hortus | MAC et TDV

  • Der Garten der Aurelier machte einen ordentlichen Eindruck. Dem Knaben war es hier zu aufgeräumt, er hatte es lieber, wenn er in seiner geringen Freizeit Büschen und im Unterholz Verstecke spielen konnte, doch hier musste man stets auf der Hut sein, dass man einerseits nicht erwischt wurde und andererseits keinen Zweig oder gar eine Blüte einer der kostbaren exotischen Pflanzen brach. Aber da er heute ohnehin nicht seinen freien Tag hatte, lieferte er den Besucher lediglich beim Hausherren ab, der mit einem Becher Wein in der Hand in einem Sessel auf der Terrasse saß und sich die Herbstsonne auf den Bauch schienen ließ. "Duccius Vala, dominus!" sagte er und hüpfte dann zurück zur Pforte.

  • Vala war, dem Sklaven folgend, sehr angetan von der Art und Weise wie man hier mit Reichtum umging. Man stellte ihn nicht allzu sehr protzig zur Schau, es wirkte fast, als gäbe es nichts normaleres, als würde das hier einfach dazu gehören. Ein irgendwie abstrakter Kontrast zu neureicheren Familien, die sich seit je her nach Reichtum gesehnt hatten, und sich sobald dieser eintrat auch damit zuwarfen.


    Hier war man schlichtweg damit aufgewachsen, zu besitzen was andere nicht besaßen, und so sah man es auch nicht als nötig an, dies großartig zur Schau zu stellen. Eine Eigenschaft die Vala, der auf Demut und Dezenz große Stücke hielt, sehr imponierte.


    Der Mann, der im Garten die Sonne genoss war also Marcus Aurelius Corvinus. Vala zögerte einige Sekunden, bis er auf sich Aufmerksam machen wollte, doch das erledigte dann der Sklave.


    "Senator Aurelius, wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Titus Duccius Vala, Sohn des Flavius Duccius Germanicus. Ich bin gekommen um dir als Klient unseres gemeinsamen Patrons meine Aufwartung zu machen. Wenn du einen Moment Zeit für mich hättest?"

  • Ich spielte noch mit der Überlegung, mich zu erheben, doch war ich am frühen Morgen bereits spazieren gewesen und die salutatio hatte mich erschöpft. Deswegen saß ich auch hier im Garten auf der Terrasse in den kaum wärmenden Sonnenstrahlen und betrachtete das einsetzende Farbenspiel der Büsche und Sträucher. Einen Duccius Vala kannte ich nicht, doch aus der Tatsache, dass er mich besuchte, schlussfolgerte ich, dass er ein Verwandter von Duccius Verus sein musste. Ich bemerkte seine Freundlichkeit und dass sie nicht aufgesetzt war, und sogleich mochte ich den jungen Mann mit dem lockigen Haar, das für einen Römer zu lang gewesen wäre. "Nur zu, Duccius Vala, setze dich. Willkommen in Rom - ich nehme an, du bist noch nicht lange hier", riet ich ins Blaue und deutete auf einen der Korbsessel. "Möchtest du einen Becher Wein? Du machst mich neugierig. Vinicius Hungaricus ist also auch dein Patron? Wie kann ich dir denn behilflich sein?" Mir lag zudem die Frage auf der Zunge, inwiefern er mit dem engagierten Priester verbunden war, den ich kennen und schätzen gelernt hatte während seiner Ausbildung vor einigen Monaten.

  • Mit einem dankenden Nicken nahm Vala Platz in einem Korbsessel. Gleich fragte er sich, wer diesen wohl hergestellt hatte. Ein Sklave vielleicht. Er konnte sich irgendwie nicht vorstellen, dass der Winter die Bevölkerung von Rom lange genug in ihre Häuser jagte, damit diese die Zeit fanden selbst solche Dinge herzustellen.
    Einen Narren schalt Vala sich, als er sich dabei ertappte die bäuerlichen Gemeinschaften der Heimat mit Rom zu vergleichen, und fragte sich gleichsam, wie lange es dauern würde, bis er dieses Denken ablegte.


    "Wenige Tage, Senator.", nahm Vala den Gesprächsfaden auf, "Allerdings habe ich das Gefühl, dass diese Stadt mir noch einige Tage mehr abverlangen wird, bevor ich mich in ihr zurecht finde."


    Vala nahm das Angebot des Weins dankend an, und wunderte sich sogleich darüber, wie aufmerksam die Sklaven waren, die sich gekonnt unsichtbar im Hintergrund hielten, aber doch ständig zugegen waren. Der versprochene Becher ließ so nicht lange auf sich warten.


    "Ja, der neuernannte Legat hat mich vor zwei Monaten als Klient akzeptiert. Ich habe eigentlich kein konkretes Anliegen, bei dem ich dich um Hilfe bitten könnte. Vinicius Hungaricus empfahl dich für einen Antrittsbesuch, und so stehe ich nun hier, um mich vorzustellen."

  • Das leise Knarzen des Sessels, als mein Gast sich darin niederließ, nahm ich kaum wahr. Das Zwitschern der Vögel um uns herum allerdings schon. Bald würden auch seltenere Stimmen zu hören sein, da im Winter einige Gefiederte aus dem hohen Norden bei uns die wärmere Witterung genossen. Ein Sklave trat vor, reichte Vala einen Becher Wein und schenkte mir selbst nach. Schmunzelnd über Valas Erwiderung nahm ich einen Schluck und platzierte den Becher alsdann wieder auf dem Tisch. "Mit Sicherheit. Ich schließe aus deinen Worten, dass du bisher nicht in der urbs aeterna gewesen bist? Dann gibt es wirklich viel zu entdecken für dich. Hast du schon konkrete Pläne?" Ich ging zumindest davon aus, dass er kandidieren wollte. Umso überraschter war ich, dass dies lediglich ein Höflichkeitsbesuch war, was ich in einer gehobenen Braue zu erkennen gab. "Tatsächlich? Das ehrt ihn, und dich selbstverständlich auch. Es ist dieser Tage wohl nicht mehr üblich, jemand Fremdem einen Besuch abzustatten, ohne eine Petition an ihn zu richten, glaube ich manchmal. Das ist ziemlich schade. Umso erfreulicher ist deine Anwesenheit. Ich hatte angenommen, du wolltest dich zur Wahl stellen. Aber wenn dem nicht so ist, bist du dann nach Rom gereist, um dir die Stadt anzuschauen?" fragte ich ihn. Und während ich so darüber nachdachte, manifestierte sich in mir ein schlechtes Gewissen. Ich musste meinem Patron unverzüglich wieder schreiben. Viel zu lange hatte ich das vernachlässigt..

  • "Das könnte man so sagen... natürlich erzählt man sich in meiner Heimat immer viel über die monumentale Stadt in Stein. Wenn man, wie ich, zum ersten Mal herkommt, so stellt sich die Wirklichkeit als Enttäuschung und Überraschung zugleich heraus. Ich habe das Gefühl, die Alpen haben nicht so viel Stein inne wie diese Stadt. Und gleichzeitig habe ich noch nie soviel Verderben und Verdorbenheit auf einen Schlag sehen dürfen. Aber nein... ich habe keine konkreten Pläne. Ich glaube, ich lerne die Stadt besser kenne wenn ich sie auf mich zukommen lasse, als dass ich sie Rasterplanmäßig abarbeite.", was in etwa da Prinzip darstellte, mit dem Vala arbeitete: die Kreise wurden immer größer.


    "Um ehrlich zu sein: natürlich will ich dem Reich und meiner Familie zur Ehre gereichen, in dem ich in Rom etwas erreiche. Eine Laufbahn aufnehme. Aber ich sehe mich in Erfahrung und Wissen noch außerstande, diese Dinge zu erreichen, beziehungsweise sie zu meiner eigenen und des Reiches Zufriedenheit auszufüllen. Ich arbeite zur Zeit als Leibscriba des Procurator a libellis, einem Freund meiner Familie. So will ich mich langsam in den Kosmos einarbeiten, der sich Rom nennt, bevor ich weiter reichende Schritte wage. Ich will mich nicht unvorbereitet an größere Dinge heranwagen, und wenn das nun eine gewisse Zeit erfordert, so sei es drum. Ich muss Rom erst kennenlernen, verstehen wie es funktioniert... was übrigens auch einer der Gründe ist, warum ich vor dir sitze. Ich bin neugierig..."

  • Ich musste lachen ob des Vergleichs von Rom mit den Alpen. "Nun ja, immerhin sind sie hier in recht ansehnliche Formen gebracht statt einfach wahllos übereinander geschichtet, wie das bei den Alpen der Fall ist", bemerkte ich grinsend und mehr witzelnd als ernst. "Ah, da sind wir verschieden - ich würde mir die Orte von Interesse lieber der Reihe nach anschauen, statt mich hierhin und dorthin treiben zu lassen. Aber das ist schließlich kein Maß, mach das nur so, wie es dir passt. Das Capitol allerdings würde ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, und wenn du die Möglichkeit hast, solltest du dir auch eine Aufführung im Marcellustheater anschauen", riet ich ihm.


    „Schreiber von Prudentius Balbus? Hm, schade, da hast du ja bereits einen kompetenten Mann gefunden“, bemerkte ich schmunzelnd. Mit Duccius Vala kam ich auf Anhieb recht gut aus, weswegen ich mir durchaus hätte vorstellen können, in naher Zukunft mit ihm zusammenzuarbeiten (und fröhlicher als Livius Pyrrus war er allemal). Erneut musste ich lachen, als Vala so offen zugab, dass im Grunde die Neugier ihn hergebracht hatte. „Neugier? Dann will ich doch hoffen, dass du nicht allzu enttäuscht vom - derzeit etwas schalappen - patrizischen Leben Roms bist“, witzelte ich und zwinkerte ihm zu. „Kann ich denn etwas tun, um deiner Neugier noch ein wenig Abhilfe zu schaffen? Ich nehme an, du wirst in der hiesigen domus deiner Familie wohnen.“

  • "Ich werde wohl nicht umhin kommen, mir das Capitolium anzusehen.", gab Vala zu, auch wenn er wie gesagt nicht zielstrebig darauf zusteuerte. Er hatte ein Faible für die Details, und das machte den Weg für ihn oft genug zum Ziel.


    "Ich lerne viel von ihm.", erzählte Vala von seinem aktuellen Mentor, "Ich habe mich vorher in der Heimat meiner Familie schon schlau gemacht über die Prinzipien des römischen Staates, aber irgendwie scheint es eine andere Welt gemeint zu haben. Die kaiserliche Kanzlei, und alleine das, was Prudentius Balbus an privaten Geschäften umtreibt ist bar jeder Beschreibung in den Chroniken und Büchern die ich gelesen habe. Ich muss zugeben in den ersten Tagen absolut überfordert gewesen zu sein.. allerdings scheint der Schlüssel zu einer erfolgreichen Bewältigung Roms darin zu liegen, das Nützliche von dem Nutzlosen zu trennen. Oder den Unterschied überhaupt zu erkennen."


    Vala gab sich ziemlich überrascht, als der Aurelier das Leben der Patrizier in diesen Tagen als schlapp bezeichnete: "Enttäuscht? Nicht im geringsten... was vielleicht auch an meinem unbedarft-lückenhaften Wissen liegen mag. Andererseits, hätte ich dem Glauben geschenkt, was ich im vorneherein von den Adelsfamilien Roms gehört hatte, müsste ich jetzt wirklich enttäuscht sein, nicht einem Mann gegenüber zu sitzen, dessen Kleider von Gold und dessen Augen aus Edelsteinen bestehen."


    Er lächelte schmal über seinen eigenen Witz, hoffte innerlich, nicht zu weit gegangen zu sein. Allerdings war er sich sehr klar darüber, dass er wohl kaum lernen würde, wie die verschiedenen römischen Schichten auf was reagierten, wenn er nicht immer wieder auf die Nase flog.


    "Nun, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir erzählen könntest was gerade Rom so umtreibt. Ich hörte davon, dass der Kaiser nicht in Rom ist, und der Praefectus Urbi die Zügel in der Hand hat, was so ziemlich allen Angst macht, die selbst nicht mächtig genug sind um sich selbst zu schützen. Und dann ist da noch diese Sache mit den Senatoren... ich war gestern auf dem Mercatus, und da haben sich ein Senator Decimus Livianus und ein Senator Germanicus Sedulus miteinander versöhnt. Sehr öffentlichkeitswirksam.. ich frage mich, warum das nötig war."


    Als der Senator auf die Casa Duccia zu sprechen kam, verzog Vala ein Miene, die deutlich machte wie unangenehm ihm das Thema war: "Nunja... eigentlich wohne ich gerade bei den Prudentii, das Haus meiner Familie... eh.. also... naja... lass es mich so sagen: es machte ziemlich deutlich, wo meine Familie ihre Heimat sieht. Ich bin gerade dabei, es in einen akzeptableren Zustand bringen zu lassen, um es dann unterzuvermieten. Meine finanzielle Basis steht immernoch auf tönernen Füßen.. und ich habe ehrlich gesagt keinen Bedarf für ein solches Haus, egal wie klein es sein mag."

  • Beipflichtend nickte ich meinem Gast zu. Es wäre nicht nur schade, sondern auch eine Schande, wenn er sich das Kapitol nicht anschauen würde. Das, was Vala anschließend über seine Erfahrung mit dem römischen Lauf der Dinge berichtete, kam mir selbst nur in Teilbereichen bekannt vor. "Ich kann nachvollziehen, was du da sagst, auch wenn das bei mir anders war. Ich habe schon früh gelernt, mich in diesen Dingen zurechtzufinden, und war bereits kurz nach dem Ablegen meiner bulla Magistrat der norditalischen Stadt Mantua. Damals befand sich unser Familiensitz dort. Andererseits weiß ich genau, was du meinst, denn gegenwärtig beschäftige ich mich mit unserem Rechtssystem und finde mich dabei nicht immer so zurecht, wie ich es gern täte. Es gibt viele Eventualitäten und Ausnahmen, und die Dinge erschließen sich mir nicht unbedingt immer sofort. Ähnlich muss es dir gehen. Aber wie du sagst, wird dir dein Arbeitgeber sicherlich gut weiterhelfen können." Ich überlegte, ob ich ihm meine Hilfe anbieten sollte oder nicht, entschied mich aber vorerst dagegen, da er in erster Linie in Balbus' Pflicht stand und jener ihm sicher gut weiterhelfen konnte.


    Ein mildes Lächeln entstand auf meinen Zügen, als Vala seinen Scherz mit dem Reichtum machte. "Ah, du hast mich nur unvorbereitet erwischt", erwiderte ich den Flachs und schmunzelte. "Du wirst mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit auch Römern begegnen, die bereits von weitem glitzern und funkeln und somit versuchen, ihr geringes Selbst aufzuwerten. Aber eigentlich dürftest du tatsächlich nicht enttäuscht sein, wenn ich es recht bedenke. Du dürftest Decimus Duccius Verus kennen, und er kennt mich und hat schließlich seine Ausbildung in Rom vollendet. Da hat er dir gewiss das ein oder andere erzählt?" Auf diese Weise würde ich nun sicher auch erfahren, wie Verus und Vala verbunden waren und vielleicht auch, wie es ihm erging. "Ich schätze deinen Verwandten sehr. Er ist verantwortungsbewusst und zielstrebig. Wenn ich es recht bedenke, habe ich bisher noch keinen Duccier getroffen, der das nicht wäre", überlegte ich vor mich hin.


    Ich hob abwehrend die Hände und lachte dabei. “Oh, immer langsam. Der Kaiser ist gegenwärtig nicht in Rom, das ist richtig. Er hält sich in Misenum auf. Was er dort tut und weshalb er dort ist, kann ich dir nicht sagen“, führte ich aus, obwohl das nicht ganz den Tatsachen entsprach. Als auctor erfuhr man einiges mehr als andere, doch bedeutete dies nicht, dass man das, was man wusste, allen weitererzählen durfte. “Der Stadtpräfekt…Vescularius….versucht, in Abwesenheit des Kaisers die Geschicke des Reiches so gut als möglich zu lenken. Einige empfinden seine Maßnahmen dabei vielleicht als unorthodox oder zu radikal...“ Ich schwieg und runzelte die Stirn. Ich überlegte, ob ich dem jungen Mann sagen sollte, wie ich selbst dazu stand. “Vescularius Salinator und unser Kaiser sind durch eine tiefe Freundschaft miteinander verbunden, heißt es. Nur so kann ich mir erklären, weshalb er seinem Stadtpräfekten über eine so lange Periode absolut freie Hand lässt. Ich persönlich sähe es nur zu gern, wenn der Kaiser gesunden und seinen Platz hier in Rom wieder selbst einnehmen würde.“ Das war diplomatisch genug ausgedrückt, um es zu verstehen, es aber auch gleichzeitig nicht gegen mich verwenden zu können.


    “Was die beiden Senatoren anbelangt, kann ich dir leider auch nicht viel mehr erzählen, als mir erzählt wurde. Ich war einige Zeit lang gesundheitlich nicht auf der Höhe, weshalb einige Sitzungen im Senat ohne mich stattfanden. Aber einige Klienten haben mir erzählt, dass es wohl einen Prozess gegeben hat aufgrund verleumderischer Äußerungen, und dass das Urteil dieses Prozesses dergestalt ausfiel, wie du es wohl erlebt hast. Es sollte eine öffentliche Aussöhnung mit Opfer sein. Wie lange sie etwas bringt, wird man sehen. Aber du hast recht, das hätte nicht unbedingt öffentlich sein müssen, da bin ich mit dir einer Meinung. Allerdings – so macht man auch von sich reden.“ Ich grinste.


    Ich überlegte. In der domus der Duccier war ich bisher nicht gewesen. Ich konnte mich allerdings daran erinnern, wie sie von außen aussah. So heruntergekommen hatte sie auf mich nicht gewirkt. Aber vielleicht hatte ich das Haus auch schlecht in Erinnerung. “Habt ihr schon mit dem Gedanken gespielt, es zu verkaufen? Unsaniert, meine ich? Soweit ich mich erinnern kann, liegt das Grundstück nicht schlecht. Es dürfte einige Interessenten dafür geben, vom Haus einmal abgesehen. Und wenn deine Familie nicht oft in Rom weilt, ist es auf Dauer sogar günstiger, das Haus abzustoßen und bei den wenigen Gelegenheiten bei Freunden oder in einem Gästehaus unterzukommen.“

  • "Verus?", überlegte Vala laut, und wusste tatsächlich einen Moment lang nicht, wen der Aurelier meinte, bis ihm einfiel, dass Phelan diesen Namen trug, "Ach, du meinst Phelan. Ja. Natürlich kenne ich ihn, aber ich hatte in der kurzen Zeit, die ich in Mogontiacum verbracht habe, nicht die Möglichkeit mich über seinen Aufenthalt in Rom zu unterhalten. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, arbeitet hart an der Befriedigung der Wünsche der Gläubigen, oder an denen der Götter."


    Ein eigentlich sehr typisches Problem der Duccii war, dass sie Komplimente nicht gewohnt waren. Was wohl an dem Misstrauen lag, dass sich die Familie im Laufe der Zeit selbst eingeprügelt hatte. Da nahm sich Vala nicht aus: "Eh... danke. Entschuldige die Frage, aber wenn du schon so von meiner Familie sprichst: hattest du bisher viel Kontakt zu ihr? Ich wäre beschämt, wenn das an mir vorbeigegangen wäre. Ich habe gelesen, dass du dein Militärtribunat in Mogontiacum absolviert hast."


    Es verlangte ihm schon einiges ab, das Problem der Machtübertragung an den Praefectus Urbi zu verstehen. In seiner Jugend hatte er oft mitbekommen, wie Stammesführer große Adelige förderten, um sich nicht um alles kümmern zu müssen, besonders wenn der Stammesführer alt und gebrechlich war. Eine dynastische Herrschaftsreihenfolge gab es nicht, und wenn der Große sich stark genug fühlte, kam es auch oft zu mehr oder weniger blutigen Umwälzungen der Verhältnisse. Für Vala war es so vollkommen normal, und es hätte ihn nicht gewundert, wenn der Große, von dem hier die Rede war, den kranken Kaiser irgendwann einfach absetzte. Aber er würde sich hüten, das laut auszusprechen, war er sich doch bewusst, was für desaströse Folgen dieses Unverständnis haben konnte.


    "Aber wenn der Kaiser durch seine Krankheit so in seiner Führungskompetenz beschränkt ist, ist es doch nur sinnvoll, jemanden zu ernennen, der diese Kompetenzen in seinem Sinne verwaltet, oder nicht?", spekulierte Vala daher einfach mal ins Blaue, "Dass er sich dabei auf einen persönlichen Gefolgsmann verlässt, und nicht etwa auf den Senat liegt doch im Eigeninteresse eines Imperators, immerhin gab es noch vor einigen Jahren republikanische Revisionisten, die ihre Stunde gekommen sahen."


    Nun musste Vala überlegen... das Haus verkaufen? Er hatte sich ja schon mit Balbus darüber unterhalten, und dieser hatte das auch vorgeschlagen. Und die Möglichkeit einer Sanierung ebenso. Vala würde sich entscheiden müssen, was er mit der Bruchbude tat. Aber in letzter Zeit war eine Komponente in sein Denken gerückt, der er in seinem Leben bisher kaum Raum zugesprochen hatte: die emotionale.
    Ins Holz der Türzargen geschnitzte Runen sprachen eine eindeutige Sprache, wer dieses Haus jahrelang bewohnt hatte, und soweit Vala wusste, war es seine Mutter gewesen, die die Casa Duccia mit seinem Onkel zusammen gekauft hatte. Früher wäre ihm das gleich gewesen, aber Vala sah sich mit einer Entwicklung konfrontiert, die er grob zu unterschätzen schien: er WOLLTE sich einfach nichtmehr von der Casa trennen.
    "Ich glaube..", bemerkte er daher, "..das eine Sanierung und Verwandlung in eine Insula sich langfristig eher für meine Familie und mich auszahlen wird, als wenn ich es verkaufe. Ich müsste dementsprechend wahrscheinlich Rücksprache mit Mogontiacum halten, und meine Familie ist sehr eigen, was ihre eigene Geschichte angeht." Womit er stark untertrieb. Und auch unterschlug, dass er, so abstrakt es ihm auch vorkam, auch diesem Denken immer mehr abgewann. Eine so entwurzelte Familie, wie die seine, würde sich keinen Gefallen daran tun noch mehr Wurzeln abzuschlagen, nur wegen ein paar Geldstücken.

  • Phelan? Ah, ich erinnerte mich. "Ist das nicht für euch ziemlich verwirrend, wenn ihr zwei Namen tragt?" fragte ich Vala. "Und wenn nicht für euch, so nach außen hin. Ich hätte mit dem Namen Phelan nichts anfangen können." Schmunzelnd griff ich nach meinem Becher und trank einen Schluck. Es freute mich, dass Duccius Verus scheinbar so hart für die Götter und ihre Gläubigen arbeitete. Ich war mir sicher, dass er irgendwann eines der höheren Ämter des Provinzkultes bekleiden würde.


    Die Nachfrage musste ich nicht entschuldigen, sie war schließlich berechtigt. So platzierte ich das Trinkgefäß wieder auf dem Tisch und wandte mich erneut Vala zu. "'Viel' kann man so und so definieren. Ich kenne Verus und Lando, Verus von seiner Ausbildung her und Lando, weil er für mich arbeitet. Ich bin auctor der Acta Diurna, Lando ist einer der subauctores. Und ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich bisher nur von ihr gehört oder Duccia Venusia tatsächlich auch kennengelernt habe. Aber im Prinzip war es das auch schon. Die wenigen Bekanntschaften mögen nicht ausreichen, um mir ein Gesamtbild zu machen, aber sie reichen für einen durchwegs positiven ersten Eindruck. Beantwortet das deine Frage?" Ich schmunzelte, verlor den freundlichen Gesichtsausdruck jedoch, als Vala erneut den Stadtpräfekten ansprach. "Das ist richtig, aber fragwürdig. Denn der Senat ist eine der tragenden Säulen Roms, und Vescularius geht nicht immer mit der Meinung des Senats konform. Ob er nun mit unserem Kaiser verbrüdert ist oder nicht." Es war im Grunde wohl nur eine Frage der Zeit, wann es zu ersten öffentlichen Reibereien kommen würde. "Zumal ich persönlich manchmal glaube, dass Valerian nicht recht darüber informiert ist, was sein Stellvertreter in Rom so treibt. Aber das ist eine Mutmaßung. Leider findet man kaum etwas Hilfreiches heraus. Es bleibt wohl nur, abzuwarten."


    "Hm", machte ich dann, als er wieder von der geplanten Renovierung sprach. "Das ist natürlich deine Entscheidung, ich will dir da nicht reinreden. Ich halte es nur für durchaus lohnenswert, das Grundstück zu veräußern. Wie die Bausubstanz aussieht, kann ich nicht beurteilen."

  • "Nein, eigentlich ist es das nicht. Ihr Geburtsrömer tragt doch auch drei, da machen die paar mehr auch nichts aus.", scherzte Vala über das Problem mit den verschiedenen Namen, "Eigentlich sind unsere Namen nicht so irreführend wie die euren. Oder vielleicht einfach nicht so durchorganisiert. Es gibt keine Gensnamen. Dafür braucht man auch länger, um sich vorzustellen. Bei euch reicht es zu sagen: Marcus Aurelius Corvinus, Sohn des Aurelius Antoninus (ja, Vala hatte seine Hausaufgaben gemacht.), aus Rom. Bei uns heißt es: Alrik, Sohn des Leif, Sohn des Landogar, aus der Sippe des Wolfrik, vom Stamm der Amser, die von den Römern genannt wurden Amsivarii. Macht es herzlich kompliziert. Allerdings bleiben so auch keine Fragen offen. Da ist Titus Duccius Vala schon ein Zusatz, der das ganze nicht viel komplizierter machen kann.", Vala schmunzelte ob der verworrenen Namenspraxis bei seinem Volk. Andererseits war es auch nicht so kompliziert... die römischen Gentes waren schließlich auch nichts andere als die Grundsippen des alten Roms, die sich mit der Zeit immer weiter ausgebreitet hatten.


    "Ja, das beantwortet meine Frage.", gab Vala zu, obwohl er eigentlich darauf gehofft hatte, dass der Senator vielleicht was mit seinem Vater zu tun gehabt hatte. Es interessierte Vala dringens, zu erfahren wie sich sein Vater in Rom bewegt hatte. Natürlich hatte er ihm darüber erzählt, aber Vala war nicht dumm, eine andere Sichtweise auf das Wirken des alten Leif hätte schon mehr Licht in die Sache gebracht.


    "Verstehe ich das richtig? Du meinst, dieser Vescularius Salinator handelt ohne Wissen des Imperators, nach eigenem Gutdünken? DANN frage ich mich, wo der öffentliche Aufschrei bleibt. Und wieso erzählt niemand dem Kaiser davon? Hat er keine anderen Vertrauensleute? So wie ich das verstanden habe, umgeben den Kaiser immer miteinander konkurrierende Funktionäre, ist das bei Valerianus anders?", etwas verblüfft war der junge Germane schon ob der offensichtlichen Machtdiskrepanz, die anscheinend sogar einfach so hingenommen wurde.

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