Auf dem Weg zu den Alpenpässen

  • Wir verließen Genua kurz nach Sonnenaufgang. Hinter uns lag das Mare Ligusticum, auf dessen Wasser sich die ersten Strahlen der Sonne spiegelten. Wir ritten zu dritt, Amytis, Sporus und ich jeweils auf einem Pferd, unser (im Wesentlichen mein) Gepäck auf zwölf Maultieren verstaut. Unser Ziel war der Summus Poeninus, der hohe Pass in den Alpes Poeninae, über den wir nach Gallien gelangen wollten.


    Kaum hatten wir die Mauern von Genua hinter uns gelassen, begann der Anstieg in den Apenninus Ligusticus. Die Straße wand sich durch enge Täler und über bewaldete Höhen. Das Salz des Meeres lag noch in der Luft, doch mit jeder Meile wurde sie kühler und trockener. Die Maultiere kamen auf den steilen Wegen langsamer voran als die Pferde, und oft mussten wir unser Tempo ihrem Schritt anpassen.


    Nach zwei Tagen erreichten wir Dertona. Die Stadt lag bereits am Rand der großen Ebene. Uns begegneten Händler und Reisende aus allen Ecken des Imperiums. Nach einer Nacht in einer Mansio an der Straße ging es weiter nach Iria. Iria war eine kleinere Station, wo wir die Tiere tränkten und ließen die Hufe überprüfen, ritten aber noch am selben Tag weiter. Und schon bald öffnete sich vor uns die weite Ebene des Padus. Nach den Bergen konnten wir weit in die Ferne blicken. Die Ebene war dicht besiedelt, mit geraden Straßen und fruchtbaren Feldern, auf denen Feldfrüchte aller Art wuchsen. Überall sah man Bauernhöfe, Weinberge und Kornfelder. In Placentia erreichten wir schließlich den Padus. Schon von weitem konnten wir den breiten Strom erkennen. Seine Wasser waren träge, aber gewaltig. Schiffe und Flöße bewegten sich auf ihm, und Händler aus dem ganzen Norden Italiens kamen hier zusammen. Nachdem wir den Fluss überquert hatten, lag der schwierigste Teil der Ebene hinter uns. Erleichtert blickte ich auf den weiten Strom und gönnte uns einen Tag Pause.


    Danach ritten wir mehrere Tage nordwestwärts nach Vercellae. Die Landschaft blieb flach. Das Reisen war leicht, doch war die Landschaft für mich schon fast zu gleichförmig. Felder, Obsthaine, Weinberge, Dörfer. Nur die fernen Berge am Horizont zeigten, dass wir uns den Alpen näherten. Von Vercellae aus ging es weiter nach Eporedia. Die Landdschaft änderte sich nun merklich. Die Berge rückten näher, und wir verließen die offene Ebene. Händler und Fuhrleute sprachen fast nur noch über die Alpenstraßen und die Verhältnisse am Summus Poeninus.


    Hinter Eporedia folgten wir dem Lauf der Duria Maior. Dieser Fluss führte kaltes Wasser aus den Bergen herab. Die Straße verlief nun durch die Vallis Augustana, ein langes Tal, das sich tief in die Alpen hineinschnitt. Zu beiden Seiten erhoben sich gewaltige Felswände. Ich musste unwillkürlich an die Gegend zwischen Alexandria Eschate und Casgarum denken. Dort gab es ähnliche Täler.


    Nach zwei weiteren Tagen erreichten wir Augusta Praetoria Salassorum. Die Stadt beeindruckte mich mehr als jede andere seit Placentia. Ihre Mauern, Tore und öffentlichen Gebäude zeugten von der Macht des Augustus. Ich beschloss, uns erneut einen Tag Ruhe zu gönnen. Die Tiere würde ich neu beschlagen lassen und Vorräte für die nächsten Tage einkaufen. Ab hier begann der eigentliche Aufstieg in die Alpen. Meine serische Kleidung fiel hier deutlich mehr auf, als in Genua. Und doch - oder gerade deshalb - fand ich eine gute Taberna, in der wir unterkamen.


    Am Abend unseres Ankunftstages in Augusta Praetoria Salassorum saß ich nun mit Amytis und Sporus am Tisch auf einer Terrasse der Taberna, in der wir untergekommen waren. Ich hatte die Stühle so aufstellen lassen, dass unsere Blicke dem Tal in Richtung des Summus Poeninus. Ob wir den eigentlich Pass bereits sahen, konnte ich nicht sagen. Aber die Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln sahen schon beeindruckend aus. Und doch war ich nur wenig beeindruckt. Auf dem Weg nach Serica, hinter Casgarum, hatte ich für etliche Wochen das Kunlun-Gebirge südlich von mir gehabt. Gegenüber dem Gebirge in der Ferne erschienen die Alpen viel kleiner, als sie den Menschen hier erschienen. Langsam drehte ich meinen Becher mit verdünntem Wein in meinen Händen, während ich die weiten Reisen, die ich schon gemacht hatte, in meinem Geist rekapitulierte. Alexandria, Mogontiacum, Parthia, die Städte Sericas, Indien und jetzt wieder Mogontiacum.

  • Sporus war klar, dass die Etappe über die Berge schwer werden würde. Aber er ließ sich seine Sorge darüber nicht anmerken. Vielmehr beobachtete er Tacitus, wie dieser seinen Becher drehte. Sporus fühlte sich berufen, dem gleichzutun, mit einem schmunzeln im Gesicht. Ob es Yunzi auffallen würde?

  • Ich nahm es erst gar nicht wahr, dass Sporus mich nachahmte. Als ich mir dessen gewahr wurde, sprach ich ihn an. "Worüber ich nachdenke, weiß ich. Aber worüber sinnierst du, Sporus?"

  • Amytis saß still am Tisch, den Blick auf die schneebedeckten Gipfel gerichtet, die im Abendlicht leuchtend vor dem schon dunklen Tal aufragten. Die Reise von Genua war schnell vergangen, durch die Täler des Ligurischen Apennin, über die weite, fruchtbare Ebene des Padus mit ihren Feldern und Flüssen, bis hierher in das enge Tal der Duria Maior. Die Luft war kühler geworden, der Wind unangehmer. Sie spürte es deutlich.


    Es war seltsam, dachte sie. Je näher man der Sonne kam, desto kälter wurde es. In ihrer Heimat hatte man die Sonne als strahlendes Auge Ahura Mazdas verehrt, als Quelle von Licht und göttlicher Ordnung. Hier oben schien die Welt den Gesetzen der Götter auf eine andere Weise zu folgen. Vielleicht war die Kälte eine Prüfung. Oder eine Erinnerung daran, dass die Ordnung der Welt nicht immer für die Bequemlichkeit der Menschen gemacht war.

    Die kühle Bergluft drang durch ihr Reisegewand und ließ sie unwillkürlich die Arme fester um den Oberkörper schlingen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie zog den Mantel enger um sich und versuchte, das Ziehen in ihrer Brust zu ignorieren und hoffte, dass die ihre körperliche Reaktion ihrer Brüste nicht zu unangemessen war.

    Der Gedanke an den Aufstieg über den hohen Pass ließ eine gewisse Unruhe in ihr aufsteigen. Die Berge sahen durchaus schön aus. Aber sie sahen auch unbarmherzig aus.

  • "Ich habe etwas Angst, dass uns in den Bergen etwas passieren könnte, wie einst Terpander", sagte Sporus leise zu Tacitus. "Jetzt sind wir auch hier und müssen vorsichtig sein". Seine Sorge war ihm anzusehen. Sporus schmerzte immer noch der Verlust Terpanders.

  • "Ich verstehe." Die Besorgnis konnte ich in der Tat nachvollziehen. "Aber ich habe schon höhere Gebirge überquert, wie zum Beispiel hinter Alexandria Eschate. Das Gebirge war höher, und die Pässe waren höher. Vielleicht doppelt so hoch wie das hier." Dabei deutete ich auf die Berge, die hoch über dem Tal thronten. "Das alles habe ich überstanden. Es war hart und es war ganz sicher gefährlich, aber ich war gut vorbereitet. Und heute... hier... nichts kann uns aufhalten. Doch vorsichtig sollten wir sein. Vorsichtig sollten wir sein." Die Wiederholung war beabsichtigt. "Die Berge verzeihen keine Fehler." Diesen letzten Satz sprach ich mit Ehrfurcht aus.


    Dann streifte mein Blick über Amytis. "Dir ist kalt. Ich werde dir meinen Pelzmantel leihen, der mich in den Gebirgen des Ostens warm gehalten hat." Kaum gesagt, sah ich wieder zu Sporus. "Und dir leihe ich meinen Wollmantel, damit du in der Höhe des Passes nicht frierst." Natürlich bedeutete dies, dass ich selbst keinen der ganz warmen Mäntel mehr hatte. Aber ich hatte die dickere Unterkleidung aus Serica, die mich im serischen Winter warm gehalten hatte. Ich würde nicht frieren. Und falls doch, so wäre es meine persönliche Prüfung.

  • Sie hatte die Sorge in Sporus’ Stimme gehört und spürte selbst, dass die Ungewissheit ihr zu schaffen machte.

    Doch als Yúnzi ihr seinen Pelzmantel anbot, hob sie den Blick. Die Geste traf sie unerwartet. Sie nahm den schweren, warmen Stoff entgegen, zog ihn sich um die Schultern und spürte sofort die Wärme, die auch von ihm noch in den Falten lag.

    „Danke, Yúnzi“, sagte sie leise, fast ehrfürchtig, und lächelte dankbar. Ihre Finger schlossen sich um den Kragen.

    Sie warf einen kurzen, warmen Blick zu Sporus, dann wieder zu Tacitus. In diesem Moment, hier am Rande der Berge, fühlte sie sich dann doch sehr sicher. Es war gut, mit den richtigen Leuten zu reisen.

  • Sporus verschlag es die Sprache. Was für eine Geste. Er bekam einen Wollmantel geliehen. Sporus verbeugte sich tief vor Tacitus und bedanke sich.

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