Die Lebensgeschichte des griechischen Lehrers und Mentors von Titus Aurelius Romanus

  • EIN GRIECHE IM DIENSTE ROMS

    Lange bevor Sokrates zum Lehrer des Titus Aurelius Romanus wurde, hatte er ein Leben geführt, das von Wissen, Ehrgeiz, Enttäuschungen und einer tiefen Abneigung gegen die menschliche Unvernunft geprägt war.

    Geboren wurde er in Athen, in einer Familie, deren Wohlstand längst nicht mehr an die glanzvollen Zeiten ihrer Vorfahren heranreichte. Sein Vater Demetrios gehörte zu jenen gebildeten Griechen, die ihre Herkunft mit Stolz betrachteten, obwohl die politische Bedeutung ihrer Heimat unter der Herrschaft Roms erheblich geschwunden war. Die Familie besaß ein bescheidenes Haus unweit des Areopags und einige verpachtete Grundstücke außerhalb der Stadt. Seine Mutter Helena stammte aus einer angesehenen Familie von Korinth. Sie war eine gebildete Frau, die ihren Sohn früh mit den Werken der großen griechischen Dichter vertraut machte. Von ihr erbte Sokrates seine Liebe zur Literatur und jene ausgeprägte Beobachtungsgabe, die später zu seiner wichtigsten Eigenschaft werden sollte. Bereits als Kind zeigte er eine ungewöhnliche Begabung für Sprachen. Neben seiner griechischen Muttersprache erlernte er Latein und beschäftigte sich mit den Schriften römischer Gelehrter. Während andere Jungen seines Alters auf den Straßen Athens spielten oder sich im Gymnasion körperlich ertüchtigten, verbrachte Sokrates viele Stunden mit Schriftrollen und philosophischen Abhandlungen. Besonders die Werke Platons, Aristoteles' und der stoischen Philosophen faszinierten ihn. Allerdings entwickelte er schon früh eine eigenwillige Vorstellung von der menschlichen Natur. Er betrachtete den Menschen nicht als grundsätzlich vernünftiges Wesen. Vielmehr war er davon überzeugt, dass die meisten Menschen von Begierden, Ängsten und gesellschaftlichen Zwängen beherrscht wurden. Vernunft erschien ihm als eine Fähigkeit, die nur wenige wirklich zu nutzen verstanden. Diese Überzeugung sollte sein späteres Leben entscheidend bestimmen. Mit sechzehn Jahren verlor Sokrates seinen Vater. Die Familie geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten, und der junge Grieche war gezwungen, seine Ausbildung teilweise selbst zu finanzieren. Er arbeitete als Schreiber, übersetzte lateinische Texte und unterrichtete die Söhne wohlhabender Kaufleute. Dabei machte er eine Erfahrung, die sein Menschenbild weiter verdüsterte. Nicht immer waren es die Begabtesten, die gesellschaftlich aufstiegen. Häufig entschieden Herkunft, Vermögen und die Fähigkeit, andere Menschen für sich einzunehmen, über den Erfolg. Sokrates begann, die gesellschaftliche Ordnung weniger als Ausdruck von Gerechtigkeit denn als ein kompliziertes Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten zu betrachten. Er wollte dieses Geflecht verstehen. Und irgendwann wollte er lernen, es zu beherrschen.

    DIE JAHRE DER WANDERSCHAFT

    Im Alter von vierundzwanzig Jahren verließ Sokrates seine Heimatstadt. Seine Reisen führten ihn zunächst nach Korinth, später nach Ephesos, Pergamon und Smyrna. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer, Übersetzer und gelegentlich als Berater wohlhabender Kaufleute. In den großen Städten der römischen Provinz Asia begegnete er einer Gesellschaft, die sich erheblich von der philosophischen Welt seiner Jugend unterschied. Hier zählten Geschäfte, Beziehungen und politischer Einfluss. Sokrates beobachtete Kaufleute, die ihre Konkurrenten durch Bestechung ruinierten, Beamte, die ihre Ämter zur persönlichen Bereicherung nutzten, und angesehene Familien, deren öffentliche Tugendhaftigkeit mit ihrem privaten Verhalten wenig gemein hatte. Besonders beeindruckte ihn die Fähigkeit einiger Männer, selbst schwerste Verfehlungen hinter einem tadellosen gesellschaftlichen Auftreten zu verbergen. Aus diesen Beobachtungen entwickelte er eine Lehre, die er niemals schriftlich niederlegte. Nach seiner Überzeugung beruhte persönliche Macht auf drei Voraussetzungen: der Kenntnis menschlicher Schwächen, der Beherrschung eigener Gefühle und der Fähigkeit, anderen Menschen genau das zu zeigen, was sie sehen wollten. Der junge Gelehrte entfernte sich damit zunehmend von den moralischen Idealen seiner früheren Lehrer. Seine Philosophie wurde pragmatischer, kälter und gefährlicher. Während eines längeren Aufenthalts in Ephesos geriet Sokrates in den Dienst eines wohlhabenden römischen Unternehmers. Dieser beschäftigte ihn zunächst als Erzieher seiner beiden Söhne, zog ihn jedoch bald auch bei geschäftlichen Angelegenheiten hinzu. Sokrates erwies sich als außerordentlich geschickt darin, Streitigkeiten zu schlichten und schwierige Verhandlungen vorzubereiten. Er erkannte rasch, welche Beweggründe seine Gesprächspartner leiteten, und verstand es, deren Entscheidungen unauffällig zu beeinflussen. Doch seine Tätigkeit endete nach einem Skandal. Einer der beiden Söhne wurde beschuldigt, einen jungen Sklaven schwer misshandelt zu haben. Sokrates hatte von den Vorgängen gewusst, jedoch geschwiegen, um seine Stellung nicht zu gefährden. Als die Angelegenheit öffentlich wurde, musste er den Haushalt verlassen. Es war nicht das letzte Mal, dass sein Schweigen zum Schutz eines Schülers schwerwiegende Folgen haben sollte.

    DER WEG NACH LATIUM

    Nach mehreren Jahren in den östlichen Provinzen gelangte Sokrates schließlich nach Italia. Rom beeindruckte ihn zunächst durch seine Größe, seine Verwaltung und die sichtbaren Zeichen imperialer Macht. Gleichzeitig erkannte er in der Hauptstadt dieselben menschlichen Schwächen, denen er bereits in Griechenland begegnet war. Nur die Möglichkeiten waren größer. In Rom konnten Eitelkeit, Ehrgeiz und Habgier über das Schicksal ganzer Provinzen entscheiden. Durch die Vermittlung eines griechischen Kaufmanns erhielt Sokrates Zugang zu verschiedenen römischen Familien. Sein Ruf als gebildeter und disziplinierter Lehrer verbreitete sich rasch.

    Er war inzwischen ein Mann mittleren Alters, schlank, von eher unscheinbarer Erscheinung und mit einem Gesicht, dessen ruhiger Ausdruck nur selten Rückschlüsse auf seine Gedanken zuließ. Sein dunkles Haar zeigte erste graue Strähnen. Die Augen waren wach und aufmerksam, und seine Bewegungen verrieten eine beinahe pedantische Selbstbeherrschung. Er kleidete sich schlicht und vermied jede auffällige Zurschaustellung seiner Bildung. Gerade dadurch gewann er das Vertrauen vieler Römer. Schließlich wurde Marcus Aurelius Iustus auf ihn aufmerksam. Der wohlhabende Aurelier suchte einen geeigneten Lehrer für seinen jüngsten Sohn, der auf einem Landgut in Latium aufwuchs. Die beiden älteren Söhne hatten bereits eine standesgemäße Erziehung erhalten. Beim jüngsten Kind dagegen schien eine besondere Förderung notwendig. Der Junge galt als körperlich schwach, zurückhaltend und wenig geeignet für jene Laufbahn, die man von einem Angehörigen einer angesehenen römischen Familie erwartete. Sokrates nahm die Stellung an. Er ahnte damals nicht, dass dieser Auftrag sein eigenes Leben grundlegend verändern würde.

    DAS KIND HINTER DEN MAUERN

    Als Sokrates Titus Aurelius Romanus zum ersten Mal begegnete, erkannte er in dem Jungen zunächst nichts Außergewöhnliches. Titus war schmächtig, blass und auffallend still. Seine Bewegungen wirkten vorsichtig, beinahe ängstlich. Er vermied es, seinem Gegenüber längere Zeit in die Augen zu sehen, und beantwortete Fragen mit einer Zurückhaltung, die leicht als mangelnde Begabung missverstanden werden konnte. Doch schon während der ersten Unterrichtsstunden bemerkte der Grieche etwas Ungewöhnliches. Titus vergaß nahezu nichts. Er konnte längere Abschnitte griechischer Texte nach einmaligem Vorlesen wiedergeben, erkannte Zusammenhänge erstaunlich schnell und stellte Fragen, die weit über das hinausgingen, was Sokrates von einem Kind seines Alters erwartete. Noch bemerkenswerter war seine Fähigkeit, Menschen zu beobachten. Titus bemerkte kleinste Veränderungen in der Stimmung seines Lehrers. Er erkannte, wann dieser ungeduldig wurde, wann ihn eine Antwort zufriedenstellte und wann er selbst besser schweigen sollte.

    Anfangs hielt Sokrates dieses Verhalten für ein Zeichen besonderer Sensibilität. Erst allmählich begriff er dessen Ursache. Die Verhältnisse innerhalb der Familie Aurelia waren weit weniger harmonisch, als die herrschaftliche Fassade vermuten ließ. Die beiden älteren Brüder Paullus und Lucius behandelten Titus mit unverhohlener Verachtung. Sie verspotteten seine körperliche Schwäche und nutzten jede Gelegenheit, ihn vor den Angehörigen des Haushalts lächerlich zu machen. Aquillia Nocturna schenkte den Aussagen ihrer älteren Söhne wesentlich mehr Glauben als den Erklärungen des Jüngsten. Sokrates wurde mehrfach Zeuge ungerechter Bestrafungen. Er sah die Spuren der Stockhiebe und bemerkte, wie Titus nach solchen Vorfällen tagelang schweigsamer wurde. Anfangs versuchte er, die Mutter zu größerer Nachsicht zu bewegen. Doch seine Stellung als angestellter Lehrer setzte seinem Einfluss enge Grenzen. Schließlich zog er sich zurück. Dieser Rückzug sollte später zu den Entscheidungen gehören, die ihn bis an sein Lebensende beschäftigten.

    Denn Sokrates begann, den leidenden Jungen weniger als ein schutzbedürftiges Kind denn als eine außergewöhnliche Persönlichkeit zu betrachten, deren Entwicklung er selbst gestalten konnte. Aus Mitgefühl wurde wissenschaftliche Neugier. Aus Neugier entstand Ehrgeiz. Und aus Ehrgeiz erwuchs eine gefährliche Form der Zuneigung.

    DIE ERZIEHUNG ZUR SELBSTBEHERRSCHUNG

    Sokrates veränderte den Unterricht grundlegend. Neben den klassischen Studien widmete er immer mehr Zeit der menschlichen Natur. Titus lernte, Gesten zu deuten, Stimmungen einzuschätzen und aus scheinbar belanglosen Bemerkungen Rückschlüsse auf die Absichten anderer Menschen zu ziehen. Der Grieche unterrichtete ihn in der Kunst der Rhetorik und führte ihn in die unterschiedlichen Schulen der Philosophie ein.

    Besonders großen Wert legte er auf die Beherrschung der eigenen Gefühle. Titus sollte lernen, dass Wut, Angst und Verzweiflung seine Entscheidungen nicht bestimmen durften. Anfangs fiel ihm dies außerordentlich schwer. Nach den Demütigungen durch seine Brüder erschien er häufig voller Hass zum Unterricht. Er konnte kaum stillsitzen, war gereizt und reagierte auf kleinste Fehler mit heftigen Gefühlsausbrüchen. Sokrates erkannte darin die Folgen jahrelanger Misshandlungen. Doch statt den Jungen von seinen Rachegedanken abzubringen, begann er, dessen Gefühle in eine andere Richtung zu lenken. Er förderte Geduld, Berechnung und die Fähigkeit, eigene Absichten zu verbergen. Mit der Zeit entwickelte Titus eine bemerkenswerte Selbstkontrolle. Er konnte freundlich lächeln, obwohl er innerlich vor Wut bebte. Er konnte seinen Brüdern zustimmen, während er längst über Möglichkeiten nachdachte, ihnen Schaden zuzufügen. Sokrates beobachtete diese Veränderung zunächst mit Zufriedenheit. Sein Schüler wurde selbstbewusster, wortgewandter und gesellschaftlich geschickter. Die körperliche Schwäche trat zunehmend in den Hintergrund. Doch zugleich bemerkte der Grieche eine Entwicklung, die ihn beunruhigte. Titus empfand immer seltener echtes Mitgefühl.

    Die Leiden anderer Menschen berührten ihn kaum noch, sofern sie nicht unmittelbar seine eigenen Interessen betrafen. Sokrates erkannte die Gefahr. Aber er unterschätzte sie. Er glaubte weiterhin, den Charakter seines Schülers formen und dessen dunkle Neigungen kontrollieren zu können.

    DER LEGIONSVETERAN

    Als Titus in die Jugendjahre eintrat, hielt Sokrates eine rein geistige Ausbildung nicht mehr für ausreichend. Der junge Aurelier sollte lernen, sich körperlich zu behaupten. Über einen früheren Bekannten verpflichtete er einen ehemaligen Legionär namens Gaius Valerius Crispus. Crispus hatte viele Jahre an den Grenzen des Imperiums gedient. Er war ein schweigsamer, wettergegerbter Mann, dessen Körper von zahlreichen Narben gezeichnet war. Seine militärische Laufbahn hatte ihn nach Germanien und an die Donau geführt. Dort hatte er gelernt, dass im Kampf nicht immer der Stärkste überlebte, sondern häufig derjenige, der Ruhe bewahrte und seine Kräfte richtig einteilte. Der Veteran begann mit einfachen Übungen. Titus musste laufen, Gewichte tragen und seine körperliche Ausdauer verbessern. Anschließend folgte der Unterricht mit Holzschwert und Übungsschild. Die ersten Monate waren für den Jungen eine Qual. Seine Muskeln schmerzten, seine Hände waren voller Blasen, und häufig brach er erschöpft zusammen. Doch er gab nicht auf. Sokrates beobachtete die Übungen regelmäßig. Er erkannte, dass Titus eine ungewöhnliche Fähigkeit entwickelte, körperliche Beschwerden zu ertragen, solange er darin einen persönlichen Nutzen sah. Noch wichtiger war die Veränderung seines Kampfverhaltens. Anfangs griff Titus mit unkontrollierter Wut an. Seine Bewegungen waren hastig, seine Schläge unüberlegt. Crispus zwang ihn zu Disziplin. Nach und nach lernte Titus, seinen Gegner zu beobachten, dessen Absichten vorauszuahnen und seine eigenen Kräfte einzuteilen. Sokrates war zufrieden. Allerdings bemerkte er, dass Titus den Kampf nicht als sportlichen Wettstreit verstand. Für ihn bedeutete ein Sieg die vollständige Unterwerfung seines Gegners. Er wollte nicht nur überlegen sein. Er wollte, dass der andere seine Überlegenheit spürte. Der Grieche hätte spätestens jetzt erkennen müssen, dass seine Erziehung eine gefährliche Richtung eingeschlagen hatte. Doch er war inzwischen zu stolz auf seinen Schüler, um die eigene Verantwortung vollständig wahrzunehmen.

    DIE ERSTEN SCHATTEN

    Die Veränderungen innerhalb des Hauses Aurelia blieben nicht unbemerkt. Titus trat seinen Brüdern zunehmend gelassen gegenüber. Selbst offene Beleidigungen beantwortete er mit einem freundlichen Lächeln.

    Aquillia Nocturna deutete dieses Verhalten als Zeichen wachsender Reife. Auch Marcus Aurelius Iustus zeigte sich bei seinen seltenen Besuchen überrascht über die Entwicklung seines jüngsten Sohnes.

    Sokrates erhielt Lob für seine Arbeit. Doch der Grieche wusste inzwischen, dass hinter der äußeren Höflichkeit etwas anderes heranwuchs. Als die Jagdhunde von Paullus und Lucius unter rätselhaften Umständen verendeten, war Sokrates einer der wenigen Menschen, die das Verhalten des Titus aufmerksam beobachteten. Der Junge zeigte keinerlei Überraschung. Er beteiligte sich an der allgemeinen Bestürzung, sprach den Brüdern sein Mitgefühl aus und half sogar bei der Bestattung der Tiere. Sein Auftreten war vollkommen überzeugend. Gerade das machte Sokrates misstrauisch. Wenig später ereigneten sich die schweren Reitunfälle der beiden Brüder. Auch diesmal verhielt sich Titus wie ein besorgter Angehöriger. Sokrates begann, die Ereignisse miteinander zu verbinden. Er besaß keine Beweise, doch seine Kenntnis des jungen Aureliers ließ kaum Zweifel an einem möglichen Zusammenhang. Zum ersten Mal empfand er Furcht vor seinem eigenen Schüler. Nicht wegen dessen körperlicher Fähigkeiten. Sondern wegen der vollkommenen Abwesenheit von Reue, die er hinter dessen sorgfältig gepflegter Freundlichkeit vermutete. Sokrates schwieg. Er redete sich ein, dass Titus lediglich auf jahrelange Ungerechtigkeiten reagierte und mit zunehmendem Alter zu größerer Vernunft gelangen würde. Es war eine bequeme Erklärung. Und eine verhängnisvolle Selbsttäuschung.

    DER MITWISSER

    Die schwerste Prüfung ihrer Beziehung begann, als Sokrates von den Übergriffen des Titus gegen Frauen des Haushalts erfuhr. Zunächst erreichten ihn nur Andeutungen. Eine junge Dienerin vermied plötzlich die Nähe des Aureliers. Eine andere bat um Versetzung in einen entfernten Wirtschaftsbereich des Landgutes. Schließlich vertraute sich eine Betroffene einem älteren Angehörigen des Hauspersonals an. Die Nachricht gelangte zu Sokrates. Er war erschüttert. Bis dahin hatte er die Grausamkeit seines Schülers überwiegend als Folge der erlittenen Misshandlungen betrachtet. Nun musste er erkennen, dass Titus selbst Menschen Leid zufügte, die ihm nichts getan hatten. Die Erkenntnis traf ihn schwer. Zum ersten Mal stand er vor der Entscheidung, seinen Schüler offen zur Verantwortung zu ziehen oder die Angelegenheit zu verbergen. Er entschied sich für das Schweigen. Sokrates nutzte seinen Einfluss innerhalb des Haushalts, um eine öffentliche Untersuchung zu verhindern. Er sorgte dafür, dass Beschwerden nicht bis zu Marcus Aurelius Iustus gelangten, und half, die Angelegenheit vor Außenstehenden zu verbergen. Dabei überzeugte er sich selbst, dass ein Skandal die Zukunft seines Schülers zerstören würde. Tatsächlich schützte er nicht nur Titus. Er schützte auch sein eigenes Lebenswerk. Der Grieche hatte Jahre damit verbracht, aus dem eingeschüchterten Jungen einen gebildeten, selbstbewussten Mann zu machen. Ein öffentliches Eingeständnis seiner Verfehlungen hätte zugleich die Grenzen und das Scheitern dieser Erziehung offengelegt. Damit überschritt Sokrates eine moralische Grenze. Er war nicht länger lediglich Lehrer und Beobachter. Er wurde zum Mitwisser. Und durch sein bewusstes Schweigen trug er dazu bei, dass Titus seine gesellschaftliche Stellung und seine Straflosigkeit bewahren konnte. Die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler veränderte sich dadurch grundlegend. Sokrates besaß nun Wissen, das Titus gefährlich werden konnte. Titus wiederum wusste, dass sein Lehrer dieses Wissen niemals ohne Folgen für sich selbst offenbaren konnte. Aus Vertrauen war gegenseitige Abhängigkeit geworden.

    DIE REISE NACH ROM

    Als Marcus Aurelius Iustus seinen jüngsten Sohn erstmals nach Rom mitnahm, blieb Sokrates auf dem Landgut zurück. Die Abwesenheit seines Schülers verschaffte ihm Gelegenheit, über dessen Entwicklung nachzudenken. Er musste sich eingestehen, dass Titus inzwischen ein junger Mann geworden war, dessen gesellschaftliche Fähigkeiten weit über denen seiner Brüder lagen. Sein Schüler beherrschte die griechische und lateinische Sprache, kannte die Werke bedeutender Philosophen und verfügte über ein bemerkenswertes Verständnis politischer Zusammenhänge. Doch seine moralische Entwicklung war hinter seinen geistigen Fähigkeiten zurückgeblieben. Sokrates fragte sich, ob er den Jungen tatsächlich erzogen oder lediglich dessen gefährlichste Eigenschaften verfeinert hatte. Als Titus aus Rom zurückkehrte, bemerkte er sofort eine Veränderung. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sprach sein Schüler mit echter Wärme über andere Menschen. Aurelia Prisca, seine Stiefschwester, hatte ihn mit einer Zuneigung behandelt, die ihm bisher fremd gewesen war. Auch Horatia Vespa hatte ihm Freundlichkeit entgegengebracht. Sokrates erkannte, wie tief diese Begegnungen Titus berührt hatten. Er beobachtete, dass sein Schüler bei der Erinnerung an Prisca gelegentlich jene unbewachte Offenheit zeigte, die er sonst sorgfältig vermied. Für den Griechen war dies eine überraschende Erkenntnis. Offenbar war Titus noch immer fähig, aufrichtige Zuneigung zu empfinden.

    Die Grausamkeit seiner Kindheit hatte nicht sämtliche menschlichen Regungen in ihm ausgelöscht. Zum ersten Mal erwog Sokrates ernsthaft, dass eine grundlegende Veränderung möglich sein könnte. Er hoffte, ein längerer Aufenthalt außerhalb des Elternhauses würde diese Entwicklung fördern. So entstand der Plan, Titus nach Griechenland zu bringen.

    ATHEN – DIE LETZTE GROSSE HOFFNUNG

    Die Zustimmung der Eltern zum Studienaufenthalt war für Sokrates ein bedeutender Erfolg. Er hatte Marcus Aurelius Iustus davon überzeugt, dass eine vertiefte Ausbildung in Griechenland dem gesellschaftlichen Aufstieg seines Sohnes dienen würde. Zugleich bot die Reise die Möglichkeit, Titus dauerhaft aus dem belastenden Umfeld seiner Familie zu entfernen. Sokrates bereitete den Aufenthalt sorgfältig vor. Er nahm Kontakt zu ehemaligen Kollegen in Athen auf, erkundigte sich nach geeigneten Lehrern und mietete ein Haus in einem ruhigen Stadtviertel. Als die beiden schließlich Griechenland erreichten, empfand Sokrates eine tiefe Erleichterung. Er kehrte in jene Stadt zurück, in der seine eigene geistige Entwicklung begonnen hatte. Nun wollte er seinem Schüler zeigen, dass Bildung mehr bedeutete als persönliche Macht. Die ersten Monate verliefen vielversprechend. Titus widmete sich mit großem Eifer seinen Studien. Er besuchte philosophische Lehrveranstaltungen, beschäftigte sich mit Geschichte und Politik und knüpfte Kontakte zu jungen Männern aus angesehenen griechischen und römischen Familien. Sokrates beobachtete mit Genugtuung, wie rasch sein Schüler Anerkennung fand. Doch gleichzeitig bemerkte er, dass Titus die neuen gesellschaftlichen Möglichkeiten vor allem als Mittel zum eigenen Aufstieg betrachtete. Er suchte gezielt die Nähe einflussreicher Personen. Er interessierte sich für Vermögen, familiäre Beziehungen und politische Verbindungen. Freundschaften entstanden selten aus uneigennütziger Zuneigung. Sokrates erkannte darin die Folgen seiner eigenen Lehren. Er hatte Titus beigebracht, Menschen zu verstehen. Nun nutzte sein Schüler dieses Verständnis, um sie zu beherrschen.

    SELINA UND MASSAD

    Die Begegnung mit Selina und Massad stellte Sokrates vor eine neue Herausforderung. Selina, die aus einer parthischen Herrscherfamilie stammte, hatte nach dem gewaltsamen Untergang ihrer Familie ein Leben voller Entbehrungen und Kämpfe geführt. Ihre Fähigkeiten im Umgang mit Waffen und ihre ungewöhnliche Entschlossenheit beeindruckten Titus. Massad wiederum war ein Syrer aus Bosra, dessen Herkunft aus einer Kaufmannsfamilie kaum zu seinem späteren Leben passte. Er hatte sich von den Erwartungen seines Elternhauses gelöst und war auf seinen Wanderungen in eine Welt geraten, in der Täuschung, Gewalt und das heimliche Vorgehen über Leben und Tod entscheiden konnten. Sokrates betrachtete beide zunächst mit erheblichem Misstrauen. Er erkannte schnell, dass Selina und Massad keineswegs gewöhnliche Begleiter waren.

    Sie verfügten über Erfahrungen und Fähigkeiten, die Titus selbst nicht besaß. Vor allem aber waren sie Menschen, deren Vergangenheit sie für die Versprechungen des jungen Aureliers empfänglich machte.

    Selina suchte Sicherheit, Einfluss und die Möglichkeit, eines Tages Vergeltung für das Schicksal ihrer Familie zu üben. Massad suchte eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten und seiner rastlosen Natur entsprach. Titus bot beiden eine neue Stellung. Sokrates erkannte die Gefahr dieser Verbindung. Bislang hatte sein Schüler zwar gefährliche Absichten entwickelt, war jedoch durch gesellschaftliche Regeln und die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten eingeschränkt gewesen. Mit Selina und Massad verfügte er plötzlich über zwei Menschen, die seine Wünsche auch dort verwirklichen konnten, wo ihm selbst die Mittel fehlten. Der Grieche versuchte, auf Titus mäßigend einzuwirken. Doch sein Einfluss hatte sich verändert. Titus hörte seinem Lehrer weiterhin aufmerksam zu, traf seine Entscheidungen jedoch zunehmend unabhängig. Als die drei schließlich ihr geheimes Bündnis schlossen, begriff Sokrates, dass eine neue Phase begonnen hatte. Er hatte seinen Schüler gelehrt, Macht zu verstehen. Nun hatte Titus begonnen, sich eine eigene Machtbasis aufzubauen. Und Sokrates gehörte nicht mehr zu ihrem innersten Kreis.

    DIE ENTFREMDUNG

    Die folgenden Monate wurden für den alten Lehrer zu einer Zeit wachsender Unruhe. Titus verbrachte immer mehr Zeit mit Selina und Massad. Die gemeinsamen Studien traten in den Hintergrund. Stattdessen beschäftigte sich der junge Aurelier mit gesellschaftlichen Verbindungen, finanziellen Angelegenheiten und Plänen für seine spätere Rückkehr nach Italia. Sokrates erkannte, dass sein Schüler ihn zunehmend als Vertreter einer abgeschlossenen Lebensphase betrachtete. Die frühere Vertrautheit verschwand. Titus begegnete ihm weiterhin mit Respekt, doch seine Höflichkeit war nun dieselbe, die er auch gegenüber anderen Menschen zeigte. Für Sokrates war dies schmerzlicher, als er sich eingestehen wollte. Er hatte viele Jahre seines Lebens der Erziehung dieses einen jungen Mannes gewidmet. Er kannte dessen Ängste, dessen Erinnerungen und dessen dunkelste Geheimnisse. Nun musste er erleben, wie Titus sich seinem Einfluss entzog. Besonders die Beziehung zwischen Titus und Selina beunruhigte ihn. Der Grieche erkannte, dass zwischen beiden eine Verbindung aus körperlicher Anziehung, gegenseitiger Abhängigkeit und unausgesprochenen Machtkämpfen entstanden war. Selina war keine unterwürfige Begleiterin. Sie besaß einen starken Willen und war durchaus in der Lage, Titus offen entgegenzutreten. Gerade das schien den jungen Aurelier zugleich anzuziehen und herauszufordern. Sokrates fürchtete, dass Titus eines Tages versuchen könnte, auch ihren Willen vollständig zu brechen. Er kannte seinen Schüler gut genug, um zu wissen, wie dieser auf Widerstand reagierte. Doch seine Warnungen verloren zunehmend an Wirkung. Titus hatte gelernt, sich hinter seiner Höflichkeit zu verbergen. Selbst vor dem Mann, der ihm diese Kunst beigebracht hatte.

    DER BRIEF AUS LATIUM

    Die Nachricht vom Tod der leiblichen Familie des Titus erreichte Athen an einem warmen Tag. Sokrates befand sich in seinem Arbeitszimmer, als sein Schüler das Schreiben erhielt. Der Grieche beobachtete, wie Titus die Nachricht las. Er erwartete Bestürzung, vielleicht auch Trauer. Doch nichts davon trat ein. Titus blieb äußerlich ruhig. In seinem Gesicht zeigte sich zunächst kaum eine Regung. Erst nach einer Weile bemerkte Sokrates jenen Ausdruck, den er aus früheren Jahren kannte. Es war ein kaum wahrnehmbares Lächeln. Der Grieche erschrak. Er begriff, dass der Tod der Eltern und Brüder für Titus nicht den Verlust seiner Familie bedeutete.

    Es war die Befreiung von seiner Vergangenheit. Und zugleich der Beginn eines neuen Lebens. Das Familiengut in Latium, die finanziellen Mittel und die gesellschaftliche Stellung der Aurelier eröffneten Titus Möglichkeiten, die weit über seine bisherigen Pläne hinausgingen. Sokrates erkannte, dass sein Schüler nun endgültig unabhängig werden würde. Er selbst war alt geworden. Seine Haare waren inzwischen grau, sein Körper zeigte die ersten deutlichen Zeichen nachlassender Kraft, und die langen Jahre des Unterrichts hatten ihn ermüdet. Doch nicht sein Alter war der eigentliche Grund seiner Niedergeschlagenheit.

    Er hatte Angst vor der Zukunft. Titus verfügte nun über Vermögen, Bildung, gesellschaftliche Beziehungen und zwei gefährliche Gefährten. Seine Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen, war nahezu vollkommen entwickelt. Was ihm fehlte, war eine innere Grenze. Sokrates wusste, dass er selbst daran einen erheblichen Anteil hatte.

    DIE LETZTE ENTSCHEIDUNG

    In den Tagen nach dem Eintreffen des Schreibens zog sich Sokrates immer häufiger zurück. Er verbrachte lange Stunden allein in seinem Arbeitszimmer. Zwischen Schriftrollen und Wachstafeln dachte er über sein Leben nach. Er erinnerte sich an seine Jugend in Athen, an die philosophischen Diskussionen seiner Lehrer und an die Überzeugung, dass Bildung den Menschen zu größerer Vernunft führen müsse. Dann dachte er an Titus. An den eingeschüchterten Jungen, den er einst auf dem Landgut in Latium kennengelernt hatte. An dessen außergewöhnlichen Verstand. An seine Einsamkeit. An seine Demütigungen. Und an jene Momente, in denen er selbst die Gelegenheit gehabt hätte, die Entwicklung seines Schülers in eine andere Richtung zu lenken. Sokrates musste sich eingestehen, dass er zu oft geschwiegen hatte. Er hatte die Grausamkeiten innerhalb der Familie beobachtet, ohne wirksam einzugreifen. Er hatte Titus beigebracht, seine Gefühle zu beherrschen, ohne ihm zugleich die Verantwortung für sein Handeln ausreichend zu vermitteln. Er hatte dessen Rachegedanken geduldet. Und schließlich hatte er geholfen, schwere Verfehlungen zu verbergen. All dies hatte er aus unterschiedlichen Gründen getan. Aus Mitgefühl. Aus Ehrgeiz. Aus Stolz. Und aus Angst vor den Folgen seiner eigenen Entscheidungen. Nun stand er vor einem Mann, dessen Persönlichkeit er wesentlich mitgeformt hatte, dessen weiteres Handeln er jedoch nicht mehr kontrollieren konnte. Sokrates begann, seine Abreise vorzubereiten. Er teilte niemandem seine wahren Absichten mit. Nach außen hin verwies er auf gesundheitliche Beschwerden, die tatsächlich seit einiger Zeit zunahmen. Doch seine Erkrankung war nicht so schwer, dass sie eine überstürzte Trennung zwingend erforderlich gemacht hätte. Der eigentliche Grund lag tiefer. Sokrates wollte seinen Schüler verlassen, bevor er selbst endgültig zum Werkzeug von dessen Plänen wurde. Zugleich fürchtete er, dass Titus eines Tages erkennen könnte, welche Gefahr das Wissen seines Lehrers für ihn darstellte. Der Grieche wusste zu viel. Über die Kindheit des Aureliers. Über seine Racheakte.

    Über die Vorfälle im Haushalt. Über seine Beziehungen zu Selina und Massad. Und über jene Seiten seines Charakters, die Titus vor der römischen Gesellschaft verborgen halten wollte. Sokrates war nicht nur sein Lehrer. Er war ein lebendes Zeugnis seiner Vergangenheit.

    DER ABSCHIED OHNE WORTE

    Die letzte Nacht in Athen verbrachte Sokrates nahezu schlaflos. Auf seinem Schreibtisch lag ein Brief, den er mehrfach überarbeitet hatte. Er wollte Titus nicht mit Vorwürfen zurücklassen. Dafür empfand er trotz allem zu viel Zuneigung. Über viele Jahre hatte er den jungen Aurelier beinahe wie einen eigenen Sohn betrachtet. Er hatte dessen geistige Entwicklung begleitet, seine Erfolge erlebt und sich an seinen Fortschritten erfreut.

    Diese Gefühle waren echt gewesen. Gerade deshalb fiel ihm der Abschied so schwer. In seinem Schreiben erklärte er, dass ihn eine schwere Erkrankung zur Rückkehr in seine Heimat zwinge. Er brachte seine väterliche Zuneigung zum Ausdruck und wünschte Titus eine erfolgreiche Zukunft. Doch selbst in diesem letzten Brief konnte Sokrates seine alten Überzeugungen nicht vollständig ablegen. Er empfahl seinem Schüler, sich mit Menschen zu umgeben, deren Fähigkeiten seinem Aufstieg dienten. Selina und Massad bezeichnete er sinngemäß als außerordentlich gefährliche Instrumente, deren Nutzen Titus nicht unterschätzen dürfe. Es war ein bemerkenswerter Widerspruch. Der Mann, der inzwischen die moralischen Folgen seiner Erziehung erkannt hatte, gab seinem Schüler noch immer Ratschläge, die dessen Streben nach Macht bestärkten. Vielleicht war Sokrates bereits zu sehr von seiner eigenen Philosophie geprägt, um sich vollständig von ihr lösen zu können. Vielleicht glaubte er auch, dass Titus seinen Weg ohnehin fortsetzen würde und deshalb zumindest klug handeln sollte. Noch vor Sonnenaufgang verließ der Grieche das Haus. Er nahm nur wenige persönliche Gegenstände mit. Einige Schriftrollen, seine Schreibgeräte, einen kleinen Geldbetrag und ein altes Bildnis seiner Mutter gehörten zu seinem Gepäck. Seinen umfangreichen Besitz an philosophischen Werken ließ er zurück. Sie waren für Titus bestimmt. Als Sokrates ein letztes Mal durch den Innenhof ging, blieb er für einen Augenblick stehen. Er erinnerte sich an die ersten Tage ihres Aufenthalts, an die gemeinsamen Gespräche und an die Hoffnungen, die er mit dieser Reise verbunden hatte. Dann setzte er seinen Weg fort. Er verabschiedete sich weder von Titus noch von Selina oder Massad. Als die Bewohner des Hauses erwachten, war der Lehrer verschwunden.

    DIE RÜCKKEHR IN DIE EINSAMKEIT

    Sokrates fand zunächst Unterkunft bei einem entfernten Verwandten in einem ruhigeren Viertel Athens. Er hatte nicht vor, sich dauerhaft dort aufzuhalten. Sein eigentliches Ziel war ein kleines Anwesen außerhalb der Stadt, das seiner Familie seit Generationen gehörte und inzwischen von einem Verwalter bewirtschaftet wurde. Dort wollte er seine verbleibenden Jahre verbringen. Die Rückkehr in die vertraute Umgebung brachte jedoch nicht jene innere Ruhe, die er sich erhofft hatte. Immer wieder beschäftigten ihn Erinnerungen an Titus. Er fragte sich, wie der junge Aurelier auf seinen Abschiedsbrief reagiert hatte. Ob er Zorn empfunden hatte. Ob er enttäuscht gewesen war. Oder ob er seinen Lehrer bereits als entbehrlich betrachtete. Sokrates kannte Titus gut genug, um zu wissen, dass dessen Reaktionen nicht vorhersehbar waren. Der junge Mann konnte eine bemerkenswerte Zuneigung zeigen. Aber ebenso konnte er Menschen, die ihm einst wichtig gewesen waren, aus seinem Leben verdrängen, sobald sie seinen Zielen im Wege standen. Die Unsicherheit quälte den Griechen. Er begann, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Zunächst entstanden nur vereinzelte Aufzeichnungen über seine Jugend und seine Reisen. Später widmete er immer mehr Seiten seiner Tätigkeit im Hause Aurelia. Dabei vermied er es, Titus ausdrücklich zu verurteilen. Stattdessen versuchte er, dessen Entwicklung zu verstehen.Er beschrieb die Folgen einer Kindheit ohne Sicherheit, die Bedeutung familiärer Zurückweisung und die gefährliche Verbindung von außergewöhnlicher Intelligenz mit einem tief verwurzelten Bedürfnis nach Kontrolle. Je länger er schrieb, desto deutlicher wurde ihm, dass seine eigenen Entscheidungen einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatten. Die Aufzeichnungen wurden zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit seinem Lebenswerk.

    DAS VERMÄCHTNIS DES LEHRERS

    Die Monate vergingen. Sokrates lebte zurückgezogen, beschäftigte sich mit seinen Schriften und unterrichtete gelegentlich die Kinder benachbarter Familien.Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich langsam.

    Die Hände begannen zu zittern, längere Spaziergänge erschöpften ihn, und an manchen Tagen fiel es ihm schwer, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Doch sein Verstand blieb wach. Nachrichten aus Rom erreichten ihn nur selten. Gelegentlich berichteten Kaufleute oder Reisende von politischen Veränderungen, gesellschaftlichen Ereignissen und den Angelegenheiten angesehener Familien. Sokrates hörte aufmerksam zu, sobald der Name Aurelius fiel. Er wusste, dass Titus inzwischen nach Italia zurückgekehrt war. Was aus seinem ehemaligen Schüler geworden war, konnte er jedoch nur vermuten. In seinen letzten Aufzeichnungen beschäftigte er sich zunehmend mit einer Frage, die ihn während seiner Jugend kaum interessiert hatte. Der Verantwortung eines Lehrers. Er hatte sein Leben lang geglaubt, dass Wissen an sich einen Wert besitze und dass die Fähigkeit, Menschen zu verstehen, den Gebildeten über die Unwissenden erhebe. Nun erkannte er, dass Wissen ohne moralische Verantwortung auch zum Werkzeug der Grausamkeit werden konnte.

    Titus war dafür das eindringlichste Beispiel. Sokrates hatte aus einem eingeschüchterten Kind einen gebildeten, selbstbewussten und gesellschaftlich gewandten Mann gemacht. Doch er hatte es versäumt, dessen wachsende Macht an verbindliche moralische Grundsätze zu knüpfen. Seine Erziehung war in vielerlei Hinsicht erfolgreich gewesen. Und gerade darin lag ihr Scheitern.

    DER MANN, DER ZU VIEL WUSSTE

    Im Herbst eines nicht näher überlieferten Jahres erhielt Sokrates unerwarteten Besuch. Ein fremder Mann erschien auf dem Anwesen und erkundigte sich nach dem ehemaligen Lehrer des Titus Aurelius Romanus.

    Er gab sich als Kaufmann aus, der geschäftliche Beziehungen nach Italia unterhielt. Sein Auftreten war höflich, doch Sokrates bemerkte rasch, dass dessen Interesse weniger den philosophischen Arbeiten als vielmehr seiner früheren Tätigkeit im Hause Aurelia galt. Der Fremde wollte wissen, wie lange Sokrates Titus unterrichtet hatte, welche Verbindungen der junge Römer in Griechenland geknüpft hatte und ob der Lehrer noch immer mit ihm in Verbindung stand. Sokrates beantwortete die Fragen zurückhaltend. Seine jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Menschen ließ ihn erkennen, dass der Besucher seine eigentlichen Absichten verbarg. Nach dessen Abreise blieb ein ungutes Gefühl zurück. Zum ersten Mal seit seinem Weggang aus Athen fragte sich Sokrates ernsthaft, ob die Vergangenheit ihn wieder eingeholt hatte. Er wusste nicht, ob der Fremde im Auftrag des Titus handelte. Ebenso gut konnte es sich um einen Gegner des jungen Aureliers handeln, der Informationen über dessen frühere Jahre sammelte. Beide Möglichkeiten waren beunruhigend. Sokrates begann, seine Aufzeichnungen zu ordnen. Er versiegelte mehrere Schriftrollen und übergab sie einem vertrauenswürdigen Bekannten zur Aufbewahrung. Dabei achtete er darauf, dass niemand außer ihm den vollständigen Inhalt kannte. Die Schriften enthielten keine einfache Lebensbeschreibung. Sie waren das Zeugnis eines Mannes, der die Entstehung einer gefährlichen Persönlichkeit aus nächster Nähe beobachtet hatte.

    Und sie enthielten Hinweise auf Ereignisse, deren Bekanntwerden für Titus schwerwiegende Folgen haben konnte. Sokrates wusste, dass seine Aufzeichnungen eines Tages eine Bedeutung erlangen könnten, die weit über seine eigene Lebenszeit hinausging.

    DAS UNVOLLENDETE WERK

    Seine letzte größere Schrift trug einen schlichten griechischen Titel. Perì paideías kaì psychês – Über Erziehung und Seele. Darin untersuchte Sokrates die Frage, ob die menschliche Persönlichkeit überwiegend durch angeborene Eigenschaften oder durch die Erfahrungen der Kindheit geformt werde. Er beschäftigte sich mit Angst, Machtstreben, Zuneigung und Grausamkeit. Dabei griff er immer wieder auf die Entwicklung eines jungen römischen Adeligen zurück, dessen Namen er bewusst nicht nannte. Für jeden, der Titus Aurelius Romanus näher kannte, wären die Übereinstimmungen jedoch unverkennbar gewesen. Sokrates beschrieb ein Kind, das gelernt hatte, seine Gefühle zu verbergen, weil jede offen gezeigte Schwäche gegen es verwendet worden war. Er schilderte einen Jugendlichen, der in der Beherrschung anderer Menschen einen Ersatz für die Sicherheit suchte, die ihm selbst verweigert worden war. Und er untersuchte die Verantwortung eines Erziehers, der zwar die geistigen Fähigkeiten seines Schülers förderte, dessen moralische Entwicklung jedoch vernachlässigte. Die Schrift blieb unvollendet. Auf den letzten erhaltenen Seiten entfernte sich Sokrates zunehmend von der nüchternen Sprache seiner früheren Arbeiten. Seine Gedanken wurden persönlicher.

    Er beschäftigte sich nicht mehr ausschließlich mit philosophischen Grundsätzen. Er beschäftigte sich mit Schuld. Mit den Folgen unterlassener Hilfe. Und mit der Frage, ob ein Mensch, der jahrelang andere Menschen manipuliert hatte, überhaupt noch zu aufrichtiger Liebe fähig sein konnte. Eine abschließende Antwort fand er nicht.

    DER SCHATTEN ÜBER DER VILLA AURELIA

    Während Titus Aurelius Romanus in Rom seine gesellschaftliche Stellung ausbaute, blieb die Erinnerung an Sokrates ein Teil seiner Vergangenheit. Der Grieche hatte ihm die Grundlagen seiner Bildung vermittelt. Er hatte ihn gelehrt, sorgfältig zu beobachten, geduldig zu handeln und die Schwächen seiner Mitmenschen zu erkennen. Viele jener Eigenschaften, die Titus später bei seinen politischen und persönlichen Unternehmungen nutzte, gingen auf diese Erziehung zurück. Doch Sokrates hatte ihm noch etwas anderes hinterlassen. Die Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit hinter einer vollkommen beherrschten äußeren Erscheinung zu verbergen. Für die römische Gesellschaft war Titus ein gebildeter, höflicher und einflussreicher Mann. Nur wenige kannten die Abgründe seiner Vergangenheit. Selina und Massad gehörten dazu. Und irgendwo in Griechenland lebte ein alter Lehrer, der noch wesentlich mehr wusste. Sokrates hatte Titus einst geholfen, sich aus der Ohnmacht seiner Kindheit zu befreien. Nun fürchtete er, dass er damit einen Mann geschaffen hatte, der die Ohnmacht anderer Menschen zu seinem Vorteil nutzen würde. Dennoch blieb seine Zuneigung bestehen. Sie war nicht mehr von Stolz geprägt. Auch nicht von der früheren Überzeugung, einen außergewöhnlichen Schüler zu einem großen Mann erziehen zu können. Es war die schmerzhafte Zuneigung eines Menschen, der sein eigenes Versagen erkannt hatte und dessen Folgen nicht mehr rückgängig machen konnte. Sein größter Fehler war nicht gewesen, die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Titus zu fördern. Sein Fehler bestand darin, die Gefährlichkeit dieser Fähigkeiten erkannt und dennoch zu lange geschwiegen zu haben. So wurde Sokrates zu einer der widersprüchlichsten Gestalten im Leben des Aureliers. Er war dessen Lehrer gewesen. Sein Beschützer. Sein Vertrauter. Sein Mitwisser. Und schließlich ein Mann, der vor seinem eigenen Lebenswerk zurückwich. Ob seine geheimen Aufzeichnungen jemals nach Rom gelangen würden, blieb ungewiss. Doch eines war sicher. Solange Sokrates lebte, existierte irgendwo außerhalb der Mauern der Villa Aurelia ein Mensch, der hinter das gewinnende Lächeln des Titus Aurelius Romanus blicken konnte. Ein Mensch, der den mächtigen Römer noch als verängstigtes Kind kannte. Und der wusste, wie aus diesem Kind jener Mann geworden war, den Rom eines Tages kennenlernen sollte.

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