VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

  • Straßenbau durch die Legio XXII Primigenia

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    Datum: Frühsommer 123 n. Chr.

    Ausstellungsort: Principia der Legio XXII Primigenia, Mogontiacum

    Gegenstand: Ausbau und militärische Sicherung der Straße zum obergermanischen Limes


    Im Auftrag des Legionskommandos ergeht folgende Anordnung:



    Die bestehende Straßenverbindung Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum ist zur befestigten Militärstraße auszubauen. Die Arbeiten umfassen die Vermessung, Verbreiterung, Entwässerung, Verstärkung des Straßenunterbaus und Befestigung der Fahrbahn. Die Straße dient dem beschleunigten Transport von Truppen, Belagerungsgerät, Baumaterial, Lebensmitteln und militärischen Nachrichten.


    Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus

    Gesamtkommando

    Centurio Spurius Stenius Ovianus, Cohors IX

    Erdarbeiten und Straßenunterbau

    Centurio Kaeso Herdonius Acilianus, Cohors X

    Steintransport und Straßenbefestigung

    Biarchus Faustus Iunius Rupa

    Sicherung durch 50 Mann der Exploratio Imperii

    Die Versorgung der eingesetzten Truppen erfolgt aus den Magazinen von Mogontiacum und den vorgeschobenen Versorgungseinrichtungen bei Aquae Mattiacorum.



    Ausgefertigt durch:

    Iullus Fannius Aburianus

    Scriba





  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    II. DIES I – CONSILIUM

    Die Befehlsausgabe in den Principia

    Die Sonne stand noch tief über dem Rhein, als sich die Offiziere im Stabsgebäude der Legio XXII Primigenia versammelten. Auf einem großen Holztisch lag eine Wachstafel mit der eingezeichneten Straße von Mogontiacum nach Aquae Mattiacorum. Eine zweite Tafel zeigte den weiteren Verlauf durch die bewaldeten Höhen des Taunus. Publius Trebellius Ovinianus betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Meine Herren, wir haben einen Auftrag. Der Legat erwartet, dass unsere Truppen den Limes schneller erreichen können. Gegenwärtig verlieren unsere Versorgungskolonnen besonders auf den Steigungen zu viel Zeit.“

    Er deutete auf die Karte.

    „Spurius, wie beurteilst du die bestehende Straße?“

    Der Centurio trat vor.

    „Die Strecke bis Aquae Mattiacorum ist vergleichsweise gut erschlossen. Dahinter beginnt unser Problem. Die Steigungen, das Regenwasser und die schweren Wagen setzen dem Straßenkörper zu.“

    „Wie viele Männer benötigst du?“

    „Meine Kohorte. Dazu brauche ich Vermesser, Zimmerleute, Schmiede und ausreichend Zugtiere.“

    Kaeso Herdonius Acilianus verschränkte die Arme.

    „Und Steine, Tribun. Sehr viele Steine.“

    Ovinianus lächelte.

    „Ich habe nicht vor, eine Straße aus Worten bauen zu lassen.“

    „Dann benötige ich auch keine weiteren Besprechungen.“

    Die anwesenden Offiziere lachten. Nur Faustus Iunius Rupa blieb ernst.

    „Tribun, wer schützt die Baustelle?“

    „Das ist deine Aufgabe.“

    „Fünfzig Mann?“

    „Fünfzig.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann werde ich nicht die gesamte Straße bewachen. Ich werde die Zugänge überwachen. Meine Männer müssen wissen, wer sich der Baustelle nähert, bevor ihn unsere Arbeiter sehen.“

    „Du erwartest Schwierigkeiten?“

    „Ich erwarte, dass zweihundert arbeitende Legionäre so laut sind, dass man sie bereits aus großer Entfernung hören kann.“

    Ovinianus nickte.

    „Dann sorge dafür, dass wir die anderen zuerst hören.“

    III. DIES II – MENSORES

    Die Vermessung der Straße

    Am folgenden Morgen verließen die Vermesser das vorgeschobene Lager. Sie führten eine groma, Messstangen, Seile und Wachstafeln mit sich. Die Groma diente zur Absteckung gerader Linien und rechter Winkel. Für Höhenunterschiede konnte außerdem der chorobates, ein Nivellierinstrument, verwendet werden. Der Vermesser Marcus stellte seine Groma auf.

    „Hier beginnt unsere neue Trasse.“

    Spurius betrachtete den Hang.

    „Wenn du hier geradeaus baust, müssen wir einen halben Berg abtragen.“

    „Die kürzeste Verbindung wäre eine gerade Linie, Centurio.“

    „Die kürzeste Verbindung zwischen einem törichten Vermesser und dem Jenseits ebenfalls.“

    Marcus grinste.

    „Dann werden wir die Straße dem Gelände anpassen.“

    „Eine ausgezeichnete Erkenntnis. Schreib sie auf, bevor du sie wieder vergisst.“

    Die Männer schlugen Pflöcke in den Boden. Zwischen ihnen wurden Schnüre gespannt.

    Ein zweiter Vermesser überprüfte die Höhenunterschiede.

    „Centurio! Hier benötigen wir einen seitlichen Entwässerungsgraben.“

    „Wie tief?“

    „Das bestimmen wir, sobald wir den Untergrund untersucht haben.“

    Spurius wandte sich an seinen Optio.

    „Zwanzig Männer sollen Probeschächte ausheben. Ich will wissen, worauf wir bauen.“

    IV. DIES III–VII – DIE ERSTEN BAUARBEITEN

    Die beiden Kohorten beginnen mit Rodungsarbeiten, der Beseitigung beschädigter Straßenabschnitte und dem Ausheben der seitlichen Entwässerungsgräben. Die Arbeiten werden abschnittsweise organisiert. Dadurch bleibt die bestehende Verbindung für Meldereiter und dringend benötigte Versorgungstransporte eingeschränkt nutzbar.

    „Baum fällt!“

    Die Warnung hallte durch den Wald. Ein mächtiger Stamm stürzte zwischen die bereits gefällten Bäume. Kaeso betrachtete die Arbeitskolonne.

    „Warum stehen diese Männer herum?“

    Der Optio salutierte.

    „Sie warten auf die Ochsen, Centurio.“

    „Dann sollen sie die Äste entfernen. Wer auf Ochsen wartet, kann trotzdem arbeiten.“

    Ein Legionär hob die Hand.

    „Centurio, wir haben seit Sonnenaufgang gearbeitet.“

    „Und die Sonne arbeitet immer noch.“

    „Die Sonne muss auch keine Wurzeln ausgraben.“

    Kaeso sah ihn lange an. Dann lachte er.

    „Eine bemerkenswerte Feststellung. Du wirst heute Abend zusätzliche Wasserrationen erhalten.“

    „Danke, Centurio!“

    „Und morgen darfst du mir erklären, weshalb deine Wurzeln noch immer im Boden stecken.“

    Währenddessen ließ Spurius den Untergrund untersuchen.

    „Hier haben wir festen Kies. Den können wir verwenden.“

    „Und dort?“, fragte sein Optio.

    „Lehm. Wenn wir den nicht entwässern, versinkt uns die Straße beim nächsten kräftigen Regen.“

    Er deutete auf den Hang.

    „Legt oberhalb einen Graben an. Das Wasser muss abfließen, bevor es unseren Straßenkörper erreicht.“

    V. DIES VIII–XIV – DIE STRASSE NIMMT GESTALT AN

    Am achten Tag begann der eigentliche Aufbau des Straßenkörpers. Die Legionäre verteilten größere Steine auf dem vorbereiteten Untergrund. Darüber folgten Schichten aus kleinerem Gestein und Kies. Mit schweren hölzernen Stampfern verdichteten die Männer das Material. Der Straßenkörper wurde stellenweise erhöht angelegt. Seitliche Gräben sollten Regenwasser ableiten. Kaeso ging zwischen den Arbeitsgruppen hindurch.

    „Fester stampfen!“

    Ein Legionär wischte sich den Schweiß von der Stirn.

    „Centurio, wenn wir noch fester stampfen, erreichen wir die Unterwelt.“

    „Ausgezeichnet! Dann kannst du Pluto bitten, uns weitere Arbeiter zu schicken.“

    „Der wird uns seine Männer nicht überlassen.“

    „Warum nicht?“

    „Weil sie bei ihm weniger arbeiten müssen!“

    Ein schallendes Gelächter ging durch die Kolonne. Kaeso hob die Hand.

    „Genug! Weiterarbeiten!“

    Gegen Mittag erschien Spurius mit zwei Vermessern.

    „Kaeso, wir haben ein Problem.“

    „Nur eines? Dann haben wir einen ausgezeichneten Tag.“

    „Der Regen hat den östlichen Abschnitt unterspült.“

    Beide Centurionen begaben sich zur beschädigten Stelle.

    „Wir müssen einen zusätzlichen Durchlass anlegen“, erklärte Spurius.

    „Wie lange?“

    „Zwei Tage.“

    „Dann bekommst du zwei Tage. Aber keinen dritten.“

    VI. FAUSTUS – DIE UNSICHTBARE SICHERUNG

    Faustus hatte seine fünfzig Männer in fünf Gruppen eingeteilt. Ein Teil sicherte die Baustelle, während die übrigen Speculatores die Waldwege und Höhenzüge kontrollierten.

    Am zehnten Tag kehrte ein Meldereiter zurück.

    „Biarchus! Drei unbekannte Männer wurden nördlich unserer Baustelle beobachtet.“

    „Bewaffnet?“

    „Zwei trugen Jagdspeere. Der dritte hatte kein erkennbares Waffenzeug.“

    „Haben sie uns bemerkt?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Faustus blickte in Richtung des Waldes.

    „Dann werden wir es herausfinden. Aber niemand greift diese Männer an.“

    Sein Stellvertreter trat näher.

    „Soll ich die zweite Gruppe losschicken?“

    „Nein. Die erste Gruppe beobachtet weiter. Die zweite sichert den Rückweg. Und die dritte bleibt hier.“

    „Du erwartest einen Angriff?“

    „Nein. Ich möchte wissen, weshalb drei Männer unsere Baustelle beobachten.“

    Er nahm eine Wachstafel.

    „Schicke einen Bericht an den Tribun. Die Arbeiten können fortgesetzt werden.“

    VII. DIES XV – DIE BAUINSPEKTION

    Am fünfzehnten Tag traf Publius Trebellius Ovinianus auf der Baustelle ein. Er ließ sich zunächst die Entwässerungsgräben und anschließend den neu befestigten Straßenabschnitt zeigen.

    „Spurius, wie weit seid ihr?“

    „Die Rodung des ersten Bauabschnitts ist abgeschlossen. Die Erdarbeiten schreiten voran. Wir haben allerdings zwei Tage durch starken Regen verloren.“

    „Und die Fahrbahn?“

    Kaeso antwortete:

    „Der erste Abschnitt ist bereits für beladene Wagen befahrbar. Die restlichen Arbeiten laufen.“

    Ovinianus sah Faustus an.

    „Wie steht es um die Sicherheit?“

    „Keine Angriffe. Mehrere unbekannte Personen wurden beobachtet. Bisher gibt es keinen Beweis für feindliche Absichten.“

    „Dann bleibt es dabei. Keine unnötigen Zwischenfälle.“

    „Jawohl, Tribun.“

    VIII. BAUFORTSCHRITT – BERICHT AN DIE PRINCIPIA

    DIES XV - Fortschritt nach 15 Tagen

    Vermessung

    4.000 / 4.000 m

    Rodung

    4.000 / 4.000 m

    Erdarbeiten

    2.600 / 4.000 m

    Entwässerung

    2.100 / 4.000 m

    Straßenunterbau

    1.600 / 4.000 m

    Fertige Fahrbahn

    900 / 4.000 m

    Die Arbeitskolonnen arbeiten gleichzeitig an unterschiedlichen Teilstücken. Die gesamte Strecke bis zum Limes ist noch nicht fertiggestellt. Der diensthabende Scriba Iullus Fannius Aburianus fertigte den Tagesbericht an.


    An den Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus

    Betreff: Baufortschritt der Via Imperialis

    Die Arbeiten verlaufen trotz witterungsbedingter Verzögerungen planmäßig. Die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts wird nach weiteren Arbeiten an der Entwässerung und der Fahrbahnbefestigung erwartet. Die Versorgung mit Steinmaterial und Bauholz ist gegenwärtig ausreichend. Zusätzliche Zugtiere werden für den Transport der schweren Steinladungen benötigt. Die militärische Sicherung durch die Exploratio Imperii ist gewährleistet.

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    DIES XVI – OCULI IN SILVA

    Die Augen im Wald

    Germania Superior, 123 n. Chr. Militärstraße Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum

    I. PRIMA LUX – DER SECHZEHNTE BAUTAG

    Die Sonne war noch nicht über den bewaldeten Höhen des Taunus aufgegangen, als das Signalhorn die Legionäre aus ihren Zelten rief. Auf der Baustelle herrschte bereits geschäftiges Treiben. Ochsen wurden vor die schweren Transportwagen gespannt, Schmiede überprüften die eisernen Beschläge und die Vermesser kontrollierten die am Vortag eingeschlagenen Markierungspfähle. Centurio Spurius Stenius Ovianus stand vor seiner Kohorte.

    „Legionäre! Heute werden wir feststellen, ob unsere Straße tatsächlich eine Straße ist oder nur ein besonders langer Haufen Steine!“

    Einige Männer lachten.

    „Optio! Wie viele Wagen stehen bereit?“

    „Sechs, Centurio. Vier mit Steinmaterial, zwei mit Bauholz.“

    „Sind sie beladen?“

    „Jawohl!“

    „Dann lassen wir sie fahren.“

    Kaeso Herdonius Acilianus kam hinzu.

    „Spurius! Ich habe die Männer gestern ausdrücklich angewiesen, die Fahrbahn noch einmal zu verdichten.“

    „Das haben sie getan.“

    „Auch am östlichen Rand?“

    „Besonders dort.“

    „Das werden wir gleich sehen.“

    Spurius betrachtete seinen Kameraden.

    „Du klingst wie ein Mann, der hofft, dass meine Straße zusammenbricht.“

    „Keineswegs. Ich hoffe nur, dass sie es tut, bevor der Tribun darauf reitet.“

    II. PROBATIO VIAE – DIE BELASTUNGSPROBE

    Der erste Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Seine eisenbeschlagenen Räder knirschten auf dem festgestampften Kies. Zwei Ochsen zogen das schwere Gefährt über die leicht gewölbte Fahrbahn. Kaeso ging neben dem Wagen.

    „Langsam! Haltet die Tiere auf der Straßenmitte!“

    Der Wagenführer zog die Zügel an.

    „Centurio, der linke Ochse zieht nach außen!“

    „Dann erkläre ihm, dass Rom seine Straßen nicht für Spaziergänge durch den Straßengraben baut!“

    Der Wagen passierte die erste Markierung. Spurius kniete nieder und untersuchte die Radspuren.

    „Kaeso! Komm her!“

    „Was ist?“

    „Sieh dir das an.“

    „Eine Radspur. Eine bemerkenswerte Entdeckung.“

    „Der Untergrund hat kaum nachgegeben.“

    Kaeso prüfte die Oberfläche mit seinem Stab.

    „Gut. Aber ich will sehen, wie sie nach sechs Wagen aussieht.“

    Die Belastungsprobe dauerte bis zum Mittag. Anschließend überprüften die Männer die Fahrbahn, die seitlichen Entwässerungsgräben und einen neu angelegten Durchlass. An zwei Stellen musste zusätzlicher Kies eingebracht werden. Ein dritter Abschnitt wurde wegen unzureichender Verdichtung erneut bearbeitet.

    „Schreib das auf!“, befahl Spurius seinem Schreiber. „Eine Straße, die heute nachgibt, lässt morgen einen Versorgungstross stecken.“

    III. SPECULATORES – EINE UNGEWÖHNLICHE BEOBACHTUNG

    Etwa eine römische Meile nordöstlich der Baustelle lagen zwei Männer der Exploratio Imperii verborgen zwischen Farnen und umgestürzten Baumstämmen. Der ältere Speculator, Marcus, beobachtete einen schmalen Waldweg. Sein Begleiter Lucanus berührte plötzlich seinen Arm.

    „Marcus. Dort.“

    „Was?“

    „Der Mann zwischen den Buchen.“

    Ein einzelner Reiter war abgestiegen. Er führte sein Pferd in eine Senke und befestigte die Zügel an einem Ast. Dann zog er eine kleine Wachstafel hervor. Marcus beobachtete ihn aufmerksam.

    „Was schreibt er?“

    „Das kann ich von hier nicht erkennen.“

    Der Unbekannte blickte wiederholt zur Straße hinunter. Als der erste schwere Transportwagen die Baustelle verließ, machte er eine weitere Eintragung.

    Lucanus flüsterte: „Er zählt unsere Wagen.“

    „Vielleicht.“

    „Was sollte er sonst tun?“

    „Das werden wir herausfinden.“

    Der Mann blieb nahezu eine Stunde an seinem Beobachtungspunkt. Dann führte er sein Pferd weiter nach Osten. Marcus wartete, bis er außer Sicht war.

    „Du folgst ihm. Ich melde es dem Biarchus.“

    „Soll ich ihn festnehmen?“

    „Nein. Wir wollen wissen, wohin er reitet.“

    IV. DAS OFFICIUM DES FAUSTUS

    Faustus Iunius Rupa hatte sein provisorisches Officium in einem geräumigen Mannschaftszelt eingerichtet. Auf einem Tisch lagen die Karten der Umgebung. Kleine Holzmarkierungen bezeichneten die Baustelle, die Materiallager und die bekannten Wege durch den Wald. Marcus trat ein.

    „Biarchus! Eine Meldung der nördlichen Beobachtungsgruppe.“

    Faustus legte seinen Griffel nieder.

    „Berichte.“

    „Ein unbekannter Reiter hat unsere Transportkolonnen beobachtet.“

    „Ein Händler?“

    „Möglich. Er führte allerdings keine Handelswaren mit sich.“

    „Bewaffnung?“

    „Ein Messer. Vielleicht weitere verdeckte Waffen.“

    „Was hat er getan?“

    „Er hat Aufzeichnungen angefertigt. Besonders dann, wenn Wagen die Baustelle verließen.“

    Faustus stand auf.

    „Hat er die Materiallager gesehen?“

    „Von seinem Beobachtungspunkt aus konnte er das nördliche Lager erkennen.“

    „Und die südliche Zufahrt?“

    „Ebenfalls.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Interessant.“

    „Soll ich ihn festnehmen lassen?“

    „Nein. Ein Mann, der unsere Wagen zählt, ist weniger gefährlich als ein Mann, dem er diese Zahlen überbringt.“

    „Lucanus folgt ihm bereits.“

    „Gut. Schicke zwei weitere Männer auf einem anderen Weg hinterher. Niemand nähert sich dem Reiter.“

    Marcus salutierte.

    „Jawohl, Biarchus!“

    Faustus setzte eine neue Markierung auf die Karte.

    „Und Marcus?“

    „Biarchus?“

    „Ab sofort verändern wir die Abfahrtszeiten unserer Transportkolonnen. Ich möchte wissen, ob unser Beobachter auch diese Veränderungen bemerkt.“

    IX. VESPER – DER ABENDBERICHT

    Am Abend versammelte Ovinianus die beiden Centurionen und Faustus zur täglichen Lagebesprechung.

    „Spurius, dein Bericht.“

    „Die Belastungsprobe ist erfolgreich verlaufen. Neunhundert Schritt der neuen Fahrbahn sind grundsätzlich befahrbar. An drei Stellen müssen wir nacharbeiten.“

    „Kaeso?“

    „Die Steinlieferungen reichen für die nächsten vier Tage. Danach benötigen wir weitere Transportkapazitäten.“

    „Und du, Faustus?“

    „Wir werden beobachtet.“

    Der Tribun legte seinen Griffel nieder.

    „Von Germanen?“

    „Das wissen wir noch nicht. Aber jemand zeichnet die Bewegungen unserer Versorgungskolonnen auf.“

    „Ein Spion?“

    „Möglicherweise. Ich möchte zunächst herausfinden, für wen er arbeitet.“

    Ovinianus betrachtete die Karte.

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir lassen morgen zwei Versorgungskolonnen aufbrechen. Die erste nimmt den gewöhnlichen Weg. Die zweite erhält einen anderen Abfahrtszeitpunkt. Nur die beteiligten Offiziere erfahren davon.“

    Spurius runzelte die Stirn.

    „Du willst herausfinden, welche Kolonne unser Beobachter verfolgt?“

    „Nicht nur das.“

    Faustus zeigte auf die Wachstafel.

    „Ich will herausfinden, woher er seine Informationen erhält.“

    Ovinianus schwieg einen Augenblick.

    „Du erhältst die Genehmigung. Aber der Straßenbau darf nicht verzögert werden.“

    „Das wird er nicht.“

    „Und keine eigenmächtigen Festnahmen.“

    Faustus salutierte.

    „Verstanden, Tribun.“

    Als die Besprechung beendet war, blieb er allein vor der Karte stehen. Irgendjemand interessierte sich ungewöhnlich stark für eine Straße, die noch nicht einmal fertiggestellt war.

    Vielleicht interessierte sich dieser Jemand aber überhaupt nicht für die Straße. Vielleicht interessierte er sich dafür, welche Truppen Rom über sie an die germanische Grenze schicken wollte.


    Ende von Dies XVI.

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    DIES XVII – OPUS CONTINUATUR

    Die Arbeiten gehen weiter

    GERMANIA SUPERIOR · 123 N. CHR. · 17. BAUTAG

    I. PRIMA LUX – DER MORGENAPPELL

    Noch vor Sonnenaufgang ertönte das Signalhorn im vorgeschobenen Lager der Legio XXII Primigenia. Rauch stieg aus den Kochstellen. Die ersten Legionäre hatten bereits ihre Morgenmahlzeit eingenommen. Die beiden Centurionen Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus standen vor ihren angetretenen Männern. Spurius trat vor.

    „Legionäre! Gestern haben wir unsere Straße geprüft. Sie hat sechs schwer beladene Wagen ausgehalten. Heute werden wir dafür sorgen, dass sie auch sechzig aushält!“

    Ein Legionär aus der dritten Centurie meldete sich.

    „Centurio! Müssen wir dafür sechzig Wagen heranschaffen?“

    „Nein, Decimus! Du wirst persönlich sechzigmal darüberlaufen!“

    Gelächter brach aus. Kaeso hob die Hand.

    „Ruhe! Wir haben heute vier Aufgaben. Die Entwässerung muss fertiggestellt werden. Der Straßenunterbau wird um weitere zweihundert Schritt verlängert. Die Materialtransporte müssen gesichert werden. Und die Vermesser sollen endlich aufhören, jeden zweiten Baum zu vermessen!“

    Der zuständige Vermesser, Lucius, trat aus der Reihe.

    „Centurio, wenn wir nicht vermessen, baut ihr die Straße möglicherweise direkt in einen Sumpf.“

    „Dann vermiss wenigstens einen trockenen Sumpf!“

    Spurius wandte sich an seinen Optio.

    „Die erste Arbeitsgruppe übernimmt die Erdarbeiten. Die zweite beginnt mit dem Einbau des Steinmaterials. Die dritte arbeitet an den Entwässerungsgräben. Zimmerleute und Schmiede bleiben für Reparaturen verfügbar.“

    „Jawohl, Centurio!“

    „Und denkt daran: Wir bauen keine Straße für einen einzigen Sommer. Sie soll noch stehen, wenn unsere Enkel darübermarschieren!“

    II. HORA SECUNDA – DER NEUE STRASSENABSCHNITT

    Etwa zwei Kilometer östlich des vorgeschobenen Materiallagers hatte eine Arbeitsgruppe damit begonnen, den nächsten Abschnitt vorzubereiten. Der vorhandene Weg war schmal und führte an einem bewaldeten Hang entlang. Nach heftigen Regenfällen floss das Wasser quer über die Fahrbahn. Spurius untersuchte den Boden.

    „Optio! Wie tief ist der tragfähige Untergrund?“

    „Ungefähr zwei Fuß, Centurio. Darunter liegt fester Kies.“

    „Gut. Dann entfernen wir zunächst den weichen Boden. Die Steine kommen erst hinein, wenn die Grundlage trägt.“

    Der Vermesser Lucius trat hinzu.

    „Centurio, wir müssen die Straße hier um etwa drei Fuß anheben.“

    „Warum?“

    „Das Wasser läuft vom Hang direkt auf die Fahrbahn. Wir brauchen einen höher liegenden Straßenkörper und einen Entwässerungsgraben.“

    Spurius sah den Hang hinauf.

    „Dann legen wir oberhalb einen Abfanggraben an. Unterhalb erhält die Straße einen zweiten Graben. Und an der tiefsten Stelle brauchen wir einen Durchlass.“

    „Aus Holz oder Stein?“

    „Stein. Holz haben wir genug im Wald, aber ich möchte diesen Durchlass nicht alle paar Jahre erneuern.“

    Er rief seinen Optio.

    „Zwanzig Männer zum Graben! Dreißig zur Vorbereitung des Straßenkörpers! Die übrigen schaffen das Material heran.“

    „Jawohl!“

    Ein Legionär hob einen schweren Stein auf.

    „Bei Hercules! Wie viele dieser Steine benötigen wir eigentlich?“

    Sein Kamerad blickte die lange Trasse entlang.

    „Mehr, als Hercules jemals getragen hat.“

    „Dann hätte man ihm diese Arbeit als dreizehnte Aufgabe geben sollen.“

    III. HORA TERTIA – DER MATERIALTRANSPORT

    Sechs schwere Ochsenwagen verließen das westliche Materiallager. Sie transportierten Bruchsteine, Kies, Bauholz und Werkzeuge. Kaeso begleitete den ersten Wagen.

    „Wagenführer! Wie schwer ist deine Ladung?“

    „Etwa zweitausend römische Pfund, Centurio.“

    „Und die Achsen?“

    „Gestern überprüft.“

    „Dann bete zu Vulcanus, dass unser Schmied seine Arbeit ordentlich gemacht hat.“

    An einer Steigung blieben die Ochsen stehen. Der Wagenführer fluchte.

    „Vorwärts! Ihr trägen Geschöpfe!“

    Kaeso betrachtete die Räder.

    „Halt! Nicht die Tiere sind das Problem. Das rechte Rad sinkt ein.“

    Er winkte vier Legionäre herbei.

    „Hebt den Wagen an. Unterfüttert die Stelle mit grobem Steinmaterial.“

    Ein Legionär betrachtete den Boden.

    „Centurio, wir sollten die Steigung verringern.“

    „Das hätten unsere Vermesser vorher bedenken sollen.“

    „Wir haben es bedacht!“, rief Lucius, der gerade herankam.

    „Und weshalb stehen wir dann hier?“

    „Weil die endgültige Fahrbahn noch nicht fertiggestellt ist!“

    Kaeso musste lachen.

    „Eine ausgezeichnete Antwort. Dann werden wir sie fertigstellen.“

    IV. HORA QUARTA – DER STEINERNE DURCHLASS

    Am östlichen Ende des Bauabschnitts arbeiteten vierzig Legionäre an einem steinernen Wasserdurchlass. Die Zimmerleute hatten einfache Holzgerüste errichtet. Steinmetze bearbeiteten die größeren Steine mit eisernen Werkzeugen. Spurius kniete neben dem Baugraben.

    „Wie weit seid ihr?“

    Der leitende Handwerker antwortete:

    „Das Fundament ist vorbereitet. Wenn wir heute die Seitenwände fertigstellen, können wir morgen die Decksteine auflegen.“

    „Wird der Durchlass das Wasser aufnehmen können?“

    „Bei gewöhnlichem Regen ohne Schwierigkeiten. Bei starkem Regen hängt es davon ab, wie viel Wasser vom Hang herunterkommt.“

    Spurius sah ihn an.

    „Dann bauen wir ihn nicht für gewöhnlichen Regen.“

    „Das wird mehr Steine kosten.“

    „Weniger, als wenn wir nach dem nächsten Unwetter die halbe Straße neu bauen müssen.“

    Der Handwerker nickte.

    „Dann verbreitern wir den Durchlass.“

    V. HORA SEXTA – FAUSTUS ERHÄLT EINE MELDUNG

    Während die Legionäre arbeiteten, erreichte ein Speculator das provisorische Officium des Faustus Iunius Rupa.

    „Biarchus! Lucanus hat den unbekannten Reiter wiedergefunden.“

    Faustus blickte von seiner Karte auf.

    „Wo?“

    „An einem Waldweg östlich unseres nördlichen Materiallagers.“

    „Ist er allein?“

    „Nein. Er hat sich mit einem zweiten Mann getroffen.“

    „Beschreibe ihn.“

    „Ein Mann mittleren Alters. Dunkler Umhang. Er führte ein Pferd mit sich.“

    „Haben sie etwas ausgetauscht?“

    „Eine kleine Wachstafel.“

    Faustus erhob sich.

    „Jetzt wird es interessant.“

    Er deutete auf die Karte.

    „Der erste Mann beobachtet unsere Baustelle. Der zweite übernimmt seine Nachrichten. Wir müssen herausfinden, wohin dieser zweite Mann reitet.“

    „Soll ich ihn verfolgen lassen?“

    „Ja. Aber unauffällig. Zwei Männer reichen.“

    „Und die Baustelle?“

    „Die Arbeiten gehen weiter. Ich möchte nicht, dass unser Beobachter merkt, dass wir ihn entdeckt haben.“

    Faustus rief seinen Stellvertreter.

    „Ab sofort werden die Abfahrtszeiten unserer Versorgungskolonnen nur noch den jeweiligen Wagenführern unmittelbar vor dem Aufbruch mitgeteilt.“

    „Du vermutest einen Verräter?“

    „Ich vermute zunächst, dass jemand Informationen erhält, die er nicht erhalten sollte.“

    VI. HORA SEPTIMA – DIE KRISE AN DER BAUSTELLE

    Ein lauter Ruf unterbrach die Arbeiten.

    „Centurio! Der Hang rutscht!“

    Spurius drehte sich um. An der östlichen Baustelle war ein Teil des frisch ausgehobenen Grabens eingebrochen. Erdreich und kleinere Steine hatten zwei Legionäre beinahe verschüttet.

    „Alle Männer zurück!“, brüllte er.

    Der Optio eilte herbei.

    „Zwei Verletzte, Centurio! Einer hat sich den Arm gebrochen.“

    „Bringt sie zum Medicus! Niemand betritt den Graben, bevor wir die Böschung gesichert haben.“

    Kaeso erschien mit einer Gruppe Zimmerleute.

    „Was ist passiert?“

    „Der Boden ist nachgerutscht. Unter der oberen Erdschicht befindet sich durchnässter Lehm.“

    Kaeso betrachtete die beschädigte Stelle.

    „Wir müssen den Hang abfangen.“

    „Mit Holz?“

    „Vorübergehend. Danach errichten wir eine Stützmauer aus Stein.“

    Spurius nickte.

    „Wie viele Männer benötigst du?“

    „Sechzig. Und alle verfügbaren Zimmerleute.“

    „Du bekommst sie.“

    Kaeso grinste.

    „Dann schuldet mir deine Kohorte sechzig Männer.“

    „Wenn du fertig bist, bekommst du sie zurück.“

    „Lebendig, hoffe ich.“

    „Das liegt ganz bei dir.“

    Noch am Nachmittag begannen die Legionäre mit der Sicherung des gefährdeten Hanges. Die Arbeiten an diesem Abschnitt wurden vorübergehend eingestellt.

    VII. HORA NONA – DER TRIBUN ERSCHEINT

    Publius Trebellius Ovinianus traf mit einer kleinen Reiterbegleitung an der Baustelle ein. Er ließ sich unverzüglich zum beschädigten Straßenabschnitt führen.

    „Spurius! Weshalb stehen hier sechzig Männer, anstatt die Fahrbahn fertigzustellen?“

    „Ein Teil des Hanges ist eingebrochen, Tribun. Wir mussten die Arbeiten unterbrechen.“

    „Verletzte?“

    „Zwei. Keine Todesfälle.“

    „Wie lange dauert die Sicherung?“

    „Mindestens zwei Tage.“

    Ovinianus betrachtete die Böschung.

    „Können wir die Straße währenddessen weiterbauen?“

    „Ja, Tribun. Auf den anderen Abschnitten.“

    „Dann verlegt die nicht benötigten Männer dorthin. Ich möchte keinen Stillstand.“

    Kaeso trat vor.

    „Tribun, ich benötige zusätzliches Bauholz und weitere Steinlieferungen.“

    „Genehmigt. Lass die entsprechenden Anforderungen durch den Scriba ausfertigen.“

    Ovinianus blickte auf die noch unfertige Straße.

    „Meine Herren, das Castellum ad Iugum benötigt eine zuverlässige Verbindung zu unseren Versorgungseinrichtungen. Die Grenzbefestigungen nützen uns wenig, wenn unsere Wagen auf halbem Weg im Schlamm stecken bleiben.“

    Spurius salutierte.

    „Wir werden die Arbeiten beschleunigen, Tribun.“

    „Nicht auf Kosten der Sicherheit, Centurio. Ich brauche eine Straße, keine Grabstätte für Legionäre.“

    VIII. VESPER – DIE TAGESABRECHNUNG

    Am Abend trafen sich die verantwortlichen Offiziere im Lager. Iullus Fannius Aburianus hatte die Tagesmeldungen der beiden Kohorten zusammengetragen.

    „Tribun, die Ergebnisse des heutigen Bautages.“

    „Lies vor.“

    Der Scriba entrollte seine Aufzeichnungen.

    Baufortschritt – Dies XVII

    17. Bautag abgeschlossen

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    2.800 m

    Entwässerung

    2.300 m

    Straßenunterbau

    1.800 m

    Fertige Fahrbahn

    1.050 m

    Steinerne Durchlässe

    1 im Bau

    Verletzte

    2

    Fertiggestellte Fahrbahn

    26,25 %

    1.050 / 4.000 m


    Fiktive Bauleistungen für den ersten, vier Kilometer langen Bauabschnitt. Der Ausbau der übrigen Strecke folgt.

    „Hundertfünfzig Schritt zusätzliche Fahrbahn“, stellte Ovinianus fest.

    „Jawohl, Tribun“, antwortete Kaeso. „Trotz des Erdrutsches.“

    „Und morgen?“

    „Morgen wollen wir weitere zweihundert Schritt schaffen.“

    Spurius räusperte sich.

    „Wenn das Wetter mitspielt.“

    „Dann soll Jupiter uns gewogen sein“, erwiderte der Tribun.

    Faustus, der bislang geschwiegen hatte, trat an den Tisch.

    „Tribun, ich muss noch eine Meldung machen.“

    „Sprich.“

    „Wir haben Hinweise darauf, dass unsere Materialtransporte systematisch beobachtet werden. Einer unserer Speculatores verfolgt derzeit einen möglichen Nachrichtenkurier.“

    „Sind unsere Vorräte gefährdet?“

    „Das kann ich noch nicht ausschließen.“

    „Dann verdopple die Sicherung der Materiallager.“

    „Ich werde die Wachposten verstärken und gleichzeitig meine Beobachtungsgruppen im Gelände belassen.“

    Ovinianus nickte.

    „Gut. Morgen früh möchte ich deinen Bericht.“

    IX. NOX – DIE STRASSE SCHLÄFT NICHT

    Als die Dunkelheit hereinbrach, erloschen die letzten Feuer an der Baustelle. Die Legionäre zogen sich in ihre Zelte zurück. Lediglich die Wachposten blieben auf ihren Positionen.

    Faustus stand vor seinem Officium. Aus dem Wald näherte sich ein einzelner Reiter. Es war Lucanus. Er stieg ab und salutierte.

    „Biarchus, wir haben den zweiten Mann verfolgt.“

    „Wohin?“

    „Nicht nach Osten.“

    Faustus runzelte die Stirn.

    „Sondern?“

    „Nach Westen. In Richtung Aquae Mattiacorum.“

    „Hat er die Stadt betreten?“

    „Nein. Er traf sich mit einem dritten Mann.“

    „Ein weiterer Kurier?“

    Lucanus zögerte.

    „Möglicherweise. Aber dieser dritte Mann trug einen römischen Militärmantel.“

    Faustus schwieg. Dann wandte er sich seiner Karte zu.

    „Lucanus, morgen früh wird eine neue Versorgungskolonne aufbrechen.“

    „Soll ich sie begleiten?“

    „Nein. Du wirst beobachten, wer bereits vor ihrem Aufbruch weiß, wann und wohin sie fährt.“

    Er nahm eine kleine Holzmarkierung und setzte sie auf die Straße zwischen Mogontiacum und Aquae Mattiacorum.

    „Unsere Straße führt zum Limes“, sagte Faustus leise. „Aber die Nachrichten unseres unbekannten Freundes führen offenbar zurück nach Rom.“

    Ende von Dies XVII – Opus Continuatur.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES


    DIES XVIII – PER SAXA ET SILVAS

    Durch Felsen und Wälder

    GERMANIA SUPERIOR · 123 N. CHR. · 18. BAUTAG

    Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum

    Der achtzehnte Bautag beginnt mit drei Herausforderungen: Der eingestürzte Hang muss gesichert, der steinerne Wasserdurchlass fertiggestellt und die neue Fahrbahn weiter in Richtung Castellum ad Iugum verlängert werden.

    Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus hat angeordnet, die Arbeiten mit beiden Kohorten gleichzeitig fortzusetzen. Centurio Spurius Stenius Ovianus führt die Erdarbeiten der Cohors IX. Centurio Kaeso Herdonius Acilianus verantwortet mit der Cohors X die Materialtransporte und die Befestigung der Straße. Währenddessen versucht Biarchus Faustus Iunius Rupa herauszufinden, weshalb ein Unbekannter die römischen Versorgungskolonnen beobachtet.

    I. HORA PRIMA – DER MORGENAPPELL

    Das Signalhorn ertönte unmittelbar nach Sonnenaufgang. Auf dem Exerzierplatz des vorgeschobenen Baulagers standen die Legionäre der neunten und zehnten Kohorte in ihren zugewiesenen Arbeitsgruppen. Spurius trat vor die versammelten Männer.

    „Legionäre! Gestern haben wir hundertfünfzig Schritt Straße fertiggestellt. Heute erwarte ich zweihundert!“

    Aus den hinteren Reihen ertönte eine Stimme.

    „Centurio! Und wenn der Berg wieder einstürzt?“

    „Dann werden wir ihn diesmal ordentlich befestigen!“

    Kaeso trat neben seinen Kameraden.

    „Ich habe eine gute Nachricht für euch!“

    Die Männer wurden aufmerksam.

    „Wir bekommen zusätzliche Ochsen!“

    Ein Legionär rief: „Dann können die Ochsen endlich unsere Arbeit übernehmen!“

    „Ausgezeichneter Vorschlag!“, antwortete Kaeso. „Du wirst persönlich dafür verantwortlich sein, ihnen den Umgang mit Schaufeln beizubringen.“

    Die Männer lachten.Spurius hob die Hand.

    „Ruhe! Optiones, die Arbeitsgruppen einteilen!“

    Er wandte sich seinem Optio zu.

    „Die ersten sechzig Mann gehen zur Hangbefestigung. Vierzig zum Wasserdurchlass. Die übrigen setzen die Erdarbeiten fort.“

    „Jawohl, Centurio!“

    Kaeso übernahm.

    „Meine Männer beginnen mit den Steintransporten. Die Zimmerleute überprüfen sämtliche Wagenachsen. Ich will heute keinen einzigen Wagen im Schlamm sehen!“

    „Und wenn es regnet?“, fragte ein Wagenführer.

    „Dann wirst du eben nass!“

    II. HORA SECUNDA – DIE SICHERUNG DES HANGES

    An der östlichen Baustelle warteten bereits die Zimmerleute. Der Erdrutsch vom Vortag hatte einen Teil der Böschung zerstört. Die Arbeiten an der Fahrbahn waren dort vorübergehend eingestellt worden. Spurius betrachtete den Hang.

    „Wie steht es um die Sicherung?“

    Der leitende Zimmermann zeigte auf mehrere schwere Balken.

    „Wir haben die gefährdete Stelle abgestützt. Sobald die Männer das lose Erdreich entfernt haben, können wir mit dem Bau der Stützmauer beginnen.“

    „Wie hoch?“

    „Ungefähr sechs römische Fuß.“

    „Und das Fundament?“

    „Wir müssen bis zum tragfähigen Untergrund hinunter.“

    Spurius nickte.

    „Dann fangt an.“

    Ein Legionär schwang seine Spitzhacke gegen den felsigen Boden. Ein zweiter schaufelte das gelockerte Erdreich in einen geflochtenen Transportkorb.

    „Bei Mars! Dieser Berg besteht nur aus Steinen!“

    Sein Kamerad antwortete: „Sei froh! Wenn er aus Lehm bestünde, würde er uns wieder auf den Kopf fallen!“

    Spurius hörte die Bemerkung.

    „Ihr beiden! Weniger reden, mehr graben!“

    „Jawohl, Centurio!“

    Die Männer arbeiteten sich langsam bis auf den festen Untergrund vor. Anschließend begannen die Steinsetzer, größere Bruchsteine sorgfältig miteinander zu verzahnen.

    Ein Handwerker legte den ersten Stein.

    „Centurio, wir sollten die Mauer leicht gegen den Hang neigen.“

    „Weshalb?“

    „Damit sie dem Erddruck besser widersteht.“

    „Dann tu es. Ich möchte nicht, dass wir morgen eine zweite Mauer bauen müssen.“

    III. HORA TERTIA – DER WASSERDURCHLASS

    Am steinernen Durchlass arbeiteten bereits vierzig Legionäre. Die Seitenwände waren am Vortag fertiggestellt worden. Nun mussten schwere Decksteine aufgebracht werden.

    Ein einfaches hölzernes Hebegerüst stand über dem Bauwerk. Mit Seilen und einer Winde wurde der erste Stein langsam angehoben. Kaeso beobachtete die Arbeiten.

    „Langsam! Haltet den Stein waagerecht!“

    Der Vorarbeiter hob die Hand.

    „Noch einen halben Fuß!“

    Das Holz knarrte.

    „Halt!“

    Der Stein schwebte über den Seitenwänden.

    „Jetzt ablassen!“

    Vorsichtig senkten die Männer die Last. Der Stein setzte auf. Kaeso prüfte die Auflageflächen.

    „Gut. Der nächste!“

    Ein Legionär betrachtete den fertigen Abschnitt.

    „Centurio, weshalb bauen wir eigentlich eine Straße über einen Bach, den man mit einem einzigen Schritt überqueren kann?“

    Kaeso zeigte auf den Hang.

    „Weil dieser Bach bei starkem Regen vielleicht zehnmal so viel Wasser führt.“

    „Und wenn es nicht regnet?“

    „Dann hast du heute trotzdem etwas Sinnvolles getan.“

    IV. HORA QUARTA – EIN BESUCH DES TRIBUNS

    Publius Trebellius Ovinianus traf mit seinem Schreiber Iullus Fannius Aburianus auf der Baustelle ein. Der Tribun ließ sich zuerst die Stützmauer zeigen.

    „Spurius! Wie lange dauert es noch?“

    „Wenn wir keine weiteren Schwierigkeiten bekommen, ist die Mauer morgen fertig.“

    „Und der Wasserdurchlass?“

    Kaeso antwortete: „Die Decksteine werden gerade gesetzt. Anschließend können wir den Straßenkörper darüber aufbauen.“

    „Wie viele Männer arbeiten gegenwärtig?“

    „Beide Kohorten sind im Einsatz. Die Arbeitsgruppen wechseln entsprechend den Bauabschnitten.“

    Ovinianus betrachtete die Straße.

    „Ich möchte, dass wir spätestens am zwanzigsten Bautag den ersten Abschnitt vollständig für den Versorgungstransport freigeben können.“

    Spurius räusperte sich.

    „Tribun, vier Kilometer in zwei Tagen werden wir nicht schaffen.“

    „Das verlange ich auch nicht. Ich spreche von der bereits begonnenen Teilstrecke bis zum nächsten Materiallager.“

    „Dann ist es möglich.“

    Ovinianus nickte.

    „Gut. Ich erwarte morgen einen entsprechenden Bericht.“

    V. HORA QUINTA – DIE STRASSENBEFESTIGUNG

    Die Arbeiten an der eigentlichen Fahrbahn gingen weiter. Der vorbereitete Untergrund wurde zunächst von Wurzeln, losem Erdreich und größeren Hindernissen befreit. Anschließend brachten die Legionäre gröberes Steinmaterial auf. Die Männer arbeiteten in mehreren Gruppen. Einige verteilten die Steine, andere verdichteten das Material mit schweren hölzernen Stampfern. Kaeso kontrollierte die Arbeit.

    „Nicht alles auf einen Haufen werfen! Verteilt die Steine gleichmäßig!“

    Ein Legionär zeigte auf einen besonders großen Stein.

    „Centurio, was machen wir mit diesem Ungeheuer?“

    „Zerkleinern!“

    „Mit welchem Werkzeug?“

    „Mit einem Hammer, Decimus. Ich würde dir ja meinen Kopf anbieten, aber der ist bereits damit beschäftigt, über deine Fragen nachzudenken!“

    Wieder lachten die Männer. Der Vermesser Lucius erschien mit seiner Messstange.

    „Centurio, wir müssen die Querneigung überprüfen.“

    „Was stimmt diesmal nicht?“

    „Die Mitte liegt zu tief. Das Regenwasser würde auf der Fahrbahn stehen bleiben.“

    Kaeso betrachtete den Straßenkörper.

    „Wie viel fehlt?“

    „Etwa eine Handbreit.“

    „Dann hebt die Mitte entsprechend an. Und überprüft anschließend die seitlichen Gräben.“

    Lucius nickte.

    „So wird das Wasser zu beiden Seiten ablaufen.“

    „Genau das möchte ich hören.“

    Die fertige Fahrbahn erhielt in diesem Abschnitt eine leicht gewölbte Oberfläche aus verdichtetem Steinmaterial und Kies. Auf eine durchgehende Pflasterung mit großen Steinplatten wurde verzichtet.

    VI. HORA SEXTA – DER GEHEIME AUFTRAG DES FAUSTUS

    Während die Bauarbeiten voranschritten, hatte Faustus seine Männer zu einer kurzen Lagebesprechung zusammengerufen. Vor ihm lagen zwei Wachstafeln Die erste enthielt die tatsächlichen Abfahrtszeiten der Versorgungskolonnen. Auf der zweiten hatte er die Bewegungen des unbekannten Beobachters festgehalten.

    „Marcus, was ist dir aufgefallen?“

    „Der Mann hat gestern die erste Kolonne beobachtet, Biarchus. Heute ist er bereits vor ihrem Aufbruch am nördlichen Waldweg erschienen.“

    „Woher wusste er, wann die Wagen abfahren würden?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Faustus betrachtete seine Aufzeichnungen.

    „Genau das werden wir herausfinden.“

    Er zeigte auf einen markierten Punkt.

    „Morgen wird eine Kolonne das südliche Materiallager verlassen. Die Abfahrtszeit erhält ausschließlich Kaeso.“

    Marcus runzelte die Stirn.

    „Und wenn der Beobachter trotzdem erscheint?“

    „Dann müssen wir untersuchen, wer Zugang zu Kaesos Befehlen hat.“

    „Verdächtigst du den Centurio?“

    Faustus sah ihn scharf an.

    „Ich verdächtige niemanden ohne Beweise. Wir überprüfen Nachrichtenwege, keine Vermutungen.“

    Er erhob sich.

    „Du übernimmst die Beobachtung des südlichen Waldweges. Lucanus bleibt beim nördlichen Lager. Die übrigen Männer sichern weiterhin die Baustelle.“

    „Jawohl, Biarchus!“

    VII. HORA OCTAVA – DER ERSTE VERSORGUNGSTRANSPORT

    Am Nachmittag war der steinerne Wasserdurchlass fertiggestellt. Über dem Bauwerk hatten die Legionäre bereits die ersten Schichten des Straßenunterbaus eingebracht. Kaeso ließ zwei leere Wagen heranführen.

    „Wir prüfen zuerst die Überfahrt ohne Ladung.“

    Spurius stand neben ihm.

    „Und anschließend?“

    „Dann schicken wir einen voll beladenen Wagen darüber.“

    „Du bist dir sicher?“

    „Nein. Deshalb prüfen wir es.“

    Der erste Wagen rollte langsam über den Durchlass. Nichts geschah. Der zweite folgte. Wieder hielt das Bauwerk stand. Schließlich wurde ein Wagen mit Bruchsteinen herangeführt.

    Kaeso hob die Hand.

    „Langsam!“

    Die Ochsen zogen an. Der Wagen bewegte sich über die neue Konstruktion. Die Männer beobachteten aufmerksam die Seitenwände und die Fahrbahn. Der Wagen erreichte die andere Seite. Spurius lächelte.

    „Sieht aus, als hätten wir tatsächlich etwas gebaut, das funktioniert.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Selbstverständlich. Meine Männer haben schließlich daran gearbeitet.“

    „Meine Männer haben das Fundament vorbereitet.“

    „Dann wollen wir hoffen, dass sie es richtig gemacht haben.“

    VIII. VESPER – DER BAUBERICHT DES ACHTZEHNTEN TAGES

    Tabula Operis – Dies XVIII

    Baufortschritt des ersten, 4.000 Meter langen Bauabschnitts

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    3.000 m

    Entwässerung

    2.500 m

    Straßenunterbau

    2.050 m

    Fertige Fahrbahn

    1.250 m

    Fertige Fahrbahn

    31,25 %

    Zuwachs heute

    200 m

    Zusätzliche Bauleistungen:

    • Steinerner Wasserdurchlass fertiggestellt
    • Stützmauer zu etwa 70 % fertig
    • Zwei verletzte Legionäre weiterhin in Behandlung
    • Keine neuen Unfälle

    Im Kommandeurszelt verlas Iullus Fannius Aburianus die Tagesmeldung.

    „Tribun, wir haben heute zweihundert Schritt zusätzliche Fahrbahn fertiggestellt.“

    Ovinianus sah auf.

    „Schritt oder Meter, Scriba?“

    „Die Angaben der Baukolonnen wurden für die Gesamtübersicht umgerechnet, Tribun. Die zusätzliche Fahrbahn misst rund zweihundert Meter.“

    „Dann achte darauf, dass unsere Berichte einheitliche Maße verwenden.“

    „Jawohl, Tribun.“

    Spurius trat vor.

    „Die Stützmauer wird morgen fertiggestellt.“

    Kaeso ergänzte: „Und ich benötige mindestens zwölf zusätzliche Ochsen, wenn wir die nächsten Abschnitte gleichzeitig bearbeiten sollen.“

    Ovinianus wandte sich an den Scriba.

    „Schreibe eine Anforderung an die Versorgung in Mogontiacum. Außerdem benötige ich eine Übersicht über unsere Steinbrüche und die verfügbaren Transportwagen.“

    „Sofort, Tribun.“

    „Faustus, deine Meldung?“

    „Keine feindlichen Zwischenfälle. Allerdings besteht weiterhin der Verdacht, dass Informationen über unsere Versorgungstransporte weitergegeben werden.“

    „Was benötigst du?“

    „Zeit. Und die Genehmigung, einzelne Transporte mit unterschiedlichen Abfahrtszeiten durchzuführen.“

    „Genehmigt. Aber die Bauarbeiten haben Vorrang.“

    Faustus salutierte.

    „Jawohl, Tribun.“

    IX. NOX – EIN NEUER VERDACHT

    Spät in der Nacht betrat Marcus das Officium des Faustus.

    „Biarchus, wir haben etwas entdeckt.“

    Faustus legte seinen Griffel nieder.

    „Berichte.“

    „Der unbekannte Reiter hat sich erneut mit seinem Verbindungsmann getroffen.“

    „Wo?“

    „An der westlichen Straße nach Aquae Mattiacorum.“

    „Und?“

    „Wir haben beobachtet, wie er ihm eine Wachstafel übergab. Anschließend ritt der zweite Mann in Richtung Mogontiacum.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann führt die Nachrichtenkette offenbar bis zu unserem Legionsstandort.“

    „Sollen wir den Reiter festnehmen?“

    „Noch nicht.“

    „Warum?“

    Faustus zeigte auf die Straße.

    „Weil er uns möglicherweise zu seinem Auftraggeber führt.“

    Er nahm eine neue Wachstafel.

    „Morgen beginnt der neunzehnte Bautag. Wir werden unsere Straße weiterbauen. Gleichzeitig werden wir herausfinden, wer unsere Transporte verrät.“

    Draußen erklang der Ruf der Nachtwache. Die Bauarbeiten würden am nächsten Morgen fortgesetzt werden. Doch Faustus hatte inzwischen begriffen, dass die Straße nicht nur eine Verbindung zum Limes werden sollte. Sie könnte auch den Weg zu einer Verschwörung innerhalb der römischen Grenztruppen offenlegen.

    Ende von Dies XVIII – Per Saxa et Silvas.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES


    DIES XIX – VIA PER MONTES

    Die Straße durch die Berge

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – 19. Bautag

    Die Bauarbeiten an der Militärstraße von Mogontiacum über Aquae Mattiacorum zum Castellum ad Iugum gehen in ihre nächste Phase.

    Der erste Bauabschnitt von vier Kilometern ist inzwischen vollständig vermessen und gerodet. 1.250 Meter der neuen Fahrbahn sind bereits fertiggestellt.

    Am neunzehnten Bautag stehen drei Aufgaben im Mittelpunkt: die Fertigstellung der Stützmauer, die Fortsetzung der Straßenbefestigung und die Vorbereitung eines weiteren Bauabschnitts im schwierigen Gelände des Taunus.

    Während die beiden Centurionen Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus ihre Kohorten einsetzen, übernimmt Biarchus Faustus Iunius Rupa weiterhin die militärische Sicherung.

    I. PRIMA LUX – DIE MORGENBESPRECHUNG

    Im vorgeschobenen Baulager brannten bereits die ersten Kochfeuer, als Publius Trebellius Ovinianus die verantwortlichen Offiziere in sein Zelt rufen ließ. Auf dem Tisch lag eine große Wachstafel mit dem bisherigen Verlauf der Straße.

    „Meine Herren, wir haben achtzehn Tage gearbeitet. Ich möchte heute wissen, wann wir den ersten Abschnitt vollständig freigeben können.“

    Spurius trat vor.

    „Tribun, die Vermessung und die Rodung sind abgeschlossen. Die Erdarbeiten sind zu drei Vierteln erledigt. Allerdings bereitet uns der östliche Hang weiterhin Schwierigkeiten.“

    „Und die Stützmauer?“

    „Heute wird sie fertiggestellt.“

    Kaeso deutete auf die Karte.

    „Unsere größte Schwierigkeit ist inzwischen der Materialtransport. Je weiter wir nach Osten vorankommen, desto länger werden die Wege zwischen den Materiallagern und den Arbeitsgruppen.“

    „Was schlägst du vor?“

    „Ein weiteres Materiallager. Hier.“

    Kaeso setzte einen Holzstein auf die Karte.

    „In dieser Senke haben wir ausreichend Platz. Außerdem befindet sich dort ein kleiner Bach.“

    Spurius schüttelte den Kopf.

    „Ein Bach? Nach unseren Erfahrungen mit Wasser sollten wir lieber einen Hügel suchen.“

    „Der Bach versorgt unsere Männer und Tiere. Das Lager errichten wir selbstverständlich oberhalb des Bachbettes.“

    Ovinianus blickte Faustus an.

    „Ist dieser Standort militärisch vertretbar?“

    Faustus betrachtete die umliegenden Höhen.

    „Nur, wenn wir den nördlichen Höhenzug sichern. Von dort könnte jemand sämtliche Bewegungen im Lager beobachten.“

    „Kannst du das gewährleisten?“

    „Mit zwei vorgeschobenen Beobachtungsposten und regelmäßigen Patrouillen.“

    „Dann ist es beschlossen. Kaeso, du errichtest das neue Materiallager. Spurius, du setzt die Erdarbeiten fort. Faustus übernimmt die Sicherung.“

    Der Tribun wandte sich an den Scriba.

    „Iullus, fertige die entsprechenden Befehle aus.“

    „Jawohl, Tribun.“

    II. HORA SECUNDA – DIE STÜTZMAUER

    An der östlichen Baustelle hatten sechzig Legionäre ihre Arbeit aufgenommen. Die Stützmauer war bereits größtenteils errichtet. Jetzt mussten die letzten Steinlagen gesetzt und der Raum zwischen Mauer und Hang mit geeignetem Material verfüllt werden. Spurius überprüfte das Fundament.

    „Optio! Wie steht es um die Mauer?“

    „Die letzten Steine werden gerade gesetzt, Centurio.“

    „Und die Entwässerung dahinter?“

    „Wir haben eine Schicht aus grobem Steinmaterial vorgesehen.“

    Spurius nickte.

    „Gut. Ich will nicht, dass sich hinter dieser Mauer Wasser sammelt und sie uns beim nächsten Regen umwirft.“

    Ein Steinsetzer trat heran.

    „Centurio, wir haben noch sechs große Steine. Damit können wir die obere Lage abschließen.“

    „Dann verwendet sie.“

    „Und wenn wir noch weitere benötigen?“

    „Dann holt ihr welche.“

    Der Legionär blickte auf die schweren Steinblöcke.

    „Ich hatte gehofft, dass du das nicht sagen würdest.“

    Spurius grinste.

    „Du hättest dich zur Reiterei melden sollen.“

    „Warum?“

    „Dann müsste wenigstens dein Pferd die Steine tragen.“

    Gegen Mittag war die Mauer fertiggestellt.

    Spurius ließ zunächst die Stützkonstruktionen überprüfen. Erst danach durften die Legionäre damit beginnen, den Straßenkörper hinter der Mauer aufzuschütten.

    III. HORA TERTIA – DAS NEUE MATERIALDEPOT

    Kaeso erreichte mit acht Ochsenwagen und einer Arbeitsgruppe den vorgesehenen Standort des neuen Materiallagers. Der Platz lag oberhalb eines kleinen Wasserlaufes.

    „Optio! Hier werden die Steine gelagert. Dort kommt das Bauholz hin. Und die Wagen stellen wir auf die westliche Seite.“

    Der Optio betrachtete das Gelände.

    „Centurio, weshalb lagern wir die Steine nicht unmittelbar an der Straße?“

    „Weil ich nicht möchte, dass unsere eigenen Materialhaufen den Verkehr behindern.“

    „Und die Schmiede?“

    „Auf die südliche Seite. Möglichst weit entfernt vom Bauholz.“

    Ein Legionär trat heran.

    „Centurio, wir haben einen geeigneten Platz für die Kochstelle gefunden.“

    „Sehr gut.“

    „Direkt neben dem Holzlager.“

    Kaeso starrte ihn an.

    „Du möchtest offenbar, dass wir morgen ein besonders großes Feuer haben.“

    „Nein, Centurio.“

    „Dann verlege die Kochstelle!“

    Die Männer begannen mit dem Aufbau. Zunächst wurde der Boden eingeebnet. Anschließend errichteten sie einfache Unterstände, damit Werkzeuge und empfindliches Material vor Regen geschützt waren. Die Steinlieferungen wurden nach ihrer vorgesehenen Verwendung getrennt gelagert. Kaeso ließ seinen Schreiber kommen.

    „Ich möchte jeden Abend wissen, wie viel Material wir erhalten und wie viel wir verbrauchen.“

    „Auch die kleineren Steine, Centurio?“

    „Vor allem die kleineren Steine. Die großen kann ich selbst zählen.“

    IV. HORA QUARTA – DER NEUE STRASSENABSCHNITT

    Etwa fünfhundert Meter östlich der bisherigen Baustelle hatten die Vermesser eine schwierige Geländestelle erreicht. Ein kleiner Höhenrücken versperrte den direkten Weg. Lucius, der leitende Vermesser, untersuchte das Gelände gemeinsam mit Spurius.

    „Wir haben zwei Möglichkeiten, Centurio. Entweder wir führen die Straße um den Höhenrücken herum oder wir tragen einen Teil davon ab.“

    „Wie groß wäre der Umweg?“

    „Ungefähr dreihundert Meter.“

    „Und wenn wir den Hügel abtragen?“

    „Dann benötigen wir erheblich mehr Arbeitskräfte.“

    Spurius betrachtete die Steigung.

    „Können unsere schwer beladenen Wagen hier überhaupt hinauffahren?“

    „Wenn wir den höchsten Teil abtragen und die Trasse entsprechend anpassen, ja.“

    „Dann werden wir das tun.“

    Lucius zögerte.

    „Centurio, wir sollten zunächst den Untergrund untersuchen.“

    „Weshalb?“

    „Weil wir sonst möglicherweise drei Tage lang einen Hügel abtragen und anschließend feststellen, dass wir darunter auf einen Felsen stoßen.“

    Spurius blickte ihn an.

    „Du hast eine bemerkenswerte Fähigkeit, mir schlechte Nachrichten zu überbringen.“

    „Dafür werde ich bezahlt.“

    „Dann solltest du weniger verdienen.“

    Beide Männer lachten. Spurius rief seinen Optio.

    „Zwanzig Männer mit Spitzhacken und Schaufeln! Wir legen drei Probeschächte an.“

    V. HORA SEXTA – DER FELS IM BERG

    Die ersten Probeschächte brachten eine unerwartete Erkenntnis. Unter einer dünnen Erdschicht lag fester Fels. Lucius ließ Spurius rufen.

    „Centurio! Ich glaube, wir haben unser Baumaterial gefunden.“

    Spurius betrachtete den freigelegten Fels.

    „Du willst mir sagen, dass wir den Berg abtragen und die Steine gleichzeitig für unsere Straße verwenden können?“

    „Genau das.“

    „Dann gefällt mir dieser Berg plötzlich wesentlich besser.“

    Spurius ließ Kaeso benachrichtigen.

    Wenig später traf dieser mit zwei erfahrenen Steinmetzen ein.

    „Wie viel Gestein können wir hier gewinnen?“, fragte Kaeso.

    Einer der Steinmetze untersuchte den Fels.

    „Das müssen wir erst prüfen. Aber wenn sich das Gestein gut spalten lässt, können wir einen Teil für den Straßenunterbau verwenden.“

    „Und für die nächste Stützmauer?“

    „Möglicherweise auch dafür.“

    Kaeso wandte sich an Spurius.

    „Du hast einen Steinbruch entdeckt!“

    „Nein. Einen Berg, der unserer Straße im Weg steht.“

    „Das ist doch beinahe dasselbe.“

    „Dann überlasse ich dir den Berg.“

    „Und was machst du?“

    „Ich baue die Straße.“

    Die beiden Centurionen beschlossen, am nächsten Morgen eine eigene Arbeitsgruppe für die Gewinnung und Zerkleinerung des Gesteins einzusetzen.

    Für die besonders schweren Steinblöcke sollten hölzerne Hebel, Rollen und Zugtiere bereitgestellt werden.

    VI. HORA SEPTIMA – FAUSTUS UND DIE VERSORGUNGSKOLONNE

    Faustus hatte unterdessen eine kleine Veränderung an den täglichen Transportabläufen vorgenommen. Zwei Wagenkolonnen sollten die Baustelle auf unterschiedlichen Wegen erreichen. Nur die jeweiligen Wagenführer und ihre unmittelbaren Vorgesetzten kannten die Abfahrtszeiten. Marcus meldete sich im Officium.

    „Biarchus! Der unbekannte Beobachter ist wieder aufgetaucht.“

    „Wo?“

    „Am nördlichen Waldweg.“

    „Hat er unsere erste Kolonne gesehen?“

    „Ja.“

    „Und die zweite?“

    „Nein. Er verließ seinen Beobachtungspunkt, bevor sie aufbrach.“

    Faustus nickte.

    „Interessant. Er kannte offenbar nur einen Teil unserer Bewegungen.“

    „Was bedeutet das?“

    „Dass seine Informationen möglicherweise aus einer bestimmten Arbeitsgruppe stammen.“

    In diesem Augenblick erschien Lucanus.

    „Biarchus! Eine Meldung vom neuen Materiallager.“

    „Berichte.“

    „Zwei Männer haben versucht, sich dem Lager zu nähern. Sie behaupteten, Händler zu sein.“

    „Waren sie bewaffnet?“

    „Sie trugen Messer. Sonst nichts Auffälliges.“

    „Was wollten sie verkaufen?“

    „Getrocknetes Fleisch und Tierhäute.“

    Faustus überlegte.

    „Habt ihr sie festgenommen?“

    „Nein. Wir haben sie zurückgeschickt.“

    „Gut. Morgen dürfen sie wiederkommen. Allerdings nur bis zum äußeren Kontrollposten.“

    Marcus blickte seinen Vorgesetzten überrascht an.

    „Du willst sie tatsächlich handeln lassen?“

    „Selbstverständlich. Ich möchte herausfinden, ob sie Händler sind.“

    „Und wenn sie Spione sind?“

    „Dann werden sie sich vermutlich mehr für unsere Lager interessieren als für den Preis ihres Fleisches.“

    VII. HORA NONA – DIE LETZTEN ARBEITEN

    Gegen Nachmittag kehrte Spurius zur Hauptbaustelle zurück. Die Legionäre hatten inzwischen einen weiteren Abschnitt des Straßenunterbaus fertiggestellt. Die Steinsetzer arbeiteten an der Fahrbahnbefestigung. Kaeso kam ihm entgegen.

    „Hundertfünfzig Meter sind bereits fertig.“

    „Ich hatte zweihundert angeordnet.“

    „Der Tag ist noch nicht vorbei.“

    „Dann hoffe ich, dass deine Männer schneller arbeiten als deine Ochsen.“

    Kaeso grinste.

    „Meine Ochsen beschweren sich wenigstens nicht.“

    „Das liegt daran, dass sie nicht sprechen können.“

    Ein Legionär, der in der Nähe arbeitete, hob den Kopf.

    „Centurio! Wenn unsere Ochsen sprechen könnten, würden sie vermutlich ebenfalls mehr Sold verlangen!“

    Spurius musste lachen.

    „Weiterarbeiten, bevor ich dich persönlich vor einen Wagen spanne!“

    Bis zum Abend schafften die Arbeitsgruppen weitere fünfzig Meter. Die Männer hatten ihr Tagesziel erreicht.

    VIII. TABULA OPERIS – DER BAUFORTSCHRITT

    19. Bautag abgeschlossen

    Baufortschritt – Dies XIX

    Erster Bauabschnitt: 4.000 Meter

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    3.200 m

    Entwässerung

    2.700 m

    Straßenunterbau

    2.300 m

    Fertige Fahrbahn

    1.450 m

    Fertige Fahrbahn

    36,25 %

    Tagesleistung

    200 m

    Weitere Ergebnisse:

    • Stützmauer fertiggestellt
    • Neues Materiallager eingerichtet
    • Felsvorkommen für die Steingewinnung erschlossen
    • Zusätzliche 200 Meter Fahrbahn fertiggestellt

    Fiktive Bauleistungen für die Romanhandlung. Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf den ersten Bauabschnitt.

    IX. VESPER – DIE ABENDLICHE LAGEBESPRECHUNG

    Im Kommandeurszelt hatte Iullus Fannius Aburianus bereits die Tagesberichte vorbereitet. Ovinianus ließ sich die Ergebnisse vortragen.

    „Spurius, deine Stützmauer?“

    „Fertiggestellt, Tribun.“

    „Kaeso, das neue Materiallager?“

    „Eingerichtet. Morgen beginnen wir mit den ersten größeren Materiallieferungen.“

    „Und die Straße?“

    „Weitere zweihundert Meter Fahrbahn sind fertig.“

    Ovinianus nickte zufrieden.

    „Gut. Morgen beginnen wir mit dem zwanzigsten Bautag. Ich möchte, dass wir die Belastungsprobe auf dem nächsten zusammenhängenden Abschnitt durchführen.“

    Er wandte sich an Faustus.

    „Gibt es neue Erkenntnisse über unsere unbekannten Beobachter?“

    „Noch keine abschließenden, Tribun. Aber wir haben festgestellt, dass unser Beobachter offenbar nicht über sämtliche Transportbewegungen informiert ist.“

    „Was bedeutet das?“

    „Dass wir den Kreis möglicher Informationsquellen eingrenzen können.“

    „Dann fahre fort.“

    Faustus salutierte.

    „Jawohl, Tribun.“

    Als die Offiziere das Zelt verließen, hielt Ovinianus den Biarchus zurück.

    „Faustus, eine Frage.“

    „Tribun?“

    „Glaubst du, dass jemand innerhalb unserer eigenen Truppen Informationen weitergibt?“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    „Ich halte es für möglich.“

    „Und wenn du den Mann findest?“

    „Dann werde ich zunächst herausfinden, weshalb er es tut und wer seine Nachrichten erhält.“

    Ovinianus nickte.

    „Gut. Aber vergiss darüber deine eigentliche Aufgabe nicht.“

    „Die Sicherung der Baustelle.“

    „Genau. Ich möchte diese Straße fertigstellen, bevor wir unsere gesamte Legion zur Bewachung ihrer eigenen Materiallager benötigen.“

    Faustus erlaubte sich ein kurzes Lächeln.

    „Das möchte ich ebenfalls, Tribun.“

    Ende von Dies XIX – Via per Montes.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XX – SAXA, SUDOR ET DISCIPLINA

    Steine, Schweiß und Disziplin

    GERMANIA SUPERIOR · 123 N. CHR. · 20. BAUTAG

    Die Sonne erhob sich über den bewaldeten Höhen des Taunus. Nebel lag zwischen den Bäumen. In der Ferne erklangen bereits Hammerschläge, das Knarren schwerer Ochsenwagen und die Rufe der Legionäre.

    Der zwanzigste Bautag der Operation VIA IMPERIALIS hatte begonnen.

    Die beiden Kohorten der Legio XXII Primigenia hatten inzwischen 1.450 Meter der neuen Fahrbahn fertiggestellt. Der erste Bauabschnitt sollte insgesamt vier Kilometer umfassen.

    Doch heute stand ihnen eine besonders schwierige Aufgabe bevor: Ein felsiger Höhenrücken musste abgetragen werden. Gleichzeitig sollte die neue Stützmauer erstmals mit schweren Versorgungstransporten belastet werden.

    Und während die Legionäre ihre Straße bauten, beobachtete Faustus Iunius Rupa einen Gegner, der offenbar mehr über die römischen Transportbewegungen wusste, als ihm lieb sein konnte.

    I. PRIMA LUX – DER BEFEHL DES TRIBUNS

    Publius Trebellius Ovinianus stand vor der Karte des Straßenbauprojekts. Neben ihm warteten die beiden Centurionen Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus. Der Scriba Iullus Fannius Aburianus hielt eine Wachstafel bereit.

    „Meine Herren“, begann der Tribun, „wir haben gestern zweihundert Meter Fahrbahn fertiggestellt. Ich erwarte, dass wir diese Leistung halten.“

    Spurius nickte.

    „Das können wir, Tribun. Allerdings benötigen wir zusätzliche Männer für die Arbeiten am Höhenrücken.“

    „Wie viele?“

    „Mindestens achtzig.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Die bekommst du nicht aus meiner Kohorte. Ich benötige jeden verfügbaren Mann für die Steintransporte.“

    „Dann müssen wir die Arbeitsgruppen anders einteilen“, erwiderte Spurius.

    Ovinianus hob die Hand.

    „Genug. Spurius erhält sechzig zusätzliche Männer aus den Arbeitsgruppen, deren Aufgaben bereits abgeschlossen sind. Kaeso behält seine Transportmannschaften.“

    Er wandte sich an den Scriba.

    „Iullus, notiere die neue Einteilung.“

    „Jawohl, Tribun.“

    „Außerdem möchte ich heute die Belastungsprobe an der neuen Stützmauer durchführen. Kaeso, du bist dafür verantwortlich.“

    „Verstanden.“

    „Spurius, du übernimmst die Arbeiten am Höhenrücken.“

    „Jawohl.“

    „Faustus?“

    Der Biarchus trat vor.

    „Tribun.“

    „Deine Männer sichern beide Baustellen und das neue Materiallager. Ich möchte keine Überraschungen.“

    Faustus salutierte.

    „Meine Beobachtungsposten sind bereits eingerichtet.“

    II. HORA SECUNDA – DER FELSDURCHSTICH

    Am östlichen Ende des Bauabschnitts warteten bereits die Steinmetze. Der felsige Höhenrücken ragte unmittelbar vor der geplanten Straße auf. Die Vermesser hatten mit Pflöcken und gespannten Schnüren die Grenzen des vorgesehenen Einschnitts markiert. Spurius betrachtete den Fels.

    „Wie tief müssen wir ihn abtragen?“

    Lucius, der leitende Vermesser, antwortete:

    „An der höchsten Stelle ungefähr fünf römische Fuß. Danach können wir eine gleichmäßige Steigung herstellen.“

    „Und wie lange dauert das?“

    „Wenn das Gestein so beschaffen ist, wie unsere Probeschächte vermuten lassen, vielleicht vier Tage.“

    Spurius schüttelte den Kopf.

    „Vier Tage!“

    „Centurio, ich kann den Berg nicht bitten, kleiner zu werden.“

    „Dann werden wir ihn eben überzeugen.“

    Er wandte sich an seinen Optio.

    „Die ersten vierzig Männer beginnen mit den Spitzhacken. Zwanzig schaffen das gelockerte Material fort. Die Steinmetze bearbeiten die größeren Blöcke.“

    „Jawohl!“

    Die Männer begannen zu arbeiten. Eiserne Spitzhacken schlugen gegen den Fels. Steinmetze trieben Meißel in vorhandene Spalten. Mit langen hölzernen Hebeln lösten sie größere Gesteinsstücke. Ein Legionär betrachtete einen besonders schweren Steinblock.

    „Centurio! Dieser Stein bewegt sich nicht!“

    Spurius trat näher.

    „Dann brauchst du einen längeren Hebel.“

    „Und wenn das nicht funktioniert?“

    „Dann benötigst du einen zweiten Mann.“

    „Und wenn auch das nicht funktioniert?“

    „Dann holen wir Kaeso. Der behauptet schließlich ständig, dass seine Kohorte stärker ist als meine.“

    III. HORA TERTIA – DIE BELASTUNGSPROBE

    An der westlichen Baustelle hatte Kaeso vier schwere Ochsenwagen bereitstellen lassen. Die Stützmauer war am Vortag fertiggestellt worden. Jetzt musste sie beweisen, dass sie dem Gewicht der Transportwagen standhielt. Kaeso ließ zunächst einen leeren Wagen über den Abschnitt fahren.

    „Langsam! Haltet die Tiere auf der Straßenmitte!“

    Der Wagen rollte problemlos über die neue Fahrbahn.

    „Der nächste!“

    Diesmal war der Wagen mit Bauholz beladen. Auch er passierte die Stelle ohne Schwierigkeiten. Schließlich wurde der schwerste Transportwagen herangeführt. Er war mit Bruchsteinen beladen. Spurius, der für kurze Zeit von der östlichen Baustelle gekommen war, beobachtete die Vorbereitungen.

    „Wenn deine Mauer jetzt einstürzt, Kaeso, haben wir morgen wieder Arbeit.“

    „Meine Mauer wird nicht einstürzen.“

    „Das hast du beim letzten Hang auch gesagt.“

    „Das war dein Hang!“

    Die Männer lachten. Kaeso hob die Hand.

    „Vorwärts!“

    Die Ochsen setzten sich in Bewegung. Langsam rollte der schwere Wagen über die Stützmauer. Die eisenbeschlagenen Räder hinterließen leichte Spuren auf der noch nicht vollständig verfestigten Oberfläche. Der Wagen erreichte die andere Seite. Kaeso atmete aus.

    „Bestanden.“

    Spurius kniete nieder und untersuchte die Fahrbahn.

    „Die Mauer hat gehalten. Aber hier müssen wir noch etwas Kies nachfüllen.“

    Kaeso blickte ihn an.

    „Du findest auch immer etwas.“

    „Dafür sind Freunde schließlich da.“

    IV. HORA QUARTA – DER STRASSENKÖRPER

    Die nächste Arbeitsgruppe begann damit, den vorbereiteten Straßenabschnitt mit grobem Steinmaterial aufzufüllen. Anschließend verteilten die Legionäre kleinere Steine und Kies. Mit schweren Holzstampfern verdichteten sie die einzelnen Lagen. Lucius überprüfte die Höhe des Straßenkörpers.

    „Centurio! Wir müssen die Mitte noch etwas anheben.“

    Kaeso kam herüber.

    „Schon wieder?“

    „Das Regenwasser soll schließlich zu beiden Seiten ablaufen.“

    „Dann hebt sie an.“

    Ein Legionär wischte sich den Schweiß von der Stirn.

    „Ich glaube, diese Straße wird höher als der Palatin.“

    Sein Kamerad antwortete:

    „Dann können wir wenigstens behaupten, wir hätten Rom nach Germanien gebracht.“

    Kaeso hatte die Bemerkung gehört.

    „Wenn ihr Rom nach Germanien bringen wollt, müsst ihr zunächst diese Straße fertigstellen!“

    Die Männer arbeiteten weiter. Am Rand der Fahrbahn legten andere Legionäre die seitlichen Entwässerungsgräben an. An einer tiefer gelegenen Stelle wurde zusätzlich ein kleiner steinerner Durchlass vorbereitet. Spurius überprüfte die Arbeiten.

    „Denkt daran! Eine Straße, die kein Wasser ableiten kann, wird uns beim ersten Unwetter zerstört!“

    V. HORA SEXTA – DIE MITTAGSPAUSE UND EIN UNERWARTETER BEFEHL

    Zur Mittagszeit unterbrachen die Arbeitsgruppen ihre Tätigkeit. Die Legionäre erhielten Brot, Käse, Oliven und verdünnten Wein. An den Kochstellen wurde außerdem ein warmer Getreidebrei ausgegeben. Kaeso setzte sich neben Spurius auf einen Baumstamm.

    „Wie weit bist du mit deinem Berg?“

    „Er steht noch.“

    „Das überrascht mich nicht.“

    „Aber er ist heute Morgen deutlich kleiner geworden.“

    Kaeso nahm ein Stück Brot.

    „Meine Männer haben bereits hundert Meter Fahrbahn fertiggestellt.“

    „Meine haben heute Vormittag so viele Steine herausgeschlagen, dass du damit weitere hundert Meter bauen kannst.“

    „Dann schick sie mir.“

    „Die Steine?“

    „Nein, deine Männer. Die Steine kommen von allein, wenn deine Männer sie tragen.“

    In diesem Augenblick erschien ein Meldereiter.

    „Centurionen! Befehl des Tribuns!“

    Beide Männer erhoben sich. Der Reiter übergab Spurius eine versiegelte Wachstafel. Spurius las.

    „Bei Jupiter!“

    Kaeso sah ihn fragend an.

    „Was ist?“

    „Der Tribun verlangt, dass wir morgen einen weiteren Bauabschnitt beginnen.“

    „Wir haben doch bereits genug Arbeit!“

    „Offenbar nicht.“

    Spurius reichte ihm die Tafel. Kaeso las den Befehl und schüttelte den Kopf.

    „Dann brauchen wir zusätzliche Arbeitskräfte.“

    „Und weitere Wagen.“

    „Und noch mehr Ochsen.“

    „Und einen neuen Tribun“, murmelte Spurius.

    Kaeso grinste.

    „Den letzten Satz solltest du lieber nicht wiederholen.“

    VI. HORA SEPTIMA – FAUSTUS UND DIE UNBEKANNTEN BEOBACHTER

    Während die Bauarbeiten weitergingen, hatte Faustus Iunius Rupa seine Beobachtungsgruppen neu eingeteilt. Marcus kehrte von der nördlichen Waldpatrouille zurück.

    „Biarchus, wir haben den Reiter erneut gesehen.“

    „Hat er unsere Kolonnen beobachtet?“

    „Ja. Allerdings nur die Wagen, die das westliche Materiallager verlassen haben.“

    „Und die Transporte aus dem neuen Lager?“

    „Die hat er offenbar nicht bemerkt.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann kennt er unsere neuen Einrichtungen noch nicht vollständig.“

    „Sollen wir ihn festnehmen?“

    „Nein. Wir werden ihm eine Nachricht geben.“

    Marcus blickte überrascht auf.

    „Eine Nachricht?“

    „Morgen erhält ein ausgewählter Wagenführer eine veränderte Abfahrtszeit. Wir werden beobachten, ob unser unbekannter Freund davon erfährt.“

    „Und wenn er davon erfährt?“

    „Dann wissen wir, dass unsere Informationen nicht nur durch Beobachtung gewonnen werden.“

    Faustus deutete auf den nördlichen Höhenzug.

    „Du bleibst dort. Lucanus übernimmt den westlichen Waldweg. Niemand handelt ohne meinen Befehl.“

    „Jawohl, Biarchus.“

    VII. HORA NONA – DAS TAGESZIEL

    Gegen Ende des Nachmittags erreichten die Baukolonnen ihr Tagesziel. Spurius ließ die Arbeiten am Felshang einstellen. Die gelösten Steine waren bereits abtransportiert worden. Ein Teil des gewonnenen Materials lag nun zerkleinert und nach Größe sortiert am neuen Materiallager. Kaeso kontrollierte die fertiggestellte Fahrbahn.

    „Optio! Wie viel haben wir heute geschafft?“

    „Zweihundertzwanzig Meter, Centurio!“

    „Sehr gut. Morgen will ich zweihundertfünfzig!“

    Der Optio seufzte.

    „Centurio, irgendwann erreichen wir mit dieser Straße den Rand der Welt.“

    „Dann bauen wir eine Brücke!“

    Die Legionäre brachen in Gelächter aus.

    VIII. TABULA OPERIS – BAUBERICHT DES ZWANZIGSTEN TAGES

    20. Bautag abgeschlossen

    Fortschritt des ersten Bauabschnitts

    Bauleistungen · Gesamtlänge 4.000 Meter

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    3.400 m

    Entwässerung

    2.900 m

    Straßenunterbau

    2.550 m

    Fertige Fahrbahn

    1.670 m

    Fertige Fahrbahn

    41,75 %

    Tagesleistung

    220 m

    Zusätzliche Ergebnisse:

    • Belastungsprobe der Stützmauer erfolgreich
    • Felsdurchstich begonnen
    • Zweiter Wasserdurchlass vorbereitet
    • Materialgewinnung am Höhenrücken angelaufen
    • Neues Materiallager vollständig betriebsbereit

    IX. VESPER – DIE ENTSCHEIDUNG DES TRIBUNS

    Im Kommandeurszelt wartete Ovinianus auf die Tagesberichte.

    „Spurius, wie steht es um den Höhenrücken?“

    „Wir haben mit dem Abtragen begonnen, Tribun. Das Gestein eignet sich voraussichtlich auch für unseren Straßenbau.“

    „Kaeso?“

    „Die Stützmauer hat ihre Belastungsprobe bestanden. Zweihundertzwanzig Meter neue Fahrbahn sind fertig.“

    Ovinianus nickte.

    „Ausgezeichnet. Morgen werden wir die Arbeiten ausweiten.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Ich möchte, dass eine weitere Arbeitsgruppe bereits mit der Vermessung des nächsten Abschnitts beginnt. Sobald unser erster Bauabschnitt abgeschlossen ist, dürfen wir keine Zeit verlieren.“

    Spurius salutierte.

    „Verstanden, Tribun.“

    „Kaeso, du sorgst für die Materialversorgung.“

    „Jawohl.“

    „Faustus?“

    „Tribun.“

    „Du hast meine Erlaubnis, zusätzliche Beobachtungsposten einzurichten. Aber ich möchte, dass die Bauarbeiten ungestört bleiben.“

    „Das ist auch mein Ziel.“

    Ovinianus blickte noch einmal auf die Karte.

    „Meine Herren, diese Straße wird nicht nur unsere Versorgung verbessern. Sie wird uns ermöglichen, unsere Truppen schneller an die Grenze zu verlegen. Jeder Tag, den wir gewinnen, stärkt unsere militärischen Möglichkeiten.“

    Er rollte die Karte zusammen.

    „Morgen beginnen wir früher.“

    Kaeso warf Spurius einen kurzen Blick zu.

    „Noch früher?“

    Spurius flüsterte:

    „Vielleicht sollten wir künftig einfach nachts weiterarbeiten.“

    „Sag das bloß nicht zu laut!“

    Ende von Dies XX – Saxa, Sudor et Disciplina.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES


    DIES XXI – FERRUM ET LAPIS

    Eisen und Stein

    GERMANIA SUPERIOR · 123 N. CHR. · 21. BAUTAG

    Legio XXII Primigenia – Cohors IX und Cohors X

    Der einundzwanzigste Bautag beginnt. Inzwischen sind 1.670 Meter der ersten vier Kilometer langen Teilstrecke fertiggestellt.

    Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus hat die Beschleunigung der Arbeiten befohlen. Der felsige Höhenrücken soll durchbrochen, die Entwässerung verbessert und die neue Straße für schwere Versorgungstransporte vorbereitet werden.

    Biarchus Faustus Iunius Rupa hat gleichzeitig den Auftrag, die Baukolonnen zu schützen und den unbekannten Beobachter zu identifizieren.

    I. PRIMA LUX – DER TRIBUN ORDNET AN

    Noch vor Sonnenaufgang versammelten sich die verantwortlichen Offiziere im Kommandeurszelt. Publius Trebellius Ovinianus stand vor einer großen Karte.

    „Spurius! Wie lange benötigst du noch für diesen verdammten Berg?“

    „Drei Tage, Tribun.“

    „Gestern waren es vier.“

    „Wir haben gestern gearbeitet.“

    Kaeso musste lachen.

    „Dann solltest du morgen nur noch zwei benötigen.“

    Spurius betrachtete ihn.

    „Wenn du mir endlich genügend Wagen zur Verfügung stellst, vielleicht.“

    Ovinianus hob die Hand.

    „Meine Herren! Wir haben eine Straße zu bauen und keinen Wettkampf auszutragen.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Heute möchte ich mindestens zweihundertfünfzig Meter neue Fahrbahn sehen. Gleichzeitig beginnen wir mit der Vorbereitung des nächsten Bauabschnitts.“

    Kaeso räusperte sich.

    „Tribun, dazu benötigen wir zusätzliche Transportkapazitäten.“

    „Du erhältst sechs weitere Wagen aus Aquae Mattiacorum.“

    „Und Zugtiere?“

    „Selbstverständlich, Centurio. Ich erwarte nicht, dass du die Wagen persönlich ziehst.“

    Spurius grinste.

    „Obwohl das durchaus interessant wäre.“

    „Spurius!“

    „Jawohl, Tribun!“

    „Zur Arbeit!“

    II. HORA SECUNDA – DER STEINBRUCH

    Am felsigen Höhenrücken hatten achtzig Legionäre ihre Arbeit aufgenommen. Die Steinmetze untersuchten die natürlichen Spalten im Gestein. Mit eisernen Meißeln und schweren Hämmern trieben sie Keile in die vorbereiteten Öffnungen. Spurius beobachtete die Arbeiten.

    „Wie weit sind wir?“

    Der Vorarbeiter zeigte auf eine markierte Linie.

    „Bis hier müssen wir den Fels noch abtragen, Centurio.“

    „Dann beginnt.“

    Die Männer schlugen auf die Keile. Ein dumpfes Knacken ertönte.

    „Zurück!“, rief der Vorarbeiter. Ein großer Steinblock löste sich aus dem Felsen. Die Legionäre jubelten. Spurius betrachtete den Block.

    „Ausgezeichnet. Den können wir für unsere nächste Stützmauer verwenden.“

    Ein Legionär hob die Hand.

    „Centurio, wie sollen wir ihn transportieren?“

    „Mit einem Wagen.“

    „Er ist größer als unser Wagen.“

    Spurius schwieg einen Augenblick.

    „Dann machen wir ihn kleiner.“

    „Warum haben wir ihn dann überhaupt so groß herausgeschlagen?“

    Spurius sah ihn streng an.

    „Decimus, wenn du noch eine Frage stellst, bekommst du den Stein als Marschgepäck!“

    Die Männer lachten. Anschließend teilte Spurius die Arbeitsgruppen neu ein. Vierzig Legionäre bearbeiteten weiterhin den Fels. Zwanzig zerkleinerten das gewonnene Material. Weitere zwanzig transportierten die Steine zum Materiallager.

    III. HORA TERTIA – DIE ARBEITEN AM STRASSENKÖRPER

    Kaeso Herdonius Acilianus kontrollierte die Arbeiten an der neuen Fahrbahn. Die Legionäre hatten zunächst den Untergrund eingeebnet und verdichtet. Darauf wurde gröberes Steinmaterial aufgebracht, dessen Zwischenräume mit kleineren Steinen und Kies verfüllt wurden. Die Fahrbahn erhielt eine leichte Wölbung, damit das Regenwasser zu den seitlichen Gräben ablaufen konnte. Lucius, der leitende Vermesser, überprüfte die Höhen.

    „Centurio! Die Mitte muss noch etwas angehoben werden.“

    Kaeso verdrehte die Augen.

    „Lucius, du hast mir gestern genau dasselbe gesagt.“

    „Gestern haben wir einen anderen Abschnitt gebaut.“

    „Und morgen?“

    „Morgen werde ich es dir vermutlich wieder sagen.“

    Kaeso betrachtete ihn.

    „Du bist ein bemerkenswert unangenehmer Mensch.“

    „Aber ein guter Vermesser.“

    „Leider.“

    Ein Legionär trat heran.

    „Centurio! Uns fehlen kleinere Steine!“

    „Dann holt welche aus dem neuen Steinbruch.“

    „Die Wagen sind noch unterwegs.“

    Kaeso blickte zum Himmel.

    „Bei Jupiter! Wir haben einen ganzen Berg voller Steine und trotzdem nicht genügend Material!“

    Er rief seinen Optio.

    „Schicke zwanzig Männer mit Transportkörben zum Steinbruch. Wir verlieren heute keine weitere Stunde.“

    IV. HORA QUARTA – DIE RÖMISCHE BAUMASCHINE

    Am östlichen Rand der Baustelle hatten die Zimmerleute ein einfaches hölzernes Hebegerüst errichtet. Mit seiner Hilfe sollten besonders schwere Steinblöcke bewegt werden.

    Spurius betrachtete die Konstruktion.

    „Hält sie?“

    Der leitende Zimmermann nickte.

    „Wenn die Männer gleichmäßig ziehen und die Last nicht zu schwer wird.“

    „Das klingt nicht besonders beruhigend.“

    „Centurio, eine Hebemaschine ist nur so zuverlässig wie die Männer, die sie bedienen.“

    Spurius wandte sich an die Legionäre.

    „Ihr habt es gehört! Wer das Seil loslässt, darf anschließend persönlich erklären, weshalb unser Stein wieder im Graben liegt!“

    Die Männer spannten die Seile.

    „Ziehen!“

    Langsam hob sich der Steinblock.

    „Weiter!“

    Das Holz knarrte.

    „Halt!“

    Der Stein schwebte über dem vorbereiteten Platz.

    „Jetzt langsam ablassen!“

    Die Männer ließen die Seile kontrolliert nach. Der Stein setzte auf. Spurius nickte anerkennend.

    „Ausgezeichnet.“

    Der Zimmermann lächelte.

    „Siehst du, Centurio?“

    „Ja. Jetzt bauen wir noch zehn davon.“

    Der Zimmermann verlor sein Lächeln.

    „Zehn?“

    „Vielleicht zwölf.“

    V. HORA QUINTA – DIE STRASSE MUSS DAS WASSER BESIEGEN

    Während die Steinmetze den Höhenrücken bearbeiteten, untersuchte Lucius einen weiteren Abschnitt der geplanten Straße. Ein kleiner Wasserlauf durchquerte die Trasse.

    Lucius ließ Spurius rufen.

    „Centurio! Hier benötigen wir einen weiteren Durchlass.“

    Spurius betrachtete das schmale Rinnsal.

    „Für dieses bisschen Wasser?“

    „Dieses bisschen Wasser kommt aus dem gesamten oberen Hang.“

    „Und?“

    „Wenn es drei Tage regnet, wird aus diesem Rinnsal ein Bach. Dann läuft uns das Wasser über die Straße.“

    Spurius seufzte.

    „Noch mehr Steine.“

    „Ja, Centurio.“

    „Noch mehr Arbeitskräfte.“

    „Vermutlich.“

    „Und noch mehr Zeit.“

    „Ganz bestimmt.“

    Spurius blickte ihn an.

    „Lucius, hast du eigentlich jemals gute Nachrichten?“

    „Selbstverständlich. Wir haben das Problem entdeckt, bevor die Straße fertig war.“

    „Das ist tatsächlich eine gute Nachricht.“

    Er rief seinen Optio.

    „Dreißig Männer! Wir beginnen mit dem Aushub. Die Steinmetze sollen einen Durchlass vorbereiten.“

    Die Männer begannen, den Boden auszuheben. Anschließend wurde ein tragfähiges Fundament vorbereitet, auf dem die seitlichen Steinwände errichtet werden sollten.

    VI. HORA SEXTA – DIE VERSORGUNG AUS MOGONTIACUM

    Gegen Mittag erreichte eine größere Versorgungskolonne das westliche Materiallager. Zwölf Wagen transportierten Lebensmittel, Werkzeug, Bauholz und Ersatzteile für die Transportfahrzeuge. Weitere sechs Wagen sollten künftig für den Steintransport eingesetzt werden. Kaeso empfing den verantwortlichen Unteroffizier.

    „Wie lange habt ihr von Aquae Mattiacorum benötigt?“

    „Länger als vorgesehen, Centurio. Einer unserer Wagen hatte einen Achsbruch.“

    „Wo?“

    „An der westlichen Steigung.“

    Kaeso wandte sich an seinen Schreiber.

    „Notiere die Stelle. Dort müssen wir die Fahrbahn ebenfalls überprüfen.“

    „Jawohl.“

    „Wie viele Ersatzachsen habt ihr mitgebracht?“

    „Vier.“

    „Vier? Ich habe sechs angefordert!“

    „Mehr waren nicht verfügbar.“

    Kaeso schüttelte den Kopf.

    „Dann schreibe nach Mogontiacum. Ich benötige zwei weitere Achsen, zusätzliche Eisenbeschläge und zwölf Ersatzräder.“

    Der Schreiber sah überrascht auf.

    „Zwölf Räder?“

    „Ja. Ich möchte Räder haben, bevor wir sie benötigen.“

    Ein Wagenführer mischte sich ein.

    „Centurio, wir könnten auch einfach leichtere Wagen verwenden.“

    Kaeso betrachtete ihn.

    „Eine ausgezeichnete Idee. Dann transportieren wir unsere Steine einzeln.“

    „So war das nicht gemeint.“

    „Dann lade deine Wagen ab!“

    VII. HORA SEPTIMA – DIE MELDUNG DER EXPLORATIO IMPERII

    Im provisorischen Officium des Faustus Iunius Rupa herrschte angespannte Ruhe. Marcus und Lucanus waren gerade von ihren Beobachtungsposten zurückgekehrt.

    „Biarchus“, begann Marcus, „der unbekannte Reiter ist heute nicht am nördlichen Waldweg erschienen.“

    Faustus blickte auf.

    „Wo war er?“

    „Am neuen Materiallager.“

    Faustus legte seinen Griffel nieder.

    „Dann hat er unseren neuen Standort gefunden.“

    „Ja.“

    „Hat er Kontakt zu unseren Männern aufgenommen?“

    „Nicht unmittelbar. Allerdings haben wir einen der beiden Händler wiedererkannt, die gestern versucht haben, das Lager zu betreten.“

    „Interessant. Und was hat der Händler getan?“

    „Er hat sich mit dem Reiter getroffen.“

    Faustus stand auf.

    „Dann haben wir möglicherweise unsere Nachrichtenverbindung.“

    Lucanus trat vor.

    „Sollen wir beide festnehmen?“

    „Noch nicht. Wir beobachten sie weiter.“

    „Und wenn sie verschwinden?“

    „Dann wissen wir zumindest, dass sie sich nicht länger für unsere Baustelle interessieren.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Marcus, du übernimmst morgen mit zehn Männern die Sicherung des neuen Materiallagers. Lucanus, du führst zwei Beobachtungsgruppen in den Wald.“

    „Jawohl, Biarchus.“

    „Und niemand spricht mit den Händlern, ohne dass ich davon erfahre.“

    VIII. HORA NONA – DER LETZTE WAGEN

    Am späten Nachmittag trafen sich Spurius und Kaeso auf dem fertiggestellten Straßenabschnitt. Die Arbeiten am Höhenrücken waren für diesen Tag beendet worden. Die Steinmetze hatten ausreichend Material gewonnen, um die Versorgung der Baukolonnen für die nächsten Tage sicherzustellen. Kaeso hielt eine Wachstafel in der Hand.

    „Spurius! Wir haben unser Tagesziel erreicht.“

    „Zweihundertfünfzig Meter?“

    „Zweihundertsechzig.“

    „Dann können wir morgen vielleicht sogar dreihundert schaffen.“

    Kaeso blickte ihn entsetzt an.

    „Du solltest niemals freiwillig mehr Arbeit verlangen.“

    „Warum?“

    „Weil unser Tribun dich hören könnte!“

    In diesem Augenblick erschien Ovinianus mit seinem Schreiber.

    „Meine Herren! Wie ist der Stand?“

    Kaeso salutierte.

    „Tribun! Zweihundertsechzig Meter zusätzliche Fahrbahn sind fertiggestellt.“

    Ovinianus nickte.

    „Ausgezeichnet. Dann erwarte ich morgen dreihundert.“

    Kaeso blickte Spurius an.

    „Ich werde dich dafür verantwortlich machen.“

    IX. TABULA OPERIS – BAUBERICHT DIES XXI

    21. Bautag abgeschlossen

    Baufortschritt der Militärstraße

    Erster Bauabschnitt: 4.000 Meter · Fiktive Bauleistungen

    Vermessung

    4.000 / 4.000 m

    Rodung

    4.000 / 4.000 m

    Erdarbeiten

    3.650 / 4.000 m

    Entwässerung

    3.100 / 4.000 m

    Straßenunterbau

    2.820 / 4.000 m

    Fertige Fahrbahn

    1.930 / 4.000 m

    Fertige Fahrbahn

    48,25 %

    Tagesleistung

    260 m

    Zusätzliche Bauleistungen:

    • Felshang weiter abgetragen
    • Neues Gesteinsmaterial gewonnen
    • Weiterer Wasserdurchlass begonnen
    • Sechs zusätzliche Transportwagen eingetroffen
    • Keine neuen Verletzten

    X. VESPER – DIE BEFEHLE FÜR DEN NÄCHSTEN TAG

    Die Sonne verschwand hinter den bewaldeten Höhen. Die Legionäre kehrten erschöpft in ihre Lager zurück. Im Kommandeurszelt verlas Iullus Fannius Aburianus den abschließenden Tagesbericht. Ovinianus hörte aufmerksam zu.

    „Meine Herren, wir haben beinahe die Hälfte unseres ersten Bauabschnitts fertiggestellt.“

    Er deutete auf die Karte.

    „Morgen werden wir die Arbeiten am Höhenrücken fortsetzen. Gleichzeitig beginnen die Vermesser mit der Untersuchung des nächsten vier Kilometer langen Abschnitts.“

    Spurius hob den Kopf.

    „Tribun, sollen wir bereits weitere Männer dorthin verlegen?“

    „Zunächst nur die Vermesser und eine kleine Arbeitsgruppe.“

    „Verstanden.“

    Ovinianus wandte sich an Kaeso.

    „Sorge dafür, dass die neuen Wagen einsatzbereit sind. Ich möchte keine weiteren Verzögerungen beim Materialtransport.“

    „Jawohl, Tribun.“

    Schließlich blickte er zu Faustus.

    „Und du? Gibt es Neuigkeiten?“

    „Unsere unbekannten Beobachter interessieren sich inzwischen auch für das neue Materiallager.“

    „Dann müssen wir die Sicherung verstärken.“

    „Das habe ich bereits angeordnet.“

    Ovinianus betrachtete den Biarchus.

    „Ich hoffe, du weißt, was du tust.“

    Faustus erwiderte ruhig:

    „Das hoffe ich ebenfalls, Tribun.“

    Als die Besprechung beendet war, verließen die Offiziere das Zelt.

    Spurius blieb neben Kaeso stehen.

    „Morgen dreihundert Meter.“

    Kaeso seufzte.

    „Ich weiß.“

    „Und übermorgen?“

    „Wenn du jetzt vierhundert sagst, werfe ich dich persönlich in unseren neuen Wasserdurchlass.“

    Beide Männer lachten.

    Ende von Dies XXI – Ferrum et Lapis.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES



    DIES XXII – VIA AD FINES IMPERII

    Die Straße zu den Grenzen des Imperiums

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – 22. Bautag

    Die Arbeiten an der Militärstraße von Mogontiacum über Aquae Mattiacorum zum Castellum ad Iugum treten in eine entscheidende Phase ein.

    Nach einundzwanzig Bautagen sind 1.930 Meter des ersten vier Kilometer langen Bauabschnitts fertiggestellt. Die beiden Kohorten haben den felsigen Höhenrücken teilweise abgetragen und ein zusätzliches Materiallager eingerichtet.

    Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus hat für den heutigen Tag eine besonders hohe Bauleistung angeordnet: 300 Meter neue Fahrbahn.

    Centurio Spurius Stenius Ovianus soll den Felddurchstich vorantreiben. Centurio Kaeso Herdonius Acilianus übernimmt die Straßenbefestigung und die Versorgung.

    Faustus Iunius Rupa erhält außerdem eine dringende Nachricht: Ein bislang unbekannter Mann hat versucht, Informationen über die Bauarbeiten und die Truppenbewegungen zu beschaffen.

    I. PRIMA LUX – DIE NEUE ARBEITSORDNUNG

    Im Kommandeurszelt warteten Spurius, Kaeso und Faustus bereits auf den Tribun. Publius Trebellius Ovinianus trat an die große Karte.

    „Meine Herren, wir haben beinahe die Hälfte unseres ersten Bauabschnitts fertiggestellt. Heute werden wir die Arbeiten neu organisieren.“

    Er deutete auf den felsigen Höhenrücken.

    „Spurius, wie viele Männer benötigst du noch für den Durchstich?“

    „Achtzig, Tribun. Zusätzlich zwanzig Männer für den Abtransport des Gesteins.“

    „Du erhältst sie.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Und wer baut dann meine Straße?“

    „Deine Kohorte, Centurio.“

    „Mit Verlaub, Tribun, meine Männer können nicht gleichzeitig Steine transportieren, Kies verteilen und die Fahrbahn verdichten.“

    Ovinianus betrachtete ihn.

    „Dann musst du sie besser einteilen.“

    Spurius grinste.

    „Eine ausgezeichnete Idee, Tribun.“

    Kaeso warf ihm einen finsteren Blick zu.

    „Du bekommst nachher meine schwierigsten Arbeiter.“

    „Die sind bereits bei mir.“

    Ovinianus hob die Hand.

    „Genug! Ich erwarte heute Ergebnisse.“

    Er wandte sich an Faustus.

    „Du hast weiterhin fünfzig Mann. Die Baustellen werden inzwischen immer weiter auseinandergezogen. Kannst du sie noch ausreichend sichern?“

    „Wenn ich die Männer beweglich einsetze, ja. Allerdings benötige ich zuverlässige Meldereiter.“

    „Du bekommst zwei zusätzliche Pferde.“

    „Danke, Tribun.“

    „Und Faustus?“

    „Ja?“

    „Ich möchte heute keine Berichte über verschwundene Wagen, unbekannte Händler oder verdächtige Reiter hören.“

    Faustus erwiderte trocken:

    „Dann müsste ich aufhören, Berichte zu schreiben.“

    II. HORA SECUNDA – DER DURCHBRUCH AM HÖHENRÜCKEN

    Hundert Legionäre arbeiteten inzwischen am felsigen Höhenrücken. Die Steinmetze hatten mehrere größere Felsblöcke gelöst. Die übrigen Männer zerkleinerten das Gestein oder transportierten es zum Materiallager. Spurius betrachtete die freigelegte Trasse.

    „Lucius! Wie viel müssen wir noch abtragen?“

    Der Vermesser trat neben ihn.

    „Ungefähr zwanzig Schritt in der Länge. Danach erreichen wir den natürlichen Geländeeinschnitt.“

    „Und die Steigung?“

    „Wenn wir weitere zwei Fuß abtragen, können unsere schwer beladenen Wagen den Abschnitt ohne außergewöhnliche Schwierigkeiten passieren.“

    „Dann tun wir das.“

    Ein Steinmetz rief plötzlich:

    „Centurio! Wir haben eine größere Felsspalte entdeckt!“

    Spurius eilte herbei.

    „Kannst du den Block lösen?“

    „Ja. Aber wir müssen ihn sichern, damit er nicht unkontrolliert abrutscht.“

    „Wie?“

    „Mit Holzkeilen und Seilen.“

    Spurius nickte.

    „Dann holt die Zimmerleute. Niemand arbeitet unmittelbar unter diesem Block.“

    Die Männer befestigten die Seile. Anschließend trieben die Steinmetze weitere Keile in die vorhandene Spalte. Ein lautes Knacken ertönte.

    „Zurück!“

    Der Felsblock löste sich und rutschte kontrolliert auf den vorbereiteten Arbeitsbereich. Die Legionäre jubelten. Spurius betrachtete den freigelegten Durchstich.

    „Bei Jupiter! Jetzt haben wir endlich eine Straße durch diesen Berg!“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    „Noch nicht, Centurio.“

    „Was fehlt denn jetzt wieder?“

    „Der Straßenunterbau.“

    Spurius seufzte.

    „Du kannst einem Mann wirklich jede Freude verderben.“

    III. HORA TERTIA – DIE NEUE TRANSPORTORGANISATION

    Kaeso hatte seine Transportmannschaften neu organisiert. Anstatt sämtliche Wagen zwischen dem westlichen Materiallager und der Baustelle verkehren zu lassen, wurden die Transporte aufgeteilt. Die schweren Wagen brachten größere Steinmengen zum neuen Materiallager. Von dort aus transportierten kleinere Wagen und Träger das Material unmittelbar zu den einzelnen Arbeitsgruppen. Kaeso stand neben seinem Optio.

    „Wie viele Wagen sind unterwegs?“

    „Vierzehn, Centurio.“

    „Und die übrigen?“

    „Vier werden beladen. Zwei befinden sich zur Reparatur beim Schmied.“

    „Warum sind sie beschädigt?“

    „Bei einem ist die Achse gebrochen. Der andere hat ein beschädigtes Rad.“

    Kaeso schüttelte den Kopf.

    „Wir bauen eine Straße, damit unsere Wagen nicht mehr kaputtgehen. Aber solange wir die Straße bauen, gehen unsere Wagen kaputt.“

    Der Optio grinste.

    „Vielleicht sollten wir zuerst die Straße fertigstellen.“

    Kaeso betrachtete ihn.

    „Eine bemerkenswerte Erkenntnis. Ich werde dich dem Tribun als neuen Baumeister empfehlen.“

    „Danke, Centurio.“

    „Das war keine Belohnung.“

    IV. HORA QUARTA – DIE ERSTE GROSSE STRASSENPRÜFUNG

    Am späten Vormittag traf der Tribun auf der fertiggestellten Teilstrecke ein. Ovinianus wollte die bisherige Bauleistung persönlich überprüfen. Kaeso führte ihn über die neue Fahrbahn.

    „Tribun, die Fahrbahn ist an dieser Stelle ungefähr sechs Meter breit. Der Straßenkörper wurde erhöht angelegt, damit das Wasser zu den seitlichen Gräben ablaufen kann.“

    Ovinianus betrachtete die Oberfläche.

    „Und wie steht es um die Belastbarkeit?“

    „Wir haben bereits mehrere schwere Wagen darübergeführt. Bisher sind keine größeren Schäden aufgetreten.“

    „Dann möchte ich heute eine vollständige Versorgungskolonne sehen.“

    Kaeso salutierte.

    „Jawohl.“

    Kurz darauf setzte sich eine Kolonne aus acht schwer beladenen Wagen in Bewegung. Die Legionäre beobachteten gespannt, wie die Wagen über die neue Straße rollten. Am Ende der Strecke ließ Kaeso die Kolonne anhalten. Spurius, der inzwischen ebenfalls eingetroffen war, untersuchte die Fahrbahn.

    „Keine größeren Schäden. Lediglich einige oberflächliche Radspuren.“

    Ovinianus nickte.

    „Gut. Dann können wir diesen Abschnitt vorläufig für unsere Versorgungstransporte freigeben.“

    Er wandte sich an seinen Scriba.

    „Iullus, vermerke die erfolgreiche Belastungsprobe.“

    V. HORA SEXTA – DIE ENTWÄSSERUNG AM WALDHANG

    Während die Wagen ihre Belastungsprobe absolvierten, kämpften dreißig Legionäre am östlichen Waldrand mit einer ganz anderen Schwierigkeit. Aus dem Hang trat Wasser hervor. Der Untergrund war so feucht, dass die Männer beim Ausheben des Straßengrabens immer wieder einsanken. Spurius ließ den leitenden Vermesser Lucius herbeirufen.

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir dürfen den Straßenkörper nicht einfach über diese Stelle schütten. Das Wasser würde das Material aufweichen.“

    „Also noch ein Durchlass?“

    „Zunächst einen Abfanggraben oberhalb der Straße. Anschließend leiten wir das Wasser durch einen steinernen Durchlass auf die andere Seite.“

    „Wie viele Männer?“

    „Dreißig sollten genügen.“

    „Wie lange?“

    „Zwei Tage.“

    Spurius betrachtete ihn.

    „Du hast für jedes Problem dieselbe Antwort: mehr Männer und mehr Zeit.“

    Lucius lächelte.

    „Und bisher hat es funktioniert.“

    „Leider muss ich dir recht geben.“

    Die Legionäre begannen, den Graben auszuheben. Das Wasser sammelte sich bereits in der neuen Rinne und floss langsam vom zukünftigen Straßenkörper fort.

    „Seht ihr!“, rief Lucius. „Jetzt wissen wir wenigstens, wohin das Wasser will.“

    Ein Legionär antwortete: „Nach Rom, hoffentlich! Dann sind wir es endlich los!“

    VI. HORA SEPTIMA – DER NEUE BAUABSCHNITT

    Am frühen Nachmittag traf eine Gruppe von Vermessern aus Aquae Mattiacorum ein. Sie sollten bereits den nächsten vier Kilometer langen Bauabschnitt vorbereiten.

    Ovinianus ließ sich ihre Aufzeichnungen zeigen.

    „Wie beurteilt ihr das Gelände?“

    Der leitende Vermesser antwortete:

    „Der nächste Abschnitt verläuft zunächst durch leichteres Gelände. Anschließend steigt die Trasse erneut an. Wir müssen mehrere kleinere Wasserläufe überqueren.“

    „Wie viele Durchlässe werden benötigt?“

    „Das können wir erst nach Abschluss der Vermessung zuverlässig beurteilen.“

    „Dann beginnt unverzüglich.“

    Er wandte sich an Spurius.

    „Sobald deine Männer den Höhenrücken fertiggestellt haben, schickst du eine Arbeitsgruppe voraus.“

    „Wie viele?“

    „Vierzig Mann.“

    „Tribun, ich benötige diese Männer noch für unseren ersten Abschnitt.“

    „Dann schickst du sie, sobald der Durchstich abgeschlossen ist.“

    „Verstanden.“

    VII. HORA OCTAVA – FAUSTUS GREIFT EIN

    Faustus erhielt am Nachmittag eine Meldung seines Speculators Lucanus.

    „Biarchus, der unbekannte Reiter ist erneut erschienen.“

    „Wo?“

    „Am westlichen Materiallager.“

    „Hat er die neuen Transporte beobachtet?“

    „Ja. Er hat die Anzahl der Wagen notiert.“

    Faustus betrachtete seine Wachstafel.

    „Und unsere zweite Kolonne?“

    „Die hat er nicht gesehen.“

    „Sehr gut.“

    Marcus trat hinzu.

    „Biarchus, wir haben außerdem festgestellt, dass einer der Händler regelmäßig mit einem Mann aus Aquae Mattiacorum zusammentrifft.“

    „Kennst du den Mann?“

    „Nein.“

    „Dann finde heraus, wer er ist. Aber niemand wird festgenommen, solange wir keine Beweise haben.“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Unsere Aufgabe ist es, diese Straße zu schützen. Und genau das werden wir tun.“

    VIII. TABULA OPERIS – DER BAUFORTSCHRITT

    22. Bautag abgeschlossen

    Fortschritt der Via Imperialis

    Erster Bauabschnitt – 4.000 Meter

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    3.850 m

    Entwässerung

    3.350 m

    Straßenunterbau

    3.100 m

    Fertige Fahrbahn

    2.230 m

    Fertige Fahrbahn

    55,75 %

    Heutiger Zuwachs

    300 m


    IX. VESPER – DER BEFEHL FÜR DEN DREIUNDZWANZIGSTEN TAG

    Im Kommandeurszelt wartete Ovinianus auf die abschließenden Meldungen. Iullus Fannius Aburianus verlas den Baubericht.

    „Tribun, wir haben heute dreihundert Meter neue Fahrbahn fertiggestellt. Der Felddurchstich ist weitgehend abgeschlossen. Die Vermessung des nächsten Bauabschnitts hat begonnen.“

    Ovinianus nickte.

    „Ausgezeichnet.“

    Er wandte sich an die beiden Centurionen.

    „Morgen werden wir unsere Arbeiten auf zwei Baustellen verteilen. Die erste Arbeitsgruppe beendet den bisherigen Abschnitt. Die zweite beginnt mit den Vorbereitungen der nächsten vier Kilometer.“

    Spurius salutierte.

    „Jawohl, Tribun.“

    Kaeso fragte: „Und die zusätzlichen Wagen?“

    „Sie bleiben dir zugeteilt.“

    „Dann können wir unsere Transportkapazität erheblich erhöhen.“

    Ovinianus blickte schließlich zu Faustus.

    „Du wirst deine fünfzig Männer entsprechend aufteilen müssen.“

    „Das habe ich bereits vorbereitet.“

    „Gut. Ich erwarte, dass die Straße weitergebaut wird, ohne dass unsere Materiallager gefährdet werden.“

    Faustus salutierte.

    „Jawohl, Tribun.“

    Als die Offiziere das Zelt verließen, betrachtete Ovinianus noch einmal die Karte. Die ersten Kilometer der neuen Militärstraße waren bereits für Versorgungstransporte nutzbar. Doch der Weg zum Castellum ad Iugum war noch lang.

    Ende von Dies XXII – Via ad Fines Imperii.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XXIII – UMBRAE IN VIA

    Die Schatten auf der Straße

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – 23. Bautag Militärstraße Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum

    Die Arbeiten an der Militärstraße gingen in ihre nächste Phase. Nach zweiundzwanzig Bautagen waren 2.230 Meter der ersten vier Kilometer langen Teilstrecke fertiggestellt. Der felsige Höhenrücken war weitgehend durchbrochen, die Materialtransporte waren neu organisiert und die Vermessung des nächsten Bauabschnitts hatte begonnen.

    Doch die Straße war längst nicht mehr nur ein Bauvorhaben.

    Die zunehmenden Aktivitäten unbekannter Beobachter und die verdächtigen Kontakte einzelner Händler hatten die Aufmerksamkeit der Exploratio Imperii geweckt. Faustus Iunius Rupa erhielt den Auftrag, seine fünfzig Männer auf beide Baustellen aufzuteilen und gleichzeitig die Sicherheit der Materiallager zu gewährleisten.

    Für Faustus war das eine Aufgabe, die ihm wenig Freude bereitete.

    Fünfzig Männer waren ausreichend, um eine begrenzte militärische Aufklärungsoperation durchzuführen. Sie reichten jedoch kaum aus, um zwei auseinanderliegende Baustellen, mehrere Transportkolonnen und ein weitläufiges Waldgebiet gleichzeitig zu überwachen.

    Und dann gab es noch diesen unbekannten Reiter.

    Faustus war inzwischen überzeugt, dass dessen wiederholtes Auftauchen kein Zufall war.

    I. PRIMA LUX – DIE MORGENBESPRECHUNG

    Noch vor Sonnenaufgang betrat Faustus das Kommandeurszelt. Publius Trebellius Ovinianus stand bereits vor der großen Karte. Die beiden Centurionen Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus waren ebenfalls anwesend. Der Scriba Iullus Fannius Aburianus ordnete die Wachstafeln des vergangenen Tages.

    „Da bist du ja endlich, Faustus“, begrüßte ihn Ovinianus. „Ich hoffe, du bringst mir heute bessere Nachrichten.“

    „Kommt darauf an, Tribun. Möchtest du die Wahrheit hören oder etwas, das deine Stimmung verbessert?“

    Spurius lachte.

    „Bei Jupiter, er fängt schon wieder damit an!“

    „Die Wahrheit, Faustus.“

    „Dann empfehle ich, dich zunächst hinzusetzen.“

    Ovinianus seufzte.

    „Berichte!“

    Faustus trat an die Karte und legte drei kleine Holzmarkierungen darauf.

    „Wir haben drei Probleme. Erstens ist der unbekannte Reiter gestern erneut am westlichen Materiallager aufgetaucht. Zweitens haben meine Männer einen Händler beobachtet, der offenbar regelmäßig mit einem Mann aus Aquae Mattiacorum zusammentrifft. Drittens werden unsere Baustellen heute so weit auseinanderliegen, dass ich sie mit meinen fünfzig Männern nicht mehr vollständig sichern kann.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Dann benötigen wir eben mehr Männer.“

    „Nein“, widersprach Faustus. „Ich benötige andere Männer.“

    Ovinianus hob eine Augenbraue.

    „Was soll das bedeuten?“

    „Deine Legionäre sollen die Baustelle schützen. Meine Speculatores sollen herausfinden, wer sich für unsere Straße interessiert und weshalb.“

    „Du willst also meine Soldaten für deine Arbeit einsetzen?“

    „Nein, Tribun. Ich möchte verhindern, dass meine Soldaten deine Arbeit erledigen müssen.“

    Spurius grinste.

    „Das war jetzt beinahe diplomatisch.“

    Faustus ignorierte ihn.

    „Ich schlage vor, dass jede Baustelle eine eigene reguläre Sicherungsabteilung erhält. Die Exploratio übernimmt die Aufklärung des umliegenden Geländes, die Überwachung verdächtiger Personen und die Sicherung besonders gefährdeter Transporte.“

    Ovinianus überlegte.

    „Einverstanden. Spurius und Kaeso stellen die erforderlichen Sicherungskräfte aus ihren Kohorten bereit. Deine fünfzig Männer bleiben dir für die Aufklärung.“

    „Ausgezeichnet. Dann kann ich endlich anfangen, meine eigentliche Arbeit zu erledigen.“

    „Und was hast du bisher gemacht?“

    „Versucht, deine Wagen davor zu bewahren, ohne Räder nach Mogontiacum zurückzukehren.“

    Kaeso räusperte sich.

    „Das war nicht meine Schuld.“

    „Natürlich nicht, Centurio.“

    II. HORA SECUNDA – DIE NEUE ORGANISATION DER EXPLORATIO IMPERII

    Faustus versammelte seine Männer am östlichen Rand des Feldlagers.

    Vor ihm standen Lucanus, Marcus und die Führer der einzelnen Aufklärungsgruppen. Auf einem niedrigen Tisch lag eine Karte des gesamten Baugebietes.

    „Männer, wir ändern unsere bisherige Vorgehensweise. Wir sind keine zusätzliche Kohorte und werden uns auch nicht wie eine benehmen.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Unsere Aufgabe besteht darin, mögliche Gefahren zu erkennen, bevor sie die Baustellen erreichen. Ich will wissen, wer unsere Transporte beobachtet, welche Wege durch den Wald führen und ob sich in unserem unmittelbaren Umfeld bewaffnete Gruppen aufhalten.“

    Lucanus trat näher.

    „Wie teilen wir die Männer ein, Biarchus?“

    „In fünf Abteilungen.“

    Einsatzgliederung der Exploratio Imperii

    Operative Einteilung der 50 verfügbaren Männer

    I – Gruppe Lucanus

    12

    Überwachung des westlichen Materiallagers und Beobachtung des unbekannten Reiters

    II – Gruppe Marcus

    10

    Aufklärung der neuen Straßentrasse

    III – Waldaufklärung

    12

    Beobachtung der umliegenden Wälder und möglicher Annäherungswege

    IV – Bewegliche Reserve

    10

    Begleitschutz besonders gefährdeter Transporte und Unterstützung anderer Gruppen

    V – Führungsgruppe

    6

    Faustus, Nachrichtenübermittlung, Lageauswertung und Verbindungsdienst

    Gesamt

    50

    „Lucanus, du übernimmst das westliche Materiallager. Der unbekannte Reiter interessiert mich besonders. Ich möchte wissen, woher er kommt, wohin er reitet und mit wem er spricht.“

    „Sollen wir ihn festnehmen?“

    „Nein. Wenn wir ihn festnehmen, erfahren wir möglicherweise, was er gestern getan hat. Wenn wir ihn beobachten, erfahren wir vielleicht, was er morgen vorhat.“

    Marcus nickte anerkennend.

    „Und meine Gruppe?“

    „Du begleitest die Vermesser auf den neuen Bauabschnitt. Allerdings nicht, um ihnen beim Vermessen zuzusehen. Ich will wissen, ob sie beobachtet werden.“

    „Und wenn wir Germanen entdecken?“

    „Dann beobachtest du sie. Ein Germane im Wald ist noch lange kein Feind. Das gilt übrigens auch für einen römischen Händler.“

    Faustus blickte in die Runde.

    „Noch etwas. Niemand meiner Männer wird ohne meine ausdrückliche Genehmigung einen bewaffneten Zusammenstoß beginnen. Wir befinden uns auf einer römischen Baustelle und nicht auf einem Feldzug.“

    III. HORA TERTIA – DER WALD VOR DER STRASSE

    Marcus führte seine zehn Männer entlang der geplanten Straßentrasse. Zwei Vermesser begleiteten die Gruppe. Sie sollten einen kleinen Bachlauf untersuchen, der den neuen Bauabschnitt kreuzte. Der Wald war dicht. Zwischen den Bäumen verliefen mehrere schmale Wildwechsel. Das Gelände stieg nach Osten langsam an. Marcus hob plötzlich die Hand.

    „Halt!“

    Die Gruppe blieb stehen.

    Einer der Speculatores trat neben ihn.

    „Was ist?“

    Marcus deutete auf den Boden.

    „Siehst du diese Spuren?“

    Der Mann kniete nieder.

    „Pferde.“

    „Wie viele?“

    „Schwer zu sagen. Mindestens drei.“

    Marcus betrachtete den feuchten Waldboden.

    „Und hier?“

    „Ein Wagen.“

    „Richtig. Aber weshalb sollte ein Wagen diesen Weg benutzen?“

    Der Speculator blickte sich um.

    „Vielleicht ein Händler.“

    „Vielleicht.“

    Marcus ließ die Männer ausschwärmen. Wenig später entdeckten sie eine kleine Lichtung. Dort befanden sich die Überreste eines erloschenen Feuers. Mehrere abgebrochene Zweige deuteten darauf hin, dass die Stelle erst kürzlich benutzt worden war. Ein Soldat fand ein kleines Stück Leder.

    „Marcus!“

    Der Gruppenführer nahm es entgegen.

    Es handelte sich um einen schmalen Lederriemen, wie er zur Befestigung von Gepäck verwendet werden konnte.

    „Römisch?“, fragte der Soldat.

    „Möglich. Aber solche Riemen besitzen inzwischen auch zahlreiche germanische Händler.“

    Marcus betrachtete die Lichtung.

    „Wir melden das Faustus. Niemand verändert hier etwas.“

    „Sollen wir den Spuren folgen?“

    „Zwei Mann. Nur bis zum nächsten Geländeeinschnitt. Wenn ihr etwas entdeckt, kehrt ihr zurück.“

    Der Speculator salutierte.

    Marcus wandte sich anschließend an die Vermesser.

    „Ihr könnt eure Arbeit fortsetzen. Allerdings bleibt ihr heute in meiner Nähe.“

    Einer der Vermesser runzelte die Stirn.

    „Besteht Gefahr?“

    „Das versuche ich gerade herauszufinden.“

    IV. HORA QUARTA – SPURIUS UND DER FELSIGE HÖHENRÜCKEN

    Während die Exploratio das Gelände untersuchte, kämpften Spurius und seine Legionäre weiterhin mit den Schwierigkeiten des Straßenbaus. Der Felddurchstich war weitgehend abgeschlossen. Nun mussten die Arbeiter den Straßenunterbau herstellen und die letzten größeren Gesteinsbrocken beseitigen. Spurius stand neben Lucius, dem leitenden Vermesser.

    „Wie viele Männer benötigst du diesmal?“

    „Sechzig für den Straßenunterbau, zwanzig für die Entwässerung und weitere zwanzig für den Abtransport des restlichen Gesteins.“

    Spurius betrachtete ihn finster.

    „Du bist ein ausgesprochen teurer Mann, Lucius.“

    „Dafür bekommst du eine ausgezeichnete Straße.“

    „Das hoffe ich. Andernfalls lasse ich dich persönlich jeden Stein zurücktragen.“

    Plötzlich erschien ein Meldereiter der Exploratio.

    „Centurio! Eine Nachricht von Biarchus Faustus Iunius Rupa.“

    Spurius nahm die Wachstafel entgegen.

    „Was hat er denn jetzt wieder entdeckt?“

    Er überflog die Nachricht.

    „Bei allen Göttern!“

    Lucius blickte auf.

    „Was ist geschehen?“

    „Faustus verlangt, dass wir unsere Arbeiter nicht mehr ohne Begleitschutz in den östlichen Wald schicken.“

    „Weshalb?“

    „Weil seine Männer dort verdächtige Spuren entdeckt haben.“

    Lucius blickte zu den Legionären.

    „Dann werden wir das Holz eben aus dem westlichen Wald holen.“

    Spurius grinste.

    „Siehst du! Endlich einmal ein Vorschlag, für den du keine zusätzlichen Männer verlangst.“

    V. HORA QUINTA – DER UNBEKANNTE REITER

    Lucanus hatte seine zwölf Männer in drei kleinere Gruppen aufgeteilt. Vier überwachten das westliche Materiallager. Weitere vier beobachteten die Zufahrtswege. Die übrigen Männer hielten sich für eine mögliche Verfolgung bereit. Der unbekannte Reiter ließ nicht lange auf sich warten. Kurz nach der fünften Stunde erschien er auf einem schmalen Waldweg. Er trug einen einfachen braunen Umhang und ritt ein kräftiges, dunkelbraunes Pferd.

    „Da ist unser Freund“, murmelte Lucanus.

    Sein Begleiter beugte sich vor.

    „Sollen wir ihm folgen?“

    „Noch nicht. Ich möchte zunächst wissen, weshalb er ständig hier auftaucht.“

    Der Reiter hielt auf einer kleinen Anhöhe an. Von dort aus konnte er das Materiallager und einen Teil der neu angelegten Straße überblicken.

    Er zog eine kleine Wachstafel hervor.

    Lucanus beobachtete ihn aufmerksam.

    „Er zählt wieder unsere Wagen.“

    „Vielleicht möchte er selbst eine Straße bauen.“

    „Dann soll er sich bei Kaeso melden. Der sucht ständig Leute, die seine Steine transportieren.“

    Plötzlich erschien ein zweiter Mann zwischen den Bäumen. Er führte ein Maultier und trug die Kleidung eines gewöhnlichen Händlers. Die beiden wechselten einige Worte. Anschließend übergab der Händler dem Reiter einen kleinen Gegenstand.

    „Hast du das gesehen?“

    „Ja.“

    „Ich möchte wissen, was er ihm gegeben hat.“

    Lucanus winkte zwei seiner Männer herbei.

    „Ihr folgt dem Händler. Wir bleiben bei unserem Reiter. Niemand greift ein.“

    Die beiden Speculatores verschwanden zwischen den Bäumen. Wenig später setzte sich der unbekannte Reiter in Bewegung. Lucanus wartete, bis dieser den ersten Geländeeinschnitt erreicht hatte.

    „Jetzt folgen wir ihm.“

    Die Jagd hatte begonnen.

    VI. HORA SEXTA – DIE GEFAHR IM WALD

    Marcus war inzwischen mit seinen Vermessern zum Bachlauf vorgedrungen. Das Gelände erwies sich als schwieriger als erwartet. Der Bach hatte sich tief in den Waldboden eingeschnitten. Ein einfacher Straßendurchlass würde an dieser Stelle möglicherweise nicht ausreichen. Einer der Vermesser kniete am Ufer.

    „Hier benötigen wir wahrscheinlich ein kleines Brückenbauwerk.“

    Marcus betrachtete den Bach.

    „Wie lange dauert das?“

    „Mit ausreichend Material vielleicht vier oder fünf Tage.“

    „Dann wird sich unser Tribun freuen.“

    In diesem Augenblick kehrten die beiden vorausgeschickten Speculatores zurück.

    „Marcus, wir haben die Spuren verfolgt.“

    „Und?“

    „Sie führen zu einer alten Holzfällerhütte. Dort befinden sich mindestens sechs Männer.“

    „Bewaffnet?“

    „Wir haben Speere und mehrere Schilde gesehen.“

    Marcus wurde ernst.

    „Germanen?“

    „Vermutlich. Wir konnten sie nicht genau erkennen.“

    „Haben sie euch bemerkt?“

    „Nein.“

    Marcus überlegte. Sechs bewaffnete Männer in einem germanischen Wald stellten noch keine außergewöhnliche Bedrohung dar. Allerdings befand sich die Hütte in unmittelbarer Nähe der geplanten Militärstraße.

    „Wir unternehmen vorläufig nichts. Einer von euch reitet zurück und erstattet Faustus Bericht.“

    „Und wir?“

    „Wir bleiben hier und beobachten. Wenn diese Männer nur jagen oder Handel treiben, interessieren sie mich nicht. Wenn sie allerdings unsere Vermesser verfolgen, möchte ich es rechtzeitig wissen.“

    Er wandte sich an die beiden Vermesser.

    „Meine Herren, eure Arbeit ist für heute beendet.“

    „Aber wir haben noch nicht alle Messungen abgeschlossen!“

    „Dann habt ihr morgen wenigstens noch etwas zu tun.“

    VII. HORA SEPTIMA – FAUSTUS ÜBERNIMMT DIE FÜHRUNG

    Faustus saß im provisorischen Stabszelt der Exploratio Imperii. Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln, eine Geländekarte und die Aufzeichnungen der vergangenen Tage.

    Innerhalb weniger Stunden hatten sich die Meldungen gehäuft. Ein unbekannter Reiter beobachtete regelmäßig das Materiallager. Ein Händler unterhielt verdächtige Kontakte. Im östlichen Wald waren Spuren mehrerer Pferde entdeckt worden. Schließlich hatten die Speculatores eine Gruppe bewaffneter Männer in einer verlassenen Holzfällerhütte festgestellt.

    Noch gab es keinen Beweis dafür, dass diese Beobachtungen miteinander zusammenhingen. Aber Faustus gefiel die Angelegenheit ganz und gar nicht. Er ließ seinen Stellvertreter kommen.

    „Wir haben ein Problem.“

    „Nur eines, Biarchus?“

    „Für den Augenblick genügt mir eines.“

    Faustus deutete auf die Karte.

    „Hier befindet sich unser Materiallager. Hier verläuft die neue Straßentrasse. Und dort haben Marcus und seine Männer die bewaffnete Gruppe entdeckt.“

    „Du vermutest einen Zusammenhang?“

    „Ich vermute zunächst gar nichts. Ich möchte ihn nachweisen.“

    „Was befiehlst du?“

    „Die Männer an der Holzfällerhütte werden weiterhin beobachtet. Allerdings darf Marcus keine unnötigen Risiken eingehen. Lucanus soll den unbekannten Reiter verfolgen, solange er das unbemerkt tun kann.“

    Faustus stand auf.

    „Und ich werde mich persönlich um unsere Transportkolonnen kümmern.“

    „Weshalb?“

    „Weil mir jemand offenbar unbedingt dabei zusehen möchte, wie wir unsere Straße bauen.“

    Er griff nach seinem Schwertgurt.

    „Vielleicht sollten wir ihm etwas Interessantes zeigen.“

    VIII. HORA OCTAVA – DIE VERSORGUNGSKOLONNE

    Kaeso betrachtete die acht schwer beladenen Wagen, die am Materiallager bereitstanden.

    „Warum müssen wir ausgerechnet heute unsere Transportordnung verändern?“

    Faustus lächelte.

    „Weil ich herausfinden möchte, ob jemand unsere Transporte beobachtet.“

    „Das wissen wir bereits.“

    „Richtig. Aber wir wissen noch nicht, was er mit seinen Beobachtungen anfängt.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Du wirst mir doch hoffentlich nicht meine Wagen als Köder verwenden!“

    „Selbstverständlich nicht. Ich werde sie benutzen, um Material zu transportieren.“

    „Und nebenbei?“

    „Nebenbei werde ich etwas lernen.“

    Kaeso schüttelte den Kopf.

    „Ihr von der Exploratio seid ein ausgesprochen merkwürdiger Haufen.“

    „Danke, Centurio. Wir bemühen uns.“

    Faustus ließ die Wagen in zwei Gruppen aufteilen. Die erste Kolonne sollte auf der bekannten Strecke zum östlichen Materiallager fahren. Die zweite erhielt einen zeitlich versetzten Marschbefehl und sollte einen bereits überprüften Zufahrtsweg benutzen. Beide Transporte erhielten regulären Begleitschutz. Zusätzlich ließ Faustus seine bewegliche Reserve so aufstellen, dass sie bei Schwierigkeiten Unterstützung leisten konnte. Er wollte keinen Angriff provozieren. Ihn interessierte vielmehr, ob der unbekannte Beobachter seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die erste Kolonne richten würde. Kurz darauf setzte sich der erste Transport in Bewegung. Faustus beobachtete die Wagen, bis sie hinter den Bäumen verschwunden waren.

    „Jetzt wollen wir einmal sehen, wer sich für unsere Steine interessiert.“

    IX. HORA NONA – EINE UNERWARTETE ENTDECKUNG

    Lucanus hatte den unbekannten Reiter inzwischen bis zu einer kleinen Siedlung verfolgt. Dort traf sich der Mann mit einem älteren Händler, der offenbar aus Aquae Mattiacorum stammte.

    Die beiden unterhielten sich längere Zeit. Anschließend betrat der Reiter ein kleines Wirtschaftsgebäude Lucanus schickte einen seiner Männer zurück zu Faustus.

    „Berichte ihm, dass unser Reiter nicht allein arbeitet. Ich bleibe hier.“

    Der Speculator salutierte. Wenig später bemerkte Lucanus etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte. Vor dem Wirtschaftsgebäude stand ein Wagen. Es war kein gewöhnlicher Händlerwagen. Auf seiner hinteren Ladefläche befanden sich mehrere große Holzbehälter, wie sie auch für den Transport von Vermessungsgeräten und Werkzeugen verwendet wurden.

    Lucanus kannte diese Behälter. Er hatte ähnliche erst am vergangenen Morgen auf der römischen Baustelle gesehen.

    „Das wird ja immer interessanter“, murmelte er.

    Sein Begleiter blickte ihn an.

    „Glaubst du, dass jemand unsere Ausrüstung gestohlen hat?“

    „Vielleicht. Vielleicht verkauft auch nur jemand Werkzeug.“

    „Was machen wir?“

    „Wir warten.“

    X. VESPER – DIE ABENDLICHE LAGEBESPRECHUNG

    Am Abend versammelten sich die Führungsoffiziere erneut im Kommandeurszelt. Ovinianus betrachtete die eingegangenen Bauberichte.

    „Beginnen wir mit dem Straßenbau. Spurius?“

    „Der Felddurchstich ist vollständig freigelegt. Der Straßenunterbau wird morgen fortgesetzt. Allerdings benötigen wir zusätzliche Zeit für die Entwässerung.“

    „Kaeso?“

    „Unsere Transportorganisation funktioniert. Beide Kolonnen haben ihre vorgesehenen Ziele erreicht. Wir konnten ausreichend Baumaterial bereitstellen.“

    „Ausgezeichnet.“

    Der Tribun wandte sich an Faustus.

    „Und deine Aufklärer?“

    Faustus legte mehrere Wachstafeln auf den Tisch.

    „Wir haben Fortschritte gemacht.“

    „Dann berichte.“

    „Der unbekannte Reiter steht offenbar mit einem Händler in Verbindung. Außerdem haben wir eine bewaffnete Gruppe in der Nähe des neuen Bauabschnitts entdeckt.“

    Ovinianus wurde ernst.

    „Germanen?“

    „Vermutlich. Aber ich kann bislang nicht beweisen, dass sie feindliche Absichten verfolgen.“

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir setzen die Bauarbeiten unverändert fort. Gleichzeitig verstärken wir die Aufklärung des östlichen Waldgebietes. Ich möchte außerdem unsere Materialausgaben überprüfen lassen.“

    Kaeso blickte überrascht auf.

    „Unsere Materialausgaben?“

    „Ja.“

    „Weshalb?“

    „Weil möglicherweise jemand über Ausrüstung verfügt, die unserer eigenen sehr ähnlich sieht.“

    Spurius beugte sich vor.

    „Du vermutest Diebstahl?“

    „Ich vermute, dass jemand mehr über unsere Baustelle weiß, als mir lieb ist.“

    Ovinianus betrachtete die Karte.

    „Und was benötigst du?“

    „Zeit. Außerdem möchte ich morgen mit einigen meiner Männer die neue Trasse persönlich untersuchen.“

    „Du bekommst die Zeit. Aber ich erwarte, dass die Bauarbeiten weitergehen.“

    Faustus nickte.

    „Das werden sie, Tribun.“

    Er hielt kurz inne.

    „Allerdings sollten wir eines nicht vergessen. Wir bauen hier nicht nur eine Straße. Wir schaffen eine neue Verbindung zwischen unseren militärischen Einrichtungen.“

    „Das ist schließlich der Sinn unserer Arbeit.“

    „Richtig. Aber diese Verbindung wird nicht ausschließlich von unseren Soldaten benutzt werden können.“

    Ovinianus schwieg. Faustus fuhr fort.

    „Je besser unsere Straße wird, desto schneller können sich auch andere auf ihr bewegen. Deshalb müssen wir wissen, wer unsere Arbeit beobachtet und welche Absichten diese Leute verfolgen.“

    Der Tribun nickte langsam.

    „Dann finde es heraus.“

    „Das habe ich vor.“

    XI. TABULA OPERIS – DER BAUFORTSCHRITT

    23. Bautag – Via Imperialis

    Baufortschritt des ersten vier Kilometer langen Abschnitts

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    3.950 m

    Entwässerung

    3.500 m

    Straßenunterbau

    3.350 m

    Fertige Fahrbahn

    2.460 m

    Fertige Fahrbahn

    61,5 %

    Heutiger Zuwachs

    230 m

    Die Zahlen führen den bisherigen Bauverlauf fort. Der verlangsamte Tagesfortschritt berücksichtigt die Entwässerungsarbeiten und die Vorbereitung des nächsten Bauabschnitts.

    XII. NOX – DER BEFEHL FÜR DEN VIERUNDZWANZIGSTEN TAG

    Die Nacht hatte sich über das römische Feldlager gelegt. Faustus saß noch immer an seinem Arbeitstisch und betrachtete die eingegangenen Meldungen. Schließlich nahm er eine neue Wachstafel und begann, seine Befehle für den folgenden Tag niederzuschreiben. Lucanus sollte den unbekannten Reiter weiterhin beobachten. Marcus erhielt den Auftrag, die Umgebung der Holzfällerhütte aufzuklären. Die übrigen Speculatores sollten die Transportwege sichern und verdächtige Bewegungen dokumentieren.

    Faustus lehnte sich zurück. Irgendetwas stimmte nicht. Ein unbekannter Reiter, ein Händler, mehrere bewaffnete Männer und möglicherweise verschwundene Ausrüstungsgegenstände. Jede dieser Beobachtungen konnte eine vollkommen harmlose Erklärung besitzen. Aber vielleicht gehörten sie auch zusammen. Er löschte die Öllampe. Morgen würde er versuchen, eine Antwort darauf zu finden.

    Ende von DIES XXIII – UMBRAE IN VIA.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XXIV – VESTIGIA IN SILVA

    Spuren im Wald

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – 24. Bautag Militärstraße Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum

    Die Straße wächst, doch mit jedem fertiggestellten Abschnitt vergrößert sich auch das Gebiet, das die Exploratio Imperii überwachen muss. Faustus Iunius Rupa steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er seine fünfzig Männer weiterhin zum Schutz der Baustellen einsetzen oder der zunehmend rätselhaften Spur folgen, die seine Speculatores entdeckt haben?

    I. PRIMA LUX – EIN UNERFREULICHER MORGEN

    Faustus hatte ausgesprochen schlecht geschlafen. Das lag keineswegs an seinem Feldbett, an dem er inzwischen nichts mehr auszusetzen hatte, sondern an den Wachstafeln, die auf seinem Arbeitstisch lagen. Die Meldungen seiner Speculatores ergaben ein Bild, das ihm überhaupt nicht gefiel. Der unbekannte Reiter hatte sich mit einem Händler getroffen. Im Wald waren bewaffnete Männer beobachtet worden. Und ausgerechnet in einem Wirtschaftsgebäude unweit der Baustelle waren Behälter aufgetaucht, die jenen der römischen Vermesser verdächtig ähnlich sahen.

    „Bei Jupiter! Entweder ist das alles ein gewaltiger Zufall, oder jemand hält uns für ausgesprochene Dummköpfe.“

    Sein Optio, der gerade das Zelt betrat, blieb stehen.

    „Sprichst du mit mir, Biarchus?“

    „Nein. Mit Jupiter. Aber da er mir offensichtlich nicht antworten möchte, kannst du das übernehmen.“

    „Was möchtest du wissen?“

    „Wo Lucanus bleibt.“

    „Sein Meldereiter ist gerade eingetroffen.“

    „Dann soll er hereinkommen.“

    Wenig später stand der Speculator vor seinem Vorgesetzten.

    „Lucanus meldet, dass unser unbekannter Reiter die Nacht in der Siedlung verbracht hat. Der Händler ist dagegen noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen.“

    „Wohin?“

    „In Richtung Aquae Mattiacorum.“

    „Hat ihn jemand begleitet?“

    „Zwei Männer mit einem Maultier.“

    Faustus betrachtete seine Karte.

    „Und die Holzbehälter?“

    „Sie befinden sich weiterhin im Wirtschaftsgebäude.“

    „Ausgezeichnet. Wenigstens laufen uns die Kisten nicht davon.“

    Er griff nach seinem Schwertgurt.

    „Lass mein Pferd satteln. Ich möchte mir diese Angelegenheit persönlich ansehen.“

    II. HORA SECUNDA – DER BAU MUSS WEITERGEHEN

    Während Faustus seine Ermittlungen vorbereitete, herrschte auf der Baustelle bereits reger Betrieb. Centurio Spurius Stenius Ovianus stand vor dem felsigen Höhenrücken. Hinter ihm arbeiteten die Legionäre an der Herstellung des Straßenunterbaus. Kaeso Herdonius Acilianus traf mit seinem Optio ein.

    „Guten Morgen, Spurius!“

    „Was ist daran gut?“

    „Die Sonne scheint, unsere Wagen fahren, und bisher hat sich noch niemand über fehlendes Baumaterial beschwert.“

    „Dann bist du offensichtlich noch nicht bei mir gewesen.“

    Kaeso betrachtete den Höhenrücken.

    „Was benötigst du diesmal?“

    „Steine.“

    „Davon liegen hier genügend herum.“

    „Die richtigen Steine, du Schafskopf!“

    Kaeso lachte. In diesem Augenblick erschien Tribunus Publius Trebellius Ovinianus.

    „Meine Herren! Ich hoffe, ihr habt eure persönlichen Angelegenheiten inzwischen geregelt.“

    Beide Centurionen nahmen Haltung an.

    „Jawohl, Tribun!“

    „Dann zum heutigen Tagesziel. Wir haben gestern 2.460 Meter fertiggestellt. Ich erwarte, dass wir heute mindestens weitere zweihundert Meter schaffen.“

    Spurius verzog das Gesicht.

    „Tribun, wir müssen zunächst den Unterbau am Höhenrücken fertigstellen.“

    „Dann stellt ihn fertig.“

    „Außerdem benötigen wir zusätzliche Arbeitskräfte für den Durchlass am Waldrand.“

    Ovinianus betrachtete die Karte.

    „Wie viele?“

    „Vierzig Mann.“

    „Du erhältst dreißig.“

    „Tribun!“

    „Spurius, wenn ich dir jedes Mal sämtliche Männer gebe, die du verlangst, müsste ich inzwischen eine weitere Legion aus Rom anfordern.“

    Kaeso konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

    „Ich würde ihm die Männer geben, Tribun. Dann kann er wenigstens niemand anderem die Schuld geben.“

    Spurius drehte sich langsam zu ihm um.

    „Du wirst heute noch Steine schleppen.“

    „Ich freue mich bereits darauf.“

    Ovinianus hob beide Hände.

    „Genug! Wir haben eine Straße zu bauen!“

    Die neue Arbeitsverteilung

    Der Tribun ordnete die Arbeiten folgendermaßen:

    Straßenunterbau am Höhenrücken

    100

    Fertigstellung der Fahrbahn

    120

    Entwässerung und Durchlass

    30

    Transport und Materialverteilung

    80

    Vorbereitung des nächsten Bauabschnitts

    40

    Unmittelbar eingeteilte Arbeitskräfte

    370

    Weitere Soldaten waren für die reguläre Baustellensicherung, Lagerdienste und andere Aufgaben eingeteilt. Die Exploratio Imperii blieb von den eigentlichen Bauarbeiten ausgenommen.

    III. HORA TERTIA – FAUSTUS UND DIE VERDÄCHTIGEN HÄNDLER

    Faustus erreichte mit sechs Reitern die kleine Siedlung. Lucanus erwartete ihn bereits am Waldrand.

    „Biarchus!“

    „Berichte.“

    „Unser Reiter befindet sich noch immer in der Siedlung. Er hat das Wirtschaftsgebäude bisher nicht verlassen.“

    „Und seine Freunde?“

    „Zwei Männer halten sich in der Nähe des Gebäudes auf. Sie sind bewaffnet.“

    „Das ist noch kein Verbrechen.“

    „Nein, Biarchus.“

    Faustus betrachtete die Häuser.

    „Wem gehört das Gebäude?“

    „Einem gewissen Decimus Valerius. Er handelt mit Holz, Werkzeugen und gelegentlich mit Vieh.“

    „Ein ausgesprochen vielseitiger Mann.“

    „Offenbar.“

    „Und unser Reiter?“

    „Er nennt sich Gaius.“

    Faustus lachte.

    „Wunderbar! Jetzt kennen wir bereits seinen Vornamen. Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, erfahren wir möglicherweise noch vor dem Winter, wer sein Vater war.“

    Lucanus grinste.

    „Was befiehlst du?“

    „Zunächst gar nichts. Wir werden uns mit diesem Decimus Valerius unterhalten.“

    „Offiziell?“

    „Selbstverständlich. Ich bin schließlich ein ausgesprochen freundlicher Mensch.“

    Lucanus räusperte sich.

    „Das werde ich meinen Männern mitteilen.“

    Faustus warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

    „Du wirst eines Tages noch sehr weit kommen, Lucanus. Vermutlich allerdings ohne meine Empfehlung.“

    Die beiden Männer betraten den Hof. Decimus Valerius erschien wenig später in der Tür seines Hauses.

    „Salve! Was führt römische Soldaten zu mir?“

    Faustus lächelte.

    „Salve, Decimus Valerius. Mein Name ist Faustus Iunius Rupa. Ich komme wegen unserer Straße.“

    „Eurer Straße?“

    „Ganz recht. Wir bauen eine ausgezeichnete Straße. Und da du offenbar mit Werkzeugen handelst, dachte ich, du könntest mir möglicherweise einige Fragen beantworten.“

    Der Händler blickte auf die bewaffneten Reiter.

    „Welche Fragen?“

    „Beispielsweise, woher du deine Waren beziehst.“

    „Aus verschiedenen Orten.“

    „Das dachte ich mir bereits.“

    Faustus deutete auf das Wirtschaftsgebäude.

    „Darf ich mir deine Waren ansehen?“

    Decimus zögerte.

    „Warum?“

    Faustus' Lächeln verschwand.

    „Weil ich eine Frage gestellt habe, auf die ich bisher keine vernünftige Antwort erhalten habe.“

    Der Händler schluckte.

    „Natürlich.“

    Faustus nickte Lucanus zu. Die Untersuchung konnte beginnen.

    IV. HORA QUARTA – DER DURCHLASS AM WALDHANG

    Auf der Baustelle hatte Spurius inzwischen ganz andere Sorgen. Die dreißig Legionäre, die den Abfanggraben oberhalb der Straße fertigstellten, waren auf eine weitere wasserführende Bodenschicht gestoßen. Lucius, der Vermesser, betrachtete das austretende Wasser.

    „Das gefällt mir nicht.“

    Spurius stand neben ihm.

    „Mir gefällt seit drei Wochen überhaupt nichts mehr. Was ist diesmal?“

    „Wenn wir den Durchlass nicht tiefer anlegen, könnte das Wasser bei starken Regenfällen unter den Straßenkörper gelangen.“

    „Und dann?“

    „Dann wird sich unsere schöne Straße möglicherweise verabschieden.“

    Spurius schloss die Augen.

    „Lucius, ich werde dich irgendwann persönlich in diesem Graben vergraben.“

    „Dann solltest du vorher dafür sorgen, dass er ordentlich entwässert wird.“

    Die umstehenden Legionäre brachen in Gelächter aus. Spurius konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

    „Also gut. Wie lösen wir das Problem?“

    Lucius deutete auf die vorbereiteten Steinblöcke.

    „Wir legen den Durchlass tiefer und versehen ihn mit einem stabilen steinernen Unterbau. Darüber wird der Straßenkörper aufgebaut.“

    „Wie lange?“

    „Wenn wir genügend Männer haben, bis morgen.“

    „Du bekommst deine Männer.“

    „Ausgezeichnet.“

    „Aber wenn du morgen wieder mehr verlangst, werde ich dich persönlich nach Mogontiacum zurücktragen.“

    V. HORA QUINTA – DIE ENTDECKUNG

    Faustus stand inzwischen im Wirtschaftsgebäude des Decimus Valerius. Vor ihm lagen mehrere Holzbehälter. Lucanus öffnete den ersten. Darin befanden sich gewöhnliche Werkzeuge: Hämmer, Meißel, kleine Sägen und verschiedene eiserne Beschläge.

    „Nichts Ungewöhnliches, Biarchus.“

    „Den nächsten.“

    Auch der zweite Behälter enthielt Werkzeuge. Der dritte allerdings erregte Faustus' Aufmerksamkeit. Zwischen verschiedenen Gegenständen lag eine kleine Wachstafel. Er nahm sie heraus.

    „Interessant.“

    Lucanus trat näher.

    „Was steht darauf?“

    Faustus betrachtete die eingeritzten Zeichen. Es handelte sich um Zahlen und kurze Bemerkungen. Einige Zahlen entsprachen ungefähr den Mengenangaben, die Kaeso für seine Materialtransporte verwendete. Andere Eintragungen schienen Entfernungen zu beschreiben.

    „Lucanus, kennst du diese Schrift?“

    „Nein.“

    „Ich schon.“

    „Wessen Schrift ist es?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Das werde ich dir sagen, sobald ich sicher bin.“

    Er wandte sich an Decimus.

    „Woher hast du diese Tafel?“

    Der Händler wurde blass.

    „Ich weiß es nicht.“

    „Eine ausgesprochen schlechte Antwort.“

    „Ein Mann hat sie hier zurückgelassen.“

    „Welcher Mann?“

    „Gaius.“

    Faustus nickte langsam.

    „Dann möchte ich diesen Gaius kennenlernen.“

    VI. HORA SEXTA – DER UNBEKANNTE REITER

    Der Mann, der sich Gaius nannte, stand im Innenhof. Zwei Speculatores bewachten den Ausgang. Faustus trat auf ihn zu.

    „Salve, Gaius.“

    „Salve.“

    „Man hat mir erzählt, dass du dich ausgesprochen für unsere Straße interessierst.“

    „Ich bin Händler.“

    „Natürlich. Heutzutage scheint jeder Händler zu sein.“

    Gaius schwieg. Faustus zeigte ihm die Wachstafel.

    „Gehört sie dir?“

    "Nein".

    Der Mann betrachtete sie.

    “„Merkwürdig. Decimus behauptet etwas anderes.“

    „Dann lügt er.“

    „Das ist durchaus möglich. Allerdings wäre es hilfreich, wenn du mir erklären könntest, weshalb du wiederholt unsere Materialtransporte beobachtest.“

    „Ich wollte wissen, wann die Straße fertig wird.“

    Faustus nickte verständnisvoll.

    „Das möchte unser Tribun ebenfalls wissen. Vielleicht solltet ihr beide euch einmal unterhalten.“

    Lucanus musste sich ein Lachen verkneifen. Faustus wurde ernst.

    „Ich werde dich vorläufig nicht festnehmen. Aber ich rate dir dringend, mir keine weiteren Schwierigkeiten zu bereiten.“

    „Darf ich gehen?“

    „Selbstverständlich.“

    Der Mann blickte überrascht auf. Faustus trat zur Seite.

    „Rom ist schließlich ein freies Land. Zumindest für diejenigen, die sich an unsere Gesetze halten.“

    Gaius verließ den Hof. Lucanus wartete, bis er verschwunden war.

    „Warum lässt du ihn gehen?“

    Faustus betrachtete die Wachstafel.

    „Weil er uns zu jemandem führen könnte, der wesentlich interessanter ist.“

    VII. HORA SEPTIMA – NACHRICHTEN AUS DEM WALD

    Marcus hatte inzwischen seine Beobachtung der Holzfällerhütte fortgesetzt. Die sechs bewaffneten Männer waren am Vormittag durch weitere Personen verstärkt worden.

    Inzwischen zählte er elf Männer.

    „Das gefällt mir überhaupt nicht“, murmelte sein Begleiter.

    „Mir auch nicht.“

    „Sollen wir Faustus verständigen?“

    „Sofort.“

    Marcus deutete auf einen schmalen Waldweg.

    „Außerdem möchte ich wissen, wohin dieser Weg führt.“

    „Warum?“

    „Weil er in Richtung unserer neuen Straßentrasse verläuft.“

    Der Speculator betrachtete die Umgebung.

    „Glaubst du, sie wollen unsere Baustelle angreifen?“

    „Ich glaube zunächst, dass elf bewaffnete Männer in einer verlassenen Holzfällerhütte sitzen.“

    „Und weiter?“

    „Und weiter glaube ich, dass wir herausfinden sollten, weshalb.“

    Marcus schickte zwei Männer zurück. Die übrigen Speculatores bezogen neue Beobachtungsstellungen. Wenig später verließen vier der bewaffneten Männer die Hütte. Sie trugen Speere und bewegten sich in Richtung des Waldweges. Marcus beobachtete sie aufmerksam.

    „Jetzt wird es interessant.“

    VIII. HORA OCTAVA – DIE RÜCKKEHR DES FAUSTUS

    Als Faustus zum Feldlager zurückkehrte, erwartete ihn bereits der Meldereiter des Marcus.

    „Biarchus! Dringende Nachricht!“

    Faustus stieg vom Pferd.

    „Berichte.“

    „Marcus hat inzwischen elf bewaffnete Männer an der Holzfällerhütte festgestellt. Vier von ihnen bewegen sich auf unsere neue Straßentrasse zu.“

    Faustus blieb stehen.

    „Sind sie bewaffnet?“

    „Ja.“

    „Haben sie feindliche Absichten erkennen lassen?“

    „Bisher nicht.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann werden wir dafür sorgen, dass das so bleibt.“

    Er wandte sich an seinen Optio.

    „Die bewegliche Reserve soll sich bereithalten. Ich möchte außerdem, dass Ovinianus unverzüglich verständigt wird.“

    „Sollen wir die Bauarbeiten einstellen?“

    „Nein. Noch nicht.“

    Faustus zeigte auf die neue Straßentrasse.

    „Aber niemand verlässt die gesicherten Arbeitsbereiche, solange wir nicht wissen, was dort vor sich geht.“

    Er griff nach seinem Helm.

    „Ich werde mir diese vier Männer persönlich ansehen.“

    IX. VESPER – DER ABENDLICHE BAUBERICHT

    Am Abend versammelten sich die Offiziere im Kommandeurszelt. Ovinianus betrachtete die neuen Aufzeichnungen.

    „Spurius, wie weit seid ihr gekommen?“

    „Der Straßenunterbau am Höhenrücken ist weitgehend fertiggestellt. Morgen können wir mit der endgültigen Befestigung beginnen.“

    „Kaeso?“

    „Wir haben sämtliche vorgesehenen Transporte durchgeführt. Außerdem konnten wir weitere zweihundertzehn Meter Fahrbahn fertigstellen.“

    Ovinianus nickte zufrieden.

    „Sehr gut.“

    Dann wandte er sich an Faustus.

    „Und du?“

    Faustus legte die Wachstafel des unbekannten Reiters auf den Tisch.

    „Ich glaube, wir haben ein Problem.“

    Ovinianus betrachtete ihn.

    „Das sagst du inzwischen jeden Abend.“

    „Dann solltest du langsam anfangen, mir zu glauben.“

    Spurius grinste.

    „Was hast du diesmal entdeckt?“

    „Jemand führt Aufzeichnungen über unsere Materialtransporte und möglicherweise auch über unsere Baufortschritte.“

    Kaeso wurde ernst.

    „Woher stammen diese Aufzeichnungen?“

    „Aus einem Wirtschaftsgebäude in einer nahe gelegenen Siedlung.“

    „Und wer hat sie angefertigt?“

    Faustus betrachtete die drei Offiziere.

    „Das versuche ich gerade herauszufinden.“

    Ovinianus verschränkte die Arme.

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir setzen unsere Arbeiten fort. Allerdings möchte ich morgen unsere Materiallager überprüfen und die Aufzeichnungen der einzelnen Transportführer miteinander vergleichen.“

    „Du vermutest einen Verräter?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ich vermute, dass jemand Informationen besitzt, die er nicht besitzen sollte. Das ist ein Unterschied.“

    Er nahm die Wachstafel wieder an sich.

    „Und bevor wir jemanden beschuldigen, möchte ich wissen, wie diese Informationen nach außen gelangt sind.“

    X. TABULA OPERIS – DER BAUFORTSCHRITT

    24. Bautag – Via Imperialis

    Fortschritt des ersten 4.000 Meter langen Bauabschnitts

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    4.000 m

    Entwässerung

    3.650 m

    Straßenunterbau

    3.520 m

    Fertige Fahrbahn

    2.670 m

    Fertige Fahrbahn

    66,75 %

    Tagesleistung

    210 m

    XI. NOX – DER VERBORGENE FEIND

    Es war bereits spät, als Faustus erneut seine Aufzeichnungen betrachtete. Der unbekannte Reiter war verschwunden. Marcus beobachtete weiterhin die bewaffneten Männer im Wald. Und die Wachstafel lag noch immer auf seinem Arbeitstisch. Faustus betrachtete die Zahlen. Plötzlich fiel ihm etwas auf. Eine der Eintragungen bezog sich auf einen Materialtransport, der erst für den folgenden Tag vorgesehen war. Er richtete sich langsam auf.

    „Bei allen Göttern ...“

    Wenn diese Zahlen tatsächlich den geplanten Transport beschrieben, dann musste jemand Zugang zu den internen Bauunterlagen besitzen. Faustus griff nach einer neuen Wachstafel. Er schrieb lediglich drei Worte darauf:

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE.

    Sehen – Wissen – Melden.

    Dann rief er seinen Optio.

    „Wecke Lucanus. Ich möchte ihn sofort sprechen.“

    „Jetzt noch, Biarchus?“

    „Nein. Morgen in drei Wochen.“

    Der Optio verschwand augenblicklich. Faustus betrachtete die Karte. Die Straße nach Castellum ad Iugum war noch lange nicht fertiggestellt. Aber möglicherweise hatte der eigentliche Kampf um sie bereits begonnen.

    Ende von DIES XXIV – VESTIGIA IN SILVA.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XXV – OPUS ET VIGILANTIA


    Arbeit und Wachsamkeit

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – 25. Bautag Militärstraße Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum

    Historischer Roman Fortsetzung

    Die fünfundzwanzigste Morgendämmerung seit Beginn der Bauarbeiten brach über dem römischen Feldlager an. Noch lag dichter Nebel zwischen den bewaldeten Hügeln, doch bereits jetzt erklangen Hammerschläge, das Rufen der Fuhrleute und die Befehle der Centurionen.

    Die Straße wuchs unaufhaltsam dem Limes entgegen.

    Von den ersten viertausend Metern waren inzwischen 2.670 Meter fertiggestellt. Der schwierige Durchstich am felsigen Höhenrücken war bewältigt, doch die Entwässerungsarbeiten und die Vorbereitung des nächsten Bauabschnitts stellten die Legionäre vor neue Herausforderungen.

    Während die beiden Kohorten ihre Bauarbeiten fortsetzten, beschäftigte sich Faustus Iunius Rupa mit einer Angelegenheit, die ihm erheblich mehr Sorgen bereitete.

    Jemand kannte die zukünftigen Transportbewegungen der Legion.

    Und dieser Jemand befand sich möglicherweise innerhalb der eigenen Reihen.

    I. PRIMA LUX – DER MORGENAPPELL

    Der Klang einer bucina durchbrach die morgendliche Stille. Die Legionäre traten vor ihren Unterkünften an. Centurio Spurius Stenius Ovianus marschierte die Reihen seiner Männer ab, während Kaeso Herdonius Acilianus bereits seine Transportmannschaften überprüfte. Tribunus Publius Trebellius Ovinianus erschien mit seinem Scriba Iullus Fannius Aburianus.

    „Centurionen! Bericht!“

    Spurius trat vor.

    „Tribun! Meine Männer sind vollständig angetreten. Die Arbeitsgruppen für den Straßenunterbau und die Entwässerung stehen bereit.“

    „Ausgezeichnet. Kaeso?“

    „Sämtliche verfügbaren Transportwagen werden heute eingesetzt. Zwei Wagen befinden sich weiterhin zur Reparatur beim Schmied.“

    „Immer noch?“

    „Leider, Tribun. Der Schmied behauptet, er könne keine Wunder vollbringen.“

    Spurius grinste.

    „Dann sollte er sich einmal unsere Tagesvorgaben ansehen.“

    Ovinianus ignorierte die Bemerkung.

    „Meine Herren, wir müssen endlich über den Höhenrücken hinauskommen. Ich erwarte heute mindestens zweihundertfünfzig Meter neue Fahrbahn.“

    Spurius räusperte sich.

    „Tribun, ich möchte daran erinnern, dass wir noch immer Schwierigkeiten mit der Entwässerung haben.“

    „Daran erinnerst du mich inzwischen jeden Morgen.“

    „Und ich werde es weiterhin tun, solange das Wasser nicht beschlossen hat, bergauf zu fließen.“

    Kaeso lachte. Ovinianus wandte sich seinem Scriba zu.

    „Iullus, vermerke, dass Centurio Spurius heute ausgesprochen guter Laune ist.“

    „Jawohl, Tribun.“

    „Und nun an die Arbeit!“

    II. HORA SECUNDA – FAUSTUS UND SEINE FÜNFZIG MÄNNER

    Etwas abseits des eigentlichen Feldlagers hatte Faustus seine fünfzig Männer antreten lassen. Die Pferde standen gesattelt bereit. Die meisten Speculatores trugen ihre gewöhnliche Feldausrüstung, einige hatten auf auffällige militärische Kennzeichen verzichtet. Faustus schritt langsam vor seinen Männern auf und ab.

    „Männer! Wir haben gestern festgestellt, dass jemand unsere Transportbewegungen kennt, bevor die entsprechenden Wagen überhaupt das Lager verlassen haben.“

    Er blieb stehen.

    „Das gefällt mir nicht.“

    Lucanus trat vor.

    „Biarchus, sollen wir sämtliche Händler festnehmen?“

    „Eine ausgezeichnete Idee, Lucanus. Anschließend können wir sie gleich dazu verpflichten, unsere Straße fertigzubauen.“

    Einige Männer lachten.Faustus wurde ernst.

    „Nein. Wir werden niemanden ohne Beweise beschuldigen. Ich möchte herausfinden, wie diese Informationen nach außen gelangen.“

    Er deutete auf die Geländekarte.

    „Unsere Aufgaben für heute bleiben grundsätzlich unverändert. Allerdings erhält jede Gruppe einen zusätzlichen Auftrag.“

    Marcus trat näher.

    „Welchen?“

    „Beobachten. Nicht nur die Germanen, sondern auch unsere eigenen Transportbewegungen. Ich möchte wissen, wer Zugang zu den Marschbefehlen hat und wer sich für die Zusammenstellung unserer Kolonnen interessiert.“

    „Vermutest du einen Verräter?“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Ich vermute, dass jemand redet, der besser schweigen sollte. Ob er dafür bezahlt wird oder lediglich ein ausgesprochener Schwätzer ist, werden wir herausfinden.“

    Er wandte sich an Lucanus.

    „Du übernimmst erneut die Beobachtung unseres unbekannten Reiters.“

    „Und wenn er verschwindet?“

    „Dann hoffe ich, dass du schnell genug reiten kannst.“

    „Jawohl, Biarchus!“

    „Marcus, deine Gruppe untersucht weiterhin die Holzfällerhütte. Ich möchte wissen, ob die bewaffneten Männer noch dort sind und ob sie sich unserer neuen Straßentrasse nähern.“

    „Verstanden.“

    Faustus bestieg sein Pferd.

    „Ich selbst werde heute die Bauarbeiten begleiten. Es wird höchste Zeit, dass ich herausfinde, wie unsere Legionäre ihre Informationen verbreiten.“

    III. HORA TERTIA – DER STRASSENUNTERBAU

    Am Höhenrücken arbeiteten inzwischen mehr als hundert Legionäre. Die Vermesser hatten die Trasse erneut kontrolliert. Anschließend begannen die Arbeitsgruppen, den vorbereiteten Untergrund zu verdichten und das angelieferte Steinmaterial einzubauen. Spurius stand neben Lucius, dem leitenden Vermesser.

    „Erkläre mir noch einmal, weshalb wir ausgerechnet hier so viel Material benötigen.“

    Lucius zeigte auf den freigelegten Untergrund.

    „Weil der Boden an dieser Stelle unterschiedlich tragfähig ist. Wenn wir die Fahrbahn nicht ausreichend befestigen, entstehen später tiefe Radspuren.“

    „Und dann?“

    „Dann werden deine Wagen irgendwann stecken bleiben.“

    Spurius betrachtete die Arbeiter.

    „Kaesos Wagen bleiben auch auf einer vollkommen ebenen Straße stecken.“

    Lucius lächelte.

    „Das liegt möglicherweise nicht an der Straße.“

    In diesem Augenblick näherte sich Kaeso.

    „Ich habe das gehört!“

    „Ausgezeichnet“, erwiderte Spurius. „Dann funktionieren deine Ohren wenigstens besser als deine Wagen.“

    Kaeso schüttelte den Kopf.

    „Ich bringe dir weitere sechs Wagenladungen Steine. Möchtest du sie haben oder soll ich sie wieder mitnehmen?“

    Spurius breitete die Arme aus.

    „Mein lieber Kaeso! Habe ich dir eigentlich schon einmal gesagt, wie sehr ich deine Gesellschaft schätze?“

    „Nein.“

    „Dann wird es vermutlich auch heute nicht geschehen.“

    Die beiden Centurionen lachten. Lucius unterbrach sie.

    „Meine Herren, wenn ihr eure Unterhaltung beendet habt, würde ich gerne unsere Straße fertigstellen.“

    Spurius wandte sich seinen Legionären zu.

    „Ihr habt den Mann gehört! An die Arbeit!“

    IV. HORA QUARTA – DER NEUE BAUABSCHNITT

    Vierzig Legionäre waren bereits zum nächsten Bauabschnitt aufgebrochen. Ihre Aufgabe bestand zunächst darin, die vorgesehene Trasse freizulegen und die von den Vermessern festgelegten Markierungen zu überprüfen. Der leitende Vermesser hatte jedoch schlechte Nachrichten.

    „Centurio!“

    Spurius, der gerade eingetroffen war, blickte ihn an.

    „Was ist diesmal?“

    „Der vorgesehene Verlauf führt unmittelbar durch ein sumpfiges Gelände.“

    Spurius schloss die Augen.

    „Natürlich tut er das.“

    „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir befestigen den Untergrund aufwendig oder wir verändern die Trasse.“

    „Welche Möglichkeit ist schneller?“

    „Das müssen wir zunächst vermessen.“

    Spurius betrachtete ihn.

    „Ich beginne langsam zu glauben, dass ihr Vermesser absichtlich sämtliche Schwierigkeiten dieser Welt sucht.“

    „Nein, Centurio. Wir finden lediglich diejenigen, die bereits vorhanden sind.“

    Spurius deutete auf die Karte.

    „Dann untersuchen wir zunächst eine Umgehung. Ich möchte keine Straße bauen, die nach dem ersten größeren Regen im Sumpf verschwindet.“

    Die Vermesser machten sich an die Arbeit. Zwei Gruppen untersuchten die möglichen Streckenführungen. Weitere Legionäre begannen damit, kleinere Bäume und Sträucher aus dem vorgesehenen Arbeitsbereich zu entfernen. Der Ausbau der Straße hatte einen neuen Abschnitt erreicht.

    V. HORA QUINTA – DIE KONTROLLE DER TRANSPORTBEWEGUNGEN

    Faustus erreichte das westliche Materiallager. Kaesos Optio stand vor mehreren Wagen und überprüfte die Ladungen.

    „Salve, Optio!“

    „Salve, Biarchus! Was führt dich zu uns?“

    „Ich möchte etwas über eure Transportorganisation erfahren.“

    „Dann solltest du mit Kaeso sprechen.“

    „Das werde ich. Allerdings möchte ich zunächst mit dir sprechen.“

    Der Optio betrachtete ihn misstrauisch.

    „Was möchtest du wissen?“

    „Wer erhält die täglichen Transportbefehle?“

    „Die jeweiligen Wagenführer und die verantwortlichen Unteroffiziere.“

    „Und wer erstellt diese Befehle?“

    „Centurio Kaeso legt die Transporte fest. Anschließend werden die entsprechenden Wachstafeln vorbereitet.“

    „Von wem?“

    „Unseren Schreibern.“

    Faustus nickte.

    „Wie viele?“

    „Drei.“

    „Ausgezeichnet. Ich möchte ihre Namen.“

    Der Optio wurde ernst.

    „Besteht ein Problem?“

    Faustus lächelte.

    „Das hoffe ich nicht.“

    Er ließ sich die Aufzeichnungen zeigen.

    Während er die Wachstafeln betrachtete, fiel ihm auf, dass einzelne Transportbefehle bereits mehrere Tage im Voraus vorbereitet worden waren.

    Das war an sich nicht ungewöhnlich. Allerdings bedeutete es, dass zahlreiche Personen Zugang zu Informationen besaßen, die eigentlich nur einem begrenzten Personenkreis bekannt sein sollten. Faustus betrachtete den Optio.

    „Ab sofort möchte ich, dass Änderungen an den Transportbefehlen ausschließlich über deinen Centurio erfolgen.“

    „Jawohl.“

    „Außerdem erhält niemand außerhalb der zuständigen Arbeitsgruppen Einsicht in diese Aufzeichnungen.“

    „Verstanden.“

    Faustus gab ihm die Wachstafeln zurück.

    „Und noch etwas.“

    „Ja, Biarchus?“

    „Falls sich jemand ungewöhnlich für eure Transporte interessiert, möchte ich davon erfahren.“

    Der Optio grinste.

    „Dann müsste ich vermutlich Kaeso melden.“

    Faustus lachte.

    „Den kenne ich bereits.“

    VI. HORA SEXTA – DIE HOLZFÄLLERHÜTTE

    Marcus hatte inzwischen die Umgebung der verlassenen Holzfällerhütte erreicht. Die bewaffneten Männer waren noch immer dort. Allerdings hatte sich ihre Zahl erneut verändert.

    „Acht Männer“, murmelte Marcus.

    Sein Begleiter blickte durch die Bäume.

    „Gestern waren es elf.“

    „Richtig.“

    „Wo sind die übrigen drei?“

    „Das möchte ich herausfinden.“

    Marcus beobachtete die Hütte. Ein älterer Mann trat heraus und begann, ein Pferd zu satteln. Kurz darauf erschienen zwei weitere Männer. Sie unterhielten sich, bevor sie gemeinsam aufbrachen. Marcus deutete auf einen seiner Speculatores.

    „Du und dein Kamerad folgt ihnen. Aber haltet ausreichend Abstand.“

    „Jawohl.“

    „Und falls sie sich unserer Baustelle nähern, möchte ich sofort davon erfahren.“

    Die beiden Männer verschwanden zwischen den Bäumen. Marcus blieb zurück. Die Situation bereitete ihm zunehmend Sorgen. Bislang hatten die bewaffneten Männer keine feindlichen Handlungen begangen. Dennoch befand sich ihre Unterkunft auffällig nahe an der geplanten Militärstraße.

    Er beschloss, Faustus einen ausführlichen Bericht zu schicken.

    VII. HORA SEPTIMA – DIE STRASSE WIRD GEPRÜFT

    Kaeso hatte inzwischen eine weitere Belastungsprobe vorbereitet. Sechs schwer beladene Wagen sollten den neu fertiggestellten Abschnitt überqueren.Ovinianus erschien persönlich.

    „Nun, Kaeso, wird unsere Straße diesmal halten?“

    „Davon gehe ich aus, Tribun.“

    „Du gehst davon aus?“

    „Ich bin sogar ausgesprochen zuversichtlich.“

    Spurius trat hinzu.

    „Dann sollten wir vorsichtshalber die Pferde ausspannen.“

    Kaeso warf ihm einen finsteren Blick zu.

    „Deine Kommentare sind ausgesprochen hilfreich.“

    „Ich bemühe mich.“

    Ovinianus hob die Hand.

    „Beginnt endlich!“

    Die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. Die ersten beiden überquerten den Abschnitt ohne Schwierigkeiten. Beim dritten Wagen begann jedoch das rechte Hinterrad in einer noch nicht ausreichend verdichteten Stelle einzusinken.

    „Halt!“, rief Kaeso.

    Die Kolonne kam zum Stehen. Spurius betrachtete die Stelle.

    „Nun, Kaeso?“

    „Kein Wort!“

    Der Vermesser Lucius kniete nieder und untersuchte den Untergrund.

    „Hier müssen wir nacharbeiten.“

    Ovinianus betrachtete ihn.

    „Wie lange?“

    „Einige Stunden.“

    „Dann geschieht das sofort.“

    Kaeso ließ zusätzliche Arbeiter herbeirufen. Die Belastungsprobe hatte gezeigt, dass der Straßenkörper grundsätzlich tragfähig war, einzelne Abschnitte jedoch noch verstärkt werden mussten.

    VIII. HORA OCTAVA – EINE NACHRICHT FÜR FAUSTUS

    Am Nachmittag traf ein Meldereiter der Exploratio im Materiallager ein. Faustus nahm die Wachstafel entgegen. Es handelte sich um eine Nachricht des Lucanus.

    Der unbekannte Reiter hatte die kleine Siedlung verlassen und war erneut in Richtung Aquae Mattiacorum aufgebrochen. Diesmal jedoch war er nicht allein. Zwei weitere Reiter begleiteten ihn. Faustus betrachtete die Karte.

    „Interessant.“

    Sein Optio trat näher.

    „Was ist geschehen?“

    „Unser Freund ist wieder unterwegs.“

    „Sollen wir ihn verfolgen?“

    „Lucanus erledigt das bereits.“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Ich möchte allerdings, dass wir uns auf eine andere Angelegenheit konzentrieren.“

    „Welche?“

    „Die Verbindung zwischen unserem Materiallager und den Händlern.“

    „Du vermutest, dass jemand Informationen weitergibt?“

    „Ja.“

    „Wer?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Das weiß ich noch nicht.“

    Er griff nach einer neuen Wachstafel.

    „Aber ich werde es herausfinden.“

    IX. VESPER – DIE ABENDLICHE LAGEBESPRECHUNG

    Am Abend versammelten sich die Offiziere erneut im Kommandeurszelt. Ovinianus betrachtete die Bauaufzeichnungen.

    „Meine Herren, beginnen wir mit den erfreulichen Nachrichten.“

    Kaeso trat vor.

    „Wir haben heute zweihundertsechzig Meter neue Fahrbahn fertiggestellt.“

    Ovinianus nickte zufrieden.

    „Ausgezeichnet.“

    Spurius ergänzte:

    „Der Höhenrücken ist inzwischen vollständig für den weiteren Straßenbau vorbereitet. Außerdem haben wir die Entwässerung erheblich verbessert.“

    „Und der nächste Bauabschnitt?“

    „Die Vermessung läuft. Allerdings müssen wir die Trasse möglicherweise verändern, um das sumpfige Gelände zu umgehen.“

    Ovinianus betrachtete die Karte.

    „Dann erwarte ich morgen eine Entscheidung.“

    „Jawohl, Tribun.“

    Schließlich wandte er sich an Faustus.

    „Und unsere Sicherheit?“

    Faustus legte seine Wachstafeln auf den Tisch.

    „Unsere Baustellen sind weiterhin gesichert. Allerdings haben wir noch immer ungeklärte Beobachtungen im östlichen Wald.“

    „Besteht eine unmittelbare Gefahr?“

    „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen nicht.“

    „Dann können wir die Arbeiten fortsetzen.“

    „Ja. Aber ich möchte die Aufklärung weiterhin verstärken.“

    Ovinianus nickte.

    „Du erhältst die erforderliche Unterstützung.“

    Faustus deutete auf die neue Straßentrasse.

    „Außerdem sollten wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die zukünftigen Bauabschnitte sichern. Je weiter wir uns vom bisherigen Materiallager entfernen, desto länger werden unsere Transportwege.“

    Kaeso stimmte zu.

    „Wir benötigen ohnehin ein weiteres Zwischenlager.“

    Spurius ergänzte:

    „Und zusätzliche Arbeitskräfte für die Rodung.“

    Ovinianus seufzte.

    „Ihr seid euch tatsächlich einmal einig.“

    Faustus grinste.

    „Ein historischer Augenblick, Tribun.“

    X. TABULA OPERIS – DER BAUFORTSCHRITT

    25. Bautag – Via Imperialis

    Erster Bauabschnitt: 4.000 Meter

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    4.000 m

    Entwässerung

    3.850 m

    Straßenunterbau

    3.750 m

    Fertige Fahrbahn

    2.930 m

    Fertige Fahrbahn

    73,25 %

    Heutiger Zuwachs

    260 m

    XI. NOX – DER BEFEHL FÜR DEN SECHSUNDZWANZIGSTEN TAG

    Es war bereits dunkel, als Faustus sein Zelt betrat. Er legte seinen Schwertgurt ab und betrachtete die Karte. Die Bauarbeiten verliefen inzwischen ausgesprochen erfolgreich. Wenn die Legionäre ihr bisheriges Arbeitstempo beibehielten, würde der erste Bauabschnitt bald fertiggestellt sein. Doch Faustus wusste, dass die zunehmende Entfernung zwischen den einzelnen Baustellen neue Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Er nahm eine Wachstafel und begann, seine Befehle für den nächsten Tag niederzuschreiben. Die Exploratio sollte künftig auch die Einrichtung neuer Materiallager begleiten. Zusätzlich wollte er sämtliche Zufahrtswege überprüfen lassen, bevor größere Transportkolonnen sie benutzten. Plötzlich klopfte es am Eingang seines Zeltes.

    „Herein!“

    Lucanus trat ein.

    „Biarchus, wir haben Neuigkeiten.“

    Faustus blickte auf.

    „Dann hoffe ich, dass sie gut sind.“

    „Das kommt darauf an.“

    „Bei Jupiter! Du redest inzwischen genauso wie ich.“

    Lucanus lächelte.

    „Wir haben herausgefunden, mit wem sich unser unbekannter Reiter getroffen hat.“

    Faustus legte seinen Schreibgriffel beiseite.

    „Und?“

    Lucanus wurde ernst.

    „Mit einem Mann, der Zugang zu unseren Transportaufzeichnungen besitzt.“

    Faustus schwieg einen Augenblick. Dann stand er langsam auf.

    „Nun wird es endlich interessant.“

    Er griff nach seinem Schwertgurt.

    „Lass mein Pferd satteln.“

    Ende von DIES XXV – OPUS ET VIGILANTIA.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XXVI – VIA NOVA, PERICULUM VETUS

    Eine neue Straße – eine alte Gefahr

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – 26. Bautag Militärstraße Mogontiacum – Aquae Mattiacorum – Castellum ad Iugum

    Der sechsundzwanzigste Bautag begann mit einer entscheidenden Veränderung. Der erste Bauabschnitt war inzwischen zu fast drei Vierteln fertiggestellt. Der felsige Höhenrücken war durchbrochen, die Entwässerungsarbeiten näherten sich ihrem Abschluss und die ersten schweren Versorgungskolonnen konnten bereits große Teile der neuen Straße benutzen.

    Doch der Tribun Publius Trebellius Ovinianus wusste, dass die schwierigsten Arbeiten möglicherweise noch bevorstanden.

    Die Straße musste durch ein teilweise sumpfiges Waldgebiet weitergeführt werden. Gleichzeitig sollten die Vorbereitungen für den zweiten, ebenfalls viertausend Meter langen Bauabschnitt erheblich beschleunigt werden.

    Die Legio XXII Primigenia musste nun an mehreren Stellen gleichzeitig arbeiten.

    Biarchus Faustus Iunius Rupa hatte unterdessen ganz andere Sorgen. Einer seiner Speculatores hatte einen Mann identifiziert, der Zugang zu den geheimen Transportaufzeichnungen besaß und sich offenbar mit dem unbekannten Reiter getroffen hatte.

    Faustus beschloss, seine Ermittlungen fortzusetzen, ohne dadurch den Straßenbau zu behindern.

    Denn eines war inzwischen offensichtlich: Je schneller die Straße vorankam, desto größer wurde das Interesse unbekannter Personen an diesem militärischen Unternehmen.

    I. PRIMA LUX – DIE MORGENBESPRECHUNG

    Im Kommandeurszelt herrschte bereits vor Sonnenaufgang geschäftiges Treiben. Iullus Fannius Aburianus hatte die Bauaufzeichnungen des vergangenen Tages auf dem großen Tisch ausgebreitet. Daneben lagen die neuesten Vermessungsunterlagen und die Materialanforderungen der beiden Centurionen. Ovinianus betrachtete die Karte.

    „Meine Herren, wir haben inzwischen 2.930 Meter unserer ersten viertausend Meter fertiggestellt. Ich möchte, dass wir diesen Abschnitt innerhalb der nächsten fünf Bautage abschließen.“

    Spurius Stenius Ovianus räusperte sich.

    „Tribun, das hängt davon ab, ob unsere Vermesser noch weitere Sümpfe, Felsen oder sonstige Überraschungen entdecken.“

    Kaeso Herdonius Acilianus grinste.

    „Vielleicht sollten wir Lucius einfach die Augen verbinden.“

    „Eine ausgezeichnete Idee“, erwiderte Spurius. „Dann könnte er uns wenigstens keine neuen Schwierigkeiten melden.“

    Lucius, der leitende Vermesser, blickte von seinen Aufzeichnungen auf.

    „Centurionen, wenn ihr möchtet, können wir die Straße selbstverständlich auch ohne Vermessung bauen.“

    Ovinianus hob die Hand.

    „Genug! Ich möchte heute vernünftige Vorschläge hören.“

    Er deutete auf den nächsten Bauabschnitt.

    „Lucius, wie weit sind deine Untersuchungen des sumpfigen Geländes?“

    „Wir haben eine mögliche Umgehung gefunden, Tribun. Sie verlängert die Strecke geringfügig, führt allerdings über deutlich tragfähigeren Untergrund.“

    „Wie viel länger?“

    „Nach unseren vorläufigen Messungen ungefähr einhundertzwanzig Meter.“

    „Und welche Vorteile bietet sie?“

    „Wir vermeiden größere Arbeiten im Sumpf und benötigen lediglich zwei kleinere Durchlässe.“

    Ovinianus überlegte.

    „Dann überprüfen wir diese Variante. Ich möchte bis zum Abend eine endgültige Entscheidung.“

    Er wandte sich an Kaeso.

    „Wie steht es um unsere Materialversorgung?“

    „Wir haben ausreichend Steine und Kies für die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts. Allerdings benötigen wir für den zweiten Abschnitt ein weiteres Materiallager.“

    „Dann richte es ein.“

    „Dazu benötige ich zusätzliche Wagen.“

    Spurius lachte.

    „Natürlich benötigst du zusätzliche Wagen.“

    Kaeso betrachtete ihn.

    „Und du benötigst zusätzliche Männer. Jeder hat eben seine kleinen Schwächen.“

    Ovinianus seufzte.

    „Bei Jupiter! Irgendwann werde ich euch beide dazu verpflichten, eure Anträge gegenseitig zu genehmigen.“

    Schließlich blickte er zu Faustus.

    „Und deine Männer?“

    „Die Exploratio wird zunächst die neue Trasse überprüfen. Außerdem möchte ich die Umgebung des zukünftigen Materiallagers aufklären.“

    „Und deine Ermittlungen?“

    „Die laufen.“

    „Hast du bereits Ergebnisse?“

    Faustus lächelte.

    „Einige. Allerdings möchte ich zunächst herausfinden, ob sie tatsächlich etwas bedeuten.“

    Ovinianus nickte.

    „Dann an die Arbeit, meine Herren!“

    II. HORA SECUNDA – DIE EXPLORATIO RÜCKT AUS

    Faustus hatte seine fünfzig berittenen Männer am Rand des Feldlagers versammelt. Lucanus und Marcus erwarteten bereits ihre Befehle.

    „Männer, heute beginnt die nächste Phase unseres Auftrags. Die Legion wird ihre Bauarbeiten auf zwei Abschnitte ausdehnen. Wir müssen deshalb unsere Aufklärung entsprechend anpassen.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Lucanus, du übernimmst mit zwölf Männern die Beobachtung des westlichen Materiallagers und die weitere Verfolgung unseres unbekannten Reiters.“

    „Jawohl, Biarchus.“

    „Marcus, du erhältst zehn Männer. Ihr begleitet die Vermesser und untersucht die neue Streckenführung.“

    „Verstanden.“

    „Zwölf weitere Männer übernehmen die Waldaufklärung. Zehn bleiben als bewegliche Reserve verfügbar. Die übrigen sechs bilden meine Führungsgruppe.“

    Lucanus deutete auf die östlichen Waldgebiete.

    „Und was geschieht mit den bewaffneten Männern an der Holzfällerhütte?“

    „Sie werden weiterhin beobachtet. Ich möchte allerdings vermeiden, dass wir uns ausschließlich auf diese Männer konzentrieren und dabei andere Bewegungen übersehen.“

    Marcus nickte.

    „Sollen wir Kontakt aufnehmen?“

    „Noch nicht. Solange sie sich friedlich verhalten, haben wir keinen Grund, gegen sie vorzugehen.“

    Faustus bestieg sein Pferd.

    „Und jetzt wollen wir dafür sorgen, dass unsere Legionäre ungestört ihre Steine aufeinanderlegen können.“

    III. HORA TERTIA – DER LETZTE KILOMETER

    Am felsigen Höhenrücken hatten Spurius und seine Legionäre bereits mit den Arbeiten begonnen. Die ersten Wagen brachten größere Mengen gebrochenes Gestein heran. Andere Soldaten verteilten das Material auf dem vorbereiteten Untergrund. Spurius betrachtete die neue Fahrbahn.

    „Lucius, wie weit kommen wir heute?“

    „Wenn unsere Materialversorgung funktioniert, sollten wir ungefähr zweihundertachtzig Meter fertigstellen können.“

    „Ausgezeichnet. Endlich einmal eine vernünftige Antwort.“

    „Allerdings müssen wir zuvor noch den Durchlass überprüfen.“

    Spurius schloss die Augen.

    „Natürlich.“

    Lucius grinste.

    „Du wolltest schließlich eine ordentliche Straße.“

    „Ich wollte eigentlich nur irgendwann wieder nach Mogontiacum zurückkehren.“

    Die Legionäre arbeiteten inzwischen in mehreren Gruppen. Einige verteilten das gröbere Steinmaterial, während andere kleinere Steine und Kies einbrachten. Anschließend wurde die Oberfläche sorgfältig verdichtet. Am östlichen Ende des Bauabschnitts begannen weitere Soldaten damit, den seitlichen Entwässerungsgraben fertigzustellen.

    Spurius ließ die Arbeiten regelmäßig kontrollieren.

    „Achtet darauf, dass der Straßenkörper ausreichend erhöht bleibt! Ich möchte nicht, dass wir nach dem nächsten Regen wieder von vorne anfangen müssen!“

    Ein Legionär rief zurück:

    „Centurio! Wenn es weiter so viel regnet, sollten wir vielleicht lieber Schiffe bauen!“

    Spurius lachte.

    „Dann kannst du gleich anfangen! Aber vorher bringst du diese Steine an ihren Platz!“

    IV. HORA QUARTA – DIE ENTSCHEIDUNG AM SUMPF

    Marcus hatte inzwischen mit seinen zehn Speculatores die Vermesser erreicht. Der vorgesehene neue Streckenverlauf führte durch ein bewaldetes Hügelland. Mehrere kleinere Wasserläufe durchzogen das Gelände. Lucius hatte zwei erfahrene Vermesser vorausgeschickt. Marcus stieg vom Pferd.

    „Nun, meine Herren, wie sieht es aus?“

    Der ältere Vermesser deutete auf die Markierungspfähle.

    „Wir haben die alternative Streckenführung untersucht. Sie ist etwas länger, bietet allerdings einen wesentlich besseren Untergrund.“

    „Und die beiden Durchlässe?“

    „Einer kann relativ einfach gebaut werden. Der zweite benötigt einen stabileren steinernen Unterbau.“

    Marcus betrachtete das Gelände.

    „Gibt es Schwierigkeiten bei der Sicherung?“

    „Bislang nicht.“

    Der Speculator nickte.

    „Dann werde ich Faustus empfehlen, diesen Abschnitt für die Bauarbeiten freizugeben.“

    Er wandte sich an seine Männer.

    „Zwei von euch untersuchen den nördlichen Waldrand. Die übrigen bleiben bei den Vermessern.“

    Wenig später kehrten die beiden vorausgeschickten Speculatores zurück.

    „Marcus! Wir haben einen alten Waldweg entdeckt.“

    „Wohin führt er?“

    „Nach Osten. Vermutlich zu mehreren germanischen Siedlungen.“

    Marcus wurde nachdenklich.

    „Dann sollten wir ihn genauer untersuchen.“

    Er griff nach seiner Wachstafel.

    „Und Faustus erhält eine entsprechende Meldung.“

    V. HORA QUINTA – DAS NEUE MATERIALDEPOT

    Kaeso Herdonius Acilianus stand auf einer kleinen Anhöhe und betrachtete die Fläche, auf der das neue Materiallager entstehen sollte. Sein Optio hatte bereits sechzig Legionäre zusammengezogen. Die ersten Wagen mit Bauholz und Werkzeugen trafen ein.

    „Optio! Wie viele Wagen haben wir heute zur Verfügung?“

    „Zwanzig, Centurio. Allerdings befinden sich vier davon noch auf dem Weg vom westlichen Lager.“

    „Und die übrigen?“

    „Sie transportieren Holz, Werkzeug und Steine.“

    Kaeso deutete auf eine freie Fläche.

    „Dort errichten wir die Materialunterstände. Die schweren Steine lagern wir auf der gegenüberliegenden Seite. Ich möchte verhindern, dass unsere Wagen ständig zwischen den einzelnen Materialstapeln hindurchfahren müssen.“

    „Und die Werkzeuge?“

    „Bekommen einen eigenen Unterstand. Außerdem wird künftig jeder ausgegebene Gegenstand schriftlich erfasst.“

    Der Optio blickte überrascht auf.

    „Jeder einzelne Gegenstand?“

    „Jawohl!“

    „Das wird unseren Schreibern nicht gefallen.“

    „Mir gefällt es auch nicht. Aber Faustus hat offenbar herausgefunden, dass unsere Ausrüstung neuerdings ausgesprochen reisefreudig geworden ist.“

    In diesem Augenblick näherte sich der Biarchus.

    „Salve, Kaeso!“

    „Bei Jupiter! Wenn man vom Teufel spricht!“

    Faustus stieg lachend vom Pferd.

    „Ich freue mich ebenfalls, dich zu sehen.“

    „Was möchtest du diesmal?“

    „Dein neues Materiallager überprüfen.“

    „Wir haben gerade erst angefangen!“

    „Ausgezeichnet. Dann kann ich wenigstens noch rechtzeitig meine Einwände vorbringen.“

    Kaeso verdrehte die Augen. Faustus betrachtete die Umgebung.

    „Dein Lager liegt günstig. Allerdings möchte ich am nördlichen Waldrand einen kleinen Beobachtungsposten einrichten.“

    „Wie viele Männer?“

    „Vier Speculatores. Deine reguläre Lagerwache bleibt davon unberührt.“

    Kaeso nickte.

    „Einverstanden.“

    „Außerdem benötige ich eine vollständige Aufstellung der Personen, die Zugang zu deinen Transportbefehlen besitzen.“

    Kaeso wurde ernst.

    „Hast du inzwischen etwas herausgefunden?“

    „Möglicherweise.“

    „Faustus, du machst mich noch wahnsinnig!“

    „Dann solltest du dich beeilen. Unsere Straße wartet schließlich nicht.“

    VI. HORA SEXTA – DIE VERSCHWUNDENE WACHSTAFEL

    Im provisorischen Stabszelt des neuen Materiallagers wartete Lucanus auf Faustus.

    „Biarchus, wir haben den Mann identifiziert, der sich mit unserem unbekannten Reiter getroffen hat.“

    Faustus setzte sich.

    „Ich höre.“

    „Sein Name ist Sextus Vibius Marcellinus. Er arbeitet als Hilfsschreiber bei der Transportverwaltung.“

    „Hat er Zugang zu den täglichen Transportbefehlen?“

    „Ja.“

    „Und weshalb trifft er sich mit unserem Reiter?“

    „Das wissen wir noch nicht.“

    Faustus betrachtete die vor ihm liegenden Wachstafeln.

    „Dann werden wir es herausfinden.“

    Er griff nach der Tafel, die er im Wirtschaftsgebäude des Händlers entdeckt hatte.

    „Sieh dir diese Zahlen an.“

    Lucanus beugte sich vor.

    „Das sind unsere geplanten Materialtransporte.“

    „Richtig. Aber etwas fehlt.“

    „Was?“

    „Die Angaben über unsere zweite Transportkolonne.“

    Lucanus überlegte.

    „Vielleicht kannte unser Mann diese Informationen nicht.“

    Faustus nickte.

    „Genau das möchte ich überprüfen.“

    Er stand auf.

    „Wir werden die Transportaufzeichnungen miteinander vergleichen. Wenn Sextus tatsächlich Informationen weitergegeben hat, müsste sich feststellen lassen, welche Unterlagen ihm zugänglich waren.“

    „Sollen wir ihn festnehmen?“

    „Nein. Noch nicht.“

    Faustus betrachtete seinen Speculator.

    „Lucanus, ein Mann, der Informationen verkauft, besitzt möglicherweise einen Auftraggeber. Und dieser Auftraggeber interessiert mich wesentlich mehr als sein Schreiber.“

    VII. HORA SEPTIMA – DER ERSTE DURCHLASS

    Spurius hatte inzwischen den problematischen Durchlass am Waldrand erreicht. Dreißig Legionäre arbeiteten daran, die letzten Steinblöcke einzusetzen. Die Zimmerleute hatten eine einfache hölzerne Hebevorrichtung errichtet, mit der sich die schweren Steine bewegen ließen. Lucius stand unmittelbar neben der Baustelle.

    „Langsam! Noch ein kleines Stück nach links!“

    Der Steinblock senkte sich auf das vorbereitete Fundament.

    „Halt!“

    Die Legionäre hielten die Seile gespannt. Lucius kontrollierte die Lage.

    „Ausgezeichnet. Jetzt könnt ihr ihn vorsichtig absetzen.“

    Spurius betrachtete das Bauwerk.

    „Und damit sind wir fertig?“

    „Fast.“

    „Dieses Wort werde ich eines Tages aus der lateinischen Sprache verbannen lassen.“

    Lucius lachte.

    „Wir müssen noch die seitlichen Anschlüsse herstellen und anschließend den Straßenkörper darüber aufbauen.“

    Spurius wandte sich an seinen Optio.

    „Weitere zwanzig Männer hierher! Ich möchte, dass dieser Durchlass heute noch fertiggestellt wird.“

    „Jawohl, Centurio!“

    Wenig später wurde der erste Wasserlauf durch das neue Bauwerk geleitet. Das Wasser floss unter der zukünftigen Fahrbahn hindurch und setzte seinen natürlichen Weg talwärts fort. Spurius betrachtete das Ergebnis zufrieden.

    „Endlich! Wir haben das Wasser besiegt!“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    „Nein, Centurio. Wir haben ihm lediglich einen anderen Weg gegeben.“

    „Du musst wirklich immer das letzte Wort haben.“

    „Nur wenn es um unsere Straße geht.“

    VIII. HORA OCTAVA – DER ALTE WALDWEG

    Marcus erreichte mit vier seiner Männer den alten Waldweg, den seine Speculatores am Vormittag entdeckt hatten. Der Weg war schmal, aber deutlich erkennbar. Offenbar wurde er regelmäßig von Händlern, Jägern und den Bewohnern der umliegenden germanischen Siedlungen benutzt. Marcus stieg ab und untersuchte den Boden.

    „Hier sind vor Kurzem mehrere Pferde entlanggekommen.“

    Einer seiner Männer kniete nieder.

    „Mindestens fünf.“

    „Und ein Wagen.“

    Marcus betrachtete die Spuren.

    „Wohin führen sie?“

    „Nach Osten.“

    „Dann werden wir sie ein Stück verfolgen.“

    Die Männer führten ihre Pferde zunächst zu Fuß weiter. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie eine kleine Lichtung. Dort entdeckten sie frische Feuerstellen und mehrere Fußspuren. Marcus blieb stehen.

    „Das könnte ein gewöhnlicher Rastplatz sein.“

    Sein Begleiter deutete auf einen abgebrochenen Ast.

    „Oder jemand hat hier auf uns gewartet.“

    Marcus betrachtete die Umgebung.

    „Möglich. Wir werden uns allerdings nicht weiter entfernen. Unser Auftrag besteht darin, die neue Straßentrasse zu sichern.“

    Er nahm seine Wachstafel.

    „Ich möchte, dass Faustus von diesem Weg erfährt. Er könnte für unsere zukünftigen Bauarbeiten von Bedeutung sein.“

    IX. VESPER – DER TRIBUN ZIEHT BILANZ

    Im Kommandeurszelt herrschte am Abend eine deutlich bessere Stimmung als am Morgen. Ovinianus hatte die Bauaufzeichnungen vor sich liegen.

    „Meine Herren, ich möchte zunächst die Tagesleistung hören.“

    Kaeso trat vor.

    „Tribun! Wir haben heute zweihundertachtzig Meter neue Fahrbahn fertiggestellt.“

    Ovinianus nickte zufrieden.

    „Ausgezeichnet! Damit haben wir die Dreitausend-Meter-Grenze deutlich überschritten.“

    Spurius ergänzte:

    „Der letzte größere Durchlass des bisherigen Bauabschnitts ist nahezu fertiggestellt. Außerdem haben wir den Straßenunterbau weiter vorangetrieben.“

    „Und der neue Bauabschnitt?“

    Lucius trat an die Karte.

    „Wir empfehlen die alternative Streckenführung um das sumpfige Gelände. Sie verlängert den Weg zwar um ungefähr einhundertzwanzig Meter, erspart uns allerdings aufwendige Gründungsarbeiten.“

    Ovinianus betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Dann genehmige ich diese Streckenführung. Morgen beginnt die Rodung.“

    Er wandte sich an Kaeso.

    „Wie steht es um unser neues Materiallager?“

    „Die ersten Unterstände sind errichtet. Morgen können wir mit der regulären Materialeinlagerung beginnen.“

    „Sehr gut.“

    Schließlich blickte der Tribun zu Faustus.

    „Und unsere Sicherheit?“

    Faustus legte seine Wachstafeln auf den Tisch.

    „Die unmittelbare Sicherung der Baustellen ist gewährleistet. Allerdings haben wir inzwischen einen alten Waldweg entdeckt, der sich unserer neuen Straßentrasse nähert.“

    „Germanische Krieger?“

    „Bisher keine Hinweise auf feindliche Absichten. Dennoch werden wir den Weg beobachten.“

    „Und deine Ermittlungen?“

    Faustus lächelte.

    „Wir haben einen Mann identifiziert, der möglicherweise Informationen über unsere Transporte weitergegeben hat.“

    Ovinianus wurde ernst.

    „Einen unserer Soldaten?“

    „Einen Hilfsschreiber der Transportverwaltung.“

    „Dann lass ihn festnehmen!“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Noch nicht, Tribun. Ich möchte zunächst wissen, ob er tatsächlich Informationen weitergegeben hat und wer sie erhalten sollte.“

    Ovinianus betrachtete ihn nachdenklich.

    „Du erhältst bis morgen Abend Zeit.“

    „Das sollte genügen.“

    „Das hoffe ich, Faustus.“

    X. TABULA OPERIS – DER BAUFORTSCHRITT

    26. Bautag – Via Imperialis

    Erster Bauabschnitt – 4.000 Meter

    Vermessung

    4.000 m

    Rodung

    4.000 m

    Erdarbeiten

    4.000 m

    Entwässerung

    3.950 m

    Straßenunterbau

    3.900 m

    Fertige Fahrbahn

    3.210 m

    Fertige Fahrbahn

    80,25 %

    Heutiger Zuwachs

    280 m

    Die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts rückt näher. Parallel beginnen die Arbeiten am zweiten Abschnitt.

    XI. NOX – EIN UNERWARTETER BESUCHER

    Die Nacht hatte sich über das Feldlager gelegt. Faustus saß in seinem Zelt und betrachtete die Wachstafeln der vergangenen Tage. Plötzlich erschien Lucanus.

    „Biarchus! Wir haben ein Problem.“

    Faustus blickte auf.

    „Natürlich haben wir das. Sonst wäre es schließlich ein ausgesprochen langweiliger Abend.“

    „Sextus Vibius Marcellinus ist verschwunden.“

    Faustus legte seinen Schreibgriffel beiseite.

    „Wann?“

    „Vor ungefähr zwei Stunden.“

    „Und unser unbekannter Reiter?“

    „Ebenfalls verschwunden.“

    Faustus stand langsam auf.

    „Bei Jupiter! Jetzt wird es wirklich interessant.“

    Er griff nach seinem Schwertgurt.

    „Lass zwölf Männer antreten. Wir werden uns diese Angelegenheit persönlich ansehen.“

    Lucanus salutierte.

    „Jawohl, Biarchus!“

    Faustus betrachtete noch einmal die Karte. Die Straße nach Castellum ad Iugum war inzwischen zu mehr als achtzig Prozent ihres ersten Bauabschnitts fertiggestellt. Doch während die Legionäre Stein um Stein verlegten, bewegte sich möglicherweise ein Verräter durch die Dunkelheit. Und Faustus hatte keineswegs die Absicht, ihn entkommen zu lassen.

    Ende von DIES XXVI – VIA NOVA, PERICULUM VETUS.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XIX – VIA SANGUINIS

    Die Straße des Blutes

    Germania Superior, 123 n. Chr. – Die Straße zwischen Mogontiacum und dem Limes

    Handlungsstränge:

    • I. Der Straßenbau – Eine unerwartete Entdeckung
    • II. Faustus Iunius Rupa – Die Besucher, die niemand haben will
    • III. Exploratio Imperii – Die unsichtbare Jagd
    • IV. Die erste Konfrontation – Ein Hinterhalt
    • V. Faustus schlägt zurück – Eine gefährliche Entdeckung

    I. DER STRASSENBAU

    Prima Vigilia – Der Morgen

    Die Sonne war noch nicht über den bewaldeten Höhen aufgegangen, als die ersten Hornsignale durch das römische Feldlager schallten. Seit mehreren Tagen arbeiteten die Legionäre der Legio XXII Primigenia an der Straße, die Mogontiacum mit einem vorgeschobenen Abschnitt des Limes verbinden sollte. Der Straßenbau war ein gewaltiges Unternehmen. Hunderte Legionäre rodeten Waldstücke, hoben Entwässerungsgräben aus, transportierten Steine und befestigten den Untergrund. Faustus Iunius Rupa stand neben einem Vermessungstisch, auf dem mehrere Wachstafeln und eine große Karte ausgebreitet lagen.

    Neben ihm wartete Marcus Flavius Severus, der mit der unmittelbaren Aufsicht über einen der Bauabschnitte beauftragte Centurio.

    „Wie weit sind wir gekommen?“, fragte Faustus.

    „Seit gestern zweihundertfünfzig passus. Wenn das Wetter hält, erreichen wir in drei Tagen die nächste Anhöhe.“

    „Und die Schwierigkeiten?“

    Der Centurio verzog das Gesicht.

    „Abgesehen davon, dass die Männer über die Arbeit fluchen?“

    „Das gehört zur Grundausbildung eines Legionärs.“

    Severus lachte.

    „Wir haben ein anderes Problem. In der vergangenen Nacht sind zwei unserer Holzfäller verschwunden.“

    Faustus hob den Kopf.

    „Desertiert?“

    „Unwahrscheinlich. Ihre Ausrüstung liegt vollständig im Lager. Außerdem hat ein Wachposten unmittelbar vor Mitternacht drei Reiter am Waldrand beobachtet.“

    „Römische Reiter?“

    „Das konnte er nicht erkennen.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Wo genau?“

    Severus zeigte auf eine Stelle etwa eine halbe Meile östlich der Baustelle.

    Faustus schwieg.

    Dann sagte er:

    „Centurio, der Straßenbau wird fortgesetzt. Keine Verzögerung, keine unnötige Unruhe unter den Männern. Ich werde mich persönlich darum kümmern.“

    „Mit wie vielen Soldaten?“

    „Mit meinen eigenen.“

    II. DIE BESUCHER, DIE NIEMAND HABEN WILL

    Secunda Hora – Das Officium der Exploratio Imperii

    Faustus hatte seine Unterführer zusammengerufen. Vor ihm standen Sisenna Digitius Plautianus, der erfahrene Führer des vorgeschobenen Beobachtungspostens, und mehrere ausgewählte Männer der Gruppe III. Auf dem Tisch lag eine kleine Sammlung ungewöhnlicher Gegenstände. Ein zerbrochener Pfeil. Ein Stück Leder. Und eine römische Münze.

    „Diese Gegenstände wurden heute Morgen in der Nähe unserer Baustelle gefunden“, erklärte Faustus.

    Sisenna nahm den Pfeil.

    „Germanische Fertigung.“

    „Das ist offensichtlich.“

    „Aber die Pfeilspitze stammt möglicherweise aus einer römischen Schmiede.“

    Faustus nickte.

    „Genau das interessiert mich.“

    Er nahm die Münze.

    „Und diese Münze?“

    Einer der Speculatores beugte sich vor.

    „Ein gewöhnlicher Denar.“

    „Gewöhnlich?“

    Faustus drehte ihn um.

    „Er wurde an einer Seite absichtlich eingekerbt.“

    Sisenna betrachtete das Geldstück.

    „Ein Erkennungszeichen?“

    „Vielleicht.“

    Faustus trat an die Karte.

    „Wir haben eine Baustelle, zwei verschwundene Legionäre und unbekannte Reiter. Außerdem finden wir römische Gegenstände an einer Stelle, an der sie nichts zu suchen haben.“

    „Germanische Späher?“, fragte Sisenna.

    „Das wäre die einfachste Erklärung.“

    „Und die andere?“

    Faustus sah ihn an.

    „Unsere alten Freunde.“

    Im Raum wurde es still. Jeder wusste, was er meinte. Die Ermittlungen gegen das Netzwerk, das Informationen aus Mogontiacum über die Grenze schmuggelte, waren keineswegs abgeschlossen. Und Faustus hatte inzwischen gelernt, dass seine gefährlichsten Gegner nicht unbedingt germanische Krieger waren. Manche trugen römische Kleidung. Andere saßen in römischen Verwaltungsgebäuden. Und einige hatten möglicherweise Zugang zu den geheimsten militärischen Informationen.

    „Sisenna, ich will wissen, wer unsere Baustelle beobachtet.“

    „Und wenn es Germanen sind?“

    „Dann beobachten wir sie.“

    „Und wenn es Römer sind?“

    Faustus lächelte kalt.

    „Dann werden sie sich wünschen, Germanen zu sein.“

    III. EXPLORATIO IMPERII – DIE UNSICHTBARE JAGD

    Tertia Hora – Die Operation beginnt

    Faustus gab seiner Unternehmung einen Namen. OPERATIO UMBRA VIARUM – Operation Schatten der Straßen Drei Gruppen sollten unabhängig voneinander vorgehen.

    Sisenna übernahm mit zwölf Speculatores die verdeckte Beobachtung des Waldes östlich der Baustelle. Eine zweite Gruppe erhielt den Auftrag, sämtliche Händler, Fuhrleute und Reisenden zu beobachten, die sich in den vergangenen Tagen in der Nähe des Straßenbaus aufgehalten hatten. Faustus selbst führte acht ausgewählte Männer. Sein Ziel war eine verlassene Köhlerhütte, die sich etwa zwei römische Meilen von der Baustelle entfernt befand. Dort hatte einer seiner Kundschafter in der Nacht Feuerschein beobachtet. Bevor die Gruppen aufbrachen, versammelte Faustus seine Männer.

    „Hört gut zu. Ich will keine Helden. Ich will Informationen.“

    Er blickte in die Gesichter seiner Soldaten.

    „Wer einen Gegner entdeckt, beobachtet ihn. Wer eine Spur findet, meldet sie. Und wer glaubt, allein einen Krieg gewinnen zu können, darf anschließend beim Centurio Steine schleppen.“

    Einige Männer grinsten.

    „Unser Auftrag lautet?“

    Die Antwort kam geschlossen.

    „VIDERE – SCIRE – NUNTIARE!“

    Sehen. Wissen. Melden.

    „Sehr schön. Dann wollen wir unseren Besuchern zeigen, dass die Exploratio Imperii ebenfalls gerne Besuche macht.“

    Die Männer verschwanden zwischen den Bäumen.

    IV. DER WALD HAT AUGEN

    Quarta Hora – Östlich der Baustelle

    Sisenna lag hinter einem umgestürzten Baum. Neben ihm beobachtete ein junger Speculator namens Aulus die Lichtung.

    „Drei Männer“, flüsterte Aulus.

    „Ich sehe sie.“

    „Germanen?“

    „Zwei möglicherweise. Der dritte nicht.“

    Sisenna nahm den Mann genauer in Augenschein. Er trug einen dunklen Reisemantel, unter dem eine kurze römische Tunika hervorschaute. Sein Haar war kurz geschnitten.

    Seine Bewegungen erinnerten Sisenna an einen ehemaligen Soldaten. Die Männer unterhielten sich. Dann holte einer von ihnen eine Wachstafel hervor. Sisenna erstarrte.

    „Interessant.“

    „Was?“

    „Unser Freund besitzt eine Karte.“

    „Von der Straße?“

    „Das werden wir herausfinden.“

    Er gab ein Handzeichen.

    Zwei seiner Männer bewegten sich lautlos nach rechts. Weitere drei schlichen auf der linken Seite durch das Unterholz. Doch bevor Sisenna den Zugriff befehlen konnte, geschah etwas Unerwartetes. Aus dem Wald erschienen vier bewaffnete Männer. Einer trug einen römischen Militärgürtel. Der Mann mit der Wachstafel erhob sich.

    „Ihr seid spät.“

    „Die Straße wird besser bewacht als erwartet.“

    „Und die beiden Legionäre?“

    „Sie leben noch.“

    Sisenna spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Er hatte seine Vermissten gefunden. Zumindest ihre Spur.

    „Was sollen wir mit ihnen machen?“, fragte einer der Neuankömmlinge.

    Der Mann mit der Wachstafel antwortete:

    „Das entscheidet unser Auftraggeber.“

    „Und wenn sie uns erkannt haben?“

    Eine kurze Pause.

    „Dann werden sie die Fertigstellung der Straße nicht mehr erleben.“

    Sisenna hatte genug gehört. Er hob langsam seine Hand. Doch dann bemerkte er etwas, das ihn seinen Entschluss ändern ließ. Einer der Männer trug einen versiegelten Brief.

    Das Siegel zeigte einen Adler. Einen römischen Adler. Sisenna senkte seine Hand wieder.

    „Nicht angreifen“, flüsterte er.

    Aulus sah ihn entgeistert an.

    „Aber unsere Männer!“

    „Wenn wir jetzt angreifen, bekommen wir sieben Gefangene. Wenn wir warten, bekommen wir vielleicht den Mann, der sie bezahlt.“

    Er schickte einen Melder zu Faustus.

    V. FAUSTUS WIRD AKTIV

    Quinta Hora – Die verlassene Köhlerhütte

    Faustus erreichte die Köhlerhütte, als sich die Sonne langsam ihrem höchsten Stand näherte. Die Hütte wirkte verlassen. Zu verlassen. Keine Werkzeuge. Keine Vorräte. Keine Spuren gewöhnlicher Köhlerarbeit. Dafür entdeckte einer seiner Männer frische Hufabdrücke.

    „Mindestens fünf Pferde“, meldete der Speculator.

    Faustus kniete nieder. Er untersuchte die Abdrücke.

    „Eines der Pferde ist beschlagen.“

    „Römisch?“

    „Möglicherweise.“

    Ein zweiter Soldat erschien.

    „Biarchus! Hinter der Hütte haben wir etwas gefunden.“

    Faustus folgte ihm. Zwischen zwei Bäumen lag ein kleiner, sorgfältig mit Zweigen verdeckter Erdverschlag. Darin befanden sich mehrere Säcke mit Getreide, zwei Amphoren, eine zusammengerollte Decke und eine Holzkiste. Faustus öffnete die Kiste. Darin lagen Wachstafeln. Er nahm die erste heraus. Seine Augen verengten sich. Auf der Tafel waren die täglichen Arbeitsfortschritte der Legio XXII Primigenia verzeichnet. Exakte Entfernungen. Anzahl der eingesetzten Legionäre. Standorte der Wachen.

    Sogar die geplanten Transportbewegungen der nächsten drei Tage. Faustus betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Das ist unmöglich.“

    „Was?“, fragte sein Stellvertreter.

    „Diese Informationen stammen aus unserem eigenen Lager.“

    Er nahm eine zweite Tafel. Auf ihr befand sich eine Liste mit Namen. Einige waren ihm unbekannt. Einen jedoch kannte er. Es war ein Mann, der regelmäßig die Baustelle besuchte und Zugang zu den Verwaltungsunterlagen besaß. Faustus schloss die Kiste.

    „Niemand berührt irgendetwas.“

    „Sollen wir die Hütte besetzen?“

    „Nein.“

    „Warum nicht?“

    „Weil unsere Besucher zurückkommen werden.“

    Er sah sich um.

    „Und ich möchte sie persönlich begrüßen.“

    VI. DER HINTERHALT

    Sexta Hora – Die Falle schnappt zu

    Die Männer der Exploratio Imperii hatten sich rund um die Köhlerhütte verteilt. Faustus saß im Inneren. Vor ihm lag die geöffnete Kiste. Er wartete. Nach einiger Zeit hörte er Pferde. Dann Stimmen.

    „Hier stimmt etwas nicht.“

    „Was soll nicht stimmen?“

    „Die Tür steht offen.“

    Schritte näherten sich. Ein Mann erschien im Eingang. Als er Faustus erblickte, blieb er wie angewurzelt stehen. Faustus lächelte.

    „Salve!“

    Der Fremde griff nach seinem Schwert.

    „Das würde ich lassen“, sagte Faustus freundlich. Im selben Augenblick traten zwei Speculatores hinter dem Mann hervor. Ihre Schwerter waren gezogen. Der Fremde erstarrte.

    „Wer bist du?“, fragte er.

    Faustus erhob sich.

    „Eine ausgezeichnete Frage. Allerdings hatte ich vor, sie dir zu stellen.“

    Draußen ertönte ein kurzer Kampfschrei. Dann das Klirren von Waffen. Einer der unbekannten Reiter versuchte zu fliehen. Ein Speculator sprang aus seinem Versteck und packte ihn am Mantel. Beide stürzten zu Boden. Ein zweiter Reiter wendete sein Pferd. Doch der Weg war bereits versperrt. Wenige Augenblicke später war der Kampf beendet. Drei Gefangene.

    Ein entkommenes Pferd. Keine Verluste unter Faustus' Männern. Der Biarchus trat vor die Gefangenen.

    „Meine Herren, willkommen bei der Exploratio Imperii.“

    Er blickte auf die Kiste.

    „Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen, dass ich mir eure Aufzeichnungen angesehen habe.“

    Einer der Männer spuckte vor seine Füße. Faustus betrachtete ihn.

    „Ein ausgesprochen unhöflicher Gast.“

    Dann wandte er sich an seinen Stellvertreter.

    „Bringt sie ins Lager. Getrennt unterbringen. Niemand spricht mit ihnen, bevor ich zurück bin.“

    „Und Ihr?“

    Faustus nahm die Wachstafeln.

    „Ich muss noch einen weiteren Besucher empfangen.“

    VII. DIE BEFREIUNG DER LEGIONÄRE

    Septima Hora – Der Zugriff

    Der Melder Sisennas erreichte Faustus auf dem Rückweg zur Baustelle. Nachdem er den Bericht gelesen hatte, blieb er stehen.

    „Sie haben unsere beiden Legionäre.“

    „Ja, Biarchus.“

    „Und sie besitzen einen versiegelten Brief?“

    „Sisenna hat den Adler auf dem Siegel erkannt.“

    Faustus überlegte. Dann gab er seine Befehle.

    „Zwei Männer bringen die Gefangenen nach Mogontiacum. Vier begleiten mich. Der Rest sichert die Straße.“

    Er wandte sich an den Melder.

    „Führe mich zu Sisenna.“

    Eine Stunde später erreichte Faustus den Beobachtungsposten.

    Sisenna begrüßte ihn mit einem knappen Nicken.

    „Die Männer sind noch dort.“

    „Unsere Legionäre?“

    „Vermutlich in einer kleinen Höhle nördlich der Lichtung.“

    „Wie viele Gegner?“

    „Sieben. Zwei weitere sind vor einer halben Stunde aufgebrochen.“

    Faustus betrachtete das Gelände.

    „Wir holen unsere Männer heraus.“

    „Und der Brief?“

    „Den nehmen wir ebenfalls mit.“

    Der Zugriff erfolgte wenig später.Während Sisenna mit seinen Männern die Lichtung umging, näherte sich Faustus von Süden. Zwei Speculatores erreichten unbemerkt den Eingang der Höhle. Dort fanden sie tatsächlich die beiden vermissten Legionäre. Gefesselt. Erschöpft. Aber am Leben.Einer der Soldaten erkannte seinen Befreier.

    „Bei allen Göttern! Ihr seid von der Exploratio!“

    Der Speculator durchschnitt seine Fesseln.

    „Nein. Wir sind die Männer, die euch anschließend erklären werden, weshalb man nachts nicht allein im Wald spazieren geht.“

    Der Legionär begann trotz seiner Erschöpfung zu lachen. Draußen ertönte ein Pfiff. Das vereinbarte Zeichen. Die Gefangenen waren frei. Faustus ließ seine Männer zurückweichen.

    Er wollte keine unnötigen Verluste riskieren. Vor allem aber hatte er etwas entdeckt, das wesentlich gefährlicher war als eine Gruppe bewaffneter Männer.

    VIII. EIN VERRÄTER IN DEN EIGENEN REIHEN

    Octava Hora – Zurück auf der Baustelle

    Als Faustus zum Straßenbau zurückkehrte, arbeiteten die Legionäre noch immer. Schwere Wagen transportierten Steine. Zimmerleute errichteten eine hölzerne Behelfsbrücke über einen kleinen Bach. Vermesser kontrollierten den Verlauf der Straße. Alles wirkte vollkommen gewöhnlich. Und gerade das beunruhigte Faustus. Er ließ den Centurio Severus zu sich rufen.

    „Der Straßenbau geht weiter.“

    „Selbstverständlich.“

    „Allerdings werden wir ab sofort einige Änderungen vornehmen.“

    „Welche?“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Die morgigen Transportbewegungen werden verschoben. Außerdem verlegen wir zwei Wachposten.“

    Severus runzelte die Stirn.

    „Dafür benötige ich eine schriftliche Anweisung.“

    „Die bekommst du.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Aber die eigentliche Anweisung erhältst nur du.“

    Severus betrachtete ihn.

    „Du willst herausfinden, wer unsere Informationen weitergibt.“

    „Genau.“

    „Und wenn der Verräter einer unserer eigenen Offiziere ist?“

    Faustus blickte zur Straße.

    Dort arbeiteten Männer, die ihrem Imperium dienten und darauf vertrauten, dass ihre Vorgesetzten sie nicht in den Tod schickten.

    „Dann“, antwortete er, „wird er erfahren, dass Verrat keine Frage des Dienstgrades ist.“

    Er nahm eine neue Wachstafel. Darauf schrieb er drei unterschiedliche Marschbefehle. Jeder enthielt eine andere Angabe über den nächsten Bauabschnitt. Jeder sollte einen anderen Empfänger erreichen. Nur einer entsprach der Wahrheit. Sisenna, der inzwischen eingetroffen war, betrachtete die Tafeln.

    „Du willst drei verschiedene Informationen verbreiten.“

    „Ja.“

    „Und dann beobachten, welche davon bei unseren Besuchern auftaucht.“

    Faustus nickte.

    „Unsere Gegner haben bisher gewusst, was wir tun.“

    Er versiegelte die erste Tafel.

    „Ab morgen werden sie nur noch wissen, was ich ihnen zu wissen erlaube.“

    IX. DIE LETZTE NACHRICHT

    Prima Vigilia – Ein unerwarteter Fund

    Am Abend meldete sich einer der befreiten Legionäre bei Faustus. Der Mann hieß Publius Valerius Crispus. Er wirkte noch immer erschöpft.

    „Biarchus, ich muss Euch etwas sagen.“

    Faustus bot ihm einen Sitzplatz an.

    „Sprich.“

    „Die Männer, die uns gefangen genommen haben, waren nicht alle Germanen.“

    „Das wissen wir inzwischen.“

    „Einer von ihnen hat einen Namen genannt.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Welchen?“

    „Ich habe nicht alles verstanden. Aber einer sagte, dass die Arbeiten an der Straße unbedingt aufgehalten werden müssten.“

    „Warum?“

    „Weil die Straße etwas freilegen würde.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Was freilegen?“

    „Das weiß ich nicht.“

    „Hat er einen Ort genannt?“

    Der Legionär überlegte lange. Dann nickte er.

    „Ja. Die alte Lichtung. Dort, wo morgen die Vermesser arbeiten sollen.“

    Faustus stand auf. Er ging zur Karte. Die alte Lichtung befand sich genau dort, wo die Straße am folgenden Tag durch einen niedrigen bewaldeten Höhenzug geführt werden sollte.

    „Noch etwas?“

    Crispus nickte erneut.

    „Der Mann sagte, wenn die Römer dort zu graben beginnen, sei alles verloren.“

    Faustus betrachtete die Karte. Dann rief er nach Sisenna.

    „Wir haben einen neuen Auftrag.“

    „Welchen?“

    Faustus zeigte auf die alte Lichtung.

    „Unsere Besucher wollen verhindern, dass wir dort graben.“

    „Und was machen wir?“

    Ein schmales Lächeln erschien auf Faustus' Gesicht.

    „Wir graben.“

    Er rollte die Karte zusammen.

    „Aber vorher möchte ich wissen, weshalb sich offenbar jemand im Imperium so sehr vor einer römischen Straße fürchtet.“

    ENDE DIES XIX – VIA SANGUINIS

    Fortsetzung: DIES XX – SUB TERRA VERITAS (Unter der Erde liegt die Wahrheit). Am nächsten Morgen erreichen die Legionäre der Legio XXII Primigenia die alte Lichtung. Während die Straßenbauer unter verstärktem Schutz der Exploratio Imperii mit den Erdarbeiten beginnen, entdeckt Faustus Hinweise auf eine seit Jahren verborgene Anlage. Gleichzeitig erhalten die unbekannten Auftraggeber Nachricht, dass ihre Männer gefangen genommen wurden. Sie beschließen, die Baustelle anzugreifen, bevor Faustus das Geheimnis unter der Straße aufdecken kann.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    DIES XX – SUB TERRA VERITAS

    Unter der Erde liegt die Wahrheit

    Germania Superior – 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – Exploratio Imperii Straßenbau zwischen Mogontiacum und dem Limes

    OPERATIO UMBRA VIARUM – Die Schatten der Straßen

    I. PRIMA HORA – DER MARSCH ZUR ALTEN LICHTUNG

    Handlungsstrang I – Faustus Iunius Rupa

    Der Morgennebel lag schwer zwischen den Bäumen, als die ersten Legionäre der Legio XXII Primigenia das provisorische Lager verließen. Das Knarren der Wagenräder, das Schnauben der Zugtiere und die Befehle der Unteroffiziere erfüllten die kühle Morgenluft. Faustus Iunius Rupa stand bereits vollständig ausgerüstet neben seinem Pferd. Er hatte nur wenige Stunden geschlafen. Vor ihm warteten Sisenna Digitius Plautianus und die Unterführer der Exploratio Imperii.

    „Sisenna, wie viele Männer stehen uns zur Verfügung?“

    „Dreißig Speculatores für die unmittelbare Sicherung. Zwölf weitere können wir vom rückwärtigen Beobachtungsposten heranziehen.“

    „Gut. Die dreißig begleiten uns. Die anderen zwölf bleiben zunächst in Reserve.“

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Du erwartest einen Angriff?“

    „Ich erwarte, dass jemand verhindern möchte, dass wir die alte Lichtung erreichen.“

    „Germanen?“

    „Vielleicht.“

    Faustus befestigte sein Schwert.

    „Allerdings habe ich noch nie erlebt, dass sich germanische Krieger besonders für römische Vermessungsarbeiten interessieren.“

    Sisenna lachte.

    „Vielleicht wollen sie selbst eine Straße bauen.“

    „Dann sollten wir ihnen unsere besten Ingenieure schicken.“

    Faustus wurde ernst.

    „Ich will zwei Beobachtungsposten nördlich der Lichtung. Eine weitere Gruppe sichert den südlichen Zugang. Niemand verlässt den Bereich, ohne dass wir es erfahren.“

    „Und die Legionäre?“

    „Die arbeiten.“

    Er schwang sich auf sein Pferd.

    „Eine Straße baut sich schließlich nicht von allein.“

    Wenig später setzte sich die Marschkolonne in Bewegung. An ihrer Spitze ritten vier Männer der Exploratio Imperii. Dahinter folgten die Vermesser, die Pioniere und die ersten Arbeitsabteilungen. Faustus ritt neben dem Centurio Marcus Flavius Severus.

    „Wie viele Männer hast du heute eingesetzt?“

    „Zweihundert für die Erdarbeiten, achtzig für den Steintransport und vierzig Zimmerleute. Weitere Männer sichern die Versorgung und den rückwärtigen Straßenabschnitt.“

    „Ausgezeichnet.“

    Severus musterte ihn.

    „Du hast mir gestern nicht alles erzählt.“

    „Nein.“

    „Wirst du es heute tun?“

    „Sobald ich weiß, was wir suchen.“

    Der Centurio schüttelte den Kopf.

    „Bei den Göttern, Faustus! Mit dir wird selbst der Bau einer Straße zu einem Feldzug.“

    „Eine Straße, mein lieber Severus, ist nichts anderes als ein sehr langer militärischer Aufmarschweg.“

    II. SECUNDA HORA – DIE ALTE LICHTUNG

    Handlungsstrang II – Die Straßenbauer

    Die alte Lichtung lag zwischen zwei niedrigen bewaldeten Höhenzügen. Ein kleiner Bach durchquerte ihren östlichen Rand. Im Süden erhob sich ein teilweise überwachsener Hügel.

    Die Vermesser hatten den geplanten Straßenverlauf bereits mit Holzpflöcken markiert. Severus betrachtete das Gelände.

    „Hier müssen wir ungefähr vier Fuß Erdreich abtragen, bevor wir einen ausreichend festen Untergrund erreichen.“

    Ein erfahrener Militärvermesser namens Lucius Petronius Varus schüttelte den Kopf.

    „Nicht unbedingt, Centurio.“

    „Warum?“

    „Seht Euch diese Erhebung an.“

    Varus zeigte auf den Hügel.

    „Der Boden fällt nach beiden Seiten ab. Aber hier verläuft eine ungewöhnlich gerade Linie.“

    Faustus trat hinzu.

    „Was bedeutet das?“

    „Vielleicht gar nichts. Vielleicht aber, dass hier bereits einmal Menschen gearbeitet haben.“

    Severus lachte.

    „In diesem Wald?“

    „Auch Germanen bauen Befestigungen.“

    Faustus kniete nieder. Er entfernte etwas Moos und Erde. Darunter kam ein flacher Stein zum Vorschein. Er strich mit den Fingern darüber.

    „Das ist kein gewöhnlicher Feldstein.“

    Varus beugte sich neben ihn.

    „Nein. Er wurde bearbeitet.“

    Faustus erhob sich.

    „Centurio, lass zunächst einen schmalen Suchgraben anlegen. Keine schweren Werkzeuge unmittelbar an den Steinen.“

    Severus rief seine Männer zusammen.

    „Ihr habt den Biarchus gehört! Zwei Arbeitsgruppen zu mir! Schaufeln und Hacken!“

    Ein Legionär betrachtete den Hügel.

    „Was suchen wir eigentlich?“

    Sein Kamerad zuckte mit den Schultern.

    „Vielleicht einen vergrabenen Schatz.“

    „Dann hoffe ich, dass Faustus ihn mit uns teilt.“

    Severus drehte sich um.

    „Wenn ihr beide weiterhin so viel redet, findet ihr heute höchstens eure eigene Grabstelle!“

    Die Legionäre lachten. Dann begannen sie zu arbeiten.

    III. TERTIA HORA – DIE UNBEKANNTEN AUFTRAGGEBER

    Handlungsstrang III – Das Haus am Rhein

    Während die Legionäre auf der alten Lichtung arbeiteten, erreichte ein erschöpfter Reiter ein abgelegenes Landhaus südlich von Mogontiacum. Er übergab seine Pferdezügel einem wartenden Diener und betrat das Gebäude. Im Inneren saßen drei Männer an einem Tisch. Einer trug die Kleidung eines wohlhabenden römischen Kaufmanns. Der zweite war ein ehemaliger Soldat. Der dritte saß im Schatten. Sein Gesicht blieb verborgen.

    „Berichte“, befahl der Mann im Schatten. Der Reiter verneigte sich.

    „Die Köhlerhütte wurde entdeckt.“

    Der Kaufmann stellte seinen Becher ab.

    „Von wem?“

    „Von der Exploratio Imperii.“

    Der ehemalige Soldat fluchte.

    „Faustus Iunius Rupa!“

    Der Reiter nickte.

    „Er hat drei unserer Männer gefangen genommen.“

    „Und die Unterlagen?“

    „Vermutlich ebenfalls.“

    Eine unangenehme Stille entstand. Schließlich fragte der Mann im Schatten:

    „Was ist mit der alten Lichtung?“

    „Die Legionäre haben sie heute Morgen erreicht.“

    Der Kaufmann sprang auf.

    „Dann müssen wir sofort handeln!“

    Der Mann im Schatten hob die Hand.

    „Setz dich.“

    Er wandte sich an den ehemaligen Soldaten.

    „Wie viele Männer kannst du aufbieten?“

    „Fünfzig. Vielleicht sechzig, wenn ich die Leute aus dem südlichen Waldlager heranziehe.“

    „Wie viele davon sind zuverlässig?“

    „Dreißig.“

    „Dann nimm die dreißig.“

    Der Kaufmann protestierte.

    „Dreißig Männer gegen eine römische Legion? Das ist Wahnsinn!“

    „Niemand hat gesagt, dass sie gegen die Legion kämpfen sollen.“

    Der Unbekannte beugte sich vor.

    „Sie sollen die Arbeiten unterbrechen, die Vermessungsunterlagen vernichten und verhindern, dass jemand die unterirdische Anlage betritt.“

    Der ehemalige Soldat nickte.

    „Wir könnten die Zugtiere aufscheuchen und gleichzeitig die Baustelle angreifen.“

    „Genau.“

    „Und Faustus?“

    Der Mann im Schatten schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, nehmt ihn gefangen.“

    Der Kaufmann blickte entsetzt auf.

    „Gefangen? Dieser Mann wird uns alle erkennen!“

    „Deshalb darf er nicht entkommen.“

    IV. QUARTA HORA – DER ERSTE FUND

    Handlungsstrang IV – Die verborgene Anlage

    „BIARCHUS!“

    Der Ruf eines Legionärs hallte über die Lichtung. Faustus eilte zum Suchgraben. Dort hatten die Männer eine Reihe sorgfältig bearbeiteter Steinquader freigelegt. Die Steine bildeten eine gerade Linie, die unter dem Hügel verschwand. Varus kniete neben dem Fund.

    „Seht Euch das an.“

    Er zeigte auf die Fugen.

    „Die Steine wurden mit bemerkenswerter Genauigkeit gesetzt.“

    Severus runzelte die Stirn.

    „Eine Mauer?“

    „Möglicherweise.“

    Faustus betrachtete die Konstruktion.

    „Oder der Eingang zu etwas Größerem.“

    Die Legionäre setzten ihre Arbeit fort. Nach einer weiteren halben Stunde entdeckten sie einen flachen Steinbogen. Dahinter befand sich ein vollständig mit Erde verschütteter Hohlraum.

    Varus betrachtete den Bogen.

    „Das sieht nach römischer Bauweise aus.“

    Faustus erstarrte.

    „Bist du sicher?“

    „Nein. Aber ich würde mein nächstes Monatsgehalt darauf verwetten.“

    Severus grinste.

    „Dann müssen wir besonders vorsichtig sein. Varus verliert sein Geld nur äußerst ungern.“

    Faustus trat näher. In einem der Steine entdeckte er eine eingeritzte Markierung. Drei senkrechte Striche. Darunter ein kleiner Kreis.

    „Sisenna!“

    Der Speculator erschien.

    „Was gibt es?“

    Faustus zeigte auf die Markierung.

    „Hast du dieses Zeichen schon einmal gesehen?“

    Sisenna betrachtete es. Sein Gesicht veränderte sich.

    „Ja.“

    „Wo?“

    „Auf einer Wachstafel, die wir bei einem unserer Informanten gefunden haben.“

    Faustus sah ihn an.

    „Bist du sicher?“

    „Vollkommen.“

    Der Biarchus richtete sich auf.

    „Dann haben wir möglicherweise gerade den Grund gefunden, weshalb unsere Freunde den Straßenbau verhindern wollen.“

    Er wandte sich an Severus.

    „Die Arbeiten werden fortgesetzt. Aber ab sofort bewachen meine Männer jeden Zugang zu diesem Hügel.“

    V. QUINTA HORA – DIE EXPLORATIO SCHLÄGT ALARM

    Handlungsstrang V – Die Beobachtungsposten

    Sisenna hatte seine Männer sorgfältig verteilt. Sechs Speculatores beobachteten den nördlichen Waldrand. Weitere sechs sicherten den östlichen Zugang. Eine bewegliche Gruppe kontrollierte die Wege, die von der Lichtung in Richtung Rhein führten. Der Rest hielt sich in unmittelbarer Nähe der Baustelle auf. Aulus, der junge Speculator, entdeckte als Erster die fremden Männer. Er lag auf einer kleinen Anhöhe, als sich im Unterholz eine Bewegung zeigte. Zunächst glaubte er, ein Reh entdeckt zu haben. Dann erkannte er einen Mann. Und noch einen. Und schließlich eine ganze Gruppe. Die Fremden bewegten sich vorsichtig zwischen den Bäumen. Einige trugen germanische Kleidung.

    Andere waren mit römischen Schwertern ausgerüstet. Aulus zog sich langsam zurück. Er erreichte seinen Gruppenführer.

    „Mindestens zwanzig Bewaffnete. Sie bewegen sich von Nordosten auf die Lichtung zu.“

    „Haben sie dich entdeckt?“

    „Nein.“

    „Gut. Melde es Sisenna.“

    Wenig später erhielt Faustus die Nachricht. Er stand gerade am freigelegten Steinbogen.

    „Wie viele?“

    „Mindestens zwanzig. Weitere Männer könnten folgen.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Sie kommen früher als erwartet.“

    Severus trat neben ihn.

    „Was hast du vor?“

    „Du lässt deine Männer weiterarbeiten.“

    „Während Bewaffnete auf uns zumarschieren?“

    „Genau.“

    Severus starrte ihn an.

    „Du bist vollkommen verrückt.“

    Faustus lächelte.

    „Das behauptet Sisenna auch ständig.“

    Er zeigte auf den südlichen Waldrand.

    „Dort stellst du eine bewaffnete Reserve bereit. Unauffällig. Deine übrigen Männer bleiben bei ihren Arbeitsgruppen.“

    „Und du?“

    „Ich werde unsere Besucher empfangen.“

    VI. SEXTA HORA – DER ANGRIFF

    Handlungsstrang VI – Der Kampf um die Lichtung

    Der Angriff begann mit einem Pfeil. Er schlug in einen Holzpfosten ein, kaum zwei Schritte von einem arbeitenden Legionär entfernt.

    „DECKUNG!“

    Severus' Stimme donnerte über die Baustelle. Im nächsten Augenblick flogen weitere Pfeile aus dem Wald. Die Legionäre ließen ihre Werkzeuge fallen. Die bereitstehenden Sicherungstruppen griffen zu ihren Schilden.

    „AD ARMA!“

    Aus dem nördlichen Wald stürmten bewaffnete Männer. Ihr Ziel waren nicht die römischen Soldaten. Sie rannten auf die Vermessungsgeräte und die Wagen mit den Bauunterlagen zu.

    Faustus erkannte ihre Absicht sofort.

    „SISENNA! JETZT!“

    Ein Hornsignal ertönte. Aus dem Unterholz erhoben sich die Männer der Exploratio Imperii. Die Angreifer gerieten in einen Hagel leichter Wurfspeere. Mehrere stürzten. Andere versuchten, sich zurückzuziehen. Doch Sisenna hatte den Rückweg bereits teilweise abgeschnitten. Faustus zog sein Schwert.

    „NIEMAND VERFOLGT SIE IN DEN WALD! HALTET DIE LICHTUNG!“

    Ein kräftiger Angreifer stürmte auf ihn zu. Der Mann trug einen römischen Militärgürtel und einen beschädigten Helm. Faustus wich seinem ersten Hieb aus. Mit seinem Schild stieß er den Gegner zurück.

    „Du kämpfst wie ein Legionär!“, rief Faustus.

    Der Mann antwortete mit einem zweiten Angriff. Faustus parierte.

    „Bei welcher Einheit hast du gedient?“

    Der Gegner schwieg. Ein dritter Hieb folgte. Faustus schlug das Schwert seines Gegners zur Seite und traf ihn mit dem Schild am Oberkörper.

    Der Mann stürzte. Bevor er sich wieder erheben konnte, standen zwei Speculatores über ihm.

    „Lebend!“, befahl Faustus.

    Inzwischen hatte Severus seine Reserve herangeführt. Die Legionäre bildeten eine geschlossene Linie vor den Arbeitsgruppen.

    „SCHILDE VOR!“

    Die Angreifer erkannten, dass ihr Überraschungsangriff gescheitert war. Ihr Anführer gab das Zeichen zum Rückzug. Wenig später verschwanden die Überlebenden zwischen den Bäumen.

    Faustus hob sein Schwert.

    „HALTEN!“

    Er blickte über die Lichtung.

    „Verwundete versorgen! Gefangene sichern! Und niemand verlässt seine Stellung!“

    Severus trat neben ihn.

    „Du hattest recht.“

    „Womit?“

    „Diese Männer wollten nicht gegen uns kämpfen.“

    Faustus betrachtete die beschädigten Vermessungsgeräte.

    „Nein.“

    Er steckte sein Schwert weg.

    „Sie wollten verhindern, dass wir etwas finden.“

    VII. SEPTIMA HORA – DAS VERHÖR

    Handlungsstrang VII – Der gefangene ehemalige Legionär

    Der gefangene Angreifer saß auf einem umgestürzten Baumstamm. Seine Hände waren gefesselt. Ein Militärarzt hatte eine Platzwunde an seiner Stirn versorgt. Faustus setzte sich ihm gegenüber.

    „Dein Name.“

    Schweigen.

    „Deine ehemalige Einheit.“

    Keine Antwort. Faustus betrachtete den Militärgürtel.

    „Du hast gedient. Das sehe ich an deiner Ausrüstung und deiner Kampfweise.“

    Der Mann spuckte aus.

    „Dann weißt du mehr als ich.“

    Faustus lächelte.

    „Ausgezeichnet. Wir machen Fortschritte.“

    Er nahm eine Wachstafel.

    „Ich könnte dich natürlich nach Mogontiacum bringen und dort den zuständigen Offizieren übergeben.“

    Der Mann zeigte keine Reaktion.

    „Allerdings vermute ich, dass du nicht besonders daran interessiert bist, deinen Auftraggebern wiederzubegegnen.“

    Jetzt hob der Gefangene den Kopf. Faustus bemerkte es sofort.

    „Du hast Angst vor ihnen.“

    „Ich habe vor niemandem Angst.“

    „Natürlich nicht.“

    Faustus erhob sich.

    „Dann wirst du sicher nichts dagegen haben, wenn ich bekannt gebe, dass du uns sämtliche Informationen freiwillig geliefert hast.“

    Der Mann sprang auf. Sofort drückten ihn die Wachen zurück.

    „Das kannst du nicht tun!“

    Faustus blieb stehen.

    „Warum nicht?“

    Der Gefangene atmete schwer.

    „Sie werden meine Familie töten.“

    Faustus' Gesicht wurde ernst.

    Er setzte sich erneut.

    „Dann solltest du mir helfen, sie zu finden, bevor deine Auftraggeber erfahren, dass du noch lebst.“

    Lange herrschte Schweigen. Schließlich begann der Mann zu sprechen.

    „Ich kenne ihre Namen nicht.“

    „Dann erzähle mir, was du weißt.“

    „Wir sollten die Baustelle angreifen und die Vermessungsunterlagen vernichten.“

    „Warum?“

    Der Mann blickte zum Hügel.

    „Weil darunter etwas liegt.“

    „Was?“

    Der Gefangene schüttelte den Kopf.

    „Ich weiß es nicht. Aber unser Auftraggeber sagte, wenn die Römer die Anlage entdecken, verlieren sehr mächtige Männer alles.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Welche Männer?“

    Der Gefangene flüsterte:

    „Männer, die Befehle erteilen, ohne jemals ein Schwert zu tragen.“

    VIII. OCTAVA HORA – DER EINGANG

    Handlungsstrang VIII – Die verborgene Kammer

    Die Straßenbauer hatten inzwischen den Steinbogen vollständig freigelegt. Dahinter kam ein schmaler, gemauerter Gang zum Vorschein. Er führte schräg unter den Hügel.

    Varus untersuchte das Mauerwerk.

    „Die Konstruktion ist alt. Möglicherweise mehrere Jahrzehnte.“

    Faustus nahm eine Öllampe.

    „Wie stabil ist der Gang?“

    „Das kann ich erst beurteilen, wenn wir weiter vorgedrungen sind.“

    „Dann gehst du voraus.“

    Varus sah ihn an.

    „Warum ich?“

    „Weil du unser Fachmann bist.“

    „Und wenn die Decke einstürzt?“

    „Dann werde ich dafür sorgen, dass man dich als ausgezeichneten Vermesser in Erinnerung behält.“

    Varus schüttelte den Kopf.

    „Du bist wirklich ein schlechter Mensch, Faustus.“

    „Das höre ich heute bereits zum dritten Mal.“

    Unter der Aufsicht des Vermessers betraten Faustus, Sisenna und vier Speculatores den Gang. Die Luft war kühl. Feuchtigkeit tropfte von der Decke. Nach ungefähr zwanzig Schritten erreichten sie eine massive Holztür. Das Holz war teilweise verfault. Doch die eisernen Beschläge waren noch immer erkennbar. Sisenna untersuchte das Schloss.

    „Diese Tür wurde von außen verschlossen.“

    Faustus betrachtete die Beschläge.

    „Und offenbar wollte jemand verhindern, dass sie jemals wieder geöffnet wird.“

    Zwei Speculatores setzten Brechstangen an. Das alte Holz ächzte. Schließlich gab die Tür nach. Dahinter lag eine unterirdische Kammer. Die Männer hoben ihre Lampen. Was sie sahen, ließ selbst Faustus verstummen.

    IX. NONA HORA – SUB TERRA VERITAS

    Handlungsstrang IX – Das Geheimnis unter der Erde

    Die Kammer war größer, als Faustus erwartet hatte. Entlang der Wände standen schwere Holzregale. Die meisten waren längst zusammengebrochen. Auf dem Boden lagen zerbrochene Amphoren, verrostete Werkzeuge und die Reste mehrerer Holzkisten. Doch das eigentlich Überraschende befand sich am hinteren Ende des Raumes. Dort standen drei große Truhen.

    Ihre eisernen Beschläge waren mit ungewöhnlicher Sorgfalt gefertigt worden. Sisenna betrachtete die erste.

    „Ein geheimes Waffenlager?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Vielleicht.“

    Er ließ die Truhe öffnen. Darin lagen zahlreiche sorgfältig verschnürte Wachstafeln, mehrere versiegelte Schriftrollenbehälter und eine kleine Holzkassette.

    Faustus nahm einen der Behälter. Das Siegel war beschädigt. Doch ein Teil des Abdrucks ließ sich noch erkennen. Ein Adler. Darunter drei senkrechte Striche. Und ein Kreis.

    Dasselbe Zeichen, das sie bereits auf dem Steinbogen entdeckt hatten.

    „Sisenna.“

    „Wir haben das Zeichen wiedergefunden.“

    Der Speculator trat näher.

    „Was bedeutet es?“

    „Das werden wir herausfinden.“

    Faustus öffnete den Behälter. Im Inneren befand sich ein Schriftstück, dessen Oberfläche durch Feuchtigkeit stark beschädigt war. Einige Wörter ließen sich noch entziffern.

    Transportus.

    Custodia.

    Imperium.

    Und schließlich ein Name.

    Faustus hielt die Lampe näher. Sein Gesicht veränderte sich. Sisenna bemerkte es.

    „Kennst du ihn?“

    Faustus antwortete nicht sofort. Dann sagte er:

    „Ich kenne diesen Namen aus unseren Ermittlungen.“

    Er legte das Schriftstück vorsichtig zurück.

    „Und ich glaube, wir haben gerade etwas entdeckt, das weit über den Bau einer Straße hinausgeht.“

    X. DECIMA HORA – DER ZWEITE ANGRIFF

    Handlungsstrang X – Die Entscheidung des Faustus

    Während Faustus die unterirdische Kammer untersuchte, erreichte ein weiterer Melder die Lichtung. Severus nahm die Nachricht entgegen. Sein Gesicht verdüsterte sich.

    „Wie viele?“

    „Ungefähr vierzig Bewaffnete. Sie nähern sich von Westen.“

    „Verdammt!“

    Der Centurio ließ sofort Alarm geben.

    „ALLE VERFÜGBAREN MÄNNER ZU DEN WAFFEN!“

    Ein Speculator eilte in den unterirdischen Gang.

    „Biarchus! Ein weiterer Angriff steht bevor!“

    Faustus schloss die Truhe.

    „Wie viele Gegner?“

    „Vierzig, vielleicht mehr.“

    „Und unsere Männer?“

    „Severus hat die Sicherung verstärkt.“

    Faustus überlegte. Dann traf er seine Entscheidung.

    „Sisenna, du bleibst mit sechs Männern hier.“

    „Und du?“

    „Ich übernehme die Verteidigung der Lichtung.“

    „Was soll ich mit den Unterlagen machen?“

    Faustus zeigte auf die Truhen.

    „Alles sichern. Niemand darf diese Kammer betreten, der nicht ausdrücklich von mir dazu ermächtigt wurde.“

    Er hielt inne.

    „Und wenn wir die Lichtung verlieren?“

    Sisenna sah ihn an. Faustus antwortete ruhig:

    „Dann bringst du die wichtigsten Schriftstücke nach Mogontiacum.“

    „Und wenn ich den Ausgang nicht mehr erreiche?“

    Faustus legte ihm die Hand auf die Schulter.

    „Dann suchst du einen anderen.“

    Er zog sein Schwert.

    „Aber ich habe nicht vor, diesen verdammten Hügel heute aufzugeben.“

    XI. UNDECIMA HORA – DIE SCHLACHT UM DIE STRASSE

    Handlungsstrang XI – Die Legio XXII Primigenia

    Der zweite Angriff traf auf vorbereitete römische Stellungen. Severus hatte die Arbeitsgruppen zurückgenommen und seine bewaffneten Männer entlang einer niedrigen Geländekante aufgestellt. Die schweren Transportwagen bildeten eine zusätzliche Sperre. Als die ersten Angreifer zwischen den Bäumen auftauchten, ertönte das römische Hornsignal.

    „PILA PARATE!“

    Die Legionäre hoben ihre Wurfspeere.

    „MITTITE!“

    Die erste Salve traf die Angreifer. Einige stürzten. Andere suchten hinter Bäumen Deckung. Doch diesmal waren die Gegner besser vorbereitet. Sie versuchten nicht, die römische Linie frontal zu durchbrechen. Stattdessen griffen kleinere Gruppen gleichzeitig die Flanken der Baustelle an. Ihr eigentliches Ziel war der freigelegte Eingang zur unterirdischen Anlage.

    Faustus erkannte den Plan.

    „SEVERUS! SIE WOLLEN ZUM HÜGEL!“

    Der Centurio reagierte sofort.

    „ZWEITE GRUPPE! ZUM EINGANG!“

    Faustus führte seine Speculatores persönlich gegen die Angreifer. Zwischen den abgestellten Wagen entwickelte sich ein heftiger Nahkampf. Ein Gegner versuchte, mit einer brennenden Fackel einen Wagen in Brand zu setzen. Aulus sprang vor. Mit seinem Schild schlug er die Fackel zur Seite. Der Angreifer zog ein Messer. Aulus wich zurück. Im nächsten Augenblick stand Faustus neben ihm. Ein schneller Schildstoß. Ein gezielter Schlag. Der Gegner ging zu Boden.

    „Aulus!“

    „Ja, Biarchus!“

    „Wenn du unbedingt sterben willst, dann bitte erst nach deiner nächsten Beförderung!“

    „Jawohl!“

    Die römischen Sicherungstruppen rückten geschlossen vor. Als weitere Legionäre aus dem rückwärtigen Straßenabschnitt eintrafen, brach der Angriff endgültig zusammen. Die überlebenden Gegner flohen in den Wald. Faustus verbot eine unkontrollierte Verfolgung. Stattdessen ließ er die Zufahrtswege sichern und sämtliche Gefangenen zusammentreiben.

    Der Kampf war beendet. Die Straße gehörte weiterhin Rom.

    XII. DUODECIMA HORA – DIE WAHRHEIT BEGINNT

    Handlungsstrang XII – Faustus und Sisenna

    Am späten Nachmittag kehrte Faustus in die unterirdische Kammer zurück. Sisenna erwartete ihn bereits. Vor ihm lagen mehrere geöffnete Schriftrollenbehälter.

    „Du solltest dir das ansehen.“

    Faustus trat an den Tisch, den die Speculatores inzwischen aus Brettern errichtet hatten.

    „Was hast du gefunden?“

    Sisenna zeigte auf eine Wachstafel.

    „Transportlisten.“

    „Von wann?“

    „Vor ungefähr dreißig Jahren.“

    Faustus betrachtete die Einträge. Es handelte sich um Aufzeichnungen über Waffen, Edelmetalle und militärische Ausrüstung. Doch die angegebenen Mengen waren ungewöhnlich hoch.

    „Das kann nicht stimmen.“

    Sisenna nickte.

    „Genau das habe ich auch gedacht.“

    Faustus untersuchte eine weitere Tafel. Darauf befanden sich Namen römischer Offiziere, Händler und Verwaltungsbeamter. Einige waren längst verstorben. Andere hatten inzwischen bedeutende Positionen innerhalb des Imperiums erreicht. Und dann entdeckte Faustus einen Eintrag, der ihn endgültig überzeugte, dass die Anlage kein gewöhnliches Depot war.

    Neben mehreren Transporten stand dieselbe Abkürzung.

    CUSTODIA OCCULTA.

    Geheime Verwahrung.

    „Sisenna, wir haben kein gewöhnliches Warenlager entdeckt.“

    „Sondern?“

    Faustus betrachtete die Schriftstücke.

    „Ein geheimes Depot, das möglicherweise dazu benutzt wurde, militärische Güter und Geld außerhalb der regulären Verwaltung zu verschieben.“

    „Und die Männer, die uns angegriffen haben?“

    „Sie wollten verhindern, dass diese Unterlagen entdeckt werden.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Dann sind wir auf etwas gestoßen, das sehr mächtige Leute interessieren dürfte.“

    Faustus nickte.

    „Allerdings.“

    Er nahm eine leere Wachstafel.

    „Wir werden eine vollständige Bestandsaufnahme anfertigen. Jede Truhe, jedes Schriftstück und jedes Siegel wird einzeln verzeichnet.“

    „Und anschließend?“

    „Anschließend finden wir heraus, wer dieses Depot eingerichtet hat.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Und wer es heute noch benutzt.“

    Faustus lächelte.

    „Du lernst.“

    XIII. VESPERA – DER BERICHT

    Handlungsstrang XIII – Ein gefährlicher Entschluss

    Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, saß Faustus in seinem provisorischen Officium. Vor ihm lagen die ersten Berichte. Die Straße war weiterhin unter römischer Kontrolle.

    Die Angriffe waren abgewehrt worden. Die Verwundeten wurden versorgt. Die unterirdische Anlage war gesichert. Doch die eigentliche Gefahr hatte gerade erst begonnen. Sisenna betrat das Zelt.

    „Die Gefangenen sind getrennt untergebracht. Severus hat die Wachen verdoppelt.“

    „Gut.“

    „Was machen wir mit den Schriftstücken?“

    Faustus betrachtete die versiegelten Behälter.

    „Wir schicken nicht alles nach Mogontiacum.“

    Sisenna hob die Augenbrauen.

    „Warum nicht?“

    „Weil wir noch immer nicht wissen, wem wir vertrauen können.“

    Er nahm drei Wachstafeln.

    „Ein Bericht geht an die zuständige militärische Führung. Ein zweiter enthält ausschließlich die Angaben über die Angriffe. Und den dritten behalte ich.“

    „Weshalb?“

    Faustus sah ihn an.

    „Weil ich wissen möchte, wer zuerst nach den gefundenen Unterlagen fragt.“

    Sisenna grinste.

    „Wieder eine Falle?“

    „Eine sehr einfache.“

    Faustus stand auf und trat vor das Zelt. In der Ferne hörte er die Stimmen der Legionäre. Trotz der beiden Angriffe waren die Männer bereits damit beschäftigt, die beschädigten Arbeitsgeräte zu reparieren. Am folgenden Morgen würden sie ihre Arbeit fortsetzen. Die Straße musste gebaut werden. Doch Faustus wusste inzwischen, dass unter dieser Straße möglicherweise ein Geheimnis verborgen lag, das seit Jahrzehnten Menschenleben kostete. Er blickte zum dunklen Wald.

    „Sisenna.“

    „Ja?“

    „Morgen beginnen wir mit der zweiten Kammer.“

    „Welche zweite Kammer?“

    Faustus drehte sich um.

    „Unser Vermesser hat hinter der Nordwand einen weiteren Hohlraum entdeckt.“

    Sisenna starrte ihn an.

    „Warum erfahre ich das erst jetzt?“

    Faustus lächelte.

    „Weil ich unseren Besuchern für morgen noch eine kleine Überraschung bereiten möchte.“

    XIV. NOX – DER MANN IM SCHATTEN

    Handlungsstrang XIV – Die Verschwörung reagiert

    Im abgelegenen Landhaus südlich von Mogontiacum herrschte angespannte Stille. Der Kaufmann stand vor dem Mann im Schatten.

    „Unsere Männer sind geschlagen worden.“

    „Wie viele Verluste?“

    „Wir wissen es nicht genau.“

    „Und die Anlage?“

    „Die Römer haben sie betreten.“

    Der Unbekannte schwieg. Dann fragte er:

    „Haben sie die zweite Kammer gefunden?“

    „Noch nicht.“

    Der Mann im Schatten erhob sich langsam.

    „Dann besteht noch Hoffnung.“

    Er ging zum Fenster. Draußen begann es zu regnen.

    „Faustus Iunius Rupa darf diese Kammer niemals öffnen.“

    Der ehemalige Soldat trat vor.

    „Soll ich weitere Männer schicken?“

    „Nein.“

    „Was dann?“

    Der Unbekannte wandte sich um.

    „Wir werden die Römer selbst dafür sorgen lassen, dass Faustus seine Ermittlungen einstellen muss.“

    Er nahm eine Schriftrolle. Dann brach er ein frisches Siegel aus rotem Wachs auf.

    „Morgen erhält der Legat in Mogontiacum eine Beschwerde über eigenmächtige militärische Operationen der Exploratio Imperii.“

    Der Kaufmann lächelte.

    „Und wer wird diese Beschwerde unterschreiben?“

    Der Mann im Schatten betrachtete ihn.

    „Jemand, dessen Namen selbst ein römischer Legat nicht ohne Weiteres ignorieren kann.“

    Er versiegelte das Schreiben.

    „Faustus glaubt, seine Gegner befänden sich im Wald.“

    Ein kaltes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

    „Er wird bald erfahren, dass die gefährlichsten Gegner nicht aus dem Wald kommen.“

    ENDE DIES XX – SUB TERRA VERITAS

    DIES XXI – CAMERA OCCULTA

    Die verborgene Kammer

    Am folgenden Morgen beginnen die Legionäre mit der Öffnung der zweiten Kammer. Faustus entdeckt Hinweise auf eine Verbindung zwischen dem geheimen Depot und der gegenwärtigen Verschwörung in Mogontiacum. Gleichzeitig trifft beim Legaten eine schwerwiegende Beschwerde gegen die Exploratio Imperii ein. Faustus muss sich entscheiden, ob er einem drohenden Befehl zur Einstellung seiner Ermittlungen gehorcht oder versucht, das Geheimnis zu sichern, bevor seine Gegner zuschlagen.

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    Die verborgene Kammer

    I. PRIMA HORA – DER KRIEGSRAT

    Handlungsstrang I – Publius Trebellius Ovinianus

    Der Morgen begann mit Regen.

    Dicke Nebelschwaden zogen zwischen den mächtigen Eichen und Buchen hindurch. Die Erde war aufgeweicht, die Wege schlammig, und von den beiden Angriffen des vergangenen Tages zeugten noch immer beschädigte Transportwagen, zerbrochene Werkzeuge und zahlreiche Fußspuren.

    Im provisorischen Stabszelt der Legio XXII Primigenia brannten mehrere Öllampen. Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus stand über einer ausgebreiteten Geländekarte. Neben ihm warteten die Centurionen Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus.

    Biarchus Faustus Iunius Rupa betrat das Zelt. Er grüßte militärisch.

    „Biarchus Faustus Iunius Rupa meldet sich zur morgendlichen Lagebesprechung, Tribun.“

    Ovinianus erwiderte den Gruß.

    „Du siehst aus, als hättest du wieder einmal die ganze Nacht damit verbracht, nach Feinden zu suchen.“

    „Nicht ganz, Tribun. Einen Teil der Nacht habe ich damit verbracht, unsere Freunde vom gestrigen Tag zu befragen.“

    „Und?“

    „Sie sind ausgesprochen schweigsam.“

    Kaeso grinste.

    „Vielleicht liegt es daran, dass du ihnen keine anständige Cena angeboten hast.“

    „Ich werde deinen Vorschlag berücksichtigen, Centurio. Allerdings befürchte ich, dass unsere Vorräte an Falernum für solche Verhandlungen nicht ausreichen.“

    Ovinianus schlug mit dem Finger auf die Karte.

    „Meine Herren! Wir haben eine Straße zu bauen. Ich möchte heute keine weiteren Überraschungen erleben.“

    Er blickte zunächst zu Spurius.

    „Wie steht es um deine Männer?“

    „Die neunte Kohorte hat die beschädigten Arbeitsgeräte weitgehend ersetzt. Zweihundert Legionäre stehen für die Erdarbeiten bereit. Weitere Männer kümmern sich um die Entwässerungsgräben.“

    „Und die Bodenverhältnisse?“

    „Schlecht. Der Regen hat uns einen Teil der gestrigen Arbeit zunichtegemacht. Wenn wir nicht sofort für einen ausreichenden Wasserabfluss sorgen, versinkt unser schöner römischer Straßenbau im germanischen Schlamm.“

    Ovinianus nickte.

    „Dann beginne mit der Entwässerung. Anschließend werden die Erdarbeiten fortgesetzt.“

    Er wandte sich Kaeso zu.

    „Und die zehnte Kohorte?“

    „Achtzig Mann für den Steintransport. Die Wagen stehen bereit. Außerdem habe ich vierzig Männer für die Bearbeitung und Verlegung der Steine vorgesehen.“

    „Ausgezeichnet.“

    Schließlich betrachtete der Tribun Faustus.

    „Und du?“

    „Fünfzig Mann der Exploratio Imperii. Dreißig sichern unmittelbar die Baustelle und den Hügel. Zwölf beobachten die umliegenden Wälder und Verkehrswege. Acht bleiben als bewegliche Reserve verfügbar.“

    „Erwartest du einen dritten Angriff?“

    „Nein.“

    Ovinianus hob überrascht die Augenbrauen.

    „Endlich einmal eine erfreuliche Nachricht.“

    „Ich erwarte etwas Unangenehmeres.“

    „Und das wäre?“

    „Dass unsere Gegner versuchen werden, uns mit römischen Befehlen aufzuhalten.“

    Im Zelt wurde es still.

    Ovinianus richtete sich auf.

    „Erkläre dich.“

    Faustus legte eine Wachstafel auf den Tisch.

    „Die Männer, die uns gestern angegriffen haben, wollten weder unsere Vorräte noch unsere Waffen. Ihr Ziel waren die Vermessungsunterlagen und der Zugang zu jener unterirdischen Anlage.“

    „Das wissen wir bereits.“

    „Aber weshalb greifen ehemalige römische Soldaten eine römische Baustelle an? Weshalb riskieren sie ihr Leben für einige alte Truhen?“

    Spurius verschränkte die Arme.

    „Weil sie dafür bezahlt werden.“

    „Richtig. Und wer bezahlt Männer dafür, dass sie römische Soldaten angreifen?“

    Niemand antwortete. Faustus zeigte auf die Wachstafel.

    „Jemand, der befürchtet, dass wir dort unten etwas entdecken, das niemals wieder ans Tageslicht gelangen sollte.“

    Ovinianus betrachtete den Biarchus lange.

    „Du erhältst die Erlaubnis, deine Ermittlungen fortzusetzen. Allerdings unter einer Bedingung.“

    „Tribun?“

    „Die Straße wird gebaut. Ich werde nicht zulassen, dass aus einem militärischen Bauauftrag eine private Schatzsuche wird.“

    Faustus lächelte.

    „Eine ausgezeichnete Entscheidung. Ich interessiere mich ohnehin weniger für Schätze als für die Männer, denen sie gehören.“

    „Dann sind wir uns einig.“

    Ovinianus deutete auf den Ausgang.

    „Meine Herren, an die Arbeit!“

    II. SECUNDA HORA – DIE STRASSE DES IMPERIUMS

    Handlungsstrang II – Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus

    Während Faustus seine Männer zusammenrief, begann auf der Baustelle bereits der gewohnte militärische Betrieb.

    „NONA COHORS! AD OPUS!“

    Die Stimme des Centurio Spurius Stenius Ovianus hallte über die Lichtung. Die Legionäre der neunten Kohorte griffen zu Schaufeln, Hacken und schweren eisernen Werkzeugen.

    Spurius schritt die markierte Straßenführung ab. Neben ihm ging Lucius Petronius Varus, der erfahrene Militärvermesser.

    „Wie viel Boden müssen wir heute abtragen?“

    „Wenn wir die ursprüngliche Planung beibehalten, ungefähr vier römische Fuß im Bereich der Senke.“

    Spurius blieb stehen.

    „Vier Fuß? Bei diesem Wetter?“

    „Der Boden darunter scheint tragfähig zu sein. Allerdings müssen wir das Wasser seitlich ableiten.“

    „Dann möchte ich auf beiden Seiten Entwässerungsgräben. Und zwar bevor mir die halbe Kohorte im Schlamm verschwindet!“

    Varus schmunzelte.

    „Das wäre tatsächlich ein erheblicher Verlust an Arbeitskräften.“

    Wenig später erfüllten die Schläge der Hacken die Lichtung. Die Legionäre entfernten zunächst Wurzeln und lockeres Erdreich. Anschließend wurde der tragfähige Untergrund freigelegt und verdichtet. Wo der Boden besonders feucht war, sollten zusätzliche Steinschichten eingebracht werden. Am westlichen Ende der Baustelle überwachte Kaeso Herdonius Acilianus unterdessen den Steintransport. Schwere Ochsenwagen näherten sich über den bereits befestigten Straßenabschnitt.

    „Vorsichtig mit diesem Wagen!“

    Ein Legionär sprang zur Seite, als eines der Zugtiere plötzlich stehen blieb.

    Kaeso fluchte.

    „Bei Mars! Dieses Tier besitzt mehr Eigensinn als ein germanischer Häuptling!“

    Der Fuhrmann grinste.

    „Vielleicht sollten wir ihm einen militärischen Rang verleihen, Centurio.“

    „Wenn es noch einmal stehen bleibt, bekommt es deinen Rang!“

    Die Männer lachten. Dann wurde es wieder ernst. Kaeso ließ die Steine nach Größe und Verwendungszweck sortieren. Größere Bruchsteine waren für den Unterbau vorgesehen, kleineres Material für die darüberliegenden Schichten. Der Straßenkörper sollte leicht gewölbt werden, damit Regenwasser seitlich abfließen konnte. Doch plötzlich erschien ein aufgeregter Legionär.

    „Centurio!“

    „Was gibt es?“

    „Die Männer der neunten Kohorte haben ihre Arbeiten unmittelbar am Hügel eingestellt.“

    „Weshalb?“

    „Befehl des Biarchus Faustus.“

    Kaesos Gesicht verfinsterte sich.

    „Der Biarchus hat was?“

    „Er lässt dort Ausgrabungen durchführen.“

    Kaeso legte seine Wachstafel beiseite.

    „Dann werde ich unserem geschätzten Biarchus einmal erklären, wem diese Baustelle gehört!“

    III. TERTIA HORA – DIE ZWEITE KAMMER

    Handlungsstrang III – Faustus Iunius Rupa

    Unter dem Hügel herrschte eine unangenehme Kälte. Mehrere Öllampen beleuchteten die freigelegte erste Kammer. Die gefundenen Truhen waren inzwischen nummeriert und ihre Inhalte sorgfältig verzeichnet worden. Faustus stand vor der nördlichen Mauer. Neben ihm warteten Sisenna Digitius Plautianus und der Militärvermesser Varus.

    „Zeig es mir noch einmal“, verlangte Faustus.

    Varus klopfte mit einem kleinen Eisenwerkzeug gegen die Wand. Ein dumpfer Klang. Dann bewegte er sich einige Schritte nach rechts und wiederholte den Vorgang. Diesmal klang es deutlich hohler.

    „Hinter dieser Mauer befindet sich ein weiterer Raum.“

    „Wie groß?“

    „Das kann ich nicht sagen.“

    „Und wie gelangen wir hinein?“

    Varus deutete auf eine ungewöhnlich breite Steinplatte.

    „Hier. Die Fugen sind anders gearbeitet. Möglicherweise handelt es sich um einen verschlossenen Durchgang.“

    Sisenna betrachtete die Konstruktion.

    „Dann sollten wir sie aufbrechen.“

    „Nein“, widersprach Faustus.

    „Warum nicht?“

    „Weil ich wissen möchte, weshalb jemand so viel Mühe darauf verwendet hat, diesen Zugang zu verbergen.“

    Varus nickte zustimmend.

    „Außerdem könnte die Mauer einen Teil der Decke tragen.“

    Faustus sah ihn an.

    „Das wäre allerdings ein überzeugendes Argument.“

    In diesem Augenblick erschien Kaeso am Eingang.

    „FAUSTUS!“

    Der Biarchus drehte sich um.

    „Centurio! Wie erfreulich, dich hier unten begrüßen zu dürfen.“

    „Erfreulich? Meine Männer stehen oben mit ihren Steinen herum, während du mir einen Teil der Baustelle sperrst!“

    „Nur einen sehr kleinen Teil.“

    „Einen Teil, durch den meine Straße verlaufen soll!“

    Faustus betrachtete ihn nachdenklich.

    „Dann sollten wir möglicherweise einen anderen Verlauf wählen.“

    Kaeso starrte ihn an.

    „Du willst wegen einiger alter Truhen eine militärische Straße verlegen lassen?“

    „Nicht wegen der Truhen.“

    „Weshalb dann?“

    Faustus zeigte auf die verborgene Mauer.

    „Weil sich dahinter möglicherweise der Grund befindet, weshalb gestern römische Soldaten gegen römische Soldaten gekämpft haben.“

    Kaeso schwieg. Dann trat er näher.

    „Was benötigst du?“

    „Vier erfahrene Männer, zwei Zimmerleute und ausreichend Holz, um den Durchgang abzustützen.“

    „Du bekommst sie. Aber der Tribun wird darüber entscheiden, ob wir die Straßenführung ändern.“

    Faustus nickte.

    „Selbstverständlich.“

    Kaeso betrachtete die Mauer.

    „Und wenn du dort unten tatsächlich einen Schatz findest?“

    „Dann darfst du ihn persönlich nach Mogontiacum transportieren.“

    „Sehr großzügig.“

    „Ich bin für meine Großzügigkeit bekannt.“

    Sisenna räusperte sich.

    „Vor allem, wenn andere die Arbeit erledigen.“

    Faustus lächelte.

    „Du wirst noch ein ausgezeichneter Offizier, Sisenna.“

    IV. QUARTA HORA – DIE BESCHWERDE

    Handlungsstrang IV – Der Legat in Mogontiacum

    Zur gleichen Zeit erreichte ein Meldereiter das Legionslager in Mogontiacum. Er führte ein Schreiben mit sich, dessen Siegel bereits am äußeren Umschlag erkennen ließ, dass es aus einflussreichen Kreisen stammte. Im Stabsgebäude der Legio XXII Primigenia nahm der Cornicularius das Dokument entgegen.

    „Woher kommt dieses Schreiben?“

    „Aus dem Süden. Es wurde mir mit der ausdrücklichen Anweisung übergeben, es unverzüglich dem Legaten auszuhändigen.“

    „Von wem?“

    „Das steht auf dem Siegel.“

    Wenig später lag das Schreiben auf dem Schreibtisch des Legaten. Dieser öffnete es und begann zu lesen. Sein Gesicht veränderte sich. Die Beschwerde enthielt schwerwiegende Anschuldigungen gegen die Exploratio Imperii und insbesondere gegen Biarchus Faustus Iunius Rupa. Dem Biarchus wurde vorgeworfen, eigenmächtige militärische Operationen durchgeführt, unbefugt Personen festgenommen und einen regulären Straßenbau für persönliche Ermittlungen missbraucht zu haben. Darüber hinaus behauptete der Verfasser, Faustus habe militärische Unterlagen beschlagnahmt, deren rechtmäßige Verwahrung anderen Dienststellen obliege. Der Legat las den letzten Abschnitt ein zweites Mal.

    „Interessant.“

    Sein Cornicularius wartete.

    „Legat?“

    „Offenbar hat unser Biarchus in den germanischen Wäldern etwas gefunden, das einigen Männern erhebliche Sorgen bereitet.“

    „Soll ich seine sofortige Ablösung vorbereiten?“

    „Nein.“

    Der Legat stand auf und trat ans Fenster.

    „Zunächst möchte ich wissen, was dort tatsächlich vorgefallen ist.“

    Er kehrte zu seinem Schreibtisch zurück.

    „Schicke einen Meldereiter zu Tribunus Publius Trebellius Ovinianus. Er soll mir einen vollständigen Bericht über die beiden Angriffe und sämtliche militärischen Maßnahmen des Biarchus übermitteln.“

    „Und die Ermittlungen?“

    „Bis zur Klärung unterstehen sämtliche Maßnahmen des Faustus ausdrücklich der Verantwortung des Tribuns. Die gefundenen Gegenstände und Schriftstücke sind zu sichern. Ohne meine Genehmigung darf nichts davon vernichtet oder an eine andere Dienststelle übergeben werden.“

    Der Cornicularius verneigte sich.

    „Jawohl, Legat.“

    Als der Mann den Raum verlassen hatte, nahm der Legat das Beschwerdeschreiben erneut zur Hand. Er betrachtete das Siegel.

    „Nun möchte ich allerdings wissen, weshalb sich jemand so sehr für eine alte Anlage mitten im germanischen Wald interessiert.“

    V. QUINTA HORA – DIE MAUER FÄLLT

    Handlungsstrang V – Faustus und die Exploratio Imperii

    In der unterirdischen Anlage waren inzwischen die Vorbereitungen abgeschlossen. Die Zimmerleute hatten schwere Holzbalken aufgestellt, um den vermuteten Durchgang abzustützen. Varus untersuchte noch einmal sorgfältig das Mauerwerk.

    „Wir können beginnen.“

    Faustus nickte.

    „Dann wollen wir sehen, was unsere unbekannten Freunde vor uns verstecken.“

    Zwei Legionäre entfernten vorsichtig den ersten Stein. Dahinter kam dunkler Hohlraum zum Vorschein. Ein zweiter Stein folgte. Plötzlich entwich ein kräftiger Luftzug aus der Öffnung.

    Eine der Öllampen flackerte.

    „Zurück!“, befahl Varus.

    Die Männer hielten inne. Der Vermesser beugte sich vor und betrachtete den freigelegten Spalt.

    „Interessant.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Dieses Wort höre ich heute bereits zum vierten Mal. Gewöhnlich bedeutet es, dass anschließend jemand Schwierigkeiten bekommt.“

    Varus lächelte nicht.

    „Die Luft bewegt sich. Dieser Raum besitzt möglicherweise einen weiteren Zugang oder einen Lüftungsschacht.“

    Sisenna trat näher.

    „Einen zweiten Ausgang?“

    „Möglicherweise.“

    Faustus wurde ernst.

    „Dann könnte jemand die Anlage betreten haben, ohne den uns bekannten Eingang zu benutzen.“

    Er wandte sich an Sisenna.

    „Schicke sofort sechs Männer an die nördliche Seite des Hügels. Sie sollen jeden auffälligen Geländeeinschnitt untersuchen. Aber niemand betritt einen unbekannten Gang ohne meine ausdrückliche Anweisung.“

    „Verstanden.“

    Nachdem Sisenna verschwunden war, wurden weitere Steine entfernt. Schließlich war die Öffnung groß genug, um einen Mann hindurchzulassen. Faustus nahm eine Lampe.

    „Varus?“

    „Die Abstützung hält.“

    „Ausgezeichnet. Dann werde ich jetzt feststellen, ob unsere unbekannten Freunde einen guten Geschmack bei der Inneneinrichtung besitzen.“

    Er zwängte sich durch den Durchgang. Was er auf der anderen Seite entdeckte, übertraf seine Erwartungen. Die zweite Kammer war deutlich kleiner als die erste.

    Ihre Wände bestanden aus sorgfältig bearbeiteten Steinquadern. In der Mitte stand ein schwerer Tisch. Entlang der Wände befanden sich mehrere verschlossene Behälter.

    Doch der Raum war keineswegs seit Jahrzehnten unberührt geblieben. Auf dem Tisch lagen Wachstafeln. Daneben stand eine kleine Öllampe. Faustus berührte vorsichtig ihren Rand.

    „Varus!“

    „Ja?“

    „Sieh dir das an.“

    Der Vermesser trat hinzu.

    „Was?“

    „Diese Lampe.“

    Varus untersuchte sie.

    „Sie ist nicht besonders alt.“

    „Das meine ich nicht.“

    Faustus zeigte auf den Docht.

    „Sie wurde vor Kurzem benutzt.“

    Der Vermesser blickte überrascht auf. Faustus betrachtete die Wachstafeln.

    „Meine Herren, wir haben gerade einen Raum entdeckt, der keineswegs vergessen wurde.“

    VI. SEXTA HORA – DIE BEWEISE

    Handlungsstrang VI – Das Geheimnis der Transportlisten

    Sisenna kehrte zurück, während Faustus die erste Wachstafel untersuchte.

    „Unsere Männer haben nördlich des Hügels einen teilweise verschütteten Schacht gefunden.“

    „Spuren?“

    „Mehrere Fußabdrücke. Außerdem haben wir ein Stück Seil entdeckt.“

    Faustus nickte.

    „Dann besitzt unser Depot tatsächlich einen zweiten Zugang.“

    Er zeigte auf die Wachstafeln.

    „Und offenbar wird es noch immer benutzt.“

    Sisenna betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Was steht darauf?“

    „Transportlisten.“

    „Schon wieder?“

    „Diesmal allerdings wesentlich jüngere.“

    Faustus legte mehrere Tafeln nebeneinander. Die ältesten Einträge stammten aus der Zeit, als das Depot vermutlich eingerichtet worden war. Andere Dokumente waren deutlich jünger.

    Schließlich fand er eine Aufstellung, die erst wenige Monate zuvor angefertigt worden sein musste. Darin wurden Waffenlieferungen, Edelmetalle und verschiedene militärische Ausrüstungsgegenstände aufgeführt. Mehrere Transporte waren mit denselben geheimnisvollen Zeichen gekennzeichnet, die bereits auf den älteren Unterlagen erschienen waren.

    Drei Darunter ein Kreis. Sisenna deutete auf eine Eintragung.

    „Sieh dir das an.“

    Faustus las.

    „Mogontiacum.“

    Darunter befand sich ein zweiter Ortsvermerk. Er bezeichnete einen Übergang am Rhein. Faustus legte die Tafel ab.

    „Jetzt wird es tatsächlich interessant.“

    „Was vermutest du?“

    „Dass unsere unbekannten Auftraggeber nicht nur Waffen und Geld verstecken.“

    „Sondern?“

    „Dass sie diese Güter weiterhin transportieren.“

    Sisenna betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Zu den Germanen?“

    „Möglicherweise. Aber wir werden keine Schlussfolgerungen ziehen, bevor wir die Angaben überprüft haben.“

    Er nahm eine weitere Tafel. Auf ihr standen mehrere Namen. Einer davon war durch tiefe Kratzer nahezu vollständig unleserlich gemacht worden. Ein zweiter Name war lediglich mit einer Abkürzung angegeben. Faustus erstarrte.

    „Bei allen Göttern.“

    Sisenna blickte auf.

    „Was ist?“

    Faustus deutete auf die Abkürzung.

    „Diese Kennzeichnung ist mir bereits begegnet.“

    „Wo?“

    „In Unterlagen aus unseren früheren Ermittlungen.“

    Er schwieg einen Augenblick.

    „Wir haben offenbar nicht nur eine Verbindung zwischen diesem Depot und Mogontiacum gefunden.“

    „Sondern?“

    „Möglicherweise auch den Beweis dafür, dass unsere gegenwärtige Verschwörung wesentlich älter ist, als wir angenommen haben.“

    In diesem Augenblick erschien ein Speculator.

    „Biarchus! Der Tribun verlangt deine sofortige Anwesenheit!“

    Faustus sah auf.

    „Was ist geschehen?“

    „Ein Meldereiter aus Mogontiacum ist eingetroffen.“

    VII. SEPTIMA HORA – DER BEFEHL DES TRIBUNS

    Handlungsstrang VII – Publius Trebellius Ovinianus und Faustus

    Als Faustus das Stabszelt betrat, bemerkte er sofort die angespannte Stimmung. Publius Trebellius Ovinianus stand am Tisch.

    Neben ihm warteten Spurius und Kaeso. Ein versiegeltes Schreiben lag zwischen ihnen.

    „Biarchus, tritt näher.“

    Faustus grüßte.

    „Du hast mich rufen lassen, Tribun?“

    „Allerdings.“

    Ovinianus hob das Schreiben.

    „Offenbar hast du einflussreiche Freunde.“

    Faustus betrachtete das Dokument.

    „Das überrascht mich. Gewöhnlich erfahre ich erst von meinen Freunden, wenn sie versuchen, mich umzubringen.“

    Kaeso unterdrückte ein Lächeln. Der Tribun blieb ernst.

    „Gegen dich wurde eine offizielle Beschwerde eingereicht.“

    Faustus antwortete nicht.

    „Dir werden eigenmächtige militärische Operationen, unbefugte Festnahmen und die Behinderung unseres Straßenbaus vorgeworfen.“

    „Bemerkenswert.“

    „Was genau findest du daran bemerkenswert?“

    „Dass unsere Gegner bereits wissen, welche Vorwürfe sie gegen mich erheben müssen, obwohl wir unsere gestrigen Berichte noch gar nicht vollständig nach Mogontiacum übermittelt haben.“

    Ovinianus betrachtete ihn aufmerksam.

    „Du vermutest, dass der Verfasser mit den Angreifern zusammenarbeitet?“

    „Ich halte es für möglich.“

    „Möglich reicht mir nicht.“

    „Mir ebenfalls nicht.“

    Der Tribun legte das Schreiben auf den Tisch. Der Legat verlangt einen vollständigen Bericht.

    "Bis zur Klärung stehen sämtliche deiner Maßnahmen ausdrücklich unter meiner Verantwortung."

    Faustus nickte.

    „Verstanden.“

    „Du wirst mir deshalb sämtliche gefundenen Unterlagen vorlegen.“

    „Selbstverständlich.“

    „Und sämtliche weiteren Ausgrabungen mit mir abstimmen.“

    „Auch das.“

    Ovinianus musterte ihn.

    „Du widersprichst mir heute erstaunlich wenig.“

    Faustus lächelte.

    „Ich sehe keinen Anlass dazu.“

    „Weshalb nicht?“

    „Weil der Legat ausdrücklich befohlen hat, sämtliche Beweise zu sichern.“

    Ovinianus schwieg. Faustus fuhr fort.

    „Und genau das beabsichtige ich.“

    Spurius trat näher.

    „Dann haben wir allerdings ein Problem. Der geplante Straßenverlauf führt unmittelbar über den nördlichen Teil dieser Anlage.“

    Kaeso nickte.

    „Meine Männer können die Befestigung dort nicht fertigstellen, solange wir nicht wissen, ob der Untergrund tragfähig ist.“

    Ovinianus betrachtete die Karte.

    „Dann ändern wir unsere Arbeitsplanung.“

    Er zeigte auf die östliche Seite der Lichtung.

    „Spurius, du setzt die Erdarbeiten zunächst dort fort. Kaeso, deine Männer konzentrieren sich auf den bereits vorbereiteten Straßenabschnitt.“

    Beide Centurionen bestätigten den Befehl. Dann wandte sich der Tribun wieder Faustus zu.

    „Du erhältst bis zum Abend Zeit, die zweite Kammer zu untersuchen und die wichtigsten Beweise zu sichern.“

    „Verstanden.“

    „Aber eines möchte ich unmissverständlich klarstellen.“

    Faustus richtete sich auf.

    „Tribun?“

    „Du führst deine fünfzig Männer. Ich führe diese Operation.“

    Faustus nahm Haltung an.

    „Das war zu keinem Zeitpunkt anders vorgesehen.“

    Ovinianus betrachtete ihn noch einen Augenblick. Dann nickte er.

    „Gut. Und jetzt finde heraus, weshalb jemand bereit ist, römische Soldaten zu töten, um eine alte Mauer zu schützen.“

    VIII. OCTAVA HORA – DER VERRÄTER UNTER DEN RÖMERN

    Handlungsstrang VIII – Faustus und Sisenna

    Als Faustus zur unterirdischen Anlage zurückkehrte, erwartete ihn Sisenna bereits.

    „Wir haben ein Problem.“

    Faustus blieb stehen.

    „Nur eines? Dann warst du heute ausgesprochen erfolgreich.“

    Sisenna ignorierte die Bemerkung.

    „Einer unserer Männer hat am nördlichen Schacht frische Spuren entdeckt.“

    „Wie frisch?“

    „Vermutlich aus der vergangenen Nacht.“

    „Dann war jemand nach den Angriffen hier.“

    „Ja.“

    „Hat er etwas mitgenommen?“

    „Das wissen wir noch nicht.“

    Faustus dachte nach.

    „Wer wusste gestern Abend von der zweiten Kammer?“

    Sisenna zögerte.

    „Du. Ich. Varus. Und einige der Männer, die den ersten Durchgang gesichert haben.“

    „Sonst niemand?“

    „Nicht offiziell.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Eine ausgezeichnete Antwort.“

    „Was soll das bedeuten?“

    „Dass wir jetzt herausfinden müssen, wer außer uns davon wusste.“

    Er nahm eine leere Wachstafel.

    „Sisenna, ich möchte die Namen sämtlicher Männer, die seit gestern Abend Zugang zur Anlage hatten. Außerdem sämtliche Wachwechsel, Meldereiter und Versorgungsbewegungen.“

    „Du vermutest einen Verräter?“

    „Ich vermute zunächst einmal, dass Informationen unsere Baustelle verlassen.“

    „Und wenn einer unserer eigenen Männer dahintersteckt?“

    Faustus sah ihn ernst an.

    „Dann werden wir ihn finden.“

    Sisenna nickte.

    „Und was machen wir mit dem Tribun?“

    „Wir informieren ihn.“

    „Über alles?“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    „Über sämtliche gesicherten Tatsachen. Vermutungen werden wir ausdrücklich als solche kennzeichnen.“

    Er betrachtete den dunklen Zugang zur zweiten Kammer.

    „Denn wenn ich eines aus unseren bisherigen Ermittlungen gelernt habe, dann dieses: Ein Verdacht ist noch lange kein Beweis.“

    IX. NONA HORA – DIE LETZTE TRUHE

    Handlungsstrang IX – Das Geheimnis wird größer

    Am frühen Nachmittag öffneten die Männer der Exploratio Imperii den letzten verschlossenen Behälter. Es handelte sich um eine schwere Holzkassette, deren eiserne Beschläge ungewöhnlich gut erhalten waren. Varus untersuchte den Verschluss.

    „Diese Kassette ist wesentlich jünger als die übrigen Truhen.“

    Faustus trat näher.

    „Kannst du sie öffnen?“

    „Vermutlich.“

    „Dann bitte.“

    Nach mehreren vorsichtigen Versuchen gab das Schloss nach. Im Inneren befanden sich drei versiegelte Schriftrollenbehälter und mehrere sorgfältig zusammengebundene Wachstafeln.

    Faustus nahm den ersten Behälter. Das Siegel zeigte einen Adler. Darunter drei senkrechte Striche. Und einen Kreis.

    Wieder dasselbe Zeichen. Er öffnete den Behälter vorsichtig. Die Schriftrolle enthielt eine Aufstellung verschiedener Transporte. Doch diesmal waren nicht nur Warenmengen und Bestimmungsorte angegeben. Neben mehreren Eintragungen standen Namen römischer Offiziere und Verwaltungsbeamter. Sisenna beugte sich vor.

    „Kennst du jemanden davon?“

    Faustus überflog die Liste. Plötzlich hielt er inne. Er las einen Namen ein zweites Mal. Dann legte er die Schriftrolle langsam auf den Tisch.

    „Sisenna.“

    „Ja?“

    „Hole den Tribun.“

    „Sofort?“

    „Unverzüglich.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Was hast du gefunden?“

    Faustus zeigte auf den Namen.

    „Einen Mann, dessen Verbindung zu diesem Depot unsere gesamte bisherige Untersuchung verändern könnte.“

    „Wer ist es?“

    Faustus antwortete leise:

    „Das werde ich zunächst mit dem Tribun besprechen.“

    Er rollte das Schriftstück wieder zusammen.

    „Und bis dahin verlässt niemand diese Kammer.“

    X. VESPERA – DER GEHEIME BERICHT

    Handlungsstrang X – Ovinianus und Faustus

    Am Abend versammelten sich die vier Offiziere erneut im Stabszelt. Ovinianus saß am Kopfende des Tisches. Spurius und Kaeso hatten ihre Tagesberichte bereits vorgelegt.

    Der Straßenbau war trotz der Schwierigkeiten vorangekommen. Nun war Faustus an der Reihe. Er legte mehrere Wachstafeln und einen versiegelten Schriftrollenbehälter auf den Tisch.

    „Tribun, wir haben die zweite Kammer geöffnet.“

    Ovinianus nickte.

    „Berichte.“

    „Die Anlage wurde offenbar vor mehreren Jahrzehnten eingerichtet. Allerdings gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass sie bis in die jüngste Vergangenheit benutzt wurde.“

    „Welche Hinweise?“

    „Frische Spuren, eine kürzlich benutzte Öllampe und aktuelle Transportaufzeichnungen.“

    Kaeso beugte sich vor.

    „Dann könnte der zweite Zugang noch immer benutzt werden.“

    „Richtig.“

    Faustus öffnete den Schriftrollenbehälter.

    „Außerdem haben wir Hinweise auf die Beteiligung römischer Offiziere und Verwaltungsbeamter gefunden.“

    Ovinianus betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Sind diese Angaben zuverlässig?“

    „Noch nicht vollständig überprüft.“

    „Dann werde ich keine Anschuldigungen auf ihrer Grundlage erheben.“

    Faustus nickte zustimmend.

    „Deshalb schlage ich vor, die Originalunterlagen hier unter militärischer Bewachung zu belassen und zunächst Abschriften anzufertigen.“

    Der Tribun überlegte.

    „Einverstanden.“

    Er wandte sich an Spurius.

    „Du stellst die benötigten Männer für die Sicherung des Eingangs ab. Die Bauarbeiten dürfen dadurch nicht zum Erliegen kommen.“

    „Jawohl, Tribun.“

    „Kaeso, du sorgst dafür, dass die Anlage ausreichend abgestützt wird.“

    „Verstanden.“

    Schließlich blickte er Faustus an.

    „Und du bereitest deinen Bericht für den Legaten vor.“

    „Jawohl.“

    Ovinianus erhob sich.

    „Morgen werden wir die Untersuchung abschließen, soweit es die Sicherheit der Anlage zulässt. Anschließend entscheide ich über die endgültige Straßenführung.“

    Die Offiziere verabschiedeten sich. Nur Faustus blieb zurück.

    „Tribun, eine letzte Angelegenheit.“

    Ovinianus setzte sich wieder.

    „Was gibt es?“

    Faustus legte eine einzelne Wachstafel vor ihn.

    „Diesen Eintrag habe ich den anderen Männern noch nicht gezeigt.“

    Der Tribun las. Seine Miene veränderte sich.

    „Bist du sicher?“

    „Nein. Deshalb benötigen wir weitere Beweise.“

    Ovinianus betrachtete die Tafel lange.

    „Wenn sich das bestätigt, reicht diese Angelegenheit weit über meine Befehlsgewalt hinaus.“

    „Das befürchte ich ebenfalls.“

    Der Tribun legte die Tafel ab.

    „Dann werden wir besonders vorsichtig vorgehen.“

    Faustus nickte.

    „Genau das hatte ich gehofft.“

    XI. NOX – DER UNBEKANNTE BESUCHER

    Handlungsstrang XI – Die Verschwörung

    Im abgelegenen Landhaus südlich von Mogontiacum wartete der Mann im Schatten auf eine Nachricht. Der Regen trommelte gegen die Fensterläden. Endlich wurde die Tür geöffnet.

    Ein erschöpfter Reiter trat ein.

    „Berichte.“

    „Die Römer haben die zweite Kammer geöffnet.“

    Der Unbekannte bewegte sich nicht.

    „Und die Unterlagen?“

    „Sie haben offenbar mehrere Behälter gefunden.“

    „Welche?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Der Mann schwieg. Dann stellte er eine weitere Frage.

    „Hat Faustus das Lager verlassen?“

    „Nein.“

    „Und der Tribun?“

    „Er unterstützt offenbar die Sicherung der Anlage.“

    Der Unbekannte erhob sich.

    „Dann hat unsere Beschwerde nicht die gewünschte Wirkung erzielt.“

    Der Reiter senkte den Kopf.

    „Was sollen wir tun?“

    Der Mann trat zum Fenster. Lange betrachtete er die Dunkelheit. Schließlich sagte er:

    „Wenn wir Faustus nicht durch einen Befehl aufhalten können, müssen wir dafür sorgen, dass er den gefundenen Unterlagen nicht mehr vertrauen kann.“

    Er wandte sich um.

    „Schicke eine Nachricht nach Mogontiacum.“

    „An wen?“

    Der Unbekannte nahm eine Wachstafel und schrieb einen Namen darauf. Der Reiter las. Sein Gesicht wurde bleich.

    „Aber dieser Mann steht im Dienst der Legion!“

    „Eben deshalb.“

    Der Unbekannte löschte die Öllampe.

    „Morgen wird Faustus Iunius Rupa erfahren, dass nicht jeder Verräter eine Waffe benötigt.“

  • VIAE CONSTRCTAE A MOGONTIACUM AD LIMES

    Das Siegel des Verrats

    Die Schatten der Straßen

    Germania Superior, 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – Exploratio Imperii Straßenbau zwischen Mogontiacum und dem Limes

    Der dritte Morgen nach der Entdeckung des unterirdischen Depots sollte für Faustus Iunius Rupa gefährlicher werden als die beiden bewaffneten Angriffe zuvor. Denn diesmal kamen seine Gegner nicht mit Schwertern aus dem Wald. Sie bedienten sich der römischen Militärverwaltung, gefälschter Dokumente und eines Mannes, der sich ungehindert zwischen den Legionären bewegen konnte.

    I. PRIMA HORA – DER BEFEHL AUS MOGONTIACUM

    Handlungsstrang I – Publius Trebellius Ovinianus

    Der Morgennebel hatte sich noch nicht verzogen, als die Wachen am südlichen Zugang der Baustelle einen römischen Meldereiter bemerkten.

    „HALT! WER DA?“

    „Meldereiter der Legio XXII Primigenia! Dringende Nachricht aus Mogontiacum für Tribunus Publius Trebellius Ovinianus!“

    Der Reiter wurde eingelassen. Wenig später stand er im provisorischen Stabszelt vor dem Tribun. Er überreichte einen versiegelten Schriftrollenbehälter. Ovinianus betrachtete das Siegel, brach es auf und begann zu lesen. Sein Gesicht verfinsterte sich.

    „Bei Jupiter!“

    Er las den Befehl ein zweites Mal. Dann wandte er sich an seinen Cornicularius.

    „Lass die Centurionen Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus sowie Biarchus Faustus Iunius Rupa unverzüglich zu mir kommen.“

    „Jawohl, Tribun!“

    Eine Viertelstunde später waren die drei Männer versammelt. Ovinianus verzichtete auf jede Begrüßung.

    „Meine Herren, wir haben neue Befehle aus Mogontiacum erhalten.“

    Spurius trat vor.

    „Betrifft es den Straßenbau?“

    „Unter anderem.“

    Der Tribun legte das Schreiben auf den Tisch.

    „Die Arbeiten sind mit höchster Priorität fortzusetzen. Sämtliche verfügbaren Arbeitskräfte sollen eingesetzt werden. Verzögerungen durch Untersuchungen außerhalb des eigentlichen Bauauftrags sind zu vermeiden.“

    Kaeso nickte.

    „Das dürfte meinen Männern gefallen. Endlich können wir unsere Steine dorthin bringen, wo sie hingehören.“

    „Warte ab, Centurio. Der interessante Teil kommt noch.“

    Ovinianus betrachtete Faustus.

    „Die Exploratio Imperii hat sämtliche im unterirdischen Depot gefundenen Schriftstücke und Gegenstände zur Überprüfung bereitzustellen. Ein Sonderbeauftragter aus Mogontiacum soll die Unterlagen noch heute übernehmen.“

    Faustus hob langsam den Kopf.

    „Ein Sonderbeauftragter?“

    „Richtig.“

    „Mit welchem Auftrag?“

    „Überprüfung der Rechtmäßigkeit unserer Sicherungsmaßnahmen und Übernahme der beschlagnahmten Dokumente.“

    „Wer hat den Befehl unterzeichnet?“

    Ovinianus zeigte ihm das Schreiben.

    „Der Befehl trägt das Siegel des Legionskommandos.“

    Faustus trat näher. Er betrachtete das Siegel lange.

    Dann fragte er:

    „Tribun, darf ich wissen, weshalb gestern ausdrücklich angeordnet wurde, sämtliche Unterlagen bis zur weiteren Entscheidung zu sichern, während heute plötzlich ein unbekannter Sonderbeauftragter alles übernehmen soll?“

    Ovinianus verschränkte die Arme.

    „Genau diese Frage habe ich mir ebenfalls gestellt.“

    „Dann schlage ich vor, dass wir den Befehl überprüfen lassen.“

    „Du schlägst vor, einen Befehl unseres Legaten anzuzweifeln?“

    „Nein, Tribun. Ich schlage vor, festzustellen, ob unser Legat diesen Befehl tatsächlich erteilt hat.“

    Spurius blickte zwischen den beiden Männern hin und her.

    „Du vermutest eine Fälschung?“

    Faustus zuckte mit den Schultern.

    „Noch vermute ich gar nichts. Aber ich habe gestern gelernt, dass unsere Gegner ausgezeichnete Verbindungen besitzen.“

    Ovinianus überlegte. Schließlich traf er seine Entscheidung.

    „Der Befehl wird zunächst nicht ausgeführt, soweit er die Übergabe der Unterlagen betrifft. Ich lasse seine Herkunft durch einen eigenen Meldereiter überprüfen. Bis dahin bleiben sämtliche Beweise unter meiner Verantwortung.“

    Faustus nahm Haltung an.

    „Verstanden, Tribun.“

    „Und noch etwas, Biarchus.“

    „Ja?“

    „Sollte sich herausstellen, dass dieser Befehl tatsächlich vom Legaten stammt, wirst du ihn befolgen.“

    „Selbstverständlich.“

    Ovinianus betrachtete ihn misstrauisch.

    „Weshalb habe ich bei dir ständig das Gefühl, dass selbst deine Zustimmung eine gewisse Gefahr darstellt?“

    Faustus lächelte.

    „Eine Frage, die mir Sisenna ebenfalls regelmäßig stellt.“

    II. SECUNDA HORA – DIE STRASSE MUSS FERTIG WERDEN

    Handlungsstrang II – Spurius Stenius Ovianus und Kaeso Herdonius Acilianus

    Während die Ermittlungen der Exploratio Imperii weitergingen, herrschte auf der Baustelle bereits reger Betrieb. Spurius hatte seine Männer der neunten Kohorte antreten lassen.

    „LEGIONÄRE!“

    Die Männer richteten sich auf.

    „Gestern haben wir gegen Bewaffnete gekämpft. Heute kämpfen wir gegen Schlamm, Wurzeln und Steine!“

    Ein Legionär murmelte:

    „Die Bewaffneten waren mir lieber.“

    Sein Nachbar grinste. Spurius hatte die Bemerkung gehört.

    „Ausgezeichnet! Dann darfst du heute besonders viele Steine kennenlernen!“

    Gelächter ertönte. Anschließend wurden die Arbeitsgruppen eingeteilt. Die erste Abteilung begann damit, den aufgeweichten Boden abzutragen. Die zweite vertiefte die Entwässerungsgräben. Eine dritte Gruppe bereitete den Untergrund für die Steinschichten vor. Am anderen Ende der Lichtung hatte Kaeso inzwischen die Transportkolonnen der zehnten Kohorte übernommen. Mehrere Ochsenwagen brachten Bruchsteine aus einem nahe gelegenen Steinbruch.

    „Diesen Wagen nach links! Die großen Steine kommen zum Unterbau!“

    Ein Fuhrmann winkte.

    „Centurio! Wir haben ein Problem!“

    „Welches?“

    „Der hintere Wagen steckt fest!“

    Kaeso schloss die Augen.

    „Natürlich steckt er fest.“

    Er marschierte zu dem Fahrzeug. Tatsächlich waren beide Räder tief in den aufgeweichten Boden eingesunken.

    „Wer hat diesen Weg freigegeben?“

    Niemand antwortete. Kaeso betrachtete die Männer.

    „Interessant. Offenbar hat sich der Verantwortliche gerade in einen germanischen Baum verwandelt.“

    Schließlich ließ er Bohlen unter die Räder legen und zusätzliche Zugtiere heranführen. Nach einiger Mühe setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Kaeso wischte sich den Schweiß von der Stirn.

    „Bei allen Göttern! Wenn wir diese Straße endlich fertiggestellt haben, werde ich persönlich als Erster darüberfahren!“

    Spurius, der gerade vorbeikam, lachte.

    „Dann werde ich dafür sorgen, dass sie dein Gewicht auch tatsächlich trägt!“

    „Sehr freundlich, Centurio!“

    Die beiden Männer betrachteten den wachsenden Straßenkörper. Trotz der schwierigen Verhältnisse kamen ihre Abteilungen voran. Doch Spurius bemerkte, dass sich mehrere Soldaten der Exploratio Imperii auffallend häufig zwischen den Arbeitsgruppen bewegten.

    „Was treiben deine Freunde dort?“, fragte er.

    Kaeso folgte seinem Blick.

    „Faustus sucht offenbar wieder einmal jemanden.“

    „Wen?“

    „Wenn ich das wüsste, würde ich ihm helfen.“

    III. TERTIA HORA – DIE AUSGETAUSCHTE WACHSTAFEL

    Handlungsstrang III – Faustus Iunius Rupa

    Im gesicherten Eingangsbereich der unterirdischen Anlage wartete Sisenna bereits auf seinen Vorgesetzten. Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln.

    „Faustus, wir haben ein Problem.“

    „Schon wieder?“

    „Eine unserer Wachstafeln wurde ausgetauscht.“

    Faustus blieb stehen.

    „Welche?“

    Sisenna zeigte auf eine Tafel, die am Vortag aus der zweiten Kammer geborgen worden war.

    „Die Transportaufstellung mit den Namen der beteiligten Offiziere.“

    Faustus nahm sie vorsichtig in die Hand. Auf den ersten Blick schien alles unverändert. Die Schrift war sauber. Die Datumsangaben stimmten. Selbst die charakteristische Markierung aus drei senkrechten Strichen und einem Kreis war vorhanden. Doch etwas war anders. Faustus betrachtete den unteren Rand.

    „Sisenna, wer hat diese Tafel gestern inventarisiert?“

    „Aulus.“

    „Hole ihn.“

    Wenig später erschien der junge Speculator.

    „Biarchus!“

    „Aulus, erinnere dich an die Tafel, die du gestern verzeichnet hast.“

    „Jawohl.“

    „War sie beschädigt?“

    „Ja. An der linken oberen Ecke fehlte ein Stück Holz.“

    Faustus hielt ihm die Tafel entgegen.

    „Und diese?“

    Aulus betrachtete sie. Sein Gesicht veränderte sich.

    „Die Ecke ist unbeschädigt.“

    „Richtig.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Jemand hat eine neue Tafel angefertigt und gegen das Original ausgetauscht.“

    Faustus nickte.

    „Und dieser Jemand hatte Zugang zu unseren Beweismitteln.“

    Er legte die Tafel auf den Tisch.

    „Aulus, wer hat gestern die Kammer bewacht?“

    Der Speculator nannte mehrere Namen. Faustus ließ sich die Wachliste bringen. Er betrachtete sie lange. Dann zeigte er auf einen Eintrag.

    „Interessant.“

    Sisenna trat näher.

    „Was?“

    „Hier wurde ein Wachwechsel eingetragen, den ich nicht angeordnet habe.“

    „Vielleicht hat einer der Unterführer die Einteilung geändert.“

    „Möglich.“

    Faustus deutete auf die Unterschrift.

    „Aber weshalb wurde die Änderung mit meinem Namen bestätigt?“

    Sisenna erstarrte.

    „Du hast sie nicht unterschrieben?“

    „Nein.“

    Faustus nahm eine weitere Wachstafel.

    „Wir suchen also jemanden, der Zugang zu unseren Unterlagen besitzt, meine Unterschrift nachahmen kann und offensichtlich über ausreichend Zeit verfügt, eine Wachstafel auszutauschen.“

    Aulus räusperte sich.

    „Biarchus?“

    „Ja?“

    „Dann suchen wir vermutlich keinen gewöhnlichen Legionär.“

    Faustus lächelte nicht.

    „Das befürchte ich ebenfalls.“

    Er wandte sich an Sisenna.

    „Lass sämtliche Wachlisten der vergangenen beiden Tage überprüfen. Und niemand erfährt, dass wir den Austausch entdeckt haben.“

    „Was hast du vor?“

    Faustus betrachtete die gefälschte Tafel.

    „Ich möchte wissen, wer sie wiederhaben will.“

    IV. QUARTA HORA – DER GEFANGENE SPRICHT

    Handlungsstrang IV – Das Verhör

    Der ehemalige Legionär, den Faustus während des ersten Angriffs gefangen genommen hatte, saß unter Bewachung in einem abgetrennten Bereich des provisorischen Lagers. Seine Stirnwunde war inzwischen verbunden worden. Als Faustus eintrat, blickte er misstrauisch auf.

    „Du schon wieder.“

    „Ich freue mich ebenfalls, dich zu sehen.“

    „Was willst du?“

    „Deine Hilfe.“

    Der Gefangene lachte bitter.

    „Ich habe dir bereits alles erzählt.“

    „Nicht ganz.“

    Faustus setzte sich.

    „Du hast mir erzählt, dass eure Auftraggeber mächtige Männer sind. Du hast mir erzählt, dass sie eure Familien bedrohen. Und du hast mir erzählt, dass ihr die Unterlagen vernichten solltet.“

    „Das stimmt.“

    „Aber du hast mir nicht erzählt, wer euch die Informationen über unsere Baustelle geliefert hat.“

    Der Mann schwieg. Faustus beobachtete ihn.

    „Ihr wusstet genau, wann wir die alte Lichtung erreichen würden. Ihr kanntet unsere Arbeitszeiten. Und eure Angreifer wussten, wo sich die Vermessungsunterlagen befanden.“

    „Wir haben die Römer beobachtet.“

    „Natürlich.“

    Faustus lehnte sich zurück.

    „Dann erkläre mir, weshalb eure Männer unmittelbar den Eingang der unterirdischen Anlage angegriffen haben, obwohl dieser erst wenige Stunden zuvor freigelegt worden war.“

    Der Gefangene blickte zu Boden.

    „Das weiß ich nicht.“

    „Ich glaube dir nicht.“

    Lange herrschte Schweigen. Schließlich fragte der Mann:

    „Wenn ich dir etwas erzähle, wirst du meine Familie schützen?“

    Faustus wurde ernst.

    „Ich werde alles tun, was innerhalb meiner Möglichkeiten liegt. Aber ich werde dir nichts versprechen, was ich nicht halten kann.“

    Der Gefangene betrachtete ihn lange. Dann begann er zu sprechen.

    „Am Abend vor unserem Angriff kam ein Mann zu unserem Lager.“

    „Ein Germane?“

    „Nein. Ein Römer.“

    „Ein Soldat?“

    „Er trug keine Uniform.“

    „Wie sah er aus?“

    „Mittlere Größe. Dunkle Haare. Ein kleiner Bart. Er sprach wie ein gebildeter Mann.“

    Faustus wartete.

    „Und?“

    „Er brachte uns eine Nachricht.“

    „Welche?“

    „Dass ihr den Hügel erreicht hattet und bereits mit den Ausgrabungen begonnen hattet.“

    „Hat er seinen Namen genannt?“

    „Nein.“

    „Besondere Kennzeichen?“

    Der Gefangene überlegte. Dann hob er den Kopf.

    „Er trug einen Siegelring.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Beschreibe ihn.“

    „Ein Adler.“

    Faustus schwieg. Der Gefangene fuhr fort.

    „Darunter drei Striche. Und ein Kreis.“

    Sisenna, der bisher schweigend neben dem Eingang gestanden hatte, trat näher.

    „Bist du sicher?“

    „Vollkommen.“

    Faustus erhob sich langsam.

    „Dann haben wir endlich einen Hinweis auf unseren Verbindungsmann.“

    Der Gefangene griff plötzlich nach seinem Arm.

    „Warte!“

    Faustus blieb stehen.

    „Was ist?“

    „Der Mann sagte noch etwas.“

    „Was?“

    Der Gefangene schluckte.

    „Er sagte, dass wir uns keine Sorgen machen sollten. Selbst wenn die Römer die Anlage entdecken würden, gäbe es jemanden innerhalb ihrer eigenen Reihen, der dafür sorgen werde, dass die richtigen Unterlagen verschwinden.“

    Faustus und Sisenna wechselten einen Blick.

    „Hat er gesagt, wer das ist?“

    Der Gefangene schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Dann fügte er leise hinzu:

    „Aber er sagte, dass dieser Mann Zugang zu den Befehlen eurer Offiziere besitzt.“

    Faustus antwortete nicht. Jetzt wusste er, dass die ausgetauschte Wachstafel kein Zufall war.

    V. QUINTA HORA – DIE FALLE DES FAUSTUS

    Handlungsstrang V – Die fünfzig Männer der Exploratio Imperii

    Faustus verließ das Gefangenenzelt und ging schweigend neben Sisenna her.

    „Was denkst du?“, fragte Sisenna.

    „Dass unser unbekannter Freund einen Fehler gemacht hat.“

    „Welchen?“

    „Er hat eine Wachstafel ausgetauscht, deren ursprünglichen Inhalt wir bereits teilweise abgeschrieben haben.“

    Sisenna blieb stehen.

    „Du hast eine Abschrift?“

    „Selbstverständlich.“

    „Weshalb erfahre ich das erst jetzt?“

    „Weil ich zunächst wissen wollte, ob jemand bemerkt, dass die Tafel verschwunden ist.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Eines Tages wirst du mich noch in den Wahnsinn treiben.“

    „Dann sollten wir uns beeilen. Ich benötige dich heute noch.“

    Im provisorischen Officium ließ Faustus sämtliche Unterführer seiner fünfzig Mann antreten. Auf dem Tisch lag eine Karte der Baustelle.

    „Männer, wir werden unsere Sicherung neu organisieren.“

    Er deutete auf die verschiedenen Zugänge.

    „Zwölf Mann bleiben auf den äußeren Beobachtungsposten. Acht sichern die nördlichen Waldwege. Zehn bewachen die unterirdische Anlage. Weitere zehn kontrollieren die Transportwege und die Zugänge zur Baustelle.“

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Und die übrigen zehn?“

    „Die bleiben unter meiner unmittelbaren Verfügung.“

    Faustus wandte sich an seine Männer.

    „Niemand verlässt seinen zugewiesenen Bereich ohne ausdrückliche Genehmigung. Sämtliche Meldungen werden schriftlich festgehalten.“

    Einer der Unterführer trat vor.

    „Biarchus, erwarten wir einen weiteren Angriff?“

    „Möglicherweise.“

    „Von welcher Seite?“

    Faustus lächelte.

    „Genau das möchte ich herausfinden.“

    Nachdem die Männer ihre Befehle erhalten hatten, blieb Sisenna zurück.

    Faustus nahm drei Wachstafeln.

    „Wir werden unserem unbekannten Freund eine Nachricht zukommen lassen.“

    „Welche?“

    „Dass wir morgen sämtliche Originalunterlagen nach Mogontiacum bringen.“

    „Aber der Tribun hat noch gar keinen entsprechenden Befehl erteilt.“

    „Deshalb werden wir ihn zunächst um seine Genehmigung bitten. Und die Unterlagen werden selbstverständlich hierbleiben.“

    Sisenna grinste.

    „Du willst herausfinden, wer diese Nachricht weitergibt.“

    „Richtig. Allerdings werden wir drei unterschiedliche Angaben über den angeblichen Transportweg verbreiten.“ Faustus zeigte auf die Karte.

    „Eine Nachricht nennt den südlichen Waldweg. Eine zweite den östlichen Zugang. Die dritte beschreibt die bereits fertiggestellte Straße.“

    „Und wenn unsere Gegner einen dieser Wege beobachten?“

    „Dann wissen wir, aus welchem Kreis die Information stammt.“

    Sisenna nickte.

    „Und wenn sie überhaupt nicht reagieren?“

    Faustus legte die Wachstafeln beiseite.

    „Dann haben wir wenigstens einen ruhigen Tag.“

    VI. SEXTA HORA – DER TRIBUN ENTSCHEIDET

    Handlungsstrang VI – Die militärische Befehlsgewalt

    Publius Trebellius Ovinianus hörte sich den Vorschlag des Biarchus aufmerksam an. Neben ihm standen die beiden Centurionen.

    „Du möchtest also absichtlich falsche Informationen über einen Transport verbreiten?“

    „Ja, Tribun.“

    „Und was geschieht, wenn dadurch meine Baustelle erneut angegriffen wird?“

    „Deshalb möchte ich keine tatsächlichen Transporte durchführen. Unsere Gegner sollen lediglich glauben, dass wir einen vorbereiten.“

    Spurius verschränkte die Arme.

    „Du willst meine Männer als Köder benutzen?“

    „Nein. Deine Männer sollen weiterhin ihre Arbeit verrichten. Meine Speculatores übernehmen die Beobachtung.“

    Kaeso betrachtete die Karte.

    „Allerdings könnten unsere Gegner versuchen, die Transportwagen zu zerstören.“

    „Deshalb werden sämtliche tatsächlichen Materialtransporte ausschließlich über die von euch festgelegten und gesicherten Wege erfolgen.“

    Ovinianus überlegte. Schließlich nickte er.

    „Du erhältst meine Genehmigung. Allerdings bleiben sämtliche Maßnahmen auf die fünfzig Männer deiner Einheit beschränkt. Die beiden Centurionen führen ihre Bauarbeiten unverändert fort.“

    „Verstanden.“

    „Und ich möchte über jeden Schritt unterrichtet werden.“

    „Selbstverständlich.“

    Der Tribun erhob sich.

    „Noch etwas, Faustus.“

    „Ja?“

    „Solltest du tatsächlich einen Verräter innerhalb unserer eigenen Reihen finden, wird er mir übergeben.“

    Faustus nahm Haltung an.

    „Jawohl, Tribun.“

    VII. SEPTIMA HORA – DAS SIEGEL DES VERRATS

    Handlungsstrang VII – Eine unerwartete Entdeckung

    Am Nachmittag erreichte ein weiterer Meldereiter aus Mogontiacum die Baustelle. Er überbrachte die Antwort auf die Anfrage des Tribuns. Ovinianus öffnete das Schreiben. Diesmal las er es nicht zweimal. Er ließ sofort Faustus rufen.

    „Biarchus, wir haben ein Problem.“

    Faustus trat näher.

    „Ein neues?“

    „Ein ausgesprochen unangenehmes.“

    Der Tribun reichte ihm das Schreiben. Der Legat bestätigte darin, dass er keinen Sonderbeauftragten zur Übernahme der Unterlagen entsandt hatte. Auch die angebliche Anweisung zur sofortigen Übergabe der Beweismittel war ihm unbekannt. Faustus betrachtete das Dokument.

    „Dann war der gestrige Befehl gefälscht.“

    „Offensichtlich.“

    „Darf ich das ursprüngliche Schreiben noch einmal sehen?“

    Ovinianus öffnete eine verschlossene Kassette und reichte ihm den verdächtigen Befehl.

    Faustus untersuchte das Siegel. Plötzlich wurde er aufmerksam.

    „Tribun, ich benötige die gefälschte Wachstafel.“

    „Weshalb?“

    „Weil ich glaube, dass wir gerade einen bemerkenswerten Zusammenhang entdeckt haben.“

    Wenig später lagen beide Gegenstände nebeneinander. Faustus betrachtete zunächst das Siegel des gefälschten Befehls. Dann untersuchte er die Wachstafel. Beide trugen eine nahezu identische Kennzeichnung. Einen Adler. Drei senkrechte Striche. Und einen Kreis. Ovinianus beugte sich vor.

    „Das kann kein Zufall sein.“

    „Möglicherweise nicht.“

    „Was bedeutet dieses Zeichen?“

    „Das wissen wir noch immer nicht. Aber es erscheint auf den alten Transportlisten, auf den jüngeren Dokumenten und nun auch auf einem gefälschten militärischen Befehl.“

    Der Tribun schwieg. Faustus fuhr fort:

    „Unsere Gegner besitzen offenbar nicht nur Zugang zu den geheimen Unterlagen. Sie können auch Dokumente herstellen, die den Anschein regulärer militärischer Befehle erwecken.“

    „Dann befindet sich unser Gegner möglicherweise innerhalb der Militärverwaltung.“

    „Oder er hat dort einen zuverlässigen Verbindungsmann.“

    Ovinianus nahm das Schreiben zurück.

    „Ich werde den Legaten unverzüglich informieren.“

    Faustus nickte.

    „Und ich werde herausfinden, wer die Wachstafel ausgetauscht hat.“

    VIII. OCTAVA HORA – DER MANN MIT DEM SIEGELRING

    Handlungsstrang VIII – Sisenna Digitius Plautianus

    Die Sonne stand bereits tief, als einer der Speculatores zum provisorischen Officium zurückkehrte.

    „Sisenna!“

    „Berichte.“

    „Wir haben einen Mann beobachtet, der den östlichen Zugang verlassen hat.“

    „Einen unserer Soldaten?“

    „Nein. Einen zivilen Schreiber, der gestern mit den Versorgungswagen eingetroffen ist.“

    Sisenna wurde aufmerksam.

    „Wohin ist er gegangen?“

    „Er hat sich mit einem Reiter getroffen.“

    „Hast du gehört, was sie besprochen haben?“

    „Nein. Aber der Reiter ist unmittelbar anschließend nach Süden aufgebrochen.“

    „Und der Schreiber?“

    „Er befindet sich wieder im Lager.“

    Sisenna dachte nach.

    „Hat er etwas übergeben?“

    „Eine kleine Wachstafel.“

    Sisenna ließ sofort Faustus verständigen. Als dieser eintraf, berichtete ihm der Speculator von seinen Beobachtungen. Faustus stellte nur eine Frage.

    „Welche unserer drei Nachrichten hat der Schreiber erhalten?“

    Sisenna überprüfte die Aufzeichnungen.

    „Die über den südlichen Waldweg.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann werden wir sehen, ob unsere Freunde dort auf uns warten.“

    „Sollen wir den Schreiber festnehmen?“

    „Noch nicht.“

    „Warum?“

    „Weil wir bislang lediglich wissen, dass er einem Reiter eine Wachstafel übergeben hat. Ich möchte erfahren, was darauf stand und für wen sie bestimmt war.“

    Sisenna nickte.

    „Dann verfolgen wir den Reiter.“

    „Mit ausreichendem Abstand. Und ohne unsere Baustelle ungeschützt zurückzulassen.“

    IX. NONA HORA – DIE WAHRHEIT DES GEFANGENEN

    Handlungsstrang IX – Eine zweite Aussage

    Am Abend suchte Faustus den gefangenen ehemaligen Legionär erneut auf. Diesmal brachte er die gefälschte Wachstafel mit.

    „Ich möchte dir etwas zeigen.“

    Der Gefangene betrachtete sie. Seine Augen weiteten sich.

    „Woher hast du die?“

    Faustus setzte sich.

    „Kennst du sie?“

    „Nicht diese Tafel. Aber ich kenne die Schrift.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Erkläre dich.“

    Der Gefangene deutete auf die Buchstaben.

    „Der Mann mit dem Siegelring hat uns mehrere Nachrichten überbracht. Er schrieb immer auf diese Weise.“

    „Bist du sicher?“

    „Ja. Besonders dieses Zeichen.“

    Er deutete auf einen ungewöhnlich geformten Buchstaben. Faustus betrachtete die Tafel.

    „Dann könnte unser unbekannter Besucher selbst an der Fälschung beteiligt gewesen sein.“

    Der Gefangene nickte.

    „Vielleicht.“

    „Hat er jemals einen Namen erwähnt?“

    Der Mann überlegte lange.

    Schließlich sagte er:

    „Einmal.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Welchen?“

    „Nicht seinen eigenen.“

    „Wessen dann?“

    Der Gefangene senkte die Stimme.

    „Er sagte, dass alle wichtigen Nachrichten zunächst einem Mann in Mogontiacum vorgelegt werden müssten.“

    „Wer war dieser Mann?“

    Der Gefangene blickte ängstlich zum Eingang.

    „Ich weiß nicht, ob es sein richtiger Name war.“

    „Sag ihn trotzdem.“

    Der Mann flüsterte:

    „Varro.“

    Faustus erstarrte.

    „Welcher Varro?“

    „Das weiß ich nicht.“

    Der Biarchus erhob sich langsam. Lucius Cassius Varro. Dieser Name war ihm aus den früheren Ermittlungen bekannt. Doch er wusste auch, dass ein einzelner Name noch keinen Beweis darstellte. Er wandte sich an Sisenna.

    „Wir werden sämtliche Unterlagen erneut überprüfen.“

    „Und der Gefangene?“

    „Er bleibt unter besonderem Schutz. Niemand außer den ausdrücklich eingeteilten Wachen erhält Zugang zu ihm.“

    Faustus betrachtete die gefälschte Wachstafel.

    „Wenn unser unbekannter Schreiber tatsächlich für Varro arbeitet, dann könnte diese Verschwörung wesentlich weiter reichen, als wir bisher angenommen haben.“

    X. VESPERA – DIE NACHRICHT AUS DEM WALD

    Handlungsstrang X – Der Erfolg der Täuschung

    Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kehrten die Speculatores zurück, die den unbekannten Reiter verfolgt hatten. Ihr Gruppenführer meldete sich unmittelbar bei Faustus.

    „Biarchus! Wir haben den Reiter bis zu einem abgelegenen Waldweg verfolgt.“

    „Und?“

    „Dort traf er sich mit mehreren bewaffneten Männern.“

    „Wie viele?“

    „Ungefähr zwölf.“

    „Was geschah anschließend?“

    „Sie untersuchten den südlichen Weg. Zwei Männer blieben zurück. Die übrigen verschwanden in Richtung Rhein.“

    Faustus nickte.

    „Ausgezeichnet.“

    Sisenna grinste.

    „Unsere falsche Nachricht hat funktioniert.“

    „Zumindest wissen wir jetzt, dass sie weitergegeben wurde.“

    „Dann nehmen wir den Schreiber fest?“

    Faustus überlegte.

    „Ja. Aber ausschließlich auf Grundlage der inzwischen vorliegenden Hinweise und mit Zustimmung des Tribuns.“

    Wenig später wurde der zivile Schreiber unter Bewachung in das Stabszelt gebracht. Ovinianus erwartete ihn bereits.

    „Dein Name?“

    „Tiberius Claudius Naso.“

    „Deine Aufgabe?“

    „Ich führe die Aufzeichnungen über die Materiallieferungen.“

    Faustus trat näher.

    „Und gelegentlich über unsere militärischen Ermittlungen?“

    Der Schreiber wurde blass.

    „Ich verstehe nicht.“

    Faustus legte die gefälschte Wachstafel auf den Tisch.

    „Kennst du diese?“

    Naso betrachtete sie.

    „Nein.“

    „Bemerkenswert.“

    Faustus nahm eine zweite Tafel.

    „Dann wirst du mir sicherlich erklären können, weshalb sich in deinen Aufzeichnungen dieselben ungewöhnlichen Schriftmerkmale finden.“

    Der Schreiber schwieg. Ovinianus betrachtete ihn ernst.

    „Naso, dir wird Gelegenheit gegeben, dich zu diesen Vorwürfen zu äußern.“

    Der Mann blickte zwischen den Offizieren hin und her. Schließlich flüsterte er:

    „Ihr versteht nicht.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Dann erkläre es uns.“

    Naso schloss die Augen.

    „Ich hatte keine Wahl.“

    „Wer hat dich beauftragt?“

    Der Schreiber schwieg. Faustus legte die Hand auf die Wachstafel.

    „War es Varro?“

    Naso riss die Augen auf. Der Tribun bemerkte seine Reaktion.

    „Du kennst diesen Namen?“

    Der Schreiber begann zu zittern.

    „Wenn ich rede, bin ich ein toter Mann.“

    Faustus setzte sich ihm gegenüber.

    „Dann solltest du uns helfen, die Männer zu finden, die dich bedrohen.“

    Naso blickte ihn lange an. Schließlich sagte er:

    „Varro ist nicht der Mann, den ihr suchen müsst.“

    Faustus erstarrte.

    „Sondern?“

    Der Schreiber senkte den Kopf.

    „Varro empfängt selbst Befehle.“

    „Von wem?“

    Naso antwortete kaum hörbar:

    „Von einem Mann, dessen Anweisungen niemand am kaiserlichen Hof zu widersprechen wagt.“

    XI. NOX – DAS SIEGEL IST GEBROCHEN

    Handlungsstrang XI – Faustus und Ovinianus

    Spät in der Nacht saßen der Tribun und der Biarchus allein im Stabszelt. Vor ihnen lagen die gefundenen Wachstafeln, der gefälschte Befehl und die ersten Aussagen des Schreibers.

    Ovinianus betrachtete Faustus.

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir setzen unsere Ermittlungen fort. Aber wir informieren den Legaten ausschließlich über gesicherte Tatsachen.“

    „Und die Unterlagen?“

    „Die Originale bleiben unter deiner Verantwortung. Wir fertigen vollständige Abschriften an und lassen jede einzelne überprüfen.“

    Ovinianus nickte.

    „Einverstanden.“

    Er stand auf.

    „Morgen wird die Straße weitergebaut. Spurius und Kaeso erhalten sämtliche verfügbaren Arbeitskräfte. Du konzentrierst dich mit deinen fünfzig Männern auf die Sicherung der Anlage und die Ermittlungen.“

    Faustus nahm Haltung an.

    „Jawohl, Tribun.“

    Ovinianus trat an den Zelteingang. Draußen brannten die Wachfeuer der Legionäre.

    „Faustus.“

    „Ja?“

    „Glaubst du, dass wir es tatsächlich mit einer Verschwörung zu tun haben, die bis an den kaiserlichen Hof reicht?“

    Faustus antwortete nicht sofort. Dann sagte er:

    „Ich glaube, dass jemand sehr viel Mühe darauf verwendet, uns genau diese Frage nicht beantworten zu lassen.“

    Der Tribun blickte hinaus in die Dunkelheit.

    „Dann sollten wir dafür sorgen, dass er seine Mühe umsonst aufwendet.“

    Faustus lächelte.

    „Eine ausgezeichnete Entscheidung, Tribun.“

    XII. MEDIA NOX – DER UNBEKANNTE AUFTRAGGEBER

    Handlungsstrang XII – Das Haus am Rhein

    Im abgelegenen Landhaus südlich von Mogontiacum erhielt der Mann im Schatten eine neue Nachricht. Sein Bote verneigte sich.

    „Der Schreiber wurde festgenommen.“

    Der Unbekannte schwieg.

    „Und die Unterlagen?“

    „Sie befinden sich weiterhin in der Gewalt der Römer.“

    „Was ist mit Faustus?“

    „Er führt seine Ermittlungen fort.“

    Der Mann im Schatten erhob sich langsam.

    „Dann ist es Zeit, unsere Vorgehensweise zu ändern.“

    Er nahm eine kleine Holzkassette aus einem verschlossenen Schrank. Darin lag ein Siegelring. Ein Adler. Drei senkrechte Striche. Und ein Kreis. Der Unbekannte betrachtete ihn lange.

    Dann wandte er sich an seinen Boten.

    „Du wirst morgen nach Mogontiacum reiten.“

    „Zu wem?“

    Der Mann nahm eine Wachstafel und schrieb einen Namen darauf.

    „Überbringe ihm diese Nachricht persönlich.“

    Der Bote verneigte sich.

    „Und wenn er fragt, wer mich geschickt hat?“

    Der Unbekannte lächelte.

    „Dann zeigst du ihm das Siegel.“

    Er verschloss die Kassette.

    „Er wird wissen, was zu tun ist.“

    Draußen setzte erneut Regen ein. Der Bote verließ das Haus. Der Mann im Schatten blieb allein zurück. Er betrachtete eine Karte des Imperiums, auf der mehrere Orte markiert waren.

    Mogontiacum. Der Rhein. Und schließlich Rom.

    „Faustus Iunius Rupa“, murmelte er.

    „Du hast eine Tür geöffnet, die besser für immer verschlossen geblieben wäre.“

    ENDE DIES XXII – SIGILLUM PRODITIONIS

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