OCULI AURELIANI - APPIUS ORBIUS HERMINIANUS

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    Die Schatten von Mogontiacum

    Legatus Aurelianus Appius Orbius Herminianus – Im geheimen Auftrag des Titus Aurelius Romanus

    Provincia Germania Superior – Mogontiacum, um 123 n. Chr.

    I. OPUS PERFECTUM – Der vollendete Auftrag

    Villa Aurelia, Mogontiacum – Die dritte Stunde des Tages

    Appius Orbius Herminianus stand am Fenster seines Arbeitszimmers und betrachtete die Stadt.

    Der erste Auftrag, den ihm Titus Aurelius Romanus als seinem persönlichen Bevollmächtigten übertragen hatte, war erfolgreich abgeschlossen. Die neue Wasserleitung, die Aqua Aurelia, versorgte inzwischen mehrere Wohnviertel Mogontiacums mit frischem Wasser.

    Appius hatte die Bauarbeiten überwacht, Verträge abgeschlossen, Rechnungen geprüft und die feierliche Übergabe an die Stadtverwaltung organisiert.

    Er hatte sich dabei einen ausgezeichneten Ruf erworben.

    Die örtlichen Magistrate betrachteten ihn als großzügigen Vertreter eines einflussreichen römischen Patrizierhauses. Die Offiziere der Legio XXII Primigenia schätzten seine Zuverlässigkeit. Händler und Handwerker hofften auf weitere Aufträge der Gens Aurelia.

    Niemand ahnte, dass der Bau des Aquädukts nur einen Teil seiner eigentlichen Aufgabe dargestellt hatte.

    Appius öffnete eine kleine hölzerne Schatulle und entnahm ihr einen Brief.

    Er trug das persönliche Siegel des Titus Aurelius Romanus.

    Die entscheidenden Worte kannte Appius längst auswendig.

    Mein lieber Appius,

    die Wasserleitung ist ein Geschenk an die Menschen Mogontiacums. Sorge dafür, dass dieses Werk erfolgreich abgeschlossen wird.

    Doch ich habe dir eine zweite Aufgabe übertragen, die wesentlich schwieriger sein wird.

    Unsere Feinde besitzen Verbindungen, deren Ausmaß wir noch immer nicht vollständig kennen. Ich vermute, dass sie auch in Germania Superior über Männer verfügen, die ihnen Informationen, Geld und militärische Nachrichten beschaffen.

    Nutze deine Stellung, um die Menschen kennenzulernen, die über Handel, Verwaltung und Versorgung Einfluss auf die Region ausüben.

    Beobachte. Höre zu. Stelle Fragen, ohne Verdacht zu erregen.

    Vor allem aber vertraue niemandem allein deshalb, weil er einen angesehenen Namen trägt.

    Ich benötige Tatsachen, keine Vermutungen.

    Titus Aurelius Romanus.

    Appius legte den Brief zurück.

    „Nun, mein lieber Titus“, murmelte er. „Dein Aquädukt steht. Jetzt wollen wir herausfinden, wer hier tatsächlich die Geschäfte führt.“

    Er rief seinen persönlichen Schreiber.

    „Marcus!“

    Ein junger Mann erschien.

    „Du hast gerufen, Herr?“

    „Bereite die Unterlagen unserer bisherigen Bauaufträge vor. Sämtliche Lieferanten, Transportunternehmer, Steinbruchbesitzer und Händler. Ich möchte außerdem wissen, welche öffentlichen Aufträge diese Männer in den vergangenen zwei Jahren erhalten haben.“

    Marcus runzelte die Stirn.

    „Sollen wir weitere Bauvorhaben vorbereiten?“

    Appius lächelte.

    „Vielleicht. Ein erfolgreicher Geschäftsmann sollte seine Möglichkeiten niemals aus den Augen verlieren.“

    Damit begann seine eigentliche Mission.

    II. RETIA INVISIBILIA – Die unsichtbaren Netze

    Bereits während des Aquäduktbaus waren Appius einige merkwürdige Umstände aufgefallen.

    Mehrere Transportunternehmer hatten ungewöhnlich günstige Angebote unterbreitet. Ein Steinlieferant hatte auf eine Vorauszahlung verzichtet, obwohl sein Betrieb angeblich unter finanziellen Schwierigkeiten litt.

    Besonders auffällig war ein gewisser Quintus Varius Lentulus.

    Der wohlhabende Kaufmann unterhielt Lagerhäuser am Rhenus, besaß mehrere Transportfahrzeuge und verfügte über Geschäftsbeziehungen nach Gallien und Italien.

    Seine Waren erreichten regelmäßig auch das Legionslager.

    Während des Aquäduktbaus hatte er Appius großzügige Unterstützung angeboten.

    Nun war es an der Zeit, diese Bekanntschaft zu vertiefen.

    Appius ließ sich zu Lentulus tragen.

    Der Kaufmann empfing ihn in seinem prächtig ausgestatteten Haus.

    „Appius Orbius Herminianus! Welch unerwartete Ehre! Ich hoffe, unsere bescheidene Stadt hat dich inzwischen von ihren Vorzügen überzeugt.“

    „Durchaus, Lentulus. Besonders von den Fähigkeiten ihrer Geschäftsleute.“

    Der Kaufmann lachte.

    „Wir versuchen, den Anforderungen des Imperiums gerecht zu werden.“

    „Das ist auch der Grund meines Besuchs. Mein Herr erwägt weitere Investitionen in Germania Superior.“

    Lentulus wurde augenblicklich aufmerksam.

    „Tatsächlich?“

    „Möglicherweise Lagerhäuser, vielleicht eine Verbesserung der Hafenanlagen. Noch ist nichts entschieden.“

    „Dann solltest du unbedingt meine Geschäftspartner kennenlernen.“

    Appius nahm dankend einen Becher Wein entgegen.

    „Nichts würde mich mehr freuen.“

    In den folgenden zwei Stunden erfuhr er erstaunlich viel.

    Lentulus berichtete von Getreidelieferungen, Holztransporten, militärischen Beschaffungsverträgen und seinen ausgezeichneten Beziehungen zu verschiedenen Verwaltungsbeamten.

    Schließlich erwähnte er beiläufig einen Namen.

    „Ein gewisser Lucius Cassius Varro hat übrigens ebenfalls Interesse an den Transportmöglichkeiten unserer Region gezeigt.“

    Appius führte seinen Weinbecher langsam zum Mund.

    Er kannte diesen Namen.

    Titus hatte ihn in einem seiner vertraulichen Schreiben ausdrücklich erwähnt.

    „Varro?“, fragte Appius gleichgültig. „Ein Händler?“

    „Nicht unmittelbar. Eher ein Mann, der anderen Händlern Türen öffnet.“

    „Eine nützliche Bekanntschaft.“

    „Außerordentlich.“

    Appius lächelte.

    „Dann solltest du uns gelegentlich miteinander bekannt machen.“

    Lentulus hob seinen Becher.

    „Auf ausgezeichnete Geschäfte!“

    „Auf ausgezeichnete Geschäfte“, erwiderte Appius.

    Innerlich hatte er bereits beschlossen, den Kaufmann gründlich überprüfen zu lassen.

    III. TABULAE OCCULTAE – Die verborgenen Aufzeichnungen

    Am folgenden Morgen saß Appius mit seinem Schreiber Marcus über den Geschäftsunterlagen.

    „Sieh dir diese Rechnungen an.“

    Marcus beugte sich vor.

    „Was soll ich suchen?“

    „Die Transporte des Lentulus. Besonders jene, die während unserer Bauarbeiten durchgeführt wurden.“

    Marcus begann, die Wachstafeln zu vergleichen.

    „Hier haben wir Steinlieferungen, dort Holz und Werkzeuge. Außerdem mehrere Transporte im Auftrag eines gewissen Aulus Septimius Naso.“

    „Wer ist dieser Naso?“

    „Ein Unternehmer, der regelmäßig Lebensmittel an das Legionslager liefert.“

    Appius deutete auf eine weitere Eintragung.

    „Und weshalb bezahlt ein Lebensmittellieferant den Transport von schweren Eisenbeschlägen und Bauholz zu einem abgelegenen Lagerhaus?“

    Marcus zuckte mit den Schultern.

    „Vielleicht erweitert er seine Gebäude.“

    „Vielleicht.“

    Appius betrachtete die Unterlagen.

    „Und vielleicht sollten wir uns dieses Lagerhaus einmal ansehen.“

    „Soll ich Männer zusammenstellen?“

    „Nein. Wir werden dort nicht erscheinen. Zumindest nicht persönlich.“

    Er überlegte.

    „Kennst du den Fuhrmann, der während unseres Aquäduktbaus die Steintransporte beaufsichtigt hat?“

    „Gaius Petronius?“

    „Genau den.“

    „Er ist ein zuverlässiger Mann.“

    „Dann lade ihn morgen zu einem Gespräch ein. Ich möchte ihm möglicherweise einen neuen Transportauftrag erteilen.“

    Marcus nickte.

    Appius lehnte sich zurück.

    Die erste Verbindung war gefunden.

    Aber eine Verbindung war noch kein Beweis.

    Und Titus hatte ausdrücklich Beweise verlangt.

    IV. EXPLORATIO IMPERII – Eine gefährliche Bekanntschaft

    Drei Tage später erhielt Appius Besuch.

    Ein Soldat der Exploratio Imperii meldete sich an seiner Tür.

    „Biarchus Faustus Iunius Rupa bittet um eine Unterredung.“

    Appius ließ den Mann unverzüglich eintreten.

    Faustus erschien in schlichter militärischer Kleidung. Er begrüßte den Bevollmächtigten des Aureliers höflich, jedoch ohne besondere Herzlichkeit.

    „Appius Orbius Herminianus?“

    „Der bin ich. Und du musst Faustus Iunius Rupa sein.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Tatsächlich?“

    „Deine Fähigkeiten sind weithin gerühmt.“

    "Na sowas ich wusste gar nicht, dass ich so berühmt bin.“

    Appius lachte.

    „Setz dich. Wein?“

    „Wasser genügt.“

    Nachdem der Diener den Raum verlassen hatte, veränderte sich Appius' Gesichtsausdruck.

    „Ich nehme an, du bist nicht gekommen, um die neue Wasserleitung zu bewundern.“

    „Nein.“

    Faustus zog eine Wachstafel aus seiner Tasche.

    „Ich habe gehört, dass du dich für die Transportgeschäfte des Quintus Varius Lentulus interessierst.“

    Appius schwieg einen Augenblick.

    „Woher weißt du das?“

    „Weil ich mich ebenfalls dafür interessiere.“

    „Aus welchem Grund?“

    Faustus legte die Wachstafel auf den Tisch.

    „Weil mehrere Transporte, die angeblich Baumaterial enthielten, auf Wegen durchgeführt wurden, die für gewöhnliche Handelsgeschäfte wenig sinnvoll erscheinen.“

    Appius beugte sich vor.

    „Wohin führten sie?“

    „Zu einem abgelegenen Wirtschaftsgebäude außerhalb der Stadt. Und möglicherweise weiter zu einem geheimen Rheinübergang.“

    Appius betrachtete den Biarchus.

    „Dann haben wir offenbar dieselben Freunde.“

    „Das würde ich noch nicht behaupten.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Ich kenne dich nicht. Und nur weil du für den Aurelier arbeitest, bedeutet das nicht, dass ich dir sämtliche Erkenntnisse meiner Männer anvertrauen werde.“

    Appius nickte anerkennend.

    „Eine vernünftige Einstellung.“

    Er öffnete eine Schublade und entnahm ihr eine Abschrift.

    „Vielleicht interessiert dich dann diese Rechnung.“

    Faustus überflog das Dokument.

    Sein Gesicht wurde ernst.

    „Woher hast du das?“

    „Aus den Geschäftsunterlagen unseres Aquäduktbaus.“

    „Dieser Transport fand am selben Tag statt, an dem einer meiner Männer eine verdächtige Wagenkolonne beobachtete.“

    Appius erhob sich.

    „Dann schlage ich vor, dass wir unsere Informationen vergleichen.“

    Faustus sah ihn lange an.

    „Unter einer Bedingung.“

    „Welche?“

    „Du unternimmst nichts, was meine laufenden Ermittlungen gefährdet.“

    Appius streckte ihm die Hand entgegen.

    „Einverstanden.“

    Faustus ergriff sie.

    Zwei Männer mit unterschiedlichen Aufgaben hatten soeben eine gemeinsame Spur entdeckt.

    V. EPISTULA SECRETA – Der geheime Brief nach Rom

    In der folgenden Nacht saß Appius allein in seinem Arbeitszimmer.

    Vor ihm lag ein frischer Papyrusbogen.

    Er hatte beschlossen, Titus einen ersten Bericht zu schicken.

    Allerdings würde er nicht den gewöhnlichen Postweg benutzen.

    Zu viele Nachrichten waren in den vergangenen Monaten verschwunden oder hatten ihre Empfänger verspätet erreicht.

    Sein Schreiben sollte mit einem zuverlässigen privaten Boten über mehrere Zwischenstationen nach Rom gelangen.

    Appius tauchte seine Schreibfeder in die Tinte.

    An Titus Aurelius Romanus, Rom.

    Mein lieber Titus,

    dein erster Auftrag ist erfüllt. Die Aqua Aurelia versorgt inzwischen die vorgesehenen Wohnviertel. Die Stadtverwaltung hat die Stiftung dankbar angenommen.

    Der zweite Auftrag erweist sich als wesentlich interessanter.

    Ich habe erste Verbindungen zwischen örtlichen Handelsunternehmen, militärischen Lieferanten und Personen festgestellt, die offenbar auch in Rom über Einfluss verfügen.

    Besonders bemerkenswert erscheint mir Quintus Varius Lentulus. Er unterhält umfangreiche Transportgeschäfte und hat mir gegenüber den Namen Lucius Cassius Varro erwähnt.

    Darüber hinaus bin ich mit Faustus Iunius Rupa zusammengetroffen. Seine Erkenntnisse lassen vermuten, dass bestimmte Warenbewegungen nicht ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken dienen.

    Noch besitzen wir keine ausreichenden Beweise für eine Beteiligung des Lentulus an der Verschwörung.

    Ich werde meine Nachforschungen deshalb unter dem Vorwand weiterer Investitionen der Gens Aurelia fortsetzen.

    Eine Bitte habe ich allerdings: Teile niemandem in Rom mit, dass ich mich für Varro interessiere.

    Dein ergebener

    Appius Orbius Herminianus

    Er versiegelte den Brief.

    Dann löschte er die Öllampe.

    Was Appius nicht wusste: Seit seinem Besuch bei Lentulus wurde sein Haus beobachtet.

    VI. OCULI IN TENEBRIS – Augen in der Dunkelheit

    Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saß ein unscheinbarer Mann vor einer kleinen Schenke.

    Er hatte den gesamten Abend damit verbracht, scheinbar gelangweilt Wein zu trinken.

    Als im Arbeitszimmer des Appius das Licht erlosch, erhob er sich.

    Er ging durch eine schmale Seitengasse zu einem Haus, dessen Hintereingang unverschlossen war.

    Dort erwartete ihn ein zweiter Mann.

    „Nun?“

    „Der Legatus hat Besuch von einem Offizier der Exploratio Imperii erhalten.“

    „Von wem?“

    „Faustus Iunius Rupa.“

    Der andere fluchte leise.

    „Das ist schlecht.“

    „Außerdem hat sein Schreiber heute mehrere Geschäftsunterlagen angefordert.“

    „Welche?“

    „Transportrechnungen.“

    Der zweite Mann schwieg.

    Schließlich fragte er:

    „Hat Appius bereits eine Nachricht nach Rom geschickt?“

    „Noch nicht. Aber vermutlich wird er es bald tun.“

    „Dann müssen wir dafür sorgen, dass wir wissen, was darin steht.“

    Er trat an den Tisch und schrieb einige Worte auf eine kleine Wachstafel.

    „Bring das zu Lentulus. Und sag ihm, dass unser gemeinsamer Freund unverzüglich unterrichtet werden muss.“

    „Welcher Freund?“

    Der Mann sah ihn kalt an.

    „Du stellst zu viele Fragen.“

    Wenig später verschwand der Bote in der Dunkelheit.

    Auf der Wachstafel standen lediglich vier Worte:

    VARRO – AURELIUS – RUPA – PERICULUM.

    VII. PRIMUM VESTIGIUM – Die erste Spur

    Am nächsten Morgen erhielt Appius eine überraschende Einladung.

    Quintus Varius Lentulus veranstaltete in drei Tagen ein privates Gastmahl.

    Zu seinen Gästen gehörten mehrere angesehene Kaufleute, zwei Verwaltungsbeamte und ein Offizier der Legio XXII Primigenia.

    Appius las die Einladung aufmerksam.

    Besonders ein Name erregte seine Aufmerksamkeit.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Er wusste, dass Marcellus zu den Männern gehörte, denen Faustus lange Zeit vertraut hatte.

    Und er wusste ebenfalls, dass Titus hinsichtlich dieses Mannes inzwischen erhebliche Zweifel hegte.

    Appius legte die Einladung auf den Tisch.

    „Marcus!“

    Sein Schreiber erschien.

    „Herr?“

    „Überbringe Quintus Varius Lentulus meinen Dank. Ich werde seiner Einladung mit größtem Vergnügen folgen.“

    „Soll ich etwas vorbereiten?“

    „Ja. Ein angemessenes Gastgeschenk.“

    „Was schwebt dir vor?“

    Appius lächelte.

    „Einen ausgezeichneten Falernum. Wenn ich schon mit den einflussreichsten Männern Mogontiacums speise, möchte ich wenigstens guten Wein trinken.“

    Nachdem Marcus gegangen war, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht.

    Er wusste, dass dieses Gastmahl gefährlich werden konnte.

    Denn möglicherweise würde er dort erstmals einem Mann gegenübersitzen, der unmittelbar an jener Verschwörung beteiligt war, die Titus Aurelius Romanus in Rom aufzudecken versuchte.

    Und dieser Mann würde nicht ahnen dürfen, dass der großzügige Stifter der Aqua Aurelia inzwischen zu seinem gefährlichsten Beobachter geworden war.

    ENDE DIES I – UMBRAE MOGONTIACI

    Fortsetzung: DIES II – CONVIVIUM PRODÍTIONIS – Das Gastmahl des Verrats. Appius besucht das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus und trifft dort auf Gaius Iunius Marcellus. Während er versucht, die Verbindungen der Verschwörer aufzudecken, bereitet Faustus eine verdeckte Überwachung der Transportwege vor. Doch einer der Gäste weiß bereits, weshalb Appius tatsächlich nach Mogontiacum gekommen ist.

  • Das Gastmahl des Verrats

    Appius Orbius Herminianus und die unsichtbaren Feinde Roms

    Provincia Germania Superior – Mogontiacum, um 120 n. Chr.

    Zwei parallele Handlungsstränge: Appius Orbius Herminianus auf der Suche nach den Hintermännern der Verschwörung und Biarchus Faustus Iunius Rupa bei einer geheimen Operation der Exploratio Imperii.

    HANDLUNGSSTRANG I

    APPIUS ORBIUS HERMINIANUS – Das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus

    I. PRAEPARATIO – Die Vorbereitungen

    Die vierte Stunde des Tages war gerade angebrochen, als Appius Orbius Herminianus seinen Schreiber Marcus in das Arbeitszimmer rufen ließ.

    Auf dem großen Tisch lagen mehrere Wachstafeln, eine Karte von Mogontiacum und eine sorgfältig zusammengestellte Liste der Gäste, die am Abend im Hause des Quintus Varius Lentulus erwartet wurden.

    Appius betrachtete die Namen.

    „Marcus, wir haben heute Abend eine ausgezeichnete Gelegenheit, uns einen Überblick über die einflussreichsten Männer dieser Provinz zu verschaffen.“

    „Und vermutlich auch über ihre zweifelhaften Geschäfte, Herr.“

    Appius lachte.

    „Du lernst schnell. Aber denke daran: Nicht jeder reiche Mann ist ein Verbrecher, und nicht jeder Verbrecher ist reich.“

    Er deutete auf einen Namen.

    „Gaius Iunius Marcellus. Was wissen wir über ihn?“

    Marcus nahm eine Wachstafel zur Hand.

    „Tribunus laticlavius der Legio XXII Primigenia. Ein Mann aus angesehenem Hause, mit ausgezeichneten Beziehungen zur militärischen Führung und zur Verwaltung der Provinz.“

    „Und seine Verbindung zu Lentulus?“

    „Nach unseren Informationen kennen sich die beiden seit mehreren Jahren. Lentulus hat wiederholt Lieferverträge erhalten, an deren Vergabe Marcellus zumindest mittelbar beteiligt gewesen sein könnte.“

    Appius hob den Kopf.

    „Könnte?“

    „Wir haben keinen Beweis.“

    „Dann werden wir auch keine Anschuldigungen erheben.“

    Er stand auf und ging zum Fenster.

    „Titus hat mir eines ausdrücklich eingeschärft: Wir dürfen nicht denselben Fehler machen wie unsere Gegner. Wir dürfen einen Menschen nicht verurteilen, nur weil seine Bekanntschaften uns missfallen.“

    Marcus nickte.

    „Was soll ich während deiner Abwesenheit unternehmen?“

    „Du wirst unsere Unterlagen sichern. Außerdem erwarte ich einen Bericht über die Geschäftspartner des Lentulus.“

    „Und wenn jemand nach dir fragt?“

    Appius lächelte.

    „Dann befinde ich mich auf einem Gastmahl und genieße den ausgezeichneten Wein eines wohlhabenden Kaufmanns.“

    Er nahm eine kleine versiegelte Wachstafel vom Tisch.

    „Und Marcus?“

    „Herr?“

    „Sollte ich bis zum nächsten Morgen nicht zurückkehren, übergibst du diese Nachricht ausschließlich an Faustus Iunius Rupa.“

    Marcus betrachtete die Tafel.

    „Erwartest du Schwierigkeiten?“

    „Nein. Ich bereite mich lediglich darauf vor.“

    II. DOMUS LENTULI – Das Haus des Kaufmanns

    Die neunte Stunde – Das vornehme Handelsviertel Mogontiacums

    Das Haus des Quintus Varius Lentulus gehörte zu den prächtigsten Privatgebäuden der Stadt.

    Bereits der Eingangsbereich zeugte vom Reichtum seines Besitzers. Marmorne Säulen trugen das Dach des Atriums. Ein Wasserbecken spiegelte das Licht der Nachmittagssonne. Kostbare Wandmalereien zeigten Szenen aus der griechischen Mythologie.

    Appius wurde von einem Hausverwalter empfangen.

    „Mein Herr erwartet dich bereits, Appius Orbius Herminianus.“

    „Dann wollen wir ihn nicht warten lassen.“

    Lentulus erschien wenige Augenblicke später.

    „Mein lieber Appius! Endlich! Der Mann, der unserer Stadt ein neues Aquädukt geschenkt hat!“

    „Du übertreibst, Lentulus. Das Geschenk stammt von Titus Aurelius Romanus. Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass die Arbeiter ihren Lohn erhalten.“

    „Eine bemerkenswerte Bescheidenheit.“

    „Eine notwendige Eigenschaft für jemanden, der fremdes Geld verwaltet.“

    Lentulus lachte herzlich.

    „Komm! Ich möchte dich meinen Gästen vorstellen.“

    Die beiden betraten den Garten.

    Unter einem überdachten Säulengang standen mehrere Männer in kleinen Gruppen zusammen. Diener reichten Wein und kleine Vorspeisen.

    Appius erkannte einige Kaufleute, die er während des Aquäduktbaus kennengelernt hatte.

    Dann entdeckte er einen hochgewachsenen Mann in einer kostbaren Tunika.

    Lentulus bemerkte seinen Blick.

    „Ah! Da steht ein Mann, den du unbedingt kennenlernen solltest.“

    Er führte Appius zu dem Unbekannten.

    „Gaius Iunius Marcellus, darf ich dir Appius Orbius Herminianus vorstellen? Den persönlichen Bevollmächtigten unseres gemeinsamen Freundes Titus Aurelius Romanus.“

    Marcellus wandte sich um.

    Sein Gesicht zeigte ein höfliches, beinahe vollkommenes Lächeln.

    „Appius Orbius Herminianus. Dein Name ist mir bereits bekannt.“

    Appius verneigte sich leicht.

    „Eine Ehre, Tribun.“

    „Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite. Man spricht in Mogontiacum ausschließlich lobend von deinem Bauvorhaben.“

    „Dann hoffe ich, dass die Wasserleitung diesen guten Ruf auch weiterhin verdient.“

    Marcellus nahm einen Becher Wein entgegen.

    „Titus Aurelius Romanus muss großes Vertrauen zu dir haben, wenn er dich mit einer derartigen Stiftung beauftragt.“

    „Wir kennen uns seit geraumer Zeit.“

    „Und er befindet sich gegenwärtig in Rom?“

    „Soweit mir bekannt.“

    Marcellus lächelte.

    „Ein vielbeschäftigter Mann, unser Titus.“

    Appius erwiderte das Lächeln.

    „Das war er schon immer.“

    Was keiner der Umstehenden bemerkte: Beide Männer beobachteten einander mit äußerster Aufmerksamkeit.

    III. CONVIVIUM – Das Gastmahl beginnt

    Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Gäste in das prächtige Triclinium geführt.

    Lentulus hatte keine Kosten gescheut.

    Auf kunstvoll verzierten Tischen standen Austern, Oliven, eingelegte Gemüse, Eier, frisches Brot und kleine Schalen mit verschiedenen Saucen.

    Sklaven brachten gewürzten Wein und aromatisierte Getränke.

    Der Gastgeber erhob seinen Becher.

    „Meine Freunde! Heute feiern wir nicht nur unsere erfolgreiche Handelstätigkeit. Wir feiern auch die Zukunft Mogontiacums!“

    Zustimmende Rufe ertönten.

    „Unsere Stadt wächst. Die Legion schützt unsere Grenzen. Händler bringen Wohlstand. Und großzügige Männer wie Titus Aurelius Romanus sorgen dafür, dass unsere Bürger von diesem Wohlstand profitieren.“

    Er wandte sich Appius zu.

    „Auf die Aqua Aurelia!“

    „Auf die Aqua Aurelia!“, antworteten die Gäste.

    Appius erhob sich kurz.

    „Ich danke dir, Lentulus. Doch ich möchte darauf hinweisen, dass eine Wasserleitung nur so viel wert ist wie die Männer, die sie errichtet haben. Mein Dank gilt deshalb insbesondere den Handwerkern und Arbeitern Mogontiacums.“

    Beifall erklang.

    Marcellus betrachtete Appius über den Rand seines Weinbechers hinweg.

    „Ein geschickter Redner“, bemerkte er.

    „Ein geschickter Verwalter“, erwiderte Lentulus. „Und möglicherweise bald ein noch bedeutenderer Geschäftspartner.“

    Appius setzte sich.

    „Du machst mich neugierig.“

    Lentulus beugte sich vor.

    „Ich habe gehört, dass die Gens Aurelia weitere Investitionen in Germania Superior erwägt.“

    „Es gibt entsprechende Überlegungen.“

    „Dann sollten wir über den Ausbau unserer Lagerkapazitäten sprechen.“

    Marcellus schaltete sich ein.

    „Besonders die Versorgung der Legion bietet ausgezeichnete Möglichkeiten.“

    Appius betrachtete ihn interessiert.

    „Tatsächlich?“

    „Selbstverständlich. Eine Legion benötigt Getreide, Öl, Wein, Werkzeuge, Kleidung, Ersatzteile und unzählige weitere Güter.“

    „Und wer entscheidet über die Lieferverträge?“

    Marcellus nahm einen Schluck Wein.

    „Die zuständigen Verwaltungsstellen. Unter Berücksichtigung der militärischen Anforderungen.“

    „Dann benötige ich wohl ausgezeichnete Beziehungen zu diesen Verwaltungsstellen.“

    Lentulus lachte.

    „Genau deshalb sitzen wir heute hier!“

    Appius lachte mit.

    Doch innerlich hatte er bereits die erste bemerkenswerte Feststellung getroffen.

    Marcellus hatte sich ohne jede Aufforderung in ein Gespräch über militärische Beschaffungsverträge eingeschaltet.

    Das war noch kein Beweis.

    Aber es war ein Anfang.

    HANDLUNGSSTRANG II

    FAUSTUS IUNIUS RUPA – Die unsichtbaren Beobachter

    IV. OPERATIO NOCTURNA – Die nächtliche Operation

    Zur gleichen Zeit – Stabsgebäude der Exploratio Imperii

    Biarchus Faustus Iunius Rupa stand vor einer großen Karte der Umgebung Mogontiacums.

    Sechs ausgewählte Männer seiner Einheit waren um ihn versammelt.

    Unter ihnen befand sich Marcus, ein erfahrener Speculator, der bereits mehrfach an verdeckten Operationen jenseits des Limes teilgenommen hatte.

    Faustus deutete auf drei Punkte der Karte.

    „Meine Herren, wir haben heute Nacht eine Aufgabe, bei der ich weder Helden noch Leichen gebrauchen kann.“

    Einige Männer grinsten.

    „Unser Ziel ist die Beobachtung dreier Transportwege.“

    Er deutete auf den ersten Punkt.

    „Der nördliche Rheinübergang. Hier wurden in den vergangenen Wochen mehrfach Wagenkolonnen beobachtet, deren tatsächliche Ladung nicht mit den angegebenen Transportpapieren übereinstimmte.“

    Sein Finger wanderte weiter.

    „Das Wirtschaftsgebäude außerhalb der Stadt. Wir vermuten, dass dort Waren zwischengelagert werden.“

    Schließlich zeigte er auf einen schmalen Weg.

    „Und diese Verbindung zwischen dem Lagerhaus und der Hauptstraße.“

    Marcus betrachtete die Karte.

    „Wie viele Männer stehen uns zur Verfügung?“

    „Zwölf. Jeweils vier pro Beobachtungspunkt.“

    „Sollen wir verdächtige Transporte anhalten?“

    „Ausdrücklich nicht.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Wir beobachten. Wir zählen Wagen, Pferde und Begleitpersonen. Wir versuchen, die Ladungen zu identifizieren. Und vor allem merken wir uns die Gesichter.“

    Ein jüngerer Speculator meldete sich.

    „Was geschieht, wenn wir Waffen entdecken?“

    „Dann möchte ich wissen, woher sie kommen und wohin sie gebracht werden.“

    „Und wenn sie uns entdecken?“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Dann habt ihr eure Aufgabe schlecht erfüllt.“

    Die Männer lachten.

    Faustus wurde wieder ernst.

    „Eine Sache noch. Niemand außerhalb dieses Raumes erfährt von unserer Operation. Nicht einmal die gewöhnlichen Dienststellen der Legion.“

    Marcus runzelte die Stirn.

    „Du vermutest einen Verräter innerhalb unserer eigenen Reihen?“

    „Ich vermute überhaupt nichts mehr. Ich überprüfe.“

    Er blickte auf die Karte.

    „Glaube keinem Menschen. Glaube dem, was Menschen tun.“

    Wenig später verließen die Männer einzeln das Stabsgebäude.

    Die Operation hatte begonnen.

    V. VESTIGIA AD RHENUM – Die Spuren am Rhein

    Die Nacht hatte sich über Mogontiacum gelegt.

    Am nördlichen Rheinübergang saßen zwei Männer neben einem kleinen Feuer. Sie trugen einfache Reisekleidung und schienen auf einen verspäteten Händler zu warten.

    Tatsächlich gehörten sie zur Exploratio Imperii.

    Weitere Speculatores hatten sich zwischen den Bäumen verborgen.

    Marcus beobachtete die Straße.

    „Noch immer nichts“, flüsterte sein Begleiter.

    „Geduld. Ein guter Jäger läuft seiner Beute nicht entgegen.“

    Plötzlich ertönte aus der Ferne das Knarren von Wagenrädern.

    Marcus hob die Hand.

    Drei schwere Transportwagen näherten sich dem Übergang. Jeder wurde von zwei Pferden gezogen. Neben den Wagen ritten vier bewaffnete Männer.

    Ein fünfter Reiter führte die Kolonne an.

    Die Wagen hielten vor einem kleinen Wirtschaftsgebäude.

    Ein Mann trat aus der Dunkelheit und wechselte einige Worte mit dem Anführer.

    Dann wurden die Tore geöffnet.

    Marcus beobachtete, wie die Wagen im Inneren verschwanden.

    „Hast du das Zeichen gesehen?“, flüsterte er.

    Sein Begleiter nickte.

    An der Rückseite des letzten Wagens war ein kleines Symbol eingeritzt.

    Ein Adler.

    Darunter drei Striche.

    Und ein Kreis.

    Dasselbe Zeichen, das Faustus bereits im Zusammenhang mit den geheimen Waffenlieferungen entdeckt hatte.

    Marcus wartete, bis das Tor geschlossen war.

    „Wir haben unsere Bestätigung.“

    „Sollen wir zurückkehren?“

    „Noch nicht. Ich möchte wissen, ob die Wagen hier bleiben.“

    Fast eine Stunde verging.

    Dann öffnete sich das Tor erneut.

    Die Wagen kamen wieder heraus.

    Allerdings bewegten sie sich nun deutlich schneller. Offenbar waren sie entladen worden.

    Marcus gab seinem Begleiter ein Zeichen.

    „Du folgst den Wagen. Ich bleibe hier.“

    „Und wenn jemand das Gebäude verlässt?“

    Marcus lächelte.

    „Dann werde ich ihm einen angenehmen nächtlichen Spaziergang ermöglichen.“

    HANDLUNGSSTRANG I

    VI. VERBA VENENATA – Vergiftete Worte

    Im Hause des Lentulus hatte das Gastmahl inzwischen seinen Höhepunkt erreicht.

    Gebratener Pfau, Wildschwein, Fischgerichte und verschiedene Früchte wurden aufgetragen. Diener füllten die Weinbecher.

    Appius hatte seinen Wein bislang nur vorsichtig getrunken.

    Marcellus hingegen schien in ausgezeichneter Stimmung.

    „Sag mir, Appius, wie gefällt dir eigentlich unsere Provinz?“

    „Ausgezeichnet. Ich erwäge sogar, meinen Aufenthalt zu verlängern.“

    „Wirklich?“

    „Die Gens Aurelia besitzt hier schließlich zahlreiche Interessen.“

    Marcellus legte seinen Becher ab.

    „Und welche Interessen wären das?“

    Appius lächelte.

    „Wasser, Handel, Grundstücke. Vielleicht auch der Ausbau einiger Straßen.“

    „Du hast ehrgeizige Pläne.“

    „Mein Herr hat ehrgeizige Pläne. Ich bin lediglich sein bescheidener Diener.“

    „Bescheidenheit scheint mir nicht gerade deine auffälligste Eigenschaft zu sein.“

    Beide Männer lachten.

    Dann beugte sich Marcellus etwas näher.

    „Und was macht Titus eigentlich in Rom?“

    Appius zuckte mit den Schultern.

    „Er hat sich in letzter Zeit bemerkenswert selten bei mir gemeldet.“

    „Vielleicht ist er verliebt.“

    Marcellus lachte laut.

    „Titus Aurelius Romanus?“

    „Warum nicht? Selbst ein Aurelier ist vor den Pfeilen Amors nicht sicher.“

    Lentulus, der das Gespräch mitverfolgt hatte, mischte sich ein.

    „Dann sollten wir auf die zukünftige Gemahlin unseres großzügigen Wohltäters trinken!“

    Die Gäste erhoben ihre Becher.

    Appius bemerkte jedoch, dass Marcellus ihn weiterhin beobachtete.

    Plötzlich stellte der Tribun eine Frage.

    „Sag mir, Appius, hast du während deines Aufenthalts eigentlich Bekanntschaft mit Faustus Iunius Rupa geschlossen?“

    Appius ließ sich nichts anmerken.

    „Der Name ist mir bekannt.“

    „Ein ungewöhnlicher Mann.“

    „Inwiefern?“

    Marcellus lächelte.

    „Er stellt Fragen. Sehr viele Fragen.“

    „Dann dürfte er ein ausgezeichneter Soldat sein.“

    „Möglicherweise.“

    Marcellus betrachtete seinen Gesprächspartner.

    „Allerdings gibt es Fragen, deren Antworten einem Menschen gefährlich werden können.“

    Appius hob seinen Becher.

    „Dann sollten wir hoffen, dass er die richtigen Fragen stellt.“

    Die beiden Männer stießen an.

    Doch Appius wusste nun, dass sein Gegenüber wesentlich mehr über die laufenden Ermittlungen wusste, als er zugeben wollte.

    VII. HOSPES IGNOTUS – Der unbekannte Gast

    Kurz vor Mitternacht erschien ein weiterer Gast.

    Lentulus erhob sich sofort, als der Neuankömmling das Triclinium betrat.

    „Meine Herren! Darf ich euch einen geschätzten Geschäftsfreund vorstellen? Publius Aelius Corvinus.“

    Der Mann war ungefähr fünfzig Jahre alt. Sein sorgfältig geschnittenes Haar zeigte erste graue Strähnen. Seine Kleidung war kostbar, jedoch zurückhaltend.

    Corvinus begrüßte die Gäste höflich.

    Dann wandte er sich Appius zu.

    „Appius Orbius Herminianus. Endlich lernen wir uns persönlich kennen.“

    „Hatten wir bereits das Vergnügen?“

    „Nicht unmittelbar. Allerdings habe ich in Rom viel über dich gehört.“

    Appius lächelte.

    „Ich hoffe, ausschließlich Gutes.“

    „Selbstverständlich.“

    Corvinus nahm neben ihm Platz.

    „Du bist also der Mann, dem Titus Aurelius Romanus seine Interessen in Germania Superior anvertraut hat.“

    „So könnte man es ausdrücken.“

    „Ein bemerkenswertes Vertrauensverhältnis.“

    „Titus weiß, dass ich gewissenhaft arbeite.“

    Corvinus betrachtete ihn.

    „Gewissenhaftigkeit ist eine ausgezeichnete Eigenschaft. Besonders bei Männern, die mehrere Aufträge gleichzeitig erfüllen müssen.“

    Appius spürte augenblicklich, dass dieses Gespräch eine gefährliche Wendung nahm.

    „Mehrere Aufträge?“

    „Nun, ein Aquädukt errichtet sich nicht von selbst. Verträge, Rechnungen, Bauaufsicht, Verhandlungen mit den Behörden. Sicherlich hast du sehr viel zu tun.“

    „Durchaus.“

    Corvinus lächelte.

    „Und dennoch findest du Zeit, dich für die Transportgeschäfte unserer Kaufleute zu interessieren.“

    Für einen kurzen Augenblick herrschte Schweigen.

    Appius nahm seinen Weinbecher.

    „Ein guter Verwalter muss sich über mögliche Geschäftspartner informieren.“

    „Natürlich.“

    Corvinus beugte sich näher.

    „Allerdings solltest du darauf achten, dass deine Neugier nicht missverstanden wird.“

    Appius erwiderte seinen Blick.

    „Ich danke dir für deinen Rat.“

    „Betrachte ihn als freundschaftliche Empfehlung.“

    Dann wechselte Corvinus unvermittelt das Thema.

    Er begann über die politischen Verhältnisse in Rom zu sprechen, über Handelsmöglichkeiten und die steigende Bedeutung der germanischen Provinzen.

    Appius beteiligte sich höflich.

    Doch innerlich hatte er eine Entscheidung getroffen.

    Dieser Mann musste überprüft werden.

    Und zwar unverzüglich.

    HANDLUNGSSTRANG II

    VIII. SIGNUM PRODÍTIONIS – Das Zeichen des Verrats

    Zur selben Stunde erhielt Faustus Iunius Rupa den ersten Bericht seiner Speculatores.

    Marcus hatte einen Boten zurückgeschickt.

    Faustus las die Nachricht zweimal.

    Dann rief er seinen Stellvertreter.

    „Die Wagen haben das Wirtschaftsgebäude erreicht. Unser Zeichen wurde bestätigt.“

    „Der Adler?“

    „Der Adler. Drei Striche. Ein Kreis.“

    „Sollen wir das Gebäude umstellen?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein. Noch nicht.“

    Er betrachtete die Karte.

    „Wenn wir dieses Lagerhaus ausheben, finden wir vielleicht Waffen und einige bezahlte Handlanger. Aber wir verlieren diejenigen, die dahinterstehen.“

    „Was schlägst du vor?“

    „Wir lassen sie glauben, dass ihre Transporte weiterhin unentdeckt bleiben.“

    Faustus nahm eine weitere Wachstafel.

    „Und wir werden herausfinden, wer ihnen mitteilt, wann unsere Patrouillen unterwegs sind.“

    Sein Stellvertreter blickte auf.

    „Du vermutest also tatsächlich einen Informanten innerhalb der Legion.“

    „Die Wagen haben einen Weg benutzt, auf dem heute Nacht keine regulären Patrouillen unterwegs sind.“

    „Das könnte Zufall sein.“

    „Einmal vielleicht. Aber nicht bei mehreren Transporten hintereinander.“

    Faustus stand auf.

    „Lass die Dienstpläne der vergangenen zehn Tage beschaffen. Ich möchte wissen, wer Zugang zu den Patrouillenbefehlen hatte.“

    „Auch die Offiziere?“

    Faustus sah ihn an.

    „Besonders die Offiziere.“

    HANDLUNGSSTRANG I

    IX. INTER AMICOS ET HOSTES – Zwischen Freunden und Feinden

    Das Gastmahl näherte sich seinem Ende.

    Einige Gäste waren bereits erheblich angetrunken. Andere unterhielten sich in kleinen Gruppen.

    Appius nutzte die Gelegenheit, um Lentulus unter vier Augen zu sprechen.

    „Ein ausgezeichnetes Gastmahl, mein Freund.“

    „Es freut mich, dass es dir gefällt.“

    „Besonders interessant fand ich deinen Freund Corvinus.“

    Lentulus lächelte.

    „Ein außerordentlich einflussreicher Mann.“

    „In welcher Hinsicht?“

    „Er verfügt über ausgezeichnete Verbindungen nach Rom.“

    „Zum Senat?“

    „Unter anderem.“

    Appius betrachtete ihn.

    „Vielleicht könnte er mir bei einigen Angelegenheiten behilflich sein.“

    „Das könnte er sicherlich.“

    „Dann werde ich seine Bekanntschaft vertiefen.“

    Lentulus legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter.

    „Tu das. Allerdings möchte ich dir einen Rat geben.“

    „Ich höre.“

    „Corvinus schätzt Männer, die ihre eigenen Angelegenheiten von denen anderer Menschen unterscheiden können.“

    Appius lachte.

    „Ein bemerkenswerter Grundsatz für einen Geschäftsmann.“

    „Ein notwendiger Grundsatz.“

    In diesem Augenblick trat Marcellus hinzu.

    „Appius! Unser Gastgeber hat mir erzählt, dass du morgen die Hafenanlagen besichtigen möchtest.“

    „Das ist richtig.“

    „Dann würde ich dich gerne begleiten.“

    Appius betrachtete den Tribun.

    „Das wäre mir eine große Ehre.“

    Marcellus lächelte.

    „Ausgezeichnet. Ich werde dich zur dritten Stunde abholen.“

    Die beiden verabschiedeten sich.

    Als Appius schließlich das Haus verließ, war es bereits weit nach Mitternacht.

    Seine Sänfte wartete vor dem Eingang.

    Doch bevor er einstieg, trat Corvinus aus dem Schatten einer Säule.

    „Appius! Einen Augenblick.“

    Appius wandte sich um.

    „Corvinus?“

    Der Mann kam näher.

    „Übermittle Titus Aurelius Romanus meine besten Grüße.“

    „Selbstverständlich.“

    Corvinus lächelte.

    „Und richte ihm aus, dass seine Freunde in Mogontiacum sehr aufmerksam verfolgen, was er in Rom unternimmt.“

    Appius hielt seinem Blick stand.

    „Welche Freunde wären das?“

    Corvinus trat einen Schritt zurück.

    „Er wird wissen, wen ich meine.“

    Dann verschwand er im Haus.

    Appius stieg in seine Sänfte.

    Er hatte seine Antwort erhalten.

    Mindestens einer der Gäste wusste von seinem tatsächlichen Auftrag.

    Und dieser Mann hatte soeben eine Warnung ausgesprochen.

    X. CONSILIUM OCCULTUM – Die geheime Besprechung

    Noch in derselben Nacht ließ Appius Faustus Iunius Rupa eine verschlüsselte Nachricht überbringen.

    Der Biarchus erschien kurz vor Tagesanbruch.

    Marcus führte ihn durch einen Seiteneingang in das Arbeitszimmer.

    Appius erwartete ihn bereits.

    „Du siehst aus, als hättest du eine angenehme Nacht verbracht“, bemerkte Faustus.

    „Ausgezeichneten Wein, hervorragendes Essen und mindestens drei Männer, die mich vermutlich lieber tot als lebendig sehen würden.“

    Faustus setzte sich.

    „Dann war das Gastmahl erfolgreich.“

    Appius lachte kurz.

    Anschließend berichtete er ausführlich von seinen Gesprächen mit Lentulus, Marcellus und Corvinus.

    Faustus hörte aufmerksam zu.

    Als Appius den Namen Corvinus erwähnte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

    „Wiederhole den Namen.“

    „Publius Aelius Corvinus.“

    Faustus stand auf und ging zur Tür.

    Er vergewisserte sich, dass niemand lauschte.

    Dann kehrte er zurück.

    „Dieser Name ist bereits in unseren Ermittlungen aufgetaucht.“

    Appius beugte sich vor.

    „Wo?“

    „In den Unterlagen eines abgefangenen Transportes. Allerdings nicht als Empfänger oder Absender.“

    „Sondern?“

    „Als Bevollmächtigter eines Geschäftshauses, das seinen Sitz angeblich in Ostia hat.“

    Appius dachte nach.

    „Ein Mann mit Verbindungen nach Rom, der persönlich nach Mogontiacum reist und ausgerechnet während unserer Ermittlungen bei Lentulus erscheint.“

    „Das allein beweist nichts“, erwiderte Faustus.

    „Aber es verdient unsere Aufmerksamkeit.“

    „Allerdings.“

    Appius erhob sich.

    „Marcellus möchte mich morgen durch die Hafenanlagen führen.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Das gefällt mir nicht.“

    „Mir ebenfalls nicht.“

    „Du könntest in eine Falle geraten.“

    Appius lächelte.

    „Dann solltest du vielleicht dafür sorgen, dass ich nicht hineinfalle.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ihr Aurelier und eure Bevollmächtigten besitzt eine bemerkenswerte Neigung, Schwierigkeiten geradezu herauszufordern.“

    „Und ihr Männer der Exploratio Imperii habt eine bemerkenswerte Neigung, überall Schwierigkeiten zu vermuten.“

    „Meistens mit gutem Grund.“

    Beide lachten.

    Dann wurde Faustus ernst.

    „Du wirst morgen die Hafenanlagen besichtigen. Meine Männer werden dich beobachten, ohne dass Marcellus davon etwas bemerkt.“

    „Und Corvinus?“

    „Den übernehme ich persönlich.“

    XI. LITTERAE AD ROMAM – Die Nachricht an Titus

    Nachdem Faustus gegangen war, setzte sich Appius erneut an seinen Schreibtisch.

    Diesmal verfasste er einen ausführlichen Bericht für Titus.

    Er schilderte die Ereignisse des Gastmahls, seine Begegnung mit Marcellus und insbesondere das ungewöhnliche Verhalten des Publius Aelius Corvinus.

    Dann fügte er eine persönliche Bemerkung hinzu.

    Mein lieber Titus,

    ich beginne zu verstehen, weshalb du mir diesen Auftrag übertragen hast.

    Die Verschwörung scheint nicht ausschließlich aus Männern zu bestehen, die sich heimlich treffen und verräterische Pläne schmieden.

    Sie verfügt offenbar über ein wirtschaftliches Netzwerk. Händler, Transportunternehmer und möglicherweise auch Angehörige der militärischen Verwaltung könnten daran beteiligt sein.

    Noch wissen wir nicht, welche Rolle Gaius Iunius Marcellus tatsächlich spielt.

    Aber ich bin inzwischen überzeugt, dass unsere Gegner über meine Anwesenheit und vermutlich auch über meine eigentliche Aufgabe informiert sind.

    Besondere Aufmerksamkeit verdient Publius Aelius Corvinus.

    Er hat mir heute eine Warnung übermittelt, die ich nicht ignorieren werde.

    Biarchus Faustus Iunius Rupa und ich arbeiten inzwischen zusammen. Unsere Erkenntnisse ergänzen sich ausgezeichnet.

    Ich werde morgen mit Marcellus die Hafenanlagen besichtigen.

    Sollte ich dabei etwas Interessantes entdecken, wirst du unverzüglich davon erfahren.

    Dein Appius.

    Er versiegelte den Brief.

    Doch bevor er ihn seinem Boten übergab, hielt er inne.

    Ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los.

    Wenn Corvinus tatsächlich wusste, weshalb er sich in Mogontiacum aufhielt, dann war möglicherweise auch der gewöhnliche Nachrichtenweg nach Rom kompromittiert.

    Appius nahm deshalb eine zweite Wachstafel.

    Auf ihr vermerkte er lediglich die drei Namen:

    LENTULUS – MARCELLUS – CORVINUS.

    Darunter schrieb er:

    QUIS IMPERAT? – Wer befiehlt?

    XII. UMBRA IMPERII – Der Mann hinter dem Vorhang

    Während Appius seinen Bericht verfasste, fand im Hause des Lentulus eine letzte Unterredung statt.

    Nur drei Männer waren zurückgeblieben.

    Lentulus, Marcellus und Corvinus.

    Die Diener waren fortgeschickt worden.

    Corvinus stand am Fenster.

    „Unser Freund aus Rom hat also beschlossen, uns einen Beobachter zu schicken.“

    Marcellus verschränkte die Arme.

    „Appius ist gefährlicher, als er aussieht.“

    Lentulus wirkte beunruhigt.

    „Vielleicht sollten wir die Transporte vorübergehend einstellen.“

    Corvinus drehte sich langsam um.

    „Nein.“

    „Aber wenn die Exploratio Imperii bereits unsere Wagen beobachtet ...“

    „Dann müssen wir herausfinden, wie viel sie wissen.“

    Marcellus betrachtete ihn.

    „Und wie stellst du dir das vor?“

    Corvinus lächelte.

    „Du wirst Appius morgen die Hafenanlagen zeigen.“

    „Das war ohnehin vereinbart.“

    „Ausgezeichnet.“

    Er trat an den Tisch.

    „Währenddessen werden wir ihm Gelegenheit geben, etwas zu entdecken.“

    Lentulus runzelte die Stirn.

    „Was?“

    „Eine Information, die er unbedingt nach Rom weiterleiten möchte.“

    Marcellus verstand.

    „Eine falsche Spur.“

    „Nicht vollständig falsch“, erwiderte Corvinus. „Eine gute Täuschung enthält immer genügend Wahrheit, um glaubwürdig zu erscheinen.“

    Lentulus betrachtete ihn nervös.

    „Und wenn Appius misstrauisch wird?“

    Corvinus nahm seinen Mantel.

    „Dann werden wir herausfinden, ob Titus Aurelius Romanus seinem Bevollmächtigten ebenso sehr vertraut, wie dieser behauptet.“

    Er ging zur Tür.

    Marcellus hielt ihn zurück.

    „Eine Frage noch. Wer hat dir eigentlich mitgeteilt, dass Appius im Auftrag des Titus Nachforschungen anstellt?“

    Corvinus blieb stehen.

    Für einen Augenblick war es vollkommen still.

    Dann antwortete er:

    „Ein Mann, der Titus Aurelius Romanus wesentlich nähersteht, als dieser vermutet.“

    Marcellus erstarrte.

    „Du meinst ...“

    Corvinus hob die Hand.

    „Keine Namen.“

    Er öffnete die Tür.

    „Noch nicht.“

    ENDE DIES II – CONVIVIUM PRODÍTIONIS

    Das Gastmahl des Verrats

    Fortsetzung: DIES III – PORTUS FRAUDIS – Der Hafen der Täuschung

    Am folgenden Morgen begleitet Gaius Iunius Marcellus den ahnungslosen Appius zu den Hafenanlagen von Mogontiacum. Dort soll er auf gefälschte Transportdokumente stoßen, die einen angeblichen Waffenhandel zwischen germanischen Stammesführern und einem hochrangigen römischen Beamten belegen.

    Gleichzeitig entdeckt Faustus, dass die nächtlichen Transporte offenbar nicht nur Waffen, sondern auch versiegelte Nachrichten aus Rom befördern. Als einer seiner Speculatores verschwindet, muss er entscheiden, ob er die geheime Überwachung fortsetzt oder eingreift.

    Währenddessen erreicht ein zweiter, bislang unbekannter Bote Rom. Sein Ziel ist nicht Titus Aurelius Romanus, sondern der kaiserliche Palast.

  • Der Hafen der Täuschung

    Provincia Germania Superior – Mogontiacum – 119 n. Chr.

    Drei Männer, drei Schauplätze und eine Verschwörung, deren wahres Ausmaß noch niemand kennt.

    Während Appius Orbius Herminianus glaubt, den ersten entscheidenden Hinweis auf die Hintermänner der Verschwörung gefunden zu haben, gerät er immer tiefer in eine sorgfältig vorbereitete Falle. Faustus Iunius Rupa wiederum entdeckt, dass seine Gegner über Informationen verfügen, die eigentlich ausschließlich der kaiserlichen Verwaltung vorbehalten sein sollten.

    In Rom erreicht unterdessen ein unbekannter Bote den Palatin. Er trägt eine Nachricht, deren Inhalt das Schicksal des Titus Aurelius Romanus verändern könnte.

    HANDLUNGSSTRANG I

    APPIUS ORBIUS HERMINIANUS – DIE FALLE DES MARCELLUS

    I. Die Einladung

    Die Sonne hatte sich kaum über die Dächer von Mogontiacum erhoben, als ein Diener dem Legati Aureliani Appius Orbius Herminianus meldete, dass Gaius Iunius Marcellus vor seiner Unterkunft warte.

    Appius ließ sich Zeit.

    Er stand vor einem bronzenen Spiegel und befestigte sorgfältig die Fibel seiner Tunika. Anschließend betrachtete er die Wachstafel, auf der er die Ereignisse des vergangenen Abends festgehalten hatte.

    Das Gastmahl des Quintus Varius Lentulus hatte ihm einige interessante Erkenntnisse geliefert. Allerdings hatte er das ungute Gefühl, dass er selbst während des Gastmahls mindestens ebenso aufmerksam beobachtet worden war wie die anderen Gäste.

    Besonders Marcellus beschäftigte ihn.

    Der Tribun hatte sich freundlich, zuvorkommend und außerordentlich hilfsbereit gezeigt.

    Vielleicht etwas zu hilfsbereit.

    Appius verschloss seine Wachstafel in einer kleinen Truhe und wandte sich seinem Diener zu.

    „Bitte unseren geschätzten Gast herein.“

    Wenig später erschien Marcellus.

    „Salve, Appius! Ich hoffe, du hast die Gastfreundschaft unserer schönen Stadt bisher genießen können.“

    „Salve, Marcellus! Allerdings. Mogontiacum besitzt durchaus seine Reize.“

    Marcellus lachte.

    „Dann werde ich dir heute einen weiteren zeigen. Unseren Hafen! Dort schlägt das wirtschaftliche Herz der gesamten Region.“

    „Eine ausgezeichnete Idee.“

    „Du wirst überrascht sein, welche Waren hier umgeschlagen werden. Getreide, Wein, Öl, Eisen und selbstverständlich alles, was unsere Legion benötigt.“

    Appius lächelte.

    „Dann wollen wir uns dieses Wunderwerk römischer Organisation einmal ansehen.“

    Während sie die Unterkunft verließen, bemerkte Appius einen Mann, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite scheinbar gelangweilt einen Korb mit Feigen betrachtete.

    Er hatte ihn bereits am vergangenen Abend gesehen.

    Interessant, dachte Appius.

    Er ließ sich nichts anmerken.

    II. Die Hafenanlagen von Mogontiacum

    Der Hafen lag bereits voller Leben.

    Schwere Lastkähne hatten an den hölzernen Anlegestellen festgemacht. Hafenarbeiter trugen Amphoren über schmale Planken, während andere große Getreidesäcke auf bereitstehende Ochsenkarren verluden.

    Zwischen den Lagerhäusern patrouillierten Legionäre.

    Schreiber saßen an einfachen Holztischen und überprüften Frachtlisten. Immer wieder wurden Siegel kontrolliert, Wachstafeln beschrieben und lautstarke Anweisungen erteilt.

    Marcellus breitete stolz die Arme aus.

    „Siehst du, Appius? Hier beginnt die Sicherheit unserer Provinz.“

    „Oder ihre Verwundbarkeit.“

    Marcellus sah ihn überrascht an.

    „Wie meinst du das?“

    „Nun, mein Freund. Wenn sämtliche Güter über wenige zentrale Umschlagplätze transportiert werden, genügt ein einziger bestochener Beamter, um beträchtlichen Schaden anzurichten.“

    Marcellus nickte anerkennend.

    „Eine interessante Betrachtungsweise.“

    „Eine notwendige, würde ich meinen.“

    Sie erreichten ein großes Lagerhaus, vor dessen Eingang zwei Soldaten standen.

    Ein älterer Mann mit schütterem Haar eilte ihnen entgegen.

    „Tribun! Welch unerwartete Ehre!“

    „Appius, darf ich dir Lucius Vettius Priscus vorstellen? Er überwacht einen erheblichen Teil unserer militärischen Transporte.“

    Der Mann verbeugte sich.

    „Zu deinen Diensten.“

    Appius erwiderte die Begrüßung.

    „Ich hoffe, ich störe deine Arbeit nicht.“

    „Keineswegs!“

    Marcellus legte dem Hafenbeamten freundschaftlich eine Hand auf die Schulter.

    „Unser Gast interessiert sich besonders für die Organisation unserer Transportwege.“

    „Selbstverständlich! Wenn du mir folgen möchtest.“

    Was Appius nicht bemerkte, war der kurze Blick, den Marcellus und Priscus miteinander wechselten.

    Die Falle war vorbereitet.

    III. Die gefälschten Dokumente

    Im Inneren des Lagerhauses herrschte geschäftiges Treiben.

    Priscus führte seine Gäste zu einem großen Tisch, auf dem mehrere Wachstafeln und Papyrusrollen lagen.

    „Hier erfassen wir sämtliche militärischen Lieferungen. Jede Sendung erhält eine Kennzeichnung, einen Herkunftsnachweis und eine entsprechende Empfangsbestätigung.“

    Appius nahm eine Wachstafel zur Hand.

    „Und wer kontrolliert diese Angaben?“

    „Die zuständigen Verwaltungsstellen.“

    „Kontrollieren diese auch die ursprünglichen Lieferanten?“

    Priscus zögerte.

    „Nicht grundsätzlich. Wir verlassen uns auf die jeweiligen Begleitpapiere.“

    „Ein bemerkenswertes Vertrauen.“

    Marcellus lachte.

    „Appius! Wenn wir jeden Händler persönlich überprüfen wollten, würde unser gesamter Handel zusammenbrechen.“

    „Möglicherweise.“

    Appius legte die Tafel zurück.

    In diesem Augenblick betrat ein junger Schreiber den Raum.

    Er trug mehrere zusammengerollte Dokumente.

    „Verzeihung, Priscus. Diese Unterlagen müssen noch geprüft werden.“

    Priscus nahm die Rollen entgegen.

    Eine davon entglitt ihm scheinbar ungeschickt und fiel unmittelbar vor Appius auf den Boden.

    Das Siegel war bereits beschädigt.

    „Verzeihung!“, rief Priscus erschrocken.

    Appius bückte sich und hob das Dokument auf.

    Sein Blick fiel auf eine ungewöhnliche Kennzeichnung.

    Ein Adler.

    Darunter drei waagerechte Striche.

    Und ein Kreis.

    Appius erstarrte für einen kaum wahrnehmbaren Augenblick.

    Dieses Symbol hatte Titus in einem seiner vertraulichen Schreiben erwähnt.

    „Ein ungewöhnliches Zeichen“, bemerkte er beiläufig.

    Priscus wurde augenblicklich ernst.

    „Ein altes Händlerzeichen, Herr. Ohne besondere Bedeutung.“

    „Darf ich?“

    Priscus sah zu Marcellus.

    Dieser nickte.

    „Selbstverständlich.“

    Appius entrollte das Dokument.

    Es handelte sich angeblich um eine Transportanweisung für eine größere Lieferung von Eisenwaren.

    Doch zwischen den gewöhnlichen Handelsangaben standen mehrere bemerkenswerte Eintragungen.

    ANGEBLICHER TRANSPORTNACHWEIS

    Transitus Mercatorum – Rhenus Superior

    Herkunft: Lagerhaus VII, Mogontiacum

    Bestimmungsort: Nördlicher Rheinübergang

    Empfänger: Handelsgemeinschaft unter dem Schutz germanischer Stammesführer

    Ladung: Eisenwerkzeuge und landwirtschaftliche Geräte

    Zusätzliche Anweisung: Übergabe gemäß besonderer Vereinbarung mit einem bevollmächtigten Vertreter der kaiserlichen Verwaltung.

    Kennzeichnung: Adler – drei Striche – Kreis

    Appius las den Text zweimal.

    „Interessant.“

    Marcellus trat näher.

    „Was ist interessant?“

    „Die kaiserliche Verwaltung scheint sich neuerdings persönlich um den Handel mit germanischen Stammesführern zu kümmern.“

    Marcellus runzelte die Stirn.

    „Das wäre mir neu.“

    Priscus begann nervös, die übrigen Dokumente zusammenzuräumen.

    „Vermutlich handelt es sich um eine gewöhnliche Sondergenehmigung.“

    Appius hob eine Augenbraue.

    „Eine Sondergenehmigung für Lieferungen über den Rhein?“

    Er deutete auf eine weitere Eintragung.

    „Und weshalb werden landwirtschaftliche Geräte in einer Stückzahl aufgeführt, die für mehrere Tausend Menschen ausreichen würde?“

    Niemand antwortete.

    Appius blickte Marcellus unmittelbar in die Augen.

    „Mein Freund, ich glaube, wir haben hier etwas ausgesprochen Interessantes entdeckt.“

    Marcellus erwiderte seinen Blick.

    „Allerdings.“

    Innerlich triumphierte der Tribun.

    Der Köder war angenommen worden.

    Doch Appius war keineswegs so ahnungslos, wie Marcellus glaubte.

    Er hatte nämlich eine Kleinigkeit bemerkt.

    Die Schrift auf dem angeblich älteren Dokument war auffallend frisch.

    Und das beschädigte Siegel war keineswegs zufällig beschädigt worden.

    Entweder habe ich außergewöhnliches Glück, dachte Appius, oder jemand möchte unbedingt, dass ich dieses Dokument entdecke.

    Er entschied sich, das Spiel mitzuspielen.

    „Marcellus, ich würde dieses Dokument gerne genauer untersuchen.“

    „Selbstverständlich. Schließlich wollen wir mögliche Unregelmäßigkeiten aufdecken.“

    Appius lächelte.

    „Ausgezeichnet. Dann werden wir gemeinsam herausfinden, wer hinter diesen Geschäften steckt.“

    Marcellus erwiderte das Lächeln.

    Beide Männer glaubten, den anderen durchschaut zu haben.

    Und beide irrten sich zumindest teilweise.

    HANDLUNGSSTRANG II

    FAUSTUS IUNIUS RUPA – DIE VERSCHWUNDENE PATROUILLE

    IV. Nachrichten aus Rom

    Während Appius die Hafenanlagen besichtigte, saß Biarchus Faustus Iunius Rupa in einem abgelegenen Raum der militärischen Unterkunft.

    Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln.

    Drei seiner Speculatores hatten während der vergangenen Nacht unterschiedliche Transportbewegungen beobachtet.

    Einer von ihnen, Marcus, berichtete gerade.

    „Die Wagen verließen das Lagerhaus kurz nach der dritten Nachtwache.“

    „Wie viele?“

    „Vier. Zwei gewöhnliche Lastwagen und zwei kleinere, deren Ladung mit Lederplanen abgedeckt war.“

    „Begleitschutz?“

    „Sechs bewaffnete Männer. Keine regulären Legionäre.“

    Faustus beugte sich vor.

    „Wohin?“

    „Zunächst zur nördlichen Straße. Anschließend teilte sich der Transport.“

    „Das war zu erwarten.“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Es gibt noch etwas.“

    Er legte einen kleinen Gegenstand auf den Tisch.

    Es handelte sich um das zerbrochene Fragment eines Wachssiegels.

    Faustus nahm es vorsichtig auf.

    „Woher hast du das?“

    „Einer der kleineren Wagen verlor während der Fahrt einen verschlossenen Behälter. Die Männer bemerkten es zunächst nicht. Als sie zurückkehrten, konnten wir beobachten, wie sie den Behälter öffneten und die verstreuten Gegenstände einsammelten.“

    „Und?“

    „Es waren keine Waffen.“

    Faustus sah auf.

    „Sondern?“

    „Schriftrollen. Mindestens zwanzig. Sämtliche Rollen waren versiegelt.“

    „Mit welchem Siegel?“

    Marcus deutete auf das Fragment.

    „Diesem.“

    Faustus betrachtete den Abdruck im Licht einer Öllampe.

    Er erkannte einen Teil eines kaiserlichen Hoheitszeichens.

    Allerdings fehlte der entscheidende Abschnitt, der eine eindeutige Zuordnung ermöglicht hätte.

    „Woher kamen diese Nachrichten?“

    „Das wissen wir noch nicht. Aber einer unserer Männer hat die Kennzeichnung eines Transportbehälters gesehen.“

    „Sprich!“

    „Roma.“

    Faustus lehnte sich zurück.

    Eine Weile herrschte Schweigen.

    Dann sagte er langsam:

    „Wir suchen nach Waffenlieferungen an germanische Stammesführer und entdecken plötzlich versiegelte Nachrichten aus Rom.“

    Marcus nickte.

    „Es sieht ganz danach aus.“

    „Nein, Marcus. Es sieht danach aus, als hätten wir bisher nur einen kleinen Teil der Angelegenheit verstanden.“

    Faustus erhob sich.

    Er ging zu einer großen Karte der Provinz.

    „Wenn diese Nachrichten tatsächlich aus Rom kommen, müssen sie über eine funktionierende Nachrichtenkette verfügen.“

    „Mit Unterstützung innerhalb der Verwaltung.“

    „Mindestens.“

    Faustus zeichnete mit einem Griffel mehrere Verbindungslinien auf einer Wachstafel nach.

    Mogontiacum.

    Der Rheinübergang.

    Die nördlichen Handelswege.

    Und schließlich Rom.

    „Sie benutzen dieselben Transportwege für Waffen und Nachrichten“, stellte er fest.

    Marcus verschränkte die Arme.

    „Warum sollten sie ein derartiges Risiko eingehen?“

    Faustus betrachtete ihn nachdenklich.

    „Vielleicht, weil sie diese Wege vollständig kontrollieren.“

    V. Ein Mann verschwindet

    Ein Klopfen unterbrach das Gespräch.

    Ein junger Speculator betrat den Raum.

    „Biarchus!“

    Faustus erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte.

    „Berichte!“

    „Lucius ist nicht zurückgekehrt.“

    „Seit wann?“

    „Seit der letzten Nachtwache.“

    Faustus trat unmittelbar vor den Mann.

    „Sein Auftrag?“

    „Beobachtung des nördlichen Lagerhauses. Er sollte feststellen, welche Wagen vor Sonnenaufgang das Gelände verlassen.“

    „War er allein?“

    „Ja.“

    Faustus fluchte leise.

    „Wann hätte er sich melden müssen?“

    „Bei Tagesanbruch.“

    „Und weshalb erfahre ich erst jetzt davon?“

    Der junge Soldat senkte den Kopf.

    „Wir haben zunächst angenommen, dass er den Transport weiterverfolgt.“

    Faustus schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

    „Annahmen! Immer wieder Annahmen!“

    Er beherrschte sich.

    „Marcus, wie lange benötigt ein Mann zu Fuß vom nördlichen Lagerhaus bis zu unserem Beobachtungspunkt?“

    „Eine halbe Stunde.“

    „Und wie lange ist Lucius bereits überfällig?“

    „Mindestens drei Stunden.“

    Faustus schwieg.

    Dann stellte er die Frage, die niemand beantworten wollte.

    „Wurde er entdeckt?“

    Marcus sah ihn ernst an.

    „Das müssen wir befürchten.“

    Faustus ging erneut zur Karte.

    Sein erster Gedanke war, sämtliche verfügbaren Männer loszuschicken.

    Doch damit würde er seine gesamte Überwachung offenlegen.

    Sein zweiter Gedanke war noch unangenehmer.

    Vielleicht warteten seine Gegner genau darauf.

    „Marcus, wie viele Männer wissen, dass Lucius das Lagerhaus überwacht hat?“

    „Vier.“

    „Namen.“

    Marcus nannte sie.

    Faustus schrieb sie auf.

    „Niemand verlässt vorläufig unsere Unterkunft. Niemand!“

    „Du vermutest einen Verräter?“

    „Ich vermute überhaupt nichts mehr.“

    Er sah Marcus an.

    „Ich will Beweise.“

    VI. Die Entscheidung des Biarchus

    Wenig später standen sechs ausgewählte Männer vor Faustus.

    Er betrachtete jeden Einzelnen.

    „Wir haben möglicherweise einen Kameraden verloren. Vielleicht ist er gefangen genommen worden. Vielleicht liegt er verletzt irgendwo zwischen dem Hafen und der nördlichen Straße.“

    Einer der Soldaten trat vor.

    „Dann müssen wir ihn suchen!“

    „Das werden wir.“

    Faustus machte eine Pause.

    „Allerdings nicht so, wie unsere Gegner es möglicherweise erwarten.“

    Er teilte die Männer in zwei Gruppen auf.

    Die erste sollte das nördliche Lagerhaus weiterhin beobachten.

    Die zweite erhielt den Auftrag, sämtliche Wege zu kontrollieren, über die ein Gefangener unbemerkt abtransportiert werden konnte.

    Marcus betrachtete ihn.

    „Und wenn Lucius bereits in einem der Lagerhäuser festgehalten wird?“

    „Dann holen wir ihn heraus.“

    „Wann?“

    Faustus antwortete nicht sofort.

    Schließlich sagte er:

    „Sobald wir wissen, wo er sich befindet.“

    „Das könnte zu spät sein.“

    Faustus sah seinen Kameraden lange an.

    „Ich weiß.“

    Er trat näher.

    „Glaubst du, mir gefällt diese Entscheidung? Glaubst du, ich würde auch nur einen meiner Männer freiwillig opfern?“

    Marcus schwieg.

    „Wenn wir jetzt blindlings eingreifen, verlieren wir möglicherweise nicht nur Lucius. Wir verlieren die gesamte Operation. Und dann verschwinden unsere Gegner, bevor wir auch nur einen einzigen Namen kennen.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Wir werden beides tun. Beobachten und suchen.“

    Marcus nickte schließlich.

    „Verstanden.“

    Faustus griff nach seinem Schwertgurt.

    „Ich übernehme persönlich die Suche.“

    VII. Das Zeichen im Schlamm

    Gegen Mittag erreichte Faustus mit zwei Speculatores einen schmalen Weg hinter den nördlichen Lagerhäusern.

    Die Straße war nach den Regenfällen der vergangenen Tage stellenweise aufgeweicht.

    Marcus kniete sich neben eine tiefe Wagenspur.

    „Hier.“

    Faustus trat näher.

    Im Schlamm lagen die Abdrücke mehrerer schwerer Wagenräder.

    Daneben waren zahlreiche Fußspuren zu erkennen.

    Doch eine Spur unterschied sich von allen anderen.

    Jemand war offenbar über den Boden geschleift worden.

    Faustus ging in die Hocke.

    „Ein Gefangener.“

    Marcus nickte.

    „Möglicherweise.“

    Wenige Schritte weiter entdeckten sie einen kleinen Gegenstand.

    Eine bronzene Fibel.

    Faustus hob sie auf.

    Er erkannte sie sofort.

    Lucius hatte sie am vergangenen Abend getragen.

    Der Biarchus schloss für einen Augenblick die Augen.

    Dann bemerkte er etwas Merkwürdiges.

    Die Fibel war sorgfältig auf einem flachen Stein abgelegt worden.

    Nicht verloren.

    Abgelegt.

    Darunter befand sich ein winziges Stück Leder.

    Faustus nahm es vorsichtig an sich.

    Auf der Innenseite waren drei Zeichen eingeritzt.

    Ein Adler.

    Drei Striche.

    Ein Kreis.

    Marcus betrachtete das Leder.

    „Was bedeutet das?“

    Faustus stand langsam auf.

    „Dass Lucius möglicherweise noch lebt.“

    „Und das Zeichen?“

    Faustus blickte in Richtung Hafen.

    „Dass unsere Gegner entweder ausgesprochen nachlässig sind oder uns eine Nachricht übermitteln wollen.“

    Er steckte das Leder ein.

    „Wir werden herausfinden, welche dieser Möglichkeiten zutrifft.“

    In diesem Augenblick ertönte aus der Ferne ein kurzer Pfiff.

    Einer seiner Männer meldete eine Bewegung.

    Ein einzelner Wagen verließ ein abgelegenes Wirtschaftsgebäude.

    Auf seinem Kutschbock saß ein Mann, der eine rote Kapuze trug.

    Marcus zeigte auf ihn.

    „Diesen Mann habe ich vergangene Nacht gesehen!“

    Faustus zog seinen Kameraden hinter eine niedrige Mauer.

    „Nicht bewegen.“

    Der Wagen fuhr langsam vorbei.

    Unter seiner Plane zeichnete sich eine längliche Form ab.

    Faustus beobachtete aufmerksam, wie der Wagen an ihnen vorüberrollte.

    Plötzlich bewegte sich die Plane.

    Nur ganz kurz.

    Doch es genügte.

    Darunter befand sich ein Mensch.

    „Lucius!“, flüsterte Marcus.

    Faustus packte ihn am Arm.

    „Noch nicht.“

    Er wartete, bis der Wagen die nächste Wegbiegung erreichte.

    Dann gab er das Zeichen.

    „Jetzt folgen wir ihm.“

    HANDLUNGSSTRANG III

    ROM – DER ZWEITE BOTE

    VIII. Ein Fremder auf dem Palatin

    Zur gleichen Zeit erreichte ein Mann die Hauptstadt des Imperiums.

    Er war von mittlerer Größe, trug einen unscheinbaren Reisemantel und führte ein kleines Lederbehältnis mit sich.

    Sein Name lautete Marcus Servilius Corvinus.

    Zumindest stand dieser Name auf seinen Reisepapieren.

    Ob es sich tatsächlich um seinen Namen handelte, wusste nur er selbst.

    Er hatte Rom über eine der großen Ausfallstraßen erreicht und sich anschließend durch das geschäftige Treiben der Hauptstadt zum Palatin begeben.

    Dort angekommen, blieb er vor einem der bewachten Zugänge zum kaiserlichen Palast stehen.

    Zwei Prätorianer versperrten ihm den Weg.

    „Dein Anliegen?“

    Der Fremde antwortete ruhig.

    „Ich überbringe eine vertrauliche Nachricht.“

    „Von wem?“

    „Das geht dich nichts an.“

    Der Prätorianer richtete sich auf.

    „Du scheinst nicht zu wissen, wo du dich befindest.“

    Der Fremde lächelte.

    „Doch. Deshalb bin ich hier.“

    Er zog einen kleinen Gegenstand aus seinem Gewand.

    Es handelte sich um eine bronzene Marke.

    Der Soldat betrachtete sie.

    Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

    „Warte.“

    Er verschwand im Inneren des Gebäudes.

    Wenige Minuten später erschien ein Diener.

    Ein massiger Mann mit kahl geschorenem Kopf und einer bemerkenswert ruhigen Ausstrahlung.

    Nero Patulcius Trogus.

    Der Schlüsselwart des kaiserlichen Palastes.

    Er betrachtete den Fremden aufmerksam.

    „Du bist spät.“

    Corvinus verneigte sich leicht.

    „Die Straßen waren nicht überall sicher.“

    Trogus schnaubte.

    „Straßen sind niemals sicher, wenn man wichtige Nachrichten transportiert.“

    Er wandte sich an die Wachen.

    „Dieser Mann gehört zu mir.“

    Die Prätorianer traten zur Seite.

    Trogus führte den Boten ins Innere des Palastes.

    IX. Die Nachricht

    Sie durchquerten mehrere prächtige Säulenhallen.

    Marmorene Statuen säumten die Gänge. Springbrunnen plätscherten in kleinen Innenhöfen, während Diener geschäftig zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen hin und her eilten.

    Trogus sprach kein Wort.

    Er führte den Fremden schließlich in einen abgelegenen Raum.

    Dort verschloss er sorgfältig die Tür.

    „Nun?“

    Corvinus öffnete sein Lederbehältnis.

    Er entnahm ihm eine kleine, mehrfach versiegelte Schriftrolle.

    Trogus streckte die Hand aus.

    „Berichte.“

    „Die Angelegenheit in Mogontiacum entwickelt sich wie vorgesehen.“

    „Und der Aurelier?“

    „Sein Beauftragter ist eingetroffen.“

    Trogus lächelte.

    „Appius Orbius Herminianus.“

    „Ja.“

    „Hat er Kontakt zu Marcellus aufgenommen?“

    „Sie haben gestern gemeinsam am Gastmahl des Quintus Varius Lentulus teilgenommen.“

    „Ausgezeichnet.“

    Corvinus zögerte.

    „Allerdings gibt es Schwierigkeiten.“

    Trogus blickte auf.

    „Welche?“

    „Die Exploratio Imperii.“

    Für einen Augenblick verschwand das Lächeln aus dem Gesicht des Eunuchen.

    „Faustus Iunius Rupa?“

    „Er lässt unsere Transportwege beobachten.“

    Trogus verschränkte die Arme.

    „Wie weit ist er gekommen?“

    „Weiter, als uns lieb sein kann.“

    „Hat er Beweise?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Trogus trat an einen kleinen Tisch.

    „Dann sollten wir es herausfinden.“

    Corvinus räusperte sich.

    „Einer seiner Männer befindet sich bereits in unserer Gewalt.“

    Trogus wandte sich langsam um.

    „Lebend?“

    „Ja.“

    „Hat er gesprochen?“

    „Bisher nicht.“

    Trogus betrachtete den Boten nachdenklich.

    „Dann wird er möglicherweise noch von Nutzen sein.“

    Er nahm die Schriftrolle entgegen und betrachtete das Siegel.

    „Und Marcellus?“

    „Er hat den Auftrag erhalten, Appius zu den entsprechenden Dokumenten zu führen.“

    Trogus nickte zufrieden.

    „Gut.“

    Er setzte sich.

    „Dann wird unser geschätzter Aurelier bald erfahren, was wir ihm mitzuteilen wünschen.“

    X. Der eigentliche Plan

    Corvinus trat näher.

    „Es gibt noch eine Angelegenheit.“

    „Sprich.“

    „Unsere Leute berichten, dass Titus Aurelius Romanus offenbar weiterhin versucht, seine eigene Überwachung aufzuklären.“

    Trogus lachte leise.

    „Natürlich versucht er das.“

    „Wir sollten vorsichtiger werden.“

    Der Eunuch schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Corvinus blickte überrascht auf.

    „Nein?“

    Trogus erhob sich.

    „Du verstehst unseren jungen Freund nicht. Titus ist ein Mann, der gewohnt ist, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Er verfügt über Geld, Einfluss, militärische Erfahrung und ausgezeichnete Verbindungen.“

    Er machte eine kurze Pause.

    „Und genau deshalb wird er reagieren.“

    „Wie?“

    „Er wird seine Leute losschicken. Er wird Informationen sammeln. Er wird versuchen, unsere Verbindungen aufzudecken.“

    „Ist das nicht gefährlich?“

    Trogus lächelte.

    „Nur wenn wir nicht wissen, welche Informationen er findet.“

    Er legte die Schriftrolle auf den Tisch.

    „Deshalb geben wir ihm Informationen.“

    Corvinus begann zu verstehen.

    „Die Dokumente in Mogontiacum.“

    „Richtig.“

    „Aber wenn Appius sie nach Rom übermittelt, könnte Titus tatsächlich Ermittlungen einleiten.“

    „Das soll er.“

    Trogus trat ans Fenster.

    Von hier aus konnte er einen Teil der prächtigen Gartenanlagen des Palastes überblicken.

    „Ein Mann, der einer falschen Spur folgt, kann ausgesprochen beschäftigt sein.“

    Er wandte sich wieder um.

    „Und während er nach einem hochrangigen Beamten sucht, der angeblich Waffen an germanische Stammesführer verkauft, werden wir uns um die wirklich wichtigen Angelegenheiten kümmern.“

    Corvinus betrachtete ihn.

    „Welche Angelegenheiten?“

    Trogus antwortete nicht unmittelbar.

    Stattdessen öffnete er eine kleine Truhe und entnahm ihr eine weitere Schriftrolle.

    Auf deren Außenseite stand ein Name.

    TITUS AURELIUS ROMANUS

    Darunter waren drei weitere Eintragungen verzeichnet.

    VILLA AURELIA

    APPIUS ORBIUS HERMINIANUS

    FAUSTUS IUNIUS RUPA

    Trogus legte das Dokument vor den Boten.

    „Diese drei Männer bilden inzwischen eine bemerkenswerte Verbindung.“

    Corvinus nickte.

    „Sollen wir sie beseitigen?“

    Trogus sah ihn verächtlich an.

    „Du denkst wie ein gewöhnlicher Straßenräuber.“

    Er tippte auf den Namen des Aureliers.

    „Einen Mann wie Titus tötet man nicht, solange er einem noch nützlich sein kann.“

    „Und wozu soll er uns nützen?“

    Trogus lächelte.

    „Das wirst du erfahren, wenn die Zeit gekommen ist.“

    HANDLUNGSSTRANG IV

    DIE JAGD BEGINNT

    XI. Der Wagen am Rhein

    Währenddessen hatte Faustus mit seinen Männern die Verfolgung des verdächtigen Wagens aufgenommen.

    Sie bewegten sich vorsichtig durch ein kleines Waldstück, das sich zwischen den nördlichen Lagerhäusern und einem abgelegenen Rheinarm erstreckte.

    Marcus ging voraus.

    Faustus folgte in einigem Abstand.

    Der dritte Mann sicherte ihre Rückseite.

    Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie eine kleine Lichtung.

    Dort stand der Wagen.

    Daneben befand sich ein niedriges Wirtschaftsgebäude, dessen Fenster mit hölzernen Läden verschlossen waren.

    Zwei bewaffnete Männer bewachten den Eingang.

    Faustus gab seinen Kameraden ein Zeichen.

    Sie gingen in Deckung.

    „Was meinst du?“, flüsterte Marcus.

    Faustus betrachtete das Gebäude.

    „Zu viele Wachen für ein gewöhnliches Warenlager.“

    „Wir könnten sie überwältigen.“

    „Und anschließend?“

    „Lucius befreien.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wir wissen nicht, wie viele Männer sich im Inneren befinden.“

    Er deutete auf eine schmale Tür an der Rückseite.

    „Außerdem gefällt mir diese Tür nicht.“

    Marcus blickte hinüber.

    „Warum?“

    „Weil sie von hier aus vollkommen unbewacht erscheint.“

    Marcus verstand.

    „Eine Falle.“

    „Möglicherweise.“

    Faustus betrachtete den Boden.

    Dann fiel sein Blick auf einen kleinen Entwässerungsgraben, der unmittelbar hinter dem Gebäude verlief.

    Er lächelte.

    „Vielleicht gibt es einen anderen Weg.“

    XII. Die Stimme des Gefangenen

    Wenig später kroch Marcus vorsichtig durch den Graben.

    Er erreichte die Rückseite des Gebäudes und legte sein Ohr an die hölzerne Wand.

    Zunächst hörte er nichts.

    Dann erklangen Stimmen.

    „Du wirst uns sagen, wem du deine Berichte übermittelst!“

    Eine zweite Stimme antwortete.

    „Ich habe euch bereits gesagt, dass ich ein gewöhnlicher Händler bin.“

    Marcus erstarrte.

    Lucius.

    Er lebte.

    Die erste Stimme wurde lauter.

    „Ein Händler, der nachts unsere Transporte beobachtet?“

    „Ich konnte nicht schlafen.“

    Ein dumpfer Schlag war zu hören.

    Marcus ballte die Fäuste.

    Er wollte aufspringen und die Tür eintreten.

    Doch er erinnerte sich an Faustus' Anweisung.

    Beobachten.

    Informationen sammeln.

    Nicht unüberlegt handeln.

    Dann hörte er eine dritte Stimme.

    Ruhig.

    Gebildet.

    Und offensichtlich daran gewöhnt, Befehle zu erteilen.

    „Genug.“

    Schritte erklangen.

    „Unser Freund muss nicht sprechen.“

    Eine kurze Pause.

    „Sein Vorgesetzter wird früher oder später nach ihm suchen.“

    Marcus hielt den Atem an.

    „Und dann“, fuhr die Stimme fort, „werden wir herausfinden, wie viele Männer Faustus Iunius Rupa tatsächlich zur Verfügung stehen.“

    Marcus wich langsam zurück.

    Die Falle war größer, als sie angenommen hatten.

    XIII. Faustus schlägt zurück

    Als Marcus zurückkehrte und berichtete, hörte Faustus aufmerksam zu.

    Anschließend stellte er nur eine einzige Frage.

    „Hat der Mann meinen Namen ausdrücklich genannt?“

    „Ja.“

    Faustus nickte langsam.

    „Dann wissen sie, wer wir sind.“

    „Was machen wir jetzt?“

    Faustus blickte zum Gebäude.

    „Wir geben ihnen, was sie erwarten.“

    Marcus starrte ihn an.

    „Wir greifen an?“

    „Nein.“

    Faustus zog eine Wachstafel aus seiner Tasche.

    Er schrieb einige kurze Zeilen darauf und übergab sie seinem dritten Mann.

    „Du kehrst unverzüglich nach Mogontiacum zurück. Übermittle diese Nachricht ausschließlich unserem Verbindungsmann.“

    „Verstanden.“

    „Und anschließend sorgst du dafür, dass heute Abend mindestens zwanzig Männer unserer Einheit die Unterkunft verlassen.“

    Marcus blickte überrascht auf.

    „Zwanzig?“

    „Ja.“

    „Dann werden unsere Gegner wissen, dass wir einen Angriff vorbereiten.“

    Faustus lächelte.

    „Genau das sollen sie glauben.“

    Er betrachtete das Gebäude.

    „Während sie auf zwanzig Männer warten, holen wir Lucius mit dreien heraus.“

    Marcus grinste.

    „Du willst sie täuschen.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein, Marcus.“

    Er zog seinen Dolch und überprüfte dessen Schneide.

    „Ich möchte lediglich herausfinden, ob unsere Gegner tatsächlich so klug sind, wie sie glauben.“

    HANDLUNGSSTRANG V

    APPIUS – EIN BRIEF AN DEN AURELIER

    XIV. Die Warnung

    Am späten Nachmittag kehrte Appius in seine Unterkunft zurück.

    Er hatte Marcellus freundlich verabschiedet und ihm versprochen, die Angelegenheit mit den verdächtigen Transportdokumenten weiterzuverfolgen.

    Kaum war er allein, verschwand seine heitere Miene.

    Er setzte sich an seinen Schreibtisch und breitete seine Aufzeichnungen aus.

    Die angeblichen Beweise waren zu offensichtlich.

    Ein hochrangiger römischer Beamter.

    Germanische Stammesführer.

    Waffenlieferungen.

    Und ausgerechnet jenes Zeichen, nach dem Titus bereits suchen ließ.

    Eine bemerkenswert bequeme Entdeckung.

    Appius betrachtete die Abschrift des Transportdokuments.

    Er hatte sich sämtliche Einzelheiten sorgfältig eingeprägt.

    Nun verglich er sie mit seinen bisherigen Erkenntnissen.

    Dabei fiel ihm eine weitere Unstimmigkeit auf.

    Die angegebene Lagerhausnummer gehörte zu einem Gebäude, das er bereits während der Errichtung des kleinen Aquädukts kennengelernt hatte.

    Dort waren Baumaterialien gelagert worden.

    Allerdings war dieses Lagerhaus seit mehreren Wochen nur noch eingeschränkt in Betrieb.

    Appius lächelte.

    „Meine Herren, ihr habt euch möglicherweise das falsche Opfer ausgesucht.“

    Er griff nach einem frischen Papyrus.

    Seine Nachricht an Titus sollte kurz und unmissverständlich ausfallen.

    EPISTULA CONFIDENTIALIS

    Appius Orbius Herminianus an Titus Aurelius Romanus

    Salve, mein Freund!

    Die Angelegenheit in Mogontiacum entwickelt sich auf bemerkenswerte Weise.

    Heute wurden mir Dokumente zugänglich gemacht, die einen angeblichen Waffenhandel zwischen germanischen Stammesführern und einem hochrangigen Vertreter der kaiserlichen Verwaltung belegen sollen.

    Allerdings halte ich diese Unterlagen für verdächtig.

    Ihre Entdeckung erfolgte unter Umständen, die beinahe den Eindruck erwecken, als hätte jemand besonderen Wert darauf gelegt, dass ich sie finde.

    Ich werde deshalb vorläufig keine unmittelbaren Maßnahmen ergreifen.

    Gaius Iunius Marcellus zeigt sich außerordentlich hilfsbereit. Seine Unterstützung verdient besondere Aufmerksamkeit.

    Eine weitere Erkenntnis: Das bereits bekannte Zeichen mit dem Adler, den drei Strichen und dem Kreis erscheint auf den Transportdokumenten.

    Ich werde versuchen, seine tatsächliche Bedeutung zu ermitteln.

    Bis dahin empfehle ich äußerste Zurückhaltung.

    Mögen die Götter über dich wachen.

    Appius Orbius Herminianus

    Appius versiegelte das Schreiben.

    Dann hielt er inne.

    Wenn seine Vermutung zutraf, würden seine Gegner versuchen, auch diese Nachricht abzufangen.

    Er nahm deshalb einen zweiten Papyrus zur Hand.

    Auf diesem verfasste er einen vollkommen anderen Bericht.

    Darin schilderte er ausführlich seine angebliche Begeisterung über die Entdeckung der Dokumente und kündigte an, die Ermittlungen gegen den unbekannten kaiserlichen Beamten unverzüglich aufzunehmen.

    Auch dieses Schreiben versiegelte er.

    Anschließend rief er seinen Diener.

    „Ich benötige zwei zuverlässige Boten.“

    „Wohin sollen sie reisen, Herr?“

    Appius lächelte.

    „Nach Rom.“

    Er legte beide Schriftrollen auf den Tisch.

    „Allerdings werden sie unterschiedliche Wege nehmen.“

    EPILOG

    NOX INCIPIT – DIE NACHT BEGINNT

    Als die Dunkelheit über Mogontiacum hereinbrach, standen drei Entscheidungen unmittelbar bevor.

    Appius hatte beschlossen, seinen vermeintlichen Verbündeten Marcellus weiterhin im Glauben zu lassen, dass die Täuschung erfolgreich gewesen sei.

    Faustus bereitete währenddessen die Befreiung seines gefangenen Speculators vor.

    Und im kaiserlichen Palast von Rom hatte Nero Patulcius Trogus gerade eine weitere Nachricht erhalten.

    Er las sie aufmerksam.

    Dann rief er Corvinus zu sich.

    „Unsere Freunde in Mogontiacum haben offenbar ein kleines Problem.“

    „Welches?“

    Trogus legte die Schriftrolle beiseite.

    „Der Aurelier hat seinen Mann besser ausgewählt, als wir angenommen haben.“

    Corvinus runzelte die Stirn.

    „Appius?“

    „Ja.“

    „Sollen wir Marcellus warnen?“

    Trogus dachte nach.

    Schließlich schüttelte er den Kopf.

    „Nein.“

    „Warum nicht?“

    Der Eunuch lächelte.

    „Weil ich wissen möchte, wie weit Appius gehen wird.“

    Er trat zu einem kleinen Schrank und entnahm ihm einen versiegelten Brief.

    Das Siegel zeigte das Zeichen eines hohen Verwaltungsamtes.

    „Überbringe dieses Schreiben morgen früh.“

    „An wen?“

    Trogus betrachtete den Boten.

    „An die Villa Aurelia.“

    Corvinus erstarrte.

    „An Titus persönlich?“

    „Selbstverständlich.“

    „Und was steht darin?“

    Trogus lächelte.

    „Eine Einladung.“

    Er legte das Schreiben auf den Tisch.

    „Unser geschätzter Titus Aurelius Romanus wird morgen erfahren, dass man sich auch am kaiserlichen Hof außerordentlich für seine Angelegenheiten interessiert.“

    Draußen senkte sich die Nacht über Rom.

    Und während Titus in seiner Villa noch immer darüber nachdachte, wer ihn überwachen ließ, hatte sein unbekannter Gegner bereits den nächsten Zug vorbereitet.

    ENDE DIES III – PORTUS FRAUDIS

    Fortsetzung: DIES IV – RETE INVISIBILE – Das unsichtbare Netz.

    In Mogontiacum beginnt Faustus seine nächtliche Befreiungsoperation. Doch im vermeintlichen Gefängnis seines Speculators erwartet ihn eine Überraschung: Lucius hat während seiner Gefangenschaft den Namen eines Mannes erfahren, der unmittelbar mit der kaiserlichen Verwaltung verbunden ist.

    Appius wiederum erhält eine persönliche Einladung von Marcellus, die ihn in ein abgelegenes Landhaus außerhalb von Mogontiacum führen soll.

    Währenddessen erreicht der geheimnisvolle Brief aus dem kaiserlichen Palast die Villa Aurelia. Titus muss entscheiden, ob er die Einladung annimmt – oder ob er sich damit freiwillig in die Hände jener Männer begibt, die ihn seit Wochen beobachten.

  • Das unsichtbare Netz

    I. MOGONTIACUM – FAUSTUS

    Die Nacht hatte Mogontiacum verschluckt.

    Über dem Rhenus lag dichter Nebel. Nur vereinzelt schimmerte das Licht einer Öllampe aus einem der Häuser am Hafen. Von den Castra der Legio XXII Primigenia drangen gedämpfte Geräusche herüber.

    Faustus Iunius Rupa wartete.

    Neben ihm kauerten vier Männer der Exploratio Imperii hinter der niedrigen Mauer eines verlassenen Lagerplatzes.

    Keiner trug erkennbare militärische Abzeichen.

    Keine Schilde.

    Keine Helme.

    Nur kurze Schwerter, Dolche und dunkle Mäntel.

    Faustus hob zwei Finger.

    Die Männer erstarrten.

    Auf der anderen Straßenseite bewegte sich eine Gestalt.

    Ein Wachmann.

    Er ging langsam am Gebäude entlang, in dem Lucius festgehalten werden sollte.

    Faustus beobachtete ihn.

    Einmal.

    Zweimal.

    Beim dritten Rundgang blieb der Mann an derselben Stelle stehen, blickte zum Fluss und verschwand anschließend für einige Augenblicke hinter dem Gebäude.

    Faustus flüsterte:

    „Jetzt.“

    Die Männer glitten durch die Dunkelheit.

    Faustus erreichte die Tür.

    Einer seiner Männer zog ein schmales Werkzeug hervor.

    Ein leises Kratzen.

    Dann ein Klicken.

    Die Tür öffnete sich.

    Faustus verzog den Mund.

    „Zu einfach.“

    Der Speculator neben ihm sah ihn an.

    „Eine Falle?“

    „Vielleicht.“

    Faustus zog seinen Dolch.

    „Oder jemand möchte, dass wir hineingehen.“

    Sie betraten das Gebäude.

    Der Geruch von feuchtem Holz, Öl und altem Getreide schlug ihnen entgegen.

    Keine Gefängniszellen.

    Keine Wachen.

    Keine Schreie.

    Nur ein langer Gang.

    Am Ende brannte Licht.

    Faustus gab seinen Männern ein Zeichen.

    Zwei blieben zurück.

    Die anderen folgten ihm.

    Langsam näherten sie sich der letzten Tür.

    Faustus legte die Hand an den Griff.

    Dann hörte er eine Stimme.

    „Wenn du noch länger dort stehst, Faustus, werden sie uns beide für schlechte Speculatores halten.“

    Faustus erstarrte.

    Er kannte diese Stimme.

    Er öffnete die Tür.

    Lucius saß auf einem Schemel.

    Ungefesselt.

    Vor ihm standen Brot, Wasser und ein halb geleerter Becher Wein.

    Faustus starrte ihn an.

    „Bei allen Göttern.“

    Lucius grinste müde.

    „Schön, dich ebenfalls zu sehen.“

    Faustus trat hinein.

    „Bist du verletzt?“

    „Mein Stolz.“

    „Den kann ich nicht verbinden.“

    „Dann werde ich überleben.“

    Faustus ging zum Fenster.

    Niemand.

    Keine Wachen.

    „Wo sind sie?“

    Lucius' Lächeln verschwand.

    „Fort.“

    „Seit wann?“

    „Vielleicht zwei Stunden.“

    Faustus drehte sich um.

    „Sie wussten, dass wir kommen.“

    Lucius nickte.

    „Ja.“

    Stille.

    Faustus sah zur offenen Tür.

    „Wir verschwinden.“

    „Warte.“

    Lucius stand auf.

    Seine Bewegungen waren steif.

    Jetzt erkannte Faustus die Blutergüsse an seinen Armen.

    „Was?“

    Lucius senkte die Stimme.

    „Ich habe etwas gehört.“

    Faustus wartete.

    „Einen Namen.“

    „Welchen?“

    Lucius blickte zur Tür.

    Dann sagte er:

    „Trogus.“

    Faustus reagierte zunächst nicht.

    „Noch einmal.“

    „Trogus.“

    „Vorname?“

    „Nero Patulcius.“

    Faustus' Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos.

    Lucius bemerkte es.

    „Du kennst ihn?“

    „Nein.“

    Faustus ging langsam zum Tisch.

    „Aber ich kenne seine Stellung.“

    Er blickte Lucius an.

    „Nero Patulcius Trogus gehört zum kaiserlichen Palast.“

    Lucius schluckte.

    „Dann reicht das hier bis nach Rom.“

    Faustus schüttelte langsam den Kopf.

    „Nein.“

    Er sah auf den halb geleerten Weinbecher.

    „Wenn dieser Name wirklich stimmt, reicht es nicht bis Rom.“

    Seine Stimme wurde leiser.

    „Dann beginnt es vielleicht dort.“

    II. DER NAME

    Lucius berichtete.

    Während seiner Gefangenschaft hatten seine Bewacher kaum mit ihm gesprochen. Sie hatten ihn nicht gefoltert und nur wenige Fragen gestellt.

    Das war das Seltsamste gewesen.

    „Sie wollten wissen, was wir über die Transporte wissen.“

    „Was hast du gesagt?“

    „Nichts.“

    „Gar nichts?“

    Lucius lächelte schwach.

    „Ich sagte ihnen, Faustus Iunius Rupa sei ein aufgeblasener Narr, der überall Verräter sieht.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Überzeugend.“

    „Ich hatte Gelegenheit zu üben.“

    Einer der Männer musste ein Lachen unterdrücken.

    Faustus ignorierte es.

    „Weiter.“

    Lucius wurde ernst.

    „Heute Nachmittag kamen zwei Männer.“

    „Römer?“

    „Ja.“

    „Soldaten?“

    „Nein.“

    „Verwaltung?“

    „Vielleicht.“

    „Beschreibe sie.“

    Lucius tat es.

    Einer etwa fünfzig Jahre alt, gepflegt, schmale Hände, teure Tunika.

    Der zweite jünger.

    Kaum gesprochen.

    „Der Ältere sagte etwas.“

    Faustus wartete.

    „Was?“

    Lucius sah ihn an.

    „Die Sache müsse abgeschlossen sein, bevor Trogus seine Geduld verliere.“

    Faustus schwieg.

    „Wörtlich?“

    „Wörtlich.“

    „Haben sie den Palast erwähnt?“

    „Nein.“

    „Den Kaiser?“

    „Nein.“

    „Titus Aurelius Romanus?“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    Faustus ging einige Schritte.

    Dann blieb er stehen.

    „Warum haben sie dich freigelassen?“

    „Sie haben mich nicht freigelassen.“

    „Du sitzt ungefesselt in einem unbewachten Haus.“

    „Genau.“

    Faustus blickte ihn an.

    Jetzt verstanden beide.

    Lucius flüsterte:

    „Ich bin die Nachricht.“

    Faustus nickte.

    „Und wir sollen den Namen Trogus erfahren.“

    III. DAS LANDHAUS

    Zur gleichen Stunde erhielt Appius Orbius Herminianus Besuch.

    Ein Sklave überbrachte eine kleine Wachstafel.

    Das Siegel kannte Appius inzwischen.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Er brach es.

    Appius las die Nachricht zweimal.

    „Keine Begleitung.“

    Er musste lächeln.

    „Natürlich.“

    Der Sklave wartete.

    „Soll ich meinem Herrn eine Antwort überbringen?“

    Appius ging zum Tisch.

    Er nahm eine Wachstafel.

    Schrieb nur wenige Worte.

    Ich werde kommen.

    Dann hielt er inne.

    Er dachte an Titus.

    An seinen tatsächlichen Auftrag.

    Und an Marcellus.

    Seit seiner Ankunft in Mogontiacum hatte Appius zunehmend das Gefühl, nicht selbst zu ermitteln.

    Vielmehr wurde er geführt.

    Das Gastmahl.

    Der Hafen.

    Die gefälschten Dokumente.

    Und nun dieses Landhaus.

    Alles war zu passend.

    Zu sauber.

    Jemand legte ihm eine Spur.

    Die einzige Frage war:

    Wohin?

    Appius gab dem Sklaven die Antwort.

    „Für deinen Herrn.“

    Der Mann verbeugte sich und ging.

    Appius wartete, bis die Schritte verklungen waren.

    Dann rief er:

    „Decimus.“

    Ein älterer Freigelassener erschien.

    „Dominus?“

    Appius hielt ihm die Einladung hin.

    „Morgen verlasse ich Mogontiacum.“

    Decimus las.

    „Allein?“

    Appius lächelte.

    „Marcellus glaubt es.“

    VI. FAUSTUS VERSTEHT DAS SPIEL

    Zurück in Mogontiacum hatte Faustus inzwischen eine Entscheidung getroffen.

    Lucius sollte nicht heimlich verschwinden.

    Ganz im Gegenteil.

    Er sollte gesehen werden.

    Am nächsten Morgen würde er offen durch das Lager gehen.

    Jeder sollte wissen, dass der verschwundene Speculator zurückgekehrt war.

    Einer seiner Männer verstand nicht.

    „Warum?“

    Faustus antwortete:

    „Weil unsere Gegner wissen wollen, was Lucius erzählt.“

    „Dann werden sie versuchen, ihn zu töten.“

    „Vielleicht.“

    Lucius verzog das Gesicht.

    „Dieser Teil des Plans gefällt mir weniger.“

    Faustus sah ihn an.

    „Du wolltest unbedingt Speculator werden.“

    „Ich erinnere mich nicht daran, dass im Eid stand, als Köder herumzulaufen.“

    „Das Kleingedruckte.“

    Lucius schüttelte den Kopf.

    Faustus beugte sich über eine Karte Mogontiacums.

    „Sie haben uns Trogus gegeben.“

    Sein Finger lag auf dem Hafen.

    „Sie haben Appius Dokumente gegeben.“

    Der Finger wanderte zu den Straßen außerhalb der Stadt.

    „Und irgendjemand versucht seit Tagen, unsere Aufmerksamkeit in bestimmte Richtungen zu lenken.“

    Lucius trat näher.

    „Warum?“

    Faustus sah auf die Karte.

    „Das ist die falsche Frage.“

    „Welche ist die richtige?“

    Faustus hob den Blick.

    „Was sollen wir währenddessen nicht sehen?“

    Stille.

    Dann zeigte Faustus auf den Rhenus.

    „Die Transporte.“

    Lucius verstand.

    „Wir haben sie wegen meiner Gefangenschaft aus den Augen verloren.“

    „Genau.“

    Faustus richtete sich auf.

    „Und während wir dich gesucht haben, konnten sie bewegen, was immer sie wollten.“

    „Waffen?“

    „Vielleicht.“

    „Nachrichten?“

    „Vielleicht.“

    „Menschen?“

    Faustus schwieg.

    Dann sagte er:

    „Das werden wir herausfinden.“

    VII. DREI WEGE

    Am folgenden Morgen verließ Appius Orbius Herminianus Mogontiacum.

    Allein.

    Zumindest sah es so aus.

    Mehrere hundert Schritt hinter ihm bewegte sich ein unscheinbarer Händlerwagen auf derselben Straße.

    Appius wusste nicht, dass noch jemand seinen Aufbruch beobachtete.

    Ein Mann stand auf einem kleinen Hügel.

    Er wartete, bis Appius verschwunden war.

    Dann bestieg er sein Pferd.

    Sein Weg führte nicht zum Landhaus des Marcellus.

    Er führte zurück nach Mogontiacum.

    Zur selben Zeit betrat Lucius demonstrativ die Castra der Legio XXII Primigenia.

    Innerhalb weniger Minuten wussten Dutzende Männer von seiner Rückkehr.

    Innerhalb einer Stunde würde es die halbe Garnison wissen.

    Faustus wartete.

    Irgendjemand würde reagieren.

  • Das Haus des Todes

    I. APPIUS – DER WEG ZU MARCELLUS

    Die Straße führte Appius Orbius Herminianus immer weiter von Mogontiacum fort.

    Weinberge und kleine Gehöfte lagen hinter ihm. Schließlich wurde der Weg schmaler. Wald trat an die Stelle der Felder.

    Appius ließ sein Pferd langsamer gehen.

    Marcellus hatte einen merkwürdigen Ort für eine vertrauliche Unterredung gewählt.

    Zu merkwürdig.

    Nach einer weiteren Wegbiegung erschien das Landhaus.

    Eine alte villa rustica, größer als erwartet, aber schlecht gepflegt. Teile der Außenmauer waren mit Efeu überwachsen. Ein Wirtschaftsgebäude stand leer. Keine Arbeiter waren zu sehen.

    Appius hielt an.

    Ein Mann wartete vor dem Eingang.

    Gaius Iunius Marcellus.

    „Appius!“

    Er breitete lächelnd die Arme aus.

    „Ich hatte schon befürchtet, du würdest meiner Einladung misstrauen.“

    Appius stieg vom Pferd.

    „Ich misstraue grundsätzlich Einladungen, bei denen ausdrücklich erwähnt wird, dass ich allein kommen soll.“

    Marcellus lachte.

    „Eine vernünftige Eigenschaft.“

    „Sie verlängert das Leben.“

    Für einen Augenblick sahen sich beide Männer an.

    Dann deutete Marcellus auf die Tür.

    „Komm.“

    Appius folgte ihm.

    Im Inneren war es kühl.

    Keine Sklaven.

    Keine Diener.

    Keine Speisen.

    Nur zwei Männer standen im Atrium.

    Bewaffnet.

    Appius bemerkte ihre Schwerter.

    Marcellus bemerkte seinen Blick.

    „Vorsichtsmaßnahme.“

    „Vor wem?“

    Marcellus blieb stehen.

    „Vor dem Mann, den ich dir zeigen werde.“

    II. DER GEFANGENE

    Sie stiegen eine Treppe hinab.

    Unterhalb des Hauses befand sich ein Keller.

    Eine einzelne Lampe brannte.

    Appius hörte Ketten.

    Dann sah er den Mann.

    Etwa vierzig Jahre alt.

    Bart.

    Schmutzige Tunika.

    Verletzungen im Gesicht.

    Seine Hände waren gefesselt.

    Marcellus blieb neben Appius stehen.

    „Sein Name ist Sextus Cassianus.“

    Der Gefangene hob den Kopf.

    „Das ist nicht mein Name.“

    Marcellus lächelte.

    „Heute schon.“

    Appius sah ihn scharf an.

    „Was soll das bedeuten?“

    „Dieser Mann benutzt mindestens vier Namen.“

    Marcellus trat näher.

    „Händler. Schreiber. Kurier. Informant.“

    Der Gefangene schwieg.

    Marcellus wandte sich Appius zu.

    „Vor allem aber vermittelt er Nachrichten zwischen Mogontiacum und Rom.“

    Appius spürte, wie seine Aufmerksamkeit schlagartig zunahm.

    „Für wen?“

    Marcellus antwortete nicht.

    Stattdessen fragte er den Gefangenen:

    „Sag ihm, was du mir gesagt hast.“

    Der Mann blickte Appius an.

    „Ich habe nichts gesagt.“

    Marcellus seufzte.

    „Wir können wieder von vorne beginnen.“

    Der Gefangene schloss die Augen.

    Dann murmelte er:

    „Trogus.“

    Appius bewegte sich nicht.

    Doch in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

    „Welcher Trogus?“

    Der Mann öffnete die Augen.

    „Nero Patulcius Trogus.“

    Stille.

    Marcellus beobachtete Appius.

    Sehr genau.

    Zu genau.

    Appius bemerkte es.

    Und plötzlich interessierte ihn weniger, was der Gefangene sagte.

    Viel interessanter war, wie Marcellus auf seine Reaktion wartete.

    III. FAUSTUS – DER KÖDER

    Lucius ging offen durch die Castra.

    Er sprach mit Legionären.

    Aß Brot.

    Fluchte über seine Behandlung.

    Er erzählte jedem, der fragte, eine leicht unterschiedliche Geschichte.

    Faustus hatte es ausdrücklich angeordnet.

    Hinter verschlossenen Türen hatte Lucius protestiert.

    „Warum unterschiedliche Geschichten?“

    Faustus hatte geantwortet:

    „Weil ich wissen möchte, welche davon zurückkommt.“

    Nun wartete Faustus.

    Eine Stunde.

    Zwei.

    Dann kam der erste Bericht.

    Ein Speculator trat ein.

    „Kontakt.“

    Faustus stand sofort auf.

    „Wer?“

    „Miles gregarius. Cohors IX.“

    „Name?“

    „Marcus Vibius Severus.“

    Faustus kannte ihn nicht.

    „Was wollte er?“

    „Er hat Lucius gefragt, ob die Männer während seiner Gefangenschaft über Rom gesprochen hätten.“

    Faustus' Augen verengten sich.

    „Sonst etwas?“

    „Über einen Eunuchen.“

    Jetzt herrschte Stille.

    Faustus stand langsam auf.

    „Wörtlich?“

    „Ob Lucius den Namen eines Eunuchen gehört habe.“

    Faustus nahm seinen Mantel.

    „Wo ist Severus?“

    „Auf dem Weg aus den Castra.“

    „Verfolgen.“

    „Festnehmen?“

    „Nein.“

    Faustus blickte den Mann an.

    „Wer einen Fisch sofort aus dem Wasser zieht, erfährt niemals, wohin er geschwommen wäre.“

    IV. DAS GEBÄUDE

    Severus verließ die Castra.

    Zwei Männer folgten ihm.

    Mit Abstand.

    Er ging nicht zum Hafen.

    Nicht zu den Tavernen.

    Nicht zu einem Privathaus.

    Stattdessen kehrte er nach einiger Zeit in den militärischen Bereich zurück.

    Faustus erhielt die Nachricht und runzelte die Stirn.

    „Zurück?“

    „Ja.“

    „Wohin?“

    Der Speculator zögerte.

    „Zum Verwaltungsgebäude der Versorgung.“

    Faustus sah ihn an.

    „Bist du sicher?“

    „Ja.“

    Das änderte alles.

    Faustus trat an die Karte.

    Die Transporte.

    Die Waffen.

    Die manipulierten Listen.

    Die verschwundenen Nachrichten.

    Vielleicht hatten sie die ganze Zeit in die falsche Richtung gesehen.

    Nicht außerhalb der Legion.

    Sondern mitten hinein.

    Faustus flüsterte:

    „Verdammt.“

    V. DAS LANDHAUS – DIE AUSSAGE

    Im Keller des Landhauses sprach der Gefangene weiter.

    „Die Nachrichten kamen über Händler.“

    Appius fragte:

    „Welche Nachrichten?“

    „Befehle.“

    „Von wem?“

    „Das wusste ich nicht.“

    „Du hast gerade Trogus genannt.“

    „Sein Name stand niemals auf den Schreiben.“

    Appius blickte zu Marcellus.

    Dann wieder zum Gefangenen.

    „Woher kennst du ihn dann?“

    Der Mann schwieg.

    Appius trat näher.

    „Woher?“

    „Andere haben ihn genannt.“

    „Wer?“

    „Kuriere.“

    „Welche?“

    Keine Antwort.

    Appius ging in die Hocke.

    „Hör mir gut zu. Wenn du möchtest, dass ich dir auch nur ein Wort glaube, gib mir etwas, das überprüfbar ist.“

    Der Gefangene sah ihn an.

    Dann sagte er:

    „Adler.“

    Appius wartete.

    „Drei Striche.“

    Sein Herz schlug schneller.

    „Und?“

    „Ein Kreis.“

    Appius richtete sich langsam auf.

    Adler – drei Striche – Kreis.

    Das Symbol war bereits in anderen Zusammenhängen aufgetaucht.

    Marcellus beobachtete ihn.

    Wieder.

    Appius erkannte es.

    Marcellus wollte wissen, ob ihm das Zeichen bekannt war.

    Also lächelte Appius.

    „Was soll das sein?“

    Marcellus' Gesicht verriet nichts.

    Aber für einen winzigen Augenblick hatte Appius etwas gesehen.

    Enttäuschung.

    IX. DER TOTE

    Im Landhaus hatte Appius inzwischen genug gehört.

    „Ich möchte mit ihm allein sprechen.“

    Marcellus schüttelte den Kopf.

    „Unmöglich.“

    „Dann bin ich fertig.“

    Appius wandte sich zur Treppe.

    „Appius.“

    Er blieb stehen.

    Marcellus sah ihn an.

    „Du machst einen Fehler.“

    „Das höre ich häufig.“

    Appius ging.

    Wenige Augenblicke später hörte er hinter sich einen dumpfen Laut.

    Dann einen Schrei.

    Appius fuhr herum.

    Er rannte zurück.

    Die Kellertür stand offen.

    Marcellus kniete neben dem Gefangenen.

    Blut.

    Sehr viel Blut.

    Der Mann lag auf dem Boden.

    Eine tiefe Wunde am Hals.

    Appius zog sein Schwert.

    „Niemand verlässt dieses Haus!“

    Marcellus blickte zu ihm auf.

    „Er hat sich selbst getötet.“

    Appius sah auf die gefesselten Hände des Toten.

    Dann zu Marcellus.

    „Mit gefesselten Händen?“

    Stille.

    Appius hob langsam sein Schwert.

    „Jetzt“, sagte er, „wird unser Gespräch interessant.“

    X. DREI MÄNNER – EIN NAME

    In Mogontiacum stand Faustus vor dem Verwaltungsgebäude der militärischen Versorgung.

    In einem Landhaus außerhalb der Stadt stand Appius über einem ermordeten Gefangenen.

    In Rom saß Titus Aurelius Romanus Nero Patulcius Trogus gegenüber.

    Drei Männer.

    Drei Orte.

    Drei Ermittlungen.

    Und überall derselbe Name.

    Trogus.

    Doch Faustus hatte inzwischen gelernt, dass offensichtliche Antworten meistens jemandem gehörten.

    Appius hatte erkannt, dass Marcellus ihn nicht informieren, sondern prüfen wollte.

    Und Titus saß ausgerechnet jenem Mann gegenüber, der angeblich das Zentrum des gesamten Netzes bildete.

    Trogus blickte Titus lange an.

    Dann sagte er:

    „Ihr sucht einen Verräter, Aurelier.“

    „Vielleicht.“

    „Faustus Iunius Rupa sucht ebenfalls einen.“

    Titus erstarrte.

    Trogus lächelte nicht mehr.

    „Und Appius Orbius Herminianus glaubt noch immer, dass niemand von seinem tatsächlichen Auftrag weiß.“

    Titus trat einen Schritt vor.

    „Woher kennt Ihr diese Namen?“

    Trogus antwortete nicht sofort.

    Dann sprach er vier Worte:

    „Weil ich Euch beobachte.“

    Titus' Hand wanderte langsam unter seinen Mantel.

    Trogus bemerkte es.

    „Wenn ich Euch hätte töten wollen, Titus Aurelius Romanus, wärt Ihr niemals bis zu dieser Tür gekommen.“

    „Das soll mich beruhigen?“

    „Nein.“

    Trogus beugte sich vor.

    „Es soll Euch Angst machen.“

    Titus sah ihn lange an.

    „Dann habt Ihr Euch verrechnet.“

    Trogus' Augen wurden schmal.

    „Das werden wir sehen.“

    Das Haus des Todes


    Das unsichtbare Netz beginnt sich zusammenzuziehen.

    Faustus entdeckt eine Spur innerhalb der militärischen Verwaltung der Legio XXII Primigenia.

    Appius erkennt, dass Marcellus möglicherweise nicht sein Verbündeter ist – und steht plötzlich neben einem ermordeten Zeugen.

    Massad entdeckt das bereits bekannte Zeichen Adler – drei Striche – Kreis unmittelbar bei einem der Beobachter der Villa Aurelia.

    Und Titus sitzt Nero Patulcius Trogus persönlich gegenüber.

    Doch gerade jetzt entsteht der gefährlichste Zweifel:

    Ist Trogus wirklich der Mann im Zentrum des Netzes – oder wurde sein Name bewusst dort platziert, damit Faustus, Appius und Titus auf denselben falschen Gegner zulaufen?

  • III. MOGONTIACUM – FAUSTUS LEGT DEN KÖDER AUS

    Faustus Iunius Rupa stand vor dem Verwaltungsgebäude der Versorgung.

    Er hätte es durchsuchen lassen können.

    Zwanzig Männer hätten genügt.

    Zwanzig Männer hätten genügt.

    Türen aufbrechen.

    Schreiber festsetzen.

    Wachstafeln beschlagnahmen.

    Doch genau das tat er nicht.

    „Wir gehen“, sagte er.

    Lucius starrte ihn an.

    „Wir gehen?“

    „Ja.“

    „Wir wissen, dass Severus hier war.“

    „Genau.“

    „Und deshalb gehen wir?“

    Faustus nickte.

    Lucius schüttelte den Kopf.

    „Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt gewinnen möchtest.“

    Faustus grinste.

    „Ich möchte wissen, gegen wen.“

    Sie gingen.

    Erst zwei Straßen weiter blieb Faustus stehen.

    „Ab jetzt erzählst du jedem, der fragt, dass du während deiner Gefangenschaft zwei Namen gehört hast.“

    Lucius verstand sofort.

    „Trogus und…?“

    „Den zweiten nennst du niemandem.“

    „Weil es keinen gibt.“

    „Noch nicht.“

    Lucius lächelte.

    „Du willst, dass sie danach suchen.“

    „Nein.“

    Faustus sah zurück zum Verwaltungsgebäude.

    „Ich möchte wissen, wer Angst davor bekommt.“

    IV. DER ZWEITE NAME

    Noch vor Mittag begann das Gerücht zu leben.

    Lucius erzählte es einem Legionär.

    Der Legionär einem Kameraden.

    Der Kamerad einem Schreiber.

    Der Schreiber einem Optio.

    Am Nachmittag wusste niemand mehr, woher die Geschichte stammte.

    Doch überall hieß es:

    Der zurückgekehrte Speculator kennt zwei Namen.

    Faustus wartete.

    Seine Männer beobachteten.

    Nichts.

    Dann, kurz vor Sonnenuntergang, kam die Meldung.

    „Severus.“

    Faustus hob den Kopf.

    „Was hat er getan?“

    „Er hat versucht, Lucius zu treffen.“

    „Und?“

    „Lucius hat ihn abgewiesen.“

    „Danach?“

    Der Speculator grinste.

    „Severus ist zum Verwaltungsgebäude.“

    Faustus blieb ruhig.

    „Und dann?“

    „Ein Schreiber hat das Gebäude verlassen.“

    „Name?“

    „Titus Flavius Crispinus.“

    „Wohin?“

    „Nicht zum Hafen.“

    „Wohin dann?“

    Der Mann legte eine kleine Karte auf den Tisch.

    Sein Finger wanderte über Mogontiacum.

    Dann blieb er stehen.

    Faustus' Gesicht veränderte sich.

    „Bist du sicher?“

    „Absolut.“

    Der Schreiber war zum Haus eines Mannes gegangen, den Faustus kannte.

    Sehr gut sogar.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Faustus sagte lange nichts.

    Dann murmelte er:

    „Nein.“

    Lucius sah ihn an.

    „Was?“

    „Zu einfach.“

    „Marcellus?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wenn jemand möchte, dass ich Trogus verdächtige und gleichzeitig Marcellus finde, dann frage ich mich langsam, wer mir eigentlich diese Ermittlungen führt.“

    V. DOMUS MORTIS – APPIUS UND MARCELLUS

    „Jetzt wird unser Gespräch interessant.“

    Appius hielt das Schwert auf Marcellus gerichtet.

    Der Gefangene lag zwischen ihnen.

    Tot.

    Die gefesselten Hände machten jede Behauptung eines Selbstmordes lächerlich.

    Marcellus erhob sich langsam.

    „Nimm das Schwert herunter.“

    „Nein.“

    „Appius.“

    „Ich sagte nein.“

    Hinter ihnen erschienen zwei bewaffnete Männer.

    Appius hörte ihre Schritte.

    Er drehte sich nicht um.

    Marcellus hob die Hand.

    Die Männer blieben stehen.

    „Niemand greift ihn an.“

    Appius lächelte.

    „Wie großzügig.“

    „Du bist mein Gast.“

    Appius blickte auf den Toten.

    „Deine Gastfreundschaft hat bemerkenswerte Grenzen.“

    Marcellus' Gesicht verhärtete sich.

    „Ich habe diesen Mann nicht getötet.“

    „Dann besitzt du ein Problem.“

    „Wir beide besitzen eines.“

    „Nein.“

    Appius hob die Schwertspitze.

    „Im Augenblick besitzt vor allem du eines.“

    Marcellus sah ihn lange an.

    Dann sagte er plötzlich:

    „Was genau hat Titus Aurelius Romanus dir aufgetragen?“

    Appius' Gesicht blieb ruhig.

    Doch innerlich schrillten sämtliche Alarmglocken.

    Da war sie.

    Die Frage.

    Nicht:

    Wer tötete den Gefangenen?

    Nicht:

    Wer steckt hinter den Transporten?

    Nicht:

    Was bedeutet das Symbol?

    Sondern:

    Was weiß Titus?

    Appius senkte das Schwert ein wenig.

    Absichtlich.

    „Ein Aquädukt.“

    Marcellus lächelte.

    „Natürlich.“

    „Du hast die Einweihung verpasst.“

    „Bedauerlich.“

    „Die Bewohner waren zufrieden.“

    „Das freut mich.“

    Beide wussten, dass sie logen.

    VI. DAS SPIEL DES APPIUS

    „Also noch einmal“, sagte Marcellus. „Was hat Titus dir aufgetragen?“

    Appius zuckte mit den Schultern.

    „Mich umzusehen.“

    „Wonach?“

    „Nach Problemen.“

    „Welchen Problemen?“

    Appius lächelte.

    „Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich nicht umsehen müssen.“

    Marcellus trat näher.

    „Unterschätze mich nicht.“

    „Das tue ich nicht.“

    „Titus vertraut dir.“

    „Manchmal.“

    „Er schickt keinen Legatus Aurelianus nach Mogontiacum, um Wasserleitungen zu bewundern.“

    Appius' Blick wurde kalt.

    „Und du lädst keinen Legatus Aurelianus in ein verlassenes Landhaus ein, um ihm einen Gefangenen zu zeigen, der anschließend ermordet wird.“

    Stille.

    Marcellus blickte zum Toten.

    Dann sagte er:

    „Vielleicht sollten wir endlich aufhören, uns gegenseitig zu belügen.“

    Appius antwortete:

    „Du zuerst.“

    Marcellus lächelte.

    „Trogus ist nicht der Mann, den du suchst.“

    Appius spürte einen Stich.

    „Interessant.“

    „Was?“

    „Ich habe niemals gesagt, dass ich jemanden suche.“

    Marcellus schwieg.

    Appius hob wieder sein Schwert.

    „Und damit hast du mir gerade mehr erzählt als dein toter Freund dort unten.“

    XI. FAUSTUS ERHÄLT EINE NACHRICHT

    Tief in der Nacht klopfte es an Faustus' Tür.

    Lucius trat ein.

    „Etwas ist passiert.“

    Faustus setzte sich auf.

    „Was?“

    Lucius legte einen kleinen Wachstafelrest auf den Tisch.

    „Der wurde vor meiner Unterkunft abgelegt.“

    Faustus öffnete ihn.

    Nur ein Satz.

    DER ZWEITE NAME IST MARCELLUS.

    Faustus starrte darauf.

    Lucius fragte:

    „Was jetzt?“

    Faustus antwortete nicht.

    Er ging zum Fenster.

    Draußen lag Mogontiacum ruhig.

    Zu ruhig.

    Schließlich sagte er:

    „Jetzt wissen wir etwas.“

    „Dass Marcellus der Verräter ist?“

    Faustus drehte sich um.

    „Nein.“

    Er hielt die Wachstafel hoch.

    „Dass jemand unbedingt möchte, dass ich das glaube.“

    XII. APPIUS VERLÄSST DAS HAUS DES TODES

    Marcellus ließ ihn gehen.

    Das überraschte Appius beinahe mehr als alles andere.

    Sein Pferd wartete draußen.

    Bevor Appius aufstieg, trat Marcellus aus dem Haus.

    „Appius.“

    Appius drehte sich um.

    „Wenn du Titus schreibst…“

    „Ja?“

    Marcellus blieb unter dem Türbogen stehen.

    „Sag ihm, dass der Feind näher ist, als er glaubt.“

    Appius lächelte.

    „Das sagen erstaunlich viele Menschen in letzter Zeit.“

    Dann stieg er auf.

    Marcellus sah ihm nach.

    Erst als Appius verschwunden war, kehrte er ins Haus zurück.

    Der tote Gefangene war bereits fortgeschafft worden.

    Einer der bewaffneten Männer wartete.

    „Hat er es geglaubt?“

    Marcellus sah ihn an.

    „Nein.“

    „Ist das ein Problem?“

    Marcellus ging zum Tisch.

    Dort lag eine Wachstafel.

    Er schrieb nur wenige Worte.

    APPIUS WEISS ZU WENIG. TITUS VERMUTLICH MEHR.

    Er versiegelte sie.

    Doch nicht mit seinem eigenen Siegel.

    Auf dem Wachs erschien:

    ein Adler – drei Striche – ein Kreis.

    Marcellus betrachtete das Zeichen.

    Und zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein Mann, der die Situation beherrschte.

    Sondern wie jemand, der selbst Befehle ausführte.

    XIII. DAS FALSCHE ZENTRUM

    Noch in derselben Nacht geschahen an drei Orten drei Dinge.

    In Mogontiacum verbrannte Faustus die Nachricht, die Marcellus beschuldigte.

    In der Villa Aurelia entschied Titus, den Verräter in seinem eigenen Haus nicht festzunehmen.

    Und im kaiserlichen Palast stand Nero Patulcius Trogus allein vor einer verschlossenen Kassette.

    Er öffnete sie.

    Darin lag sein Siegel.

    Trogus nahm es heraus.

    Betrachtete es.

    Dann öffnete er ein verborgenes Fach darunter.

    Es war leer.

    Trogus erstarrte.

    Dort hätte ein zweiter Gegenstand liegen müssen.

    Ein altes Gegensiegel.

    Nur drei Menschen wussten von seiner Existenz.

    Trogus flüsterte:

    „Nein.“

    Zum ersten Mal seit Titus ihn getroffen hatte, zeigte der Eunuch etwas, das er bisher meisterhaft verborgen hatte.

    Angst.

    ENDE DIES VI – NOMEN FALSUM

    Der falsche Name

    Das Netz besitzt kein sichtbares Zentrum mehr.

    Trogus ist möglicherweise nicht der Drahtzieher, sondern selbst Ziel einer systematischen Täuschung.

    Marcellus steckt tiefer in der Verschwörung, als Appius bisher wusste – doch selbst er scheint nicht an deren Spitze zu stehen.

    Faustus verweigert sich der offensichtlichen Spur und erkennt, dass jemand ihn gezielt gegen Marcellus lenken möchte.

    Massad entdeckt mit Dama erstmals einen nachweisbaren Verbindungsmann innerhalb der Villa Aurelia.

    Und Titus entscheidet sich gegen dessen Verhaftung. Stattdessen beginnt er sein eigenes gefährliches Spiel: Von nun an soll der Gegner über Dama genau jene Informationen erhalten, die Titus ihm zukommen lassen will.

    Doch die wichtigste Entdeckung macht Trogus:

    Von seinem Siegel existiert ein Gegensiegel.

    Es ist verschwunden.

    Und nur drei Menschen wussten, dass es überhaupt existierte.

    Fortsetzung: DIES VII – TRES NOMINA – Die drei Namen

    Trogus lässt Titus noch in derselben Nacht heimlich zurück in den Palast rufen. Zum ersten Mal nennt er ihm die drei Personen, die vom Gegensiegel wussten. Einer dieser Namen gehört zu einem hochrangigen Beamten der kaiserlichen Verwaltung. Der zweite führt unmittelbar nach Mogontiacum.

    Doch der dritte Name erschüttert Titus, denn er gehört zu einem Menschen, dessen Verbindung zu seiner eigenen Familie weit zurückreicht.

    Faustus setzt unterdessen seine Täuschung fort. Er lässt absichtlich drei verschiedene Versionen des angeblichen „zweiten Namens“ verbreiten. Jede Version erreicht nur einen eng begrenzten Personenkreis. Wenn eine davon beim Gegner auftaucht, weiß Faustus erstmals, aus welchem Teil der Legio XXII Informationen abfließen.

    Appius kehrt nach Mogontiacum zurück und sucht Faustus auf. Beide vergleichen zum ersten Mal systematisch ihre Erkenntnisse – und stellen fest, dass jemand ihre Ermittlungen seit Tagen gegeneinander ausspielt.

    In Rom erhält Dama währenddessen von Titus persönlich eine scheinbar hochbrisante Nachricht zur Weiterleitung. Der Schreiber ahnt nicht, dass Massad und Selina bereits auf ihn warten.

    Doch Titus will Dama nicht festnehmen.

    Er will wissen, wer am anderen Ende des Netzes zieht.

  • Die drei Namen

    Die Nacht war noch nicht vorüber.

    In Rom kehrte Titus Aurelius Romanus vom Palatin zurück, ohne zu wissen, dass Massad wenige Straßen entfernt bereits den ersten Mann aus dem eigenen Haushalt mit dem unsichtbaren Netz verbunden hatte.

    In Mogontiacum begann Faustus Iunius Rupa währenddessen seine gefährlichste Täuschung: Er wollte nicht länger den Spuren folgen, die man ihm hinterließ.

    Er wollte selbst Spuren legen.

    Und Appius Orbius Herminianus ritt vom Landhaus des Gaius Iunius Marcellus zurück zur Stadt, während ihm eine einzige Frage nicht aus dem Kopf ging:

    Woher wusste Marcellus, dass Titus ihn geschickt hatte?

    Drei Männer suchten nach derselben Wahrheit.

    Doch noch immer wusste keiner, ob sie überhaupt denselben Feind suchten.

    IV. MOGONTIACUM – FAUSTUS ERFINDET DREI VERRÄTER

    Zur gleichen Stunde saß Faustus in seinem Arbeitsraum.

    Vor ihm standen Lucius und drei Speculatores.

    Auf dem Tisch lagen drei Wachstafeln.

    Faustus deutete auf die erste.

    „Version eins.“

    Lucius las:

    Der zweite Name ist Marcellus.

    Faustus deutete auf die zweite.

    Der zweite Name ist Crispus.

    Dann auf die dritte.

    Der zweite Name ist Varro.

    Lucius sah ihn an.

    „Drei verschiedene Namen.“

    „Ja.“

    „Und keiner davon stammt aus meiner Gefangenschaft.“

    „Richtig.“

    „Was machen wir damit?“

    Faustus lehnte sich zurück.

    „Jede Version erhält einen anderen Weg.“

    Er zeigte auf die erste.

    „Marcellus geht ausschließlich an Männer aus dem Umfeld der Versorgung.“

    Die zweite.

    „Crispus nur an zwei Männer aus der Verwaltung der Castra.“

    Die dritte.

    „Varro an jene, die Kontakt zum Hafen haben.“

    Lucius begann zu lächeln.

    „Und wenn einer der Namen außerhalb seines Kreises auftaucht…“

    „…kennen wir den Weg.“

    Faustus nickte.

    „Wir jagen ab jetzt keine Verräter mehr.“

    Er nahm die drei Tafeln.

    „Wir markieren ihre Nachrichten.“

    V. APPIUS KEHRT ZURÜCK

    Appius erreichte Mogontiacum noch vor Tagesanbruch.

    Er war müde.

    Wütend.

    Und sehr nachdenklich.

    Das Landhaus hatte ihm mehr Fragen gegeben als Antworten.

    Der tote Gefangene.

    Trogus.

    Das Symbol.

    Und Marcellus' Frage:

    Was genau hat Titus Aurelius Romanus dir aufgetragen?

    Appius hätte schlafen sollen.

    Stattdessen ritt er direkt zu Faustus.

    Der Biarchus war wenig begeistert, als Appius vor seiner Tür erschien.

    „Weißt du, welche Stunde wir haben?“

    „Ja.“

    „Dann besitzt du einen schlechten Charakter.“

    „Das wurde mir bereits gesagt.“

    Faustus ließ ihn herein.

    Appius bemerkte die drei Wachstafeln.

    „Was ist das?“

    Faustus deckte sie mit einem Tuch ab.

    „Nichts.“

    „Dann ist es vermutlich wichtig.“

    „Was willst du?“

    Appius wurde ernst.

    „Marcellus.“

    Faustus bewegte sich nicht.

    „Was ist mit ihm?“

    „Ich war bei ihm.“

    „Wo?“

    „In seinem Landhaus.“

    Jetzt hatte Appius seine volle Aufmerksamkeit.

    „Warum?“

    „Weil er mich eingeladen hat.“

    Faustus starrte ihn an.

    „Und du bist hingegangen?“

    „Natürlich.“

    „Allein?“

    „Fast.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ihr Leute aus Rom besitzt ein bemerkenswertes Verhältnis zum Überleben.“

    „Kann ich fortfahren?“

    Faustus deutete auf einen Stuhl.

    „Bitte.“

    VI. ZWEI ERMITTLUNGEN TREFFEN AUFEINANDER

    Appius erzählte alles.

    Vom Gefangenen.

    Vom Namen Trogus.

    Vom Symbol.

    Vom Tod des Mannes.

    Und schließlich von Marcellus' Frage nach Titus.

    Faustus unterbrach ihn erst dort.

    „Noch einmal.“

    „Was?“

    „Die genaue Frage.“

    Appius wiederholte:

    „Was genau hat Titus Aurelius Romanus dir aufgetragen?“

    Faustus stand auf.

    Er ging einige Schritte.

    Dann fragte er:

    „Hast du Marcellus jemals gesagt, dass Titus dich geschickt hat?“

    „Nein.“

    „Jemandem aus seinem Umfeld?“

    „Nein.“

    „In Mogontiacum?“

    „Nein.“

    Faustus blieb stehen.

    „Dann wusste er es vorher.“

    „Genau.“

    Faustus zog das Tuch von den drei Wachstafeln.

    Appius las die Namen.

    Marcellus.

    Crispus.

    Varro.

    „Was soll das?“

    Faustus erzählte von Lucius.

    Von Severus.

    Vom Verwaltungsgebäude.

    Und von seinem Plan.

    Appius nahm die Tafel mit Marcellus' Namen.

    „Du verdächtigst ihn.“

    „Nein.“

    „Sein Name steht hier.“

    „Weil ich möchte, dass jemand glaubt, ich verdächtige ihn.“

    Appius sah ihn an.

    Dann begann er langsam zu lächeln.

    „Das gefällt mir.“

    Faustus nahm ihm die Tafel wieder ab.

    „Das beunruhigt mich.“

    X. DIE ERSTE REAKTION IN MOGONTIACUM

    Faustus musste nicht lange warten.

    Am späten Vormittag kam einer seiner Speculatores.

    „Wir haben etwas.“

    Faustus blickte auf.

    Appius saß noch immer bei ihm.

    „Welcher Name?“

    „Marcellus.“

    Faustus wurde sofort aufmerksam.

    „Wo?“

    „Am Hafen.“

    Appius runzelte die Stirn.

    Faustus fragte:

    „Wer hat ihn benutzt?“

    „Ein Händler fragte einen Schreiber, ob Marcellus bereits gewarnt worden sei.“

    Stille.

    Faustus sah auf seine drei Tafeln.

    Marcellus war ausschließlich an Männer aus dem Bereich der militärischen Versorgung gegangen.

    Doch jetzt war der Name am Hafen aufgetaucht.

    Appius begriff.

    „Die Versorgung spricht mit dem Hafen.“

    „Oder jemand dazwischen.“

    Faustus stand auf.

    „Jetzt haben wir erstmals einen Nachrichtenweg.“

    Appius fragte:

    „Und Marcellus?“

    Faustus sah ihn an.

    „Noch immer wissen wir nicht, ob er Verräter, Mitspieler oder Köder ist.“

    „Nach letzter Nacht tendiere ich zu Verräter.“

    „Genau deshalb wäre ich vorsichtig.“

    Appius seufzte.

    „Du bist ein unangenehmer Mensch.“

    „Das wurde mir bereits gesagt.“

    XIV. FAUSTUS UND APPIUS – DAS MUSTER

    Fast zur selben Stunde lagen vor Faustus und Appius mehrere Wachstafeln.

    Faustus zeichnete Linien.

    Versorgung.

    Hafen.

    Marcellus.

    Transporte.

    Appius fügte hinzu:

    „Und Trogus.“

    Faustus schrieb den Namen dazu.

    Dann betrachteten beide das Muster.

    Appius sagte:

    „Alles läuft auf ihn zu.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Schon wieder?“

    „Sieh hin.“

    Faustus deutete auf die Linien.

    „Trogus taucht überall dort auf, wo wir ihn finden sollen.“

    Dann zeigte er auf Marcellus.

    „Marcellus ebenfalls.“

    „Du glaubst also keinem Namen mehr.“

    „Namen sind billig.“

    Faustus legte den Griffel hin.

    „Wege nicht.“

    Appius sah ihn an.

    Faustus deutete auf die Verbindung zwischen Versorgung und Hafen.

    „Wir folgen ab jetzt nicht mehr den Personen.“

    „Sondern?“

    „Den Nachrichten.“

    Ein Speculator trat ein.

    „Biarchus.“

    „Was?“

    „Ein Kurier aus Rom.“

    Appius und Faustus sahen gleichzeitig auf.

    „Für wen?“, fragte Appius.

    „Für Euch.“

    Der Mann reichte ihm eine versiegelte Wachstafel.

    Appius erkannte sofort das Zeichen der Aurelier.

    Er öffnete sie.

    Las.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    Faustus fragte:

    „Was?“

    Appius reichte ihm die Nachricht.

    Faustus las:

    Appius Orbius Herminianus soll seine Untersuchungen in Mogontiacum beenden und innerhalb von fünf Tagen nach Rom zurückkehren.

    Darunter:

    Faustus Iunius Rupa ist über die Hintergründe nicht zu informieren.

    Faustus hob eine Augenbraue.

    Appius sah ihn an.

    Dann mussten beide gleichzeitig lachen.

    „Nun“, sagte Faustus, „das hat hervorragend funktioniert.“

    Appius grinste.

    „Titus wollte offenbar, dass du das liest.“

    Faustus betrachtete das Schreiben.

    „Nein.“

    Sein Lächeln verschwand.

    „Titus wollte, dass jemand anderes glaubt, ich dürfe es nicht lesen.“

    Appius wurde ernst.

    „Dann spielt er dasselbe Spiel wie wir.“

    Faustus nickte.

    Zum ersten Mal arbeiteten Rom und Mogontiacum nicht mehr getrennt.

    Ohne es abgesprochen zu haben, hatten Titus und Faustus dieselbe Methode gewählt.

    Sie fütterten das Netz.

    XVI. DAS NETZ REAGIERT

    Noch am selben Abend geschahen vier Dinge.

    In Mogontiacum verließ ein unbekannter Kurier das Verwaltungsviertel und ritt nach Süden.

    Faustus ließ ihn verfolgen.

    Appius erhielt eine zweite Nachricht.

    Diesmal ohne Siegel.

    Nur drei Worte:

    KEHRE NICHT ZURÜCK.

    In Rom verließ Dama die Villa Aurelia erneut.

    Selina folgte ihm.

    Massad folgte Selina.

    Und Titus saß im Tablinum über alten Unterlagen der Gens Aurelia.

    Schließlich fand er den Namen.

    Marcus Aurelius Scaurus.

    Daneben eine alte Notiz.

    Titus las sie zweimal.

    Dann ein drittes Mal.

    Scaurus hatte Jahre zuvor nicht allein nach Mogontiacum reisen sollen.

    Ein zweiter Mann war ihm zugeteilt gewesen.

    Ein Begleiter.

    Ein Verbindungsmann.

    Titus kannte auch diesen Namen.

    Sehr gut.

    Er stand auf.

    „Bei allen Göttern.“

    TRES NOMINA

    Die drei Namen

    Zum ersten Mal besitzt die Verschwörung nicht einen Verdächtigen, sondern drei:

    Publius Aelius Saturninus – ein verschwundener Beamter aus der kaiserlichen Verwaltung.

    Gaius Iunius Marcellus – der Mann in Mogontiacum, der offenbar wesentlich mehr über Titus' Ermittlungen weiß, als er wissen dürfte.

    Marcus Aurelius Scaurus – ein verschollenes Mitglied aus dem Umfeld der Gens Aurelia, das einst das Gegensiegel des Trogus nach Mogontiacum transportierte.

    Doch keiner dieser Namen beweist Schuld.

    Währenddessen haben Titus und Faustus unabhängig voneinander denselben entscheidenden Schritt getan:

    Sie verfolgen das Netz nicht mehr.

    Sie beginnen, es zu füttern.

    Titus benutzt Dama.

    Faustus benutzt Lucius.

    Appius wird bewusst zum sichtbaren Verbindungsmann zwischen beiden Seiten.

    Und irgendwo zwischen Rom und Mogontiacum beginnen jene Menschen, die sich bisher unsichtbar glaubten, auf die Täuschungen zu reagieren.

    Die Jagd verändert ihre Richtung.

    Zum ersten Mal müssen nicht mehr Titus, Faustus und Appius reagieren.

    Der Gegner muss es.

    Fortsetzung: DIES VIII – MORTUUS QUI VIVIT – Der Tote, der lebt

    Titus entdeckt in den alten Unterlagen der Gens Aurelia, wer Marcus Aurelius Scaurus damals nach Mogontiacum begleitet hatte. Der Name führt zu einem Mann, der heute noch lebt – und den Titus seit Jahren kennt.

    Faustus lässt unterdessen den aus Mogontiacum aufgebrochenen Kurier verfolgen. Doch statt nach Rom führt dessen Weg zu einem abgelegenen römischen Gut südlich der Stadt. Dort begegnet er einem Mann, der laut offiziellen Unterlagen seit Jahren tot sein müsste.

    Appius versucht herauszufinden, wer ihm die Warnung KEHRE NICHT ZURÜCK geschickt hat. Dabei entdeckt er, dass sein angeblicher Rückruf nach Rom bereits bekannt war, bevor der offizielle Kurier Mogontiacum erreicht hatte.

    In Rom führt Dama Selina und Massad erneut zum Haus am Tiber. Dieses Mal verlässt dort jedoch ein Mann das Gebäude, dessen Gesicht Selina aus der Villa Aurelia kennt.

    Und im Palast erhält Trogus eine Nachricht, die nur aus fünf Worten besteht:

    DAS GEGSIEGEL IST NICHT BEI UNS.

    Damit entsteht eine noch gefährlichere Möglichkeit:

    Vielleicht gibt es nicht ein unsichtbares Netz.

    Vielleicht kämpfen im Hintergrund zwei verschiedene Gruppen um dieselben Geheimnisse.

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