• ~ LARARIUM ~
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    IM ATRIUM STEHT DER HAUSALTAR MIT DEN KLEINEN PLASTIKEN DER LAREN, DER QUINTILISCHEN AHNEN UND HAUSGÖTTER.
    HIER KANN IM STILLEN GEBETET UND GEOPFERT, ODER EINFACH NUR EINEN MOMENT LANG IN SICH GEGANGEN WERDEN

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    Das Atrium beherbergt wie in jedem römischen Haushalt einen kleinen Altar, den Laren geweiht. Er ist stets mit Blumengestecken geschmückt und hat die Form eines kleinen Tempels. Im Inneren des Tempels stehen Abbilder der Hausgötter oder Portraits von verstorbenen Familienmitgliedern, zu denen hier gebetet oder geopfert wird. Eine Opferschale steht bereit, daneben findet sich ein Gefäß mit Weihrauchkörnern. Einige Kerzen vervollkommnen das Gesamtbild und sorgen an düsteren Tagen für das nötige Licht. Bei Nacht steht selbstverständlich auch eine Öllampe bereit, den Laren die Sicht auf den Betenden zu ermöglichen.

  • Melina tat, wie ihr geheißen, und näherte sich dem Altar. Sie wirkte immer noch angeschlagen und ihre schwarz untermalten Augen sprachen für sich. Sie schluckte, da sie einen großen Kloß im Hals hatte. Mit langsamen, zittrigen Bewegungen griff sie sich ein Glimmstäbchen, um den heiligen Rauch zu entzünden. Sie entzündete es und führte es zum Weihrauch. Sie zog die Nase noch einmal hoch, die sich bereits erneut mit Tränen gefüllt hatte. Wieder rannen Tränen aus ihren Augen. Wo steckte Sermo nur? Melina blickte sich um. Sie brauchte ihn nun. Sie selbst fand nicht die richtigen Worte.

  • Nur kurze Zeit später erschien der große Bruder auch schon im Atrium. Er hatte sich eine frische Tunika übergezogen und neben einem Taschentuch für Melina auch etwas Brot, Trauben und einen Becher Wein mitgebracht. Während sie sich die Tränen trocknete, warf Sermo einen Blick auf den Hausaltar und befand diesen für angemessen hergerichtet. Der Weihrauch waberte unbeirrt gen Himmel, brannte ein bisschen in seinen Augen, bis er sich daran gewöhnt hatte. Tief atmete Sermo ein, genoss den Duft der exotischen Körner, die von weit her aus Syrien, Aegyten oder gar Arabia importiert wurden. Als Melina so weit war, kniete er sich vor den Altar und legte die Hände in den Schoß, um Ruhe einkehren zu lassen und die Sinne voll und ganz auf das Gebet zu fixieren. Die Opfergaben stellte er vor sich auf den Boden, dann bedeutete er mit einem Seitenblick seiner Schwester, es ihm gleich zu tun.
    So hockten sie einige Augenblicke schweigend da. Lediglich das Säuseln des Windes und gelegentliches Vogelzwitschern durchbrach die Stille. Der Weihrauch kräuselte sich noch immer unbeirrt aufwärts, als Sermo seinen Blick hob und die Ahnen adressierte.
    "Ihr Ahnen, ihr Väter und Vorväter,
    ihr Mütter und Vormütter.
    Ich ehre euch im Gedenken an eure Taten und euer Wirken
    und im Bewusstsein eures Vermächtnisses."

    Er warf noch eine Handvoll Weihrauch auf die Kohle, dass es knisterte und eine besonders pralle Wolke hochstieg.
    "Ihr ehrwürdigen Vorfahren, schaut mich an!
    Ich rufe euch im Vertrauen auf euren Beistand und eure Fürsorge.
    Ich rufe besonders Marcus Quintilius Drusus und Lavinia Callista,
    euch teure Eltern.
    Euch will ich, im Namen der Familie,
    im Beisein meiner liebsten Schwester,
    diese Gaben darbringen.
    Frisches Brot habe ich hier, pralle Trauben und süßen Wein,
    es soll alles zu eurer Freude sein."

    Er nahm das Brot und die Trauben und legte die Gaben ehrfürchtig auf den flachen Opferteller zu Füßen der Figuren, den Wein stellte er daneben.
    "Ihr Ahnen, ich beschwöre euch,
    auf dass ihr unseren Bruder - Marcus Quintilius Valentinus -
    aufnehmt in euren Reihen, und er seinen Platz bei euch findet."

    Jetzt nahm Sermo die Hand seiner Schwester und drückte sie leicht.
    "Wir bitten für unseren geliebten Bruder,
    lasst ihn nicht ruhelos wandeln im Diesseits.
    Helft ihm einzukehren ins Elysium, wo wir ihn wiedersehen,
    wenn die Zeit dazu gekommen ist.
    Darum bitten wir euch, so wahr wir hier vor euch knien.
    Erhört unsere Bitte zum Wohle der Familia,
    deren Ehre wir immer hoch halten wollen,
    wie es sich geziemt."

    Er legte noch etwas Weihrauch nach und verharrte dann in Stille, die nur vom leisen Knistern in der Weihrauchschale geschmälert wurde.

  • Melina tat es ihm ihrem Bruder gleich, sein Blick war einfach zu eindeutig. Danach verfolgte sie still und mit einigen Tränen in den Augenrändern die Zeremonie. Sie schluckte ab und zu wimmernd. Es war einfach zu traurig. Melina musste sich beherrschen nicht in ein großes Wehklagen zu verfallen. Der Weihrauch knisterte beruhigend, dennoch beruhigte sich Melina nicht. Sie blickte ihren Bruder traurig verträumt an. Dieser nahm ihre Hand und drückte sie. Melina nahm das Gebet nur noch nur abwesend wahr. Sie dachte nur an Valentinus Gesicht und was sie mit ihm erlebt hatte als sie noch jung waren. Bilder huschten ihr vor dem inneren Auge vorbei. Sie drückte die Hand ihres Bruders fest. Das Gebet war in den Hintergrund getreten, hinter Melinas Gedanken. Sie verfolgte nur noch Sermo. Das Gebet war beendet und Melina schwieg immer noch. Sermo sollte nun irgendwas sinnvolles zu ihr sagen, um ihr die Kraft zu geben, weiterzumachen.

  • Die Zeit verstrich zäh wie ein schleimiger Bach, sich schwerfällig dahinschlängelnd. Irgendwann erwachte Sermo aus seiner Starre, die ihm Zeit für stilles Gebet gewesen war. Er warf Melina einen undeutbaren Blick zu und erhob sich dann gleichförmig, seine Schwester mit auf die Füße ziehend. "Nun, da der Ehre der Ahnen Genüge getan ist, wollen wir uns zusammensetzen und über die Zukunft sprechen. Es sind Dinge zu bereden, die sowohl dich, als auch meine Person betreffen und die wegweisend sind." Er erklärte dies alles ganz behutsam, während er - seine Schwester noch immer an der Hand haltend - diese gemessenen Schrittes aus dem Atrium heraus vom Hausaltar weg führte. "Komm, setzen wir uns doch in den Garten. Auch wenn es noch kühl ist zu dieser Jahreszeit, Decken und ein dampfender Glühwein werden uns wärmen." Die Trauer war gewichen - so wollte es dem Beobachter scheinen - und dem Tatendrang gewichen. Sermo hatte seine Gefühle nun voll und ganz seinem Verstand untergeordnet. Der Ratio, der Vernunft, wie die Lehre der Stoa besagte. Er gab Diomedes Anweisungen, Decken und Glühwein zu bringen und wies Melina dann gewissenhaft den Weg hinaus in den Hortus.

  • Melina musste sich einige Tränen verdrücken. Sie fuhr sich mit der Handfläche über die Augen, um einige Tränenreste zu entfernen. Als sie aufstanden, wurde Melina förmlich hochgerissen. Sie ließ es in diesem Moment ausnahmsweise geschehen. Ihr Bruder wollte führen und er sollte sie auch anführen. Seine Hand fühlte sich warm und behaglich an. Melina wollte diese Hand in diesem Moment nie mehr loslassen. "Da magst du recht haben, Iullus," antwortete sie schniefend. "Der Garten ist eine gute Idee. Frische Luft wird uns sicherlich gut tun." Sie folgte, sich an die Hand ihres Bruders klammernd, in den Garten.

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