Schicksalhafte Begegnungen

  • Einige Tage waren vergangen, nach dem schönen Herbstnachmittag, der auf so unglückliche Weise für Fiona zu Ende gegangen war. Seitdem waren nicht nur die meisten Blätter von den Bäumen gefallen und kündigten somit den bevorstehenden Winter an, auch Fionas Stimmung war auf einem Tiefpunkt angelangt.
    Sie hatte jede Möglichkeit genutzt, um Epicharis aus dem Weg zu gehen. Meistens hatte sie Minna vorgeschickt. Warum sie lieber im Hintergrund bleiben wollte, hatte sie ihrer Freundin nicht verraten. Das irgendetwas nicht mit ihr stimmte, wäre sogar einem völlig Fremden, der Fiona nicht kannte, aufgefallen. Doch sie schwieg beharrlich und gab nichts von dem Gespräch, das sie geführt hatte, preis. Nur Wut und Zorn wuchsen in ihr, Tag für Tag und eine Erkenntnis! Nämlich die, daß sie nur durch ihre eigene Kraft ihr Glück finden konnte. Sie wollte sich nicht mehr auf die Almosen einer Römerin verlassen. In Zukunft wollte sie sich einfach nehmen, was sie wollte. Das beinhaltete auch ihre Freiheit! Nächtelang sann sie über einen Fluchtplan nach und kam immer wieder zu dem gleichen Schluß: ohne Hilfe ging es nicht! Woher sie diese Hilfe bekommen sollte, war ihr noch schleierhaft.


    Auf dem Weg in die Stadt beschäftigte sie genau diese Frage. Fiona sollte verschiedene Sachen für Epicharis besorgen. Eigentlich war Minna mit diesem Auftrag los geschickt worden. Doch Fiona redete solange auf die Sklavin ein, bis sie schließlich einwilligte, ihr diese Aufgabe zu überlassen.
    Froh endlich einmal wieder hinaus in die Stadt zu kommen, ließ sie sich heute extra etwas mehr Zeit, um wieder nach Hause zu kommen.
    Schade nur, daß es in Rom so viele Römer gab, dachte sie sich, als ihr einige Togaträger entgegen kamen. Für die hatte sie im Augenblick nur Verachtung übrig. Sie waren alle nicht viel besser als Epicharis und all die anderen Römer, die sie kannte. Deswegen schenkte sie ihnen nur wenig Beachtung, sondern richtete ihr Augenmerk vielmehr auf die Auslagen der Stände. Sie hatte einige Münzen in einem Lederbeutel mitbekommen, mehr als sie eigentlich benötigt hätte. Es juckte sie in den Fingern, diese Münzen in etwas Brauchbares einzulösen.
    Langsam schlenderte sie weiter und hatte längst nicht mehr die Aufmerksamkeit die sie dringend nötig gehabt hätte, um nicht mit einem der ihr entgegenkommenden Passanten anzurempeln. Doch dies geschah schneller, als erwartet. Ausgerechnet auch noch einer von der Toga tragenden Sorte! "Kannst du nicht aufpassen!", entfuhr es ihr aufbrausend, noch ehe sie realisieren konnte, mit wem sie kollidiert war.

  • Es war Markttag in Rom und die Stadt platzte beinah aus allen Mauern. Aus dem ganzen Umland waren die Bauern angereist, um ihre frischen Waren anzupreisen, Obst, Gemüse und Fleisch - sowohl lebendes als auch totes, daneben die Fischer mit ihren Fluss- und Meeresfischen und -früchten. Dazwischen alle möglichen anderen italischen und Fernhändler mit allem, was der Mensch in Rom brauchte oder glaubte zu brauchen, angefangen von Verwertbarem wie Gewürzen, Süßigkeiten, Duftölen und Cremes, über Gebrauchs- und Alltagsdinge wie Kleidungsstücke, Schuhe, Geschirr aus Holz, Ton, Glas und Metall, kleinere Möbel, Sklaven, Lampen, Tücher und Decken, bis hin zu Tand und Nippes, der nicht unbedingt notwendig, aber für einen Römer jeder Klasse natürlich obligatorisch zum Leben dazu gehörte - Schmuck, kleine Statuen und Figuren, die wahlweise Götter, Helden oder Tiere darstellten, Blumen in Sträußen oder Kränzen, dekorative Vasen und Schalen, alle möglichen Arten von Anhängern und Medaillons, um Böses abzuwenden oder das Glück anzuziehen, und dergleichen mehr. Einen Teil der Waren konnte ich riechen, einen Teil hörte ich in Form der Händler, die ihre Vorzüge anpriesen und den Rest beschrieb mir Tuktuk in seiner phantasievollen Art, in der nervös scharrende Hühner zu dämonischen Wesen wurden, die mit ihren scharfen Klauen den Boden aufkratzten um sich durch ihren Käfig hindurch einen Tunnel in die Unterwelt zu graben, in der bunte Steine und stumpf glänzender Metallschmuck zum Geschmeide von Kaisern und fremdländischen Königen wurde, welches in Rom wohl an jeder Ecke zu erwerben war, und in der ein Stand mit Ölen zu einer Oase der Körperkultur heranwuchs, mit unzähligen Dosen und Pötten voller kostbarster Ingredienzen und Essenzen.


    Wir waren mitten in diesem Trubel, irgendwo in Rom, ohne noch zu wissen wo genau. Eigentlich wollte ich zu den Tempeln auf dem Kapitol. Ich hatte mich extra in Schale geworfen, denn vor den Göttern wollte ich nicht wie ein Tölpel dastehen, sondern wie der, der ich war, ein Claudius. Vor einem Opfer stand aber natürlich der Einkauf der Opfergaben und in meiner Naivität hatte ich geglaubt, wir könnten diese schnell auf dem Weg erwerben. Ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Rom nicht Ravenna war. Wenigstens hatte sich meine Nervosität in diesen Massen langsam gelegt und ich begann, die vielen Eindrücke zu genießen. Obwohl es im Grund viel zu viele Eindrücke waren, um sie alle auch nur halbwegs zu verarbeiten. Der markante Duft frisch gebackener Brote schwebte durch die Luft und ich glaubte eindeutig eingebackene Oliven darin mitschwingen riechen zu können. Mein Magen grummelte leise, obwohl ich am Morgen ausführlich gefrühstückt hatte. Ich drehte den Kopf und hatte kurz ein ziemlich aufdringliches Parfüm mit viel Bergamotte in der Nase, das mich diese instinktiv rümpfen ließ. Zwei Sklaven, Klienten oder Liktoren schufen schräg hinter mir Platz, vermutlich für eine Sänfte, allerdings nannten sie keinen Namen, sondern setzten sich mit unwirschem 'Platz da!' und 'Aus dem Weg!' durch. Tuktuk brachte mich aus dem Weg und wir blieben stehen.


    "Ich habe Hunger", sagte ich unvermittelt zu meinem Sklaven. "Wie wäre es mit einer Kleinigkeit zu Essen? Ich warte hier am Straßenrand, du besorgst etwas."
    "Was möchtest du?"
    "Egal. Schau einfach, was du findest."
    "In Ordnung, aber rühr' dich nicht vom Fleck, njaatigi."


    Ich löste meine Hand von seiner Schulter und Tuktuk wurde vom Gewühl des Menschen verschluckt. Leise Furcht keimte in mir auf, davor, dass er mich nicht mehr finden könnte und ich plötzlich allein mitten in Rom stand. Doch ich atmete tief ein und verdrängte den Gedanken mit den nächsten Gerüchen, die durch meine Nase zogen. Der Tag war bisher viel zu aufregend, um sich Gedanken über Eventualitäten zu machen, die sowieso nicht eintreffen würden. Tuktuk hatte mich noch nie irgendwo allein zurück gelassen.


    Ich drehte meinen Stock zwischen den Händen und versuchte ein paar Gesprächsfetzen aus der Umgebung aufzufangen, als plötzlich jemand gegen mich rannte. Die Berührung kam trotz der Menschenmenge so unvermittelt, dass ich vor Schreck den Stock fallen ließ und die Person bei der Schulter fasste, weniger aus Angst, selbst zu fallen, als dass ich sie aus dem Gleichgewicht gebracht hätte (ich hatte in meinem Leben schon so einiges zu Fall gebracht). Mehr als die Kollision erschreckte mich allerdings ihr ruppiger Tonfall.
    "Entschuldige, das war nicht meine Absicht!"
    Ich war zwar nur so herum gestanden, doch ich wusste nicht, ob ich nicht vielleicht doch irgendwie ungünstig im Weg herum stand oder durch eine unbedachte Gewichtsverlagerung in ihren Weg hinein geraten war.
    "Ich hoffe, es ist nichts passiert?" fragte ich ehrlich besorgt nach und ließ ihre Schulter wieder los, nur durch diese Berührung sicher, dass sie noch vor mir stand und nicht längst weiter gegangen war.

  • Endlich sah Fiona auf und erschrak! Den Kerl, der sie so scheinbar rüpelhaft angerempelt hatte, kannte sie doch! Natürlich, in der Villa Claudia hatte sie den Mann schon ein oder zweimal flüchtig gesehen, zwar hatte sie nie mit ihm gesprochen, aber wußte sie doch,wer er war. Ein Claudier! Ausgerechnet auch noch ein Claudier! Womit hatte sie das verdient? Mit Claudiern oder auch ehemaligen Claudiern, die nun Flavier waren, hatte sie ein für alle mal genug! Aber dieser hier war ein blinder Claudier! Und genau darin sah sie jetzt ihre Chance, einigermaßen glimpflich aus der Sache heraus zu kommen.
    Der Stock des Claudiers war aus seiner Hand geglitten und zu Boden gefallen. Eigenartig, er war offenbar ganz ohne Sklaven unterwegs gewesen. Umso besser, die Sklaven hätten sie womöglich erkannt und ihr somit ihren Vorteil zunichte gemacht.
    Nichts ahnend, mit wem er zusammengerempelt war, entschuldigte er sich bei ihr. Was doch das nichtvorhandene Augenlicht aus einer Sklavin machen konnte, dachte Fiona in diesem Moment spöttisch. Daß diese Entschuldigung wohl aus reiner Freundlichkeit kommen konnte, wollte oder konnte Fiona nicht mehr glauben.
    Seine Hand lag auf Fionas Schulter. Völlig entgeistert, blickte sie ihn an. Ihr fehlten die Worte, um sich zu äußern. Jetzt nur nichts Falsches sagen, dröhnte es in ihr.
    "Ach nicht schlimm", gab sie schließlich klein bei und wollte schon das Weite suchen, was allerdings durch die Hand an ihrer Schulter unterbunden wurde. "Nein, nein, nichts passiert!" Für einen Moment kam ihr der Gedanke, den Mann um seinen Geldbeutel zu bringen. Der Blinde würde das nie im Leben bemerken! Sein Geld konnte sie gut auf der Flucht gebrauchen.
    Sie erschrak über ihre eigenen Gedanken. Nein, zu einer Diebin würden sie sie nicht auch noch machen!
    Der Claudier ließ seine Hand von ihrer Schulter sinken. sie war wieder frei, hätte gehen können, tat es aber nicht. Stattdessen bückte sie sich, hob seinen Stock auf und drückte ihm ihn in seine Hand. "Hier hast du deinen Stock wieder!"

  • "Dann bin ich beruhigt", lächelte ich freundlich, wobei ich ihr nicht das Gesicht zu wandte, sondern eher die Seite davon. Meine Nase auf sie zu richten, hatte ich in diesem Moment völlig vergessen. Ich rechnete damit, dass sie weiter ging, aber auf einmal drückte sie mir meinen Stock in die Hand, wobei ich für einen Moment ihre Finger berührte. Es waren nicht die zarten, weichen Hände einer Frau, die nichts tat, aber auch keine rissigen, schorfigen Hände, wie sie Menschen hatten, die den ganzen Tag damit arbeiteten, Färber, Wäscherinnen oder Wirte etwa. Sie mochte eine verheiratete Frau sein, mit einem Mann der verdiente, die den Haushalt führte und sich um die Kinder kümmerte, vielleicht gerade auf dem Weg das Getreide für das Abendessen zu kaufen. Vielleicht war sie auch eine Lupa, die um diese Uhrzeit keine Kundschaft hatte und sich um ihre Verdienstmöglichkeit, ihren Körper kümmerte, auf dem Weg zu den Thermen. Oder sie hatte einen kleinen Laden, auch wenn mir zu diesem Szenario keine plausible Erklärung einfallen wollte, weshalb sie um diese Zeit unterwegs war. Vielleicht war es aber auch ganz anders, ich wusste es nicht und es ging mich auch nichts an, trotzdem dachte ich beiläufig darüber nach.


    "Danke sehr!" Ihre Aktion war nicht selbstverständlich. Ich war in meinem Leben schon mit einigen Menschen kollidiert, das blieb nicht aus, auch wenn es bei weitem nicht so oft passiert, wie sich Sehende das manchmal vorstellen (weil sie selbst völlig unkoordiniert sind, sobald sie nichts sehen). Die meisten hasteten nach einer Entschuldigung direkt weiter, meist vermutlich nicht einmal realisierend, dass ich nichts sah, auch nicht, was ich vielleicht verloren hatte.
    "Das ist hier aber auch ein Gedränge" plauderte ich, ohne mir klar zu sein, weshalb. Vermutlich nur, weil Tuktuk noch nicht aufgekreuzt war und ich sonst nichts zu tun hatte. "Als würde man in einem Fluss schwimmen."

  • Das freundliche Lächeln des Mannes, seine dankenden Worte und die kurze Berührung ihrer Hände, waren es, die Fionas gereizte Stimmung schon wieder besänftigen wollte. Beinahe hätte es der Claudier auch geschafft, sie wieder zu erweichen. Sie begann bereits darüber zu zweifeln, ob es wirklich angebracht war, was sie vor hatte. Mit Erschrecken stellte sie fest, je länger sie darüber nachdachte, umso mehr Verständnis hatte sie für Epicharis. Nein! Das mußte aufhören! Sie wollte sich nicht mehr länger einlullen lassen. Der Zorn gegenüber ihrer Herrin hatte seine Berechtigung und auch das, was sie vor hatte, war gerechtfertigt! Sie waren doch alle gleich, diese Römer, selbst dann, wenn sie blind und hilflos waren, wie dieser Claudier. Zuerst waren sie freundlich und zuvorkommend und dann, wenn man es am wenigsten erwartete, schlugen sie zu.
    Fionas Gesicht, das durch die freundlichen Worten des Claudiers noch sanfte Züge erhalten hatte, verhärtete sich zusehends. Sie sollte endlich weitergehen, bevor sie noch ganz schwach wurde und bevor der Sklave des Claudiers auftauchte, denn dann konnte es unangenehm werden. Der Sklave würde Fiona mit Sicherheit sofort erkennen und sie somit auch entlarven, dann wäre der Claudier mit Bestimmtheit nicht mehr ganz so nett.
    Doch dann sagte der Mann etwas Seltsames. Wahrscheinlich sagte er es nur zu sich selbst, da er wohl glaubte, Fiona sei längst weiter gegangen. "In einem Fluß schwimmen? Wie meinst du das? Bist du jemals in einem Fluß geschwommen, blinder Mann? Hast du keinen Begleiter bei dir?" Noch ehe sie die letzte Frage vollendet hatte, bereute sie es bereits, sie gestellt zu haben. Warum sie nicht die Gelegenheit genutzt hatte, um weiter zu gehen, war ihr schleierhaft.

  • Ich lachte auf. Die Frage war so merkwürdig, dass zu antworten mir schon nicht mehr seltsam erschien.
    "Natürlich bin ich schon in einem Fluss geschwommen. Der Padus eignet sich an seiner Mündung ins Meer vorzüglich zum Baden, falls du einmal in die Gegend um Ravenna kommst. Das Süßwasser mischt sich dort mit dem salzigen des Meeres und hat daher einen ganz eigenwilligen Geschmack."
    Ich dachte immer noch nicht daran, dass ich ein gutes Ziel für jeden vorbei eilenden Dieb bot, auch nicht, dass sie vielleicht zu diesen gehören könnte. Ich wandelte mit meiner durch Ravenna geprägten Naivität durch Rom, außerdem hatte ich nicht viel bei mir, was man mir stehlen konnte, wenn man mich nicht nackt stehen lassen wollte. Meine Münzen hatte Tuktuk an seinem Leib verwahrt, ich selbst trug nur einen kleinen Beutel mit ein paar Assen bei mir.


    In diesem Moment kam meine Münzsammlung zurück. Wie sich herausstellte, hatte deren Träger eine echte Köstlichkeit zwischen billigem Eintopf und Puls in halben Broten entdeckt.
    "Njaatigi, ich habe Lammspieße, mit einer Honigkruste überzogen. Salve, Fiona."
    Er grüßte so beiläufig, dass ich es fast überhört hätte. "Fiona?"
    "Das ist ihr Name."
    "Ihr Name? Wir kennen uns?" Wenn Tuktuk sie kannte, dann musste ich sie auch kennen, denn wen sollte er schon in Rom kennen, den ich nicht kannte? Das Essen hatte ich völlig vergessen.
    "Sie ist eine von Epicharis' Sklavinnen."
    Es ärgerte mich ein bisschen, dass Tuktuk das alles so sagte, als wäre es längst klar. Vermutlich war es das natürlich auch allen Beteiligten, außer mir. "Ist sie? Ach, das war mir gar nicht bewusst. Entschuldige, das mit dem Erkennen ist manchmal nicht so einfach. Wie geht es euch bei den Flaviern? Werdet ihr gut behandelt? Ist in deren Villa mehr los, als bei uns?" Ich kannte einen Flavier aus Ravenna, der war nicht gerade umgänglich mit seinen Sklaven. Aber natürlich bedeutete das nicht, dass die in Rom genau so waren.

  • Fiona stellte es sich vor, wie schwierig es sein mußte, zu schwimmen wenn man blind war. Blind waren für sie immer hilflose Geschöpfe, die nicht alleine machen konnten, die ständig jemanden um sich haben mußten, der ihnen half. Bei dem blinden Claudier schien das ganz anders zu sein. Für ihn war schwimmen wohl eine Selbstverständlichkeit. Oder vielleicht war er noch gar nicht so lange blind und konnte sich noch gut an die Zeit erinnern, als er noch sehend war. Man konnte es ihm ja nicht ansehen. Genauso wenig, wie man es Fiona ansah, daß sie eine Sklavin war.
    Fiona war niemals in Ravenna gewesen doch sie konnte sich sehr wohl vorstellen, wie der Geschmack dieses Wassers war. Oft war sie früher am Meer gewesen. Dort wo der Fluß, der an ihrem Dorf vorbei floß, ins Meer mündete. "Ja, das kann ich mir vorstellen. Das war bei… ach herrje!" Der Anblick des herannahenden schwarzen Sklaven, der normalerweise immer an der Seite des Claudiers zu finden war, nahte mit großen Schritten. Am liebsten wäre Fiona auf der Stelle im Boden versunken. Der Sklave kannte sie und würde nicht zögern, ihre Identität Preis zu geben. Das tat er dann auch, ganz beiläufig und wahrscheinlich sogar ohne böse Hintergedanken. Wie hätte er denn auch ahnen können…
    Sie verfolgte dem kleinen Gespräch zwischen Herrn und Sklaven und errötete dabei immer mehr. Warum hatte sie immer nur so ein Glück? Wäre sie doch nur weiter gegangen!
    Trotzallem blieb der Claudier unverändert ruhig und ärgerte sich nicht wegen Fionas ignoranten Verhalten. Wäre sie ncht so furchtbar wütend an diesem Tag gewesen, wäre sie sicher die Freundlichkeit in Person gewesen. "Salve Tuktuk! Ja, ich bin´s, Fiona und es tut mir leid, daß ich dich nicht erkannt habe, Herr!" Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber irgendwie mußte sie ja wider aus der Situation herauskommen. "Uns geht es gut dort und ja, es war allerhand los, nach der Hochzeit!" Sie bemühte sich, in ihren Worten nicht wieder das widerhallen zu lassen, weswegen sie so zornig war. "Aber ich fürchte, ich muß noch weiter. Ich habe noch einiges zu erledigen!" Sie versuchte, das frischerwachte Pflichtbewußtsein so gut zu spielen, wie sie nur konnte.

  • Dass sich Fiona entschuldigte, fiel mir nicht einmal bewusst auf. Vermutlich hatte ich sie zu schnell in die Schublade der Sklaven einsortiert. Sklaven entschuldigten sich ständig für irgendwelche kleinen Unachtsamkeiten, von denen ich die eine Hälfte nicht einmal mitbekam und die andere Hälfte nicht als Nachlässigkeit wahrnahm. Die Neuigkeiten aus der flavischen Villa interessierten mich sowieso viel mehr. Allerdings war Fiona wohl in Eile und nicht sonderlich gesprächig, denn viel hatte sie nicht zu berichten und verabschiedete sich schon im nächsten Atemzug.


    "Dann will ich dich natürlich nicht aufhalten. Bitte richte Epicharis und Antonia einen Gruß aus, und ... ähm ... ihren Ehemännern natürlich auch."
    Es war durchaus schade, dass die Sklavin es eilig hatte. Es wäre eine wunderbare Gelegenheit gewesen, sie zu fragen, an welchen Tagen Antonias Mann nicht zuhause war. Er war auf der Hochzeit ziemlich wortkarg gewesen, und auch wenn das vielleicht seine Gründe hatte, so konnte ich mit Schweigen nicht viel anfangen. Daher wollte ich meine Cousine lieber dann besuchen, wenn er nicht im Haus war, ich selbst hatte schließlich zu jeder Tageszeit die Möglichkeit für Besuche.

  • "Ja, das mache ich, Herr!" sagte sie eine Spur zu freundlich und wußte genau, daß sie es nicht tun würde.
    Im Nachhinein hatte es ihr wieder Leid getan, ihn so schnell abgefertigt zu haben, denn er machte eigentlich einen recht freundlichen Eindruck auf sie. Wahrscheinlich lag dies darin begründet, weil er blind war. Wäre er sehend gewesen, hatte er sie wahrscheinlich mit der gleichen Verachtung behandelt, wie die anderen Claudier und Flavier. Claudier, Flavier, alle waren sie doch gleich! Dieses verdammte Römerpack! Wieder kochte der Zorn in ihr hoch und sie wollte schon wortlos davon eilen, als sie von einem wilden Hundegebell aufgeschreckt wurde. Ganz in ihrer Nähe stritten sich zwei Hunde um eine Wurst, die einem Passanten unbemerkt abhanden gekommen war. Der größere Hund von den beiden, hätte sich leicht gegen den Kleineren durchsetzen können, wäre der kleinere Hund nicht dich etwas gewitzter gewesen. In einem unachtsamen Moment, packte der kleine Hund die Wurst mit seinen Zähnen und rannte davon, so schnell er nur konnte. Dabei huschte er zwischen den Passanten hindurch und brachte einige davon ins Straucheln. Als hätte Fiona es geahnt, kam der Hund direkt auf sie zu gerannt. Sie wollte ihm ausweichen, verlor das Gleichgewicht und stürzte, dem Claudier entgegen. Beinahe hätte sie ihn mit sich gerissen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, wieder auf die Füße zu kommen und Halt zu finden. Mittlerweile war die kleine Promenadenmischung über alle Berge. Fiona war das überaus peinlich gewesen und sogleich begann sie, sich, aufs heftigste, wild gestikulierend, bei dem Claudier zu entschuldigen, was allerdings völlig sinnlos war, da er sie ja sowieso nichts sehen konnte. "Oh, bitte entschuldige vielmals! Das war überhaupt nicht meine Absicht! Es tut mir so schrecklich Leid! Hoffentlich habe ich nicht.. Bist du verletzt?"

  • Dem Hundegebell schenkte ich nicht mehr Aufmerksamkeit als den anderen Geräuschen um uns herum, den Rufen von Händlern und Passanten, dem Plätschern eines Brunnens irgendwo auf der anderen Straßenseite, dem leises Klopfen eines Hammers auf Metall, dem Gackern irgendwelcher Hühner irgendwo linker Hand, und all den anderen Lauten, die so ein Markttag mit sich brachte. Ich hatte absolut keinen Schimmer, was auf einmal geschah, dass Fiona schon wieder halb in meinen Armen lag, wir strauchelten und erneut kurz davor waren, uns dem Boden anzunähern. Aber auch dieses Mal war Fortuna uns hold, außerdem spürte ich Tuktuks starken Griff, der meinen schwankenden Körper stabilisierte und mir damit half, die Sklavin in der Senkrechten zu halten. Meine größte Sorge galt in diesem Augenblick tatsächlich weder Fiona noch meiner eigenen Person, sondern den Lammspießen, die Tuktuk zuvor in seinen Händen gehalten hatte, und dem Gedanken daran, dass er sie am Ende hatte fallen lassen.


    Die ganze Sache war Fiona hörbar unangenehm, vermutlich nicht nur, weil sie es sowieso schon eilig hatte. Sofort begann sie sich wieder zu Entschuldigen. Ich dagegen musste ein Grinsen unterdrücken. Der Faltenwurf meiner Toga war nun vermutlich völlig hinüber, und Tuktuk würde noch darüber meckern, aber diese Geschäftigkeit, dieses Drängen und Rempeln war genau das, was ich in Ravenna zuletzt vermisst hatte (zumindest so lange mein Sklave bei mir war, im anderen Fall wäre ich wohl eher panisch geworden).
    "Jetzt sind wir wieder quitt. Mir ist nichts passiert. Ich hoffe dir ist nichts passiert? Was ist überhaupt passiert?" Ich wandte meinen Kopf ein wenig planlos durch die Gegend. "Tuktuk?"
    "Ja?"
    "Ah, da bist du." Tuktuk links, Fiona rechts, Rom drumherum, das genügte für die erste, grobe Orientierung.

  • Man mochte es kaum glauben, aber es gab Tage an denen die beiden Frauen wirklich einen Schritt hinaus in das Stadtleben wagten. Also zusammen. ;) Dieser Tag war ein solcher. Die beiden Gegensätze wollten ihre Vorräte etwas auffrischen und hatten sich dazu durchgerungen einzukaufen. Das Ziel war klar, der Weg der Ausführung eher weniger. So kam Amneris nicht umhin eine ausführliche Zetertirade über sich ergehen lassen zu müssen. Von E wie Einkaufliste bis Z wie Wer zahlt, war wirklich alles dabei.


    Erklärend muss man dazu sagen, dass Celeste bei Amneris eingezogen war und sie beide nun einen gemeinsamen Haushalt führten. Ja, man mochte es kaum glauben, aber es war mehr aus dieser flüchtigen Bekanntschaft geworden. Celeste hatte seltener zu tun als Amneris und so kümmerte sie sich um den Hauhalt. Geld brachten sie gleichviel in die Haushaltsführung ein. Amneris musste nur häufiger in den Einsatz um das gleiche Geld zu verdienen wie Celeste. Das soll die Arbeit der anderen unter gar keinen Umständen abwerten nur deutlich machen, dass unterschiedliche Spezialisierungen auch unterschiedlich viel einbrachten.


    Das Ziel war erreicht doch der Weg bis zur Vollendung des Auftrages noch weit.

  • Hätte der Römer nicht dort gestanden, wo er stand, wäre Fiona mich großer Gewißheit auf dem harten Pflaster gelandet. Schnell versuchte sie, sich wieder aufzurichten und ihre Tunika zu glätten. Das war ihr alles so unangenehm! Der Claudier schien es ihr nicht krumm zu nehmen, obwohl sie ihn fast zu Fall gebracht hatte. Im Gegenteil, er schien sogar darüber zu scherzen. Er meinte, sie seinen nun quitt. "Ja, das sind wir!", antwortete Fiona, wobei sie noch nicht so recht überzeugend lächeln konnte. "Der Hund, er hätte mich fast umgerannt. Als ich ihm ausweichen wollte, bin ich gestolpert," erklärte sie und sah zu Tuccas Sklaven, der sich seinem Herrn annahm. Einen Moment stand sie einfach nur so da, bis sie sich endlich dazu entschloß, weiter zu gehen.
    "Jetzt muß ich aber gehen, fürchte ich. Ich werde deine Grüße ausrichten, Herr! Habe noch einen schönen Tag, Herr!" Sie nickte Tucca und seinem Sklaven zu und setzte dann ihren Weg fort. Für eine Weile war sie in ihrem Ärger milde gestimmt und hatte schon fast vergessen, was wenige Tage zuvor im Garten der Villa Flavia zwischen Epicharis und ihr vorgefallen war. Gedankenverloren sah sie sich bei den vielen Ständen um, die allerlei Waren aus aller Welt boten. Dinge die sie kannte und anderes, was ihr gänzlich unbekannt war. Die Gerüche von Gewürzen, frischen und getrockneten Kräutern stieg ihr in die Nase und sie erinnerte sich, wie lange es bereits her sein mußte, seit sie zum letzten Mal etwas gegessen hatte. Während sie sich nach ihrer nächsten Mahlzeit umschaute, fielen ihr zwei Frauen auf. Eine Blonde und eine Schwarzhäutige mit lockigem Haar. Zwei Sklavinnen, war ihr erster Gedanke, so wie Minna und sie, die ihre vermeidliche Freiheit auf dem Markt während ihres Einkaufs genossen, aber letztlich doch Gefangene dieser Stadt waren. Der Duft von gegrillten Lammspießen, solche, die auch Tuccas Sklave seinem Herrn gebracht hatte, lenkte sie von den beiden Frauen ab. Sie kaufte sich einen und suchte sich einen ruhigen Ort, an dem sie ihn verspeisen konnte, den sie an einer Hausnische schließlich fand.

  • Ein Hund also, das war nicht weiter verwunderlich. Schade, dass Fiona nicht mehr im claudischen Haushalt weilte, eine Frau aufzufangen konnte sonst eine wunderbare Gelegenheit für mehr sein. Sie machte auf mich einen angenehmen Eindruck, auch wenn sie ein bisschen schüchtern schien, aber es konnten nun einmal nicht alle Sklaven so locker mit ihren Herren umgehen, wie Tuktuk dies tat. Wer wusste schon, was für ein biestiges und herrisches Geschöpf Epicharis war (zu einer Claudierin würde das durchaus passen).


    "Vale, Fiona, dir ebenfalls noch einen angenehmen Tag!" sandte ich ihr meinen Abschiedsgruß nach und sprach zu Tuktuk. "Was ist mit den Spießen? Hast du sie noch?"
    "Natürlich, njaatigi. Hier." Er nahm meine freie Hand, legte mir den Griff eines Holzspießes hinein, nachdem ich sie geöffnet hatte, und schloss sie dann.
    "Vielleicht sollten wir zum Essen irgendwo anders hin, das hier scheint doch eine sehr belebte Ecke zu sein."
    "Es geht schon, ich passe auf."
    "Gut." Ich hob den Spieß und ließ mir das saftig gebratene Lammfleisch schmecken.


    Schweigend (da kauend) aßen wir unsere Spieße. Ich zupfte einen letzten Fleischrest von dem dünnen Holz, dann musste ich Tuktuk doch ausfragen.
    "Kennst du sie näher? Diese Fiona meine ich."
    "Nur flüchtig."
    "Sie riecht gut." Ich versuchte mit meiner Zungenspitze eine störrische Fleischfaser aus dem Zwischenraum meiner oberen Schneidezähne zu lösen. "Für eine Sklavin meine ich."
    "Vergiss sie, Tucca, sie ist jetzt bei den Flaviern."
    Endlich löste sich der Fleischrest und ich schluckte ihn hinunter, eine letzte kleine Erinnerung an das saftige Lamm. "Ja, schade, nicht wahr?" Ich grinste und hielt das abgenagte Holzstäbchen Tuktuk hin. "Bist du fertig? Dann lass' uns weitergehen."
    Das Holz wurde aus meinem Griff entfernt und gleich darauf zuppelte Tuktuk an meiner Toga herum. Geduldig ließ ich das über mich ergehen, bis er schließlich meine Hand ergriff und auf seine Schulter legte.


    Obwohl Rom auch danach noch mit aller Wucht seiner Gerüche, Geräusche und Berührungen auf mich einströmte, hingen meine Gedanken noch eine ganze Weile der Sklavin nach. Nicht, dass ich mir in Rom meine Gelüste verkniffen hätte, es gab hier ganz fabelhafte Lupanare, aber so eine Sklavin im eigenen Haus war schon etwas anderes.

  • Während sie die letzten Bissen ihres Lammspießes kaute, mußte sie wieder an die seltsame Begegnung mit dem netten Claudier denken. Warum konnten nicht alle Römer blind, wie er sein. Dann wäre ihr Leben um einiges erträglicher gewesen. Ob er sie gehen gelassen hätte, wenn sie ihn darum gebeten hätte? Ach was, natürlich nicht, rief ihre innere Stimme. Sie kam sich schon etwas lächerlich vor, daß sie solche Gedanken hatte! Alle Römer waren gleich und dabei spielte es überhaupt keine Rolle, ob sie blind waren oder nicht.


    Den abgegessenen Holzspieß, auf dem einmal das gegrillte Lammfleisch aufgespießt war, warf sie achtlos beiseite. Die beiden Frauen, die ihr vorher aufgefallen waren,hatte sie aus den Augen verloren ud dachte auch gar nicht mehr an sie. Wahrscheinlich waren sie längst weitergegangen und hatten die Besorgungen für ihre Herrin erledigt, so wie sie es eigentlich hätte tun sollen.
    Er war wieder da, dieser Ärger, der sie innerlich aufzufressen schien. Hätte sie doch nur eine gute Idee gehabt, wie sie aus dieser Stadt kommen konnte und endlich diesen Claudiern und Flaviern den Rücken kehren konnte! Nie wieder würden sie sie so demütigen, wie sie es in der Vergangenheit getan hatten! Menecrates, Ofella, Callista und zuletzt auch Epicharis! Nach Britannia,rief die Stimme in ihr. Nie war die Sehnsucht so groß gewesen, wie in den letzten Tagen und Wochen, seit sie den alten Mann aus ihrem Dorf getroffen hatte.
    Callista, aus irgendeinem Grund mußte sie ständig an diese furchtbare Claudierin denken, die von ihrem Vater nach Britannia abgeschoben worden war, und das nicht nur, weil sie unter den claudischen Sklaven ihr ganz privates Massaker angerichtet hatte. Nein, auch um sie gewinnbringend zu verheiraten. Callista, wie sehr ihr doch dieser Namen zuwider war! Kurz nach ihrer Ankunft hatte sie sie damals kennengelernt. Die Claudierin wäre ihr damals beinahe zum Verhängnis geworden. Nein, sie verdrängte diese Erinnerungen wieder!
    Ob Callista bereits in Britannia angekommen war? Britannia…
    In Fiona wurde soeben eine Idee geboren, die langsam aber unaufhaltsam in ihr heranwuchs. Eine Idee, wie sie wieder nach Hause kommen konnte!
    Beschwingt und mit einem Lächeln auf den Lippen setzte sie ihren Weg fort.

  • "Jetzt sollte ich langsam mal das erledigen, wofür ich eigentlich hergekommen bin", sagte leise die Sklavin zu sich selbst und sah sich nach den Marktständen um, die sie noch besuchen mußte. Die Liste ihrer Besorgungen war zwar nicht sehr lang, doch standen einige ausgefallenen Dinge darauf, die sie erst noch finden mußte. Eine ganz besondere Art von Papyrus sollte sie beschaffen. Dabei fragte sie sich, warum es nicht der herkömmliche Papyrus tat, den Epicharis sonst auch immer benutzte. Wieder stieg in ihr der Ärger hoch, wenn sie nur an ihre Herrin denken mußte. Wieso hatte sie sich in ihr nur so täuschen können? Das wollte ihr einfach nicht in den Kopf!
    Vor ihr nahm das Markttreiben wieder zu. Durch die Gasse war kaum noch ein durchkommen. Fiona seufzte. Zur Zeit hasste sie nur noch ihr Leben. Es gab nur wenig, was sie wirklich hätte erfreuen können. "Darf ich bitte mal? Könntest du mich vielleicht mal durchlassen!" Mit solchen Worten, die bestimmt nicht freundlich klangen, zwängte sie sich ihren Weg durch, zu dem Stand mit dem Papyrus, der schier in unerreichbarer Ferne zu liegen schien.
    Wie es der Zufall wollte, erkannte sie einige Schritte vor ihr die beiden Frauen wieder, die ihr bereits vor einer Weile aufgefallen waren. Witzig, dachte sie, daß man sich in einer solchen Menschenmenge wieder fand. Als das Gedränge vor ihr wieder etwas nachließ, schloß sie zu den beiden Frauen auf und sprach die vermeintlichen Sklavinnen an. "Na, auch unterwegs, um eure Herrin zu beglücken?" Vielleicht konnte ja eine kleine Plauderei von der Schwere des Lebens ablenken, wenigstens für einen Moment.

  • Zitat

    Original von Fiona
    Wie es der Zufall wollte, erkannte sie einige Schritte vor ihr die beiden Frauen wieder, die ihr bereits vor einer Weile aufgefallen waren. Witzig, dachte sie, daß man sich in einer solchen Menschenmenge wieder fand. Als das Gedränge vor ihr wieder etwas nachließ, schloß sie zu den beiden Frauen auf und sprach die vermeintlichen Sklavinnen an. "Na, auch unterwegs, um eure Herrin zu beglücken?" Vielleicht konnte ja eine kleine Plauderei von der Schwere des Lebens ablenken, wenigstens für einen Moment.


    Celeste war noch lange nicht fertig mit ihrem Vortrag, na ja, zumindest in ihren Gedanken gab es noch einiges. Sie hatte noch so viel auf den Lippen liegen was sie Amneris an den Kopf werfen wollte. Das hätte noch Tagelang reichen können. Doch darin wurde sie gestört. Eine fremde Frau sprach sie beide an. Sie schien aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und stand nun neben ihnen. Diese Unaufmerksamkeit war wohl der Aufregung zu verdanken. Etwas verdutzt über die Frage, klaptte ihr fast der Unterkiefer hinunter. Es dauerte ein wenig bis die Worte und die Sprache wiedergefunden hatte.
    "Nein, nein. Wir haben keine Herrin für die wir einkaufen gehen. Wir tun das für uns. "

  • Fiona war es nicht peinlich. Eher fühlte sie sich noch mehr frustrierter, nachdem sie erfahren hatte, daß die beiden das besaßen, was sie verloren hatte und auf einfachem Wege nicht wieder bekam. Die Frauen sahen überhaupt nicht besonders römisch aus, was das ganze für die Sklavin noch schlimmer machte. Wie konnte man nur freiwillig in dieser Stadt sein, fragte sie sich selbst, ohne dabei zu berücksichtigen, daß auch sie einmal vor langer, langer Zeit den Wunsch gehegt hatte, einmal nach Rom zu kommen. Ihr Wunsch hatte sich auf tragische Weise erfüllt. Die Wege des Schicksals waren zu weil recht grausam.
    "Dann könnt ihr euch glücklich schätzen! Ich wünschte, ich könnte solches auch von mir behaupten."
    Offenbar hatte sie mit ihrer Frage zumindest die blonde Frau irritiert. Es war besser, wenn sie die beiden wieder sich selbst überließ. "Es ist wohl am besten, wenn ich euch nicht weiter störe. Ich hab noch viel zu tun, damit ich meine Herrin beglücken kann."
    Fionas Blick wurde wieder düster, als sie weiter gehen wollte.

  • Im Laufe der Jahre hatte Amneris sich an allerlei gewöhnt, zumal ihr Beruf häufiger mit diversen Schwierigkeiten verbunden war. Auch die Tatsache, dass sie die einzige Frau in ihrem… Kollegenkreis war hatte zu einer gewissen Abhärtung beigetragen. Die Zeit mit Celeste jedoch verlangte eine gänzlich neue Art von Geduld und stahlharte Nerven. Besonders dann, wenn sie zu einem ihrer längeren Vorträge ansetzte… und im Grunde genommen waren all ihre Vorträge lang. Hin und wieder hatte sich die Nubierin beim Gedanken ‚Weiber‘ ertappt. Erschrocken hatte sie jedesmal den Kopf über sich selbst geschüttelt und sich ins Gedächtnis gerufen, dass gerade jene Hibbeligkeit Celestes es war, das sie so an ihr mochte. In solchen Momenten jedoch vergaß sie jene Erkenntnis sehr schnell wieder. Ihre Antworten beschränkten sich heute, wie meist, also lediglich auf „Mhm“, „Ja“, „Natürlich“ und „Du hast Recht“. Feldstudien hatten ergeben, dass diese Antworten am ungefährlichsten waren.
    So in ihrer Gedankenwelt gefangen, die sie beständig vor zu viel Information seitens der Keltin abschirmte, überhörte sie zunächst die Worte der Sklavin und wurde sich ihrer erst gewahr, als Celeste sich an sie wandte. Herrin? Wie? Was? Ohweh, nur nichts anmerken lassen war nun die Devise. Ein wenig hilflos sah die großgewachsene Frau zwischen den beiden anderen hin und her im Bestreben doch noch das Thema herauszufinden. Es gelang nicht sonderlich gut. Nur eines war klar: Die Rothaarige hatte Celestes Tirade unterbrochen und allein dafür wäre die Nubierin wohl ewig dankbar. Es musste also logisch an die Sache heran gegangen werden. Es wurde etwas von einer Herrin gesagt, also war die andere vermutlich eine Sklavin. Und das gefiel ihr, nach der letzten Äußerung, wohl eher weniger gut. Unzufriedene Sklaven waren etwas wunderbares, wie Amneris fand. Mehr als einmal hatte sie schließlich Informationen über einen lohnenswerten Raubzug von einem solchen erhalten. Vielleicht ging das hier ja auch.
    „Oh, du störst uns nicht, nicht im Geringsten. Ich bin Amneris.“, erwiderte die Nubierin und deutete zunächst auf sich selbst. Anschließend blickte sie zu Celeste. „Und das hier ist Celeste. Wenn du noch Besorgungen zu machen hast, können wir ja ein Stückchen gemeinsam zurücklegen.“
    Und wenn sich schon keine Villa fand, in die man einbrechen konnte, so würde doch die fremde Sklavin Celeste davon abhalten weitere Vorträge über sie herabregnen zu lassen.

  • Hah! Der Schachzug war natürlich sofort durchschaut. Nur aus lauter Boshaftigkeit sprach Amneris jetzt die Sklavin an. Das würde später einen neuen Vortrag nach sich ziehen. Darauf konnte sich die Nubierin schon jetzt gefasst machen und Celeste Blick sprach mindestens eintausend Schriftroillen. Mindestens! Nun gut, es galt jetzt die Haltung zu wahren. Irgendwie klang die Frau, die sie angesprochen hatte nicht sehr glücklich. Celeste hatte keine Erfahrung mit Sklaven, aber eigentlich sahen sie doch meist ganz zufrieden aus, wenn man das so nennen durfte. Hier war es doch anders.
    "Wir würden uns freuen wenn du ein wenig mit uns gehst,"
    bekräftigte Celeste gespielt freundlich Amneris Einladung. Ein Nachspiel würde es haben, ja woll ja!

  • Gewiss konnte man Fiona nicht vorwerfen, sie sei einfältig. Schon oft in ihrem Leben hatte sie einen gewissen Spürsinn bewiesen, der sie wachsam werden ließ, wenn jemand es nicht ehrlich mit ihr meinte. Diese Fähigkeit hatte ihr in so mancher brenzligen Situation geholfen. Vielleicht war es nun einfach nur der Zorn, der sie seit Tagen übermannte und sie in mancher Hinsicht blind werden ließ für Dinge, die man besser hätte hinterfragen sollen.


    Sie wollte schon weiter gehen und die beiden Frauen ihres Weges ziehen lassen, als die Stimme der Nubierin sie doch zurückhielt. Auch die blonde Frau schlug ihr vor, sie könne sie gerne ein Stück begleiten zu. Daß die beiden Frauen mit ihrem Angebot einen gewissen Hintergedanken verfolgten, ahnte Fiona nicht. Noch nicht!
    Das Gesicht der Sklavin erhellte sich wieder und ihre gewohnte Freundlichkeit kehrte zurück. "Gerne. Das freut mich aber! Ich habe noch so ein komisches Zeug zu besorgen. Ich weiß gar nicht, wo ich das her bekommen soll. Eigentlich ist es mir auch gleich, ob ich es finde. Notfalls er zähle ich ihr, ich hätte es nirgends bekommen können." Fiona grinste schelmisch. Für ihre Herrin würde sie sich so schnell nicht mehr ins Zeug legen.
    "Wenn ihr keine Sklavinnen seid, seid ihr dann Römerinnen?" Nun ja, die Nubierin sah wirklich nicht danach aus, aber vielleicht besaß sie ja das viel gerühmte römische Bürgerrecht.

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