Eine gallische Taverne

  • Mit einem Becher hatte er es sich in der Taverne bequem gemacht. Sein Mantel mit dem typischen farbenfrohen gallischen Webmuster aus seiner Heimat hielt ihn trotz der Temperaturen warm. Er plauderte gelegentlich ein paar Worte mit dem Wirt, wenn dieser nichts zu tun hatte und nahm ab und zu einen Schluck aus dem Becher. Ansonsten hieß es Warten. Römer waren meistens pünktlich.

  • Begleitet von einem Sklaven hatte Ursus sich auf den Weg gemacht. Ein klein wenig amüsierte es ihn ja, daß er sich mit diesem Gallier in der gallischen Taverne treffen sollte. Traute der sich nicht zu ihm? Aber warum eigentlich nicht in der Taverne? Gemütlich war es dort immerhin und trinkbaren Wein würde es hoffenltich auch geben. Dieses lauwarme Cervisiazeug jedenfalls hoffte er nicht trinken zu müssen. Das war noch scheußlicher als germanisches Bier. Obwohl ein warmes Getränk ja eigentlich nicht schlecht war bei dieser Kälte. Na, vielleicht gab es auch heißen Gewürzwein.


    Als er die Taverne betrat, bedeutete er seinem Sklaven, sich im Hintergrund zu halten und blickte sich suchend um. Der Mann dort hinten war jedenfalls ein Gallier, seine Kleidung wies ihn zweifelsfrei als solchen aus. Also trat Ursus ohne Scheu an ihn heran. "Salve. Ich nehme an, Du bist Beriolix?"

  • Tatsächlich, der Römer war sogar extrem pünktlich. Beriolix nickte und machte ein freundliches Gesicht. "Der bin ich. Setz' dich." Es war immer ein Vorteil, als Gastgeber aufzutreten. Schon bei seiner Arbeit hielt er es so und wenn es um die Zukunft seines Sohnes ging erst Recht. Deswegen hatte er auch um ein Treffen in dieser Taverne gebeten. Hier war er der Einheimische, obwohl sie mitten in Rom waren. "Mit wem habe ich das Vergnügen?" Er wusste zwar, wer angekündigt war, aber das hieß noch nicht, dass dieser auch gekommen war.

  • "Danke", sagte Ursus und setzte sich ohne viel Aufhebens. "Titus Aurelius Ursus ist mein Name, wie Du Dir sicher schon gedacht hast." Er lächelte ebenfalls freundlich. Der Gallier machte einen recht selbstbewußten Eindruck. Oder wollte er nur so erscheinen, damit Ursus bei den Verhandlungen eher nachgab? Es würde sicherlich noch interessant werden heute.


    Er winkte dem Wirt, um einen heißen Gewürzwein zu bestellen. Der Wind hatte ihn doch ziemlich frösteln lassen und so wollte er sich innerlich ein wenig aufwärmen. "Ich hoffe, Deine Familie - insbesondere Dein Sohn - ist wohlauf?" Ein wenig Plauderei vor der eigentlichen Verhandlung konnte ja nicht schaden. Es half, den anderen einzuschätzen.

  • Der Römer machte einen unkomplizierten und selbständigen Eindruck. Beriolix gefiel das. Er braucht ihn nicht einmal zu fragen, was er trinken wollte. Nicht immer hatte er Römer so problemlos erlebt. "Danke der Nachfrage. Ich kann mich nicht beklagen. Ich hoffe, bei dir ist es ebenso? Lässt das Amt noch Zeit für Familie?" Natürlich hatte er sich informiert. Bei diesem Namen war das nicht einmal schwer gewesen.

  • "Das freut mich zu hören." Was Ursus sogar ganz ernst meinte, denn die Gesundheit des jungen Burolix konnte ihm ja nur am Herzen liegen. Und so kam der Rest der Familie über ihn eben auch in den Genuß guter Wünsche. "Ja, auch ich kann mich nicht beklagen", bestätigte Ursus lächelnd. "Das Amt nimmt schon den größten Teil meiner Zeit in Anspruch, wie es ja auch sein sollte. Doch bleibt zum Glück dennoch genug Zeit, mich um meine privaten Belange zu kümmern." Daß er er nicht verheiratet war, mußte er diesem Mann ja wirklich nicht unbedingt auf die Nase binden. Obwohl er durchaus annahm, daß Beriolix dies wußte.


    Der Wirt brachte den Gewürzwein und Ursus hob den Becher. "Auf ein für beide Seiten erfolgreiches Gespräch." Vielleicht wäre es klug gewesen, Caelyn vorher zu fragen, was für Gewohnheiten und Sitten Kelten so hatten. Aber andererseits waren sie hier in Rom, gallische Taverne hin oder her.

  • Den Gruß erwiderte Beriolix mit einem freundlichen Lächeln. Gemeinsam Trinken mit einem Verhandlungsgegner war nie falsch. Egal ob vorher, während des Gesprächs oder nachher. Entsprechend klein war sein eigener Schluck aus dem Becher. Umso mehr hatte er später. "Und eines dieser Belange sind dann also die Wagenrennen. Wie lange beschäftigst du dich schon damit?" Egal was er sagen würde, Beriolix war länger dabei. Pferde hatten in seiner Familie Tradition.

  • Ursus nahm einen Schluck. Wie wunderbar warm! Aber er durfte nicht zu schnell trinken, denn für Verhandlungen brauchte man einen klaren Kopf. Ein Grundsatz, der ihm schon manche Schwierigkeiten vom Hals gehalten hatte. Damals bei den Germanen zum Beispiel. Wo es wirklich schwer gewesen war, nicht zuviel zu trinken.


    "Ja, eines dieser Belange sind die Wagenrennen", lachte Ursus zustimmend. "Ich weiß gar nicht mehr, wie alt ich war, als mein Vater mich das erste mal zu einem Rennen mitnahm. Ich glaube, eigentlich war ich noch etwas jung für so etwas. Seine Begeisterung steckte mich an. Und seit einigen Jahren bin ich aktiv in der Factio Aurata tätig." Er sah keinen Grund, warum er nicht offen darüber sprechen sollte. "Und wie lange beschäftigst Du Dich schon damit? Und wie lange Dein Sohn?", gab er die Frage zurück, denn nun kamen sie langsam zum interessanten Teil der Unterhaltung.

  • "Burolix wurde quasi auf dem Rücken eines Pferdes geboren. Genau wie ich. Und wie unsere Vorfahren. Die gallische Reiterei ist schließlich berühmt." Genau betrachtet war das eine maßlose Übertreibung. Nicht die Berühmtheit der Reiterei, die gab es wirklich. Aber dass sich Beriolix und seine Familie so selbstverständlich dazu zählte. Immerhin waren sie schon lange keine berittenen Krieger mehr. Beriolix war Sattler und Burolix würde dasselbe werden, wenn er es nicht seinem Bruder gleich tat und Wagenlenker wurde. Dafür waren sie hier. "Du wirst also kaum einen Fahrer finden, der genauso alt und genauso erfahren mit Pferden und Wägen ist."

  • Eine ähnliche Anpreisung hatte Ursus schon erwartet. Und daß der Junge etwas von Pferden verstand, bezweifelte er nicht einmal. Aber wie sah es eben mit seiner Erfahrung als Wagenlenker aus? "Ein Mann mit Pferdeverstand ist niemals falsch. Und ein guter Reiter sicherlich ebenfalls nicht. Jedoch würde mich noch interessieren, wie es mit seinen Erfahrungen als Wagenlenker aussieht. Wie lange arbeitet er mit Gespannen? Was für Rennerfahrungen kann er vorweisen?" Natürlich hatte er vorher auch schon Erkundigungen eingezogen und einiges über Burolix gehört. Sonst hätte er sich gar nicht erst um diesen Kontakt bemüht. Doch er wollte gerne hören, was sein Vater so vorbringen würde. Und in wieweit sich das mit dem deckte, was er vorher an Informationen gesammelt hatte.

  • Die gezielte und fachkundige Fachfrage brachte Beriolix nicht aus der Ruhe. Wer schlaue Fragen stellte, fühlte sich sicher. Also nahm er erst noch einmal einen winzigen Schluck aus seinem Becher. "Der Bedarf an gallischen Reitern ist mitten in Rom recht gering. Das hat schon mein Großvater erkannt. Also wurde er Sattler. Und sein Bruder Wagenbauer. Sattler bin auch ich. Und mein Cousin Wagenbauer. Was das für Burolix heißt, kannst du dir denken. Er ist sogar schon ein paar Rennen mehr gefahren als sein Bruder, der inzwischen für die Veneta fährt, wie du sicher weißt." Damit war die Untergrenze gesetzt. Für Burolix sollte mehr herausspringen als für Casetorix. Falls sich der Römer gut informiert hatte, wusste er, was das bedeutet.

  • Ursus lächelte. "Was ich mir denken kann und was Wirklichkeit ist, sind doch zwei ganz unterschiedliche Dinge." Was das Reden anging, würde Beriolix in der Politik keine schlechte Figur machen, stellte Ursus fest. "Ich frage mich, warum gab sich die Veneta mit dem angeblich schwächeren Bruder zufrieden? Und wollen die beiden überhaupt gegeneinander antreten und würden sie gegeneinander alles geben? Gerade die Veneta und die Aurata stehen in harter Konkurrenz zueinander." Wagenrennen erforderten schließlich auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber den anderen Fahrern. Einen Fahrer, der seinen Bruder schonte und somit der Veneta zum Sieg verhalf, konnte er auf keinen Fall brauchen.

  • Die Antwort auf die erste Frage fiel kurz und knapp aus. "Weil der jüngere Bruder nicht zur Verfügung stand." In seiner Familie führte Beriolix die Verhandlungen und entschied, wer bereit für eine Factio war und wer nicht. "Und irgendwas wirst du dir ja schon richtiges gedacht haben, als du mit mir Kontakt aufgenommen hast. Die beiden sind so stark, weil sie immer auch gegeneinander gefahren sind. Also, was ist er euch wert?" Beriolix machte wieder dasselbe freundliche Gesicht, das er schon zur Begrüßung gemacht hatte.

  • Ursus hätte es nie offen zugegeben, doch die Antwort gefiel ihm. Der Vater wollte seine Söhne nicht verheizen, sondern ihnen eine gute Karriere verschaffen. "Natürlich habe ich mir etwas dabei gedacht", lächelte er und nahm einen kleinen Schluck aus seinem Becher. "Er hat ohne Zweifel Potential. Doch in einem richtigen Rennen hat er sich noch nicht bewiesen. Und dort ist der Ort, an dem sich herausstellt, ob ein Fahrer wirklich die nötigen Nerven hat." Dabei war er fest davon überzeugt, daß der Junge die nötigen Nerven mitbrachte. "Nenn Du zuerst Deinen Preis, Beriolix. Du bist derjenige, der anbietet." Er sagte das ganz freundlich und lächelnd, wollte jedoch wissen, wie raffgierig der Mann war. Natürlich würde er einen überhöhten Preis nennen, das gehörte ja dazu. Aber würde er es gleich übertreiben?

  • Über die Äußerung zu richtigen Rennen lächelte der Gallier nur milde. Natürlich war für einen Römer jedes Rennen, bei dem er nicht zugeschaut hatte, kein richtiges Rennen. Aber er wusste es besser. Erfahrung war Erfahrung. Aber langsam wollte er schon zum Punkt kommen. "Ich biete den Fahrer. Du bietest das Geld. Ich nenne den Namen, du nennst den Preis." Hier ging es schließlich nicht um einen Sattel, den er nach Material und Arbeitsstunden berechnen konnte. Hier ging es um seinen Sohn. Und ob die Aurata die richtige Factio für ihn war würde sich auch daran zeigen, wie deren erstes Gebot lautete.

  • Ursus lehnte sich zurück und drehte den Becher in seinen Händen. So einen Preis zu nennen, war nicht gerade einfach. Was war dieser Junge wirklich wert? Bisher machte er einen sehr guten Eindruck. Doch weder wollte Ursus sich über den Tisch ziehen lassen, noch Beriolix beleidigen, indem er einen allzu geringen Preis nannte. Gutes hatte auch ein Recht auf einen guten Preis. "Sagen wir eintausend Sesterzen, das ist eine gute, runde Summe." Sie wußten beide, dafür konnte er auch einen gut ausgebildeten Sklaven erwerben, über den er dann sogar vollständig verfügen könnte. "Allerdings zahlbar erst nach drei Wochen Probezeit. Wenn derartige Summen gezahlt werden, dann sollte der Fahrer auch beweisen, daß er das Geld wert ist. - Und er kann ebenso sehen, ob wir das sind, was er sich vorgestellt hat."

  • "Ich sehe, du weißt wovon du sprichst." Das Angebot war gut und fachkundig. Beriolix freute sich auf den Fortgang der Verhandlungen und trank einen Schluck aus seinem Becher. "Aber du wirst verstehen, dass es ohne einen Teil des Betrages sofort nicht geht. Sagen wir 500 sofort und 750 nach dem ersten Rennen." Das durfte dann auch gerne weiter als drei Wochen in der Zukunft liegen.

  • Ursus stellte den Becher zurück auf den Tisch, ohne getrunken zu haben. Wenn sie das Geschäft abgeschlossen hatten, war genug Zeit, den Wein zu genießen. Ein klarer Kopf war ihm im Moment wichtiger. "Nun gut, mit einer sofortigen Anzahlung bin ich einverstanden. Sagen wir 400 jetzt und 700 nach dem ersten Rennen", bot er freundlich an. Das waren 1100 und seiner Meinung nach schon mehr als ein guter Preis.

  • Die Verhandlung entwickelte sich wirklich besser, als der Gallier gedacht hatte. Beim Zahlungsmodus schienen sie sich schonmal einig zu sein. "400 und 700 sind keine schönen Zahlen. 500 und 700? Oder 400 und 750? Das macht es schöner." Wer sich wie Beriolix in farbenfrohe Webstoffe hüllte, der mochte auch schöne Zahlen.

  • Dieser Gallier machte Ursus wirklich Spaß. Schöne Zahlen, das hätte glatt auch von Prisca kommen können. "Gerade 400 und 700 fand ich besonders schön", lächelte er und meinte das keineswegs spöttisch. "Aber wenn Dir die 750 so viel besser gefallen, dann will ich mich wegen dieser 50 Sesterzen nicht so haben. Also 400 jetzt und 750 nach dem ersten Rennen." Er reichte Beriolix die Hand, um die Abmachung mit einem anständigen Händedruck zu besiegeln. Hoffentlich war dieser neue Fahrer dieses Geld auch wert.

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