. Sein ganzes Leben lang hatte Menecrates dem Kaiser gedient und gleichzeitig hart in der Legion gearbeitet. Gute Arbeit war in seinen Augen ein guter Dienst.
    Flüchtig überlegte Menecrates, ob sein Sohn arbeitsscheu sein und ob er selbst bei dessen Erziehung versagt haben könnte, aber er verwarf den letzten Gedanken. Er glaubte, ein gutes Vorbild gewesen zu sein, zumindest bis ihm das Alter etwas zu schaffen machte.
    Er wollte keine weiteren Erklärungen, keine Ausflüchte und auch keine Ausreden hören. Er wollte wissen, ob sein Sohn eigenverantwortlich handeln konnte oder ob er als Vater ein Machtwort sprechen musste.


    "Und wie gedenkst du, deinen guten Ruf wiederherzustellen? Wodurch erwirbst du dir neuen Respekt?"


    Er vermied den Blick zu den Verwandten. Ihm war die Unterhaltung unangenehm, ja peinlich. Nichtsdestotrotz führte er sie, bis sie zu einem befriedigenden Ende gebracht werden würde.

  • Was für ein Ruf und was für eine Schädigung war dem voraus gegangen? Brutus war sich nicht einmal sicher, ob irgend ein anderer Patrizier, seine Verwandten ausgeschlossen, um seine Existenz wusste. Welchen Ruf mochte er da schon haben. Der einzige in diesem Raum mit Ruf und Namen, war eben jener, welcher gerade Brutus dies aufbürdete.
    Aber es hatte alles keinen Sinn, er musste Zeit gewinnen, um sich zu fassen, seine Strategie neu zu ordnen.


    "Daher bin ich hier, Vater, um mir deinen Rat für meine weitere Zukunft zu holen. Aber lasse es uns lieber in Ruhe und zu einem späteren Zeitpunkt bereden, so denn du Zeit übrig hättest."


    Vor den beiden Verwandten, welche er bisher gänzlich vergessen, war dies sicherlich nicht der klügste Weg nun Privates zu erläutern, welches wirklich und ausnahmsloß in den inneren Kreis der Familie gehörte. Und dazu zählte er eben nur seine Eltern.
    Und natürlich hoffte er inständig nun erfolgreich von sich abgelenkt zu haben.

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