Atrium | Inquisitio Pontificium

  • Selbst wenn Avianus es im Grunde schwer fiel, sich das einzugestehen, er eigentlich wusste, dass es ihrer Beiden Pflicht war, hier nachzuforschen, so kam er nicht umhin einzusehen, dass die Fragen langsam aber sicher lästig wurden. Dabei tat auch das gute Verhältnis zu Durus nichts zur Sache, wussten sie doch beide, dass persönliche Symphatien in solchen Belangen einen dezenten Schritt nach hinten machen mussten.
    Das Nachdenken des Tiberiers verhieß nichts Gutes. Er suchte nach etwas und das hieß, sie waren nicht glaubwürdig genug. Die Fassung und einen ruhigen Schein bewahrend beobachtete Avianus ihn und abwechselnd auch seine beiden Verwandten.


    "Ich persönlich denke nicht, dass ein Blick ins Arbeitszimmer Dich zufrieden stellen wird, Tiberius", sagte Avianus wenig Hoffnung schürend auf den Gedanken des Tiberiers hin, "Doch wenn Du es sehen willst, so soll es sein." Mit einer einladenden Geste wies er die Besucher darauf hin, ihnen zu folgen.

  • Natürlich bemerkte auch Durus, dass er den Aureliern mit seinen Fragen langsam lästig wurde. Aber so war es nun einmal: Er war für die Pax Deorum zuständig, da konnte er sich nicht von persönlichen Befindlichkeiten abschrecken lassen!


    Also nickte er und erhob sich ächzend. Glücklicherweise kam Lukios zu Hilfe, stützte ihn ein wenig und nahm seinen Arm, sodass der alte Tiberier auf einer Seite von seinem Stock, auf der anderen von seinem Sekretär gestützt war. So folgten sie Avianus.

  • Avianus lief also los und ging davon aus, dass auch seine Verwandtschaft die Initiative ergreifen würde, ihm zu folgen. Weit hatten sie es von hier aus nicht bis zu Corvinus' Cubiculum, da die Schlafgemächer ohnehin an das Atrium grenzten. So kamen sie nach wenigen Schritten an und Avianus sperrte jene Tür auf, die er jene Tage zuvor gemieden hatte, seit Corvinus tot war. Einfach, weil er die Sache vergessen wollte. Vergangenheit war nichts, worin man noch stöbern sollte. Es gab da für Avianus im Leben nur eine einzige, große Ausnahme, die jedoch eine völlig andere Geschichte war und nichts zur Sache tat.


    "Bitte, seht euch um", bot Avianus offenherzig an. Sie würden jedoch gewiss nichts finden. Wenn es etwas gab, dann war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon aus diesem Raum.

  • Das Arbeitszimmer von Corvinus wollten sie sehen. Als ob sich darin noch irgendetwas befinden würde, das von Belang war, selbst wenn es so etwas gegeben hätte. Vermutlich befanden sich dort allerdings noch die Bücher über das Familienvermögen. Ursus würde schon zu verhindern wissen, daß darin gestöbert wurde. Sollte jemand danach greifen, würde er sogleich einschreiten. Avianus gab die Erlaubnis, was Ursus nach einem kurzen fragenden Blick auf Lupus mit einem Nicken bestätigte. Weitere Worte mußten sie nicht verlieren, sogleich machten sie sich auf den Weg zu dem Raum, in dem Corvinus so lange Jahre gewirkt hatte. Es war merkwürdig, ihn zu betreten und nicht Marcus am Schreibtisch vorzufinden.






  • Die Gruppe betrat das Officium. Erwartungsgemäß war hier nicht alles belassen worden, sondern man hatte aufgeräumt. Ob vor oder nach dem Tod des Hausherrn, war natürlich nicht klar. Vorsichtig trat Durus näher an den Schreibtisch und überblickte ihn kurz: Es gab weder Notizen, noch sonst irgendetwas, was geholfen hätte.


    "Schade."


    meinte Durus und sah fragend zu Romana. Ob sie noch etwas wissen wollte? Für den alten Tiberier war jedenfalls klar, dass die Aurelier nicht bereit zur Kooperation waren und folglich auch nichts zu finden sein würde. Und gegen sie vorgehen wollte der Pontifex pro Magistro nun auch wieder nicht!

  • Romana nickte zu Avianus mit einem unverbindlichen Lächeln hin, um ihre Wertschätzung zu zeigen, dass er zumindest vorgab, sich zu freuen. Seine Auskunft auf ihre Frage hin war dann aber doch etwas... mager. Er bestritt von vorne hinein, dass Corvinus irgendetwas hinterlassen haben könnte. Doch sie musste nur kurz warten, da schaltete sich Lupus ein und berichtigte. Es hatte also etwas gegeben. Einen Brief für Prisca. Gerade an Prisca! Romana blinzelte, wie immer, wenn sie erstaunt war, konnte ihre instinktiven Lidbewegungen innert Sekunden wieder in den Griff bekommen. Prisca hatte einen Brief bekommen. Hatte sie ihr etwas davon erzählt, als sie bei Romana im Atrium Vestae gewesen war? Sie wusste es gar nicht mehr. Hatte sie es vergessen? Nun gut, allfällig könnte sie nachfragen. So schwieg sie nur. Sie verstand allzu gut, dass es nicht schicklich war, das Thema weiter zu verfolgen. Auch wenn ihr die Aurelier nicht gerade kooperativ erschienen. Flavia Celerina hatte nicht geschrieben, nun gut, Romana hatte selber nicht damit gerechnet. Es war ein Stohhalm der Hoffnung gewesen, an den sie sich geklammert hatte.


    Das Gespräch drehte sich nun um irgendeinen Sklaven. Ungerührt machte sie in ihrem Hirn einen Haken, als Ursus verkündete, der Grieche in Frage sei tot. Die Claudierin war keine Sklavenfreundin, sah aber ihren Nutzen. Das einzige, was schade war, war die Tatsache, dass der Sklave sein Wissen ins Grab genommen hatte. Also war offensichtlich dieser Cleomedes der einzige gewesen, der Celerina als Custos begleitet hatte. Nun gut.


    Die Aurelier beredeten noch kurz, wie sie den Zorn der Götter stillen könnten, und Romana versetzte es tief in ihrem Inneren einen kleinen Stich, als sie Haruspizin hörte. Das Wort beschwörte ihr Versagen damals hervor. Nicht daran denken, befahl sie sich innerlich, bevor sie, genauso wortlos, wie sie den Ausführungen der Aurelier zugehorcht hatte, sich in Bewegung setzte, hin zum Arbeitszimmer des Aurelius Corvinus, welches Durus unbedingt sehen wollte. Vielleicht sah auch Durus, dass die einzige wirkliche Hoffnung, noch etwas über den Tod der Flavierin zu erfahren, war, etwas schriftliches von einem der beiden Toten zu bekommen.


    Avianus bot bereitwillig an, dass Durus und Romana sich umsehen konnten, während Ursus sich aufstellte, fast wie ein bissiger Wachhund, damit die beiden vom Collegium Pontificium auch wirklich nur das anfassen würden, was ihm genehm war. Romana reckte ihren Hals, wodurch sie noch etwas größer erschien als ohnehin schon, und ließ ihren Blick über das Officium wandern. Es sah aufgeräumt aus – fast nichts war im Raum. Wie überaus praktisch für die Aurelier!


    Sie fühlte sich beobachtet und wandte sich nach links, von wo aus Durus sie anblickte. Grübelnd wurde ihr Gesichtsausdruck. Sie hatte Fragen, ja. Aber diese Fragen würden wohl nicht sehr gut ankommen bei den Aureliern. Und auch wenn eine Vestalin es sich leisten konnte, unbequem zu sein, schließlich bot ihre Ordenszugehörigkeit ihr einen gewissen Schutz – es wäre keine gute Idee, die Aurelier implizit des Lügens zu beschuldigen.


    So atmete sie nur aus. “Von mir aus gibt es zum Arbeitszimmer keine Fragen. Mir bleibt nur noch, euch zu fragen, ob es sonst noch etwas gibt, was ihr uns erzählen könnt. Selbst der kleinste Hinweis wäre wichtig.“ Wobei es illusionistisch wäre, sich Hoffnungen zu machen, irgendetwas herauszubekommen aus denen.

  • Die drei Aurelier sahen Romana stumm an. Ganz offensichtlich war hier überhaupt nichts zu gewinnen! Einerseits hatte der alte Tiberier auch mit einem ähnlichen Ergebnis gerechnet - andererseits war er doch etwas enttäuscht, so überhaupt gar nichts zu finden. So zuckte er resigniert mit den Schultern.


    "Offensichtlich nicht! Dann bleibt mir nichts übrig, als euch zu bitten, es mir mitzuteilen, sollte euch noch etwas einfallen."


    Er sah fragend zu Lukios, der ihm zunickte. Auch er hatte nichts mehr.


    "Dann möchte ich eure kostbare Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen. Du wirst sicher bald nach Mantua zurück müssen, Ursus. Ich denke, wir finden den Ausgang selbst!"


    Gemeinsam mit der Vestalin wandte er sich zum Gehen. Vor der Tür würde er die Claudierin noch zu sich nach Hause einladen, um die Angelegenheit noch einmal zu besprechen.

  • Ursus tauschte noch einen Blick mit den beiden anderen Aureliern und unterdrückte den Drang, mit den Schultern zu zucken. "Ich bin mir nicht sicher, was ihr zu finden erwartet habt. Die ganze Sache ist ein furchtbares und gänzlich unerwartetes Unglück. Wenn wir nur selber wüßten, was genau geschehen ist, wäre uns auch wohler. Bitte sagt es uns, wenn wir etwas beitragen können, um die Götter zu versöhnen. Zwar werde ich nicht selbst nach Rom kommen können, um an einer entsprechenden Zeremonie teilzunehmen, doch kann ich natürlich nötige Mittel zur Verfügung stellen." Selbstverständlich begleiteten die Aurelier die Gäste doch noch zur Tür, auch wenn diese versicherten, daß dies nicht nötig sei. Überhaupt wirkte Durus mehr als mißgestimmt, was Ursus nicht recht nachvollziehen konnte. Gab es etwas, das sie hätten besser machen können? Nein, er war immer noch der Überzeugung, daß sie alles richtig gemacht hatten. "Ja, ich muß leider sehr bald wieder nach Mantua. Meine Erlaubnis, mich hier aufzuhalten, erstreckt sich nur über sehr wenige Tage. Es würde mich freuen, wenn wir postalisch in Kontakt bleiben könnten. Habt einen guten Weg. Valete."




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