[Alpes Graiae et Poeninae] Summus Poeninus

  • Die Reise von Augusta Praetoria Salassorum hatte einen Tag länger gedauert, als ich geplant hatte. Genauer gesagt etwas mehr als einen halben Tag, aber da ich nicht ungeschützt auf dem Passweg in der freien Natur des Gebirges übernachten wollte, hatte ich den Rest des Tages für die Pflege der Pferde und Maultiere verwendet. Wobei ich vor allem damit beschäftigt war, den Kindern des Dorfes neugierige Fragen zu meiner Kleidung und wo ich schon überall gewesen war zu beantworten. Die Mansio in dem Dorf, dessen Name ich bei der Abreise schon wieder vergessen hatte, war klein, aber sauber gewesen. Das einzige Einzelzimmer hatte ich für mich erhalten, nachdem ich dem Händler, der es vor mir gemietet hatte, eine so hohe Summe geboten hatte, dass er nicht ablehnen konnte.


    Nach dem inzwischen bei mir üblichen Frühstück hatten wir uns auf den Weg gemacht. Es war sonnig und die Luft war klar. Ein perfektes Wetter für den Aufstieg. Die vorhandene Straße machte es leicht, den Aufstieg zu bewältigen und wir machten gut Strecke. Noch am Vormittag überholten wir einen Händler, der seine Maultiere zu Fuß führte. Wir hingegen saßen auf unseren Pferden und führten die Maultiere deutlich zügiger.


    Als wir an einer Geröllhalde vorbeikamen entschied ich, eine kleine Mittagspause zu machen. Ich teilte Brot, Hartwurst und Käse aus und dazu etwas Posca für den Durst. Wir bemerkten, dass wir wohl schon eine Meile an Höhe über dem Meer hatten. Die Luft schien irgendwie dünner zu sein und alles war ein wenig anstrengender als sonst. Nicht so, dass es uns beeinträchtigte, aber doch bemerkbar. Ich beschloss, dennoch das Panorama und die weite Sicht zu genießen. Die von der Sonne beschienenen Gipfel, die... mein Blick ging zurück zu den Gipfeln. Ihre Konturen waren nicht mehr so gestochen scharf, wie bei unserer Abreise am Morgen. Ich blickte Richtung Tal. Es lag ein leichter Dunst darüber. Dann blickte ich zum Himmel. Er war noch blau, aber wie durch einen feinen Schleier gesehen. Und auch der Wind hatte sich geändert. Die Böen waren etwas stärker und zogen in Richtung der Berge.


    Ohne Hektik stand ich auf und packte mein Essen in die Ledertasche mit den Vorräten zurück. "Genug Pause. Lasst uns weiterziehen." Kurz dachte ich darüber nach, ob ich meinen Grund nennen sollte. Ja, sie würden es verstehen und dann besser handeln. "Das Wetter ändert sich."

  • Amytis ritt schweigend hinter Yúnzi her, den schweren Pelzmantel fest um die Schultern gezogen. Der Stoff roch immer noch nach ihm, dachte sie nicht das erste Mal, und der Geruch gefiel ihr, wie sie gestehen musste. Der Morgen in dem kleinen Dorf war kühl, aber klar gewesen, gutes Reisewetter. Sie hatte im Hof der Mansio gestanden, während die Kinder neugierig um Yúnzi herumschlichen und ihn mit Fragen bombardierten. Er hatte geduldig geantwortet, in seinem ruhigen, fast leisen Ton, und sie hatte zugesehen, wie die Seide seines Gewandes im Sonnenlicht schimmerte. Es hatte etwas fast Unwirkliches gehabt, diesen Mann in der rauen Bergwelt zu sehen, aber sie hatte nicht weniger interessiert seinen Antworten gelauscht, als die Kinder.

    Der Aufstieg war anstrengender gewesen, als sie erwartet hatte. Die Luft wurde mit jedem Schritt dünner, und ihr Atem ging schneller. Die steilen Hänge, die Geröllfelder, die schroffen Felsen, auf sie wirkte alles fremd und feindselig. Kein Ort für Menschen, fand sie. Und doch war sie hier. Frei. Freiwillig.



    Während der Mittagspause hatte sie das Brot und den Käse mit kleinen Bissen gegessen, den Blick immer wieder zu den Gipfeln gehoben, die sich nun dunkler gegen den Himmel abzeichneten. Sporus hatte nervös gewirkt, und selbst Yúnzi war unruhiger geworden. Sie hatte es an der Art gespürt, wie er das Essen wegpackte, vielleicht ein wenig schneller, als unbedingt nötig.


    Dann hatte der Wind sich gedreht.

    Zuerst war es nur ein leichter Dunst gewesen, der das Tal verschleierte. Dann kamen bald die ersten schweren Tropfen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der feine Nieselregen in einen kalten Regen, der von den Böen quer über den Pass getrieben wurde. Der Staub auf dem Weg wurde rasch zu Schlamm.

    Man war in Bewegung, aber Amytis spürte, wie der Pelzmantel schwerer wurde. Alles ungeschützte klebte kalt an der Haut. Der Wind fuhr hin und wieder unter den Stoff und ließ sie erzittern. Sie ritt dichter an Yúnzi heran, bis ihre Pferde fast nebeneinander gingen.


    „Yúnzi…“, rief sie gegen den Wind an. „Wir brauchen Schutz!“

    Ein Blitz zuckte in der Ferne auf, noch weit entfernt, aber gefolgt von einem dumpfen Grollen, das zwischen den Felsen widerhallte. Der Regen wurde stärker, schlug ihr ins Gesicht, lief ihr in die Augen, die Tiere wurden kurz unruhig.

    Amytis spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie zog den Pelzmantel wieder enger um sich und wünschte sich für einen kurzen Moment, er würde sie einfach festhalten, bis der Sturm vorüber war.

    Der Regen prasselte erbarmungslos weiter.

  • Auch ohne Amytis' Ausruf war mir klar, dass wir Schutz brauchten. Ich war inzwischen komplett durchnässt und die Seide war schwerer als gewohnt. Die unterste Schicht Kleidung klebte an meiner Haut, aber das schwarze, äußerste Gewand, fiel immer noch erstaunlich gut. So konnte man also trotz Regen immer noch halbwegs würdevoll aussehen. Kurz zuckte ein Lächeln über mein Gesicht. Doch war der Regen, der mir inzwischen in Strömen in die Augen lief, sehr hilfreich darin, mir das Lächeln äußerst schnell wieder auszutreiben.


    Ich ließ die Zügel meines Pferdes etwas lockerer, weil mir der Karawanenführer in der Taklamakan erzählt hatte, dass die Tiere stets den Ort fanden, der Schutz versprach. Wenn das stimmte, dann war mit meinem Pferd irgend etwas nicht in Ordnung. Es nutzte die Bewegungsfreiheit nur, um mich kurz anzusehen. Sein Blick sah irgendwie fragend und vorwurfsvoll zugleich aus. So musste ich also einen passenden Ort finden. Wir könnten der Straße bergabwärts folgen. Aber je weiter es nach unten ging, umso mehr Wasser würde sich sammeln und der anschwellende Bach hier oben wäre unten vielleicht schon ein reißender Strom. Zu gefährlich. Weiter nach oben ziehen, hin zum Pass, war aber auch keine Option. Es schien mir höchst unvernünftig zu sein, sich näher an Gewitterwolken heran zu wagen. Und weiter oben würden wir wahrscheinlich mitten in den Gewitterwolken stehen. Auch das war zu gefährlich. Ein Gebäude wäre nett, aber ich sah keins. Der Regen war viel zu dicht, um weit sehen zu können. Felsvorsprünge könnten Schutz bieten, aber sie könnten auch zur tödlichen Falle werden, wenn Schlamm und Geröll sich in Bewegung setzten und uns unter dem Vorsprung verschütten könnten. Terpander musste so oder so ähnlich gestorben sein. Aber hier stehenbleiben war auch keine Option. Das würde uns nur dem heftiger werdenden Gewitter aussetzen. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als es kurz hell wie die Sonne selbst wurde, während fast zeitgleich ein heftiger Donnerknall über uns hinweg fegte. Ich spürte den Druck des Donners. Der Blitz musste in einen der Grate zu unserer Rechten eingeschlagen haben.


    Was sollte ich jetzt machen? Mein Vater hatte mir immer gesagt, dass ich auf die Götter vertrauen sollte. Sie würden mir im Zweifel ein Zeichen geben. Also schön. "Iuppiter Optimus Maximus, wir sind hier auf deinem Berg. Wohin sollen wir gehen?" rief ich laut, während ich meine Arme ausbreitete. Ein Blitz schlug etwas weiter entfernt rechts vor uns ein. "Danke." Ich setzte mein Pferd in Bewegung, als nicht weit vom Ort des letzten Einschlags wieder ein Blitz einschlug. "Verstehe. Falsche Richtung. Habe dich eben falsch verstanden! Mein Fehler!" Als ich mein Pferd wendete, sah ich auch in der entgegengesetzten Richtung einen Blitz einschlagen. "Ist nicht dein Ernst, oder?" Interessanterweise wieherte jetzt mein Pferd und es klang wie ein Lachen. Iuppiter fand das wohl lustig.


    Dann kam mir mein Freund Cáozǐ in den Sinn. Der konfuzianische Meister hatte mich viel gelehrt. Vor allem sagte er mir, dass Tiān, der Himmel, denen, die ihn aufmerksam beobachteten, stets seinen Willen zeigte. Man solle aber stets gut geerdet sein, um Himmel und Erde zu verbinden und dadurch Teil der Vollkommenheit zu sein. Ich stieg von meinem Pferd ab und reichte Amytis die Zügel. Gemessenen Schrittes stieg ich auf eine kleine Erhebung, sie mir einen besseren Überblick gewährte. Blitze zuckten überall um uns herum und der heftige Wind peitschte mir den Regen ins Gesicht. Ich ließ mich davon nicht beirren, legte die linke Hand auf meine rechte Hand, hob beide vor meine Brust und verneigte mich dreimal in Richtung des Bergpasses. Zumindest glaubte ich, dass die Richtung stimmte. Während ich mich langsam drehte, beobachtete ich, was ich erkennen konnte. Weiße Regenschleier wehten an mir vorbei. Und dann sah ich etwas. Von Blitzen nur kurz erleuchtet war ein Dreieck sichtbar. Noch ein Blitz, nochmal das Dreieck. Flach, ein ganzes Stück abseits des Weges, aber verschont von Blitzen. Der Berghang dort war eher flach. Das Dreieck war zu regelmäßig, um natürlich zu sein.


    Ich ging zurück zu meinem Pferd und stieg wieder in den Sattel. "Folgt mir! Und verliert die Maultiere nicht!" rief ich so laut ich konnte gegen den Wind an. Wir setzten uns in Bewegung und je näher wir dem Dreieck kamen, umso klarer wurde, worum es sich handelte. Der Giebel eines Stalls. Als wir schließlich dort ankamen, ließ ich zuerst Amytis und Sporus in das Gebäude, dann die Maultiere und ganz zum Schluss betrat ich selbst den Stall. Das Tor war defekt und ließ sich nicht ganz schließen und das Dach hatte ein paar undichte Stellen, aber es war hier allemal besser als draußen. "Alle sauber geworden?" fragte ich mit einem schelmischen Lächeln, während wir mit unseren Tieren eng zusammen standen.

  • Amytis klammerte sich an die Zügel, während der Sturm um sie herum tobte. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie sah zu, was Yúnzi tat. Sie sah, wie er abstieg, sich auf die Erhebung stellte und sich mit ruhiger Würde verneigte. Inmitten der zuckenden Blitze und des heulenden Windes wirkte er wie ein Fremder aus einer anderen Welt, unerschütterlich und doch ganz bei sich. Beeindruckend.

    Leise betete sie ihrerseits Ahura Mazda an, die Lippen kaum bewegend, während kalte Tropfen über ihre Wangen rannen, "Herr des Lichts und der Ordnung, schütze diesen Mann. Schütze uns alle auf diesem fremden Pfad. Lass deine Weisheit durch ihn sprechen, wie du es durch die Flammen tust".


    Als Yúnzi zurückkehrte und sie anwies, ihm zu folgen, gehorchte sie ohne Zögern. Die Pferde und Maultiere drängten sich durch den prasselnden Regen, bis der dunkle Umriss des Stalls vor ihnen auftauchte. Kaum hatten sie das halb verfallene Tor durchschritten, sank Amytis erleichtert vom Pferd. Der Regen trommelte weiter auf das Dach, doch hier drinnen war es wenigstens erträglich und vielleicht etwas sicherer.

    Mit klammen Fingern löste sie den schweren Pelzmantel, den Yúnzi ihr geliehen hatte, und ließ ihn von den Schultern gleiten. Darunter kam ihr Reisegewand zum Vorschein, ebenso völlig durchweicht. Der feine Stoff klebte an ihrer Haut, zeichnete die sanften Linien ihrer Schultern, die Wölbung ihrer Brüste und die schlanke Kurve ihrer Taille mit schonungsloser Deutlichkeit nach. Das Wasser rann in dünnen Bächen an ihr herab, und das Gewand wurde beinahe durchscheinend, wo es ihren Körper umschloss. Noch bemerkte sie es nicht, zu sehr war sie damit beschäftigt, den nassen Stoff von ihrer Haut zu lösen und nach Atem zu ringen.


    „Wir haben es geschafft…“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst.

    Doch kaum hatte sie die Worte gesprochen, drang von draußen ein tiefes, unheilvolles Grollen herein. Es war kein Donner, sondern mehr als das. Der Boden erzitterte leicht, und ein dumpfes Rauschen schwoll an, als Geröll und Schlamm sich lösten und in einer gewaltigen Lawine den Hang hinabdonnerten, genau dort, wo sie noch vor wenigen Augenblicken geritten waren. Staub und Steinbrocken wirbelten auf, versperrten den Weg zurück und begruben Teile des Pfades unter sich.

    Amytis erstarrte als sie sie es durch einen Spalt in der Wand erkannte, die Hand noch am Kragen ihres nassen Gewandes. Ihre Augen suchten erst Sporus', dann Yúnzis Blick. Die Berge hatten gesprochen.

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