Hände weg von meinem Schnäuzer!

  • Wie ich es all die Jahre immer gemacht hatte, wollte ich zu meinem Barbier Atto gehen, direkt gegenüber von Sufas Schusterei, aber der hatte heute seinen Laden geschlossen. Ich stand einen Augenblick unschlüssig davor, dann drehte ich mich um und rief zu Sufa hinüber: "Was ist los mit Atto? Hat der heute verschlafen?"


    Sufa schärfte gerade eine seiner Ahlen und sagte, ohne aufzublicken: "Atto hat den Laden dichtgemacht. Er ist alt geworden und da wird es ein bißchen riskant, mit dem Rasiermesser zu hantieren, verstehst du?"


    Da fuhr Mellas Stimme aus einem Fenster des ersten Stocks wie ein Habicht auf mich herab: "Der alte Sack hat soviel gesoffen und mit den Weiberleuten in den Kneipen herumgetändelt, dass seine Hände jetzt zittern, wie einst die Römer vor den Kimbern und Teutonen. Ich hab immer eine Gänsehaut gekriegt, wenn du da reingegangen bist, um dich rasieren zu lassen".


    Immerhin konnte ich aus ihrem Redebeitrag ein gewisses Mitgefühl mit meiner Wenigkeit heraushören. Ich sagte zu ihr: "Oh, salve Mella, wie immer bester Laune. Gibt es hier in der Nähe noch einen anderen Barbier?"


    Sie befahl mir: "Geh in die Via Praetoria, runter in Richtung Hafen. Da hat ein Gallier letzte Woche einen neuen Barbierladen aufgemacht. Mit deinem Schnäuzer kannst du sowieso nur zu einem gallischen Barbier gehen".


    Ich gehorchte.

  • Na klar, Mella war schließlich Gallierin, da lag es nahe, dass sie mir einen gallischen Barbier empfahl. Oder machte sie sich am Ende doch Gedanken über die Facon meines Schnäuzers? Unwahrscheinlich. Ich verwarf den Gedanken auf der Stelle. Im Übrigen würde ich sowieso keinen Barbier an meinen Schnäuzer lassen, auch keinen gallischen. Nur über meine Leiche.


    Da sah ich vor mir eine bekannte Gestalt. Das war doch ... ja, das war Magonidas in seinen fremdländischen Klamotten, den ich zuletzt am Hafen gesehen hatte. Kaum hatte ich ihn identifiziert, da huschte er auch schon in einen Hauseingang. Als ich näher kam, sah ich, dass sich in eben diesem Haus der Laden des gallischen Barbiers befand.


    Tasgetius Tonsor stand neben der Tür. Ich trat ein.

  • [Blockierte Grafik: http://img220.imageshack.us/img220/8936/tasgetiusk.jpg]Tonsor Tasgetius


    Im Hintergrund erhob sich eine Gestalt von einem Hocker. "Salve, der Herr. Was kann ich für dich tun?"


    Als er etwas mehr ins Licht trat, sodass ich sein Gesicht sehen konnte, kam er mir irgendwie bekannt vor. Ich konnte mich aber nicht erinnern, wo ich ihm schon mal begegnet sein könnte. Auf jeden Fall machte er einen Vertrauen erweckenden Eindruck auf mich.


    "Salve, Tasgetius. Einmal Rasieren bitte und ein Haarschnitt", sagte ich und setzte mich auf den Hocker für die Kunden. Er machte sich zunächst schweigend an die Rasur. Dann trippelte er um mich herum und fixierte meinen Schnäuzer. "Und was ist mit dem Schnäuzer?", fragte er vorsichtig lauernd. Ich hob die Augenbrauen und sagte: "Nichts ist damit, rühr ihn bloß nicht an".


    "Aber ... ", begann er wieder. Ich unterbrach ihn sofort: "Kümmere dich um deinen eigenen Schnäuzer!" Er werkelte schweigend weiter. Nach einer Weile: "Hast du gestern das Spektakel vor der Regia gesehen?" Ein wirklich guter Barbier. Er wusste, wann man das Thema wechseln sollte.

  • "I wo", antwortete ich und tat so, als sei ich ahnungslos. Ich hatte natürlich in der Regia mitbekommen, was hinter dem Spektakel des Legionskommandeurs steckte, aber jetzt interessierte es mich brennend, wie der mogontinische Klatsch die Chose verarbeitet hatte.


    Tasgetius rottete andachtsvoll die Bartstoppeln auf meinen Wangen aus, dann meinte er: „Na ja, man fragt sich, warum ausgerechnet das Militär einen solch schönen Festzug macht und warum sie sich dafür ausgerechnet den Festtag der Venus ausgesucht haben, verstehst du?“


    Ich überlegte. „Eigentlich gibt es doch einen Haufen Gründe dafür. Schau, Venus ist die Mutter von Aeneas und damit die Ahnherrin der Römer. Das ist schon ein guter Grund, sie zu ehren. Sodann ist sie die Gefährtin des Mars. Und jeder Legionär hat vor den Lagertoren seine eigene Venus, ob sie nun Lara, Tusnelda oder Miranda heißt. Noch ein Grund, Venus zu ehren. Mit Musik, Spiel und Gesang“.


    Tasgetius war inzwischen zum Haarschnitt übergegangen. „Dein fussiger Haarschopf ist etwas struppig. Ich schneide nur so viel ab, dass er in Fassong kommt. Ja, das mit der Venus leuchtet mir ein. Dann muss man der Legio ja richtig dankbar sein, dass sie hier einen so schönen Brauch begründet hat. Das schreit doch nach Wiederholung. Nur, mir ist aufgefallen, dass sie keine Weiber dabei hatten. Anstatt Münzen zu verstreuen, hätten sie doch wenigstens ein paar meretrices* aufs Volk loslassen können“.


    Ich nickte. Das ging, weil er sein Werk gerade kritisch betrachtete. „Ja“, sagte ich, „das sollten sie beim nächsten Umzug einplanen“.


    Sim-Off:

    * meretrix: offizielles Freudenmädchen

  • Er fixierte wieder meinen Schnäuzer und sagte: "Was ich garnicht verstehe, ist, dass sie dem Legatus Augusti vor der Regia ein Ständchen gebracht haben."


    Bevor ich mich auf seine Frage einließ, begutachtete ich meinerseits seinen prächtigen Schnäuzer. Er war exzellent geschnitten. Bestes Handwerk. Ich deutete auf meinen Schnäuzer: "In Ordnung, du kannst jetzt meinen Schnäuzer bearbeiten". Er machte sich sofort darüber her.


    "Was das Ständchen für den Legatus Augusti angeht", fuhr ich fort, "so hat das auch tiefere Gründe. Der Legatus gehört der Gens Annaea an. Diese führt sich zurück auf Aeneas, Mars und Venus. Da fällt mir gerade ein, dass es in Mogontiacum gar keinen Tempel der Venus gibt. Eigentlich eine Schande für Mogontiacum. Das sollte aber baldmöglichst geändert werden. Und wegen dieses Mangels hat die Legio eventuell, sozusagen ersatzweise dieser altehrwürdigen Gens ihre Dankbarkeit gewidmet".


    Er beendete seine Arbeit an meinem Schnäuzer und hielt mir stolz einen Spiegel vor. Er hatte sich selbst übertroffen. Bestes Handwerk!

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