Die Schatten von Mogontiacum
Legatus Aurelianus Appius Orbius Herminianus – Im geheimen Auftrag des Titus Aurelius Romanus
Provincia Germania Superior – Mogontiacum, um 123 n. Chr.
I. OPUS PERFECTUM – Der vollendete Auftrag
Villa Aurelia, Mogontiacum – Die dritte Stunde des Tages
Appius Orbius Herminianus stand am Fenster seines Arbeitszimmers und betrachtete die Stadt.
Der erste Auftrag, den ihm Titus Aurelius Romanus als seinem persönlichen Bevollmächtigten übertragen hatte, war erfolgreich abgeschlossen. Die neue Wasserleitung, die Aqua Aurelia, versorgte inzwischen mehrere Wohnviertel Mogontiacums mit frischem Wasser.
Appius hatte die Bauarbeiten überwacht, Verträge abgeschlossen, Rechnungen geprüft und die feierliche Übergabe an die Stadtverwaltung organisiert.
Er hatte sich dabei einen ausgezeichneten Ruf erworben.
Die örtlichen Magistrate betrachteten ihn als großzügigen Vertreter eines einflussreichen römischen Patrizierhauses. Die Offiziere der Legio XXII Primigenia schätzten seine Zuverlässigkeit. Händler und Handwerker hofften auf weitere Aufträge der Gens Aurelia.
Niemand ahnte, dass der Bau des Aquädukts nur einen Teil seiner eigentlichen Aufgabe dargestellt hatte.
Appius öffnete eine kleine hölzerne Schatulle und entnahm ihr einen Brief.
Er trug das persönliche Siegel des Titus Aurelius Romanus.
Die entscheidenden Worte kannte Appius längst auswendig.
Mein lieber Appius,
die Wasserleitung ist ein Geschenk an die Menschen Mogontiacums. Sorge dafür, dass dieses Werk erfolgreich abgeschlossen wird.
Doch ich habe dir eine zweite Aufgabe übertragen, die wesentlich schwieriger sein wird.
Unsere Feinde besitzen Verbindungen, deren Ausmaß wir noch immer nicht vollständig kennen. Ich vermute, dass sie auch in Germania Superior über Männer verfügen, die ihnen Informationen, Geld und militärische Nachrichten beschaffen.
Nutze deine Stellung, um die Menschen kennenzulernen, die über Handel, Verwaltung und Versorgung Einfluss auf die Region ausüben.
Beobachte. Höre zu. Stelle Fragen, ohne Verdacht zu erregen.
Vor allem aber vertraue niemandem allein deshalb, weil er einen angesehenen Namen trägt.
Ich benötige Tatsachen, keine Vermutungen.
Titus Aurelius Romanus.
Appius legte den Brief zurück.
„Nun, mein lieber Titus“, murmelte er. „Dein Aquädukt steht. Jetzt wollen wir herausfinden, wer hier tatsächlich die Geschäfte führt.“
Er rief seinen persönlichen Schreiber.
„Marcus!“
Ein junger Mann erschien.
„Du hast gerufen, Herr?“
„Bereite die Unterlagen unserer bisherigen Bauaufträge vor. Sämtliche Lieferanten, Transportunternehmer, Steinbruchbesitzer und Händler. Ich möchte außerdem wissen, welche öffentlichen Aufträge diese Männer in den vergangenen zwei Jahren erhalten haben.“
Marcus runzelte die Stirn.
„Sollen wir weitere Bauvorhaben vorbereiten?“
Appius lächelte.
„Vielleicht. Ein erfolgreicher Geschäftsmann sollte seine Möglichkeiten niemals aus den Augen verlieren.“
Damit begann seine eigentliche Mission.
II. RETIA INVISIBILIA – Die unsichtbaren Netze
Bereits während des Aquäduktbaus waren Appius einige merkwürdige Umstände aufgefallen.
Mehrere Transportunternehmer hatten ungewöhnlich günstige Angebote unterbreitet. Ein Steinlieferant hatte auf eine Vorauszahlung verzichtet, obwohl sein Betrieb angeblich unter finanziellen Schwierigkeiten litt.
Besonders auffällig war ein gewisser Quintus Varius Lentulus.
Der wohlhabende Kaufmann unterhielt Lagerhäuser am Rhenus, besaß mehrere Transportfahrzeuge und verfügte über Geschäftsbeziehungen nach Gallien und Italien.
Seine Waren erreichten regelmäßig auch das Legionslager.
Während des Aquäduktbaus hatte er Appius großzügige Unterstützung angeboten.
Nun war es an der Zeit, diese Bekanntschaft zu vertiefen.
Appius ließ sich zu Lentulus tragen.
Der Kaufmann empfing ihn in seinem prächtig ausgestatteten Haus.
„Appius Orbius Herminianus! Welch unerwartete Ehre! Ich hoffe, unsere bescheidene Stadt hat dich inzwischen von ihren Vorzügen überzeugt.“
„Durchaus, Lentulus. Besonders von den Fähigkeiten ihrer Geschäftsleute.“
Der Kaufmann lachte.
„Wir versuchen, den Anforderungen des Imperiums gerecht zu werden.“
„Das ist auch der Grund meines Besuchs. Mein Herr erwägt weitere Investitionen in Germania Superior.“
Lentulus wurde augenblicklich aufmerksam.
„Tatsächlich?“
„Möglicherweise Lagerhäuser, vielleicht eine Verbesserung der Hafenanlagen. Noch ist nichts entschieden.“
„Dann solltest du unbedingt meine Geschäftspartner kennenlernen.“
Appius nahm dankend einen Becher Wein entgegen.
„Nichts würde mich mehr freuen.“
In den folgenden zwei Stunden erfuhr er erstaunlich viel.
Lentulus berichtete von Getreidelieferungen, Holztransporten, militärischen Beschaffungsverträgen und seinen ausgezeichneten Beziehungen zu verschiedenen Verwaltungsbeamten.
Schließlich erwähnte er beiläufig einen Namen.
„Ein gewisser Lucius Cassius Varro hat übrigens ebenfalls Interesse an den Transportmöglichkeiten unserer Region gezeigt.“
Appius führte seinen Weinbecher langsam zum Mund.
Er kannte diesen Namen.
Titus hatte ihn in einem seiner vertraulichen Schreiben ausdrücklich erwähnt.
„Varro?“, fragte Appius gleichgültig. „Ein Händler?“
„Nicht unmittelbar. Eher ein Mann, der anderen Händlern Türen öffnet.“
„Eine nützliche Bekanntschaft.“
„Außerordentlich.“
Appius lächelte.
„Dann solltest du uns gelegentlich miteinander bekannt machen.“
Lentulus hob seinen Becher.
„Auf ausgezeichnete Geschäfte!“
„Auf ausgezeichnete Geschäfte“, erwiderte Appius.
Innerlich hatte er bereits beschlossen, den Kaufmann gründlich überprüfen zu lassen.
III. TABULAE OCCULTAE – Die verborgenen Aufzeichnungen
Am folgenden Morgen saß Appius mit seinem Schreiber Marcus über den Geschäftsunterlagen.
„Sieh dir diese Rechnungen an.“
Marcus beugte sich vor.
„Was soll ich suchen?“
„Die Transporte des Lentulus. Besonders jene, die während unserer Bauarbeiten durchgeführt wurden.“
Marcus begann, die Wachstafeln zu vergleichen.
„Hier haben wir Steinlieferungen, dort Holz und Werkzeuge. Außerdem mehrere Transporte im Auftrag eines gewissen Aulus Septimius Naso.“
„Wer ist dieser Naso?“
„Ein Unternehmer, der regelmäßig Lebensmittel an das Legionslager liefert.“
Appius deutete auf eine weitere Eintragung.
„Und weshalb bezahlt ein Lebensmittellieferant den Transport von schweren Eisenbeschlägen und Bauholz zu einem abgelegenen Lagerhaus?“
Marcus zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht erweitert er seine Gebäude.“
„Vielleicht.“
Appius betrachtete die Unterlagen.
„Und vielleicht sollten wir uns dieses Lagerhaus einmal ansehen.“
„Soll ich Männer zusammenstellen?“
„Nein. Wir werden dort nicht erscheinen. Zumindest nicht persönlich.“
Er überlegte.
„Kennst du den Fuhrmann, der während unseres Aquäduktbaus die Steintransporte beaufsichtigt hat?“
„Gaius Petronius?“
„Genau den.“
„Er ist ein zuverlässiger Mann.“
„Dann lade ihn morgen zu einem Gespräch ein. Ich möchte ihm möglicherweise einen neuen Transportauftrag erteilen.“
Marcus nickte.
Appius lehnte sich zurück.
Die erste Verbindung war gefunden.
Aber eine Verbindung war noch kein Beweis.
Und Titus hatte ausdrücklich Beweise verlangt.
IV. EXPLORATIO IMPERII – Eine gefährliche Bekanntschaft
Drei Tage später erhielt Appius Besuch.
Ein Soldat der Exploratio Imperii meldete sich an seiner Tür.
„Biarchus Faustus Iunius Rupa bittet um eine Unterredung.“
Appius ließ den Mann unverzüglich eintreten.
Faustus erschien in schlichter militärischer Kleidung. Er begrüßte den Bevollmächtigten des Aureliers höflich, jedoch ohne besondere Herzlichkeit.
„Appius Orbius Herminianus?“
„Der bin ich. Und du musst Faustus Iunius Rupa sein.“
Faustus hob eine Augenbraue.
„Tatsächlich?“
„Deine Fähigkeiten sind weithin gerühmt.“
"Na sowas ich wusste gar nicht, dass ich so berühmt bin.“
Appius lachte.
„Setz dich. Wein?“
„Wasser genügt.“
Nachdem der Diener den Raum verlassen hatte, veränderte sich Appius' Gesichtsausdruck.
„Ich nehme an, du bist nicht gekommen, um die neue Wasserleitung zu bewundern.“
„Nein.“
Faustus zog eine Wachstafel aus seiner Tasche.
„Ich habe gehört, dass du dich für die Transportgeschäfte des Quintus Varius Lentulus interessierst.“
Appius schwieg einen Augenblick.
„Woher weißt du das?“
„Weil ich mich ebenfalls dafür interessiere.“
„Aus welchem Grund?“
Faustus legte die Wachstafel auf den Tisch.
„Weil mehrere Transporte, die angeblich Baumaterial enthielten, auf Wegen durchgeführt wurden, die für gewöhnliche Handelsgeschäfte wenig sinnvoll erscheinen.“
Appius beugte sich vor.
„Wohin führten sie?“
„Zu einem abgelegenen Wirtschaftsgebäude außerhalb der Stadt. Und möglicherweise weiter zu einem geheimen Rheinübergang.“
Appius betrachtete den Biarchus.
„Dann haben wir offenbar dieselben Freunde.“
„Das würde ich noch nicht behaupten.“
Faustus verschränkte die Arme.
„Ich kenne dich nicht. Und nur weil du für den Aurelier arbeitest, bedeutet das nicht, dass ich dir sämtliche Erkenntnisse meiner Männer anvertrauen werde.“
Appius nickte anerkennend.
„Eine vernünftige Einstellung.“
Er öffnete eine Schublade und entnahm ihr eine Abschrift.
„Vielleicht interessiert dich dann diese Rechnung.“
Faustus überflog das Dokument.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Woher hast du das?“
„Aus den Geschäftsunterlagen unseres Aquäduktbaus.“
„Dieser Transport fand am selben Tag statt, an dem einer meiner Männer eine verdächtige Wagenkolonne beobachtete.“
Appius erhob sich.
„Dann schlage ich vor, dass wir unsere Informationen vergleichen.“
Faustus sah ihn lange an.
„Unter einer Bedingung.“
„Welche?“
„Du unternimmst nichts, was meine laufenden Ermittlungen gefährdet.“
Appius streckte ihm die Hand entgegen.
„Einverstanden.“
Faustus ergriff sie.
Zwei Männer mit unterschiedlichen Aufgaben hatten soeben eine gemeinsame Spur entdeckt.
V. EPISTULA SECRETA – Der geheime Brief nach Rom
In der folgenden Nacht saß Appius allein in seinem Arbeitszimmer.
Vor ihm lag ein frischer Papyrusbogen.
Er hatte beschlossen, Titus einen ersten Bericht zu schicken.
Allerdings würde er nicht den gewöhnlichen Postweg benutzen.
Zu viele Nachrichten waren in den vergangenen Monaten verschwunden oder hatten ihre Empfänger verspätet erreicht.
Sein Schreiben sollte mit einem zuverlässigen privaten Boten über mehrere Zwischenstationen nach Rom gelangen.
Appius tauchte seine Schreibfeder in die Tinte.
An Titus Aurelius Romanus, Rom.
Mein lieber Titus,
dein erster Auftrag ist erfüllt. Die Aqua Aurelia versorgt inzwischen die vorgesehenen Wohnviertel. Die Stadtverwaltung hat die Stiftung dankbar angenommen.
Der zweite Auftrag erweist sich als wesentlich interessanter.
Ich habe erste Verbindungen zwischen örtlichen Handelsunternehmen, militärischen Lieferanten und Personen festgestellt, die offenbar auch in Rom über Einfluss verfügen.
Besonders bemerkenswert erscheint mir Quintus Varius Lentulus. Er unterhält umfangreiche Transportgeschäfte und hat mir gegenüber den Namen Lucius Cassius Varro erwähnt.
Darüber hinaus bin ich mit Faustus Iunius Rupa zusammengetroffen. Seine Erkenntnisse lassen vermuten, dass bestimmte Warenbewegungen nicht ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken dienen.
Noch besitzen wir keine ausreichenden Beweise für eine Beteiligung des Lentulus an der Verschwörung.
Ich werde meine Nachforschungen deshalb unter dem Vorwand weiterer Investitionen der Gens Aurelia fortsetzen.
Eine Bitte habe ich allerdings: Teile niemandem in Rom mit, dass ich mich für Varro interessiere.
Dein ergebener
Appius Orbius Herminianus
Er versiegelte den Brief.
Dann löschte er die Öllampe.
Was Appius nicht wusste: Seit seinem Besuch bei Lentulus wurde sein Haus beobachtet.
VI. OCULI IN TENEBRIS – Augen in der Dunkelheit
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saß ein unscheinbarer Mann vor einer kleinen Schenke.
Er hatte den gesamten Abend damit verbracht, scheinbar gelangweilt Wein zu trinken.
Als im Arbeitszimmer des Appius das Licht erlosch, erhob er sich.
Er ging durch eine schmale Seitengasse zu einem Haus, dessen Hintereingang unverschlossen war.
Dort erwartete ihn ein zweiter Mann.
„Nun?“
„Der Legatus hat Besuch von einem Offizier der Exploratio Imperii erhalten.“
„Von wem?“
„Faustus Iunius Rupa.“
Der andere fluchte leise.
„Das ist schlecht.“
„Außerdem hat sein Schreiber heute mehrere Geschäftsunterlagen angefordert.“
„Welche?“
„Transportrechnungen.“
Der zweite Mann schwieg.
Schließlich fragte er:
„Hat Appius bereits eine Nachricht nach Rom geschickt?“
„Noch nicht. Aber vermutlich wird er es bald tun.“
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass wir wissen, was darin steht.“
Er trat an den Tisch und schrieb einige Worte auf eine kleine Wachstafel.
„Bring das zu Lentulus. Und sag ihm, dass unser gemeinsamer Freund unverzüglich unterrichtet werden muss.“
„Welcher Freund?“
Der Mann sah ihn kalt an.
„Du stellst zu viele Fragen.“
Wenig später verschwand der Bote in der Dunkelheit.
Auf der Wachstafel standen lediglich vier Worte:
VARRO – AURELIUS – RUPA – PERICULUM.
VII. PRIMUM VESTIGIUM – Die erste Spur
Am nächsten Morgen erhielt Appius eine überraschende Einladung.
Quintus Varius Lentulus veranstaltete in drei Tagen ein privates Gastmahl.
Zu seinen Gästen gehörten mehrere angesehene Kaufleute, zwei Verwaltungsbeamte und ein Offizier der Legio XXII Primigenia.
Appius las die Einladung aufmerksam.
Besonders ein Name erregte seine Aufmerksamkeit.
Gaius Iunius Marcellus.
Er wusste, dass Marcellus zu den Männern gehörte, denen Faustus lange Zeit vertraut hatte.
Und er wusste ebenfalls, dass Titus hinsichtlich dieses Mannes inzwischen erhebliche Zweifel hegte.
Appius legte die Einladung auf den Tisch.
„Marcus!“
Sein Schreiber erschien.
„Herr?“
„Überbringe Quintus Varius Lentulus meinen Dank. Ich werde seiner Einladung mit größtem Vergnügen folgen.“
„Soll ich etwas vorbereiten?“
„Ja. Ein angemessenes Gastgeschenk.“
„Was schwebt dir vor?“
Appius lächelte.
„Einen ausgezeichneten Falernum. Wenn ich schon mit den einflussreichsten Männern Mogontiacums speise, möchte ich wenigstens guten Wein trinken.“
Nachdem Marcus gegangen war, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht.
Er wusste, dass dieses Gastmahl gefährlich werden konnte.
Denn möglicherweise würde er dort erstmals einem Mann gegenübersitzen, der unmittelbar an jener Verschwörung beteiligt war, die Titus Aurelius Romanus in Rom aufzudecken versuchte.
Und dieser Mann würde nicht ahnen dürfen, dass der großzügige Stifter der Aqua Aurelia inzwischen zu seinem gefährlichsten Beobachter geworden war.
ENDE DIES I – UMBRAE MOGONTIACI
Fortsetzung: DIES II – CONVIVIUM PRODÍTIONIS – Das Gastmahl des Verrats. Appius besucht das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus und trifft dort auf Gaius Iunius Marcellus. Während er versucht, die Verbindungen der Verschwörer aufzudecken, bereitet Faustus eine verdeckte Überwachung der Transportwege vor. Doch einer der Gäste weiß bereits, weshalb Appius tatsächlich nach Mogontiacum gekommen ist.